Mutti

Mama

Na, du Schnurrer! Wem gehörst du eigentlich? fragte ich erstaunt, als ich die Treppenstufen zu unserer Wohnung in Hamburg hinaufstieg und einen großen, roten Kater vor unserer Haustür sitzen sah.

Der Kater reagierte wie ein echter Hamburger: still, stoisch und hatte keine Lust, auf meine Ansprache zu antworten. Nicht einmal seine Sitzhaltung änderte er, lediglich sein angeknittertes Ohr zuckte ein wenig als wollte er mir zu verstehen geben: Ich hör dich schon! Aber antworten? Nein, danke.

Muss ja auch nicht, murmelte ich und nestelte in meiner Tasche nach dem Schlüsselbund.

Der Kater blinzelte, machte ein bequemes Stück Platz auf unserem Mattenvorleger, blieb aber vor der Tür hocken und stierte mich prüfend an, wie ein Pförtner, der Neuankömmlinge kontrolliert.

Nach einigem Gewühle fand ich endlich meine Schlüssel und machte mich daran, das Schloss zu öffnen nicht ohne den Blick immer wieder zu dem ungewöhnlichen Besucher schweifen zu lassen.

Noch keine drei Monate wohnten wir, meine Frau und ich, in dieser kleinen, aber feinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel. Für andere wäre das Einziehen in eine Altbauwohnung vielleicht etwas Alltägliches, aber für uns war es ein echter Sechser im Lotto. Noch vor einem halben Jahr hausten wir zu zweit in einem winzigen Gästezimmer im Haus meines Großvaters und waren schon glücklich, wenigstens dort eigenständig leben zu dürfen.

Elisabeth, bitte, vertragt euch mit den Nachbarn! ermahnte uns meine Schwiegermutter, während sie uns beim Putzen vor der Hochzeit half. An sich sind das liebe Leute, sie haben nur ein bisschen viel mit Bier und Korn

Ach, und warum sind sie dann so toll, wenn sie ständig einen über den Durst trinken? entgegnete meine Elisabeth, rang das Putzwasser aus dem Lappen und schob ihren wilden Haarschopf zurück.

Ihr Pferdeschweif war der ganze Stolz von meinem Artur, meinem Schwager, aber zum Saubermachen absolut ungeeignet. So sehr sich meine Elisabeth auch abmühte, ihre Lockenmähne zu bändigen sie sprang immer wieder hervor und ließ sie wie einen explodierten Löwenzahn aussehen.

Das ist schwer zu erklären, seufzte meine Schwiegermutter Annemarie, die alles mit ruhiger Hand anging. Sie haben eben viel durchgemacht. Nicht jeder ist aus hartem Holz geschnitzt.

Elisabeth konnte das verstehen sie war eine Waise und in einer Pflegefamilie aufgewachsen, die sie mit achtzehn ohne Tränen und Abschied vor die Tür gesetzt hatte. Sie wusste, wie man seinen eigenen Kummer bedauert und darüber die vergisst, die von einem abhängig sind.

Ihre leibliche Mutter hatte sie als Kleinkind auf dem Hamburger Hauptbahnhof ausgesetzt, ihr eine Notiz in die Jackentasche gesteckt und einen einohrigen Plüschhasen Felix mitgegeben. So saß sie auf der alten Bank in der überfüllten Halle, weinte leise in Felix Fell und wagte es nicht, sich zu rühren aus Angst, sonst von ihrer Mutter getadelt oder gar geschlagen zu werden. Sie wartete bis in die Nacht.

Die Mutter kam nie mehr zurück. Dafür ein großer Polizist in Uniform. Er fragte irgendetwas, doch das Mädchen schüttelte nur den Kopf und schwieg. Ihre Tränen waren versiegt. Ihr war kalt und sie hatte furchtbaren Hunger. Erst als der Polizist nach dem Namen ihres Plüschhasen fragte Wie heißt der Langohr? brachte sie ein leises Felix hervor.

Der Beamte streichelte Felix und sie, wollte wissen, ob die Mama schon lange weg war und da brach ihr ganzer Schmerz heraus. Sie schrie und schluchzte und um sie herum blickten die Leute im Wartesaal endlich auf das Kind mit.

Warum die Mutter so handelte, sollte sie erst viele Jahre später erfahren. Eine fremde Frau stand eines Tages vor ihrer Schule, streckte die Arme nach ihr aus und rief: Meine Tochter, endlich habe ich dich gefunden! Bitte, umarme deine Mama! Ich habe dich so sehr vermisst!

Inzwischen lebte Elisabeth längst in einer Pflegefamilie. Sieben Pflegekinder, streng, ordentlich, aber nie hungrig oder ohne Kleidung, jeder wusste: Mit achtzehn musste man gehen, dann war Platz für neue. Gefühle, Nestwärme, gar Liebe all das hielt diese Familie für überflüssigen Ballast. Dennoch und so sehr sie es sich manchmal gewünscht hätte lief Elisabeth ihrer Mutter nicht entgegen.

Doch die Sehnsucht blieb. Besonders nachts, eingekuschelt mit Felix unter dem Kissen, träumte sie von einer Mutter, die sie liebte. Was das wirklich bedeutete, wusste sie nicht. Doch sie sah es bei Mitschülern und merkte, dass es auch anders geht.

Als sie dann wirklich vor ihr stand, weinend und flehend, konnte sie den Tränen der Frau nicht glauben. Erwachsenen hatten ihr oft genug gesagt, sie könne sich an den Bahnhof gar nicht erinnern, sei sie doch zu klein gewesen. Irgendwann stritt sie nicht mehr. Aber vergessen hatte sie es nie.

Eine ihrer Schwestern, Natalie, stellte sich dazwischen, als Elisabeth einen Schritt zurückwich. Wer sind Sie? Lassen Sie meine Schwester in Ruhe! fauchte Natalie und zog Elisabeth entschlossen vom Schulhof fort.

Danach gingen sie Hand in Hand nach Hause. Auf den fragenden Blick der Pflegemutter antworteten beide im Chor: Was denn?

So bekam Elisabeth ihre Schwester fürs Leben. Natalie, die von ihrem saufenden Vater verlassen worden war, brauchte genauso verzweifelt jemanden, dem sie vertrauen konnte.

Eine Woche später fand dennoch ein Gespräch zwischen Elisabeth und ihrer leiblichen Mutter statt. Täglich war sie an der Schule erschienen: Sprich mit mir, mein Kind!

Elisabeth nervte dieses mein Kind, doch Natalie zuckte nur die Schultern: Lass sie reden! Sind doch nur Worte.

Am Ende hörte Elisabeth auf Natalie: Stell deine Fragen. Vielleicht hilfts dir, zu verstehen, dass nicht du schuld bist.

Das Gespräch brachte ihr keine echte Klarheit. Du hast mich allein gelassen. Es war alles so schwer. Ich hatte niemanden, und dein Vater wollte uns nicht. Warum? Ich erzählte ihm, du seist nicht von ihm Stimmte gar nicht. Wir waren damals beide jung und dumm. Nach unserem Streit habe ich mit meiner Mutter gebrochen und wusste nicht, wohin Und da dachtest du, ein Zettel reicht und alles wird gut? Vergib mir! Lass es mich wiedergutmachen Wie denn? Willst du mir die Jahre zurückgeben? Ich will dich nicht mehr sehen.

Damit war für Elisabeth alles gesagt. Für immer behielt sie sich vor, selbst zu bestimmen, was sie empfand und wem sie vertraute.

Auch Natalie verstand das: Du bist nicht schuld, Elisabeth. Du bist, wie du bist. Der Rest ist Vergangenheit.

Einige Jahre später, nach Natalies Hochzeit und mit ihrer ersten Tochter im Arm, lachten sie gemeinsam über die Ungewissheit des Lebens. Niemand weiß, wies richtig geht. Lebe so, dass es dir und den Deinen warm ums Herz ist. Dann reicht es.

So war Elisabeths Blick auf das Leben großzügiger geworden. Die winzige Wohnung? Immerhin zentral gelegen, und zur Arbeit wars auch nicht weit. Die Nachbarn, traurig und still, kamen niemandem zur Last. Selbst meine Schwiegermutter Annemarie hatte damals recht gehabt: Es kam auf den Umgang an und auf Mitgefühl.

Das hatte Elisabeth jedoch lange gebraucht, um zu verstehen. Niemand, außer Natalie, hatte sie jemals bemitleidet. Doch Annemarie und Großvater Karl halfen ihr, sich zu öffnen.

Annemarie war energisch, herzlich und am liebsten immer mittendrin. Sie nahm Elisabeth auf wie eine Tochter. Erwarte nicht zu viel von Arturs Familie hatte Natalie sie vor dem ersten Treffen gewarnt. Du bist für sie fremd, hast keine eigene Wohnung. Mach dich nicht abhängig von leeren Versprechen!

Elisabeth verstand das und Annemarie ebenfalls. Sie brachte Annemarie dazu, Ernst zu machen und ließ nichts anbrennen: Das ist mein gutes Recht, zu helfen! Aber mach dich nicht von mir abhängig. Du bist stark!

Annemarie war die positive Kraft in der Familie sie kaufte mit Elisabeth neue Mäntel und schnappte beinahe beiläufig ein Paar Schuhe oder eine Tasche aus dem Regal, die eigentlich Elisabeth gehörten. Anfangs war Elisabeth skeptisch aber bald lernte sie, diese Großzügigkeit einfach anzunehmen.

Mit Annemarie und meinem Großvater Karl hatte Elisabeth endlich ein richtiges Familiengefühl. Sie verstanden sich auf Anhieb und gönnten sich gegenseitig Nähe und Vertrauen, ohne Forderungen zu stellen.

Der Vorschlag, Großvaters Zimmer an eine junge Familie zu verkaufen, brachte Elisabeth zwar zum Nachdenken, aber nicht aus der Fassung. Wir schaffen das, wir sind doch schon erwachsen, meinte sie tapfer, selbst wenn das Geld nur für ein kleines Zimmer reichte. Karl lächelte milde: Wichtiger ist, dass man zusammenhält. Ein bisschen Erspartes, ein Ziel vor Augen das hilft!

Die ganze Familie traf sich oft zum Tee und zu Gesprächen über alles Mögliche. Bei diesen Tee-Runden lernte ich von Karl, was Mitgefühl wirklich bedeutet. In Deutschland sagt man: jemanden bemitleiden klingt zuweilen negativ als würde man sich über den anderen erheben. Aber eigentlich meint es, dass man Anteil nimmt, sich kümmert. Du, Elisabeth, bist niemand zum Bemitleiden, sondern eine, zu der man hält!

So wurde das Gefühl, gebraucht und gemocht zu werden, zu einem festen Bestandteil ihres Lebens. Und sie verstand, dass auch sie anderen helfen konnte.

Genau in diesem Moment, als ich so zurückdachte, hockte der rote Kater noch immer vor unserer Wohnungstür. Er ließ es zu, dass ich ihn streichelte, trat aber nicht ein, sondern rannte plötzlich die Treppen hoch.

War ja klar, brummte ich. Ich wollte gerade die Tür schließen, als der Kater wieder auftauchte diesmal mit einem winzigen rotem Kätzchen im Maul, das seinem Vater wie aus dem Fell geschnitten war.

Ach du meine Güte! Ich hob das kleine Fellbündel vorsichtig hoch, während der Kater direkt wieder hochlief.

Kurz darauf schleppte er noch ein zweites Kätzchen an. Das zweite war quicklebendig und ließ sich vom Kater nicht mehrmals transportieren es strampelte so heftig, dass der Kater es ein paar Mal fallen ließ, immer wieder aufhob und stoisch an seinen neuen Platz vor unserer Haustür brachte.

Ein echter Familienvater bist du! Willkommen! Ich öffnete die Tür ganz weit. Hast du noch mehr Nachwuchs da oben?

Der Kater trat schnuppernd ein, behielt die Kätzchen immer im Blick und ließ mich gewähren.

Komm ruhig rein, lachte ich. Hier tut euch keiner was. Wo hast du die Mama gelassen?

Eine Antwort blieb natürlich aus. Er brachte das Kätzchen brav zu einem Tablett, das ich schnell aus der Küche geholt hatte, und schien nun voll und ganz in seiner Rolle als Ersatzmutter aufzugehen.

Das glaubt mir wieder keiner! Ein kater, der sich um die Jungen kümmert… Na, machts euch bequem, ich hol mal Futter!

Der Kater blickte zustimmend und ich bereitete Milch für den Nachwuchs zu.

Abends besprach ich das neue Familienmitglied in der Runde. Annemarie, wenn du einverstanden bist, würde ich sie behalten. Die Kätzchen sind noch so klein, ich brings nicht übers Herz, sie rauszuschmeißen. Irgendwas ist mit der Katzenmutter passiert. Der Kater nimmt sich vorbildlich der Kleinen an.

Warum fragst du mich, Junge? Das ist eure Wohnung! Ihr entscheidet. Annemarie streichelte sanft das Kätzchen auf ihrem Schoß und lächelte. Erzähl lieber, was du ihnen zu fressen gegeben hast!

Milch. Zum Glück klappt das schon.

Das eine Kätzchen nehme ich, wenn es groß genug ist. Den Kater behalted aber, der kann uns allen noch was beibringen.

Was meinst du? fragte Annemarie.

Artur lächelte und nickte mir zu. Du darfst die Neuigkeit bekannt geben.

Ich rückte mit der Sprache raus: Ein guter Familienvater zu sein Ich kann noch viel von euch und diesem Kater lernen!

Da umarmte mich Annemarie fest und ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

So, in dieser Ecke Hamburgs, unter vielen Dächern, inmitten von Menschen, Katzen und Erinnerungen, hatte ich eine Familie gefunden nicht perfekt, aber richtig.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: