Die Prüfung
Ich hab genug! Es reicht jetzt! Wenn du sofort aufhörst, mir den Kopf zu zerbrechen, geh ich überhaupt nicht mehr zur Prüfung! Schau an ich bleib einfach zu Hause! Komm einfach nicht! Was machst du dann, hm?! Frida schleuderte ihren Rucksack in die Ecke des Flurs und riss sich die Mütze vom Kopf.
Ihre Mutter schwieg und ging kopfschüttelnd in die Küche.
Frida zog die Jacke aus, überlegte kurz, sie hinterherzuwerfen, entschied sich dann um, öffnete den Schrank und hing sie ordentlich auf den Bügel. Sie seufzte.
Ach, verflixt und zugenäht, schon wieder ein Streit… Und wie immer völlig grundlos!
Warum muss die Mutter sie immer wieder ausfragen und belehren? Hält sie sie für ein kleines Kind? Oder denkt sie, sie wäre dumm?
Natürlich wusste Frida, dass heute die erste Stunde beim neuen Nachhilfelehrer anstand. Sie brauchte keine Erinnerungen im Halbstundentakt!
Allerdings, so schlimm war es nicht ihre Mutter nervte sie nicht endlos, sondern hatte bloß gefragt, ob sie an den dritten Deutsch- und Literaturnachhilfelehrer in diesem Jahr denkt. Doch Frida nervte jede Kontrolle mittlerweile so sehr, dass sie in Wut ausbrach auch ohne Grund.
Nach dem Händewaschen betrachtete Frida sich im Spiegel: Pickel, die Stupsnase vom Papa, die wilden rotblonden Locken ihrer Mutter. Wie oft hatte sie gebeten, ihre Haare färben zu dürfen! Aber nein. Die Mutter sagte stur, Schönheit wachse mit einem und später werde Frida noch dankbar sein.
Na klar. Sie, ein Scheunenvogel und alle anderen normal. Zöpfe, als würde sie im Mittelalter leben! Wer trägt heutzutage noch Zöpfe?!
Ein Schmunzeln stahl sich auf Fridas Gesicht, als sie daran dachte, wie schockiert die Mutter war, als die ungeliebten Zöpfe mit den stumpfen Bastelscheren fast bis zum Ansatz weichen mussten. Andere Scheren hatte Frida nicht finden können. Sie biss die Zähne zusammen und säbelte die dicken Strähnen ab, gespannt darauf, wie die Mutter rufen würde:
Frida, warum nur?!
Na warum wohl? Es reicht! Ihr Leben, ihre Regeln! Sie macht, was sie will!
Alle sagen immer nur, man müsse hören. Aber wozu? Die Welt verändert sich, sie hat ihr eigenes Leben! Was versteht ihre Mutter schon, wie es ist, Jugendliche heute? Nicht mal Internet gabs damals! Wie haben die früher geatmet?! Und erklären kann man es eh nicht heute läuft alles anders. Dieses ewige Pauken aus Büchern braucht keiner. Kurz aufs Handy tippen in drei Sekunden alles wissen. Internet kann zwar keine Menschen ersetzen, sagt die Mutter, aber woher will sie das wissen? Soll sie lieber mal ein paar Webinare schauen, wie man mit Teenagern spricht!
Frida puhlte an einem Pickel und verzog das Gesicht. Gut, dass ihre Mutter sie jetzt nicht sah, sonst gäbe es Geschrei. Die hätte sie längst zum Hautarzt geschleift von den Narben bleibt doch später nichts! Wen interessiert schon das Aussehen? Auf die Seele kommt es an, das müsste mal jemand ihrer Mutter klarmachen!
“Eltern” schönes Wort. Ja, sie hat Frida geboren, aber das gibt ihr kein Eigentumsrecht am Kind. Frida ist keine Sache und will so auch nicht behandelt werden!
Frida zwinkerte ihrem Spiegelbild zu.
Na, was sagst du jetzt, Mama? Hättest mich nicht hetzen sollen! Auch diesen ewigen Juristen-Traum. Frida wusste jetzt schon mehr über das Gesetz als ihre Eltern. Wenn die beiden auch nur halb so klug aufgetreten wären, hätten sie sich besser getrennt.
Stolz und Ehrgeiz sind bei ihrer Mutter Mangelware. Erst der Vater mit einer Jüngeren weg und dann einfach das halbe Vermögen dem Ex-Mann überlassen! Immerhin war die Wohnung, die Oma vermacht hatte, jetzt offiziell Fridas. Das ist doch normal! Und was blieb der Mutter? Kindesunterhalt und das wars. Ausgleich für vergeudete Jahre? Frida weiß doch, wie ihre Eltern die letzten fünf Jahre lebten. Sie ist kein kleines Kind mehr, wie Papa sie damals nannte! Sie sieht alles, hört alles.
Diese stille Feindseligkeit der Mutter beim Abendessen, das Desinteresse des Vaters, wenn sie ihm das Essen hinstellte… Das kleine Arbeitszimmer ohne Schrank, deshalb kam der Vater morgens in das Schlafzimmer, um Sachen zu holen… Sie erinnert sich an den Wecker, den die Mutter extra stellte, damit er sie nicht schlafend antraf Und die Erleichterung, als Frida vierzehn wurde und bat, dass die beiden sich doch endlich trennen Wie lange sollte das so weitergehen?!
Merkwürdig, diese Erwachsenen! Dieses ständige: “Wir leben nur für dich!” und “Du bist unser größter Schatz!”
Lüge! Alles leben für sich selbst. Keiner schaut auf den anderen. Und selbst, wenn es scheinbar um Fridas Interessen ging, war sie doch immer nur Mittel zum Zweck, ein Tauschobjekt zwischen den Eltern.
Ein Beispiel: Die Wohnung, in der sie jetzt mit der Mutter lebt. Im selben Haus wie früher, aber anderer Eingang, kleiner. Früher drei Zimmer, jetzt zwei. Aber sauber und schön eingerichtet. Die Mutter hatte diese Wohnung nur wegen väterlicher Schuld herausgehandelt. Das Kind sollte es gut haben! Sie bekam ein großes Zimmer, aber nicht, weil sich jemand sorgte, sondern weil die Eltern die gemeinsame Immobilie geräuschlos teilen wollten. Frida diente als Puffer zwischen ihnen.
Sie griff nun doch zur Salbe für die Haut, die ihr der Hausarzt verschrieben hatte. Sonst bekam sie noch einen Rüffel von der Mutter, obwohl sie der Mutter nichts gönnte. Aber die Salbe half wirklich und heute wollte Frida schnell wieder in Ordnung kommen. Wegen heute Abend Wegen dem Dach
Das Dach war neu in Fridas Leben. Ein paar Monate alt, seit der beliebteste Junge der Schule, Max, ihr “Gehen wir spazieren?” schrieb.
Erst glaubte Frida, jemand wolle sie veralbern alle wussten, dass sie auf Max stand. Aber die Mitschüler mochten Frida. Sie half anderen mit den Hausaufgaben, hob in den Lehrerstunden die Hand, wenn sonst niemand bereit war, Antworten zu geben.
Frida Müller, ich habe dich doch neulich schon gefragt! rief die gestrenge Geschichtslehrerin. Warum meldest du dich wieder?
Ach, Frau Becker, das Thema ist so interessant! War Friedrich II. eigentlich ein Tyrann? Kann man sein Regime als totalitär bezeichnen?
Die Klasse atmete immer erleichtert auf, wenn Frida so das Thema wechselte.
Als Frida Max Nachricht ihrer Freundin Annika zeigte, zuckte diese nur die Schultern:
Ja und? Frag ihn halt! Wir leben doch nicht mehr im letzten Jahrhundert! Die Mädels laden heute die Jungs ein, und du traust dich nicht mal, zu fragen?
Frida entgegnete nichts. Wie sollte sie das Gefühlschaos beschreiben, das sie überkam, als sie realisierte, dass Max sie wirklich treffen wollte?
Sie kam zum vereinbarten Treffpunkt. Ab dann begann ein ganz neues Leben.
Das Dach einer alten verlassenen Plattenbauwohnung kannten alle Jugendlichen; sicher war das nicht. Aber wenn Max ihre Hand nahm und leise sagte: “Vorsicht, Frida. Tritt auf!”, klopfte ihr Herz wild und sie zählte still die Stufen.
Oben zog Max sie einfach an sich und legte den Arm um ihre Schultern vor allen. Niemand widersprach, auch wenn die Mädels aus der Parallelklasse nicht gerade freundlich guckten. Max kannte sie seit der Grundschule, aber ausgesucht hatte er sich ausgerechnet sie.
Dort oben küsste er sie das erste Mal.
An diesem Abend blieben sie allein, die anderen wollten ins Kino. Frida wäre gern mit, aber als Max ihr ins Ohr flüsterte, das könnten sie demnächst zu zweit nachholen, blieb sie wie festgenagelt bei ihm. Es wurde tatsächlich ein besonderer Abend. Noch lange später, wenn sie nur die Augen schloss, erinnerte sie jede Sekunde, seinen leisen Satz:
Frida, ich mag dich sehr… Ich bin kein großer Redner, aber für mich gibt es niemand Besseres… Darf ich…
Und seine warmen Lippen, so zart und seltsam nah…
Frida war fast wieder in ihren Tagtraum versunken, als die Mutter ans Bad klopfte:
Frida, Mittagessen steht auf dem Tisch. Nicht verschlafen, ja?
Der Ärger kochte gleich wieder hoch. Wie oft denn noch?!
Frida stürmte aus dem Bad. Ihr Gesicht sah mindestens so furchteinflößend aus wie eins dieser Memes, in denen eine wütende Frau jemanden anzischt.
Was willst du?! Ich vergesse nichts! Reichts nicht, dass du Papa schon vergrault hast? Soll ich auch noch gehen? Zu ihm? Ich zieh zu Papa! Hörst du? Wenn du so weitermachst…
Doch zu Ende reden konnte sie nicht. Die Mutter sah sie nur an, atmete tief durch und schlug ihr eine sanfte, aber feste Ohrfeige.
Dann geh! Wenn du heute Abend zurück bist, vergiss nicht, dass du morgen die Deutsch-Probeklausur hast. Schlaf dich aus
Frida war perplex. Die Mutter hatte sie noch nie geschlagen niemals. Gekränkt war sie nicht, sie hatte es herausgefordert. Aber dass die Mutter plötzlich nicht mehr alles durchgehen ließ, war neu.
Friedas Kampflust war aber damit noch nicht gebrochen. Rucksack, Jacke, Kopfhörer… Die Tür laut zuknallen wollte sie, verkniff sich das jedoch sie wollte nicht als hysterisch gelten.
Frida hastete aus dem Haus. Sie blickte auf die Uhr. Eine Stunde hin und zurück, Nachhilfe, und dann erst um sechs Max treffen. Gut! Dann saßen sie eben auf dem Dach, und die Mutter möge sich mal Sorgen machen. Gut für sie! Ihr Vater ging auch schon nicht mehr jedes Mal sofort ans Telefon, die Mutter musste ruhig mal ein bisschen aufgeregt sein. Vielleicht hatte Max einen Rat? Seine Eltern waren eh anders: eigene Karte mit Limit, beste Klamotten, kein ständiges Kontrollieren. Mit sechzehn durfte er alles allein entscheiden. Klug, diese Leute!
Nicht wie ihre Mutter
Unterwegs rief der Vater an, kurz bevor sie bei der Nachhilfe ankam.
Was ist denn schon wieder los? Deine Mutter meint, du willst zu mir ziehen?
Ach Papa, reg dich ab. Warum soll ich mir eure Probleme aufhalsen? Deine neue Frau bekommt bald ein Baby, und ich soll dann Babysitter sein? Ich hab selber genug!
Lass dich mit deiner Mutter nicht streiten. Sonst dreh ich dir den Geldhahn zu, kapiert?
Du redest Klartext, Papa, das mag ich! Schon verstanden!
Gut so. Und hör auf, deiner Mutter das Leben schwer zu machen. Das hat sie nicht verdient.
Er legte auf, Frida runzelte die Stirn.
Immer dasselbe. Sie selber ein Grund, gemeinsam Front zu machen, als wären sie noch zusammen. Irgendwie war das komisch.
Der neue Nachhilfelehrer überzeugte Frida nicht. Als sie etwas Kluges zu Redewendungen sagte, schnaubte er nur halb und schob ihr ein Buch hin, das sie bis zum nächsten Mal lesen sollte. Frida war erst empört, doch nach ein paar Beispielen fand sie, Lernen schadet nicht.
Dumm sein wollte sie auf keinen Fall. Max war schlau… und sie wollte mithalten. In allen Videos heißt es: “Du musst selbstbewusst und klug sein!” Selbstbewusst war sie noch nicht immer aber klug, das konnte sie lernen. Sagte die Mutter, und in dem Punkt hatte sie recht. Die Mutter hat ihr Studium nach der Geburt von Frida unterbrochen, aber später, mit viel Mühe, beendet.
Als Frida klein war, war sie viel krank; Großeltern, die helfen konnten, gab es nicht mehr. Im Kindergarten fühlte sie sich sowieso nicht wohl; immer krank, doofes Essen, doofe Kinder, keine Mama zum in den Arm nehmen. Der Vater hatte mal zur Mutter gesagt:
Du lässt sie nicht los, sie ist zu sehr an dich gewöhnt. Das gibt Probleme später.
Ab der zweiten Klasse organisierte die Mutter eine Nachbarin, die Frida nachmittags betreute, machte ihr Studium fertig und eröffnete schließlich sogar eine eigene kleine Eventagentur.
Richtig so, sonst würde sie jetzt Rechnungen zählen und über alles schimpfen. So hatte sie wenigstens etwas zu tun, einen Beruf, der ihr Freude machte. Alles war so schön und weiblich auf der Arbeit war die Mutter die Chefin und Frida bewunderte sie dann.
Und trotzdem ständiger elterlicher Kontrollwahn ist schwer zu ertragen. Fridas Vater hatte recht. Auch wenn ihre Mutter anklopfte, bevor sie ins Zimmer kam und sich wenig einmischte: Sie schaffte es doch, alles auf dem Schirm zu haben, mit milder Fürsorge.
“Frida, wie war dein Tag? Was steht auf dem Plan? Hunger?” Manchmal hätte Frida schreien wollen:
Lass mich doch! Ich bin erwachsen!
Manchmal schrie sie dann wirklich und zickte herum, die Mutter nahm es wie Kinderlaunen.
Nach der Nachhilfe wollte sie Max so rasch wie möglich sehen ein paar Stunden bei ihm alles vergessen, Eltern, Prüfungen, alles. Das Leben raste vorbei, und die Eltern machten ein Drama daraus!
Am Schultor, wo sie Max stets traf, war er heute nicht. Sie wartete, rief an keine Antwort. Das war ungewöhnlich. Besorgt lief sie allein zum Dach.
Die Treppen wurden heute anstrengend; sonst stieg sie fröhlich neben Max hoch, heute jede Stufe mühsam.
Oben pfiff der unfreundliche Frühlingswind. Niemand war da… Keine der anderen Jugendlichen.
Sie wollte schon umdrehen, das Handy zückte sie, um das Licht einzuschalten, es dämmerte draussen. Da bewegte sich etwas auf dem Rand der Dachterrasse, und Frida erschrak bis sie die vertraute Gestalt erkannte.
Max…
Er saß ganz am Rand, die Beine baumelten im Leeren, die Schultern tief gesenkt. Obwohl Frida ihn noch nicht lange kannte, spürte sie, wie unendlich traurig er war irgendetwas Schlimmes war passiert.
Ein kurzer Schreck, dass etwas Schlimmes passieren könnte, gab Frida die Kraft, nach vorne zu gehen. Sie setzte den Rucksack ab und trat leise zu ihm.
Hallo
Sie setzte sich, die Beine sicher auf dem Dach, neben ihn. In die Tiefe wagte sie keinen Blick Höhenangst hatte sie immer schon, aber für Max überwand sie sich.
Hallo Max drehte sich nicht einmal zu ihr um. Frida suchte seine Hand und erschrak, wie kalt die Finger waren.
Du bist ja ganz durchgefroren…
Hm? Er schaute endlich auf. Seine Augen, leer und fremd, ließen Frida erschaudern.
Plötzlich verstand sie, wie sich ihre Mutter fühlte, wenn sie stritten oder schrien diese hilflose Angst, den Menschen nicht mehr zu erreichen, den man liebt.
Wie geht es dir?
Ihre Stimme klang wie die der Mutter dieselbe Sorge, dieselbe stumme Bitte: Sag es mir! Vertrau dich mir an!
Schlecht Max erwiderte und drückte ihre Hand ein bisschen. Richtig schlecht, Frida.
Ist was passiert? Frida fragte nicht, sie stellte fest. Das wirkte.
Ja.
Magst du erzählen? Ich weiß, wir sind uns noch nicht ewig nah, aber vielleicht möchtest du dich mir anvertrauen?
Max schaute Frida lange und seltsam an, sie erschrak fast.
Findest du, wir sind uns nicht nahe?
Doch! Ich finde dich sehr wichtig. Ich weiß nur nicht, ob du das auch so siehst.
Frida, für mich bist du der einzige Mensch.
Fridas Herz setzte aus und pochte wild, sie meinte, Max müsste den Lärm hören.
Warum der Einzige? Was ist mit deinen Eltern?
Als sie das sagte, merkte sie, wie sein Körper zusammenzuckte.
Halt mich fest, oder schubse mich, wie sie es getan haben…
Wer?
Die, die ich für meine Eltern hielt. Sie sind es nicht. Heute hat meine Mutter mir die Dokumente gegeben und erklärt, wie ich in die Familie kam. Ich bin adoptiert! Nicht ihr eigenes Kind, verstehst du? Das habe ich immer gespürt Und jetzt ist alles anders. Eigentlich wollte ich springen.
Max schrie, und Frida klammerte sich an seine Hand, bereit, ihn um jeden Preis zu halten.
Sie wusste, dass hinter Max Fassade kein Superheld stand, sondern jemand sehr Zerbrechliches. Ihr wurde plötzlich bewusst, wie viel Wut und Rebellion sie sinnlos gegen ihre Eltern gerichtet hatte.
Max, ich hab Angst! Frida begann unkontrolliert zu schluchzen. Das holte Max ein wenig zurück.
Nicht weinen… Er umarmte sie, und sie drückte ihn so fest wie möglich.
Tus nicht. Es ist egal, was sie sagen ich geb dich nicht verloren! Niemand bedeutet mir mehr als du, Max!
Ich heiße nicht mal Max… Der Junge sprach so dumpf, dass Frida erschrocken aufschaute. Ich hatte mal einen anderen Namen.
Und? Was spielt das für eine Rolle? Für mich bist du du! Der Name ist egal!
Für dich, vielleicht… Frida, was soll ich tun? Wohin jetzt?
Kannst du nicht nach Hause? Haben sie dich weggeschickt?
Meine Mutter hat geweint, fast gebettelt, dass ich bleibe, aber den Vater habe ich geschlagen…
Warum?
Er hat mich eingesperrt, wollte nicht, dass ich gehe. Meinte, ich würde nichts verstehen
Und? Tust du das? Verstehst du wirklich schon alles?
Was meinst du? Was soll ich denn noch wissen?!
Warum gerade heute? Warum sagen sie es dir ausgerechnet jetzt?
Der Wind trug ihre Frage weg. Max sackte wieder zusammen, dann kam endlich die Antwort.
Ich weiß es nicht… Diese Ahnungslosigkeit klang nicht mehr hoffnungslos, sondern fragend. Solange der Zweifel blieb, wusste Frida, wäre noch nichts verloren.
Soll ich dich begleiten?
Wohin?
Zu deinen… Eltern. Komm mit, wir gehen zusammen, und du hörst dir an, warum sie heute so ehrlich waren. Danach, wenn du willst, gehen wir wieder hierher. Und ich halte dich nicht mehr auf.
Max schaute sie erstaunt an. Frida umklammerte seine Hand und zog ihn weg vom Abgrund.
Lass uns gehen, Max.
Er drehte sich vom Rand weg und folgte ihr. In diesem Moment wusste sie, dass heute etwas anders geworden war.
Ich bin ein Feigling…
Quatsch! sie schnaubte empört. Ich wäre auch durchgedreht, hätte ich das über meine Eltern erfahren… Irgendwer bräche da immer zusammen!
Frida stolperte auf der Treppe, Max fing sie rechtzeitig auf.
Vorsichtig!
Wer sagts? Sie griff nach seinem Arm und schaltete das Handylicht ein. Komm, wir haben noch viel zu tun!
Dieser Abend blieb für beide unvergesslich.
Das Gespräch mit Max Familie, schwer, aber letztlich versöhnlich.
Die Wahrheit: Max leiblicher Vater wurde bald aus der Haft entlassen und drohte, seinem Sohn alles zu erzählen. Seine Adoptivmutter, ehemals die beste Freundin der leiblichen Mutter, hatte ihn seit dem Tod übernommen. Sie wollten Max schützen, dachten, sie hätten noch Zeit, doch jetzt ließ sich die Enthüllung nicht länger aufschieben.
Meine Mutter, die richtige… sie…
Ja, Max, das hat dein Vater ihr angetan.
Und jetzt will er…
Er will dich treffen.
Aber ich will das nicht!
Das musst du auch nicht. Du allein entscheidest.
Sie sprachen lange. Frida wusste, das Kapitel “Dach” war für sie abgeschlossen nie wieder auf dieses Dach, nicht heute, nicht morgen. Etwas war jetzt anders die Vergangenheit wurde zur Zukunft.
Spät am Abend, kurz vor Mitternacht, kam Frida leise nach Hause, stellte ihren Schlüssel in das Schloss ihrer Wohnung, zog nicht mal die Jacke aus und ging auf Zehenspitzen in die dunkle Küche. Am Fenster stand, wie immer, die Mutter. Frida umarmte sie, drückte die Nase ins lockige Haar und sog den vertrauten Duft des liebsten Parfums ein. Da war es, das Zauberwort, das alles Unnötige fortspülte, das Wesentliche aber bewahrte:
Entschuldige…
Und als Echo, das nie verstummen würde:
Du auch… Bist du hungrig?
Nein, Mama. Danke… Weißt du, ich glaube, ich hab heute eine Prüfung bestanden…
Was für eine, Frida? Deine schriftlichen Prüfungen sind doch erst später?
Die wichtigste, Mama… Ich erzähls dir morgen.
Warum erst morgen?
Weil morgen mein Deutsch-Probelernen ist, und ich ausgeschlafen sein will…
Manchmal heißt erwachsen werden, zu erkennen, wie nachtragend und lieblos wir einen Tag gegen alle verschwendet haben, die uns am meisten bedeuten. Es gibt Prüfungen, die kann man nicht wiederholen und das sind die wichtigsten im Leben.




