Liesels Tagebuch
Liesel! Liesel! Dreh doch mal deinen Kopf! Kürbis! Seht mal, Leute! Ein Kürbis!
Der Schulhof war in Sonnenlicht getaucht und erfüllte sich mit Lachen, als der Unterricht der ersten Schicht zu Ende war. Die spöttischen Rufe hätten einfach im fröhlichen Durcheinander untergehen sollen, doch sie waren so laut, dass sie beinahe jeder hörte. Einen Moment stockte der Hof, alle lauschten, und ich, die kleine, verunsicherte Liesel, stand wie erstarrt an der Schultreppe, klammerte mich an meinen übergroßen, unhandlichen Ranzen und spürte, wie die Angst in mir aufstieg.
Hey, Liesel-Kürbis! Was ist los? Angst bekommen? Los, Jungs, treibt sie weg!
Die Jungs, die eben noch brav an den Nachbartischen gesessen hatten, stürmten auf mich zu. Meine Augen wurden groß, meine Hände begannen zu zittern, und ich wollte weglaufen aber meine Beine gehorchten mir nicht.
Wie oft habe ich diese Szene später nachts immer wieder durchlebt? Es ist schwer zu zählen.
Klebrige, alles verschlingende Angst durchströmte mich, lähmte meinen Körper, begann bei den Fingerspitzen, bog meine Hände auf, ließ sie den Ranzen loslassen:
Lass los! Lass deinen Ranzen! Lass ihn hier an der Treppe! Kommst du ohne nach Hause, setzt es was! Klar, das ist richtig! Wer nicht auf seine Sachen aufpasst, bekommt keinen neuen!
Ich versuchte, meine Fäuste zu ballen, aber es klappte nicht. Der Ranzen fiel zu Boden, und meine Beinen begannen ihren seltsamen, angsterfüllten Lauf doch ich bewegte mich nicht von der Stelle. Es war, als wäre ich am Boden festgeklebt. Die Angst wuchs, krallte sich in meinen Bauch, bis ich nur noch flüsterte:
Lass mich…
Meine Verfolger sah ich im Traum nie, ich hörte sie nur, was die Angst nicht minderte.
Doch dann mitten im Dunkel eine helle, klare Kinderstimme:
He! Haut ab! Ich zeig euch, was mit denen passiert, die Kleinere mobben!
Die Panikketten in meinem Traum sprangen und lösten sich. Plötzlich war ich frei und wachte klatschnass, aber erleichtert auf als ob ich aus dem Wasser gezogen worden wäre.
Diese Stimme brachte mich immer zurück ins Hier und Jetzt. Ich war längst kein Erstklässler mehr. All das lag weit hinter mir.
Aber damals, weiß ich noch
Haut ab! Sonst setzts was!
Eine kleine, lockenköpfige Schülerin mit riesigen, weißen Schleifen in den langen Zöpfen stürmte quer über den Hof, die Rufe ihrer Oma ignorierend.
Im Gegensatz zu mir war Friederike immer beschützt. Sie hatte Opa und zwei Omas, die sich darum stritten, wer sie nach der Schule abholen durfte.
Wie ein kleiner Wirbelwind kämpfte sich Friederike dazwischen, und plötzlich wurde es wieder still auf dem Schulhof. Alle beobachteten, wie sie entschlossen den Jungs entgegen trat, die mich vorher verspottet hatten.
Das habt ihr nun davon! Ihr seid selbst nicht besser! Und Friederike drosch mit meinem Ranzen auf die Jungs.
Ich hatte Angst und wollte ihr helfen, aber meine Knie zitterten, vor meinen Augen wurde es schwarz, und das Letzte, was ich hörte, war Friederikes Oma, die rief:
Kind, lass den Jungen los, er hat doch Schmerzen!
Und ich nicht?, dachte ich noch, bevor ich im Ohnmachtsnebel versank.
Die Erwachsenen verscheuchten schließlich die Kinder, trugen mich ins Sanitätszimmer.
Mama wurde von der Arbeit gerufen und weigerte sich, mit der Schulleitung freundlich zu reden.
Was ist hier los? Warum wird mein Kind gemobbt?
Verstehen Sie …
Nein, ich verstehe nichts! Bringen Sie das in Ordnung, dann reden wir weiter!
Mama setzte sich zu mir, nahm mich in den Arm ich starrte seit einer halben Stunde nur an die Decke, denn aufstehen durfte ich noch nicht.
Wie gehts dir, mein Mädchen?
Ich drückte mich an Mammas Brust, roch Lavendel und Milch und unterdrückte meine Tränen.
Kleines, wein nicht! Mit sicherer Hand strich Mama mir die Träne von der Wange. Alles wird gut! Ich verspreche es dir! Niemand wird dich noch mal verletzen!
Wie sehr Mama sich damals irrte
Natürlich wurde ich wieder verletzt noch oft. Und der Spitzname Liesel-Kürbis blieb mir wie ein Stempel und begleitete mich viele Jahre.
Doch nur ein Mensch sah in mir immer etwas anderes. Er registrierte nicht die kleine Asymmetrie meines Kopfes, die bald keiner mehr bemerkte, und ihn interessierte nur meine Seele.
Meine Seele war groß. Da war Platz für alles Lebendige. Für Familie, Freunde, Katzen, Nachbarshunde, für Käfer, die ich stundenlang im Park auf den Knien betrachtete, den schweren, klugen Kopf wie so oft zur Seite geneigt.
Und mein Kopf war tatsächlich klug. Die Lehrer wunderten sich über mein fotografisches Gedächtnis und wie viel Wissen ich im Verborgenen hütete aus Angst vor Spott.
In so einem Kürbis steckt bestimmt ein großes Gehirn! Aber dumm bist du trotzdem, Liesel! Verstehst du? Schlau wirst du nie!
Die Hänseleien ließen nicht nach, aber wenigstens schlugen sie nicht mehr zu. Friederike verteidigte mich so beherzt, dass sich niemand mehr traute. Nur die spitzen Zungen konnte sie nicht bändigen. Sie schüttelte mir den Kragen zurecht:
Hör nicht hin! Jeder Mensch ist auf seine eigene Weise schön, sagt Oma immer.
Was soll an mir schon schön sein, Rike? Sie haben doch recht … Ich seh wirklich aus wie ein Kürbis.
Nein! Friederike widersprach wütend. Lass das nicht zu! Lass sie dich nie verletzen!
Ich schwieg meist. Es war zu schwer, um darüber zu sprechen.
Meine Mutter war auch klug. Sehr sogar. Nur machte sie das nicht glücklich. Sie traf meinen Vater und musste die Karriere als Physikerin beenden. Mathilde wurde Hausfrau und Mutter denn, wie mein Vater fand, hatten zwei Genies in einer Familie keinen Platz. Seinen wollte er nie aufgeben.
Mein Vater arbeitete in der Raumfahrtbranche. Für ihn galten profane Sorgen als Frauenangelegenheit. Dafür gab es ja Mutter und Großmutter väterlicherseits.
Die Mutter meines Vaters konnte ich nicht leiden. Sie kam nachmittags, setzte sich in das heilige Sessel meines Vaters und begann, meine Mutter niederzumachen:
Mathilde! Im Haus sollte Ordnung sein! Überall Staub, Kühlschrank leer was machst du den ganzen Tag? Kinder schmutzig, wasch sie endlich, und sieh auch mal nach dir! Julius möchte keine Frau ansehen, die so aussieht. Nicht mal Haare gewaschen?
Mutter ließ das mit Gleichmut über sich ergehen. Auf Streitereien ließ sie sich selten ein. Sie blickte mich kurz an ich wusste, was zu tun war. Dann rollte ich den kleinen Wagen mit meinem Bruder in den Flur und wartete. Wenn Mama, die meinen kleinen Bruder und meine Schwester an der Hand führte, hinaus ging, war ich dabei. Vater nie.
Die Besuche der Schwiegermutter fanden immer zur gleichen Zeit statt, dienstags und donnerstags. Mama regelte alles daraufhin.
Ihre Liebe zu meinem Vater war von der Art, die weh tut. Kann man einen Menschen von ganzem Herzen lieben, wenn er nie auf dich und deine Träume achtet?
Mathilde, wir haben Kinder! Karriere kommt nicht in Frage! Du bist Mutter, du bist Ehefrau beschäftige dich damit! In der Physik haben Frauen nichts zu suchen!
Julius, ich habe einen Abschluss! Hast du das vergessen?
Ach was ohne mich wärst du gar nichts geworden! Ich ermöglichte dir, Frau zu sein! Undankbar!
Als Kind verstand ich nicht viel, doch mit den Jahren dachte ich darüber nach und was ich hörte, stimmte mich traurig.
Papa liebte Mama nicht. Mama ihn, irgendwie, schon.
Was für ein Egoist, hörte ich einmal in der Schule. Und während ich beobachtete, wie Papa Mama nach Omas Besuchen ausschalt, sah ich in ihm nicht mehr den stämmigen, glatzköpfigen Mann, sondern eine dicke, haarige Raupe. Die eigentlich zertreten werden müsste. Aber das ging ja nicht.
Doch Mutter war klug und hielt durch, solange es ohne eigenes Zuhause nicht anders ging.
Das Haus auf dem Land, das sie von ihren Eltern geerbt hatte, brannte in einer schrecklichen Nacht ab. Mathilde erfuhr es erst später durch einen Brief einer Nachbarin. Sie trauerte und fing an, zu planen.
Wo hätte sie mit drei Kindern eine Wohnung bekommen?
Nirgendwo.
Sie willigte schließlich ein, sich bei Frau Dr. Rosalie, einer kinderlosen älteren Dame, um die Behausung zu kümmern.
Mathilde, ich bin genügsam. Hauptsache, Bett und Essen. Dafür bekommst du meine Wohnung! Auf deinen Namen, beim Notar! Eine Frau braucht ihren eigenen Raum, besonders, wenn das Leben holprig läuft …
Dr. Rosalie war die Einzige, die wusste, wie es um Mathilde stand:
Weißt du, das ist traurig. Wir Frauen sind immer abhängig von den Männern. Leider! Aber, wenn Frauen mehr an ihre Kinder als an sich selbst denken das ist wunderbar. Bis zu einem gewissen Maß. Doch wer alles aufs Spiel für einen Mann setzt, verliert sich selbst. Das ist eine Katastrophe!
Denken Sie, ich bin so?
Nein, meine Liebe. Sonst wärst du nicht hier.
Papa wusste nichts von Mamas Nebenjob. Und das war schwer in Ordnung. Denn sie hatte längst entschieden, was zu tun war. Ob sie wirklich jemals den Mut fände, zu gehen?
Ich wünschte es mir. Ich wollte genauso klug werden wie Dr. Rosalie, mehr noch menschlich verstehen wie sie. Ich wusste schnell: Ich würde Ärztin werden. Da saß ich oft am Bett von Dr. Rosalie, die durch einen schweren Unfall gelähmt war aber ihren wachen Geist nie verloren hatte. Neben mir saßen ihre Schützlinge, künftige Medizinstudenten.
Hör mir zu! Alles, was du hörst, speicher dir ab! Das Leben ist voller Überraschungen! Ich mache dich zur besten Ärztin, die München je gesehen hat!
Und so geschah es. Ich studierte mit Auszeichnung, plante mein Leben besser und klüger, geprägt von Mamas Erlebnissen.
Mathilde hatte sich schon lange vor Abschluss meines Studiums von Papa getrennt. Sie konnte ihr Versprechen an Rosalie nicht mehr einlösen. Mein Vater starb kurz nachdem das Trennungs-Papier eingereicht war. Zum Glück blieb uns der Rosenkrieg erspart und die Wohnung, das Bankkonto und alle Ersparnisse, die Papa zuvor nie Oma anvertraut hatte, gingen an uns.
Noch ein böses Wort, und Sie kriegen keinen Cent mehr!
Mamas Stimme war kalt wie Eis und ich bewunderte sie in diesem Moment so sehr. Oma zuckte zurück, es war das erste Mal, dass sie sich unsicher zeigte. Ich sagte nichts, doch als ich neben Mama in der Küche stand und versuchte, ihren fest entschlossenen Blick zu kopieren, spürte ich: Jetzt ist etwas anders geworden. Oma sackte förmlich in sich zusammen und weinte.
Trosten tat sie niemand. Mama stellte ihr einfach Wasser hin und wartete.
An diesem Tag lernte ich: Manchmal reicht es, Stärke zu zeigen, um einen Kampf zu gewinnen. Manchmal muss man dem Gegner nur wissen lassen, dass Nachgiebigkeit Taktik sein kann, nicht Schwäche.
Omas Anteil zahlte Mama aus, danach fragte sie uns nur eins:
Wollt ihr Kontakt zu eurer väterlichen Oma?
Wir drei waren uns einig: Nein.
Wir haben sie nie wieder gesehen.
Inzwischen war der doofe Spitzname längst vergessen. Mama schrieb mich, nach Rosis Rat, zum neuen Schuljahr aufs Sophie-Scholl-Gymnasium in München um. Dort belegte ich Chemie und Bio. Für das Medizinstudium wichtig!
Rike weinte lange beim Abschied. Ich wurde letztlich lauter:
Rike, heul nicht rum. Ich zieh doch nicht zum Mond! Wir sehen uns doch immer noch!
Mag sein aber eben nicht mehr wie früher …
Sie hatte recht. Ich warf mich ins Lernen, half meinen Geschwistern bei den Hausaufgaben, Zeit für Rike wurde rar. Bald zog sie mit ihrer Familie fort, und der Kontakt blieb trotz Telefon und WhatsApp auf der Strecke.
Mein Leben nahm Fahrt auf.
Ich schloss das Studium ab. Heiratete. Bekam einen Sohn. Ließ mich scheiden weil Rosalie mir den Wert meiner Träume beigebracht hatte. Und ich war zufrieden
Ich hatte alles: eine Eigentumswohnung im Zentrum von München, einen Beruf mit Sinn, eine Familie, ein Kind. Nur ein fester Partner fehlte doch das störte mich kaum noch. Der Komplex Kürbis war lange weg, ich fürchtete die Mitternacht nicht mehr.
Nur manchmal, wenn ich besonders erschöpft oder traurig war, träumte ich den alten Traum und hörte Rikes Stimme: Sie rief nach mir.
Ich hatte sie im Netz gesucht und es dann aufgegeben irgendwann muss man das Vergangene ruhen lassen.
Das Leben spielt seltsame Streiche. Manchmal verknüpfte das Schicksal alte und neue Wege:
Bleib stehen! Stell Dich! Wenn ich dich kriege, reiß ich dich in Stücke!
Ich war mit dem Rad im Englischen Garten unterwegs, jagte meinem Sohn hinterher und beachtete das Geschrei auf der anderen Allee kaum.
Das war sicher nur ein Hundebesitzer und sein Hund.
Plötzlich sprang eine Gestalt in blutverschmierter Jacke direkt vor meine Reifen. Ich bremste scharf, das Vorderrad kippte fast um. Und dann erkannte ich sie.
Rike, du?
Sie hatte sich wenig verändert, immer noch klein, lockig, blond. Nur jetzt waren ihre Augen voller Angst, kein bisschen Mut mehr darin. Ich riss das Rad zwischen uns beide, griff zum Handy.
Stopp!
Ich schrie so laut, dass selbst mein Sohn stehen blieb, sich umdrehte und ahnte, dass es ernst war fuhr los, seinen Vater und Onkel holen.
Mit meinem Ex bin ich ein gutes Team geblieben für unseren Sohn, als Eltern. Es war die beste Entscheidung der Welt.
Der Mann verfolgte Rike unbeirrt. Er hätte mich fast umgerannt, um zu ihr zu kommen, aber er erstarrte, als ich schon mit der Polizei telefonierte:
Ja, Einsatz! Angriff im Park!
Links tauchte ein Mann mit Schäferhund auf, der den Betrunkenen anknurrte, rechts kamen mein Bruder und mein Ex, gerufen vom Sohn. Als mir der Angreifer das Handy aus der Hand schlug, zögerte ich nicht: Ich rammte ihm das Fahrrad ins Bein, drückte ihn auf den Boden.
Bleiben Sie liegen. Tun Sie sich das nicht an, sagte ich fast freundlich und fixierte ihn, bis Hilfe kam. In meiner Stimme lag so viel Entschlossenheit, dass sogar Rike neue Angst bekam und meine Hand nicht losließ.
Liesel, alles in Ordnung? Die Männer kümmerten sich, rissen die weinende Rike von mir weg.
Mit mir ja. Aber Rike hat es übel erwischt.
Ich seufzte, nahm meine alte Freundin in den Arm.
Na, hallo, würde ich sagen
Hallo … Rike brach zusammen und wieder war alles durcheinander.
Leben wiederholt sich, dachte ich abends im Krankenhaus, wo ich an Rikes Bett stand.
An diesem Tag hörte ich Friederikes altvertraute Kinderstimme ein letztes Mal in Träumen, die mich all die Jahre gequält hatten. Sie hatte mich damals gerettet, nun war ich dran.
Was ist los mit dir, Rike? Ich betrachtete die blauen Flecken an ihren Händen.
Ach, Liesel … alles ist schief. Es gibt niemanden mehr. Keine Eltern, keine Oma mein erster Mann, der hat gezockt, ich hab ihn geliebt, doch er mich nicht. Ich habe so viel ertragen dachte immer, es ändert sich, aber Menschen ändern sich nicht. Mein neuer na ja, auch nicht besser …
Hat er das gemacht? Ich deutete auf ihre Verletzungen.
Ja. Aber er war mal ein Freund. Ich hatte niemanden. Er nahm mich und meine Tochter auf, als meine Mutter starb. Er war nett. Irgendwie blieb er einfach … Ich wollte doch nur nicht allein sein …
Hat es geholfen?
Wie du siehst … Sie lächelte traurig.
Rike, wo sind deine Schlüssel?
In der Jacke …
Dann ruh dich jetzt aus.
Ich kann nicht! Meine Tochter muss aus dem Kindergarten abgeholt werden, wie spät haben wir?
Ich geh für dich. Gib mir ihre Nummer.
Warum du?
Weil sie sonst niemanden hat, oder?
Ja … Rike weinte still.
Das Schicksal zieht immer neue Fäden, verwirrt sie und setzt zwei alte Freundinnen neu zusammen. Genau so.
Nun nimmt alles einen neuen Lauf – und es liegt jetzt ganz bei uns beiden, wie das Leben weitergeht.
Wir sind längst nicht mehr die Mädchen von damals. Die Rollen haben sich gewandelt. Wer stark ist und wer schwach, lässt sich nicht mehr so leicht sagen.
Aber das ist auch nicht mehr wichtig jetzt verlieren wir uns nie wieder.
Das Schicksal macht ein freundliches Gesicht, spinnt zwei neue, goldene Fäden dazu.
Wer weiß, vielleicht lernen unsere Kinder sich so kennen und halten einander fest wie wir damals.
Und vielleicht bleibt das Liesel-Kürbis für immer Vergangenheit. Ein Wort, das einst Schmerz auslöste, dann aber doch der Beginn einer lebenslangen Freundschaft war.
Mag das Schicksal die Redensart von der unmöglichen Freundschaft belächeln und mit den Schultern zucken.
Wen stört’s? Frauenfreundschaft gibt es wirklich und sie ist gar nicht so selten, wo sie von einem einfachen Grundgesetz getragen wird:
Gib, und dir wird gegeben.
©
Autorin: (adaptiert nach Ludmila Lawrowa)Vielleicht, denke ich, wenn ich Rikes Hand halte, ist das das eigentliche Geheimnis von Freundschaft: Wir werden nicht bewahrt vor Schmerz, vor Enttäuschung, nicht vor schlaflosen Nächten oder Tränen. Aber wir bekommen, im besten Fall, jemanden an die Seite, der unser Herz wieder zusammensetzt auch dann, wenn wir selbst nicht mehr wissen, wie das eigentlich geht.
Später sitzen wir in meiner Küche. Es ist spät, die Tassen sind halbleer, die Stimmen müde, aber unser Lachen kullert trotzdem durchs offene Fenster und bleibt auf dem Innenhof hängen wie goldene Blätter im Oktoberlicht. Rikes Tochter schläft im Kinderzimmer, mein Sohn bringt allen Tieren im Flur Gute Nacht bei. Und wir fangen wieder an, uns aus der Stille zu erzählen, wie früher, Stück für Stück, Wort für Wort.
Vielleicht war das alles notwendig, damit wir jetzt aus vollem Herzen sagen können: Ich bin da. Für dich. Ohne Bedingungen. Ohne Zeitplan.
Denn das Leben bleibt das, was es ist chaotisch, wunderschön, schmerzhaft und hell zugleich. Wir schreiben keine Tagebücher mehr, doch jede Stunde zählt wie ein neuer Eintrag zwischen uns. Und sollte der Tag kommen, an dem eine von uns wieder gestolpert am Rand steht, reicht die andere die Hand weil wir das längst verinnerlicht haben.
Ich sehe Rike an, und in ihren Augen spiegelt sich mein eigenes Lächeln. Zwei Frauen, nicht mehr ganz jung, doch endlich angekommen, wo sie immer hingehören: an die Seite einer Freundin, die den Namen Liesel-Kürbis kennt und lacht, weil sie ihn längst in Liebe umgemünzt hat.
Und genau in diesem Moment wird mir klar: Das Vermächtnis meiner Kindheit ist nicht Schmerz, sondern Stärke. Nicht die Scham, sondern das Licht in der Nacht und eine Freundschaft, die den Sturm überlebt hat. Das Band, das trägt, was auch immer kommt.
So klingt unsere Geschichte aus und leise, fast unhörbar, beginnt schon das nächste Kapitel, wunderbar offen und voller Möglichkeiten.





