Unscheinbare Ehefrau
Maren! Der Ausruf hallte durch das kleine Café an der Isar, als ihre Freundin, klatschnass vom Münchner Nieselregen, lachend den roten Regenmantel abwarf und sich gegenüber auf den Stuhl fallen ließ. Verzeih die Verspätung, der mittlere Ring ist heute die Hölle. Hast du schon bestellt?
Nur einen Filterkaffee, murmelte Maren mit schwachem Lächeln. Ich habe auf dich gewartet.
Stefanie warf den Mantel über die Stuhllehne, musterte Maren mit prüfendem Blick und schnalzte mit der Zunge.
Mein Gott, Maren! Da hast du dich aber wieder aus dem Fenster gelehnt mit deinem Outfit. Grauer Pullover, graue Hose Willst du dich als Chamäleon tarnen oder drückt dich die Novemberdepression?
Praktisch, zuckte Maren mit den Schultern. Mit 52 ist mir Mode nicht mehr so wichtig, Steffi.
Aha. Stefanie bestellte sich mit einer Handbewegung einen Cappuccino und ein Nuss-Croissant. Und dein Klaus? Wieder angeln an der Donau?
Ein Nicken.
Freitagabend los, Sonntagmittag zurück. Immer das Gleiche.
Stefanie verzog das Gesicht, ahmte Marens Stimme nach: Immer das Gleiche. Und du? Allein zu Hause, oder? Fernseher, Socken stopfen? Maren, ehrlich wann hat er dich das letzte Mal eingeladen? Zum Italiener, ins Residenztheater oder wenigstens ins Kino?
Maren spürte ein unangenehmes Brennen in den Wangen.
Wir waren im Juli gemeinsam im Schrebergarten.
Stefanie lachte schallend: Im Garten! Wo du Unkraut gerupft hast und er den Gartenschuppen reparierte. Wie romantisch Schatz, echt, das Leben läuft dir davon! Wir sind keine Mädchen mehr, klar, aber alt sind wir noch lange nicht. Und du du verschwindest.
Red keinen Unsinn, erwiderte Maren leise, ihr Kaffee schmeckte auf einmal bitter. Wir sind eine solide Familie. Achtundzwanzig Jahre. Das zählt doch.
Achtundzwanzig Jahre Gewohnheit, vielleicht! Weißt du, was ich sehe? Du bist durchsichtig geworden. Für Klaus bist du wie der Kühlschrank im Flur. Funktioniert, steht da fertig. Wann hat er dich das letzte Mal gefragt, wie es dir geht?
Der Protest verharrte ihr wie ein Kloß im Hals. Sie dachte an die ruhigen Abende: Klaus las auf dem Tablet Angler-Foren, sie häkelte oder sah Tatort. Gelegentlich Fragen wie: Was gibt es zum Abendessen? oder Die Rechnung für die Stadtwerke hast du bezahlt? Das wars.
Stefanie lehnte sich vor, ihre blauen Augen funkelten. Ich habe neulich jemanden kennengelernt. Jens Fotograf. Ein toller Mensch, kann reden und zuhören! Samstag eröffnet er seine Ausstellung in der Maxvorstadt. Kommst du mit?
Steffi, ich weiß nicht
Nichts da, du kommst! Zieh was Ordentliches an, ich helfe dir. Es wird Zeit, dass dich mal wieder jemand bemerkt!
Maren seufzte. Gegen Stefanies Energie war Widerstand zwecklos. Eigentlich und das musste sie sich eingestehen hatte der Gedanke, aus der stillen Wohnung auszubrechen, sogar eine fast angenehme Nervosität in ihr geweckt.
***
Am Samstagabend stand Maren vorm Spiegel und traute ihren Augen kaum: Stefanie hatte ihr ein bordeauxrotes Kleid gebracht schlicht, elegant, mit einem Gürtel an der Taille. Maren schminkte sich zum ersten Mal seit Monaten und frisierte ihr Haar sorgfältig.
Donnerwetter, murmelte sie. Fast hätte ich vergessen, dass ich so aussehen kann.
Stefanie lachte zufrieden: Siehst du! Du bist noch lange keine Oma du hast es nur vergessen.
Die Galerie in der Maxvorstadt war ein heller, kleiner Raum mit hohen Decken. Schwarzweiß-Fotografien hingen an den Wänden: alte Hinterhöfe, fremde Gesichter, verlassene Bahnhöfe. Etwa dreißig Gäste flanierten mit Gläsern Weißburgunder, sprachen gedämpft.
Stefanie führte Maren zielstrebig zu einem hochgewachsenen Mann mit grau melierten Haaren, schwarzem Rolli und Jeans.
Jens, das ist meine Lieblingsfreundin Maren. Und Maren, das ist Jens, der Künstler des Abends.
Jens drehte sich um und ihre Blicke trafen sich. Sanfte graue Augen, ein freundliches Lächeln, feine Fältchen. Er reichte Maren die Hand.
Sehr erfreut. Ich hoffe, die Ausstellung gefällt Ihnen.
Ich ich kenne mich nicht allzu gut mit Fotografie aus, gab Maren verlegen zu.
Muss man auch nicht! Hauptsache, man fühlt etwas. Jens Lächeln wurde breiter. Ich zeige Ihnen meine Lieblingsaufnahme.
Er führte sie zur Ecke, wo das Bild einer alten Frau am Fenster hing. Das Licht ließ ihr Gesicht wirken wie ein Faltenmeer voll Geschichten, die Augen tief und doch so traurig.
Das ist meine Nachbarin, flüsterte Jens. 83 Jahre alt, im letzten Frühling fotografiert. Sie erzählte mir vom Krieg, vom Verlust ihres Mannes, wie sie allein drei Kinder großzog. Aber in ihren Augen keine Spur von Selbstmitleid. Nur diese große, stolze Traurigkeit.
Maren spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.
Sie ist wunderschön, brachte sie leise hervor.
Ja. Schönheit hat viele Gesichter. Sie liegt nicht nur in der Jugend. Schönheit steckt im Erlebten, im Durchgestandenen. Er musterte Maren aufmerksam. Auch in Ihren Augen liegt diese stille Tiefe. Als ob Sie viel mit sich allein ausmachen.
Maren war verlegen. So hatte sie kein Mann seit Jahren angeschaut. Klaus sah sie an aber wahrgenommen hatte er sie nicht mehr.
Ich bin nur vielleicht einfach erschöpft, gestand sie.
Wovon?, fragte Jens leichthin, als sprächen sie seit Jahren miteinander.
Und plötzlich sprudelte es aus ihr heraus.
Von der Eintönigkeit. Jeder Tag wie der vorherige. Frühstück, Haushalt, Klaus bei der Arbeit, dann beim Angeln. Die Kinder sind aus dem Haus. Und ich sitze da und denke: Wo bin ich? Wo ist die Frau, die mal von Abenteuern träumte, von der weiten Welt?
Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, sagte Jens leise und berührte ihren Ellenbogen beruhigend, warm. Das ist Ehrlichkeit. Kommen Sie nächsten Mittwoch zu unserem Fotokreis im Lehel wir tauschen uns über Bilder und Literatur aus. Würde Sie freuen, wetten?
Maren wollte erst ablehnen, aber ihr Mund sagte: Ja. Ich komme.
***
Klaus kam wie immer am Sonntagabend zurück, roch nach Donauwasser und Lagerfeuer.
Und, was gefangen?, fragte Maren an der Tür.
Ein paar Hechte, murmelte er und stapfte in die Küche. Und du? Alles ok?
Ich war mit Steffi auf einer Ausstellung.
Sehr gut. Rausgehen tut dir gut. Sonst hockst du nur daheim.
Er sagte es beiläufig, den Blick schon beim Aufschneiden einer Mettwurst. Maren spürte einen Stich.
Klaus, könnten wir mal
Er hob überrascht den Blick. Wieso? Ist doch teuer. Lass uns lieber einen ruhigen machen, ja?
Wieder dieses später. Maren nickte. Noch in der Küche tippte sie Stefanie: Schick mir die Adresse vom Fotokreis. Ich gehe Mittwoch hin.
***
Der Fotokreis tagte im Kellergewölbe einer Altbauvilla. Sessel, Bücherregale, Fotokameras ein Raum voll Wärme. Fünfzehn, vielleicht zwanzig Leute jenseits der vierzig, die meisten kreativ oder einfach lebenshungrig. Jens winkte sie herein.
Der Abend verging wie im Flug. Die Gruppe diskutierte Aufnahmen französischer Fotokünstlerinnen, las zwischendurch Gedichte von Rilke. Maren schwieg, hörte zu, spürte zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie Lebendigkeit. Niemand fragte nach Rechnungen, niemand schaute auf sie wie auf eine Angestellte.
Später brachte Jens sie zur Trambahn.
Hats Ihnen gefallen?
Sehr sogar. Ich hätte nie erwartet, wie wohltuend das ist. Als wäre ich in einer anderen Welt.
Jens lächelte. Sie leben Ihr Leben stets für andere: Kinder, Mann, Familie. Aber wann haben Sie das letzte Mal etwas nur für sich gemacht?
Maren überlegte. Antwortlos.
Da fängt das Dilemma des mittleren Alters an, fuhr Jens fort. Wir erschrecken, wie viel wir verschenkt haben. Und wissen oft nicht mehr, wer wir eigentlich sind. Aber es ist nie zu spät, das wiederzufinden.
Seine Worte trafen etwas in ihrem Innern, wie ein warmer, einhüllender Schal.
Wissen Sie was? Kommen Sie am Samstag mit raus in den Chiemgau, alte Villa bei Prien tolles Fotolicht um diese Jahreszeit. Nur wir zwei. Versprochen, es wird spannend!
Maren zuckte. Samstag, das bedeutete, Klaus war wie immer beim Angeln. Ich weiß nicht
Maren, ich lade Sie nur zu einem Ausflug ein. Sie haben Recht auf das Leben. Auf Ihres!
Das habe ich, hauchte Maren.
Dann bis Samstag, 10 Uhr, Marienplatz. Und ziehen Sie sich warm an draußen wirds frostig.
Er winkte und verschwand. Maren stand noch lange am Bahnsteig, das Herz pochte, als wäre sie wieder sechzehn.
***
Freitag packte Klaus routiniert die Angeltasche.
Bis Sonntag, brummte er. Handy hab ich, falls was ist.
Klaus darf ich mal mit?
Er starrte sie verblüfft an. Wieso willst du ins Kalte, zu den Stechmücken? Du warst letztes Jahr schon genervt.
Es geht ums Zusammensein.
Er zuckte. Ach was, wir sind doch immer zusammen. Erhol dich, schau deine Krimis.
Ein Kuss auf die Wange, die Tür fiel ins Schloss. Maren stand regungslos im Flur.
Immer zusammen, wiederholte sie. Doch waren sie das wirklich?
Maren suchte ihr schönstes Outfit heraus Jeans, Wollpullover, Winterjacke. Im Spiegel blickten ihr leuchtende, wache Augen entgegen. Sie lächelte schüchtern zu sich selbst. Es ist bloß ein Ausflug, sprach sie leise. Kein Geheimnis.
Jens wartete am Marienplatz mit zwei ToGo-Kaffees und seinem alten, knarrenden VW Golf.
Sie fuhren hinaus zum Chiemsee, hörten leise Bavarian Jazz Radio. Jens erzählte allerlei Geschichten, brachte Maren zum Lachen. Im Park der alten Villa sammelten sie Laub, atmeten den feuchten Erdgeruch.
Stellen Sie sich mal an die Säule dort, bat Jens irgendwann. Schauen Sie nicht in die Kamera, sondern in den Herbst.
Die fertigen Fotos zeigte er ihr auf der Kamera. Sie sind unglaublich fotogen, Maren. In Ihren Augen liegt Tiefe.
War diese unabhängige Frau auf dem Bild tatsächlich sie selbst?
Im Dorfcafé aßen sie Apfelstrudel, warme Vanillesoße dampfte. Das Gespräch wurde persönlicher.
Wie lange sind Sie verheiratet, Maren?
Achtundzwanzig Jahre.
Und sind Sie glücklich?
Maren schwieg. Was war Glück? Gewohnheit?
Ich weiß es nicht mehr Früher vielleicht. Jetzt fühlt sich alles wie Schlafwandeln an. Alles ist richtig und trotzdem fehlt etwas.
Es fehlt das Feuer. Das, was uns daran erinnert, dass wir noch leben. Er legte sanft seine Hand auf ihre. Sie sind klug, schön, tiefsinnig. Sie haben ein Recht auf Glück Ihr eigenes.
Ihre Hand zitterte, sie hätte zurückweichen sollen. Aber sie blieb, und ihr Herz raste.
***
Die nächsten Wochen verliefen taumelnd. Maren traf Jens öfter, ob im Kreis, in Galerien, auf Spaziergängen. Er gab ihr das, was daheim fehlte: Aufmerksamkeit, Worte, Gespräche.
Mit Klaus blieb alles beim Alten. Ihre Gespräche beschränkten sich auf Alltägliches.
Maren, hast Milch gekauft?
Ja.
Und meine Socken?
Im Schrank.
Mehr nicht. Doch Jens fragte immer, wie es ihr ging, und mit ihm konnte sie sich öffnen wie eine Knospe im Frühling.
Stefanie bekam natürlich alles mit.
Maren, bist du etwa verliebt?, neckte sie sie, als sie sich im Glockenbach-Café trafen.
Red keinen Unfug, stammelte Maren, rot werdend. Er ist ein Freund
Na klar, ein Freund, grinste Stefanie. Du blühst. Endlich hast du das verdient, wirklich!
Aber ich bin verheiratet
Und? Klaus lebt sein eigenes Leben. Warum solltest du deines nicht auch leben? Du bist keine Märtyrerin. Wenn Jens dich glücklich macht bitte.
Stefanies Worte taten weh, aber sie trafen einen wunden Punkt. Maren rechtfertigte ihre Gefühle vor sich selbst: Ich habe auch Anspruch auf Freude.
Der Umbruch kam an einem grauen Novembertag.
Jens bat sie zu einem Straßenfotografie-Festival nach Passau. Zwei Hotelzimmer, ehrlich, versicherte er. Maren erzählte Klaus, sie fahre mit Steffi zum Weihnachtsmarkt in Augsburg.
Klaus nickte nur, ohne aufzusehen. Kauf halt nicht so viel ein.
Im Hotel lagen tatsächlich zwei Zimmerkarten bereit. Sie verbrachten den Tag auf dem Festival, den Abend tranken sie Riesling beim Italiener am Inn. Jens Komplimente wurden intensiver.
Maren, ich habe viele Frauen getroffen, aber Sie Sie gehen mir unter die Haut. Ihre Traurigkeit ich will sie nehmen.
Er hielt ihre Hand, Maren war schwindlig vor Aufregung und Angst. Beim Abschied an der Hoteltür küsste Jens sie auf die Wange und sagte: Falls Sie jemanden zum Reden brauchen ich bin im Zimmer nebenan.
Lange lag Maren wach. Eine Stimme in ihrem Inneren nannte sie Verräterin, eine andere fragte: Wann hat Klaus dich zuletzt wirklich in den Arm genommen? Um zwei Uhr nachts stand sie auf, zog den Bademantel über und klopfte an Jens Tür.
Er öffnete sofort.
***
Der Morgen begann wie ein böser Rausch, den kein Alkohol, sondern nur die Wirklichkeit verursacht. Maren bettete sich zurück in ihr Zimmer, starrte lange an die Decke.
Was habe ich getan, Gott?
Doch auf der Heimfahrt war Jens liebevoll und sanft Maren spürte verwirrende Freude und Scham. Ich lebe endlich, dachte sie zum ersten Mal seit Jahren.
Zuhause begegnete Klaus ihr wie immer.
Hast du viel eingekauft?
Nein, wenig.
Bin hungrig, was gibts?
Wieder Alltag. Tagsüber war Maren Ehefrau und Hausfrau, abends schrieb sie Jens, traf sich verstohlen mit ihm, ließ sich von seiner Welt aus Büchern und Bildern davontragen. Ihre Gespräche mit Klaus wurden seltener.
Stefanie triumphierte. Na siehst du, jetzt lebst du endlich!
Doch besonders in schlaflosen Nächten, als Klaus ruhig neben ihr atmete, spürte Maren, wie sie innerlich zerbrach.
***
Der Dezember brachte den ersten Schnee. Maren und Jens trafen sich nun fast wöchentlich in seiner kleinen Studiowerkstatt, wo sie vorgab, an einem Computerkurs teilzunehmen. Klaus glaubte ihr oder wollte nicht mehr fragen.
Jens blieb charmant, klug, leidenschaftlich. Aber manchmal klangen seine Worte wie auswendig gelernt als würde er diese Sätze nicht nur ihr zuflüstern. Doch ein Rückzug war für Maren längst unmöglich.
Mitte Dezember passierte, was passieren musste:
In der Apotheke, beim Kauf von Klaus Halstabletten, fiel aus Marens Tasche eine kleine Parfümschachtel Mondsymphonie, Jens neuestes Geschenk. Maren bemerkte es nicht.
Abends stellte sich Klaus plötzlich in die Küche, hielt die Schachtel hoch.
Ist das deins?, seine Stimme war leise und gefährlich.
Maren erstarrte, die Hände klebten am Herd.
Ähm hab ich draußen gefunden, stotterte sie.
Ach ja? Fünfhundert Euro Parfüm, so einfach?, murmelte Klaus. Du hältst mich wohl für blöd! Ich habs doch gemerkt. Du bist nicht mehr da.
Maren wollte widersprechen, doch jede Ausrede zersplitterte in seinem Blick.
Wer ist er?
Sie konnte nicht mehr lügen.
Er heißt Jens… Ich wollte nicht, aber
Er lachte bitter. Nicht gewollt? Aber passiert ists trotzdem. Ich habe dich geliebt, Maren. Immer noch. Und du hast alles zerstört.
Klaus, bitte… wir kriegen das wieder hin!
Sein Blick glitt über sie hinweg. Du hast mich doch auch verlassen, als du zu ihm gegangen bist. Er drehte sich um, packte seine Tasche.
Maren stand im Flur, als er an ihr vorbeiging. Verlass mich nicht, flehte sie.
Er hielt inne. Und du? fragte er. Hast du mich nicht längst verlassen?
Dann ging er. Die Tür fiel leise zu. Zurück blieb eine Stille, die lauter war als jeder Schrei.
***
Tagelang versuchte Maren, Klaus zu erreichen. Er antwortete nicht. In ihrer riesigen, leeren Wohnung war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Verzweifelt rief sie Jens an.
Jens, Klaus weiß alles. Ich ich habe ihn verloren.
Jens klang verständnisvoll. Tut mir leid, Maren. Komm vorbei, wir reden.
In seinem Atelier weinte Maren hemmungslos.
Jens nahm sie in den Arm. Jetzt hast du die Chance für einen Neuanfang. Du bist frei, Maren. Du kannst reisen, kreativ sein, leben!
Und du? Bist du dabei?, fragte sie leise.
Jens wich zurück. Maren, ich bin kein Mensch für Bindungen. Ich war ehrlich zu dir. Ich brauche meine Freiheit.
Maren starrte ihn an. Plötzlich erkannte sie, dass alles, was sie fühlte, ein leeres Echo war. Jens hatte sich nie gebunden, nie versprochen. Sie war für ihn so schwer es fiel nur ein Abenteuer gewesen.
Ich war für dich nur Zeitvertreib?, hauchte sie.
Jens sagte sanft: Du hast gelebt, Maren. Ist das nichts?
Sie stand auf. Doch. Jetzt weiß ich, wie sich ein Scherbenhaufen anfühlt.
Sie verließ das Atelier, stolperte durch den Schnee nach Hause.
***
Zu Hause. Dunkelheit. Maren saß auf der Couch, starrte an die Wand und griff schließlich zum Handy.
Steffi, ich brauche dich, hauchte sie ins Telefon.
Sie trafen sich im Café Zur Resi, das kleine Stammcafé an der Fraunhoferstraße. Maren erzählte alles; Stefanie hörte zu, rührte in ihrem Latte.
So, jetzt hast du Gänsehaut und Dramen durch. Wenigstens bist du nicht in Langeweile erstickt, sagte Stefanie lakonisch.
Maren blickte sie ungläubig an.
Du bist eiskalt. Meine Familie liegt in Trümmern!
Du bist erwachsen, Maren. Ich war nur die Vermittlerin. Alles andere hast du entschieden.
Aber du hast mich da reingedrängt! Du hast dauernd gesagt, Klaus weiß mich nicht zu schätzen …
Stefanie zuckte die Achseln. War ja auch so. Vielleicht merkt Klaus jetzt, was er verloren hat. Oder nicht. So ist das Leben.
Maren erhob sich. Weißt du, Steffi, ich dachte immer, du wärst für mich da. In Wahrheit hast du mein Glück kleingeredet, weil du selbst unglücklich bist. Ciao.
Sie verließ das Café.
***
Eine Woche verging. Klaus blieb verschwunden. Marens Anrufe blieben unbeantwortet. Sie irrte durch die Wohnung, suchte Erinnerungen zusammen: wie Klaus für sie den Wasserhahn repariert hatte, die Tasse Tee, als sie krank war, das gemeinsame Pflanzen eines Apfelbaums.
Die kleinen Dinge, die ihr zu wenig erschienen waren, vermisste sie nun schmerzhaft.
An Silvester hielt sie es nicht mehr aus und fuhr zu Felix, Klaus bestem Freund, bei dem er untergekommen war. Felix öffnete vorsichtig.
Maren, du solltest vielleicht
Fünf Minuten. Mehr nicht.
Felix zuckte, holte Klaus aus dem Wohnzimmer.
Klaus stand vor ihr älter, vernarbter. Maren musste sich beherrschen, nicht in Tränen auszubrechen.
Klaus, ich… es tut so weh. Ich habe alles zerstört dich, unser Leben. Der andere war eine Illusion. Du bist mein Zuhause.
Er hielt inne, schüttelte dann langsam den Kopf.
Ich weiß nicht, Maren. Ich weiß nur, als ich davon erfahren habe es fühlte sich an, als wäre ich innerlich gestorben. Vielleicht verzeihe ich eines Tages. Aber jetzt nicht. Jetzt kann ich dich kaum anschauen, ohne an euch zu denken.
Sie schluchzte. Ich weiß selbst nicht mehr, wer ich bin.
Ein langer Moment des Schweigens.
Ich muss gehen, sagte er.
Die Tür schloss sich hinter ihm und ließ Maren außen vor vor der Wärme, vor der Vergangenheit.
Es schneite. Maren lief durch die Münchner Nacht. Überall Lichter, ausgelassene Stimmen, Silvester und Hoffnung. Nur sie war allein.
***
Den Neujahrsmorgen beging Maren allein auf ihrer Couch, mit einem Glas Sekt und einer ZDF-Show. Als die Glocken Mitternacht schlugen, murmelte sie:
Auf ein neues Leben, und lächelte schwer. Was auch immer das sein soll.
Im Januar meldete sich Stefanie.
Maren, hock nicht daheim! Ich hab nen tollen Yoga-Lehrer kennengelernt. Vielleicht kann er dich rausholen?
Maren zögerte, dann antwortete sie: Nein, Steffi. Ich kann nicht mehr.
Wie meinst du das?
Ich ich kann nicht mehr so weitermachen. Tut mir leid. Sie legte auf.
Ein paar Tage später saß Maren zufällig allein im Café Zur Resi. Draußen tanzte der Schnee, die Menschen wirkten wie Scherenschnitte in der Dämmerung.
Die Tür öffnete sich, Stefanie trat ein, strahlend wie immer. Sie begann sofort:
Da bist du ja! Ich hab von meinem Yogalehrer erzählt komm doch mal mit, er ist wirklich ein toller Typ, sehr feinfühlig. Vielleicht bringt der dir was Neues im Leben!
Maren sah ihre Freundin an. Die geschminkten Lippen, die funkelnden Augen und irgendwo dahinter die gleiche Leere, die sie kannte.
Maren, hörst du überhaupt zu? Dem Trauern solltest du nicht nachgeben. Das Leben geht weiter, verstehst du?
Maren wollte antworten. Aber ihr fehlten die Worte. Sie wusste, dieser Kreis konnte sich immer wieder schließen. Sie würde nicht noch einmal nach fremdem Licht greifen, solange die Schatten in ihr selbst wohnten.
Hörst du? hakte Stefanie nach.
Maren sah sie lange an ein Blick voller Schmerz, Reue und einer neu erwachten Klarheit. Sie verstand: Sie hatte ihren Halt aus den Augen verloren, suchte im Außen, was sie im Inneren vermisst hatte.
Ich höre dich, sagte sie leise.
Stefanie wartete. Maren schwieg. Doch in diesem Schweigen lag ihr erster, zaghafter Neuanfang.





