Die Frau, die „Nein“ sagte

Die, die Nein sagte
Tagebuch, Oktober

Heute war wieder so ein Abend, wie ich sie seit Jahren kenne. Mein Name ist Ingeborg Schröder, ich bin 54 Jahre alt und arbeite seit über zwei Jahrzehnten als Buchhalterin in der Berufsschule Nummer sieben in Halle. Ein stiller, unauffälliger Job Zahlen, Listen, Berechnungen. Respektierte Kollegin, der Direktor kann sich auf mich verlassen. Aber zu Hause würdigte das nie jemand.

Ich saß auf der Kante eines Hockers in der Küche und schnitt Brot dünn, gleichmäßig, wie er es mochte. Acht Scheiben, akkurat angerichtet. Dann rührte ich die Suppe um es gab heute Linsensuppe, die Gäste sollten um sechs kommen; es war schon zehn vor.

Bernd, mein Mann, saß wie immer im Sessel vor dem Fernseher und zapfte durch die Programme. Nach Hilfe fragte er nie. Warum auch, alles erledigt sich von selbst, wie immer.

Gegen halb sieben klingelte es. Schwiegermutter Irmgard kam mit ihrem Mann Friedrich, dann Bernds Bruder Ralf mit seiner Frau Ute. Laut, satt, zufrieden, wie immer. Sie machten es sich bequem, redeten durcheinander. Ich verteilte die Teller, räumte ab, brachte Nachschlag, deckte ab.

Am Tisch sprachen sie über Lebensmittelpreise, die Nachbarn, den neuen Wochenmarkt im Nachbarviertel. Ich hörte zu und schwieg. Ich war es gewohnt, am Tisch zu schweigen.

Dann begann Irmgard über die neue Poliklinik am Chemieweg zu reden.

Wenigstens sind dort dann die Wartezeiten kürzer, meinte sie, ihren Pulloverkragen zurechtrückend. Zum Hausarzt kommt man ja sonst kaum noch durch.

Überall werden die Wartezeiten gleich lang sein, murmelte Friedrich. Ärzte fehlen doch überall.

Ich habe gelesen, sagte ich zaghaft, dass dort junge Ärzte durch die Stadt vermittelt werden sollen. Habe ich in der Zeitung gelesen. Da gibt es doch so eine kommunale Initiative.

Bernd stellte sein Glas ab, ganz ruhig, aber mit Druck, sodass es alle spürten.

Inge, bring mal die Essiggurken, befahl er.

Einen Moment, ich wollte nur kurz den Artikel ansprechen …

Ich hab gesagt, hol die Gurken. Musst du dich wieder einmischen mit deiner Zeitung? Dich hat doch keiner gefragt.

Irmgard fing an zu husten, starrte auf die Tischdecke. Ute hob kurz den Blick, sah dann wieder weg. Ralf griff nach Brot.

Ich stand auf, ging zum Kühlschrank, holte das Glas mit Gurken, stellte es auf den Tisch und setzte mich wieder hin.

In mir war Stille. Kein Wut, kein Brodeln einfach diese Stille, wie sie in einer Wohnung herrscht, wenn alle gegangen sind und man nicht weiß, wozu man eigentlich noch hier ist.

Ich betrachtete meine Hände auf meinen Knien nicht mehr jung, die Gelenke ein wenig geschwollen, die Nägel kurz. Hände, die seit dreißig Jahren schuften: kochen, waschen, bügeln, schneiden, putzen, tragen. Dreißig Jahre lang.

Diese Gurken, zum Beispiel im August eingemacht, als es heiß war, verbrannte Finger an kochenden Gläsern, Deckel zugedreht. Hat je jemand gefragt, ob es schwer ist? Hat jemand Danke gesagt? Sie werden einfach gegessen, kommentarlos.

Das Gespräch am Tisch ging weiter, als wäre nichts gewesen. Friedrich erzählte von einem Bekannten, der einen gebrauchten Opel gekauft hatte. Irmgard lachte. Bernd nickte und schenkte nach.

Ich saß da und dachte an meine Hände.

Daran, dass ich vor zwanzig Jahren die Vorhänge im Wohnzimmer genäht habe nachts, nach der Arbeit, weil er sagte, wir hätten kein Geld für neue. Sie hängen noch immer. Ob er sie je bemerkt hat?

Nach dem Dessert rief Bernd quer durch den Raum:

Inge, räum jetzt ab. Was sitzt du noch da!

Da, in diesem Moment, geschah etwas. Kein lauter Knall, kein Donner. Eher leise, wie ein Kippschalter im Dunkeln. Aber das Licht ging nicht an nein, die Dunkelheit war zu Ende.

Nein, sagte ich.

Bernd drehte sich um.

Wie bitte?

Nein. Ich bin müde. Ich bleibe sitzen.

Betretenes Schweigen. Irmgard schaute auf, Ute stockte im Kauen.

Bist du verrückt geworden? sagte Bernd leise, mit dieser Stimme, mit der er immer wollte, dass ich ohne Aufhebens gehorche.

Nein. Ich bin nicht verrückt. Ich bin nur müde und will sitzenbleiben.

Ich stand auf. Nicht zum Spülbecken. Zur Tür, in den Flur, dann ins Schlafzimmer. Schlüsselte ab. Den Schlüssel nie gebraucht, heute schon.

Man hörte, wie Bernd draußen irgendetwas zu den Gästen sagte, er lachte, erklärte etwas. Dann klapperte Geschirr Ute fing an aufzuräumen, sie hat immer alles verstanden ohne Worte.

Ich saß auf der Bettkante, schaute hinaus. Draußen die Straße, die Laterne, ein Stück Himmel. Oktober, die Blätter schon ab, die Zweige schwarz, kahl. Nicht schön. Aber ehrlich.

Ich saß lange. Hörte, wie die Gäste gingen, die Tür zuschlug, Bernd in der Wohnung umherging, irgendwann vor der Schlafzimmertür stehen blieb.

Mach auf.

Ich antwortete nicht.

Inge, ich sagte, mach auf. Wir reden.

Morgen, sagte ich. Heute schlafe ich.

Er stand da. Ich hörte seinen Atem. Dann ging er.

Ich schlief auf der Decke. Nicht richtig ausgezogen. Schaute an die Decke. Das Seltsame war: Ich hatte keine Angst. Sonst hatte ich immer Angst, wenn ich irgendwas falsch machte. Jetzt war es still.

Vielleicht, weil ich diesmal das Richtige getan hatte.

Am Morgen hörte ich, wie Bernd zur Arbeit ging früh wie immer, er ist Schichtleiter in der Autofabrik. Er hustete im Flur, knallte die Tür. Ich wartete, bis seine Schritte auf dem Treppenhaus verklangen.

Dann stand ich auf, wusch mich, öffnete den alten, braunen Koffer mit Metallbeschlägen, holte ihn unter dem Bett hervor. Er roch nach Staub und Vergangenheit.

Ich packte still, ohne Hast, aber auch ohne Zögern: Wäsche, mehrere Oberteile, Hosen, den warmen Pullover. Die Papiere Reisepass, Arbeitsbuch, Sparbuch lagen oben in der Kommode, ich nahm alles. Dann eine kleine Schmuckschatulle Mamas Ohrringe und Omas Ring. Arbeits- und Hausschuhe.

Ich stand in der Mitte des Zimmers und betrachtete alles. Nichts gehörte mir. Den Schrank hatte er ausgesucht, das Sofa auch. Den Teppich wollten wir gemeinsam kaufen; ich hätte einen anderen gewählt. Die Vorhänge sind von mir, aber längst Teil seiner Wohnung.

Ich schloss den Koffer.

In der Küche trank ich einen Tee, stehend. Verließe die Suppe von gestern auf dem Herd.

Zog meinen Mantel an, nahm Koffer und Tasche. Schloss die Tür, legte den Schlüssel auf die Fußmatte. Er würde ihn finden.

Draußen war es kalt, feucht, man roch verfaulte Blätter. Ich stellte den Koffer ab, atmete tief. Das Himmel grau-weiß, trüb. Die Leute gingen zur Arbeit. Niemand sah mich an.

Ich hob den Koffer auf und ging zur Bushaltestelle.

Galina, meine Kollegin, wohnt in der Lindenstraße zwei Zimmer, dritter Stock. Sie ist Wirtschafts­lehrerin an unserer Berufsschule, acht Jahre älter als ich, wir waren so etwas wie Freundinnen: tranken mittags Tee, gingen manchmal zusammen zur Haltestelle. Sie war Witwe, keine Kinder, lebte allein und schien damit zufrieden.

Ich klingelte um halb elf. Galina öffnete in Morgenmantel, ihr Kaffee in der Hand, noch ein wenig verschlafen sie hatte Urlaub.

Inge? Sie sah den Koffer, dann mein Gesicht. Komm rein.

Keine Fragen, kein Aufhebens. Einfach komm rein.

Drinnen war es warm, es roch nach Kaffee und alten Büchern. Bücherregale sogar im Flur. Die graue Katze strich vorbei, schnupperte am Koffer, verschwand.

Setz dich. Ich mache gleich neuen Kaffee.

Wir saßen in der Küche, ich erzählte. Nicht alles der Reihe nach, eher Bruchstücke, so wie es kam: Vom gestrigen Abend, den Essiggurken, dem “Wen interessiert das?” Von den Vorhängen, vom Schweigen. Dreißig Jahre.

Galina unterbrach nie. Sie konnte zuhören, das war selten.

Ich verstehe, sagte sie schließlich. Ich frage nicht, ob es richtig war. Das ist nicht meine Entscheidung. Du kannst so lange bei mir wohnen, wie du willst.

Ich will keine Last sein, sagte ich. Ich helfe überall, koche, putze.

Inge, erwiderte sie mit weicher Strenge. Du bist nicht hier, um Haushaltshilfe zu sein. Es ist mein Haus, ich bin froh, dass du da bist.

Mir wurde plötzlich ganz eng im Hals. Keine Tränen einfach wie ein Muskel, der loslässt, nachdem er etwas Schweres zu lange gehalten hat.

Galina überließ mir das kleine Zimmer, früher war es ihr Arbeitszimmer. Ein Schlafsofa, Schreibtisch, Regale. Ich stellte meinen Koffer ab, räumte alles ein. Legte das Bettzeug auf.

Und dachte: Das ist mein Zimmer. Das erste Mal seit Jahren hatte ich einen Raum, der wirklich nur mir gehörte.

Natürlich kochte und putzte ich weiter. Nicht aus Pflicht, sondern weil ich es wollte, aus Dankbarkeit. Galina wehrte sich anfangs, ließ es schließlich einfach zu. Morgens tranken wir Kaffee, mal schwiegen wir lange und lasen jede in ihrem Buch.

Auch dieses Schweigen war neu man muss nicht erklären, nicht rechtfertigen. Beide waren wir darin zuhause.

Montags ging ich wieder zur Arbeit. Die Buchhaltung ist klein, drei Leute, ich und zwei junge Frauen. Sie sahen mich ein wenig neugierig an, fragten aber nicht. Ich arbeitete wie immer, ordentlich und ohne Fehler.

Freitags rief mich der Direktor ins Büro.

Alles gut bei Ihnen, Frau Schröder? fragte er, freundlich, menschlich.

Ja, Herr Bachmann. Mein Privatleben hat sich geändert, ich bin umgezogen. Aber das beeinträchtigt meine Arbeit nicht.

Ich frage nicht wegen der Arbeit, sagte er. Sondern wegen Ihnen.

Ich sah ihn an. Ein älterer, ruhiger Mann, erfahren, wusste immer, wie es seinen Leuten geht.

Danke. Ich komme zurecht, sagte ich.

Es stimmte auch. Es ging tatsächlich leichter. Es war, als ob ein Druck auf meiner Brust verschwunden war.

Die Schüler an der Berufsschule sind zwischen sechzehn und neunzehn, laut, rau, aber irgendwie ehrlich. Ich bin nur in der Buchhaltung, aber alle Stipendienlisten laufen über meinen Schreibtisch. Manchmal, wenn ich sie in den Fluren lachen hörte, spürte ich, dass das schön war lebendig, jung.

Vielleicht lag auch für mich noch etwas vor mir. Ein neuer Gedanke, ungewohnt, aber ich gewöhnte mich daran.

Nach drei Tagen rief Bernd zum ersten Mal an. Auf mein Handy. Ich nahm einmal ab und sagte nur:

Bernd, mir geht es gut. Ich brauche Zeit. Ruf bitte nicht an.

Er versuchte es weiter. Ich ging nicht mehr dran.

Dann versuchte er es im Sekretariat der Buchhaltung. Die junge Anja kam verlegen zu mir:

Frau Schröder, Ihr Mann …

Sagen Sie, ich bin nicht da, erwiderte ich ruhig.

Sie tat es leicht verwundert.

Im November wurde es kalt. Galina holte den Heizlüfter hervor, stellte ihn in mein Zimmer. Abends tranken wir zusammen Tee, aßen Waffeln, erzählten.

Galina sprach von ihrem verstorbenen Mann, wie schwer ihr der Neuanfang gefallen sei, dass Einsamkeit und Freiheit manchmal dasselbe sind.

Ich meine nicht, dass du allein bleiben musst, betonte sie dabei. Aber Angst davor braucht man keine haben. Schau doch, wie du jetzt lebst. Hast du Angst?

Nein, sagte ich.

Siehst du.

Ich dachte nach über meine alte Angst. Bernd hatte immer behauptet, dass ich allein verloren wäre, dass man mit meinem Buchhalterinnen-Gehalt nicht leben könne, dass ich zu alt wäre, für niemanden mehr interessant. Diese Sätze klebten jahrelang in mir fest wie Untermieter, die man nicht rauswirft.

Jetzt lebte ich. Und ging nicht unter.

Mein Geld war knapp, aber Galina wollte kein Zimmergeld. Ich kaufte ein und kochte. Langsam fing ich an, etwas zur Seite zu legen. Nicht viel, aber immerhin. Für irgendwann.

Im Dezember, kurz vor Weihnachten, stand Bernd plötzlich vor mir.

Ich kam von der Arbeit, es war Freitag, früh dunkel, schon Nacht um fünf. Er wartete am Hauseingang. Seine Jacke hing an ihm, als wäre sie eine Nummer zu groß er wirkte älter, abgekämpft.

Inge, sagte er.

Ich blieb auf Abstand.

Wie hast du mich gefunden?

Der Ort ist klein, alle kennen dich.

Ich nickte. Klar.

Wir müssen reden, meinte er.

Dann rede.

Er schaute sich um, wollte scheinbar nicht auf der Straße reden.

Sollen wir reingehen? Mir ist kalt.

Zieh eine Mütze auf, wenn du rausgehst, bemerkte ich. Sag jetzt.

Er schwieg, trat von einem Fuß auf den anderen.

Was hast du nur gemacht, Inge. Die Wohnung ist leer, nichts zu essen, überall Staub. Ich kann das alles doch nicht.

Dann lern es.

Du hast gut reden. Er war ärgerlich. Ich meine es ja nicht böse, so bin ich eben. Dafür kann man doch nicht die Ehe aufs Spiel setzen.

Dreißig Jahre, Bernd, sagte ich leise. Dreißig Jahre lang habe ich mir alles gefallen lassen. Immer geschwiegen, gekocht, geputzt, Gäste versorgt. Immer hast du mich vor anderen unterbrochen. Dreißig Jahre!

Es kam eben mal vor … Vielleicht mal zuviel gesagt, aber …

Vor Gästen hast du gesagt, mich fragt niemand. Immer, wenn ich eine Meinung hatte. Für dich war ich nur Arbeitskraft für Küche, Wäsche, alles. Und sonst nichts.

Ach, stell dich nicht so an, wurde er jetzt grantig, diese alte Art, von der mir früher immer eng wurde. Eine Ehefrau muss …

Stopp, sagte ich.

Er schwieg, total erstaunt. Ich auch.

Ich will das nie wieder hören. Sag mir lieber, was ich dir je bedeutete? Wissst du, was ich lese? Welche Filme ich mag? Was ich denke, wenn ich spüle?

Er blieb stumm.

Siehst du, sagte ich. Es hat dich nie interessiert. Du wolltest eine Frau, die gut den Haushalt führt. Das ist nicht dasselbe wie eine Partnerin.

Du bist komisch geworden, sagte er, verunsichert. Galina redet dir das ein.

Nein. Das denke ich selbst. Schon lange.

Ich knöpfte die Jacke zu. Feiner Schnee setzte ein, kribbelte auf meinem Gesicht.

Ich komme nicht zurück. Das ist kein kleiner Streit. Ich bleibe weg, weil ich dort unglücklich war. Jetzt merke ich erst, wie sehr.

Du bleibst alleine zurück, meinte er noch. Wer braucht dich dann?

Ich brauche mich. Das reicht.

Ich drehte mich um, ging zur Haustür.

Inge! Warte! rief er.

Ich ging, hörte den Schnee unter den Schuhen, die Kälte im Nacken. Galina hatte oben schon auf mich gewartet Tür gleich geöffnet.

Ich hab’s gesehen, sagte sie.

Ja, antwortete ich. Das war’s jetzt.

Möchtest du Tee?

Ja, gern.

Wir gingen in die Küche. Ich umklammerte die Tasse mit beiden Händen. Sie zitterten etwas nicht vor Angst oder Kälte. Sondern weil etwas zu Ende war. Der Körper weiß das zuerst.

Wie geht’s dir? fragte sie.

Gut, sagte ich. Und spürte: wirklich gut. Als hätte ich ihm etwas zurückgegeben, das ihm nie gehörte.

Schulden…?

Nein, sagte ich. Endlich hatte ich keine Erwartungen mehr. Ich hatte immer gehofft, er würde sich ändern statt dessen kam nur, dass nichts zu essen ist. Ich lachte schwach. Nichts zu essen.

Manche sind ehrlich auf ihre Weise, sagte sie.

Ja, ehrlich.

Der Winter verging. Ich holte mir juristischen Rat. Die Wohnung gehörte ihm, da vor der Ehe gekauft. Ich nahm nur mein Eigenes.

Leicht war es nicht, die Müdigkeit, das Grübeln nachts 54 Jahre, und plötzlich alles allein. Aber morgens, wenn ich aufstand, war das Leben in Ordnung.

Eines Abends im Januar bemerkte ich, ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal Kopfschmerzen hatte. Jahrelang tat mir abends immer der Kopf weh jetzt nicht mehr.

Eine kleine, aber große Nachricht.

Im Februar gab es einen neuen Lehrer für Technik: Andreas Wernicke, 48, aus Dessau. Ein stiller Mensch. Ich sah ihn das erste Mal in der Kantine allein am Tisch, lesend und langsam essend.

Ich nickte, er nickte zurück.

Einmal fragte er, wo man etwas ausdrucken könne, weil der Drucker im Lehrerzimmer streikte.

Kommen Sie in die Buchhaltung, bot ich an.

Er kam, brachte einen Stick, bedankte sich, fragte:

Sind Sie schon lange hier?

Zweiundzwanzig Jahre.

Lange Zeit.

Wir lachten beide.

Öfter wechselten wir mittags ein paar Worte. Er fragte mich, was ich denke und meinte es ernst. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Eines Tages sprachen wir über Literatur; ich erzählte, dass ich wieder angefangen habe zu lesen Galinas Bücher. Gerade las ich Jurek Becker.

Tolle Wahl, sagte er. Es geht dort ums Richtige im Leben.

Später brachte er mir einen anderen Roman einfach so, unaufgeregt.

Ich hielt das Buch, dachte: So fühlt sich wieder Hoffnung an. Zöhlich, leise, wie der erste Frühlingstag.

Man muss nichts erzwingen, da hatte mich mein Leben gelehrt, alles geschieht besser, wenn man nicht drängelt.

März. Der Winter war schnell vorbei, plötzlich sprossen an den Büschen Knospen. Ich dachte an letztes Jahr damals hatte ich nur meinen Haushalt im Kopf, meine Pflichten, nie die Knospen.

Nun blieb ich stehen, betrachtete sie.

Andreas traf mich am Schultor. Er fragte zögernd, aber freundlich, ob ich Lust hätte, Sonntag ins Technikmuseum zu gehen.

Es gibt eine neue Ausstellung über Industrialisierung.

Gerne, sagte ich. Kein innerer Kampf mehr, keine Selbstrechtfertigung. Ich sagte einfach ja.

Der Sonntag war sonnig. Wir besuchten alle Säle; er erklärte Maschinen, die Entwicklung der Lokomotive. Später tranken wir dünnen Kaffee, taten aber kulinarisch gelassen.

Langweile ich Sie? fragte er.

Nein. Ich sage schon, wenn es langweilig wird.

Er nickte.

Es war gut, so reden zu können. Endlich wirklich zu sagen, was ich denke ohne Angst.

Es entstand etwas zwischen uns, langsam, unspektakulär, zwei Erwachsene, die gerne zusammensein wollten.

Ich dachte: Das ist Glück nicht wie im Film, sondern dieses leise, wenn man morgens aufstehen will, wenn einer fragt, was ich denke.

Wenn keiner mehr sagt: Dich hat doch niemand gefragt.

Im Mai war Markt. Ich ging, wie immer, samstags einkaufen. Es duftete nach Erde, Frühlingsgemüse, Markt­leben. Da sah ich Bernd am Fleischstand. Abgemagert, eingefallen, ratlos.

Ich blieb kurz stehen. Erwartete ein Gefühl, vielleicht Mitleid, Wut, etwas von damals.

Nichts kam.

Es war ein Mann am Fleischstand, nicht mehr, nicht weniger. Früher war er mein Leben, jetzt nur noch eine Erinnerung.

Ich bog ab, kaufte Schnittlauch, Radieschen und Dill für Galina, die immer Dill in ihrer Suppe liebt.

Ich ging heim. Die Sonne wärmte, der Kräuterbund duftete.

So fühlt es sich an, nach fünfzig neu anzufangen. Kein Heldenmoment, kein Paukenschlag. Alles zusammen: dieser Morgen mit dem Koffer, der Tee bei Galina, die Arbeit, die plötzlich Freude macht, Beckers Roman am Nachttisch, das Museum, dieses Maiwetter.

Weggehen von Bernd das war erst der Anfang. Aber weiterleben musste man erst lernen. Und ich lernte es: zu merken, was mich glücklich macht. Aushalten oder gehen diese Frage war nun entschieden. Und es war richtig, so sehr man auch gelitten hatte.

Psychologischer Realismus, dachte ich, schmunzelnd. Ich hatte das mal irgendwo gelesen. Jetzt verstand ich es: so wie es ist, ohne Schleier, ohne Drama. Es war, wie es war und jetzt ist es anders. Erst war es schlimm, dann wurde es gut.

Das Leben einer Frau. Keine Heldin, keine Moral. Einfach ich.

Ich bog in die Lindenstraße ein. Galina öffnete, Schürze um, Teller in der Hand.

Da bist du ja. Ich mache gerade Kaltschale.

Ich bringe Dill, sagte ich.

Fein, geh Hände waschen.

Ich hing den Mantel auf, ging in die Küche, drehte das Wasser auf, betrachtete meine Hände.

Sonntag fahren Andreas und ich aufs Land, er will mir eine alte Talsperre zeigen, eine Ingenieurleistung aus den Fünfzigern. Er erzählt immer, warum das spannend ist und ich höre gerne zu.

Das fühlt sich gut an.

Ich trocknete meine Hände. Ging zu Galina.

Helfen? fragte ich.

Schneid’ bitte die Eier.

Ich schnitt die Eier, schön gleichmäßig. Routinehandgriff, aber diesmal für mich und Galina. Fürs Leben, nicht aus Dienst.

Draußen lachte die Sonne, auf dem Hof spielten Kinder, es roch nach Frühling und Dill.

Galina, sagte ich, hast du je bereut, damals allein geblieben zu sein nach deinem Mann?

Sie dachte nach, wie immer.

Sicher, manchmal. Aber alleinzusein? Das nicht. Das hatte ich dir schon gesagt.

Ja, sagte ich.

Und du? Bist du noch allein?

Ich lächelte.

Nicht ganz.

Sie schaute mich an, nickte, rührte in ihrer Kaltschale.

Es gibt keine Moral hier. Es gibt das Leben. Das späte, alltagserprobte Leben einer Frau, die eines Tages nicht mehr den Tisch abräumen wollte und selbst staunte, wie einfach das war.

Und wie viel darin steckte.

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Homy
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Die Frau, die „Nein“ sagte
Vaninas Liebe