Saubere Herdplatte
Ute, komm mal bitte rüber.
Nicht bitte, nicht wenn du fertig bist. Einfach komm mal rüber, als würde man einen Hund rufen.
Also lehnte Ute den Wischmopp an die Wand und kam in die Küche. Martin saß am Tisch und starrte aufs Handy. Neben ihm, am Fenster auf ihrem Stammplatz, saß Ilse, Martins Mutter. Trank ihren Kamillentee. In der Luft lag der Geruch von gekochtem Spitzkohl und Tabletten, die Ilse scheinbar den ganzen Tag schluckte.
Meine Mutter meint, du hast den Herd wieder nicht richtig sauber gemacht, sagte Martin, ohne den Blick vom Handy zu heben.
Ich hab ihn doch gestern geputzt.
Nicht ordentlich genug.
Ilse stellte ruhig ihre Tasse zurück auf die Untertasse.
Ich war das nicht gewohnt, dass hier Unordnung herrscht, meinte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. Ich hab hier zwanzig Jahre alles allein gemacht, und es war immer sauber. So ein Schlendrian gabs bei mir nie.
Ute war 53. Sie stand da mit Gummihandschuhen, nassen Händen, hörte sich das zum x-ten Mal an. Schon wieder.
Zeig mir halt, wo es dreckig ist, sagte sie. Ich geh gleich nochmal drüber.
Ja, zeig doch mal, warf Martin ein. Siehst du das nicht selber? Soll ich dir das etwa auf Knien zeigen?
Er sagte das ganz ruhig, fast gelassen, aber irgendwie wusste er, wie man mit seinen Worten punktgenau trifft.
Ute sah die Herdplatte an. Die glänzte. Erst gestern Abend nach dem Abendessen hatte sie bestimmt eine halbe Stunde lang Fett abgekratzt. Der Herd war sauber.
Und genau da passierte irgendwas in ihr.
Kein Wutanfall, keine Tränen. Sie sah einfach den blitzblanken Herd an, dann Martin mit seinem Handy, dann Ilse samt Teetasse und in ihr wurde es ganz, ganz still. So still wie vor einem endgültigen Bruch.
Sie zog die Handschuhe aus, legte sie auf den Tisch.
Das höre ich jetzt seit achtundzwanzig Jahren sagte sie. Es reicht.
Martin sah vom Handy hoch, Ilse verharrte mit ihrer Tasse.
Was hast du gesagt? fragte Martin.
Ich hab gesagt: Es reicht.
Sie verließ die Küche. Ging ins Schlafzimmer, holte einen großen Beutel von Edeka aus dem Schrank und packte ruhig ihre Sachen. Nicht viel: Papiere, zwei Pullover, frische Unterwäsche, Handy-Ladekabel. Ihre Hände zitterten nicht. Es war ihr selbst fast unheimlich, wie ruhig sie war wie jemand, der nach Jahren endlich eine Entscheidung trifft.
Drüben in der Küche laute Stimmen. Erst leise, dann lauter.
Martin, hörst du nicht? Geh ihr nach!
Dann geh doch selber.
Ute zog die Jacke an, nahm die Tasche, zog Schuhe an, öffnete die Tür.
Ute! schrie Ilse aus der Küche. Weißt du eigentlich, was du da machst? Wo willst du denn hin? Du bist nichts ohne ihn! Nichts!
Sie machte leise die Tür zu. Kein Knall.
Im Hausflur roch es nach Katzenklo von den Nachbarn oben und frischer Farbe vom Erdgeschoss. Ute ging die Treppe runter und trat in den grauen, nassen Oktobermorgen. Die Blätter klebten in matschigen Lagen auf dem Asphalt. Ute blieb vor der Tür stehen, holte ihr Handy raus.
Susi ging nach dem zweiten Klingeln ran.
Susi, sagte Ute. Ich bin weg.
Pause.
Wo weg?
Von Martin. Für immer. Ich hab keinen Plan, wohin.
Stille, drei Sekunden. Dann Susi:
Kennst du noch meine Adresse? Zwanzig Minuten, dann bin ich daheim. Warte vorm Haus, ich geb dir den Code.
**
Susi wohnte im dritten Stock in einer kleinen Einzimmerwohnung in der Isarstraße. Nicht groß, aber ihr eigenes Reich und sie hatte sie ganz alleine gekauft, als sie noch im Hotel an der Rezeption war und jeden Cent zusammenkratzte. Die ganze Wohnung voller Bücher, viele Pflanzen, in der Küche hingen Magneten aus verschiedenen Städten am Kühlschrank. Es roch nach Kaffee und Zimt, ein bisschen wie frisch Gebäck.
Ute saß auf dem Sofa, einen heißen Becher Tee in der Hand. Susi, Beine angezogen, hörte aufmerksam zu, unterbrach nie.
Erzähl, meinte sie leise.
Was soll ich sagen, zuckte Ute die Achseln. Immer das Gleiche. Herd schmutzig. Suppe zu salzlos. Fußboden schlampig geputzt. Und dann schauen sie mich an, als wäre ich irgendwas, das nicht mehr funktioniert.
Ute, das war doch immer so. Warum heute?
Ute überlegte.
Heute hab ich auf die glänzende Herdplatte geschaut und gemerkt: Wenn ich jetzt nicht gehe, geh ich nie. Ich würde hier sterben. Einfach eines Tages umfallen und sie sagen, ich hab nicht gut genug auf mich aufgepasst.
Susi nickte. Redete nicht dazwischen. Goss einfach more Tee ein.
In der Nacht lag Ute auf Susis Sofa, zugedeckt mit einer warmen Decke, umgeben von echter Stille. Kein Fernseher aus dem Nebenzimmer, kein Husten von Ilse durch die Wand, kein drängendes Gefühl, aufspringen zu müssen.
Sie schlief bis drei Uhr nicht. Nicht aus Angst, sondern weil sie nicht mehr wusste, wie es ist: einfach liegen, für nichts und niemand verantwortlich.
Dann schlief sie doch irgendwann ein.
**
Das Handy blieb zwei Tage still. Am dritten schrieb Martin: Wann kommst du zurück? Kein Entschuldige. Kein Lass uns reden. Einfach wann kommst du zurück, als wäre sie Geschäftsreise.
Ute las es. Steckte das Handy weg.
Richtig so, sagte Susi neben ihr, sie hatte die Nachricht natürlich mitbekommen. Bloß nix antworten.
Er denkt doch eh, dass ich zurückkomme, meinte Ute. Hat er immer gedacht: Dass ich nirgendwohin kann.
Kannst du denn?
Sie schaute aus dem Fenster. Draußen grauer Oktober, nasser Hof, kahle Bäume.
Kann ich, sagte sie. Bloß wohin, weiß ich noch nicht.
Die ersten Wochen waren sonderbar. Ute wusste oft gar nicht, was sie mit dem Tag anfangen sollte. Ihr ganzes Leben stand sie um sieben Uhr morgens auf, Frühstück machen, aufräumen, waschen, Tabletten für Ilse besorgen, einkaufen, Mittagessen kochen, wieder putzen, waschen. Von morgens bis abends. Und es war trotzdem immer zu wenig und nicht richtig.
Jetzt stand sie morgens auf und der Tag war leer. Nichts zu tun. Fast unerträglich.
Susi, sagte sie eines Morgens, als Susi sich zum Büro fertig machte. Ich muss was tun. Sonst dreh ich durch.
Such dir einen Job.
Was denn? Achtundzwanzig Jahre nur Hausfrau.
Du bist doch Künstlerin.
Ute lachte trocken, ohne Freude.
Das war ich mal. Nach der Kunsthochschule hab ich zwei Jahre in einem Verlag gearbeitet. Dann kam Martin. Er meinte, ich brauche das nicht. Er kann uns locker ernähren. Und seine Mutter: Anständige Frauen führen einen ordentlichen Haushalt, nicht immer diese Job-Hüpferei.
Und du hast es geglaubt.
Jupp. Ich war 25, dachte, das ist Liebe: Wenn sich einer um dich kümmert.
Susi stand auf, warf sich den Mantel über.
Im Schrank hab ich noch Aquarellfarben von meiner Nichte. Und Papier. Nimm und probiers. Einfach so.
Wofür?
Weil dus noch kannst. Deine Hände können das.
**
Die Farben fand Ute im untersten Schubfach, eingewickelt in Zeitungspapier. Billige Kinderaquarelle, Plastikdose mit Eichhörnchen. Gutes dickes Papier gabs auch noch ein angebrochenes Skizzenheft.
Sie setzte sich an den Küchentisch, starrte lange auf das leere Blatt.
Dann nahm sie den Pinsel.
Erst ging alles daneben. Die Farbe verteilte sich falsch, die Hand zitterte leicht, die Formen waren schief. Ute zerriss drei Blätter. Dann ließ sie los, hörte auf nachzudenken einfach Farbe, einfach Form.
Nach einer Stunde lag vor ihr ein kleines Aquarell: der herbstliche Hof draußen vor Susis Fenster, nasse Bäume, grauer Himmel, ein rosafarbener Fleck auf dem Horizont.
Sie starrte drauf und dachte: Das. Das hab ich gemacht.
Nicht Suppe. Nicht Herd. Das.
Abends kam Susi heim, blieb am Küchentisch stehen, schaute auf das Bild.
Hast du gemalt?
Ja.
Ehrlich gut, Ute.
Ach was, alles schief.
Aber lebendig, sagte Susi. Ich hab hundert Höfe gesehen, doch der fühlt sich wie echt an.
Ute antwortete nicht aber das Bild warf sie nicht weg.
**
In der Wohnung von Martin Kramer lief unterdessen alles anders als gedacht.
Drei Tage wartete er, dass Ute zurückkommt. War doch klar: Wohin sollte sie auch? Kann ja nix. Kein Geld, kein Job, keine Wohnung. Kommt wieder, keine Frage.
Kam nicht.
Am vierten Tag stellte er fest, der Kühlschrank ist leer. Wirklich leer. Morgens nur noch ein einsamer Joghurtbecher, keine Butter, kein Brot. Ohne Frühstück ins Büro.
Abends saß Ilse mit einem Blick am Küchentisch, den sie extra einsetzt, wenn sie längst alles weiß.
Gegessen?
Nein.
Ich auch nicht. Hast du was geholt vom Laden?
Nein, keine Zeit.
Na toll. Nicht gegessen, nix geholt. Siebenundsiebzig Jahre leb ich und jetzt hab ich nicht mal Brot im Haus.
Geh doch selber einkaufen, Mama.
Lange Pause.
Ich, meinte Ilse langsam ich bin siebenundsiebzig. Mit dem Stock. Und du willst, dass ich selber laufe?
Mama, ich hab gearbeitet.
Und Ute hat nix gemacht? Ute hat sich den Buckel für dich krumm geschafft und du hast sie rausgemobbt.
Martin sah sie ernst an.
Ich? Sie ist doch selber gegangen!
Weil du sie kaputt gemacht hast! Ilse wurde laut. Ich hab immer gesagt, du sollst manierlicher sein. Aber du weißt ja immer alles besser.
Du hast ihr doch selber jeden Tag den Kopf gewaschen! Herd schmutzig, Suppe schlecht, Boden nicht gewischt!
Ich darf wohl Bemerkungen machen! Mein Haus!
Mein Haus, Mama! Meine Wohnung!
Sie schauten sich an zum ersten Mal seit Jahren. Kein Puffer mehr, der immer die Schläge abgefangen hat.
Martin zog die Jacke an und knallte die Tür.
Ilse blieb allein in der Küche zurück. Draußen war es dunkel. Sie schaltete das Licht an, öffnete den Kühlschrank. Sah den Becher Joghurt an. Schloß die Tür.
Setzte sich wieder.
Und es war so still, wie noch nie, solange Ute da gewohnt hatte.
**
Im November kam überraschend der erste Schnee. Drei Wochen lebte Ute da schon bei Susi und atmete langsam wieder durch, wie jemand, der nach langem Luftmangel endlich raus darf. Erst blendet das, dann gewöhnt man sich.
Sie malte jeden Tag. Diesmal mit richtigen Farben, die sie sich selbst kaufte. Susi fand online eine Anzeige: Ein kleines Atelier wurde zur Untermiete angeboten, Nähe Donaupark. Zwanzig Quadratmeter, ein riesiges Nordfenster, Holzdielen. Spottbillig, weil rissige Wände, keine Heizung.
Ute ging anschauen und wusste gleich: Das ist es.
Nimmst dus? fragte die Vermieterin, ältere Dame in Strickmütze.
Ja.
Geld hatte Ute kaum noch. Verkaufte die goldenen Ohrringe, die sie mal zur Hochzeit bekam. Zog im Bauch, aber dann dachte sie: Was solls für was bewahren?
Das Atelier wurde ihr Reich. Jeden Tag früh hin, Fenster öffnen: Kalte Luft mit Schnee- und Donaugeruch strömte rein. Es roch nach Farbe und Holz. Sie legte los, Skizzen, Aquarelle, Landschaften, Hinterhöfe, Stillleben aus Kaffeetassen, Äpfeln oder ihrem alten Schuh. Es lief immer besser. Die Hände wussten noch, wies geht sie brauchten nur Zeit nach achtundzwanzig Jahren Pause.
Im Dezember rief Susi im Atelier an.
Ute, im Hotel planen wir ‘ne lokale Kunstausstellung im Foyer. Nur kleine Werke. Ich hab dich vorgeschlagen. Gibst du was ab?
Susi, ich bin doch gar keine richtige Künstlerin. Noch ganz am Anfang.
Blödsinn, du bist Künstlerin ich hab deine Bilder gesehen.
Ist halt Hobbykram.
Ute, sagte Susi mit Geduld wie für ein Kind, du redest dir das seit dreißig Jahren ein. Schluss jetzt. Machst du mit?
Kurze Pause.
Okay.
**
Genau da lernte sie Jonathan kennen.
Er war zur Vernissage nur da, weil sein Zug Verspätung hatte nicht wegen der Kunst. Er trug ein kariertes Hemd, graue Haare an den Schläfen, ruhige Augen. Blieb vor Utes Winterbild stehen: ein verschneiter Park, Bank, Fußspuren hin und zurück.
Ute wollte nur den Rahmen zurechtrücken hörte dann, wie er leise vor sich hinsprach:
So ist das. Da kommen zwei, sitzen kurz, gehen wieder.
Wegen der Spuren? fragte Ute.
Er drehte sich um. Wirkte nicht peinlich berührt.
Klar. Zwei Leute. Kommen, sitzen, gehen wieder in verschiedene Richtungen. Vielleicht vertragen, vielleicht gestritten, man weiß es nicht.
Ich dachte, das ist einer, der kurz raus ist und dann wieder heim.
Ach was, einer läuft keine Zickzackspur, sagte er ernst. Sehen Sie? Zwei Leute.
Sie blickte nochmal drauf, sah das Bild jetzt auch anders.
Vielleicht, lächelte sie.
Dann redeten sie noch zwanzig Minuten. Er war aus Regensburg, half seinem Bruder beim Renovieren dort. Handwerksmeister, kannte sich mit allem aus: Holz, Strom, Rohre. Verwitwet, erwachsene Kinder. Er sprach nicht viel, aber er hörte zu Ute merkte das sofort. Kein Handygefummel, kein Unterbrechen. Achtsam.
Das war so ungewohnt, dass sie gar nicht wusste, wie sie reagieren sollte.
Beim Gehen fragte er:
Haben Sie ne Visitenkarte?
Nein, sie wurde verlegen. Hab ich nie machen lassen.
Dann Ihre Nummer?
Sie gab sie ihm. Dachte hinterher: Na ja, vielleicht will er das Bild kaufen.
Drei Tage später schrieb er: Guten Abend. Jonathan hier, wir sprachen über die Spuren im Schnee. Ich würde das Bild gerne kaufen, falls noch zu haben.
War noch zu haben. Jonathan holte es selbst ab, verpackte es vorsichtig, fragte, ob er noch weitere sehen dürfe.
Sie gingen ins Atelier. Er schaute lange und ruhig. Kaufte zwei weitere kleine Bilder.
Sie malen wirklich schön, sagte er.
Ich habe sehr lang nicht gemalt, erwiderte sie.
Warum?
Sie zuckte die Schultern, wollte nicht ins Detail.
Das Leben eben.
Er nickte. Fragte nicht weiter.
**
Martin rief im Januar an. Ute lebte nun abwechselnd bei Susi und im Atelier. Noch waren sie offiziell verheiratet, die Scheidung war aber in Planung.
Abends im Atelier, Ute malte einen Winterstrauß: Kieferzweige, Zapfen, Kerze.
Ute, Martins Stimme.
Ja.
Wie gehts dir so?
Gut.
Stille.
Mama ist krank, sagte er.
Tut mir leid.
Du könntest mal vorbeikommen. Wenigstens einmal pro Woche, im Haushalt helfen.
Ute legte den Pinsel weg.
Martin. Ich bin weg. Ich wohn jetzt anderswo. Ich werde nicht zurückkommen und hier putzen.
Du bist immer noch meine Frau.
Im Moment noch, ja. Aber das bleibt nicht so.
Komm bitte. Lass uns reden.
Wir haben nie geredet, Martin. Achtundzwanzig Jahre lang. Es wurde geredet, ich hab gehört. Und gemacht, was man mir sagte.
Jetzt übertreibst du aber.
Vielleicht. Aber zurück komm ich nicht.
Sie legte auf. Ihre Hände zitterten nicht. Überraschend.
Sie dachte: Von außen sieht das wahrscheinlich so unspektakulär aus Ehefrau verlässt Mann. Passiert oft. Aber von innen war das wie Laufenlernen. Jeden Tag.
**
Mit dem Geld tat Ute sich am Anfang schwer. Die Bilder wurden gelegentlich gekauft, manchmal bekam sie Aufträge für Karten oder kleine Stadtansichten. Susi half ihr bei einem Online-Auftritt nach und nach hatte sie kleine, feine Kundschaft.
Zum Leben reichte es knapp. Atelier, Essen, bisschen Kleidung. Kein Überfluss, aber genug.
Das fühlte sich an wie echter Wohlstand.
Jonathan kam alle zwei, drei Wochen vorbei. Dann tranken sie Kaffee im Bistro am Park, erzählten von Arbeit, Kindern, Bildern. Er drängte nie. Irgendwann merkte Ute, dass sie sich auf diese Besuche freut. Wenn er dann wieder weg war, war es ihr fast zu still.
Susi, sagte sie einmal. Jonathan… ich weiß nicht.
Was weißt du nicht?
Er ist richtig nett. Das macht mir Angst.
Warum?
Weil ich immer denke: Wenn was gut läuft, kommt bestimmt was fieses hinterher.
Susi sah sie lange an.
Vielleicht ist das gar nicht bei allen so?
Ute dachte tagelang darüber nach.
Später schrieb sie Jonathan: Kommen Sie am Samstag vorbei? Ich hab ein neues, großes Bild wollte es Ihnen zeigen.
Er kam. Schaute sich das Werk an, mochte es. Dann gingen sie wieder Kaffee trinken. Dort fragte er zögernd:
Ute, wollen Sie am Wochenende einen Ausflug machen? Da gibts einen alten Klosterhof, eine Stunde weg. Soll im Winter wunderschön aussehen.
Sie sagte ja.
**
Was in der alten Wohnung auf der Schillerstraße passierte, erfuhr Ute manchmal von Frau Breuer, einer älteren Nachbarin.
Ute, wie gehts? Bei den Kramers ist nur Streit, hör ich durch die Wand. Ilse motzt Martin an, weil du nicht mehr da bist. Und er schreit zurück. Letzte Nacht wars so laut, ich wollt schon den Hausmeister holen.
Ute hörte zu und empfand nichts außer einer seltsamen, entfernten Traurigkeit. Kein Triumph, kein Groll einfach so: So ist das halt.
Sie fehlte dort nicht als Mensch, sondern als Puffer. Jetzt trafen sie sich gegenseitig.
Im Februar meldete Frau Breuer, Ilse sei ins Krankenhaus gekommen, Blutdruck, Herz. Martin ganz allein am Krankenbett, wie ein verlorener Junge.
Ute machte Tee. Dachte kurz: Eigentlich sollte ich anrufen. Nach achtundzwanzig Jahren… Aber dann dachte sie: Vielleicht muss man jetzt mal nicht, was man sonst immer muss.
**
Im März wurde es wärmer. Ute schlenderte über den Viktualienmarkt, ließ sich für das Frühstück inspirieren, dachte nebenbei: Diesen Markt, diese Farben das könnte ich echt mal malen.
Plötzlich entdeckte sie Martin. Er schlurfte herum, Einkaufstüte, Handy, sah sie gar nicht. Hatte abgebaut, kam Ute vor. Oder vielleicht hatte sie ihn einfach nie so aus der Distanz gesehen: Schultern runter, die alte Jacke, müdes Gesicht.
Sie blieb stehen, wartet, was sie fühlt. Panik? Hass? Fluchtreflex?
Nichts von all dem. Nur Ruhe.
Martin sah sie dann, blieb stehen.
Drei Marktstände lagen zwischen ihnen.
Ute, sagte er.
Wie immer ganz ruhig, aber diesmal klang er anders. Verloren.
Martin, sagte sie.
Er kam näher. Die Marktfrau nebenan tat so, als sortiere sie konzentriert die Äpfel.
Wie gehts dir?
Gut.
Du bist abgemagert.
Kann sein.
Mama liegt noch im Krankenhaus. Herz.
Hab ich gehört. Tut mir leid.
Er wechselte die Tüte in die andere Hand.
Du kommst echt nicht zurück?
Ute sah ihn an. Ganz ruhig, ohne Groll. Ohne Mitleid. Sie sah einfach.
Nein, Martin. Ich komm nicht zurück.
Aber… wir müssen doch irgendwie weiter.
Du musst. Ich lebe schon.
Er wusste nichts mehr zu sagen. Sie zahlte ihr Gemüse und ging weiter.
Ihr Herz schlug ruhig. Da lag ihre neue Freiheit, nicht im Gehen, nicht im Fernbleiben. Sondern darin, vor ihm zu stehen und sich weder klein noch schuldig zu fühlen. Einfach als fremder Mensch zu sprechen. Fast fremd.
Beim nächsten Stand kaufte sie noch frisches Brot. Dann ging sie nach Hause also ins Atelier. “Nach Hause”, sagte sie inzwischen oft zur Werkstatt.
**
Im April reichte sie die Scheidung ein, ganz ohne Anwalt, Papierkram, fertig. Martin widersprach nicht. Sie trafen sich einmal beim Notar, Unterschriften, fertig.
Sie hatte keinen Anspruch auf die Wohnung, das blieb seine. Um irgendwas zu erstreiten, fehlte Ute Energie und Lust. Susi fand das schade, doch Ute lachte nur.
Susi, ich brauch die Wohnung nicht. Ich will nur weiterleben.
Aber das Geld hättest du schon gebrauchen können.
Es kommt schon noch Geld, sagte Ute immer. Mein eigenes.
Im Sommer sahen sie sich mit Jonathan fast jede Woche. Mal fuhr sie zu ihm nach Regensburg, mal kam er nach Passau. Sein kleiner Bungalow am Stadtrand hatte einen herrlichen Garten mit Johannisbeeren und einem alten Apfelbaum. Ute kam im Mai zum ersten Mal hin und stand minutenlang, schaute nur die blühende Krone an.
Schön, sagte sie.
Die hat meine Frau gepflanzt, erklärte er. Ganz ruhig, ohne Schmerz. Acht Jahre ist das jetzt her. Aber sie blüht jedes Mal.
Sie standen lange schweigend nebeneinander.
Jonathan, begann Ute, hast du keine Angst? Wieder jemanden so nah an dich ranzulassen?
Natürlich hab ich. Aber du bist es mir wert. Und ich glaube, Angst ist keine Ausrede.
Sie lachte. Ganz plötzlich.
Das ist weise.
Bin halt Handwerker. Überflüssige Umwege mag ich nicht.
**
Im Herbst, ziemlich genau ein Jahr nach dem Tag, an dem Ute mit Klamottenbeutel und einem klaren Entschluss die Wohnung verließ, saßen sie mit Jonathan spät abends am Küchentisch. Er reparierte den Schrank, sie saß mit einer Skizze und Kaffee neben ihm.
Warm wars. Ruhig. Es roch nach Holz und Kaffee.
Ute, sagte er beim Schrauben, ziehst du zu mir?
Sie hob den Kopf.
Da wo? Hierher?
Genau. Zu mir.
Sie schwieg einen Moment. Er schraubte gerade weiter.
Mein Atelier ist drüben.
Weiß ich. Aber hier gäbs noch ein Zimmer, große Ostfenster. Viel Sonne morgens. Hab ich schon gesagt, oder?
Hast du schon.
Und?
Sie blickte auf ihre Skizze: Küche, ein Mann mit Schraubenzieher, sie mit Kaffee. Fenster, Blick in den Garten.
Ich muss nachdenken, sagte sie.
Tu das.
Du drängst nicht?
Nö.
Warum?
Er schob den Schrank zu. Funktionierte wieder.
Weil wir Zeit haben. Und Erwachsene hetzt man nicht.
Ute sah wieder auf die Skizze.
Okay, sagte sie.
Okay, du denkst nach, oder okay, du kommst?
Okay, ich komm.
Er nickte, setzte sich mit seinem Kaffee neben sie. Schweigend. Und das fühlte sich richtig an.
**
Noch ein halbes Jahr später:
Ute wohnte inzwischen bei Jonathan, das Atelier in der Donauallee hatte sie aber behalten. Drei Tage die Woche arbeitete sie dort. Das Ostzimmer bei Jonathan wurde aber auch ihr kleines eigenes Reich. Dort machte sie morgens Skizzen, wenn er schon unterwegs war.
Ihre Bilder wurden ein bisschen öfter verkauft. Nicht weltbekannt, aber Stammkundschaft fand sie. Still und sachte, aber ganz ihrs.
Von Martin hörte sie ab und zu was Frau Breuer rief gelegentlich an. Ilse war nach dem Krankenhaus schon recht gebrechlich, kaum noch unterwegs. Martin hatte eine Putzfrau angestellt. Lebte so dahin.
Ute hörte das und dachte: Früher war sein Gemüt mein Wetter. Seine Laune war mein Tag. Alles drehte sich um ihn und seine Mutter. Von außen war das vielleicht eine ganz normale Ehe. Drinnen aber war Zelle ohne Schloss. Die schlimmste Zelle ist die, deren Tür man selber zuhält.
Jetzt war der Himmel ein anderer.
An einem Dienstag im Dezember war Ute früh im Atelier, bevor die Sonne kam. Kanne Tee aufgesetzt. Draußen fiel leiser Schnee, lautlos.
Handy klingelte. Susi.
Ute, wie gehts?
Gut. Ich mal eben.
Ich hab da was: Eine Bekannte kennt eine Galerie, die für Frühjahr neue Künstler sucht. Sie hat dich im Internet gesehen und möchte dich kennenlernen. Ich geb dir die Nummer.
Ute notierte sie.
Susi, die suchen doch sicher was Ernstes. Ich hab ja keinen Namen.
Naja, du hast fünf Jahre nicht gemalt, dann neu angefangen und inzwischen über 150 Bilder. Ist das nix?
Hm…
Ruf einfach an. Was soll passieren?
Mach ich.
Sie legte auf. Sah auf die Nummer, sah aus dem Fenster. Draußen alles weiß, wie ein neues Blatt.
Sie schenkte sich Tee ein, griff zum Pinsel und machte weiter. Anrufen konnte sie später. Erstmal musste sie diesen Schnee erwischen.
**
Abends holte Jonathan sie ab. Klopfte, kam herein und fand sie versonnen über dem neuen Bild.
Fertig?
Fünf Minuten noch.
Er setzte sich auf den Hocker an der Wand, wartete ohne Eile. Schaute ruhig zu, wie sie arbeitet. Ute spürte manchmal seinen ruhigen Blick. So sieht man nur Dinge an, die einem was bedeuten.
Nach fünf Minuten legte sie die Pinsel weg, schloss die Farben.
Das war’s.
Ist gut geworden, er nickte zum Bild.
Weiß ich nicht. Schnee ist schwer zu malen. Der sieht weiß aus, ist aber blau, grau, rosa alles, nur nicht weiß.
Aha, meinte er ernst. Wär ich nie drauf gekommen.
Siehst du, man denkt immer, es ist einfach nur weiß aber ist es nicht.
Sie gingen raus. Draußen kalt und klar, der Schnee hatte aufgehört, die Luft war frisch, dass man tief durchatmen wollte.
Jonathan, meinte Ute beim Gehen, die Galerie hat angerufen, von Susi empfohlen.
Und?
Ich weiß nicht, ob ich hingehen soll.
Willst du denn?
Sie schwieg.
Ja, ich will. Aber ich hab Schiss.
Wovor?
Dass sie sagen: nicht gut, nicht echt, nicht ernst. Dass ich keine richtige Künstlerin bin, dass das alles Quatsch ist.
Jonathan lief neben ihr, Hände tief in den Taschen.
Weißt du, Ute das Schlimmste hast du schon hinter dir. Du hast 28 Jahre wo gelebt, wo dir gesagt wurde, du seist nichts. Und dann bist du gegangen nur mit einer Tasche. Das war mutig. Was soll jetzt noch passieren? Sagen sie nein, dann halt weiter.
Sie blieb stehen.
Wenn du das sagst, klingt alles so klar.
Bin halt Handwerker.
Sie lachte, er lächelte im Laternenlicht zurück.
Komm, wird kalt, meinte er.
Sie liefen weiter. Schnee knirschte. Die Lichter spiegelten sich im Eis. Vor ihnen leuchtete das Haus.
Jonathan, sagte Ute.
Ja?
Danke.
Für was?
Dass du nie sagst du musst oder du solltest.
Er schwieg kurz.
Erwachsene Menschen wissen selber, was zu tun ist, meinte er dann. Ab und zu erinnern darf man. Ist alles.
Sie betraten das Haus. Es roch nach Holz und etwas nach Apfel Jonathan lagerte die Herbstäpfel im Keller.
Ute zog sich aus, ging in die Küche, machte das Licht an.
Alles war zur Gewohnheit geworden: Der massive Tisch, zwei Stühle, Blick in den Garten. Auf dem Fenstersims lag ihr Skizzenbuch.
Sie schlug es auf, sah die Skizze von gestern: Küche, Mann mit Schraubenzieher, Frau mit Tasse, Fenster, draußen der Garten.
Jetzt fehlte nur noch der Schnee.
Sie griff nach dem Bleistift.




