Flucht ans Ende der Welt: Sehnsucht nach Freiheit und Neuanfang

Bis ans Ende der Welt fliehen

Annalena! Annalena, hörst du mich überhaupt?

Die Stimme aus der Küche durchdrang den dichten Morgenschlaf wie ein Nagel durch Sperrholz. Annalena Riedel öffnete die Augen und starrte an die Decke. Der Riss über der rechten Ecke war ein bisschen länger geworden. Sie kannte diesen Riss seit sicher zwanzig Jahren. Damals hatte sie gedacht: Muss man mal verputzen. Nie verputzt.

Annalena! Soll ich den Kaffee selbst kochen, oder was?

Dreiundfünfzig Jahre. Das ist wichtig, das muss man sich morgens vor Augen halten, sonst versteht man nicht, wie so vieles passieren und doch nicht passieren konnte. Dreiundfünfzig Jahre, von denen dreißig dieser Stimme aus der Küche gehörten, die jeden Morgen zuerst Raum griff. Früher, ganz am Anfang, stand sie leicht auf. Manchmal sogar mit einem Lächeln. Es schien ihr richtig und geborgen: Da wartet jemand auf ihren Kaffee. Da braucht jemand sie.

Jetzt blieb sie einfach noch eine Sekunde liegen und betrachtete den Riss.

Ich komme! sagte sie zur Decke.

Das Linoleum war kalt unter den Füßen. Oktober, die Heizung war noch nicht richtig an, und die Kälte lag wie ein vertrauter Teppich auf dem Boden: rechter Fuß zuerst, dann der linke, dann der kurze Weg zu den Pantoffeln. Die standen immer am Bett, weil sie sie jeden Abend selbst hinstellte, ganz automatisch.

Thomas saß in der Küche, nur im Unterhemd, und stöberte in seinem Handy. Groß, schwer, die wenigen Haare akkurat über die Glatze gekämmt. Die Tasse vor ihm war leer, eindeutig wartend.

Heute kommen die Wiedemanns, sagte er, ohne aufzublicken. Um sechs. Bügel das hellblaue Hemd, das mit den Ersatzknöpfen. Und koch ein ordentliches Abendessen, nicht so auf die Schnelle. Bettina Wiedemann schaut immer ganz genau, was auf den Tisch kommt.

Annalena nahm die Kanne, füllte Kaffeepulver ein, drehte den Gasherd auf.

Hörst du mich?

Ja, Thomas.

Du bist immer so still. Weiß nie, ob das jetzt angekommen ist.

Der Kaffee begann zu steigen. Annalena beobachtete die dunkle Crema und dachte daran, dass sie in der Nacht vom Meer geträumt hatte. Kein bestimmtes Meer, einfach ein weites, grau-grünes Wasser, weiße Schaumkronen. Und der Geruch. Der Geruch, den sie seit ihrer Kindheit kannte, von der einen Reise mit Tante Ursula an die Ostsee. Feucht, jodhaltig, salzig, und noch irgendetwas anderes, worauf sie keinen Namen wusste, das aber sofort ihr Atmen tiefer und leichter machte, als hätten die Lungen sich endlich geöffnet.

Annalena, lass den Kaffee nicht überkochen.

Sie nahm die Kanne vom Herd, goss in die Tasse und stellte sie Thomas hin.

Ich bügle das Hemd nach dem Frühstück.

Mach das gleich, während ich mich rasiere. Dann ist es fertig.

Er nahm die Tasse, verschwand im Bad. Nach einer Minute summte der Elektrorasierer ein gleichmäßiges, geschäftiges, vertrautes Geräusch. Kannte sie im Takt: Sieben Minuten, das hatte sie mal aus Langeweile nach der Uhr gemessen.

Annalena blieb am Herd stehen.

Über dem Kühlschrank hing ein Abreißkalender. Achtzehnter Oktober. Sie blickte auf das Datum und stellte fest, dass ihr kein einziger achtzehnter Oktober der vergangenen Jahre in Erinnerung blieb. Alle waren gleich: Kaffee, Hemd, Essen, Gäste, Aufräumen. Kaffee, Hemd, Essen, Gäste, Aufräumen. Und irgendwo tief in diesem Kreislauf, ganz unten, wie eine Münze auf dem Grund eines Brunnens, lag etwas Eigenes, das sie lange nicht berührt hatte.

Als junge Frau hatte sie gemalt. Und sie hatte es gut getan, das sagten viele. Ihr Dozent an der Fachschule, Herr Schnur, streng und wortkarg, hatte ihre Aquarelle eines Tages lang besichtigt und gesagt: Sie haben ein Gefühl für Farbe, Riedel. Das ist selten. Fast hätte sie Grafik studiert. Fast. Dann kam Thomas, irgendwie hatte es sich einfach so ergeben, dass erst die Uni nicht dran war, dann wurde Johanna geboren, dann der Umzug, dann Umbau, dann wieder Umbau. Die Farben kamen in den Abstellraum, die Pinsel wurden hart und landeten irgendwann im Müll, und der Raum wurde später Lager für allerlei Dinge, die sie nie zu brauchen schien.

Das Summen hinter der Wand hielt an.

Da spürte Annalena plötzlich diese müde Erschöpfung, körperlich spürbar. Nicht von harter Arbeit, sondern eine andere, angesammelte. Die unter den Rippen sitzt und nach Schlaf, Urlaub oder Reden mit Freundinnen nicht verschwindet. Frau Elfriede vom dritten Stock hatte mal gesagt: Annalena, du passt gar nicht auf dich auf. Was heißt auf sich achten? Annalena hatte damals gelacht: Dafür hab ich keine Zeit.

Keine Zeit. Dreißig Jahre keine Zeit.

Sie holte das Bügeleisen. Das hellblaue Hemd lag im zweiten Schrankfach, wo Thomas immer seine guten Sachen aufhob. Ausgebreitet auf dem Brett, wartete sie, bis das Bügeleisen heiß war. Draußen dämmerte ein grauer Oktobermorgen, der Hausmeister fegte mit dem Besen den Bürgersteig, das monotone Geräusch mischte sich ins Summen des Rasierers und zu dem stillen Ton in ihr, den sie längst gelernt hatte, nicht zu hören.

Tante Ursula war vor drei Jahren gestorben. Sie hatte Annalena das kleine Haus an der Ostsee hinterlassen, in Warnemünde. Ein einfaches Holzhaus mit Veranda, direkt am Bodden gelegen. Thomas hatte damals gesagt: Schrottbude. Da müsste man so viel investieren, besser verkaufen. Aber es gab keine Käufer, und Annalena hatte nie den Mut, sich davon zu trennen. Vielleicht wegen des Geruchs von ihrem Meertraum. Vielleicht wegen Tante Ursulas Stimme: Da, Annalena, da ist so viel Ruhe, dass man erst Angst kriegt, dann merkt man, dass es genau die Ruhe ist, die man vermisst hat.

Das Bügeleisen war heiß. Annalena blickte auf den Ärmel und verharrte.

Das Summen hinter der Wand immer noch. Sieben Minuten. Sie hatte sieben Minuten.

Der Gedanke kam nicht wie eine Entscheidung, sondern wie etwas, das schon lange beschlossen war, ohne dass sie es wusste. Plötzlich war er da wie ein Korken, der vom Grund auftaucht: war eben noch unten, jetzt oben. Annalena stellte das Eisen beiseite. Stand still. Hörte in sich hinein.

Dann ging sie ins Schlafzimmer.

Die Reisetasche lag im Abstellraum, klein, die sie früher zu ihrer Mutter nach Hannover mitgenommen hatte. Annalena holte sie leise und schnell. Ein Satz Wäsche, ein warmer Pullover. Aus der Kommode holte sie die Dokumente: Ausweis, Urkunde fürs Ostseehaus, die sie vor Thomas versteckt gehalten hatte. Die EC-Karte, auf der ihr kleines eigenes Erspartes lag zusammengespart aus Hausgeld, das sie von Thomas ohne Kontrolle bekam. Wenig. Aber genug.

Die Hände zitterten nicht. Seltsam. Sie hatte erwartet, dass sie zittern würden.

Sie nahm das Handy, rief ein Taxi per App: Zum Hauptbahnhof. Bestätigen. Acht Minuten Ankunft. Annalena zog sich zügig und lautlos an. Mantel. Stiefel. Der Schal, den sie selbst gestrickt hatte, dunkelblau mit hellen Streifen. Tasche über die Schulter.

In der Küche hielt sie inne. Sie sah das Hemd auf dem Bügelbrett, das abkühlende Bügeleisen, die leere Kaffeetasse von Thomas und einen Teller vom gestrigen Abendessen.

Keine Notiz. Sie dachte kurz daran ließ es.

Die Wohnungstür schloss sich leise. Der Fahrstuhl brachte sie hinunter. Der Taxi-Wagen stand schon bereit, ein mattgrauer Mercedes mit gelber Lampe. Der Fahrer, ein schweigsamer Mann um die Vierzig, fragte nichts. Fuhr einfach los.

Draußen der Morgen in Hamburg, die Stadt noch halbschlafend. Ampeln blinkten gelb, Läden öffneten, eine Frau mit rotem Mantel schleppte einen Trolley vom Wochenmarkt. Annalena sah aus dem Fenster, dachte, das alles hatte sie tausendmal gesehen. Diese Stadt, diese Straßen, diese Ampeln und doch waren sie ihr nie so fern und zugleich so eigen vertraut erschienen.

Im Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Rostock, mit Umstieg in Lübeck. Es war teuer. Sie zahlte mit EC-Karte, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der Zug hob sich aus der Stadt, Annalena saß am Fenster, sah, wie die grauen Dächer tiefer und tiefer wurden, im Nebel verschwanden. Sie dachte, sie müsste eigentlich aufs Klo gehen. Sie hätte vielleicht Brote mitnehmen sollen. Sie hätte das Hemd wenigstens noch bügeln sollen.

Dann vibrierte das Handy.

Thomas. Schon zweimal in einer Minute.

Sie nahm ab.

Wo bist du?! Er klang, wie er immer klang, wenn etwas schieflief: scharf, mit diesem tiefen, beleidigten Grollen, das wie ein Motor klingt, der kurz vorm Überhitzen ist. Das Hemd ist nicht gebügelt. Wo bist du überhaupt?

Ich bin im Zug, Thomas.

Schweigen. Kurz, aber schwer.

Was heißt im Zug? Wohin? Weißt du überhaupt, dass heute die Wiedemanns kommen? Bettina hat geschrieben, sie sind schon um fünf da. Wo hast du das Essen gelassen?

Ich habe nichts dagelassen. Ich bin losgefahren.

Annalena. Die Stimme rutschte, leise, aber bedrohlich. Jetzt ist Schluss mit lustig. Sofort sagst du, wohin du fährst und wann du wiederkommst.

Annalena blickte aus dem Fenster. Unter ihr glitten Wolken vorbei, weiß und fest wie Bauschaum. Sie war noch nie mit dem Zug aus Hamburg nach Osten gefahren. Sie wusste nicht, dass die Felder so hell und weit sein konnten.

Thomas, ich bin weg. Ich komme diesmal nicht zurück. Leb du dein Leben. Ich will jetzt meines leben.

Das Schweigen war lang. Dann hörte sie alles, was er zu sagen hatte: Wut, Ratlosigkeit, diese kindliche Angst hinten im Hals. Er redete von der Wohnung, dem Geld, sie sei verrückt, vom Alter, davon, dass er ein kranker Mann sei, von Johanna, die sie jetzt im Stich lasse.

Annalena hörte ruhig zu. Das war seltsam. Kein Ärger, keine Tränen. Nur ein stilles, fast körperliches Gefühl, als flögen die Worte an ihr vorbei, wie Regen an einem geschlossenen Fenster.

Thomas, sagte sie, als er Luft holen musste. Ich höre dich. Es tut mir leid. Aber ich komme nicht zurück.

Sie legte auf. Dann zog sie die SIM-Karte aus dem Telefon, betrachtete sie kurz, und ließ sie schließlich in den Spalt zwischen den Sitzen gleiten. Das Handy steckte sie weg.

Der ältere Herr im Nachbarsitz warf ihr einen kurzen Blick zu, vertiefte sich dann in seine Zeitung.

Annalena lehnte sich zurück, schloss die Augen. Irgendwo unter dem Brustkorb löste sich etwas, was lange, lange verkrampft gewesen war.

***

Warnemünde begrüßte sie mit Regen. Fein, norddeutsch, der nicht fällt, sondern in der Luft schwebt, an Wimpern und Schal haftet, nach Seetang und Fisch riecht. Von Rostock kam sie mit dem Bus, klein, ruckelnd, beschlagene Scheiben. Von der Haltestelle lief sie mit der Tasche auf der Schulter über welliges Kopfsteinpflaster.

Tante Ursulas Häuschen lag am Ende einer Sackgasse. Klein, aus Holz, einmal grün gestrichen, jetzt moosgrau wie altes Gras unter Schnee. Das Gartentor quietschte. Die Veranda hing nach rechts. Der Schlüssel, den Annalena immer am gleichen Bund wie den fürs Auto trug, passte mit Druck ins Schloss.

Drinnen roch es wie unbewohnte Häuser riechen: nach Holz, Feuchte und etwas Süßlichem wie eine alte Schmuckschatulle. Annalena ging ins Wohnzimmer. Da stand ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett mit Eisenkopf, darauf eine gestreifte Matratze. Im Fenster, von Ursula vergessen, baumelten alte Leinenvorhänge. Draußen, durch Regen und Bäume, ahnte man graues, weites Wasser. Sie ging näher. Die Ostsee. Gleich hinter der Straße, hinter einer Kiefernreihe.

Sie stand lange einfach da und starrte.

Dann öffnete sie das Fenster. Feuchte, salzige Luft strömte herein, wie ein sehnlich erwarteter Gast. Annalena atmete tief. Etwas im Hals begann zu zittern. Keine Tränen etwas anderes, das geschieht, wenn man lange, lange unterwegs war und dann ankommt, sich setzt und denkt: Da bist du.

Aber sie weinte dann doch, stumm, ohne Schluchzen, die Tränen flossen einfach, und sie wischte sie nicht weg, denn es war kein Schmerz, nur etwas, wofür sie keinen Namen hatte.

Von draußen, vom Weg, hörte sie Schritte. Dann ein Klopfen.

Annalena fuhr sich über das Gesicht, öffnete.

Auf der Schwelle stand ein etwa sechzigjähriger Mann, stämmig, in Gummistiefeln und Regenjacke, es tropfte von der Kapuze, in den Händen hielt er etwas in Zeitungspapier.

Guten Tag, sagte er. Sie sind also Ursulas Nichte? Ich bin der Nachbar, Herr Mahler. Habe mich um Ursulas Katze gekümmert die letzten Jahre. Die Katze haben jetzt gute Leute, keine Sorge. Ich hab frischen Fisch gebracht, von heute früh.

Danke, sagte Annalena, etwas heiser. Ich bin Annalena Riedel.

Sie sehen Ursula ähnlich, an den Augen. Sind Sie für immer gekommen oder erstmal schauen?

Sie überlegte.

Für immer.

Herr Mahler nickte, als sei das nichts Besonderes, gab ihr den Fisch.

Wissen Sie, wie man den Ofen anheizt? Holz ist im Schuppen, habe ich noch im August gestapelt. Wenn was ist, rufen Sie durch.

Sie konnte Ofenfeuer machen. Fast konnte sie es. Als Kind bei der Oma auf dem Dorf hatte sie es gesehen und nach etwas Mühe klappte es: Trockene, gute Scheite, die Flammen griffen schnell, Wärme füllte das Zimmer keine gleichmäßige Zentralheizung, sondern echtes, lebendiges Feuer, das die Wangen prickeln ließ.

Sie lag nachts auf der gestreiften Matratze, unter einer dünnen Decke aus der Kommode, und hörte das Meer. Ganz nah, hinter Kiefern und Straße, sein Rauschen war tief und ruhig, wie das Atmen eines schlafenden Riesen. Kommen, Pause, zurückgehen. Kommen, Pause, zurückgehen.

Sie dachte nicht an Thomas. Nicht an Johanna. Nicht an die Wohnung und nicht daran, wie sie Bettina Wiedemann alles erklären sollte. Sie hörte nur das Meer und dachte: Morgen die Decke lüften, die Veranda reparieren, Herr Mahler scheint ein guter Mensch zu sein.

***

Die Tage in Warnemünde verliefen anders, ganz eigen, nicht langsam oder schnell, sondern in einem Tempo ohne Uhr oder Plan. Annalena stand auf, wenn es hell wurde. Kochte Kaffee auf der kleinen Herdplatte, bis Herr Mahler die Gaskochstelle repariert hatte. Trank am Fenster und sah dem Lichtspiel auf dem Wasser zu.

Die erste Woche arbeitete sie am Haus: schrubben, lüften, Wände abziehen. Unter altem Tapetenkleister kam gesundes Holz hervor. Auf dem Markt kaufte sie Kartoffeln, Zwiebeln, etwas Fisch, Krumme Wurst und Kümmelbrot aus der winzigen Bäckerei im Ort, dessen Duft sie jedes Mal schon an der Tür anhielt.

Herr Mahler kam vorbei. Half mit der Veranda, hob eine Latte aus, richtete das Tor. Sagte wenig, aber immer das Nötige, und Annalena schätzte das. Sie hatte lange genug mit einem Mann gelebt, der immer zu viel sprach.

Eines Tages brachte er Leinwand und Farben.

Ursula sagte mal, Sie hätten früher gemalt, sagte er schlicht, stellte beides auf den Tisch. Die Sachen sind übrig, nehmen Sie ruhig.

Annalena blickte lange auf die Leinwand. Ein rechteckiges, grundiertes Feld, leicht vergilbt. Farbtuben, Pinsel, der Duft von Terpentin: so alt und vertraut, den sie vergessen geglaubt hatte, jetzt schlug er ihr direkt ins Herz, zurück in den Zeichensaal an der städtischen Fachschule, hohe Fenster, Staffeleien.

Ich male nicht mehr, sagte sie.

Und was solls, sagte er. Fangen Sie neu an.

Und ging.

Zwei Tage mied sie die Leinwand. Tat als wäre sie nicht da, stellte Sachen daneben, arrangierte um. Am dritten Tag räumte sie die Tuben aus, ordnete sie auf dem Tisch. Nahm einen Pinsel, hielt ihn einfach er war gut, weich, ausgenutzt und lebendig.

Sie begann mit einer kleinen Studie: nur das Meer hinter dem Fenster, ein Wasserstreifen durch Kiefern, grauer Himmel. Misslungen. Himmel falsch, Wasser falsch, Proportionen falsch. Aber etwas war anders. Etwas trieb sie an, ließ sie bis in die Dämmerung malen, Hunger und steife Beine vergessend.

Dann ging sie an den Strand mit Zeichenblock. Skizzierte Steine, Möwen auf Holzpfählen, einen alten Kutter, umgestülpt am Ufer. Die Hände erinnerten sich von allein, zögernd zuerst, dann immer sicherer.

Herr Mahler sah ihre Skizzen irgendwann.

Gar nicht schlecht, sagte er. Sie haben Gefühl für Form, das lernt nicht jeder.

Und Sie kennen sich aus?

Ein wenig. Habe selbst gemalt, nicht professionell.

Darf ich sehen?

Später, lächelte er. Zeigen Sie mir erst Ihre Werke.

Sie unterhielten sich. Über Malerei, über Bücher, über Gott und die Welt. Annalena konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so gesprochen hatte ohne Eile, ohne gezwungene Themen, einfach so. Mit Thomas gab es lange nur Informationsaustausch: Wer kauft was, wer repariert was, wer fährt wohin. Mit Johanna wurde einmal wöchentlich telefoniert Protokolle, keine Gespräche.

An einem Morgen mit mildem Licht, weich, ohne Schatten, holte Annalena eine große Leinwand und malte richtig. Sie dachte nicht, mischte Farben, schaute aufs Meer, tauchte wieder ein. Bald waren die Finger geschickter als die Pinsel, und sie zog die Farbe mit den Händen über die Leinwand spürte Kälte, Leben, Rauheit und Glätte, Blau, Grau, Grün, und dann ganz plötzlich, fast unbewusst zog sie eine Linie warmen Bernsteins über den Horizont.

Sie merkte nicht, wie die Zeit verging. Ein Regenschauer klopfte an die Scheiben, sie trat zurück, sah auf die Uhr: drei Uhr nachmittags. Begonnen hatte sie um neun.

Sie sah auf das Bild. Da war das Meer. Nicht als Foto, nicht als Postkarte, sondern etwas Lebendiges, Beunruhigendes, Schönes. Der Himmel, wie sie ihn fühlte, nicht wie er aussah. Die Bernsteinlinie leuchtete von innen.

Sie trat zurück, noch einen Schritt. Sah.

Da quietschte die Tür. Herr Mahler kam mit zwei Tassen Tee.

Er stellte sie ans Fenster, betrachtete das Bild lange.

Sehen Sie, sagte er ohne den Blick abzuwenden.

Sie nahm die Tasse. Der Tee war dunkel und süß, nicht wie sonst aber so sollte es jetzt sein.

***

Johanna kam in der dritten Woche. Annalena sah sie beim Fenster: Die Tochter kam über das Kopfsteinpflaster, große Tasche, Stadtschuhe, nicht geeignet hier. Groß, dunkelhaarig, der gleiche Rücken wie Thomas, und im Blick lag etwas fordernd Verletztes.

Annalena trat auf die Veranda.

Hallo, Johanna.

Hallo, sagte die Tochter. Ruhige Stimme, darunter ein Brodeln wie Strom vor dem Gewitter. Weißt du überhaupt, was du getan hast?

Komm erst mal rein.

Mama, Vater kommt nicht klar. Letzte Woche hatte er Blutdruck bis zweihundert. Ich kann nicht ständig herfahren, ich hab Arbeit, alles, verstehst du?

Ja. Komm rein und iss was.

Ich will nicht essen, ich will verstehen, was hier los ist! Johanna trat ins Haus, sah sich um. Holz, Ofen, schlichter Tisch. Willst du hier wohnen? In dem da?

Ja.

Mama, jetzt war im Ton nicht nur Ärger, sondern auch hilflose Ratlosigkeit. Bist du krank? Sags mir, ich helfe.

Es geht mir gut. Mir fehlt nichts.

Es geht mir gut? Du hast Mann und Haus verlassen, bist verschwunden, SIM-Karte weg. Vater ruft mich täglich an, ist fix und fertig…

Johanna.

Er will die Scheidung, sagt, du hast kein Recht auf die Wohnung, wenn du freiwillig gehst. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich bin kein Anwalt aber wenn er sie verkauft…

Johanna! Annalena sagte leise, doch der Ton stoppte die Tochter. Lass ihn verkaufen. Mir reichts. Ich brauche die Wohnung nicht.

Johanna sah sie lange an. Schwieg.

Willst du denn jetzt spielen, Mama? In deinem Alter? Du machst uns lächerlich! Was sagen denn die Nachbarn?

Kein Antwort. Annalena nahm ihre Tochter an die Hand und geleitete sie ins Zimmer, zum Fenster, dort, wo auf der Staffelei die Leinwand stand.

Sie blieben stehen, betrachteten das Bild.

Das Licht war jetzt seitlich, das Bild zum Leben erweckt. Die Ostsee, wie sie Anfang November oft ist: schwer, grün-grau, Schaumkronen. Der Himmel beinahe weiß, nur überm Horizont leuchtende Bernsteinlinie.

Johanna schwieg. Annalena sah sie nicht an, sondern das Bild.

Schau, Johanna. Die Stimme war weich. Das bin ich. Nicht eure Köchin und Putzfrau. Ich. Und darauf hab ich das Recht. Die Wohnung, nehmt ihr doch. Mir reicht es.

Johanna sagte lange nichts. Sah das Bild an, der Gesichtsausdruck änderte sich langsam, wie das Licht am Himmel nach einem Gewitter.

Du hast das selbst gemalt? kam es dann leise.

Ja.

Du hast nie gemalt, solange ich dich kenne.

Vor dir habe ich es.

Johanna wich einen Schritt zurück. Noch einen. Sah das Bild an, wie man Ungeahntes ansieht.

Schön, sagte sie schließlich, beinahe widerwillig.

Ich weiß.

Wieder Pause. Draußen kreischte eine Möwe. Der Wind bewegte den Vorhang.

Ich muss gehen, sagte Johanna. Der Rückbus fährt um fünf.

Ich bring dich.

Sie gingen schweigend durch das Dorf. An der Bushaltestelle blieb Johanna stehen, schaute die Mutter an. Im Blick etwas Neues, fast Bruchstückhaftes.

Mama, sagte sie, vielleicht dauert es bei Vater länger. Aber ich … ich versuche es ihm zu erklären.

Du musst nicht. Er ist erwachsen.

Aber ohne dich kommt er nicht klar.

Lern er schon, sagte Annalena nur.

Johanna schwieg, umarmte ihre Mutter, kurz, heftig wie ein Kind. Annalena umarmte zurück. Riecht nach Johannas Haaren, wie früher, andere Parfüms inzwischen.

Entschuldige… flüsterte Johanna. Sagte nicht für wen. Für alles vielleicht.

Annalena streichelte ihr den Rücken.

Lauf lieber, sonst verpasst du den Bus.

Johanna ging, drehte sich einmal um, stieg ein.

Annalena stand an der Haltestelle und sah den roten Rücklichtern nach. Der Wind von der See war feucht und kalt. Er zog in den Schal, unters Kleid. Aber es war ein angenehme Kälte. Echte.

***

Der November an der Ostsee war schroff und schön. Keine Touristen mehr. Warnemünde zog sich zusammen, wurde still, fast abgeschlossen. Die Fischer fuhren im Morgengrauen raus, die Bäckerei roch nach Brot und Zimt. Abends leuchtete das gelbliche Licht hinter Fenstern: ein stilles, selten gewordenes Bild fremde Fenster hinter denen Leben leise weiterlief.

Annalena malte täglich. Schon fünf Leinwände, immer besser. Herr Mahler schaute manchmal vorbei, sprach wenig, aber mit Sinn. Einmal brachte er ein Buch über Farbtheorie, zerlesen, mit Randnotizen: abends bei Ofenlicht las sie, markierte selber. Schön: mit dreiundfünfzig wieder lernen, nicht weil man muss weil man will.

Sie kaufte auf dem Wochenmarkt Ton. Einfach ausprobieren. Knetete den rötlichen Ball, erst ziellos, dann entstand Form: ein Boot, umgestülpt, wie der Kutter am Ufer.

Sie lachte über ihr schiefes Boot, stellte es aufs Fensterbrett. Geknetet aus kaltem Ton, mit eigenen Händen.

Herr Mahler sah es, schwieg dann und sagte:

Besser als Sie meinen.

Schief.

Ehrlich, widersprach er. Schiefe ist kein Makel.

Philosophieren Sie?

Ein wenig. Haben Sie noch Ton?

Er hatte selbst mal getöpfert, jung, im Bauhandwerk. So saßen sie nebeneinander, jeder mit Ton, arbeiteten still. Die Pausen in Gesprächen waren nicht unangenehm, sondern gefüllt mit stillem Einverständnis.

Annalena dachte, dass sie das früher nicht kannte. Oder vergessen hatte. Oder nie merkte, dass gerade das gefehlt hatte: Stille, in der man einfach sein kann.

Der Brief vom Anwalt kam zwei Monate später. Thomas reichte die Scheidung ein. Annalena legte die Papiere in den Schreibtisch. Rief eine junge Rechtsanwältin an, per Internet gefunden. Die sagte, Annalena hätte Anspruch auf die Hälfte. Aber sie wollte das nicht, sagte:

Nein. Er soll alles behalten. Ohne Drama.

Die Anwältin war irritiert.

Das meinen Sie ernst?

Ernst.

Es kam allen seltsam vor (nur Herr Mahler durfte es schließlich erfahren): Man sollte doch kämpfen. Aber für Annalena hing die Wohnung an der alten Zeit. Würde sie ihren Anteil nehmen, müsste sie wenn auch nur innerlich zurück dahin. Das wollte sie nicht mehr.

Johanna rief einen Monat später an. Fragte leise nach Haus, Kälte, Alltag. Sagt, Thomas sei ruhiger geworden. Sie habe geredet, er sei wütend, aber anders.

Mama, am Ende des Gesprächs, das Bild könntest du … für uns was Maritimes malen? Wills in den Flur hängen.

Annalena lächelt.

Natürlich.

Wirklich?

Ja. Hols im Frühling ab.

Johanna schwieg, dann ganz still:

Ich freu mich, dass du da bist. Ich konntes mir lang nicht eingestehen, aber ich tus.

Annalena fand erst keine Worte. Dann sagte sie einfach:

Ich auch.

***

Der Winter kam still. Plötzlich, eines Morgens, lag Schnee auf Sims und Kiefern, und das Meer hinter den Bäumen war nicht mehr grau, sondern fast blau, ein Blau ohne Namen. Zwischen Indigo und Stahl, von innen leuchtend wie Eis.

Annalena malte das Meer im Winter. Es war ihr bestes Bild, wusste sie.

Herr Mahler sah es, schwieg, dann:

Das müssen Sie ausstellen.

Nicht Ihr Ernst.

Doch. Es gibt eine kleine Galerie in Lübeck, der Besitzer nimmt lokale Künstler. Ich kenn ihn.

Ich bin kein Künstler. Nicht von hier.

Sie sind eine Künstlerin. Seien Sie es einfach.

Sie akzeptierte das, erst zögernd. Aber sie tat es.

Im Januar fuhr sie nach Lübeck, drei Bilder unter dem Arm. Der Galerist, ein alter, kluger Mann, sah sie lange an, nahm alle drei.

Zurück im Bus dachte Annalena: Wahrscheinlich ist das kein echter Erfolg. So stellt man sich keinen Neuanfang mit fünfzig vor. Niemand schreibt einen Artikel darüber, kein emotionales YouTube-Video. Doch: Eine Frau, dreiundfünfzig, trägt drei Leinwände in eine kleine Galerie. Das ist alles.

Aber als sie nach Hause kam, das warme Holz und den salzigen Geruch spürte, ihre Skizzen und das schiefe Boot sah, war da ein ganz neues Gefühl von Ruhe. Die Ruhe, wenn man weiß, man ist am Ort, der richtig ist.

***

Im Februar kamen Stürme. Die See schlug tagelang an Land, nachts zitterte das Haus von den Wellen, dumpf wie ein großes Herz. Annalena fürchtete sich nicht. Sie war das gewöhnt.

Sie war an vieles gewöhnt: Morgens rief niemand mehr aus der Küche. Der Tagesplan hing nur von ihr ab: Aufstehen, arbeiten, essen wie sie wollte. Stille im Haus, eine gute Stille, gefüllt, nicht leer und schwer wie früher, wenn sie mit Thomas in getrennten Zimmern saßen und schwiegen aus Erschöpfung.

Auch an Herrn Mahler gewöhnte sie sich. Er kam fast täglich, mal kurz, mal lang. Sie redeten über Malerei, über die See, Bücher, Kindheit. Er erzählte von seiner Frau, die vor fünf Jahren gestorben war; sie erzählte von Ursula. Manchmal saßen sie schweigend auf der Veranda, tranken Tee, schauten aufs Wasser. Es war einfach gut. Ohne obwohl, ohne aber.

Sie malte ein Porträt von ihm, heimlich, nach Gedächtnis. Die Züge weicher als in echt, aber der Blick war der seine: ruhig, wach, ein angedeutetes Lächeln, das erschien, wenn er etwas Wichtiges scheinbar beiläufig sagte.

Das Porträt zeigte sie noch nicht. Es musste reifen.

Die Scheidung war im März endgültig. Johanna rief an, entschuldigter Ton.

Mama, alles erledigt. Die Wohnung hat er. Bist du sicher …?

Johanna, alles richtig. Es geht mir gut.

Bereust du nichts?

Annalena blickte aus dem Fenster: Frühes Abendlicht, Himmel rosig über den Kiefern, und eine helle Linie lag auf dem Meer, fast wie Bernstein.

Nein, sagte sie. Kein bisschen.

Sie log nicht.

***

Der März geht. Schnee schmilzt, der Bodden wird jeden Tag blauer, die Luft ist wach und frisch. Die Möwen kehren zurück, schreien, der Ton durchdringend und lebendig, freudig in aller Rauheit.

Annalena sitzt auf der Veranda. Eine Tasse Tee vor ihr, dampfend, mit Zitrone. Der Skizzenblock liegt auf dem Schoß, sie hält ihn in den Händen, ohne zu öffnen. Hinter Geländer die Kiefern, dann Straße und dann Meer, das im Abendlicht farblich explodiert: Sonnenuntergang mischt Grau mit Orange, mehrere Schichten Wärme.

Der Stuhl neben ihr knarrt. Herr Mahler setzt sich, hat ihren Skizzenblock.

Dieser Entwurf, tippt er auf eine Seite, Hier kippt der Horizont etwas nach links. Sehen Sie?

Hab ich beim Zeichnen nicht gesehen.

Das ist, weil ihr Augenmerk auf dem Wasser lag, nicht auf der Linie. Das Auge sucht das Interessante.

Ist das jetzt schlecht?

Das ist Ihr Stil. Manche tuns absichtlich. Bei Ihnen kommts von selbst.

Sie nimmt den Block zurück, betrachtet die Skizze. Der Horizont kippt wirklich, und gerade das gefiel ihr.

Der Sonnenuntergang entzündet den Himmel, erst rosa, dann orange, und über dem Wasser, am Horizont, erscheint der Farbton, den sie schon so lange suchte: Warm, lebendig, wie Bernstein im Kerzenlicht.

Herr Mahler legt den Stift beiseite.

Annalena, haben Sie je bereut? Wohnung, das alte Leben.

Sie schaut auf den Sonnenuntergang.

Die See rauscht regelmäßig. Eine Möwe schreit über dem Wasser. Irgendwo bellt ein Hund, verstummt.

Sieh nur, sagt sie und zeigt zum Horizont. Diese Linie da. Nach der suche ich mein Leben lang in der Malerei.

Mahler schaut aufs Wasser. Dann, ganz ernst:

Ich kenn den Farbton: Ocker hell mit Weiß. Aber bei Ihnen ist noch ein Hauch Kadmium drin.

Kadmium, wiederholt sie.

Ein Tropfen. Sonst verliert’s die Wärme.

Sie nickt. Notiert in die Ecke des Blocks: Ocker hell, Weiß, ein Tropfen Kadmium. Blickt auf den Abendhimmel, dann auf die Notiz, dann lächelt sie fast unmerklich.

Das Meer wird dunkel. Die Linie leuchtet noch, letzte, sture, warme Spur. Annalena hält die Tasse fest, spürt die Wärme, denkt: Morgen stelle ich die große Leinwand auf, die noch leer ist. Und ich male das. Genau das, jetzt, wo ich es noch spüre.

Die Farbe werde ich schon finden…

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Homy
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