Von Schatten ins Licht

Von Schatten zum Licht.

Schon wieder diese blöden Soaps? Der Klang von Viktors Stimme direkt hinter ihr war so abrupt, dass Johanna zusammenzuckte und fast die Teetasse fallen ließ. Ich habe dir doch gesagt, davon verblödet man. Räum lieber die Küche auf oder denk mal über ein Kind nach. Du hast zu viel Zeit, darum bist du immer melancholisch.

Sie antwortete nicht. Drückte einfach stumm den Ausschaltknopf auf der Fernbedienung. Plötzlich wurde die Stille riesig bis durch die Wand das Lachen fremder Kinder drang, das wie ein ferner Windstoß durch das makellos aufgeräumte Wohnzimmer schwebte, dessen teure Einrichtung nie gegen die Kälte ankam. Ihr entstand ein Kloß im Hals, Nächte schwerer als der Februar draußen.

Ich rede mit dir, hörst du? Viktor legte systematisch sein Jackett über die Stuhllehne. Wenn er sich bewegte, war es immer wie ein präzises Uhrwerk. Sogar seine Dünkel pressten sich in kontrollierte Sätze, in denen die Ruhe alles noch kälter wirken ließ. Hörst du mich überhaupt?

Ja, ich höre dich, flüsterte Johanna, stand auf eine alte Gewohnheit seit Kindestagen bei Tante Gertrud: Immer stehen, wenn der Ältere spricht. Niemals widersprechen. Niemals sich wehren.

Gut. Ist das Abendessen fertig?

Ja, es ist im Ofen. Hähnchen mit Gemüse wie du es gern hast.

Viktor nickte und ging in die Küche. Johanna blieb in der Mitte des kühlen Wohnzimmers stehen und starrte hinaus: der Himmel abends schon in Schwarz getaucht, die Straßenlampen warfen leere Lichtkegel auf die vereisten Höfe der Plattenbausiedlung am Berliner Stadtrand. Achtundzwanzig Jahre. Die Hälfte vorbei, dachte sie. Aber eigentlich hat sie nie gelebt.

***

Die Eltern starben, als Johanna sieben war ein Unfall auf nassen, glatten Straßen, der Tod kam sofort. Sie erinnerte sich: wie sie klein zusammengerollt auf einem Krankenhausflur saß, eine fremde Frau ihr über das Haar strich und immer wieder flüsterte: “Ach, das arme Mädchen…”

Dann erschien Tante Gertrud eine Cousine des Vaters, um die fünfzig, streng zurückgesteckte Haare, schmale Lippen, die selbst das Lächeln zur Zwangsjacke machten. Sie packte alles an sich.

Das Kind muss irgendwohin, erklärte Gertrud den Sozialarbeiterinnen, während Johanna danebenstand wie ein Paket. Heim? Kommt nicht infrage. Blut ist Blut.

Gertrud zog aufs Elternsofa, beantragte die Vormundschaft. Sie selbst hatte nie eine eigene Wohnung, hauste zur Untermiete in einem Altbau, arbeitete als Buchhalterin, und der neue Status als “Retterin” erfüllte sie fast mit Stolz.

Du solltest mir dankbar sein, wurde gleich in die Haut von Johanna eingeritzt. Ich opfere mein Leben für dich! Ich hätte heiraten können. Aber statt mein Glück aufzusuchen, schleppe ich dich durch. Merke dir das genau!

Und Johanna merkte es. Jeden Tag, jede Stunde. Dieses Schuldgefühl kroch bis in ihre Knochen. Sie wollte brav sein, nützlich, unsichtbar. Lernte fleißig, half im Haushalt, stellte keine Wünsche. Gertrud schlug sie selten, schrie kaum aber jeden Tag rieselte von ihren Lippen ein Gift aus Vorwurf und Schuld.

Schon wieder eine Vier in Sport? Undankbar, ich tue alles für dich! Und du?

Hast du Brot geholt? Ja? Falsches Brot. Ich sagte Schwarzbrot!

Deine Freundin war hier? Kaffeekränzchen? Das Zimmer ist nicht gemacht. Faules Kind!

Mit sechzehn wusste Johanna nicht mehr, was Liebe war sie erinnerte sich nur noch vage an die Gerüche von Mama, Papas Lachen, das Gefühl der Geborgenheit. Das alles verschwand wie Nebel in den endlosen Vorhaltungen Gertruds. Nach dem Schulabschluss kam sie aufs pädagogische Fachseminar, ein Gratisplatz, Gertrud zufrieden: Das Kind wird sich selbst versorgen! Nach dem Abschluss arbeitete Johanna im Kindergarten. Das Gehalt war ein Witz, aber sie gab jeden Monat einen Anteil fürs “Halten des Haushalts” ab, und Gertrud erlaubte ihr zu bleiben.

Wohin willst du ohne mich? mahnte Gertrud, als Johanna mit dreiundzwanzig schüchtern fragte, ob sie ausziehen dürfe. Du kannst doch gar nichts. Ohne mich bist du verloren. Ich hab dich großgezogen und das ist dein Dank!

Ein schlechtes Gewissen hatte Johanna genug für zwei Leben. Sie blieb.

***

Viktor hatte sie auf einem Geburtstagsfest einer Kollegin kennengelernt. Er war fast fünfzig, sie vierundzwanzig. Groß, aufrecht, prüfender Blick, teure schlichte Uhr, eindeutig aus einer anderen Welt. Er war der Onkel der Gastgeberin. Sie trafen sich in der Küche.

Sie sind sehr sympathisch, Viktor sagte, als er sie im Türrahmen übersah. So eine zurückhaltende junge Frau sieht man heutzutage selten.

Sie errötete, wusste nicht, was antworten. Er lachte, bat um ihre Nummer. Sie gab sie, selbst überrascht über ihren Mut.

Viktor begann, um sie zu werben: tägliche Anrufe, Einladungen in Restaurants, die Johanna nur aus Filmen kannte, Blumen. Er schwärmte: Sie sei etwas Besonderes, ganz anders als ehrgeizige Karrierefrauen, er suche Wärme und ein echtes Heim.

Sie sind wie eine Blume, sagte er. Die muss man beschützen.

Er war der erste, der ihr je Fürsorge zeigte. Nicht einfordern, sondern geben.

Gertrud war einverstanden.

Endlich machst du etwas Vernünftiges, musterte sie Viktor von oben bis unten. Ein richtiger Mann. Wenn du heiratest, kannst du ordentlich leben. Von dem Kindergartengehalt kannst du ja nicht leben.

Nach einem halben Jahr heirateten sie unspektakulär. Viktor bestand auf Schnelligkeit. Und Johanna zog in seine große, kühle Dreizimmerwohnung am Münchner Stadtrand.

Arbeiten brauchst du nicht. Ich versorge uns. Sorge du für Heim und Kind.

Johanna stimmte zu. Sie glaubte, das sei Liebe. Viktor kümmerte sich kaufte ihr Kleidung (suchte alles selbst aus, meinte, sie habe eh keinen Geschmack), gab ihr Bargeld für den Haushalt (abgezählt, Belege mussten aufbewahrt werden), fuhr sie zu Terminen (nur wenn er entschied, dass sie nötig waren).

Anfangs lebte sie wie benommen. Alles war edel und kalt: Luxustechnik, großer Fernseher, Ledersofas, aber kein einziger Berührungspunkt ihres Lebens, nichts von ihr. Sie versuchte, Farbe ins Leben zu bringen: bunte Kissen, ein paar Blumen. Viktor runzelte die Stirn.

Was soll der Kram? Wir machen Minimalismus. Weg damit.

Sie nahm sie weg.

Dann kamen Bemerkungen. Immer beiläufig.

Du salzt die Suppe zu sehr.

Das Kleid macht dich dick. Zieh was anderes an.

Schon wieder hast du die Zahnpastatube offen gelassen? Wie oft denn noch?

Die kleinen Tadel wurden mehr, flirrten täglich durch die Zimmerluft wie tückischer Staub. Johanna versuchte alles richtig zu machen, aber es fand sich stets ein neuer Fehler.

Willst du mich ärgern? knurrte Viktor. Ich zeige dir den richtigen Weg, aber du willst nicht hören. Dickköpfig, ungeschickt.

Sie schwieg, schluckte Tränen, geknebelt von Schuld. Ein Gefühl, geboren aus alten Tagen. Nie recht gemacht bei Gertrud, nun nie recht bei Viktor.

Nach einem Jahr begann Viktor, sie auf das Ausbleiben eines Kindes anzusprechen.

Warst du beim Arzt? Vielleicht stimmt etwas nicht mit dir?

Die Ärzte sahen keine Ursache. Viktor runzelte die Stirn.

Vielleicht willst du einfach kein Kind. Egoist!

Sie dachte niemals an sich. Sie funktionierte, Tag für Tag. Kochen, putzen, waschen, gefallen. Viktor kam spät, aß wortlos, starrte Nachrichten im Fernsehen, ging ins Bett, fuhr am Samstag in die Berge angeln. Sie war nicht eingeladen.

Was willst du dort? Ruhe dich aus.

Sie blieb zu Hause. Sah durch das Fenster, schaute zu, wie Nachbarskinder im Schnee tollten. Serien liefen leise, verstummten rechtzeitig vor Viktors Rückkehr. Er missbilligte jegliche “Zeitverschwendung.”

***

Eines Tages, es war Sommer und Johannas sechsundzwanzigster Geburtstag schon vorbei, stand sie mit Einkaufszettel im Supermarkt Viktor schrieb den jeden Tag, unerbittlich, nie durfte etwas Überzähliges in den Korb da hörte sie hinter sich:

Franzi? Johanna Berger? Bist dus?

Sie drehte sich um. Eine große Frau mit Kurzhaarfrisur, lässiger Jeans, knalligem Shirt. Im nächsten Augenblick erkannte sie Franziska, ihre alte Schulfreundin. Noch bis zur neunten Klasse hatten sie zusammen in Dresden gelernt, dann war Franziska weggezogen.

Franziska! Hallo, Johanna lächelte verlegen. Was machst du hier?

Bin vor ein paar Wochen hergezogen meine Eltern sind zurück nach München. Ich arbeite remote. Und du? Bist verheiratet? Kinder?

Verheiratet, Johanna nickte. Noch keine Kinder.

Wollen wir uns mal auf einen Kaffee treffen? Hier meine Nummer!

Franziska diktierte sie rasch. Johanna notierte sie auf dem Handy. Sie wechselten noch ein paar Sätze und Franziska verschwand in einer Energie, die ansteckte.

Am Abend, als Viktor schlief, schaute Johanna lange auf die eingespeicherte Nummer. Sie wollte schreiben, aber sie wagte kaum. Viktor duldete keine “eigene” Zeit. Doch Franziska war eine alte Freundin. Vielleicht könnte sie sich ja einfach einen Kaffee gönnen?

Am nächsten Tag schrieb Johanna zaghaft eine Nachricht. Die Antwort kam prompt: Verabredung im Café, wenn Viktor auf der Arbeit war.

Muss zur Hausärztin, erklärte sie Viktor morgens; er brummte nur.

***

Sie trafen sich in einem kleinen Café nahe des Englischen Gartens. Franziska saß schon am Fenster mit Laptop und strahlte.

Es ist so schön, dich zu sehen! Kaffee steht schon da.

Franziska sprudelte: Ausbildung zur Web-Entwicklerin, jetzt eigene Projekte, Bildbearbeitung, Online-Support. Ihre Stimme war locker, lebensfroh, funkelnd. Johanna lauschte einer Sehnsucht, die wie Morgentau an ihrer Seele klebte: Sehnsucht nach Freiheit.

Was machst du inzwischen?

Ich bin zu Hause. Mein Mann will nicht, dass ich arbeite.

Und willst du?

Johanna schaute in die Tasse. Wollte sie? Sie fragte sich das zum ersten Mal.

Ich weiß es nicht, gab sie zu. Ich habe nie darüber nachgedacht.

Franziska dachte kurz nach.

Willst dus mal versuchen? Ich brauche Hilfe bei Bildbearbeitung für Webshops. Von zu Hause, ein, zwei Stunden am Tag. Die Aufträge werden mehr, ich schaffe es allein nicht. Willst du mitmachen?

Ich kann das nicht, ängstlich wies sie ab.

Doch, doch! Ich brings dir bei. Es ist leicht genug.

Und plötzlich regte sich Hoffnung in Johanna, wie Sonne nach langem Winter. Sie nickte.

Ich hab keinen eigenen Laptop…

Hat dein Mann einen?

Ja, einen.

Na also. Nimm ihn, wenn er weg ist. Ich schick dir Programme, erklär alles. Versuch es. Wenns nicht deins ist, hörst du wieder auf.

Sie zögerte. Aber am Ende sagte sie zu. Es war ein diffuses Aufatmen, ein Wagnis. Aber es fühlte sich gut an.

***

Zwei Tage nach dem Treffen schaltete sie den Laptop an, als Viktor nicht da war. Hände zitterten, Herz klopfte rasend. Vier Stunden Zeit genug, um Franziskas Programme zu installieren und die ersten Lektionen zu starten.

Es war schwer. Johanna verstand die Software kaum, war verwirrt durch die unzähligen Funktionen, begriff viele Begriffe nicht. Doch es war spannend. Sie schaute Tutorials, probierte, versagte, startete neu. Die Zeit verging wie im Flug.

Vor Viktors Rückkehr schloss sie alle Programme, löschte Internetspuren (Franziska hattes ihr gezeigt), stellte den Laptop an seinen Platz. Kochen, Tisch decken, das altgewohnte Spiel. Doch innerlich keimte ein Geheimnis, ein erstes eigenes, und das machte vieles leichter.

Nach wenigen Wochen konnte sie bereits einfache Aufträge erledigen. Franziska ließ ihr regelmäßig Produktbilder zukommen freistellen, Farben optimieren, zuschneiden. Nicht schwer, aber entlohnt. Nach Viktors Maßstab Kleingeld, doch für Johanna der erste selbst verdiente Euro.

Franziska überwies das Honorar auf einen eigenen Account eingerichtet auf Franziskas Namen.

Ich gebe es dir bar, erklärte Franziska. Sicher ist sicher. Spar es.

Wofür sparen? fragte Johanna.

Für einen Notfall.

Johanna begriff nicht ganz, nickte aber und steckte den Schein zwischen Seiten eines alten Gedichtbands ihrer Mutter, nie wieder geöffnet von irgendeinem ihrer Hausherren. Da schlummerte auch das einzige Foto ihrer Eltern.

Die Aufträge wurden mehr. Bald konnte sie Bilder kollagieren, kleine Retuschen machen. Franziska lobte sie. Das Lob tat weh und gut zugleich sie war es nicht gewohnt, für nichts als ihr So-Sein anerkannt zu werden.

Viktor bemerkte nichts. Abendessen, News, Schlafen, Routine. Manchmal fragte er, was sie tagsüber mache. “Kochen, putzen”, antwortete sie. Das reichte. In Gedanken aber schwirrten schon neue Bildaufträge.

***

Ein Jahr verging. Johanna wurde siebenundzwanzig. Viktor drängte immer häufiger auf das Thema Kinder, wurde ungeduldiger.

Willst du nicht noch einmal zu einem anderen Arzt? Oder willst du überhaupt keine Kinder? Sag schon!

Ich will schon, antwortete sie leise. Aber der Gedanke, ein Kind in diese Welt zu bringen, machte sie panisch.

Also, was ist los? Ich versorge dich, gebe dir alles, und du schaffst es nicht einmal, ein Kind zu gebären. Nutzlos.

Das Wort “nutzlos” schnitt ihr ins Herz wie ein Eiskristall. Johanna schwieg, ballte die Hände im Schoß. Früher hätte sie geweint nun war sie zu müde. Keine Tränen, nur noch dumpfe Schwere.

Nach solchen Gesprächen ging sie schnurstracks zum Laptop, tauchte in Photoshop ab. Dort kontrollierte sie wenigstens irgendetwas, konnte Fehler reparieren, Schönes erschaffen, Lob bekommen. Nur dort.

Geld summierte sich. Auch Franziska verschaffte ihr immer mehr Aufträge, half ihr auf Plattformen für Freiberufler. Drei, vier Stunden arbeitete Johanna täglich, solange Viktor außer Haus war. Sie wurde immer besser, schneller, bekam positives Feedback.

Eines Abends, als Viktor wegen Kopfschmerzen früh ins Bett ging, zählte Johanna ihr Bargeld: Über zweitausend Euro! Sie könnte sich ein Zimmer für Monate leisten, falls nötig. Konnte eigenständig leben, bis sie einen neuen Job fände.

Die Idee, Viktor zu verlassen, kam wie ein Blitz. Johanna hatte Angst wohin sollte sie gehen? Zu wem? Immerhin sorgte Viktor für sie. Ja, er war oft hart aber sind Ehemänner nicht so? War sie nicht selbst schuld daran, immer alles falsch zu machen?

Aber der Gedanke blieb. Wuchs, wurde täglich lauter.

***

Im Winter kam der Bruch. Viktor kam unerwartet früher heim; Johanna schaffte es nicht, den Laptop rechtzeitig zu sperren.

Was machst du da? Seine Stimme war tödlich leise.

Ich… wollte nur…

An meinen Sachen? Wer hat dir das Recht gegeben, meinen Laptop zu benutzen?

Ich… nein… ich wollte…

Also nicht. Nicht einmal fragen kannst du? Oder meinst du, alles gehört dir?

Tut mir leid, ich werde es nicht wieder…

Was hast du da gemacht? Er durchsuchte die Browservorliste, stieß auf die Freelancer-Plattform.

Er sah sie eisig an.

Arbeitest du heimlich hinter meinem Rücken?

Ich wollte nur beitragen, flehte Johanna.

“Beitragen”? Für mich? Glaubst du, ich kann uns nicht allein ernähren?

So meinte ich das nicht…

Halt den Mund, sagte er ruhig. Du zerstörst alles. Ich habe dir alle Freiheiten gelassen, und du suchst dir Nebenbeschäftigungen, statt endlich ein Kind zu bekommen.

Er klappte den Laptop zu und nahm ihn unter den Arm.

Von nun an wirst du mir täglich berichten, wo du warst und was du gemacht hast. Du hast zu viel Raum.

Er verschwand mit dem Laptop im Schlafzimmer. Johanna blieb allein, gefangen. Die Tränen kamen plötzlich, sie sackte zu Boden, kauerte sich in sich selbst zurück. Ihr Inneres ein einziger harter Knoten.

Nachts lag sie wach neben dem schnarchenden Viktor, dachte: Es geht nicht mehr. Sie erstickt. Das ist kein Leben, sondern Überleben. Plötzlich hatten all die Worte aus den Fernseh-Dokus über seelische Gewalt eine Bedeutung: Es war ihre Geschichte.

Am Morgen, als Viktor zur Arbeit ging, rief Johanna Franziska an.

Ich brauche Hilfe, sagte sie.

***

Sie trafen sich im selben Café. Johanna erzählte alles von Viktors Kontrolle, vom entwendeten Laptop, vom drohenden Käfig. Franziska hörte schweigend zu, drückte ihre Hand.

Du musst gehen, flüsterte sie. Sonst gehst du zugrunde.

Aber wohin? Ich hab doch nichts, Johanna fiel die Stimme.

Du hast Geld. Du hast dich bewiesen. Du kannst arbeiten. Du kannst zu mir, solange du suchst. Aber du musst gehen. Jetzt.

Vielleicht ist er ja trotzdem im Recht? zitterte sie. Vielleicht bin ich wirklich das Problem…

Hör mal zu, Franziska drückte ihre Finger fest. Das sind seine Worte, nicht deine. Er hat dich kleingemacht, dir eingeredet, dass du wertlos bist. Dabei bist du klug und mutig. Denk daran: Niemand ist nutzlos, der in einem Jahr eine neue Fähigkeit lernt!

Johanna schwieg. Franziskas Worte waren wie Atem für Ertrinkende.

Ich habe Angst, gestand Johanna endlich.

Das ist normal. Aber schlimmer ist, zu bleiben. Das schwöre ich dir.

Sie blieben lange im Café, schmiedeten Pläne. Franziska bot Couch und Internetzugang, half bei Zimmersuche, wies Johanna an, wie sie Geld aus ihrem Versteck herausschaffen konnte.

Außerdem brauchst du eine Therapie, meinte Franziska nachdrücklich.

Johanna nickte. Früher dachte sie, Therapie sei etwas für Spinner. Jetzt wusste sie: Wahnsinn ist, das alles stumm zu ertragen.

***

Eine Woche später zog Johanna aus. Viktor war auf Geschäftsreise. Sie packte nur das Notwendigste: Kleidung, Papiere, Foto der Eltern, Buch mit Geld. Mehr wollte sie nicht aus dieser kalten Wohnung.

Sie schrieb eine kurze Notiz. Einfach: “Ich gehe. Bitte such mich nicht. Es tut mir leid.”

Als sie die Tür schloss, zitterten ihre Hände zutiefst. Im Aufzug hielt sie inne, vor der Haustür atmete sie winterklare Luft. Kälte brannte, aber sie fühlte sich leichter. Vorgärten glitzerten, Nebel kräuselte über dem Asphalt.

Franziska wartete schon unten, half ihr mit den Bags. Eine Einzimmerwohnung im Münchner Umland, winzig, aber für Johanna ein Palast. Franziska legte ihr Tee, Decke, Ohrensessel zurecht.

Und? Wie geht’s dir?

Ich weiß nicht, gestand Johanna. Es ist beängstigend. Aber wohl das Richtige.

Die ersten Tage waren zäh. Viktor rief an, schrieb lange Nachrichten, erst böse: “Undankbar ich gab dir alles!”, dann flehend: “Bitte, komm zurück, ich ändere mich!” Johanna blieb stumm, jeder Ton stach wie ein Messer. Zwei Stimmen in ihr rangen: die alte, die zurückwollte; die neue, die flüsterte: “Lauf.”

Franziska half ihr, die Nummer zu blockieren, wechselte Sim-Karte. Nach zwei Wochen mietete Johanna ein Zimmer bei einer älteren Dame. Zehn Quadratmeter, winziges Fenster aber ein eigenes Leben. Niemand kontrollierte, niemand forderte. Allein.

Franziska besorgte ihr einen gebrauchten Laptop.

Jetzt kannst du richtig arbeiten. Du schaffst das.

Johanna begann, systematisch zu arbeiten. Keine Heimlichkeit mehr, sondern offene Kundensuche, eigene Aufträge. Sie lebte sparsam aber selbst bestimmt. Langsam gewöhnte sie sich daran, für sich selbst zu sorgen: den Einkauf, Filmeabende, eigene Gerichte, ihre eigene Zeit.

Aber innerlich blieb eine Leere. Viel Angst. Und Schuld.

***

Tante Gertrud erfuhr von Viktors Versuchen, Johanna zu finden, und meldete sich prompt am Telefon.

Bist du verrückt geworden? Von so einem Mann geht man nicht! Er hat dich versorgt und das ist dein Dank? Ich habe dich aufgezogen, und du blamierst mich!

Johanna hörte zu, als ob eine alte Kette sich um sie schlang.

Ich komme nicht zurück, sagte sie ruhig. Weder zu ihm noch zu dir.

Wie kannst du es wagen! Ich habe alles für dich gegeben!

Nein, du hast mir die Wohnung und die Schuld gegeben. Ich schulde dir nichts mehr.

Sie legte auf. Ihre Hand zitterte, aber zum ersten Mal war sie leicht. Gertrud rief nie wieder an.

***

Franziska bestand darauf, dass Johanna eine Psychologin aufsuchte.

Ohne professionelle Hilfe kommst du da nie raus, meinte sie.

Johanna hatte Angst: Die Therapeutin würde sie doch auch richten, ihr vorhalten, zu lang gewartet zu haben. Aber Franziska vermittelte ihr einen Termin bei Frau Dr. Maier. Johanna saß im freundlichen, kleinen Praxisraum mit einer Tasse Kräutertee und wusste nicht, wie sie anfangen sollte.

Ich weiß eigentlich nicht, was ich hier mache, gestand sie.

Wie fühlen Sie sich denn? fragte Frau Dr. Maier.

Komisch. Egal, was ich mache ich fühle mich schuldig.

Wofür schuldig?

Für… alles, und sie spürte den Kloß im Hals.

Da begann das Erzählen. Sie sprach über ihre Kindheit, Gertrud, über den ständigen Kredit der Dankbarkeit, Viktor, die Vorwürfe, Unzulänglichkeit, über ihr verzweifeltes Streben, alles richtig zu machen, doch immer zu versagen.

Dr. Maier hörte stumm zu. Dann sagte sie sanft:

Was Sie erlebt haben, nennt man emotionale Gewalt. Erst zu Hause, dann in der Ehe. Sie haben gelernt, sich klein und abhängig zu fühlen. Aber das ist nicht die Wahrheit das ist, was andere Ihnen eingeredet haben.

Johanna sah die Therapeutin groß an.

Aber ich war wirklich oft ungeschickt…

“Unrichtig” gibt es nicht im Alltag. Es gibt nur verschiedene Wege. Aber Sie wurden in eine einzige Richtung gepresst, um beherrschbar zu bleiben.

Die Worte veränderten etwas. Johanna verließ die Sitzung verwirrt, aber veränderte Hoffnung glomm im Dunkel.

Sie kam wöchentlich. Schritt für Schritt löste sich der Berg aus Schuld, Angst, Abhängigkeit. Es schmerzte, zu realisieren, dass ihre “Liebsten” sie benutzt hatten. Und dass sie bisher für alles außer für sich selbst gelebt hatte.

Frau Dr. Maier lehrte sie, Grenzen zu setzen, “Nein” zu üben. Es war schwer, aber Johanna lernte.

Probieren Sie, eine kleine Bitte abzulehnen, schlug Frau Dr. Maier einmal vor.

Nach ein paar Tagen bat die Wohnungsbesitzerin, für ihren Enkel zu babysitten.

Früher hätte Johanna sofort zugesagt. Jetzt spürte sie Angst, aber auch einen Keim von Mut.

Es tut mir leid, ich habe Arbeit. Ich kann nicht.

Die Dame war überrascht, akzeptierte es. Johanna fühlte einen Lichtstrahl von Stolz, zum ersten Mal.

***

Ein weiteres Jahr. Johanna wurde achtundzwanzig. Sie verdiente ordentlich, leistete sich eine eigene kleine Wohnung. Sie richtete sie farbenfroh ein, schmückte die Fensterbänke, Nagelte Bilder an die Wände. Endlich alles nach ihrem Geschmack.

Sie traf sich weiter mit Franziska, trank Kaffee, lachte. Manchmal dachte Johanna an Viktor. Aber je mehr Zeit verging, desto weiter wich sein Schatten zurück.

Mit Gertrud gab es keinen Kontakt mehr. Die Wohnung gehörte offiziell ihr, aber Gertrud lebte weiter darin. Frau Dr. Maier hatte gefragt, ob sie die Wohnung zurücknehmen wolle.

Ich lasse sie ihr. Das ist mein Ablass für eine Schuld, die es nie gab.

Loslassen ist wichtig, nickte Dr. Maier.

***

Jetzt begann ihr Leben. Ein echtes, eigenes. Kinoabende, Parkspaziergänge, Treffen mit anderen Freelancerinnen, Bücher, Kaffeetassen auf dem Balkon. Alltägliches und doch ein Wunder, denn alles war zum ersten Mal gestattet.

Die Therapie ging weiter. Johanna lernte, mit Gefühlen umzugehen, sich zu akzeptieren, sich selbst zu verzeihen. Es war ein langer Weg, aber sie ging ihn.

Eines Frühlingsmorgens entdeckte sie im Schaufenster eines Künstlerladens einen Aquarellkasten im Holzfutteral. In der Kindheit hatte sie gerne gemalt, später galt das als Zeitverschwendung.

Sie betrat den Laden, kaufte Farben, Leinwand, Pinsel. Es war teuer, aber sie konnte es sich leisten. Zuhause legte sie alles vor sich hin, mischte Gelb auf einer Palette und malte einen einfachen Kreis: die Sonne.

Sie betrachtete das Bild lange. Es kam ihr nicht auf Schönheit an. Es gehörte ihr. Sie hatte es für sich gemacht, weil sie wollte. Es bedeutete eine Rückeroberung klein, aber mit der zarten Kraft eines Frühlingsblatts.

***

Ein Jahr später saß sie wieder in Dr. Maiers Praxis, die jungen Blätter draußen im Wind. Sie nippte an Kräutertee und sagte:

Weißt du, gestern habe ich einen teuren Farbkasten gekauft. Akwarell. Einfach so.

Und? Dr. Maier sah sie freundlich an.

Erst hatte ich ein schlechtes Gewissen. Dann habe ich die Sonne gemalt. Ohne zu fragen, ob es “schön” ist.

Ein wichtiger Schritt, nickte die Psychologin. Zu dir selbst.

Johanna lächelte. Noch war ein Schleier von Traurigkeit in ihr, aber das Licht brach hindurch.

Die Wohnung lasse ich Gertrud. Das ist meine Freiheit. Ich bin nicht mehr schuldig.

Und wie fühlst du dich dabei? fragte Dr. Maier zum Abschluss.

Und das Gespräch war endlos, wie der blassgelbe Sonnenkreis, den Johanna gemalt hatte ohne Zweifel, ohne Schuld.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Von Schatten ins Licht
Braut auf Zeit – Die Hochzeit fällt ins Wasser! – verkündete Polina beim Abendessen ihren Eltern und ließ sie sprachlos zurück. – Polina, bist du verrückt? Das Brautkleid ist gekauft, die Ringe, das Restaurant gebucht… Dein Dimi wartet sehnsüchtig auf die Hochzeit… Bitte sag, dass das nur ein Scherz ist! – flehte die Mutter. –Nein, Mama, ich meine es ernst. Floyd und ich werden bald nach London gehen. Es ist alles sehr ernst, – erwiderte Polina entschlossen. – Was für London? Dort ist alles fremd! Andere Leute, ein anderes Land. Du gehst unter! Dieser Floyd hat dir doch bloß den Kopf verdreht! Bestimmt ist er schon verheiratet und hat zig Kinder! Er ist doch fast so alt wie dein Vater! Dein Dimi liebt dich über alles und ist uns wie ein Sohn! Verrate diese Liebe nicht. Für alles im Leben muss man geradestehen, – versuchte die besorgte Mutter zu beschwichtigen. – Keine Sorge, ich übernehme die Verantwortung. Ich fürchte mich nicht, – Polina blieb standhaft. … Zwei Wochen später reisten Polina und Floyd nach England ab. Polina hatte immer davon geträumt, ein fremdes Land kennenzulernen. Sie sprach perfektes Englisch, sehr gutes Französisch und begann mit Spanisch – man weiß ja nie, wohin das Leben einen führt. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin im Reisebüro, wo sie Floyd kennenlernte, den sie bei seinen Terminen begleiten sollte. Floyd zeigte sofort Interesse an ihr. Polina war offen, herzlich, attraktiv – und vor allem: jung! Sie war 23, Floyd 46. Anfangs nahm sie sein Werben nicht ernst – erst recht nicht, als er ihr schon nach einer Woche einen Heiratsantrag machte. Sie verschwieg Floyd allerdings, dass sie eigentlich gerade ihre eigene Hochzeit mit dem geliebten Dimi plante. Polina war hin- und hergerissen: Eine solche Chance bekommt nicht jede – Ausland, Abenteuer, neue Lebensfreude! Die Liebe zu Floyd zwar nicht, aber ein anderes Leben lockte. Sie war sicher, Dimi würde es irgendwann verwinden; er war ja jung und würde sein Glück finden. So schmiedete Polina im Stillen ihre Pläne für das große Abenteuer. Dem verschmähten Bräutigam berichtete Polina am Telefon von allem. Dimi, völlig überfordert, wünschte ihr trotzdem innerlich alles Gute – bevor er seine Wunden in einem langen, verzweifelten Rausch ertränkte. …Floyd und Polina landeten in London. Polina war überwältigt – ihre Träume wurden wahr! Floyd brachte sie in ein riesiges Haus, begrüßt von seiner Familie: den erwachsenen Söhnen Kay und Evan. (Bald würde Polina Evans Ehefrau werden und mit ihm das große Glück finden.) Etwas später erschien…Floyds Ex-Frau. Leonie, eine sehr gepflegte und attraktive Frau, war entsetzt: – Bist du verrückt, Flo? Wer ist dieses Mädchen? Woher hast du sie? Will sie hier bei uns wohnen? – fuhr sie Floyd an. – Ja, sie wohnt jetzt hier. Erinner dich: Das ist mein Haus. Polina wird meine Frau. Sei nett zu ihr, Leonie, – bat Floyd. Polina litt unter der seltsamen Familiensituation. Die Familie war eigentlich getrennt, lebte aber unter einem Dach, mit Leonie als unumstrittenem Oberhaupt. Doch in Polinas Herz war längst Evan – nicht Dimi mit seinen Problemen. Mit Evan verband sie eine tiefe, neue Liebe. Der jüngere Sohn Floyds, Evan, war 24, gutaussehend, seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch er fühlte sich zu der geheimnisvollen Neuen hingezogen. Floyd teilte Polina mit, dass die Hochzeit noch warten müsse – warum, blieb offen. Polina akzeptierte, denn zurück in die Heimat wollte sie ohnehin nicht mehr. Sie bezog ein gemütliches Zimmer, der Kontakt zu Floyd blieb freundlich, die Ex-Frau Leonie ignorierte sie weitgehend. … Drei Monate vergingen. In dieser Zeit lernte Polina Evan besser kennen – und er offenbarte ihr schließlich das wahre Familiengeheimnis: Floyd liebt nach wie vor Leonie, und sie ihn. Aus einer riesigen Eifersuchtskrise heraus hatte Floyd Polina ins Haus geholt – als „Braut auf Zeit“, um Leonie eifersüchtig zu machen und so eine Versöhnung zu erzwingen. Sobald die Eltern sich wieder vertragen, würde Polina mit einem liebevollen Souvenir nach Hause geschickt… Polina brach in hysterisches Gelächter aus: – Ausgerechnet ich werde zur Braut auf Zeit! Erst laufe ich selbst vom Altar davon, und jetzt das! Was mache ich bloß? – Ich kann nicht mehr ohne dich, Pola! – erklärte Evan. – Ich auch nicht. Endlich hast du es zugegeben! Ich dachte schon, du traust dich nie, – atmete Polina auf. – Wie sollte ich, wenn du doch mit meinem Vater verlobt bist? Ich wusste ja nichts von den Spielchen der Eltern – Kay hat es mir erzählt. Als ich begriff, dass du wieder frei bist, war ich überglücklich! Und sag mal, hättest du meinen Vater tatsächlich geheiratet? – fragte Evan vorsichtig. – Ach Evan! Als ich dich zum ersten Mal sah, änderte sich alles. Nie im Leben hätte ich deinen Vater geheiratet! – antwortete Polina strahlend. Die beiden fielen sich überglücklich in die Arme. Polina verzieh Floyd und Leonie – Liebe verzeiht vieles, und jede Geschichte hat Licht und Schatten. Am schönsten: Polina hatte Evan gefunden, ihr Glück am anderen Ende der Welt! Oft läuft man dem Glück hinterher – dabei liegt es direkt zu unseren Füßen. Evan und Polina heirateten bald. Um sicherzugehen, dass Polina nicht wieder davonläuft, plante Evan rasch Nachwuchs: Erst kam ein Sohn, dann eine Tochter. Das Glück war vollkommen, das Familienglück im neuen Heim perfekt. Auch Floyd und Leonie fanden wieder zusammen und kümmerten sich mit Freude um ihre Enkel. …Eines Tages erreichte Polina ein besorgter Brief ihrer Mutter – sie solle dringend zu Besuch kommen. Polina reiste allein, ließ die Kleinen bei Oma Leonie. Die Mutter empfing sie unter Tränen: – Oh, Polina! Dein Dimi ist tot! Seine Frau auch. Motorradunfall. Die kleine Tochter ist jetzt ganz allein, sie heißt sogar Polina… Was soll nur werden? Dimi hat dich nie vergessen. Nach deiner Abreise hat er sich rasch neu verliebt, die Kleine kam zur Welt, aber das Glück währte nicht… Kaum hatte er mir von einem „Geschenk für deine Polina“ erzählt, nahm sein Schicksal auch schon ein böses Ende… Polina hörte still zu, dann sagte sie bestimmt: – Wir nehmen Dimis kleine Polina bei uns auf, Mama. Das ist sein „Geschenk“ an uns… Evan wird mir zustimmen, ich weiß es. Im Leben muss man Verantwortung übernehmen. Und jetzt gib mir bitte etwas zu essen – ich bin müde von der Reise und habe Appetit auf einen sauren Apfel oder eine Gewürzgurke. Schwangere Frauen müssen schließlich für zwei essen! – zwinkerte Polina verschwörerisch.