Wir sind kein Abfall, mein Junge. (Eine Erzählung)

Wir sind kein Müll, mein Junge.

Papa, ich hab nein gesagt. Hörst du schwer? Das Alteisen muss auf den Sperrmüll, nicht ins Haus!

Der Ton seines Sohnes war so scharf, dass es Anna Schmid durch Mark und Bein ging. Sie hielt mitten beim Kartoffelschälen inne, der Kochlöffel schwebte über dem Topf mit der Suppe. Ein Tropfen fiel auf die heiße Herdplatte und zischte. Anna drehte sich um. Hans Schmid stand in der Tür zur Garage, in den Händen einen arg abgeschabten Stuhl. Alt, mit gedrechselten Beinen, noch aus den Sechzigern, so einer, wie man ihn in ländlichen Gasthäusern findet. Der Sohn, Markus, versperrte ihm breitbeinig den Durchgang, Arme fest vor die Brust verschränkt.

Markus, hob Anna behutsam an, während sie sich die Hände am Küchenhandtuch abwischte, das ist doch kein Schrott. Papa restauriert den noch, schau mal, was für eine schöne Schnitzerei…

Mensch, Mama, fang schon wieder nicht damit an, fauchte Markus, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Papa, ehrlich, ich meins gut mit dir. Du bist zweiundsiebzig! Du darfst so was Schweres nicht schleppen. Hat der Kardiologe das nicht ausdrücklich gesagt, nach deinem letzten Blutdruck-Drama?

Hans schwieg. Seine Finger umklammerten die Stuhllehne. Langsam stellte er das Möbelstück ab, richtete sich auf. Anna sah, wie eine Ader an seiner Schläfe zu pochen begann. Das war immer ein schlechtes Zeichen.

Ich hab den nicht allein getragen, sagte er sachlich. Wolfgang vom Garten nebenan hat mir geholfen. Wir waren zu zweit.

Als ob das einen Unterschied macht!, schnaubte Markus. Ihr macht aus dem Haus ein Trödellager. Da hinten im Eck stehen schon drei Kommoden. Im Schuppen noch mal zwei. Überall eure Lackdosen, Pinsel, Lumpen. Mama, du begreifst schon, dass das eine Brandgefahr ist?

Anna trat näher an Hans heran, stellte sich an seine Seite. Sie roch das frische Holz und Leinöl an ihm der Duft ihrer Kindheit, ihrer Opa-Werkstatt. Seit sie und Hans vor einem halben Jahr mit diesem Hobby angefangen hatten, fühlte sie sich wieder jung. Als ob die Zeit rückwärts liefe.

Markus, wir sind vorsichtig, sagte sie möglichst ruhig. Den Lack lagern wir draußen, im Metallkasten. Streichen tun wir nur bei Wind. Alles wird durchgelüftet.

Mama, das ist doch kein Argument, kramte Markus schon nach dem Handy. Hier, guck mal. Brandschutzstatistik. Brände bei Senioren. Weißt du, wie viele Vorfälle nur wegen leicht entflammbarer Flüssigkeiten?

Markus, Schluss jetzt, machte Hans einen Schritt vor. Ich war vierzig Jahre Ingenieur. Ich weiß vermutlich mehr über Arbeitsschutz als du.

Ingenieur warst du vor dreißig Jahren, Papa, steckte Markus das Handy wieder ein und sah seinen Vater offen an. Jetzt bist du Pensionär mit kaputtem Herz. Da brauch ich keine Statistik, um zu raffen: Ihr spielt hier mit dem Feuer.

Wir spielen nicht, brachte Anna mit einem Kloß im Hals hervor. Wir leben. Uns macht das glücklich, wirklich glücklich.

Markus schaute sie endlich an. Der Blick ließ sie frösteln: Mitfühlend, aber auch angenervt als wäre sie ein naives Kind.

Mama, ich versteh ja, dass ihr euch langweilt, sprach er so langsam, als wiederholte er die Uhrzeit für einen Grundschüler. Aber das ist es nicht wert. Ich meld euch lieber in einem Verein an. Oder wir fahren mal zusammen weg. Kuren in Bad Kissingen zum Beispiel.

Uns ist nicht langweilig, widersprach Hans. Wir wollen nur zu Hause bleiben. Mit unserem Hobby.

Papa, ehrlich!? Glaubst du wirklich, das ist ein Hobby? Einen alten Stuhl ranschleppen, mit Stinklack einpinseln und in die Ecke stellen? Das ist… echt, mir fehlt das Wort.

Markus!, platzte es aus Anna heraus. Wie redest du mit deinem Vater?

Ganz normal, Mama, nur ehrlich. Irgendjemand muss euch doch die Wahrheit sagen. Ihr lebt in eurer eigenen Welt, und ich kann dann das Chaos beseitigen.

Welches Chaos?, wurde Hans plötzlich kalkweiß. Was redest du da?

Markus schwieg einen Moment, rieb sich die Stirn, seufzte.

Papa, Mama, ehrlich jetzt mal sachlich. Ich bin ja gar nicht dagegen, dass ihr irgendwas macht. Aber es muss halt sicher sein. Vernünftig. Diese Restauriererei… Ehrlich, ich hab schon drüber nachgedacht, das Haus zu verkaufen. Also, auf lange Sicht. Ihr sitzt hier draußen, ohne Infrastruktur, Papas Blutdruck schwankt, und zu Mama war der Notarzt auch schon mal unterwegs. Was, wenn was passiert und ein Krankenwagen eine Dreiviertelstunde durchs Münchner Verkehrschaos braucht?

Die Luft vibrierte. Irgendwo in der Ferne bellte der Nachbarshund. Blätter raschelten im Apfelbaum. Anna hörte ihr eigenes Herz schlagen.

Das Haus verkaufen?, wiederholte Hans tonlos. Unser Haus?

Nicht sofort, klar, beeilte sich Markus. Aber sinnvoll wärs. Ich hol euch ne schöne Wohnung, am besten ein Einzimmerapartment in München, direkt bei mir. Viel Platz braucht ihr ja nicht mehr. Und ich kann mit der Differenz Lisas Studium fördern sie will doch an die Uni.

Anna sah ihren Sohn an und erkannte ihn nicht mehr. Da stand ihr Markus, den sie unter Schmerzen geboren, das Lesen beigebracht, zur Schule geführt hatte. Den sie über alles liebte. Und nun sprach er von ihrem Haus, in dem sie vierzig Jahre lebten, wie von einer Aktienstückzahl in einem Vertrag.

Markus, sagte sie mit unsicherer Stimme, das ist unser Haus. Wir leben hier. Es geht uns gut.

Ihr glaubt nur, dass es euch gut geht, beharrte er. Tatsächlich seht ihr die Risiken nicht. Ich sorge mich halt um euch, Mama. Ich will, dass ihr sicher seid.

Du willst, dass wir in einer Wohnung sitzen und auf das Ende warten, knurrte Hans. Das willst du.

Papa, red keinen Unsinn. Ich will nur, dass ihr gesund und glücklich bleibt.

Wir SIND glücklich!, schrie Hans plötzlich los, sodass Anna zusammenzuckte. Mit unseren Stühlen, Kommoden mit dem, was wir erschaffen! Da wird man nicht zum Gemüse auf Rente, sondern fühlt sich noch als Mensch!

Markus erblasste, ballte die Fäuste. Dann marschierte er Richtung Haus.

Das Gespräch ist beendet, warf er über die Schulter. Ich komm darauf zurück. Überdenkt es mal.

Anna sah ihm hinterher. Dann schaute sie zu Hans. Der stand da, die Schultern gesenkt, betrachtete den Stuhl zu seinen Füßen. Sie umarmte ihn. Er erwiderte die Umarmung, sie spürte, wie er zitterte.

Hans…, murmelte sie, nimm es dir nicht so zu Herzen. Er meints nicht böse. Er versteht es nur nicht.

Versteht es wirklich nicht, sagte Hans dumpf. Fünfundvierzig Jahre alt. Und verstehts einfach nicht.

Sie standen noch ein wenig beieinander, dann griff Hans wieder zum Stuhl.

Ich bring ihn in den Schuppen, sagte er. Mach ihn sowieso fertig. Was Markus davon hält, ist mir egal.

Anna nickte. Sie tappte zurück in die Küche; die Suppe war mittlerweile kalt. Herd aus, Stirn an den Kühlschrank gelehnt. Hinter der Wand hörte sie Markus Stimme am Telefon geschäftsmäßig, von Mietwohnungen, Quadratmetern und Finanzierungen reden.

Beim gemeinsamen Abendessen schweigen sich alle drei an. Markus isst hastig, ohne aufzublicken. Hans stochert wortlos im Essen herum. Anna versucht Konversation: Wie gehts Lisa, was macht Anja, wie läufts in der Arbeit? Markus antwortet einsilbig.

Lisa lernt für Prüfungen, Anja ist auch ok. In der Arbeit alles normal.

Und in der Schule…, hakte Anna nach, du hast mal gesagt, sie wollten Anja zur Konrektorin machen?

Haben sie, bejaht Markus, etwas mehr Gehalt, dafür drei Jobs in einem.

Grüß sie von mir. Und die Lisa soll Oma nicht vergessen.

Mach ich.

Wieder Stille. Hans stellt das Besteck weg, steht auf.

Ich geh raus bisschen an die Werkbank, sagt er.

Hans, lass heut gut sein, versucht Anna. Erhol dich lieber.

Ich muss, Anna, brummt er, küsst sie schnell auf die Schläfe und verschwindet.

Markus schüttelt nur den Kopf. Hartnäckig wie ein Esel, ihr beide. Hört nie auf jemand anderen.

Markus, setzt Anna sich ihm gegenüber, schaut ihn an, versteh doch. Das ist nicht Sturheit. Das ist unser Leben. Wir haben immer gearbeitet Papa in der Maschinenfabrik, ich in der Bibliothek. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Für dich alles gespart, Wohnung und Studium mitfinanziert. Und dann bist du erwachsen geworden und weggezogen. Und wir… wir sind übrig geblieben. Ganz allein. Das war leer. Sehr leer.

Markus hört zu, das Gesicht jedoch bleibt eine Wand.

Eines Tages fand Papa eine uralte Kommode am Straßenrand. Hässlich verwittert. Und er hat sie nach Hause geschleppt. Alleine abgeschliffen, lackiert. Und dann war sie wunderschön, Markus! Wie neu geboren. Und wir haben verstanden: Da ist noch was in uns. Der Kopf arbeitet, die Hände können. Das tut gut, gerade wenn man siebzig ist.

Markus seufzt.

Mama, ich versteh dich. Aber ich seh halt die Risiken, die ihr nicht seht. Ich seh, wie ihr älter werdet. Papas Infarkt, dein schwankender Blutdruck. Das Haus ist hier in Freising, eine halbe Stunde zum Krankenhaus. Was, wenn…?

Es passiert nichts, unterbricht sie. Wir sind nicht krank, nur älter. Kochen, waschen, auch den Gemüsegarten machen wir selbst. Warum redest du uns zu Rentnerinvaliden?

Ich will nur, dass ihrs bequem habt. Arzt in der Nähe, Apotheken, Supermarkt. Keine Holzöfen mehr, kein Hacken.

Wir haben Gas, kontert Anna. Den Ofen nutzen wir nur für die Sauna.

Egal, Hauptsache: Ihr macht euch das Leben schwerer. Und mir auch, ehrlich gesagt. Lisas Sorgen, Anjas….

Anna merkt, dass er sie gar nicht hören will. Er hört, aber versteht nicht. Im Kopf hat er längst ein Bild gemalt: Eltern im Apartment, kontrolliert, ohne gefährliche Hobbys, brav und vorhersehbar.

Na gut, gibt sie klein bei. Nicht jetzt drüber reden. Ruh dich aus. Morgen reden wir weiter.

Markus nickt, verschwindet ins ehemalige Kinderzimmer. Anna räumt das Geschirr, spült, dann streift sie sich eine Jacke über und geht rüber zur Werkstatt.

Hans sitzt auf dem Hocker, schmirgelt Stuhlbein für Stuhlbein. Die kleine Werkstatt beleuchtet seinen grauhaarigen Kopf, den gebeugten Rücken, die ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen. Anna stellt sich hinter ihn und legt ihm die Hände auf die Schultern.

Der wird schön, murmelt sie.

Ja, sagt er, den Blick weiter aufs Holz gerichtet. Das Muster ist noch in Ordnung. Nur das eine Bein muss ich ankleben.

Eine Pause, dann fragt sie leise:

Hans, vielleicht sollten wir ihm ein Stück entgegenkommen. Weniger Möbel schleppen. Nur noch zwei, drei Stück behalten…

Er legt das Schleifpapier beiseite, dreht sich zu ihr. Sein Blick ist traurig und erschöpft.

Anna, wenn wir jetzt nachgeben, wirds schlimmer. Dann meint er, er kann bestimmen, was wir tun. Erst gibts keine Möbel, dann dürfen wir keinen Garten mehr umgraben. Später: Nicht mehr in den Wald, Gefahr verirren. Am Ende: Verkauft das Haus, zieht nach München. Und was machen wir dann da? Auf der Bank sitzen und Tauben füttern? Warten, bis er einmal im Monat kurz Hallo sagt?

Anna gibt zu, dass er recht hat, aber der Gedanke, dass Markus verletzend abreist und die Wand zwischen ihnen bleibt, tut ihr weh. Generationenkonflikt, wie in soziologischen Jahrbüchern. Sie dachte immer, ihre Familie sei anders. Aber das ist sie nicht.

Und was tun wir jetzt?, fragt sie.

Nichts, sagt Hans. Wir leben weiter. Machen unser Ding. Er kann meinen, was er will.

Sie nickt, bleibt noch eine Weile stehen, schaut zu, wie seine Hände das Holz streicheln. Dann zieht sie sich zurück ins Haus.

Am nächsten Morgen ist Markus wieder früh auf. Anna hat schon Pfannkuchen gemacht, Marmelade und Dickmilch auf den Tisch gestellt. Hans trinkt Tee und liest die Süddeutsche. Markus setzt sich, nimmt wortlos einen Pfannkuchen.

Schmeckt gut, meint er knapp.

Iss ruhig, gestern hast du kaum was gegessen, schiebt Anna ihm den Teller zu.

Sie beobachtet ihn bei jedem Bissen, wie er das Gesicht verzieht, als würde sogar Tee schwer rutschen. So erwachsen. Und so fremd. Wo ist der Junge geblieben?

Markus, fragt sie vorsichtig, warum bist du so wütend auf uns?

Er sieht sie an.

Nicht wütend, Mama. Besorgt. Ein Unterschied.

Dir ist klar, wie wichtig uns das ist? Möbel, basteln…

Mama, ich weiß ja, ihr braucht Beschäftigung. Aber etwas Sicheres, bitte. Stricken, Blumen züchten am Fensterbrett.

Machen wir alles. Tomaten ziehen wir am Fenster, Blumen, bald auch Gurken.

Na, eben. Wozu dann noch Möbel?

Anna erkennt, dass es ihm nicht begreiflich zu machen ist. Dieses Gefühl, wenn ein altes Möbel unter den Händen wieder lebendig wird. Wenn das Muster im Holz auftaucht, der Lack glänzend wird. Das ist nicht einfach ein Stuhl. Es ist Erinnerung. Verbindung zur Vergangenheit. Der Beweis, dass sie noch erschaffen können nicht bloß abbauen und verlieren.

Ich kanns nicht erklären, sagt sie. Du musst es selbst fühlen.

Ich hab verstanden, dass ihr nicht auf Vernunft hört, meint Markus und steht auf. Ich fahr heute Nachmittag. Aber überlegt es euch nochmal. Ihr müsst nicht gleich alles aufgeben. Aber das Hobby langsam einstellen. Und überlegt die Wohnung in der Stadt ich hab schon geschaut, eine schöne helle Einzimmerwohnung, dritte Etage.

Wir denken drüber nach, bestätigt Anna, während sie weiß, dass Hans nie umziehen würde.

Als Markus im Zimmer verschwindet, steht Hans auf und tritt schweigend auf die Veranda hinaus. Anna räumt ab. Die Hände zittern ihr, eine Schale rutscht und zerspringt. Sie kniet nieder, sammelt Scherben, und die Tränen laufen von alleine. Da kommt Hans herein und hebt sie wortlos auf.

Hast du dich geschnitten?

Sie schüttelt den Kopf, er drückt sie an sich.

Nicht weinen, sagt er. Ehrlich, ohne ihn ists auch schön.

Nein, Hans, ist es nicht. Er ist unser Sohn. Unser einziger. Wie soll mir da gut sein?

Er ist erwachsen, Anna. Lebt sein eigenes Leben. Wir müssen uns nicht nach ihm richten.

Muss er sich denn nach uns richten?

Hans zögert.

Nein, muss er nicht. Aber Respekt wäre schön. Und nicht dauernd Kommandos.

Sie sammelt sich, wischt sich die Tränen ab, bringt die Scherben weg. Hans gießt ihr ein Glas Wasser ein. Sie trinkt, bedankt sich leise, und als er wieder hinausgeht, nimmt sie sich vor, heute die Beete zu jäten. Arbeit lenkt ab.

So vergeht der halbe Tag. Essen, arbeiten, Abendbrot. Haushalt. Reden scheitert immer ein bisschen zu einsilbig, zu steif. Nach dem Mittag packt Markus wortlos seine Tasche, schleppt sie zum Auto.

Dann fahr ich mal los. Wenn was ist ruft an.

Machs gut, grüß Anja und Lisa, drückt Anna ihn noch mal.

Hans gibt ihm die Hand förmlich, distanziert. Markus winkt und ist fort.

Anna steht auf der Veranda, blickt der Staubwolke des Autos nach. Hans legt ihr die Hand auf die Schulter.

Komm rein. Es gibt noch genug zu tun.

Drinnen senkt sich eine andere Art von Stille über das Haus. Anna setzt sich ans Fenster. Äste schaukeln im Apfelbaum, Wolken ziehen vorbei. Alles wie immer. Und trotzdem ist etwas kaputt.

Eine Woche vergeht. Dann noch eine. Kein Anruf von Markus. Anna ruft ihn an, kurz angebunden antwortet er, verspricht, zurückzurufen tut es aber nicht. Sie merkt, er wartet, dass sie einknickt. Aber Hans gibt nicht nach. Er arbeitet weiter an den Möbeln, schleppt Neues an, Lack, Pinsel, Schleifpapier. Anna hilft wie gewohnt. Sie mag es, und sie will nicht aufgeben, nur weil der Sohn meint, es sei falsch.

Eines Abends klingelt das Telefon.

Hallo?

Mama? Hier ist Markus. Wie gehts euch?

Gut, und dir?

Ja, geht. Ich komme mal vorbei die nächsten Tage. Es gibt was zu besprechen.

Was denn?

Sag ich vor Ort. Bis Samstag!

Beim Auflegen ist Anna nervös. Irgendwas ist da im Busch.

Samstag regnet es in Strömen. Anna backt Krautkuchen, schaut ständig aus dem Fenster. Hans liest im Sessel, nichts deutet darauf hin, dass er Markus erwartet aber sie weiß, er denkt daran.

Markus bringt bei seiner Ankunft kaum einen Tropfen mit ins Haus, so schnell ist er unter dem Schirm. Anna nimmt ihm den Mantel ab, setzt Tee auf, bietet frischgebackenen Kuchen an.

Danke, Mama, sagt er höflich, unpersönlich.

Papa, hallo.

Hallo, antwortet Hans ohne vom Buch aufzublicken. Was ist denn so dringend?

Markus setzt sich schwer auf einen Stuhl, fährt sich durchs Haar, wirkt angespannt.

Ich habe beschlossen: Wir handeln jetzt bevor was passiert.

Wie handeln?, fragt Anna und setzt sich.

Ich hab einen Käufer für das Haus gefunden, sagt Markus. Guter Preis. Dann hol ich euch ne Einzimmerwohnung in München, bleibt genug Geld übrig. Lisa kann studieren. Oder ihr legt was zur Seite.

Stille. Anna hört nur, wie draußen der Regen prasselt, im Hintergrund tickt die Wanduhr. Hans Atmung wird schwer.

Sag mal, bist du wahnsinnig?, fragt Hans nach einer langen Sekunde. Was hast du vor?

Papa, ich habs tausendmal überlegt. Ihr seid alt, lebt hier allein, das Haus ist renovierungsbedürftig, Heizung unsicher, zur Klinik ewig weit. In München seid ihr bei mir, ich helf euch im Alltag. Lisa und Anja besuchen euch, alles läuft. Ist doch besser, oder?

Besser für wen?, fragt Hans. Für uns oder für DICH?

Für alle, beharrt Markus. Familie ist doch wichtiger als ein altes Haus.

Familie also, spottet Hans. Jetzt plötzlich, wo du uns rausschmeißen willst.

Ich schmeiß euch nicht raus!, knallt Markus, jetzt wird er laut. Ich schlag nur vernünftige Lösungen vor. Ihr seid keine zwanzig mehr. Was ist, wenn einer von euch was hat? Wer rettet euch dann?

Nach Hilfe gefragt haben wir nie, meldet sich Anna leise zu Wort. Markus, wir wissen, dass du dich sorgst. Aber das ist unser Haus. Unser Leben. Hier hast du gespielt, hier haben wir dich großgezogen. Wie soll man so etwas einfach verkaufen?

Ganz einfach, Mama. Vertrag unterschreiben, Geld kassieren, besser leben als bisher und endlich diesen Möbelwahnsinn lassen!

Hans steht auf, geht zum Fenster, blickt dem Regen entgegen, kehrt sich dann abrupt Markus zu.

Du meinst, du hast das Recht über unser Leben zu bestimmen?

Ich hab das Recht, mich um euch zu kümmern, antwortet Markus. Und wenn ihr nicht mehr klar urteilen könnt, dann ist das meine Pflicht!

Klar urteilen? Hans schüttelt den Kopf. Ich war Ingenieur. Hab gebaut, geplant, gerechnet. Halbes Ingolstadt steht auf meinen Bauplänen. Und jetzt redest du von Alterschwäche?

Papa, das ist vorbei, wird auch Markus bockig. Heute zählt anderes. Mit zweiundsiebzig bist du eben nicht mehr der Alte.

Nein, der bin ich tatächlich nicht mehr. Vor allem nicht mehr der, der sich alles gefallen lässt.

Beide stehen sich gegenüber und Anna sieht: Sie sind sich ähnlicher als sie ahnten. Hart, stur, unnachgiebig. Blutsverwandt.

Hört auf!, bittet Anna, steht auf. Lasst uns ruhig reden. Markus, setz dich. Hans, auch du bitte.

Hans setzt sich zurück in den Sessel, Markus widerwillig erneut an den Tisch. Anna schenkt Tee ein, schneidet Kuchen. Ihre Hände zittern.

Markus, sagt sie vorsichtig, ich weiß, dass du Angst hast um uns. Aber wir kommen zurecht. Es gibt Nachbarn Wolfgang hilft, Tamara von gegenüber. Wir sind nicht allein.

Die Nachbarn sind alle selbst Rentner, winkt Markus ab. Was können die ausrichten, wenn Papa umkippt?

Sie holen einen Notarzt. Wie überall.

Und wenns zu spät ist…?

Dann ist es eben soweit, sagt Hans ruhig. Man kann sein Leben nicht komplett durch Angst steuern. Sonst lebt man nicht, sondern existiert nur.

Markus ist frustriert, Anna merkt, wie die Anspannung wächst. Er ist wirklich besorgt nicht berechnend, nicht kontrollierend, sondern voller Angst, sie zu verlieren. Und das berührt sie.

Markus, sagt sie sanft, wir haben noch viele Pläne. Papa möchte einen alten Buffetschrank restaurieren, ich will einen Rosengarten anlegen. Wir leben noch eine Weile, keine Sorge.

Pläne … Markus lächelt gequält. Wer hat die nicht. Und dann puff ist jemand einfach weg.

Und auch eine Wohnung in München würde daran nichts ändern, meint Hans. Wenns soweit ist, ists egal wo.

Markus springt auf, läuft im Zimmer herum.

Warum versteht ihr mich bloß nicht! Ich will euch doch nichts Böses. Ihr tut, als ob ich gegen euch wäre!

Niemand ist gegen dich, sagt Anna und fasst ihn an der Hand. Wir lieben dich. Aber wir müssen so leben, wie wir es brauchen.

Ich begreifs nicht, ruft Markus. Ihr seid egoistisch. Nur eure Stühle und Kommoden zählen. Was ich fühle, interessiert keinen.

Du willst, dass wir unsere Welt für deinen Seelenfrieden aufgeben?, fragt Hans eisig.

Markus erbleicht, ballt die Fäuste und stürmt zur Tür.

Macht doch was ihr wollt! Ich hab keine Lust mehr zu diskutieren. Aber wenn was ist, ruft nicht mich an!

Markus!, ruft Anna. Zu spät. Die Tür kracht zu.

Sie läuft hinterher, sieht ihn nur noch ins Auto steigen. Markus, halt!, ruft sie im Regen. Doch das Auto saust davon.

Hans holt sie rein. Hol dir keinen Schnupfen. Geh dich umziehen.

Sie schleift sich ins Schlafzimmer, wechselt klatschnasse Kleidung gegen den Bademantel. Dann zurück ins Wohnzimmer, wo Hans bereits wartet. Er nimmt sie in den Arm.

Anna, wein nicht. Er kühlt sich ab, kommt wieder.

Nein, flüstert sie, er verzeiht das nicht. Du hast gehört, was er gesagt hat ruft mich nicht mehr an. Das ist das Ende, Hans.

Er schweigt. Streichelt sie. Der Regen trommelt aufs Dach; irgendwo grollt Donner.

Sie sitzt eine Weile, dann wischt sie sich die Tränen ab.

Vielleicht hat er recht. Vielleicht SIND wir egoistisch?

Nein, sagt Hans. Wir wollen nur unser Leben leben. Das zählt noch auch jenseits der fünfzig. Wir müssen nicht zu Schatten werden, nur weil wir alt sind.

Aber er ist unser Kind. Wie sollen wir ohne ihn…?

Weiß ich nicht, antwortet Hans ehrlich. Aber alles mitmachen, was er sagt, geht nicht. Das wäre unser Untergang. Wir würden von innen her sterben, wenn wir das aufgeben.

Sie versteht das. Leichter wird es dadurch nicht.

Monate vergehen, Markus bleibt stumm. Anna schreibt ihm schließlich eine Nachricht: Markus, wir vermissen dich. Komm doch mal vorbei! Nichts. Grüß Lisa. Sie ist immer willkommen. Stillstand.

Sie merkt: Er schneidet sie ab. Endgültig. Sie kann nachts kaum schlafen vor Kummer; es tut weh, anders als Herzschmerz, aber genauso heftig.

Hans sieht ihren Schmerz, kann aber nichts tun. Er bastelt weiter, repariert Möbel, wirkt dabei schweigsam. Zuweilen sitzt er draußen, schaut lange auf die Dorfstraße. Wartet er auf Markus? Vielleicht.

Eines Morgens schreit Hans aus der Werkstatt. Anna eilt hin.

Was ist los?

Hans steht mitten im Schuppen, starrt auf eine leere Stelle. Dort, wo gestern noch der frisch restaurierte Stuhl mit den geschnitzten Beinen stand, ist jetzt nichts mehr.

Anna, hast du den Stuhl genommen?

Nein, warum?

Er läuft nervös umher, kontrolliert alle Ecken. Kommoden noch da. Der Nachttisch auch. Der Stuhl: verschwunden.

Gestohlen?, sagt Anna unsicher.

Wer soll hier klauen?, ungläubig Hans. Wir schließen nie ab.

Beide schauen sich an und da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen.

Markus…, flüstert sie.

Hans verliert kein Wort, geht wortlos ins Haus, greift zum Telefon. Er drückt auf Lautsprecher. Anna hört den Freiton. Nach ein paar Mal meldet sich Markus Stimme.

Ja?

Wo ist der Stuhl?, fragt Hans, die Stimme bebt.

Welcher Stuhl?

Du weißt genau welchen. Den restaurierten im Schuppen. Wo ist er?

Pause. Dann Markus:

Hab ich auf den Sperrmüll gebracht. Beim letzten Besuch, als ihr draußen wart.

Silenzio. Anna schlägt die Hand vor den Mund.

Spinnst du?, fragt Hans leise.

Ich hab getan, was ihr längst hättet selbst tun sollen. Schrott raus kein Risiko mehr.

Das war der Stuhl meiner Mutter, bricht Hans’ Stimme. Sie hat ihn geliebt. Es ist alles, was von ihr übrig ist.

Kurzes Schweigen, dann Markus: Papa, das wusste ich doch nicht…

Du hast nicht gefragt. Nicht mal interessiert! Hast einfach entschieden, was raus muss.

Ich dachte nur, das wäre halt wieder so ein Sammlerstück

Verschwinde, sagt Hans. Aus meinem Leben. Ich will dich nicht mehr sehen. Für mich gibts keinen Sohn mehr.

Papa, jetzt übertreibst du doch!

Hans knallt das Telefon auf den Tisch, verlässt das Zimmer. Anna verharrt bewegungslos. Markus Stimme klingt schwach aus dem Apparat: Mama? Mama, bitte, erklär ihm, ich habs nicht gewollt

Sie nimmt das Telefon.

Markus, das war nicht dein Recht. Das war nicht dein Stuhl, nicht dein Haus, nicht deine Entscheidung. Du hast eine Grenze überschritten.

Mama, ich wollte es doch nur gut machen…

Für dich vielleicht. Nicht für uns, sagt sie. Du wolltest zeigen, dass du Chef bist. Aber so geht das nicht.

Sie legt auf. Sitzt eine Weile da. Das Telefon klingelt sie drückt weg, stellt es lautlos.

Hans verlässt bis zum Abend das Schlafzimmer nicht. Anna wirft ihm Essen rein, klopft umsonst an die Tür. Als er dann rauskommt, sieht sie: Er hat geweint.

Ich war auf dem Sperrmüll, sagt er rau. Alles ist kaputt, verbrannt. Nichts mehr zu finden.

Anna umarmt ihn. Zwei alte Leute mitten im Flur, der Sohn und die Erinnerung weg.

Es ist nur ein Stuhl…”, sagen ihre Lippen, nur ein Stuhl…

Es geht nicht um den Stuhl. Hans sieht sie an. Für mich gibts ihn nicht mehr.

Er bleibt dein Sohn, Hans.

Er WAR mein Sohn.

Sie weiß, dass sie ihn nicht überzeugen kann.

Weitere Wochen verrinnen. Markus ruft manchmal an, meist nimmt Anna ab. Ich habs doch nicht gewusst, Mama!, beteuert er immer wieder. Manchmal muss man Sachen wegwerfen, um aufzuräumen das ist normal.

Für dich schon. Für uns nicht, sagt sie. Du hast weder Respekt vor dem was uns ausmacht noch vor uns selbst als Menschen gehabt.

Mama, ich wollte nur, dass ihr keinen Schaden nehmt!

Und hast riesigen Schaden angerichtet. Nachdenklich legt sie auf.

Der Winter vergeht zäh. Anna hält Kontakt zu Markus, aber der Vater bleibt hart. Keine Gespräche.

Im Frühjahr, sobald das Eis schmilzt, steht plötzlich ein Umzugswagen vor der Tür. Markus bringt einen Stuhl, alt, mit Schnitzereien, ein Schmuckstück.

Mama, ich hab drei Monate an dem Teil gearbeitet. Selbst restauriert, alles. Ich kann den alten nicht ersetzen, aber vielleicht zeigt Papa, dass ich was verstanden habe!

Anna umarmt ihn spontan, Tränen laufen.

Er ist in der Werkstatt, sagt sie. Markus trägt den Stuhl hinein.

Hans sieht ihn, mustert erst den Stuhl, dann den Sohn.

Hallo, Papa. Ich hab den Stuhl für dich gemacht. Ich will zeigen, dass ich verstanden habe, dass das kein Quatsch ist. Und dass ich Respekt davor habe. Es tut mir leid.

Hans betrachtet das Möbelstück, fährt mit der Hand über die Lehne.

Gut geworden, nickt er. Lack sauber, Schnitzerei ordentlich.

Danke, Papa. Kannst du mir verzeihen?

Hans blickt Markus in die Augen.

Wir werden sehen, Markus. Wir werden sehen.

Nicht ja, nicht nein. Aber vielleicht ein Anfang.

Markus fährt nach München zurück. Der Stuhl bleibt da. Hans betrachtet ihn noch lange. Schließlich steht er auf, legt Annas Hand in seine.

Er hat es versucht, Anna.

Das hat er, gibt sie zurück. Und er hat wirklich verstanden.

Sie sitzen noch eine Weile im Spätnachmittag auf der Veranda.

Als Hans aufsteht, sagt er: Morgen fang ich mit der Kommode an. Der alten, die wir letzten Monat gefunden haben.

Ich helf dir dabei, lächelt Anna.

Draußen zwitschern die Amseln, der Wind rauscht durch die Bäume. Morgen beginnt ein neuer Tag, ein neuer Frühling, eine neue Arbeit. Ihre eigene, gewählte, selbstbestimmte Lebenszeit. Sie sind kein Müll und werden es nie sein.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Wir sind kein Abfall, mein Junge. (Eine Erzählung)
Das von der Hoffnung gebrochene Herz: Der Weg zu einem neuen Glück