Schwiegermamas Frikadellen

Koteletts von der Schwiegermutter

Lukas und Friederike sind nun seit dreieinhalb Jahren verheiratet, und in all der Zeit war Rike höchstens viermal bei seiner Mutter im Haus. Meistens nur zu den großen Feiertagen ein paar Stunden Kaffeebesuch auf dem Dorf, dann gleich wieder zurück in die Stadt, in ihre eigene Wohnung.

Aber plötzlich war Lukas ganz eifrig: Seine Mutter hatte in dieser Woche schon zum dritten Mal angerufen, sich beklagt, dass sie Sehnsucht habe, dass Vater das Dach vom Schuppen reparieren musste und sich dabei den Rücken verrenkt habe, dass alles Unkraut auf den Beeten stehe und keiner helfen könne
Lukas, das muss man sagen, ist ein ausgesprochen braver Sohn er ruft seine Mutter jeden Sonntag wie ein Uhrwerk an, nickt ins Telefon, auch wenn sie Dinge sagt, mit denen er nicht einverstanden ist. Und jetzt saß er da beim Abendessen, kaute Spaghetti mit Würstchen und sah seine Frau mit diesem bittenden Blick an.

Rike, begann er, schob den Teller weg, faltete die Hände auf dem Tisch, Mama hat schon wieder angerufen. Sie meint, wir hätten ganz vergessen, wie sie aussieht. Wollen wir dieses Wochenende rausfahren? Nur drei Tage, versprochen. Komm schon, bitte.

Lukas, ich habe doch am Samstag einen Termin beim Friseur, versuchte Rike, zu widersprechen, aber sie wusste selbst, dass ihr Argument schwach war.

Kannst du den nicht verschieben?, winkte Lukas ab, so als wäre das das Einfachste auf der Welt. Du weißt doch, Mama ist dann eingeschnappt. Sie will sogar Koteletts machen, Kuchen backen. Sie vermisst uns.

Und wie geht’s deinem Vater? Ist der Rücken wieder ok? fragte Rike mehr aus Höflichkeit, denn das Verhältnis zum Schwiegervater war neutral.

Och, das passt schon wieder, der jammert immer, sagte Lukas und zuckte die Schultern. Wir fahren hin, Freitagabend hin, Sonntagabend zurück. Ich sag gleich Mama Bescheid, sie freut sich.

Rike seufzte. Es hatte keinen Sinn zu diskutieren, wenn Lukas erst einmal entschieden hatte so was kannte sie schon, wie dem Kater zu erklären, dass Vorhänge kein Spielzeug sind.

Am Freitagabend packten sie die Reisetasche und ein paar Mitbringsel ins Auto. Lukas hatte für seine Mutter eine flauschige Decke gekauft, für den Vater eine Flasche Obstler. Die Fahrt ins Dorf dauerte knapp zwei Stunden, wenn kein Stau war.
Rike schaute unterwegs aus dem Fenster, beobachtete die vorbeiflitzenden Buchen und die Raststätten, die alle merkwürdige Namen trugen, hörte Lukas beim Radiosingen zu und dachte, dass es vielleicht gar nicht so schlimm werden würde. Drei Tage sind ja nicht die Welt, und eigentlich ist die Schwiegermutter eine herzensgute Frau.

Sie kamen spät an. Das Haus stand am Ende der Straße, nur eine Laterne warf Licht auf die Einfahrt mit dem Kiesweg. Kaum hatte Lukas den Wagen abgestellt und ausgestiegen, ging schon das Licht auf der Veranda an. Die Tür flog auf, und durch den Schein trat Monika Lehmannklein, rundlich, bunte Schürze, mit dermaßen breitem Lächeln, dass man meinen konnte, ihr Gesicht platze gleich vor Freude.

Luki!, quietschte sie über die ganze Straße und war dem Sohn schon um den Hals gefallen. Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr! Ich hab gebrutzelt und gebacken, du glaubst es nicht! Rike, komm doch rein, Mädel, hier draußen ist es kalt!

Rike kletterte aus dem Auto, zupfte ihre Jacke zurecht, setze ein Pflichtlächeln auf und ließ sich umarmen. Monika roch nach gebratenen Zwiebeln und irgendwas Süßlichem, das Rike sofort in die Nase stieg.

Im Haus war es heiß, überall roch es nach Essen. Aus der Küche klang Brutzeln, irgendetwas wurde gerade in der Pfanne gebraten. Auf dem großen Tisch im Wohnzimmer stand schon Aufschnitt, Brot, saure Gurken, eine Karaffe mit Kirschsaft und ein halbes graues Bauernbrot. Günter Lehmann, Lukas Vater, saß vor dem Fernseher und schaute Nachrichten. Er stand auf, ging ihnen entgegen sichtlich erleichtert, denn im Dunkeln, mit den Landstraßen, macht man sich ja immer Sorgen.

Nun seid ihr endlich da, sagte er, gab Lukas die Hand und nickte Rike zu. Grüß dich, Mädel. Komm, zieh Jacke aus, ich deck schon den Tisch.

Ich hab extra Koteletts gemacht!, verkündete Monika von der Küchentür aus, dabei rutschte ihr die Brille fast auf die Nasenspitze. Sie räumte eilig am Tisch herum, stellte Teller hin und her. Mit Kartoffeln, schön viel Zwiebeln, lecker Soße, schwärmte sie. Luki, du magst doch meine Koteletts?

Klar, Mama, weißt du doch! Lukas zog die Jacke aus, spazierte gleich neugierig in die Küche und hängte über die Töpfe, was Monikas Stolz nur noch mehr steigerte.

Rike hängte Klammotten in den Flur und kam nach. Die Küche der Schwiegermutter war recht klein, aber gemütlich wenn man unter Gemütlichkeit versteht, dass wirklich jede Fläche mit Einmachgläsern, Gewürzdosen, Trockentüchern, Nudelpackungen und unzähligen Schüsseln vollgestellt ist.

Setzt dich, Rike, setzt dich, zog Monika ihr eilig den Stuhl zurecht und wischte die Sitzfläche mit der Schürze ab. Du bist sicher müde von der Fahrt, ich mach das fix fertig!

Sie wirbelte los, schnappte einen Teller, räumte ihn weg, öffnete den Ofen ein wärmender Bratenduft schlug Rike entgegen, und sie schluckte unwillkürlich. Sie hatte Hunger, im Auto gabs nur Kaffee aus dem Thermosbecher, zum Essen war keine Zeit geblieben.

Und dann sah Rike es.

Monika stand am Tisch, vor sich eine große Schüssel Hack. Eine riesige grau-rosa Masse, schon geformte Patties lagen ordentlich nebeneinander auf einem Holzbrett, mit Semmelbrösel bestreut. Die Schwiegermutter nahm ein großes Stück Hack, rollte einen Ball und plattete ihn zur Kotelettform. Genau in diesem Moment steckte sie doch tatsächlich die Hand, mit der sie das rohe Fleisch geknetet hatte, unter die linke Achsel.

Nicht nur mal eben kratzen, wie man abwesend seine Nase kratzt nein, richtig tief und genüßlich, die ganze Handfläche schob sie unter den Arm und rubbelte ein paar Sekunden. Dann, ohne sie abzuwischen oder zu waschen, griff sie weiter zum Hackfleisch und formte die nächste Kotelett.

Rike wurde schlagartig übel.

Sie starrte auf die Frauenhand Alltagsfalten, ein goldener Trauring eingedrückt in den geschwollenen Finger, kurz geschnittene Nägel und konnte einfach nicht wegsehen. Diese Hand war vor einer Sekunde noch unter der Achsel verschwunden! Und jetzt im Hackfleisch.
Monika hatte früher schon mal Tiefkühlkoteletts für sie vorbereitet. Die beiden hatten sie zuhause gebraten, gegessen, gelobt. Rike hatte am Telefon sogar gesagt, deine Koteletts sind magisch, Monika. Sie hatten ja auch wirklich lecker geschmeckt…

Mama, hast du Tee? Uns ist ganz kalt nach der Fahrt, rief Lukas aus dem Wohnzimmer.

Doch, gleich!, rief Monika zurück, weiter am Hack arbeiten. Letzten zwei form ich noch, dann wird gegessen!

Rike sah, wie auf dem Holzbretter kleine graue Streifen lagen, da, wo die Hand der Schwiegermutter das Holz berührte. Oder bildete sie sich das nur ein? Rike blinzelte, das Bild wechselte wieder auf das Normalprogramm: Hack, Brett, Patties, Hände.

Monika, kann ich vielleicht aushelfen?, fragte Rike leise, Ich könnte ja die letzten formen, während Sie den Tee aufsetzen…

Quatsch, du bist doch Gast, Liebes!, fuchtelte Monika so energisch mit beiden Hackhänden, dass Rike zusammenzuckte. Setz dich, ruh dich von der Fahrt aus! Ich bin gleich fertig.

Sie formte den letzten Patty, setzte ihn auf das Brett, sah zufrieden auf ihre Hand, spülte sie unter lauwarmem Wasser für ganze drei Sekunden, ohne Seife und trocknete sie an der Schürze ab.

Rike wurde wieder schlecht.

Sie versuchte, sich zusammenzureißen. Was soll’s? Hat halt jemand unter der Achsel gekratzt. Ihre eigene Großmutter, selig, hatte auch manchmal beim Hefeteigkneten sich am Kopf gekratzt, und trotzdem war nie jemand gestorben. Vielleicht ist Rike einfach zu pingelig…

Doch das Bild blieb: Hand, Achsel, Hackfleisch.

Das Abendessen fand am großen Tisch statt, mit Blümchen-Tischdecke. Monika stellte eine Bratpfanne voller dampfender Koteletts auf schön braun, knusprig, außen goldig, innen weich. Der Duft von Zwiebeln und Fleisch einem normalen Menschen würde das Wasser im Mund zusammenlaufen. Doch in Rikes Mund sammelte sich Speichel vor Ekel. Daneben ein Schüssel Kartoffelbrei mit Butter, Tomaten und Gurken, Brot, Einmachgurken, Kirschsaft.

Bedient euch, Kinder!, lachte Monika, schob Rike den Teller hin. Diese sind besonders saftig, extra für dich, Rike!

Rike schaute auf die Koteletts. Wunderschön. Appetitlich. Lukas packte sich schon zwei aufs Teller, gab Kartoffelpüree dazu, schnitt sich eine Gurke ab und biss mit Lust hinein.

Mmmmm, Mama, Hammer wie immer!, nuschelte er.

Na, Gott sei Dank, strahlte Monika und setzte sich gegenüber. Ich hatte schon Angst, dass ich zu wenig Salz oder Zwiebeln genommen habe.

Ist perfekt!, schon war Lukas bei der zweiten Kotelett.

Günter aß still, nickte hin und wieder wohlwollend. Er war nie sehr gesprächig gewesen sein längstes Gespräch mit Rike war mal die Erklärung, wie er Öl beim Golf gewechselt hat.

Rike, warum isst du nichts?, fragte Monika besorgt. Schmeckt’s nicht? Hab ich zu viel Salz erwischt?

Nein, alles ist lecker!, beeilte sich Rike, denn sie ahnte, jetzt würde Monika gleich beleidigt sein, wenn sie keine Kotelett nimmt. Ich bin heute nur ein bisschen matschig vom Fahren, der Magen rebelliert etwas Ich probier gleich, klein bisschen nur.

Sie nahm eine Gabel, schnitt das allerkleinste Stück von der knusprigen Ecke ab. Es duftete tatsächlich verlockend doch die Vorstellung, dass die Hand, die sie eben gesehen hatte, im Hack war, lies das Stück im Hals steckenbleiben. Rike schluckte mühsam, Übelkeit kam wieder hoch.

Sehr gut, murmelte sie, schob den Teller von sich. Monika, könnten Sie mir etwas Kartoffelpüree und eine Gurke geben? Kotelett war lecker, aber ich kann einfach nicht mehr nach der Fahrt.

Ach du meine Güte, klar doch!, rief Monika, kippte ihr sogleich Püree auf den Teller. Die Koteletts packe ich euch für zuhause ein, ich hab extra viel gemacht!

Lukas warf Rike einen schnellen Blick zu und aß einfach weiter, mit der Sorglosigkeit eines Mannes, den Gedanken an Hygiene beim Essen nicht quälen.

Rike piekste im Püree, kaute langsam Gurke und überzeugte sich: Wahrscheinlich ist sie einfach überreizt und nervlich empfindlich. Millionen Deutsche essen Koteletts, die ihre Mütter und Omas zuhause machen. Und werden uralt. Aber das Bild ging nicht mehr aus dem Kopf: Die Hand unter der Achsel.

Nach dem Essen räumte Monika ab. Lukas und sein Vater verschwanden in den Schuppen, um am alten Rasenmäher zu schrauben. Rike blieb mit der Schwiegermutter in der Küche, die Tee in einer alten Kanne mit gesprungenem Ausguss aufbrühte.

Du, Rike, nimm’s mir nicht übel, dass ich so gedrängelt habe, dass ihr kommt, meinte Monika, schenkte Tee aus. Ich bin einfach froh, euch zu sehen. Die Stadt, die Karrieren, das ist ja schön, aber als Mutter fragt man sich, wie’s euch geht.

Alles gut, Monika, erwiderte Rike, nahm ihre Tasse. Arbeit, Wohnung, alles läuft.

Das ist die Hauptsache, Monika stützte das Gesicht auf die Hand, sah Rike merkwürdig forschend an. Ihr liebt meine Koteletts, das weiß ich! Luki schwärmt immer von meinen Vorräten. Das gibt’s in der Stadt einfach nicht da ist nur Chemie drin. Ich kaufe das Fleisch selber frisch auf dem Markt bei Bekannten, ich dreh das Hack sogar selber.

Rike nippte am schwarzen Tee, verbrannte sich die Zunge und die Übelkeit zog wieder hoch. Der Tee war normal, aber als sie daran dachte, welche Hände Tasse und Löffel zuletzt gespült hatten, stellte sie die Tasse ab.

Monika, darf ich mich kurz ins Zimmer zurückziehen? Ich hab fiese Kopfschmerzen, bestimmt von der Autofahrt.

Natürlich, mein Schatz! Monika war gleich in Sorge. Im Schrank liegt frische Bettwäsche, Luki weiß Bescheid. Wenn du was brauchst, ruf nur.

Rike ging, zog sich ins Gästezimmer zurück, schloss die Tür und merkte, gleich kommt alles hoch. Sie schaffte es auf die Toilette und verharrte dann lange auf dem Deckel, versuchte, tief durchzuatmen.

Als Lukas zurückkam, fand er sie als zusammengekrümmtes Häufchen auf dem Gästebett.

Was ist los?, setzte sich zu ihr. Geht’s wirklich schlecht?

Lukas, flüsterte Rike, ihre Augen weit, ich erzähle dir jetzt was, und bitte, lach mich nicht aus und werd nicht wütend, ja?

Na, schieß los, sah er sie an.

Und sie erzählte: Die Hand, die Achsel, das Hack, die Koteletts, die Übelkeit alles, ruhig, ganz leise, damit niemand etwas hört.

Lukas sah sie an, mit einem Ausdruck, den sie nicht deuten konnte: Unglauben? Genervt? Nachdenken?

Hör mal, sagte er nach einer Weile, sie macht das doch nicht mit Absicht. Das ist halt Alltag. Meinst du, unsere Omas auf dem Land haben sich nach jedem Nieser die Hände gewaschen? So ist eben Hausmannskost.

Lukas, sie hat die Hand nach der Achsel direkt ins Hack gepackt, Rikes Stimme begann zu beben, obwohl sie sich beherrschte. Kein bisschen Seife, nur schnell abgespült und abgetrocknet. Ich erinnere mich an all die Vorratspakete und mir dreht sich der Magen um.

Was willst du jetzt machen?, bekam sein Ton einen raueren Klang. Sagst du ihr, sie sei unhygienisch? Sie wäre am Boden zerstört! Sie macht das alles doch nur für uns!

Ich werde nichts sagen, presste Rike müde hervor. Aber ich kann es nicht mehr essen. Ich kann ihre Koteletts nicht mal mehr ansehen.

Lukas stand auf, ging im Zimmer auf und ab, fuhr sich mit der Hand durch die Haareein Zeichen, dass er sich ärgert.

Du machst ein Drama daraus, sagte er scharf. Jeder kratzt sich mal irgendwo beim Kochen. Oder richtet die Haare. Das ist keine OP. Es ist eine ganz normale Küche. Wenn du alles kontrollierst, wirst du verrückt.

Ich wasche die Hände, erwiderte Rike leise. Jedes Mal, bevor ich koche. Oder wenn ich etwas Unsauberes berühre. Das ist normal für mich.

Schön für dich, sagte Lukas, jetzt fast wütend. Aber meine Mutter macht das eben seit Jahrzehnten so. Ich bin damit aufgewachsen. Du hast doch auch immer geschwärmt, wie lecker es ist.

Ich wusste es halt nicht, sah sie ihm in die Augen. Jetzt weiß ich’s. Und ich werd das Bild nicht mehr los.

Lass es halt gut sein, sagte Lukas, so schlimm ist es auch wieder nicht. Ich will gar nicht wissen, was in Restaurants alles passiert. Und da isst du ohne zu zucken.

Bitte lass das, sagte Rike, spürte einen Kloß im Hals. Mir hilft das gar nicht.

Na gut, atmete er tief, kam zurück, setzte sich an ihre Seite und umarmte sie. Dann isst du halt nichts. Ich sag Mama, du bist krank, irgendwas mit dem Magen. Aber sag bitte nicht, woran es wirklich liegt. Das würde sie nicht verkraften.

Ich sag nichts, sagte Rike leise. Ich will einfach nur weg von hier.

Morgen fahren wir schon. Ich sage, du hast Fieber und wir müssen zurück. Ja?

Ja, flüsterte Rike, auch wenn nichts wirklich gut war.

Sie legte sich ins Bett. Lukas machte das Licht aus. Sie lagen schweigend da, hörten den Fernseher durch die Wand, das gelegentliche Husten von Günter, das Klappern von Monika in der Küche.

Rike starrte an die Decke und wurde bitter bewusst: Dreieinhalb Jahre sind sie verheiratet, und die ganze Zeit hat sie Koteletts aus Monikas Vorrat gegessen, ahnungslos. Wie oft hatte sie nach dem Rezept gefragt, wie oft ehrliches Lob ausgesprochen. Und jetzt konnte sie nicht mehr an etwas anderes denken vielleicht war es ja dieses Geheimnis, das Monikas Koteletts so besonders machte.

Am nächsten Morgen fühlte sich Rike wie gerädert. Lukas frühstückte schon mit seinen Eltern in der Küche, lachte, redete. Sie döste noch, aber wusste, sie kann sich nicht ewig verstecken.

Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und ging in die Küche.

Ach du Arme!, rief Monika gleich. Luki meint, du hättest Fieber bekommen? Ich mach dir schnell einen Tee mit Himbeeren, die sind noch vom letzten Jahr!

Danke, Monika, setzte sich Rike, vermied es, die mit einem Tuch abdeckte Schüssel mit den übrigen Koteletts auf dem Tisch anzusehen. Mir geht’s schon besser. War wohl einfach die Reise.

Diese Raststätten!, schüttelte Monika den Kopf. Ich sag ja immer zu Günter: Lieber zuhause essen. Ihr wollt doch nie hören. Schau, was man davon hat.

Mama, wir haben unterwegs nichts gegessen, nur Kaffee aus der Thermoskanne, mischte sich Lukas ein.

Na, dann war’s wohl doch der Stress, gab Monika nicht auf. Trink Himbeerttee, das hilft.

Rike nahm die Tasse, nippte vorsichtig, spürte, wie der warme Tee ihren Körper durchlief und dachte plötzlich: Hat Monika die Hände gewaschen? Wenn sie so weiterdenkt, dreht sie bald durch. Sie muss loslassen oder nie wieder herkommen.

Monika, danke für die Gastfreundschaft, sagte Rike, stellte die Tasse ab. Aber ich glaube, wir fahren wirklich heute wieder heim. Lukas meint, es ist besser so.

So schnell schon?, war Monika enttäuscht. Ich wollte noch Kuchen backen, Erbsensuppe kochen. Luki liebt meine Erbsensuppe doch so.

Beim nächsten Mal, Mama, Lukas gab seiner Mutter einen Kuss. Rike geht’s wirklich nicht gut. Ich komme dann mal alleine in ein paar Wochen, helfe Papa mit dem Dach, dann krieg ich Suppe und Kuchen. Ok?

Monika seufzte, sah erst zu Rike, dann zu Lukas und wieder zu Rike in diesem Blick lag etwas, das Rike unangenehm traf. Als hätte sie die Schwiegermutter alles verstanden. Alles. Auch mit den Koteletts, der Achsel, warum die Schwiegertochter genau nach dem Essen krank wurde.

Wie du willst, sagte Monika, und ihre Stimme war trocken. Ich geb euch Vorrat mit. Habe genug gemacht, im Tiefkühler liegt noch viel, reicht für die nächste Woche.

Rike wurde blass, zwang sich aber ein: Danke, Monika. Sie sind sehr großzügig.

Sie machten sich schnell fertig. Lukas packte das Auto, während Rike sich von Günter verabschiedete. Werd gesund, Mädel! Kommt wieder, wenn’s besser geht, sagte er, schüttelte ihre Hand mit seiner großen, trockenen Hand.

Monika brachte einen Beutel hinaus, drückte ihn Lukas in die Hand. Da sind Koteletts, etwas Marmelade und mein Speck. Für euch, guten Appetit.

Danke, Mama, Lukas küsste sie auf die Wange. Rike bemerkte, dass Monika diesmal nicht lächelte, sondern nur stumm nickte und schnell ins Haus verschwand.

Auf der Rückfahrt schwieg Rike. Im Kofferraum lag der Beutel Koteletts, sie spürte seine Anwesenheit wie etwas Lebendiges und Gefährliches. Auch Lukas sagte lange nichts. Seine gekniffenen Lippen, das gereizte Schalten und der starre Blick nach vorn verrieten seinen Ärger.

Iss sie ruhig, sagte Rike leise, als sie die ersten Häuser der Stadt erreichten. Ich sag nichts. Aber ich esse sie nicht.

Weißt du, dass Mama alles verstanden hat?, seufzte Lukas erschöpft.

Was hat sie verstanden?, fragte Rike, sah ihn an.

Alles. Dass du nichts gegessen hast, dann auf einmal krank wurdest, sofort weg wolltest. Sie spürt sowas. Sie ist verletzt. Und ich versteh sie.

Und mich verstehst du nicht? Rike drehte sich zu ihm.

Er antwortete nicht.

Zuhause in der Stadt räumte Rike in der Küche auf, betrachtete blitzsaubere Oberflächen, die Reihen von Tupperdosen, die hundert Mal gespülten Bretter. Hier war ihr Reich. Hier wusch man sich die Hände, bevor man das Essen anfasste. Hier gab es keine Koteletts, die mit einer gerade noch unter die Achsel gewanderten Hand geformt wurden.

Lukas brachte den Beutel in die Tiefkühltruhe und schloss die Tür.

Du wirst sie nicht essen?, fragte sie.

Doch, sagte Lukas mit herausforderndem Ton. Das sind Mamas Koteletts. Ich habe mein Leben lang davon gegessen.

Er ging unter die Dusche, ließ sie allein in der Küche zurück. Rike stellte sich an das Spülbecken, nahm Seife, wusch ihre Hände gründlich, lange, bis zum Ellenbogen, wie man es vor einer Operation macht. Sie trocknete sie sorgfältig ab und fragte sich, ob das überhaupt noch einen Unterschied machen kann. Kann man wegwaschen, was einem im Kopf geblieben ist?

Das wusste sie nicht.

Aber eins wusste sie ab jetzt genau: Sie würde nie wieder ein Kotelett essen, das Monika Lehmann mit ihren Händen zubereitet hatte. Keine Bitten, keine Schuldgefühle, kein sie hat’s nicht böse gemeint würde sie je wieder dazu bringen.

Drei Tage später briet Lukas vier von den Koteletts, türmte Püree und Gewürzgurke daneben und setzte sich an den Tisch.

Willst du auch?, hielt er ihr die Gabel mit einem abgebissenen Kotelett hin.

Nein, sagte Rike. Danke.

Sie verließ den Tisch, setzte sich ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher an und drehte den Ton lauter, um nicht zu hören, wie Lukas isst.

Rike wusste: Diese Reise hatte etwas in ihrer Familie verändert etwas, das wohl nicht wieder zu kitten war. und all das nur wegen einer Hand. Einer ganz normalen Frauenhand, die eben dort gekratzt hatte, wo es juckte.

Sie schloss die Augen und nahm sich vor, nicht mehr daran zu denken. Wenn man nicht daran denkt, kann man weiter machen. Man kann das essen, was man selbst gekocht hat. Und nie mehr einen Bissen nehmen von etwas, das fremde Hände gemacht haben.

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Homy
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