„Ein zufälliges Treffen“

Zufällige Begegnung

Der Herbstwind wirbelte die bunten Blätter über die Bürgersteige Münchens, hob sie an und ließ sie wieder sanft auf den regennassen Asphalt fallen. Annemarie schlenderte langsam durch die Maximilianstraße, den Kragen ihres neuen, zartgrauen Kaschmirmantels hochgeklappt, um sich vor der kühlen Luft zu schützen. Sie kam gerade frisch vom Friseur die Haare perfekt frisiert, das Make-up makellos, jeder Aspekt ihres Aussehens war bis ins Detail abgestimmt. Gedankenverloren plante sie ihre nächsten Tage: endlich einen Termin für Pilates buchen unbedingt, ein Kleid fürs kommende Jazz-Abendevent aussuchen möglichst noch vor dem Wochenende, im neuen Concept Store auf der Theatinerstraße mal stöbern warum eigentlich nicht? Ihre Gedanken glitten leicht dahin, als hätte der muntere Herbstwind auch sie persönlich angetrieben.

Genau in diesem Moment stieß sie aus Versehen mit jemandem zusammen. Ein leichter Rempler, das Rascheln von Stoff, kleine Verwirrung.

Oh, Entschuldigung! rief Annemarie wie automatisch und hob den Blick.

Vor ihr stand Matthias. Ja, genau der Matthias, der früher mal in ihrem Freundeskreis war ewig her, sicher zehn Jahre oder länger. Die Jahre gingen auch an ihm nicht spurlos vorbei: erste graue Strähnen an den Schläfen, feine Falten um die Augen, die seinem Gesicht eine müde, aber noch lebendige Ausstrahlung gaben. Doch sein Blick war noch wie früher wach, leicht ironisch, als wolle er in jeder Sekunde herausfinden, was sich hinter ihrem Lächeln verbirgt.

Annemarie? Das gibts doch gar nicht! Ein breites, fast schon überrascht-verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht, aber Annemarie merkte sofort, da schwang etwas Zurückhaltung mit. Was treibt dich denn nach München?

Ich besuche meine Familie, sagte sie, dabei huschte ein leicht abschätzender Blick über seinen einfachen Mantel. Kein besonderer Schnitt, kein Hinweis auf teure Marken, alles so, wie es die meisten Passanten auch tragen. Und du? Immer noch bei deinen na, wie heißt das Computer-Dingen?

Programmieren, Annemarie. Und ja, immer noch. Aber du strahlst wie eh und je. Paris? Mailand unterwegs?

Ach, weißt du, bei mir läufts bestens, sagte sie und schob kokett eine Strähne zurecht, ihr Lächeln war federleicht. Und bei dir? Familie? Kinder?

Ehefrau, zwei Jungs. Ganz gewöhnlich eben, er zuckte mit den Schultern, aber da lag trotzdem ein bisschen Stolz in seiner Stimme. Und du? Immer noch auf der Suche nach deinem Märchenprinzen?

Ich weiß schon selbst, wen ich suchen will, konterte sie mit kühler Stimme und hob leicht das Kinn. Sag mal, was macht eigentlich Felix? Ich hab ihn letztens gesehen.

Matthias zögerte kurz, als müsste er sich überlegen, ob er es überhaupt erzählen sollte. Dann sagte er langsam, mit einem Anflug von Zufriedenheit:

Felix? Ach, du hast einiges verpasst. Der Mann ist heute eine große Nummer. Abteilungsleiter in einem riesigen Konzern, sein Gehalt du würdest Augen machen. Villa in Grünwald, nagelneuer Audi der hats wirklich geschafft.

Ein kleiner Stich durchfuhr Annemarie. Felix? Ihr Felix, der damals kaum über die Runden kam, sich ständig mit Geldsorgen plagte und nie genug Mut für große Sprünge hatte? Und jetzt war er ein erfolgreicher Manager, mit eigenem Haus und Luxuskarre? Das konnte sie kaum glauben!

Kann nicht sein, murmelte sie leise, und versuchte, ihre Fassung zu wahren. Ihre Stimme zitterte kurz, doch schon fing sie sich wieder. Er war doch immer so bodenständig. Nie ein Draufgänger.

Eben! Matthias lachte und es klang ehrlich, fast anerkennend. Alle dachten das. Und dann ist er einfach durchgestartet. Seine Frau ein Hingucker, zwei Kinder perfekte Idylle.

Annemarie ballte unwillkürlich die Fäuste in den Taschen ihres Mantels. In ihr tobte ein Sturm aus Neid, Enttäuschung und noch mehr brennender Neugier. Wie hatte Felix sich so zum Positiven gewandelt? Warum hatte sie davon erst jetzt erfahren? Damals waren sie sich so nah, hatten Zukunftspläne und Träume geteilt. Und nun hörte sie sein neues Leben über einen alten Bekannten.

Interessant zog sie leise und völlig unbeeindruckt. Und wo arbeitet er? Vielleicht sollte ich ihm einfach mal gratulieren.

Matthias schenkte ihr ein ironisches Lächeln, neigte leicht den Kopf zur Seite. Offensichtlich wollte er sagen: “Glaubst du wirklich, dass das so einfach ist?”

Meinst du wirklich, das ist jetzt angebracht? Nach allem, was gewesen ist?

Was denn? Annemarie zog eine Augenbraue hoch und gab sich eisern gelassen. Wir sind doch ganz friedlich auseinandergegangen. Ich kann mich ja auch für einen alten Freund freuen.

Schon klar, Matthias schüttelte leicht den Kopf, eine Spur Vorsicht klang in seinen Worten. Sag später bloß nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Felix ist heute jemand anders. Und sein Leben ist auch ein anderes.

Jemand anders, sagst du? Sie lächelte elegant, aber in ihren Augen funkelte echtes Interesse. Im Kopf schmiedete sie bereits Pläne, wie sie diese neue Chance für sich nutzen könnte. Fast so, als habe ihr das Schicksal ein goldenes Los zugeworfen. Willst du mir nicht ein bisschen mehr erzählen?

Matthias Miene verfinsterte sich. Er ärgerte sich plötzlich, überhaupt stehengeblieben zu sein. Warum hatte er sich überhaupt auf das Gespräch eingelassen? Vor ein paar Minuten war er noch unterwegs zu seinen eigenen Sachen, und jetzt steckte er hier fest und musste sich vor dieser berechnenden Dame verteidigen!

Wieso sollte ich dir etwas erzählen? fragte er deutlich ungehalten. Sein Ton war schroffer, als er beabsichtigt hatte. Steck deine Nase nicht in seine Angelegenheiten. Felix gehts bestens: glückliche Frau, zwei süße Kinder. Du hast da nichts mehr verloren vor allem nicht nach dem, was du damals abgezogen hast!

Annemarie hob das Kinn noch etwas weiter, äußerlich ganz ruhig, innerlich kochte sie vor Ärger weniger über den Inhalt seiner Worte, mehr über seinen Tonfall. Normalerweise bemühten sich die Menschen, ihr zu gefallen, nicht sie zu belehren.

Lass die Erziehung, bitte! blaffte sie, wohlwissend, dass sie aus ihm nichts mehr herausbekommen würde. Aber egal, sie kannte noch andere Leute und wusste jetzt wenigstens, wonach sie fragen musste. Das Desinteresse von Matthias an ihrer Sache stachelte ihren Sportsgeist eher noch mehr an. Die einzige Sorge war, dass er vielleicht Felix doch von der Begegnung erzählen könnte. Andererseits: vielleicht machte es ihr das sogar leichter dann würde Felix selbst neugierig werden, warum sie plötzlich wieder nach ihm sucht.

Ich will einfach wissen, wies meinem Ex so geht. Ist doch nichts dabei, wir haben immerhin drei Jahre lang alles geteilt! sagte sie mit einem Anflug von falscher Verletztheit, als wolle sie sich vor jemandem rechtfertigen, der eigentlich gar kein Recht hatte, sie zu verurteilen.

Mit Katrin ist er jetzt mehr als zehn Jahre zusammen, erwiderte Matthias mit einem boshaften Lächeln. Sag mal ehrlich, warum bist du eigentlich wieder in München? Hat dein wohlhabender Gönner dich sitzenlassen?

Annemarie erstarrte kurz, setzte aber sofort ein blendendes Lächeln auf, als hätten seine Worte sie kein bisschen berührt. Innerlich jedoch hätte sie ihm am liebsten die Meinung gesagt. Er wusste einfach, wo er treffen musste und sich dabei auch noch so überlegen zu fühlen, das machte sie rasend. Aber das zu zeigen, wäre keine gute Idee gewesen.

Geht dich doch nichts an. Und falls ich Felix zurückhaben will, seine Frau ist keine Hürde. Du weißt doch eh, wem sein Herz gehört, oder? Ihre Stimme klang lässig und sicher, aber ihr Inneres spannte sich wie ein Draht. Sie beobachtete Matthias ganz genau, hoffte eine Regung zu entdecken. Ich sehs dir an, du weißt es. Also halt dich raus.

Matthias schwieg eine Sekunde, abwägend. Dann zog er sich zurück, winkte ab und tat so, als fiele eine Last von ihm.

Also gut, sagte er kühl. Was geht mich das an? Aber ich sags dir: Wenn Felix für dich alles hinschmeißt, dann ist er für mich gestorben.

Annemarie hielt ihren Kopf weiterhin hoch, ihre Hände fest in den Manteltaschen. Doch ihre Stimme blieb ruhig und klar:

Ach, als würde er ohne deine Meinung nicht klarkommen! Wir wissen selbst, was wir wollen, okay? Und wenn wir wieder zueinander finden wollen

Jaja, das ist euer Problem, fiel Matthias ihr ins Wort, ohne sie ausreden zu lassen.

Er würdigte sie noch eines abschätzigen Blickes, in dem unverblümtes Missfallen lag. Ihn schüttelte fast vor Widerwillen, als hätte er sich die Hände an etwas Schmutzigem schmutzig gemacht. Ohne ein weiteres Wort ging er an ihr vorbei, als könne er es nicht abwarten, sie hinter sich zu lassen.

Im Gehen huschte seinem Gesicht ein Lächeln über die Lippen. Soll sie mal machen er würde sich das Schauspiel gern anschauen! Er glaubte eh nicht daran, dass Felix alles hinschmeißen würde. Dafür hing er viel zu sehr an seiner Familie und seinem geregelten Leben. Und wenn doch dann würde er schon merken, was er davon hatte.

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Annemarie stand vorm Spiegel in ihrem Altbauzimmer, begutachtete ihr Spiegelbild. Eine kleine Melodie, die den ganzen Tag schon im Kopf rumschwirrte, summte sie vor sich hin und kontrollierte zum letzten Mal, ob alles saß. Heute war ein besonderer Abend sie hatte eine Begegnung geplant, die vieles verändern konnte. Sie wollte Felix unbedingt beeindrucken, alte Gefühle wecken. Jedes Detail ihres Outfits war durchdacht: das taillierte Kleid, elegante Heels, schmaler Goldschmuck. Sogar das Parfum, das sie gewählt hatte, war genau das, was sie damals getragen hatte.

Vor elf Jahren war die Beziehung nach drei Jahren zu Ende gegangen. Damals schien alles so einfach, so eindeutig gewesen zu sein. Heute blickte Annemarie ohne Kummer, sondern eher mit einem Schmunzeln zurück, als blätterte sie in einem alten Roman. Es war der klassische Trennungsgrund gewesen: Sie zweifelte daran, dass Felix noch irgendwas Großes im Leben zustande bringen würde.

Er bemühte sich redlich, aber sein Job bot keine glänzende Zukunft. Und Felix wirkte auch nicht ehrgeizig. Ihm reichte der Alltag jeden Morgen zur gleichen Zeit aus dem Bett, ins Büro, acht Stunden nach Vorschrift, Feierabend zu Hause. Die kleine Zweizimmerwohnung in Pasing war einfach eingerichtet, aber gemütlich. Urlaub? Meist Bodensee oder ein paar Tage Allgäu, das musste reichen. Für ihn war das in Ordnung. Er fühlte sich wohl in seiner kleinen Welt.

Annemarie hingegen wollte mehr! Mit 23 war sie voller Energie. Die Männer flogen ihr zu, sie war die hübscheste im Freundeskreis, hörte Komplimente dauernd. Aber das reichte ihr nicht sie wollte das große Los. Sie hatte keine Lust auf Malochen, keinen Bock auf Mittelmaß. Ihre Träume: Urlaub auf Sylt, Shopping in Barcelona, teure Geschenke, abends in die besten Bars der Stadt und bewundernde Blicke von allen Seiten.

Felix konnte ihr das alles beim besten Willen nicht bieten. Er bemühte sich, aber seine Vorstellungen von Glück passten einfach nicht zu ihren Sehnsüchten! Sie dachte lange nach, wägte Pro und Contra ab, dann entschied sie: Es bringt nichts, Zeit mit jemandem zu vergeuden, der einfach zu wenig will. Sie wollte mehr und nahm sich dieses Mehr auch.

Da hatte sie das Glück, einem erfolgreichen Unternehmer zu begegnen. Schon etwas älter, aber genau das war gerade recht jemand, der wusste, was er wollte, und dem Alltag längst den Rücken gekehrt hatte. Und vor allem: Er war Single. Annemarie wusste sofort, dass das ihre Chance war! Sie war charmant, umwarb ihn mit gezielten Blicken, klugen Fragen, perfektem Lächeln alles nach Plan. Ihr neuer Bekannter wich ihr schon bald nicht mehr von der Seite. Felix blieb zurück und mit ihm sein bescheidenes Leben und die kleinen Träume, die nie zu Annemaries großen Plänen passen wollten.

Wer hätte gedacht, dass er plötzlich Karriere macht! murmelte Annemarie unwillig, während sie durch das seidige Haar strich. Heute hat er einen tollen Job, wohnt in einer Luxusbude, fährt Audi Wahnsinn, Felix! Und ich habs ihm nie zugetraut

Sie hielt inne, betrachtete ihr Spiegelbild, in den Augen etwas Unbestimmtes zwischen Bedauern und Aufregung. Doch sie schob Sentimentalität rasch beiseite. Jetzt zählte was anderes: Felix zurückerobern. Und zwar bald, denn Zeit lief gegen sie! Schönheit ist nicht für die Ewigkeit und der Gedanke, immer noch unverheiratet zu sein, bohrte unangenehm in ihrem Kopf.

Mit dem Unternehmer war es nichts geworden. Zwei Jahre ließ er sie zappeln, versprach alles, hielt aber nichts. Mal war die Firma schuld, mal der falsche Moment bis er irgendwann mit einer anderen Frau verschwand, die besser zu seinem Status passte. Annemarie erinnerte sich noch genau an den Tag, als er ihr eiskalt mitteilte, dass es vorbei sei. Sie blieb zurück keine Familie, keine Absicherung, keine Illusionen.

Einmal versuchte sie, Felix wieder für sich zu gewinnen doch damals hatte er noch keinen Sprung gemacht. Sein Alltag im Büro, die kleine Wohnung, dazu noch der neue Hang zum Feierabendbier, der immer auffälliger wurde. Annemarie fuhr hin, voller Hoffnung. Aber als sie das Chaos in seinem Leben sah, fuhr sie wortlos wieder heim. Zum Glück hatte sie noch die kleine Einzimmerwohnung in Berlin vom Unternehmer. Dort gab es Chancen, andere Männer, neue Projekte.

So vergingen die Jahre. Sie hatte Freundschaften, mal mehr, mal weniger ernsthafte Beziehungen. Manchmal schien eine solide Zukunft drin zu sein doch niemand machte ihr wirklich einen Antrag. Annemarie versuchte, optimistisch zu bleiben, doch je mehr Zeit verstrich, desto schwerer fiel es.

Und dann, bei diesem Familienbesuch in München, lief sie Matthias über den Weg ein Zufall, der alles veränderte. Jetzt weiß sie, dass Felix, den sie einst als Langweiler abserviert hatte, ein ganz anderer geworden ist erfolgreich, selbstbewusst, angekommen.

Jetzt stand Annemarie vorm Spiegel und war bereit für die nächste zufällige Begegnung. Sie hatte sich einen genauen Plan gemacht: Zeitpunkt, Ort, Kleidung, Spruch parat. Sie sah es förmlich vor sich: Felix sieht sie und ist hin und weg, kann den Blick nicht abwenden, denkt an die alte Zeit. Sie war sicher, nach ein paar Wochen würde er ihr zu Füßen liegen. Der Gedanke ließ sie leicht zittern nicht aus Aufregung, sondern vorfreudig.

Oh, Entschuldigung! Annemarie wirbelte beim Eintreten geschickt herum, tat so, als sei sie ins Straucheln geraten. Natürlich lief in dem Moment ausgerechnet Felix in sie hinein. Ich wollte sie wirklich nicht anrempeln

Kein Problem, passiert jedem mal, grinste Felix, instinktiv haltsuchend an ihrer Schulter.

Ach, ohne Sie wäre ich sicher hingefallen! Warten Sie mal Felix? Bist du das? Annemarie tat erstaunt und, als hätte sie ihn erst jetzt erkannt dabei wusste sie längst, dass er so jeden Morgen auf direktem Weg zur Arbeit hier vorbeiging.

Felix stutzte und sah sie prüfend an. Keine Frage: Er erkannte sie sofort. Annemarie die Frau, für die er früher durchs Feuer gegangen wäre und die er monatelang nicht vergessen konnte.

Ich ja. Annemarie, wirklich du? Oder glaub ich schon Gespenster zu sehen?

Ich. Aber ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass du mich wiedererkennst. Es ist so lange her Annemarie senkte demütig den Blick und sah dabei rührend verlegen aus.

Vergessen werde ich dich nie, platzte es aus Felix heraus. Er sprach so laut, dass sich ein paar Leute auf dem Marienplatz umdrehten. Das war ihm aber total egal jetzt zählte nur Annemarie. Du bist sogar noch hübscher geworden!

Das ist nett von dir, innerlich jubelte Annemarie über den gelungenen Auftakt und hielt sich mit dem Siegeslächeln ein wenig zurück. Magst du mit ins Café? Ein bisschen über alte Zeiten reden?

Und hast du keinen Mann, der dich vermisst? Felix sprach es ganz automatisch aus, aber seine Augen suchten neugierig nach einer Antwort.

Ich bin Single, flötete Annemarie und warf ihm einen sehr gezielten Blick zu, der jede Wimper betonte. Und das war ich immer.

Weißt du, da bin ich froh, Felix lächelte strahlend, seine Augen funkelten. Plötzlich schien er ein gutes Stück jünger, als fiele ein Stein von seiner Brust. Ich dachte immer, wir hätten noch eine Chance auf unser Happy End

Annemarie war hingerissen es ging einfacher als gedacht! Sie hatte keine Woche gebraucht, nur einen Abend, ein paar Worte, die richtigen Blicke, und schon war Felix ganz bei ihr. Er sprach kurz darauf von Trennung, achtete weder auf die Tränen noch das Bitten seiner Frau und Kinder. Annemarie verdrängte die Frage, wie es ihnen ging für sie zählte nur, dass ihr Plan aufging.

Nun musste sie nur noch abwarten, bis das Haus aufgeteilt war dann könnte sie bald in die Villa in Grünwald einziehen, von der sie vorher nur geträumt hatte. Sie malte sich alles schon aus: Ihr Name auf dem Türklingelschild, ihre Schuhe im Flur, ihre Cremes im Bad. Da Katrin selbst kein Einkommen hatte, lief alles über Felix also stand ihr juristisch sowieso das meiste zu. Annemarie überzeugte sich selbst: So ist das eben. Katrin sollte froh sein, wenn sie überhaupt in die kleine Wohnung zurück darf, in der Felix damals gelebt hatte.

Voller Vorfreude platzte Annemarie ins Stammcafé am Gärtnerplatz. Ihre Wangen glühten, sie fühlte sich unschlagbar. Sie sah schon das Candle-Light-Dinner, die Erinnerungen an gemeinsame Zeiten, dieses unbesiegbare Kribbeln und dann einen fließenden Übergang ins neue Leben. Nur noch Details mit Felix absprechen: Wann Unterschrift und wie die Szene der Öffentlichkeit am besten verkauft werden.

Sie steuerte auf ihren Lieblingsplatz zu und stockte. Gegenüber saß Katrin. Die Frau saß kerzengerade in einem schlichten schwarzen Kleid, kaum geschminkt, die Haare zu einem strengen Zopf gebunden. Keine Spur von Tränen oder Unsicherheit, nur eine kühle Entschlossenheit in den Augen.

Hallo, Annemarie, Katrins Stimme war ruhig, beinahe auswendig gelernt. Ich hab mir schon gedacht, dass du auftauchst. Felix hat mir gesagt, wohin du unterwegs bist.

Was machst du hier? Ich warte auf Felix, erwiderte Annemarie, bemühte sich um Souveränität, doch die Unsicherheit war spürbar.

Ich hab ihn gebeten, nicht zu kommen. Wir zwei müssen allein sprechen, antwortete Katrin mit einem winzigen, sarkastischen Lächeln. Ich will dir kurz zeigen, wie deine Pläne so aussehen.

Sie zog ohne Eile Dokumente aus ihrer Handtasche und schob sie ordentlich gestapelt über den Tisch. Grundbuchauszug, Bankauszüge, Verträge mit blauen Stempeln und offiziellen Überschriften.

Hier die Belege zu Haus und Konto, noch der Arbeitsvertrag. Du wolltest ja wissen, wie reich Felix ist, erklärte Katrin und taxierte Annemaries Reaktion.

Annemarie griff reflexartig zu den Papieren, wurde aber direkt von Katrins Hand gestoppt.

Immer mit der Ruhe. Ich erkläre es dir, sagte sie ungerührt weiter. Das Haus ist auf mich geschrieben Geld vom Papa. Das Auto ist meines. Und Felix Topposition war in der Firma meines Bruders. Übrigens: Er wurde vor drei Tagen entlassen.

Aber Matthias meinte Er meinte, Felix hätte alles selbst geschafft! platzte es aus Annemarie. Unsicherheit in ihrer Stimme, sie klammerte sich an diesen letzten Strohhalm.

Matthias? Katrin lächelte traurig. Er weiß Bescheid. Hat wahrscheinlich nur neugierig abgewartet, wie du dich aus der Nummer windest.

Annemarie erstarrte. Vor ihrem inneren Auge liefen die letzten Tage ab: Die Träume von Luxus, die minutiös ausgeklügelten Rückeroberungspläne, ihre tiefe Überzeugung, diesmal alles im Griff zu haben. Jetzt kam ihr alles lächerlich vor als hätte sie ein Luftschloss gebaut, das der ganz normale Wind einfach umwehte.

Er liebt dich immer noch, murmelte Katrin leise und ohne Bitterkeit, nur mit einem Hauch Melancholie. Er würde für dich alles aufgeben. Aber bist du bereit, für ihn irgendetwas aufzugeben?

Langsam stand Katrin auf, legte einen Zehn-Euro-Schein passgenau für ihren Cappuccino auf den Tisch und ging Richtung Tür. Kurz bevor sie hinaus trat, blickte sie zurück.

Quäl ihn nicht. Oder dich selbst, sagte sie, dann war sie verschwunden.

Annemarie blieb wie angewurzelt sitzen, die Augen ins Leere gerichtet, wo eben noch die Dokumente lagen. Ihre Gedanken schlugen Salti, fanden keinen Halt

Sie verließ das Kaffeehaus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Wind fuhr ihr gnadenlos durch die Haare, die so sorgfältig frisiert waren aber das war ihr jetzt alles egal. Sie ging einfach weiter, bemerkte weder die Passanten noch Autos noch Stimmen um sich herum. In ihrem Kopf klang nur ein Satz wieder und wieder: Er hat nichts. Absolut nichts. Wozu soll ich ihn dann wollen?

Am nächsten Tag kaufte sie ohne große Abschiedsworte ein One-Way-Ticket nach Hamburg. Felix hörte nie mehr etwas von ihr kein Anruf, keine Nachricht. Annemarie packte ihre Sachen, stieg ins Taxi und ließ ihren Traum von Glanz und Gloria im Münchner Regen zurück.

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Homy
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„Ein zufälliges Treffen“
Du bist mein Wunder. Als Eva die Klinik verließ, hallten die Worte des Arztes wie ein Donnerschlag in ihrem Kopf: „Es tut mir leid, es ist zu spät… Sie sollten Ihre Angelegenheiten regeln… nur ein Wunder könnte jetzt noch helfen…“ Diagnose: Schonungslos, laut, unerbittlich – obwohl sie „die stille Krankheit“ genannt wird. Dieser heimliche Fresser hatte sich unbemerkt herangeschlichen. Vielleicht in jenem Jahr, als Eva nicht zum Medizinstudium zugelassen wurde, ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzten. Vielleicht auch damals, als ihre Mutter hinter dem Haus ausrutschte, stundenlang auf dem eisigen Boden lag und nach wenigen Tagen leise für immer ging. Zu viele „Vielleichts“ sammelten sich in Evas Gedanken. Was wirklich der Auslöser war, blieb ungewiss. „Bringen Sie Ihre Angelegenheiten in Ordnung“, klang es nach. Doch was sollte sie noch regeln? Kinder hatte sie keine, Vermögen auch nicht, niemandem verpflichtet. Nur das Warten blieb. Und die vage Hoffnung auf ein Wunder. Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie mechanisch die Hand hob, um sie fortzuwischen. Ohne es zu bemerken, hatte sie bereits das große Kliniktor hinter sich gelassen, war durch die platanengesäumte Allee auf die belebte Straße gelangt – Autos rauschten vorbei, die Menschen hetzten dem Leben entgegen. „Alle haben es so eilig zu leben, und ich…“ Eva seufzte. Plötzlich überkam sie ungeheure Müdigkeit, das Herz hämmerte wild. Sie lehnte sich an einen massiven Baum, rang nach Fassung. Ein, zwei, drei Minuten, dann schlug ihr Herz wieder gleichmäßig. Da kam auch schon das Taxi. Nur noch nach Hause. Zu den Wänden, zu den Erinnerungen, zu den Fotos. Gegenüber von Evas Wohnhaus begann der Wald – fernab der Neubauten blühte Alt-Berlin: Birken, Tannen, Fichten, Büsche, Pilze. Stille. Dort tankte Eva Kraft, lauschte dem Vogelgesang, atmete Nebel und betrachtete Spinnweben im Licht. Auch heute zog es sie dorthin. Im Regenmantel betrat sie den Wald, das Himmel trüb, ein feiner Niesel. Ungewohnte Stille empfing sie; die Natur hielt, als erwarte sie ein Gewitter, selbst die kleinen Stechmücken fehlten. Ein Schritt nach dem anderen, Biegung um Biegung – bis Eva plötzlich inne hielt: Ein seltsames Gefühl, etwas Schweres in der Seele. Sie lauschte – und sah dann, ein paar Meter neben dem Weg, einen verdreckten, kaum beweglichen Haufen. Hatte das Ding gestöhnt? Mit zwei Sätzen war sie bei dem Bündel. „Was ist das? Ach du meine Güte – ein Hund!“ Unterm Baum lag ein völlig verdreckter, abgemagerter Hund, festgebunden am Stamm. Mit blutigen Fingern öffnete Eva die klammen Knoten. Endlich frei, sah sie das Tier genauer an – eine riesige, faustgroße Geschwulst im Bauchbereich. Eva sackte nieder, weinte still, die Finger verschmierten Tränen und Dreck im Gesicht. Schließlich redete sie leise auf den Hund ein, bekam aber nur ein Stöhnen als Antwort. Kein Leben mehr in den müden Augen. Eva bastelte aus Regenmantel und Jacke eine Decke, wickelte das kaum wiegende Fellbündel vorsichtig ein und rannte Richtung Stadt. Die Tierärzte waren beim Anblick des Hundes erschüttert, stellten aber keine Fragen. „Alle Untersuchungen, alles was nötig ist, bitte – ich will ihr helfen“, keuchte Eva, dann fiel sie vor Erschöpfung auf der Liege in Ohnmacht. Der Hund blieb in der Praxis, Eva musste heim. Am nächsten Morgen wartete sie an der Klinikpforte. Der Tierarzt kam: „Noch ist es zu früh für Einschätzungen – wir päppeln sie erst einmal auf, machen weitere Untersuchungen. Ein paar Tage Geduld.“ „Übrigens: Wissen Sie, wie der Hund heißt? Sie ist gechippt, und wir haben den Eigentümer ermittelt.“ Eva schüttelte den Kopf: „Ich habe sie im Wald gefunden, krank, allein, angebunden.“ „Ich hab den Namen und meine Nummer notiert“, sagte der junge Mann und überreichte ihr einen Zettel. Im Krankenhaus blieb Eva täglich an der Seite der Hündin, streichelte, flüsterte, versorgte sie liebevoll – doch das Tier ignorierte alles. Kein Fressen, kein Trinken, keine Reaktion. „Sie will nicht mehr“, murmelte die Schwester, „sie ist verraten worden.“ Die Ergebnisse aller Untersuchungen kamen bald. Abends bat der Tierarzt Eva zum Gespräch. „Ich will nichts beschönigen: Es sieht schlimm aus, fast hoffnungslos. Wenn sie Hoffnung hätte, Lebenswillen und Fürsorge, dann vielleicht – aber auch dann… nur ein Wunder.“ „Lassen Sie es uns versuchen!“, Eva griff nach der Hand des Arztes. „Was, wenn genau das Wunder passiert?“ Am nächsten Morgen saß Eva wieder am Krankenbett. Die Hündin baute weiter ab, Eva weinte, redete ihr zu, kraulte sie. „Wenn du stirbst, sterbe ich auch“, hörte die Schwester. Schnell drehte sie sich weg, die Tränen liefen. Da spürte Eva, wie die Hundezunge sanft die Hand leckte. Sie schob ihr vorsichtig den Napf hin. Die Operation dauerte drei Stunden. Endlich kam der erschöpfte Chirurg heraus: „Die OP ist gut verlaufen, aber garantieren kann ich nichts. Bitte bleiben Sie bei ihr, wenn sie wieder zu sich kommt. Vielleicht ist heute ein Wunder geschehen.“ Eva nannte den Hund Marvel – ihr Wunder. Die Genesung war mühsam: Fieber, Medikamente, schlaflose Nächte, viele Spritzen. *** Vier Monate später: Der Herbst zog ins Land. Eva und Marvel spazierten wieder gemeinsam durch den Wald – Marvel blieb an ihrer Seite, vertraute ihr nun vollkommen, während Eva immer öfter mit Schrecken daran dachte: Wer wird sich kümmern, wenn meine Krankheit zurückkommt? Deshalb suchte sie eine Familie für Marvel. Ein Treffen wurde vereinbart, doch am Vormittag musste Eva noch zu ihren Kontrolluntersuchungen ins Krankenhaus. „Morgen erfahre ich die Wahrheit“, dachte sie angsterfüllt. „Ich muss es schaffen, bevor Marvel sich an jemand Neues gewöhnt. Oh Gott, wie fürchte ich mich…“ Nach schlafloser Nacht ging sie apathisch in die Klinik – nur Marvel zählte für sie. Die Schwester rief sie ins Arztzimmer. „Ihre Ergebnisse sind erstaunlich“, sagte der Onkologe mit warmer Stimme. „Es ist selten, doch in Ihrem Körper haben sich Veränderungen vollzogen – zum Guten. Sie sind in Remission. Sie müssen weiterhin unter Beobachtung bleiben, doch die Zeichen stehen gut – ein wahres Wunder!“ Zuhause erwartete sie Marvel mit freudigem Schwanzwedeln, als wolle sie fragen: „Wo warst du so lange? Ich hab mir Sorgen gemacht!“ Eva sank zu ihr auf den Boden, küsste die treue Schnauze. „Marvel! Du bist mein Wunder! Mein ganz persönliches Wunder!“ Und sie blieben noch lange gemeinsam auf dem Boden sitzen, in glücklichster Umarmung. Gibt es ein größeres Glück, als zu wissen: Das Universum schenkt uns Zeit – und wir schenken einander Liebe?