Johannes kommt nach Hause, betritt die Küche, auf dem Tisch wartet schon das Abendessen. – Seltsam, wo ist Lisa? – denkt er. Als er ins Schlafzimmer geht, sitzt seine Frau auf dem Boden und packt ihre Sachen in eine Reisetasche.

Als ich zurückblicke, erinnere ich mich, wie Friedrich nach Hause kam, die Küche betrat und das Abendessen bereits für ihn auf dem Tisch angerichtet war. Seltsam, wo ist Gertrud? dachte er verwundert. Friedrich ging ins Schlafzimmer, dort saß seine Frau auf dem Boden, beschäftigt damit, Kleidung in eine Reisetasche zu packen.

Fährst du weg? fragte Friedrich erstaunt.

Ich habe eine Überweisung ins Klinikum Kassel bekommen, zur Untersuchung. Es gibt schlechte Befürchtungen, sagte Gertrud auf einmal.

Wie jetzt, schlechte Befürchtungen? Was meinst du? fragte Friedrich fassungslos. Meinst du das, woran deine Mutter damals gestorben ist? Friedrich schaute seine Frau an und konnte es gar nicht fassen.

Tage vergingen, in denen Friedrich keine Ruhe fand. Er sorgte sich sehr um seine Frau Gertrud, die sich jetzt in der Stadt untersuchen ließ. Friedrich selbst war daheim geblieben, im kleinen Heimatdorf bei Göttingen, und wartete mit Bangen und Hoffnung auf Nachrichten.

Gertrud hatte nie geklagt. Friedrich war es gewohnt zu glauben, es sei alles in Ordnung mit ihr. Dreißig Jahre waren sie nun verheiratet, hatten zwei Kinder großgezogen. Das ganze Haus Kochen, Putzen, Alltägliches ruhte auf Gertruds Schultern. Friedrich glaubte, das gehöre sich eben so. Geschirr spülen oder am Herd stehen das war für ihn keine Männersache.

Doch Gertrud war keine Hausfrau. Sie arbeitete als Buchhalterin im selben Werk, in dem auch Friedrich beschäftigt war. Wenn er abends von der Arbeit heimkam, klagte er Gertrud sein Leid von einem anstrengenden Tag, ließ sich aufs Sofa fallen und stellte den Fernseher an.

Gertrud aber eilte sofort in die Küche, bereitete das Abendessen und schon das Mittagessen für den nächsten Tag zu, spülte danach ab, sorgte für Ordnung, bügelte Wäsche und erledigte all jene Hausarbeiten, die nie enden wollen.

Es war immer sauber und gemütlich bei ihnen. Stets gab es frisches, leckeres Essen. Friedrich mochte es nicht, zwei Tage hintereinander das Gleiche zu essen, weshalb Gertrud viel Zeit mit dem Kochen verbrachte. Sie klagte nie, bat nie um Hilfe und Friedrich wäre nie auf die Idee gekommen, sie ihm anzubieten. Wozu auch? Das ist doch keine Männerarbeit.

Als Gertrud sich einen Tag freinahm, um zur Untersuchung zu fahren, wunderte Friedrich sich sehr.

Was ist los? Gehts dir nicht gut? fragte er besorgt.

Ich hoffe nicht. Aber in letzter Zeit fühle ich mich einfach nicht gut, erwiderte Gertrud.

Brauchst du vielleicht Vitamine? Es ist doch Frühling

Vielleicht, zuckte Gertrud die Schultern.

Als Friedrich abends heimkam, erklärte Gertrud, sie müsse zur Untersuchung nach Kassel fahren.

Wie? Warum?

Es besteht ein schlimmer Verdacht bezüglich meiner Gesundheit. Ich habe eine Überweisung bekommen.

Wie meinst du, schlimmer Verdacht? Du hast doch nicht etwa das Gleiche wie deine Mutter?

Bisher sind es nur Vermutungen, versuchte Gertrud ihn zu beruhigen, obwohl sie selbst große Angst hatte und schon geweint hatte, ehe Friedrich nach Hause kam. Ich habe schon ein Busticket gekauft, morgen um acht fahre ich los. Iss ruhig allein, ja? Auf dem Herd sind Frikadellen und Reis, auf dem Tisch der Salat. Ich packe meine Sachen und will früh schlafen gehen.

Hast du schon gegessen?

Ich hab keinen Appetit, antwortete Gertrud und packte weiter.

Friedrich sah seine Frau an und konnte die Situation kaum begreifen. Was, wenn das wirklich etwas Ernstes war? Sie war immer so tatkräftig und jetzt das

Ich glaube, alles Wichtige habe ich eingepackt, meinte Gertrud.

Vergiss das Ladegerät fürs Handy nicht, erinnerte Friedrich sie.

Oh ja, das lege ich gleich dazu. Danke, Friedrich. Und du? Willst du nichts essen?

Mir ist auch nicht danach

Habe ich dich traurig gemacht?

Hm, nickte er.

Die Reisetasche, die Gertrud gerade packte, erinnerte ihn daran, wie sie vier Jahre zuvor ans Meer hatten reisen wollen, und genau dafür hatte sie sie damals gekauft. Was war Gertrud aufgeregt gewesen! Sie hatten so lange keinen Urlaub gemacht, immer nur die Ferien im Schrebergarten verbracht.

Gertrud hatte sich bunte Badeanzüge gekauft, ein schönes Kleid und einen Strohhut. Doch ans Meer sind sie nie gefahren. Unerwartet bot man Friedrich in der Firma an, jemanden zu ersetzen. Der Chef versprach ihm eine ordentliche Prämie, und er nahm das Angebot an mit dem Gedanken, die Prämie könnten sie für die Renovierung im Schlafzimmer verwenden.

Damals hatte Friedrich den Eindruck, Gertrud sei damit einverstanden ja, dass sie sich sogar freute. Aber in der Nacht hörte er, wie sie leise weinte. Sie sagte, sie habe schlecht geträumt. Jetzt erst begriff Friedrich, dass sie damals nicht über einen Traum, sondern darüber weinte, dass der Urlaub ausfiel ihr sehnlichster Wunsch blieb unerfüllt.

Auch im darauffolgenden Jahr wurde nichts daraus, und irgendwann hörte Gertrud einfach auf, vom Meer zu reden. Friedrich war recht zufrieden damit. Er wollte eigentlich nie wegfahren. Wozu? Im Schrebergarten gab es immer genug zu tun, dort konnte er sich beim Grillen mit Freunden entspannen. In der Nähe gab es einen Fluss, wunderbar zum Schwimmen. Wozu also Geld ausgeben, wenn man zu Hause genauso gut ausspannen konnte?

Und nun packte Gertrud ihre Tasche nicht für einen Urlaub, sondern für den Gang ins Krankenhaus Und wenn? Diese Gedanken waren Friedrich unerträglich.

An diesem Abend wurde es nichts mit dem Abendessen die ganze Nacht lag Friedrich wach. Neben ihm lag Gertrud und er hörte ihr leises Schluchzen. Er wollte sie in den Arm nehmen, sie trösten, aber er brachte es nicht über sich.

Am Morgen brachte er Gertrud zur Busstation. Kurz vor der Abfahrt umarmten sie sich Friedrich wollte sie gar nicht loslassen Er stand da, sah dem abfahrenden Bus hinterher und hatte Tränen in den Augen

Gertrud, murmelte er, kaum hörbar, meine Liebe, bitte lass alles gut sein

Er fühlte sich leer, doch er musste zur Arbeit, den Alltag bewältigen. Bei der Arbeit gelang es ihm, sich etwas abzulenken, doch nach Feierabend empfing ihn wieder die schwere Stille zu Hause. Ohne Gertrud war die Wohnung leer alles schien freudlos. Friedrich zwang sich, das gestern gekochte Abendessen aufzuwärmen und ein wenig zu essen.

Um sich zu beruhigen, holte er ein altes Fotoalbum hervor und begann, darin zu blättern.

Da war er und Gertrud, frisch verheiratet Sie war so hübsch, so zierlich. Natürlich, Gertrud war schön geblieben, aber damals Friedrich war sofort von ihr angetan gewesen.

Sie hatten sich auf dem Geburtstag seines Freundes Udo kennengelernt. Gertrud war mit einem anderen da, er selbst mit einer Freundin. Doch als er Gertrud sah, war es um ihn geschehen Liebe auf den ersten Blick. Hätte ihm das jemand vorher gesagt, er hätte nur gelacht. Liebe auf den ersten Blick, so was gibts doch nicht jedenfalls ihm könne das nicht passieren. Und dann passierte es eben doch.

An jenem Abend stritt er sich mit seiner Freundin, Claudia. Sie hatte bemerkt, wie er Gertrud ansah, führte ihn nach draußen und machte eine Szene.

Na bitte, sagte Friedrich. Es war sowieso Zeit. Ich habe dich nie geliebt.

Claudia ging unter Tränen davon. Doch schon eine Woche später war sie mit Viktor zusammen. Schließlich heirateten die beiden sogar.

Um Gertrud musste sich Friedrich allerdings bemühen. Auch nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hatte, warf sie sich ihm nicht gleich um den Hals. Aber schließlich erwiderte sie seine Liebe doch

Während Friedrich die Fotos durchblätterte, durchlebte er noch einmal die glücklichsten Momente ihrer Ehegeschichte mit Gertrud Wie glücklich er gewesen war in all diesen Jahren und wie wenig er es gewürdigt hatte. Wann hatte er ihr das letzte Mal gesagt, dass er sie liebte? Wann ein Kompliment gemacht? Er konnte sich nicht erinnern. Wahrscheinlich hatte er ihr nie einmal ein einfaches Danke für das gute Essen gesagt, weil er meinte, es sei selbstverständlich. Eine Ehefrau kümmert sich um den Mann wie sollte es auch anders sein?

Erst jetzt begann Friedrich zu begreifen, dass Gertrud all den Alltag, die ganze Hausarbeit auf ihre zarten Schultern geladen hatte und dass er vielleicht einfach davon ausging, dass sie alles problemlos schaffte. Wenn er krank war, umsorgte sie ihn, kochte ihm Hühnersuppe, hörte sich seine Beschwerden geduldig an, bedauerte ihn Aber wenn sie krank war, nahm sie eine Tablette und ging zur Arbeit.

Bei dem Gedanken, Gertrud womöglich zu verlieren, wurde Friedrich ganz bang Diese Tage der Ungewissheit, während Gertrud zur Untersuchung war, lebte er wie ferngesteuert. Jeden Tag riefen sie sich an, aber Gertrud konnte noch keine endgültigen Nachrichten geben Friedrich wusste nicht wohin mit sich.

Er machte sich Vorwürfe, kein aufmerksamer Ehemann gewesen zu sein; oft war er egoistisch Wenn er es nur wiedergutmachen könnte

Eines Abends klingelte das Telefon. Friedrich, ich habe gute Nachrichten! Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Klar, es gibt gesundheitliche Probleme, aber nichts Schlimmes, erzählte Gertrud.

Wirklich? rief Friedrich aus. Gertrud, ich bin so froh, das zu hören

Einige Tage später holte er sie am Busbahnhof ab. In der Hand einen Strauß ihrer Lieblingsblumen weiße Lilien.

Friedrich, du hättest kein Geld für Blumen ausgeben müssen, lächelte Gertrud, aber ich freue mich, danke!

Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht, sagte er, als er sie umarmte. Ich liebe dich so sehr Vergib mir

Wofür, Friedrich? fragte sie verwundert.

Ich war nicht der beste Ehemann all die Jahre

Wie kommst du denn darauf? Oder hast du mich etwa betrogen?

Nein, um Himmels willen! Aber ich habe mich zu wenig um dich gekümmert, dir fast nie geholfen. Aber das wird jetzt anders. Ich habe dir noch eine Überraschung.

Was denn?

Ich habe Tickets gekauft. In einem Monat haben wir Urlaub und diesmal fahren wir ans Meer.

Das Meer? Und was ist mit dem Schrebergarten?

Ach, der Schrebergarten kann warten, winkte Friedrich ab. Oder wir verkaufen ihn sogar. Das Gemüse kaufen wir uns auf dem Markt.

Ich erkenne dich ja kaum wieder, Friedrich

Ich mich selbst auch nicht, Gertrud. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren Jetzt werde ich dich wie einen Schatz behüten Ich liebe dich so sehr

Ach, Friedrich!, lächelte Gertrud. Vielleicht musste all das geschehen, damit ich solche Worte von dir höre. Komm, gehen wir nach Hause Ich liebe dich auchFriedrich nahm Gertruds Hand und gemeinsam verließen sie das Bahnhofsgebäude. Die Straßen waren noch nass vom Regen, aber über ihnen brach gerade die Sonne durch die Wolken und tauchte alles in ein warmes Licht. Sie lachten ein wenig verlegen, ein bisschen wie Jugendliche, die ihre Unsicherheit hinter Scherzen verstecken. An der nächsten Ecke blieb Gertrud stehen, zog Friedrich an sich und küsste ihn.

Lass uns jeden Tag nutzen, so lange wir können. Egal wo, flüsterte sie.

Friedrich spürte einen Kloß im Hals, doch seine Stimme war fest: Du bist mein Zuhause. Und wenn du irgendwann wieder ans Meer willst wir fahren. So oft du willst.

Gertrud lachte, und gemeinsam gingen sie langsam nach Hause, Schritt für Schritt, als hätten sie zum ersten Mal alle Zeit der Welt. Die Zukunft war offen, voller Versprechen und leiser Hoffnung.

Und zum ersten Mal empfand Friedrich Dankbarkeit, für jedes Lachen, jedes gemeinsame Frühstück, jeden simplen Tag. Die Angst, Gertrud zu verlieren, hatte ihm gezeigt, wie wertvoll ihr gemeinsames Leben war.

Als sie die Tür zum Haus aufschlossen, duftete es noch immer nach den letzten Blumen aus Gertruds Garten. Friedrich hielt kurz inne, sah sie an und wusste: Von jetzt an würde er kein einziges Wort des Dankes, kein Lächeln mehr zurückhalten. Das Meer wartete. Aber der wahre Schatz den hielt er jetzt an der Hand.

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Homy
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Johannes kommt nach Hause, betritt die Küche, auf dem Tisch wartet schon das Abendessen. – Seltsam, wo ist Lisa? – denkt er. Als er ins Schlafzimmer geht, sitzt seine Frau auf dem Boden und packt ihre Sachen in eine Reisetasche.
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