Mama Lusia

»Mama Liesel«

»Hallo, wohnt hier Alex?«
»Ja Und wer sind Sie?«
»Sind Sie seine Mutter?«
»Ich?! Seine Frau! Was wollen Sie überhaupt?«
»Er liegt im Krankenhaus, und ich weiß nichts über seinen Zustand. Sie sagen mir nichts nur Angehörigen.« Die Oberlippe der Fremden zitterte. »Darf ich reinkommen?«
»Na komm rein. Ich versteh nur nicht, warum du dich für meinen Mann interessierst. Wer bist du überhaupt?« Liesel deutete zur Küche. »Da lang.«

Das Mädchen setzte sich auf die Kante des Küchenstuhls, zog ein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Hausherrin hantierte am Herd und wartete, bis die Besucherin endlich redete.

»Willst du Wasser?«
»Nein Doch, bitte.«
»Und jetzt? Willst du einfach schweigen? Bist du gekommen, um hier zu sitzen?«
»Alex hat mir versprochen, mich zu heiraten«, fügte sie nach einer Pause hinzu, »im Herbst!«
»Ach, wenn er heiraten will«, Liesel spülte einen Topf, »das ändert die Sache. Nur: Polygamie ist hier verboten.«
»Ich bin nicht gekommen, um Witze zu machen.«
»Ich mach auch keine. Humor hab ich nicht.«
»Verstehen Sie? Er heiratet mich im Herbst. Er wird sich nur noch von Ihnen scheiden lassen, und dann«
»Hm Und warum kommst du jetzt? Komm doch im Herbst wieder. Wie heißt du?«
»Anneliese Anna.«
»Ich bin Liesel! Anneliese-Anna, warum nicht im Sommer? Man sieht deine Füße nicht mehr unter dem Bauch. Seine Arbeit?«
»Ja, wie Sie sehen, erwarten Alex und ich ein Kind. Er sagte, nach Ihrem Geburtstag würde er die Scheidung einreichen.«
»Ah, jetzt verstehe ich. Dieser Alex, ändert sich nie. Wie sagt man so schön: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.«

»Wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht.«
»Aber ich dich sofort. Woher kommst du?«
»Aus einem Dorf. Hab in der Fabrik geararbeitet.«
»Aha, die große Stadt erobern. Und mein Alex kann Kindergekreische nicht ertragen. Wann kriegst du das Kind?«
»In zwei Monaten.«
»Oh, da drückt er sich, will seine Nerven schonen. Als unser Erstes kam, ist er zu seinen Eltern gezogen wegen der Arbeit, hat er gesagt. Dabei liegt der Hund begraben: Der jobbt nur rum.«

»Können Sie mir sagen, wie es ihm geht?«
»Warum nicht? Stabil, aber schwer. Erschrick nicht, dir fallen gleich die Augen aus dem Kopf. Er wird überleben.«
»Was soll ich jetzt tun?«
»Woher soll ich das wissen? Als du mit ihm ins Bett gestiegen bist, hast du mich auch nicht gefragt: Was soll ich tun?«
»Ich studiere im dritten Semester, nebenbei. Zu Hause warten meine Mutter und kleine Brüder. Ich habe nirgendwo hin. Und Alex sagte, Sie lebten schon lange wie Fremde. Er bleibt nur der Kinder wegen bei Ihnen.«

»Ach ja?« Liesel spürte, wie ihre Geduld einen dicken, flauschigen Abgang machte. »Gib mir deine Telefonnummer und Adresse, ich melde mich!«
»Wie meinen Sie das?«
»Sobald er entlassen wird, rufe ich dich an. Dann kannst du ihn abholen.«
»Wohin?«
»Zu deiner Mutter und deinen Brüdern.«
»Da ist kein Platz.«
»Aber jetzt wohnst du doch irgendwo?«
»Im Studentenwohnheim.«
»Dann ab dahin. Lass die Finger von meiner Wohnung. Die habe ich von meiner Oma. Bei einer Scheidung kriegt er da nichts. Was glotzt du? Er hat keine Rechte an meinem Zuhause.«

»Das ist gemein von Ihnen. Wir lieben uns.«
»Dann lebt halt in einer Laube. Und jetzt verschwinde, solange ich noch freundlich bin. Findest du allein raus? Dann zeig ich dir nicht den Weg.« Liesel warf den Topf in die Spüle, den sie fast durchgescheuert hatte, während sie mit der Besucherin sprach.

Drei Tage lang hatte Liesel kaum geschlafen oder gegessen, seit ihr Mann den Unfall hatte. Zuerst waren die Prognosen düster, aber Alex kämpfte sich durch.

Müde war Liesel nach diesen Tagen, in denen ihr Mann zwischen den Welten hing. Dann rief das Krankenhaus an: Er war auf der Station, und nun musste sie sich um ihn kümmern.

Und dann tauchte dieses schwangere Ding auf, auf der Jagd nach einer Wohnung. Ach, wie gern hätte sie Annelieses dünne Haare um ihre Hand gewickelt und sie die Treppe runtergeschubst aber sie war zu erschöpft, körperlich und seelisch.

Liesel ging mit gesenktem Kopf, grübelte. Ob sie wollte oder nicht sie musste hin. Mal sehen, ob sie ihn pflegte oder ihm die Meinung sagte. Ha, jetzt würde sie ihn schnell auf die Beine bringen so »pflegen«, dass es ihm leid tat. Seinen Geburtstag wollte er ihr wohl nicht verderben.

Anneliese saß auf der Bank vor dem Haus.
»Tante Liesel, Tante Liesel!«
»Diese Unermüdliche. Was willst du noch? Hab ich dir nicht alles gesagt?«
»Gehen Sie zu Alex?«
»Und?«
»Nehmen Sie mich mit.«

Liesel antwortete nicht. Sie gingen schweigend. Im Bus setzte sich Anneliese neben sie. Liesel drehte sich zum Fenster, als kenne sie sie nicht.

Im Krankenhaus gab Liesel die Schwangere als Nichte aus.
»Warte hier. Ich gehe zuerst.« Die Ehefrau betrat das Zimmer.

Alex lag allein. Noch kein neuer Patient da. Das Bein in der Schiene.

Die Frau kam herein. Sie starrte ihn an. Alex erwachte unter ihrem Blick, lächelte aber Liesel war nicht fröhlich. Katzen kratzten ihr auf der Seele.

Und er sah sie mit solch treuen Augen an. Ein abgekämpfter Köter. Überall Schrammen, blaue Flecken, das Bein im Gips.

»Hallo, Alex.«
»Liesel, wie schön, dass du kommst. Ich habe auf dich gewartet.«
»Gewartet hat er! Wer hätte das gedacht?!«

Die Ehefrau holte Essen aus der Tasche und stellte es auf den Nachttisch. Ihre Wangen brannten, sie schwitzte.
»Heiße Kartoffeln mit Frikadellen, wie du sie magst, Alex. Iss, bevor sie kalt werden.« Ihre Stimme zitterte.

»Liesel, warum bist du so rot? Bist du krank?«
»Nein, schlimmer! Ich habe auf dich aus der Armee gewartet, Alex. Habe nicht auf meine Eltern gehört und dich geheiratet. Erinnerst du dich an die Nudeln ohne alles? An unsere Söhne? Die schlaflosen Nächte? Alex, hast du das alles vergessen?«
»Wie könnte ich? Liesel, was ist mit dir? Jetzt ist nicht der Moment. Wir haben alles durchgestanden.«
»Alles? Nicht alles, Alex.« Ein Kloß würgte sie.

»Liesel, was ist?«
»Das, Alex. So etwas hätte ich nie von dir erwartet. Du hast mir ein Messer in den Rücken gerammt bis ins Herz.«
»Liesel, vergib mir. Es war nicht absichtlich. Ich bin unschuldig. Ich bin langsam gefahren, wie du es mir immer sagst, wirklich.«
»Wie konntest du nur, Alex?« Liesel schüttelte den Kopf.
»Liesel, wir kaufen ein anderes Auto, sobald ich wieder laufen kann.«
»Pah, denkst du, es geht um das Auto?« Sie warf eine Tüte Orangen auf den Nachttisch.
»Worum dann? Dass ich fast abgekratzt wäre? Sieh ich so schlimm aus?«
»Mach dir keine Sorgen um dein Aussehen. Bis zur Hochzeit ist alles verheilt du wirst pünktlich im Herbst wie neu sein.«
»Liesel, wovon redest du?«
»Von wem! Von Anneliese. Keine Ahnung, wie ihr Vater heißt hab nicht nachgefragt.«
»Welche Anneliese?« Der Patient starrte.
»Die da, Alex, die ein Kind von dir erwartet.«
»Was für ein Kind? Liesel, bist du verrückt?«
»Ich verrückt? Er sucht sich ein junges Ding, macht ihr ein Kind, und ich spinne?« Endlich ließ Liesel ihren Gefühlen freien Lauf und brach in Tränen aus.
»Liesel, soll ich einen Arzt holen? Das sind die Nerven.« Alex versuchte, sich aufzustützen.
»Meine Nerven? Ich habe sie mitgebracht. Ich hole deine schamlose Anneliese.«

Alex Haare sträubten sich. Er verlor die Sprache.
»Was, auf frischer Tat ertappt?« Liesel sprang auf. Sie riss die Tür auf und rief: »Anneliese, komm rein!«

Das Mädchen betrat das Zimmer. Sie streckte den Bauch vor, hielt sich an den Hüften und musterte den Raum. Ihr Blick blieb an Alex hängen. Anneliese erbleichte.
»Wo ist mein Alex?«
»Und das hier?«
»Tante Liesel, wollen Sie mich veralbern? Dieser kahle Typ ist nicht mein Alex.«
»Wie meinst du das?«
»Meiner ist jung und gutaussehend. Ich habe ein Foto.« Anneliese holte ihr Handy aus der Jacke. »Das sind wir.«

»Du bist also beim falschen Alex gelandet?« Liesel lächelte.
Sie sah ihren Mann an, der fast einen Herzinfarkt bekam, und Anneliese dann brach sie in schallendes Gelächter aus, kippte auf das freie Bett, hielt sich den Bauch und lachte minutenlang durch Tränen.

»Wohin willst du?« Liesel hielt das Mädchen auf, das in einer peinlichen Situation steckte. »Erklär mir alles der Reihe nach.«

Und so erfuhr Liesel, wie Anneliese zu ihnen gekommen war. Ihr Alex hatte die falsche Adresse genannt. Wer hätte gedacht, dass dort auch ein Alex wohnte?

Liesel nutzte ihre Kontakte und fand den richtigen Alex. Der lag in keinem Krankenhaus. Ein Freund sollte Anneliese sagen, er sei schwer verletzt nur um sie loszuwerden. Und natürlich wollte er sich nicht scheiden lassen, weder im Herbst noch im Winter.

Wenn das Schicksal sie zusammengebracht hatte, dann nicht ohne Grund. Liesel war gütig. Sie half der betrogenen Anneliese: besorgte ihr eine Wohnung, holte sie aus dem Krankenhaus, sorgte dafür, dass der Verursacher Unterhalt zahlte damit er es sich zweimal überlegte, junge Mädchen auszunutzen.

Der faule Vater beteiligte sich nicht an der Erziehung seines Sohnes, aber er zahlt brav. Er weiß: Liesel findet ihn, wenn nötig. Sie erinnert sich genau, wer ihre Adresse leichtfertig hergegeben hat und will sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn sie Alex rausgeworfen hätte.

Gut, dass sie Anneliese mit ins Krankenhaus nahm. Anneliese ist dankbar, nennt ihre Retterin: »Mama Liesel, mein Schutzengel!«

Als Annelieses Sohn größer wurde, brachte Liesel sie mit einem anständigen Mann zusammen, machte ein Paar aus ihnen und feierte auf der Hochzeit als Ehrengast.

So verlor Mama Liesel ihr Glück nicht und schenkte es anderen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Mama Lusia
Das Glück klopft an deine Tür