Keine Freude ohne Kampf
Wie konntest du dich nur in so eine Lage bringen, du dumme Göre? Wer will dich denn jetzt noch, schwanger und ohne Mann? Und wie willst du das Kind überhaupt durchbringen? Auf meine Hilfe brauchst du nicht zu zählen. Ich habe dich großgezogen, aber noch dein Kind dazu? Nein! Pack deine Sachen und verschwinde aus meinem Haus!
Anna hörte schweigend zu, den Blick auf den Boden gerichtet. Die einzige Hoffnung, dass Tante Margarete sie wenigstens vorübergehend aufnehmen würde, schwand mit jedem Wort.
Wenn meine Mutter doch noch leben würde
Ihren Vater kannte Anna nicht. Ihre Mutter war vor fünfzehn Jahren von einem betrunkenen Autofahrer an einem Fußgängerüberweg erfasst worden. Beinahe wäre Anna ins Heim gekommen, doch plötzlich meldete sich eine entfernte Verwandte die Cousine ihrer Mutter dritten Grades. Tante Margarete hatte eine feste Anstellung und ein eigenes Haus am Stadtrand, also stellte das Jugendamt ohne Bedenken das Sorgerecht sicher.
Tante Margarete wohnte am Rande einer Kleinstadt im Süden, ganz in der Nähe der deutsch-schweizerischen Grenze. Im Sommer brannte dort die Sonne, im Winter schüttete es wie aus Eimern. Anna musste nie hungern, war immer ordentlich angezogen, lernte früh, mitanzupacken Haus, Hof, Hühner, Garten, es gab immer etwas zu tun. Vielleicht fehlte etwas Herzlichkeit, aber wen kümmerts?
Anna war immer eine gute Schülerin. Nach dem Abitur nahm sie ein Studium am pädagogischen Fachseminar auf. Die sorglosen Jahre in Freiburg vergingen blitzschnell, das Examen war geschafft, und Anna kehrte zurück in die Stadt, die sie ihr Zuhause nannte. Doch ihr Wiedersehen mit der Tante war nicht so, wie sie es sich erhoffte.
Tante Margarete hatte sich zwar etwas abgekühlt, aber blieb hart:
Das reicht jetzt. Raus mit dir. Ich will dich hier nicht mehr sehen.
Tante Margarete, darf ich wenigstens
Kein Wort mehr! Verschwinde!
Anna nahm ihren Koffer und verließ wortlos das Haus. Dass ihr Heimweg so demütigend und schmerzhaft verlaufen würde, hätte sie sich nie vorgestellt: verstoßen, schwanger, jedoch nicht mehr gewillt, dies zu verstecken.
Sie musste etwas suchen eine Bleibe, Arbeit, alles. Zu Fuß zog sie los, den Koffer hinter sich herziehend. In Gedanken versunken, achtete sie kaum auf die Umgebung.
Es war Hochsommer. In den Obstgärten reiften Äpfel, Birnen und Zwetschgen. Die Reben hingen voll mit Trauben und in der Luft lag der Duft von Gelee, Gegrilltem und frischem Brot. Es war heiß und Anna verspürte plötzlich einen großen Durst. Aus der Ferne sah sie einen Garten, eine ältere Frau arbeitete an der Sommerküche.
Könnte ich bitte etwas Wasser bekommen?
Helga, eine kräftige Frau um die fünfzig, wandte sich ihr freundlich zu. Komm rein, Mädchen. Wasser gibt es reichlich!
Sie füllte einen Becher aus dem Emailleeimer und reichte ihn Anna, die sich mit einem Seufzer auf die Bank fallen ließ.
Darf ich mich kurz ausruhen? Die Hitze
Natürlich, mein Kind. Von wo kommst du denn? Mit Koffer und allem.
Gerade das Studium fertig, wollte als Grundschullehrerin anfangen. Nur ich hab kein Zuhause mehr. Wissen Sie vielleicht, wo ich ein Zimmer mieten könnte?
Helga musterte das junge Gesicht. Gepflegt, aber erschöpft, als würde sie Sorgen drücken.
Du kannst erstmal hier bleiben. Es wird lebendiger bei mir im Haus. Viel zahlen musst du nicht, aber ordentlich sollte es bleiben. Wenn du magst, zeige ich dir das Zimmer.
Helga freute sich über Gesellschaft und einen kleinen Nebenverdienst. Ihr Sohn lebt weit entfernt, nur selten besucht er sie. Abende und Winter sind lang allein auf dem Land.
Anna folgte der Hausherrin, immer noch ungläubig über ihr plötzliches Glück. Das Zimmer war klein, aber gemütlich: Fenster zum Garten, alter Holzschrank, ein Bett, Tisch und zwei Stühle. Perfekt. Sie wurden sich schnell über den Mietpreis einig, und nach dem Umziehen ging Anna direkt zum Schulamt.
So vergingen die Tage: Arbeit, Heim, Arbeit. Anna riss die Kalenderblätter kaum schnell genug ab.
Sie freundete sich mit Helga an. Es zeigte sich, dass Helga herzlich und fürsorglich war, und sie mochte das bescheidene, hilfsbereite Mädchen. Anna half im Haushalt, abends tranken sie oft unter dem Laubengang Tee. Im Süden Deutschlands kommt der Herbst gemächlich.
Ihre Schwangerschaft verlief unproblematisch. Anna hatte kaum Beschwerden, ihr Gesicht blieb klar, nur etwas runder. Sie vertraute Helga eines Abends ihre Geschichte an: die ganz normale, wie sie so viele Mädchen erleben.
Im zweiten Semester hatte sich Anna in Florian verliebt, den Sohn wohlhabender Eltern beide Professoren an der Uni. Seine Zukunft war gesichert: Studium, wissenschaftliche Karriere, alles in Freiburg bei der Familie. Hübsch, charmant, Liebling aller, und doch wählte er die schüchterne Anna. Vielleicht wegen ihres Lächelns, der sanften braunen Augen oder der aufrechten Haltung, die nur kennt, wer es im Leben schwer hatte? Wer weiß. Sie verbrachten ihre Jahre fast unzertrennlich, für Anna gab es nur ihn.
Dieser eine Tag blieb unauslöschlich. Früh am Morgen wurde ihr übel. Essen ging gar nicht, und Gerüche machten sie nervös. Und dann diese Verspätung Wie konnte ihr das entgehen?! Sie kaufte einen Test, ging ins Wohnheim, trank Wasser zwei Streifen. Sie starrte: Zwei Streifen? Bald Abschlussprüfungen und jetzt das! Wie würde Florian reagieren? Kinder hatten sie nie geplant.
Doch eine Welle von Zärtlichkeit für das Leben, das in ihr wuchs, überkam sie.
Kleines Wunder, flüsterte sie, die Hand auf ihrem Bauch.
Am selben Abend erzählte sie es Florian. Der nahm sie sofort mit zu seinen Eltern. Wie sehr Anna daran noch heute denkt. Die Eltern schlugen direkt einen Abbruch vor sie solle nach dem Studienabschluss allein nach Heidelberg ziehen. Für Florian zähle nun die Karriere Anna passe nicht mehr in sein Leben.
Was Florian nachher zu ihr sagte, kann Anna nur ahnen. Am nächsten Tag betrat er schweigend ihr Zimmer, legte einen Briefumschlag mit 1000 Euro auf den Tisch und ging.
Eine Abtreibung stand für Anna nie zur Debatte. Das Kind war längst Teil von ihr. Doch sie nahm das Geld an es würde noch dringend gebraucht werden.
Helga hörte sich die ganze Geschichte an und sagte leise: Schlimmeres ist schon passiert. Sei stolz, dass du dich für das Kind entschieden hast. Manchmal ist ein neues Leben ein Segen und alles kommt, wie es kommen soll.
An eine Versöhnung mit Florian dachte Anna nicht im Traum. Der tiefe Schmerz über die Demütigung ließ das Gefühl von Nähe erkalten.
Irgendwann musste Anna sich aus dem Schulbetrieb zurückziehen Hochbauchig, langsam und voller Vorfreude. Sie ahnte nicht, wer da kommen sollte beim Ultraschall war es nicht zu erkennen. Hauptsache gesund.
Ende Februar, an einem Samstag, setzten die Wehen ein. Helga fuhr sie ins Krankenhaus. Alles verlief glatt ein kräftiger Junge kam zur Welt.
Jakob, flüsterte Anna, als sie dem kleinen Gesicht sanft über die Wange strich.
Im Aufwachraum lernte sie einige andere Mütter kennen. Eine von ihnen erzählte, dass ein paar Tage zuvor die Frau eines Zollbeamten eine Tochter bekommen hatte. Die beiden waren nicht verheiratet, lebten aber zusammen.
Du glaubst nicht, wie der sich ins Zeug legt: Blumen, Pralinen und Sekt für die Schwestern, kommt jeden Tag mit dem BMW. Doch bei denen ist wohl was schiefgelaufen. Sie wollte nie Kinder, schrieb dann einen Zettel und verschwand meinte, sie sei nicht bereit.
Und das Baby?
Wird mit der Flasche gefüttert, aber die Schwester sagt: Muttermilch wäre viel besser. Doch alle haben selbst zu tun.
Als die Schwestern das Baby hereinbrachten, fragten sie:
Hat jemand noch Milch und Zeit zum Füttern? Sie ist so schwach.
Ich das arme Ding, flüsterte Anna, legte Jakob schlafend ins Bett und nahm das winzige Bündel auf den Arm.
So zart, so hell! Ich nenne sie Marie.
Die Kleine war viel schmächtiger als Jakobs runder Körper.
Anna stillte beide abwechselnd. Marie trank gierig und schlief danach sofort ein.
Sie sagte ja, sie sei schwach, seufzte die Schwester.
So wurde Anna zur Retterin für beide Sorglosen.
Zwei Tage später kündigte die Schwester an, dass Maries Vater gekommen sei und sich bedanken wollte. So lernte Anna Olaf Schneider kennen: Zollhauptkommissar, nicht groß, dafür mit festen blauen Augen.
Was sich in der Folge ereignete, wurde schnell zum Stadtgespräch.
Am Tag der Entlassung standen Ärztinnen, Schwestern und Reinigungskräfte auf der Treppe des Klinikums. Vor der Tür wartete ein BMW, geschmückt mit blauen und rosa Luftballons. Olaf, in Uniform, half Anna in den Wagen, in dem schon Helga saß, reichte ihr nacheinander ein blaues und ein rosa Bündel.
Unter Hupen und Winken rollte der Wagen vom Gelände und verschwand um die Ecke.
So geschehen manchmal Wunder, mit denen keiner rechnet. Anna blickt aus dem Fenster, drückt beide Kinder an sich, und Helga lächelt sanft neben ihr. Es duftet nach frischen Blumen und Babycreme im Auto. Olaf, der vor Kurzem noch an Annas Krankenhausbett um ihre Hand angehalten hatte, fährt schweigend, blickt immer wieder in den Rückspiegel zu Marie, deren Händchen Annas kleinen Finger umklammert.
Zu Hause erwartet sie mehr als nur ein Dach es warten Liebe, Tee mit Marmelade, ein alter Kleiderschrank, der künftig Kinderspielzeug bewahren wird, und ein neues Leben, wie es niemand hätte vorhersagen können, aber das schon jetzt voller Hoffnung und Sinn ist.




