Sie kam ohne zu klingeln herein, in den Händen etwas, das sich bewegte.
Alina kam einfach so herein. Das hatte sie noch nie getan, und schon allein deshalb trat Marianne Krüger mit dem Küchentuch in der Hand aus der Küche. Es war ein grauer Februarsamstag, draußen schmolz Schnee, alles war trüb kein Morgen mehr, noch kein Tag, diese Art Wetter, bei der man einfach auf dem Sofa liegen und an nichts mehr denken will.
Alina stand im Flur, öffnete mit einer Hand ihre Jacke. Mit der anderen umklammerte sie einen karierten Wolldecke, darin etwas Kleines. Etwas, das sich regte.
Marianne Krüger hat sich später eingeredet, sie habe es gleich geahnt. Aber das war gelogen. Sie dachte, Alina hätte ein Kätzchen aufgelesen.
Geh ins Zimmer, da ists wärmer, sagte sie. Warst du am Hauptbahnhof? Ich setz Wasser auf.
Mama, sagte Alina, ihre Stimme seltsam. Nicht zornig, nicht zärtlich eher wie von jemandem, der lange eine schwere Last geschleppt und sie nun abgestellt hat. Mama, das ist Michel.
Marianne Krüger sah auf das Bündel. Aus der Wolldecke lugte ein winziger rotgewordener Finger. Dann ein kleines Gesicht, verknittert wie ein alter Pilz, mit geschlossenen Augen.
Sie erinnerte sich später kaum, was sie sagte. Ob was vom Wasserkocher, oder dass Alina die nassen Stiefel ausziehen sollte. Sie redete irgendetwas, völlig sinnlos, während der Kopf sortieren wollte: Alina war vor vier Monaten ins Praktikum gegangen. Sie hatte regelmäßig angerufen, erzählt, das Studium sei anstrengend, sie vermisse Mamas Kartoffelsuppe.
Wie alt ist er?, fragte Marianne Krüger schließlich.
Achtzehn Tage.
Achtzehn Tage. Das bedeutete, Alina hatte weiter angerufen, als sie schon ein Baby hatte. Als der Kleine acht, sieben, fünf Tage alt war.
Sie gingen ins Wohnzimmer. Alina legte Michel auf das Sofa, polsterte ihn an den Seiten mit Kissen ab, richtete sich auf, sah ihre Mutter an. Dieses direkte, unbeirrte Schauen daran erkannte Marianne Krüger, dass Alina sich verändert hatte. Ihr Gesicht war schmaler, sie hatte Schatten unter den Augen. Aber sie stand so da, wie Menschen das tun, die das Schlimmste schon durchgestanden haben.
Du hättest etwas merken müssen, sagte Alina. Sie schrie nicht, sie weinte nicht. Es war eine nüchterne Feststellung, ein müder Ton. Als ich im November da war, war ich im sechsten Monat, Mama. Im sechsten.
Marianne Krüger erinnerte sich an den November. Alina war drei Tage da gewesen, hatte Pullover getragen, die zu weit waren. Damals hatte Marianne gedacht: Das Mädel achtet nicht mehr auf ihre Figur. Sie hingen zusammen im Wohnzimmer, schauten Krimi, aßen Maultaschen, Alina half, den Balkon zu entrümpeln. Dann war sie wieder fort.
Ich dachte, du hättest ein bisschen zugenommen, sagte Marianne Krüger.
Ich weiß, was du dachtest. Du hast immer an alles gedacht nur nie an mich.
Das war ungerecht. Marianne Krüger wusste das. Doch sie schwieg. In ungerechten Worten liegt oft ein Körnchen Wahrheit, das zuzugeben schwerfällt.
Du warst immer in der Arbeit, fuhr Alina fort, mit leicht zitternder Stimme. Wenn ich heimkam, schliefst du oder warst in deinen Unterlagen versunken. In der achten Klasse fing ich an zu rauchen du hast es nach einem halben Jahr gemerkt. In der zehnten habe ich zwei Wochen nicht mit dir gesprochen du hast nicht gefragt, warum. Du hast in deiner Welt gelebt. Ich hab gelernt, dir nichts zu erzählen. Dass ich selber klarkomme.
Michel fiepte auf dem Sofa. Alina drehte sich zu ihm, straft den Wollplaid zurecht. Alles so routiniert, so selbstverständlich. Marianne Krüger merkte, dass Alina das schon gelernt hatte, irgendwo alleine mit ihrem acht Tage alten Kind.
Wo warst du?, fragte sie.
Bei Marina. Du erinnerst dich, die vom Leopoldplatz. Sie war immer für mich da.
Marina vom Leopoldplatz. Eine Freundin, die Marianne Krüger nie gesehen hatte. Ihre Tochter bekam ihr erstes Kind, und eine Marina war dabei.
Sie ging in die Küche. Stellte den Wasserkocher an. Sah aus dem Fenster auf den nassen Schnee, den niemand räumte und der längst in matschige Brühe übergegangen war. Hörte, wie Alina leise mit Michel sprach, keine Worte, eher Laute.
Marianne Krüger dachte daran, dass sie Buchhalterin war. Ein Leben lang Zahlen addiert, und es hatte immer gestimmt. Soll und Haben. Aber jetzt: Sieben Jahre wollte sie ihre Tochter verstehen, dann Studentinnenzeit, und sie wusste gar nichts von ihr. Was half da Mathe?
Als sie mit zwei Tassen ins Wohnzimmer zurückkam, stillte Alina gerade. So alltäglich, so fremd Marianne Krüger stellte die Tassen ab und trat ans Fenster.
Wer ist der Vater?, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
Alina schwieg einen Moment.
Später, Mama. Nicht jetzt.
Marianne Krüger nickte. Später war genug Zeit.
Diese erste Nacht schlief sie kaum. Lag und lauschte, wie Michel sich regte, wie Alina aufstand und ihn beruhigte. Dachte: Muss einen Stubenwagen besorgen. Sollte Zina Krüger aus dem Erdgeschoss fragen, wie sie das damals gemacht hat. Hörte immer wieder in sich nach: Du hättest etwas merken müssen. Du hast in deiner Welt gelebt.
War das wahr?
Ja, wohl. Aber sie hatte doch immer gemeint, alles für Alina zu tun Kleidung, Englischkurse, gutes Essen. Das war ihre Idee von Liebe: so arbeiten, dass abends die Füße schmerzten, aber immer Quark und Frikadellen im Kühlschrank waren. Doch das war zu wenig gewesen.
Ihre Schuld?
Hier wusste sie es nicht. Hier kam sie mit Zahlen nicht weiter.
Vor fünfzehn Jahren stand sie in der Regionalbahn zum Kinderheim. Ein trüber November, alles nass. Schaute hinaus und fragte sich: Wozu fahre ich da? Ihr Mann, Klaus, war drei Jahre zuvor gegangen, bedächtig, ohne Streit: Mary, ich wünsche mir Kinder, aber es klappt nicht, du weißt es selbst. Sie wusste es längst. Ärzte hatten ihr das mit 32 gesagt, sie hatte sich daran gewöhnt wie an hohen Blutdruck: Lebt man halt mit. Klaus wollte sich nicht gewöhnen. Er ging zu einer anderen, die ihm zwei Kinder schenkte. Ab und zu traf sie sie im Supermarkt: Klaus mit Kinderwagen, junge Frau, rosige Kinder. Nett begrüsst, Smalltalk. Alles normal.
Mit dem Kinderheim haderte sie lange. Warum willst du fremder Mutter sein, Mary, werd doch erst einmal mit dir selber glücklich, mahnte ihre Freundin Lissy. Probier es, nur Mut, sagte die andere, Anni. Am Ende fuhr sie einfach los.
Im Heim wurden ihr viele Kinder gezeigt: kleine, ruhige, solche, die gefallen wollten. Alina saß im Eck, las ein Buch. Sie sah aus dem Augenwinkel auf die Fremde, die ein Kind aussuchen sollte, wie auf dem Markt einen Hund. Zwölf Jahre, mager, kurze, ungekämmte Haare, Narben am Unterarm. Alina, schwieriges Mädchen, flüsterte die Betreuerin. Marianne Krüger fragte, was sie denn lese. Alina zeigte schweigend das Buch: Der Graf von Monte Cristo. Marianne sagte: Gutes Buch. Mhm, antwortete Alina.
Ob sie sich fanden oder zufällig zusammenkamen sie waren fortan Familie.
Erste Monate waren hart. Marianne Krüger saß abends manchmal in der Küche und dachte, ob sie einen Fehler gemacht hatte. Alina war schroff, nie laut, aber spitz. Das ist das falsche Brot. Warum warst du in meinem Zimmer? Ich brauche keine Hilfe. Immer war die Tür zu. Klopfte Marianne, kam nur: Was? Nie Herein oder Ja, nur Was?.
Eines Nachts hustete Alina schlimmer. Sie lauschte, betrat das Zimmer Alina hatte Fieber, glühte, starrte stur zur Decke. Marianne kochte heiße Milch mit Honig und Butter, ein Rezept ihrer Mutter. Alina nahm die Tasse, trank wortlos.
Warum mit Butter?
Hilft besser.
Schmeckt widerlich.
Aber hilft.
Pause.
Na gut, sagte Alina.
Das war ihr erstes echtes Gespräch. Na gut. Ein kleines Wort Marianne Krüger hat es nie vergessen.
Dann kamen die Jeans. Alina wollte solch eine, wie sie Franziska aus der Klasse trug: teuer, mit Stickerei. Damals war das Geld knapp, Marianne aß Kantinenbrot, abends zuhause nur Tee und Toast aber die Jeans kaufte sie. Daheim legte sie sie auf den Tisch. Alina betrachtete sie, dann Marianne, dann wieder die Jeans. Sagte nichts, verschwand im Zimmer. Nach einer Stunde kam sie in den Jeans raus.
Sitzen gut.
Schön, sagte Marianne.
Danke, flüsterte Alina, als fiele ihr das Wort schwer.
So wuchs langsam etwas. Mit Pausen, schief, holprig, aber echt. Im wahren Leben sagt niemand am zweiten Tag Mama. Es ist mehr ein sitzen gut und ein na gut. Und du hältst daran fest, weil das alles ist, was du hast.
Alina lebte drei Jahre für die Schule bei ihr, dann zog sie fürs Studium nach Heidelberg. Grundschullehramt überraschte Marianne: Alinas Charakter und Kinder, passt das? Alina wollte es unbedingt. Sie zog ins Wohnheim, rief anfangs selten an, später öfter. Manchmal kam sie am Wochenende, aß Suppe, erzählte vom Studium nie Persönliches. Von innen sprach sie nie.
Vor einem Jahr rief Alina im März einmal an: Ihre Stimme war anders. Marianne fragte: Alles okay? Ja, nur müde, erwiderte Alina. Sie sprach dann über etwas Anderes. Marianne dachte später an dieses Gespräch hätte anders fragen sollen, nicht das ewig Alles okay?, worauf immer Ja folgt. Aber wie, sie wusste es nicht.
Was im März geschah, erzählte Alina erst ein Jahr später, als Michel bereits sechs Wochen zählte und zum ersten Mal konzentriert in die linke Zimmerecke starrte.
Ein Dozent am Institut für Pädagogik war es. Alina ging zu ihm, seine klugen Worte gaben ihr das Gefühl, verstanden zu werden. Er war verheiratet, sie wusste es. Sie quälte sich später deshalb, doch wenn mit 22 ein Mann dich ansieht, als wärst du die faszinierendste Frau dann ist nein sagen schwer. Besonders, wenn du im Heim aufwächst, keiner je so geschaut hat.
Es endete im Oktober. Die Ehefrau kam ans Institut. Marianne stellte sich die Szene vor 35, aufgebracht, im Flur, vor Studenten, alle hören zu. Sie beschimpfte Alina. Der Dozent führte die Ehefrau fort, ohne sich umzudrehen.
Er sah sie nie wieder an.
Alina stand da, ging später in die Toilette, verbrachte eine Ewigkeit in der Kabine. Keiner kam je nach ihr schauen. Niemand wollte sich einmischen.
Drei Wochen später ein positiver Test.
Alina saß im Wohnheimbad, starrte lange aufs Testergebnis, wusch sich im Eiswasser, betrachtete sich im Spiegel, sagte zu ihrem Spiegelbild: Na, dann eben so. Dann rief sie Marina vom Leopoldplatz an, ihre einzige wirkliche Vertraute.
Marina sagte nur: Komm zu mir, solange du willst.
Warum sie Marianne Krüger nicht anrief?
Alinas Erklärung war zugleich einfach und unerträglich:
Du hättest gleich angefangen, alles zu regeln. Du hättest gesagt, ich müsse das Jugendamt informieren, ein Anspruch auf Unterhalt, Urlaubssemester, alles, was man tun muss. Du wärst nur noch aufgegangen in dieser Aufgabe. Aber ich brauchte jemanden, der einfach da ist. Du kannst nicht einfach da sein, Mama. Du kannst immer nur handeln, aber nie einfach sein.
Marianne Krüger stritt nicht ab. Das war sie. Keine angenehme Selbsterkenntnis.
März wurde zu April. Alina blieb bei Marina, die war eine Gute: keine Ratschläge, kochte Suppe, brachte nachts Wasser. Von solchen Menschen gibt es zu wenige, dachte Marianne dankbar, äußerte es nie, sie konnte so etwas nicht aussprechen.
Michel wurde im Januar geboren: kräftig, laut, dunkle Haare, als wäre er mit allem unzufrieden. Im Krankenhaus war Marina dabei, nicht die Mutter.
Als Alina das alles erzählte, schwieg Marianne Krüger zuerst lange. Dann: Ich hätte anders sein müssen.
Ja, sagte Alina, vielleicht.
Ich konnte es nicht. Ich habs einfach nicht gekonnt.
Ich weiß, erwiderte Alina. Ein reines Ich weiß, kein Verzeihen, nur Anerkennung der Tatsache.
Fortan lebten sie zusammen. Die große Stube gehörte Alina, die Wiege für Michel hatte Nachbarin Zina Krüger organisiert, die ohnehin alles wusste, wie es bei Babys läuft. Zina kam fast täglich mit Töpfen und Tipps, die keiner verlangte, die aber halfen.
Schau dir an, ein richtiger Wonneproppen, meinte sie, gut, dass er laut ist. Die Stillen sind oft anstrengender, glaub mir.
Alina ertrug Zinas Flut mit geduldiger Miene, schickte sie aber nie weg. Denn Zina war nützlich: babysitten, wenn Alina schlief, wusste immer, was bei Koliken zu tun war, brachte einmal sogar ihre Schwiegertochter vorbei, die Kinderärztin war.
Marianne Krüger arbeitete nicht mehr, die Rente reichte für ein bescheidenes Auskommen. Das Wetter drückte manchmal auf ihre Gelenke, wenig sagte sie davon Alina, die ohnehin genug zu stemmen hatte.
Sie rieben sich ein. Ein langer Prozess, zwei Menschen, die nie viel miteinander gesprochen hatten. Morgens fütterte Alina Michel, Marianne kochte Milchreis, gemeinsam Tee, Schweigen. Manchmal sagte Alina was über Michel: Er hat heute Nacht durchgeschlafen. Oder: Er hat hier was an der Haut. Erste, vorsichtige Gesprächsfäden.
Im April rief Klaus an.
Marianne saß mit der Zeitung am Küchentisch. Das Handy vibrierte, sie starrte einen Moment auf den Bildschirm Klaus. Sie hatte die Nummer nie gelöscht. Warum eigentlich?
Ja?, sagte sie.
Mary, ich bins. Seine Stimme fremder als früher, nicht mehr das selbstbewusste, leicht spöttische, sondern müde, gebrochen. Kannst du dich treffen?
Sie trafen sich in einem Café. Klaus war gealtert, mager, die Haare weiß, Ringe unter den Augen. Lange rührte er seinen Tee, dann gestand er:
Im April kam die Diagnose. Bauchspeicheldrüse. Im Juni Operation.
Stille.
Ich will kein Mitleid, Mary. Ich wollte es dir sagen. Ich habs allein getragen. Meine Töchter sind erwachsen, Frau… du kennst das. Sie ist ok, aber… Er zögerte. Ich wollte dir sagen, dass es damals falsch war, wie ich gegangen bin. Es war feige.
Du verstehst es jetzt, sagte sie. Kein Vorwurf.
Ja. Jetzt. Ich verkaufe meinen Imbiss. Da kommt schon was raus. Ich will es dir geben.
Marianne stellte ihre Tasse ab.
Warum?
Ihr braucht eine größere Wohnung. Er wußte offensichtlich, was bei ihr zuhause los war später erfuhr sie, warum: über Zina. Hab gehört, deine Tochter mit Kind wohnt bei dir. Ihr habt wenig Platz.
Kümmere dich nicht darum.
Mary…
Kümmere dich nicht, Klaus. Du machst das für dich. Zum Abbitte leisten.
Er widersprach nicht.
Auf dem Nachhauseweg im Bus sah Marianne die ersten grünen Spitzen, der Frühling war früh dieses Jahr. Sie dachte: Klaus sieht schlecht aus. Bauchspeicheldrüse ernst. Zwanzig Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, nicht vermisst, aber jetzt war es ihr nicht mehr egal.
Zuhause erzählte sie es Alina.
Alina Michel auf dem Arm fragte: Und?
Er will Geld geben.
Nein.
Alina…
Mama, er hat dich verlassen, weil du keine Kinder bekommen konntest. Das weißt du, ja? Jetzt will er Geld geben, weils ihm schlecht geht. Weil er Angst hat. Nein.
Marianne sah ihre Tochter an.
Und wenn ich es annehme?
Dann versteh ich dich nicht.
Es gibt vieles, das du an mir nicht verstehst, erwiderte Marianne ruhig. Auch an Klaus. Ist er ein schlechter Mensch? Hat er Fehler gemacht? Ja. Aber er ist kein Bösewicht, Alina. Nur schwach. Die meisten sind das.
Und du verzeihst ihm.
Das habe ich längst.
Alina erwiderte den Blick, in ihrem Gesicht war für einen Moment etwas Aufgewühltes.
Es ist deine Sache, sagte Alina schließlich. Dein Leben.
Marianne nahm das Geld. Nicht nur wegen der Wohnung obwohl sie dringend nötig war, Michel brauchte sein Zimmer, Alina Ruhe zum Studieren. Auch, weil Klaus es brauchte, um abschließen zu können.
Alina sprach wochenlang kaum mit ihr. Kein Streit, kein Knall, nur kurze Antworten, abgewandter Blick so war sie immer schon, wenn sie verletzt war: sie zog sich zurück.
Zina kam eines Abends, brachte einen Topf Eintopf, sah beide an, schüttelte den Kopf und sagte:
Ihr seid beide stur wie Esel. Ihr schweigt euch an, wo ihr reden solltet.
Zina, ich hab Sie gern, aber das ist nicht Ihr Thema, konterte Alina.
Zina zuckte mit den Schultern, ließ den Eintopf da und ging. Kam nächsten Tag wieder.
Der Sommer verging. Michel bekam Zähne, alle im Haus litten mit. Alina schrieb an der Abschlussarbeit, Marianne betreute Michel. Es war ein neues Gleichgewicht, in dem etwas Gutes lag, auch wenn es keiner laut sagte.
Ende Oktober kam ein Brief von Klaus. Papier, handschriftlich. Operation am zwölften November. Weiß nicht, wies ausgeht. Aber danke für früher. Dass du nicht nachtragend warst. Und dass du das Geld genommen hast. Keine Rückadresse, keine Bitte um Antwort.
Marianne las den Brief zweimal, legte ihn in ihre Kommode.
Alina sah ihn, fragte, was war. Von Klaus, sagte Marianne. Alina nickte, sagte nichts.
Dann kam Silvester.
Am 31. Dezember waren sie zu zweit mit Michel zuhause. Zina war zu ihrer Tochter gefahren. Marina hatte Alina eingeladen, die sagte aber ab. Ganz ohne Planung es gab Mandarinen, Alina bereitete Kartoffelsalat, Marianne holte einen Streuselkuchen aus der Truhe. Michel schlief wie immer früh, ungeachtet der Feiertage.
Um zehn saßen sie am Tisch, der Fernseher vor sich hinplappernd. Alina sah ins Essen, Marianne trank Tee, suchte nach Worten, fand keine.
Plötzlich hob Alina den Kopf.
Ich habe ihm geschrieben, sagte sie einfach so. Als Michel nach der Geburt da war. Geschrieben, dass wir einen Sohn haben.
Marianne verstand sofort.
Und?
Keine Antwort. Er hat mich überall blockiert. Für ihn gibt es mich nicht mehr. Auch Michel nicht.
Schweigen.
Ich weiß, dass ich selbst Schuld habe, sagte Alina weiter. Die Stimme zitterte kaum merklich. Dass er nie meiner war. Aber er hätte… wenigstens antworten können. Ein einziges Wort. Irgendwas. Aber so ist es, als hätte es uns nie gegeben.
Sie schaute aus dem Fenster. Draußen knallten erste Böller schon zwei Stunden vor Mitternacht.
Mir ist so schrecklich peinlich, Mama, sagte Alina leise. Dass ich einen solchen Menschen gewählt habe. Dass ich monatelang nichts gesagt habe, weil es mir zu peinlich war. Jetzt schäm ich mich, dass ich es dir erzähle. Ich war immer alleine mit meinen Dingen und jetzt ich kann nicht mehr allein.
Marianne sah ihre Tochter an.
Sie dachte, sie müsste jetzt etwas Kluges sagen. Aber so etwas kommt ja nie im richtigen Moment. Stattdessen sagte sie nur das, was sie wirklich fühlte:
Kindskopf. Alina sah sie erstaunt an. Ich habe auch Fehler gemacht. Habe den Falschen geheiratet und ihn ziehen lassen, dachte damals immer, es läge an mir als Frau, als Ehefrau. Ich war auch oft alleine. Sie hielt inne. Aber das war richtig alleine. Ganz. Du bist nicht allein, Alina. Du hast uns. Michel und mich. Immer.
Alina blickte sie an. Für einen Moment sah Marianne die Erschöpfung, die Alina seit Monaten in sich trug.
Ich war so wütend auf dich, bekannte Alina. Dass du nichts gemerkt hast. Immer nur gearbeitet. Das Geld von Klaus angenommen hast. Dass du ihm verziehen hast.
Ich weiß.
Ich versteh bis heute nicht, wie du vergeben kannst.
Verstehen wirst du es, sagte Marianne. Du glaubst es nur noch nicht.
Alina senkte den Kopf, hob ihn später noch einmal.
Mama, es tut mir leid, dass ich dich nicht angerufen hab. Im Oktober, als ichs erfahren hab. Dass du bei Michels Geburt nicht dabei warst. Ich dachte, ich kann es alleine. Aber das war… falscher Stolz.
Mir tut leid, dass ich so eine Mutter war, dass du Angst hattest, anzurufen. Ich hätte da sein müssen. Aber ich war nur anwesend nicht wirklich präsent. Du hast recht. Das ist auch meine Schuld.
Sie schwiegen. Im Fernsehen blieben die Glückwünsche, dann Werbung.
Er ist hübsch, sagte Marianne über Michel.
Ja, lächelte Alina zum ersten Mal an diesem Abend. Sehr sogar. Zina meint, er sieht aus wie ein kleiner Schauspieler.
Das sagt sie über jeden.
Weiß ich. Trotzdem schön zu hören.
Sie umarmten sich nicht, weinten nicht dramatisch wie im Film. Alina ging rasch zur Teeküche, berührte beim Vorbeigehen ihre Mutter flüchtig an der Schulter. Marianne legte für einen Moment ihre Hand auf Alinas Arm. Das wars. So sieht das echte Leben aus.
Den Jahreswechsel feierten sie mit Mandarinen vor dem Fernseher. Michel erwachte vorzeitig durch Böller, schrie kurz, Alina nahm ihn auf den Arm, er beruhigte sich. Zusammen standen sie am Fenster, sahen das Feuerwerk. Marianne dachte, dass sie ein Jahr zuvor allein gewesen war, mit Rente, Arthrose und nichts weiter im Ausblick. Jetzt hatte sie eine Tochter, die ihr endlich ehrlich begegnete, einen Enkel, der die Raketen mit prüfendem Blick verfolgte als wollte er die Qualität kontrollieren.
Vielleicht ist das genau das, was man Neubeginn nennt. Leise, ohne großes Pathos. Einfach so, mit Mandarinen.
Anfang Mai bestand Alina ihr Examen.
Marianne kam allein, ließ Michel bei Zina, die extra ihre beste Bluse angezogen hatte. Im Hochschulsälchen, unter leicht kitschigen Porträts ehemaliger Professoren, saß Marianne. Alina trat vor die Kommission dunkelblaues Kleid, das sie gemeinsam ausgesucht hatten. Sie sprach klar, sicher, reagierte flink auf Fragen. Man sah: Alina war erschöpft von diesem Jahr, aber sie hielt durch.
Marianne sah ihre Tochter da vorne und dachte an das schroffe Mädchen aus dem Heim, das damals Monte Cristo las. Sie wusste ja nicht, auf was sie sich einließ, als sie dieses Kind zu sich nahm. Einfach ausprobiert. Und jetzt stand sie da, verteidigte ihre Abschlussarbeit mit einem einjährigen Kind daheim.
Nach der Note drehte sich Alina um, suchte sie im Saal, schaute einfach nur. Marianne merkte, dass ihr Hals sich zuschnürte, Tränen kamen. Fünfzehn Jahre hatte sie nicht geweint, nicht bei ihrer Mutter, nie wieder. Jetzt schon. Sie holte das Taschentuch heraus und entschied: Das ist in Ordnung.
Nach der Prüfung tranken sie Kaffee in der Cafeteria. Alina erzählte von den Fragen, Überraschungen, Marianne hörte zu. Sie spürte: So ehrlich hatten sie noch nie gesprochen.
Am nächsten Tag kam wieder ein Brief von Klaus. Operation gelungen, Ärzte positiv, danke. Mehr nicht.
Alina las, schwieg lange.
Glaubst du, das liegt daran, dass du ihm verziehen hast?, fragte sie.
Woran?
Dass es ihm besser geht.
Marianne dachte nach, faltete den Brief.
Weiß ich nicht. Ärztliches Können vielleicht. Oder… Ich weiß es nicht, Alina. Vielleicht Zufall.
Alina schaute nachdenklich aus dem Fenster.
Michel hat mich heute angelächelt, sagte sie plötzlich. So richtig, bewusst. Nicht wegen Bauchweh.
Wieder stieg Marianne das Wasser in die Augen.
Vielleicht spürt er, dass du ruhiger bist, sagte sie sanft.
Alina sah sie an, dann den kleinen Michel, der wieder in die linke Zimmerecke starrte, wie immer. Dann wieder die Mutter.
Meinst du?
Ich denke schon, sagte Marianne Krüger.
Draußen wurde es richtig Frühling, Geruch nach Erde und jungem Gras, wenn man das Fenster öffnete. Michel schnaufte leise im Zimmer, Alina wiegte ihn, schaute ihn lächelnd an. Und Michel blickte zurück ernst, ruhig, wie jemand, der vertraut.





