Der fleißige Ehemann
Matthias und Frieda hatten vor einem Jahr geheiratet und die ersten Monate ihres gemeinsamen Lebens erinnerten an ein perfekt geöltes Zahnradgetriebe, in dem ein Rädchen nahtlos in das andere griff. Sie waren in eine großzügige Zweizimmerwohnung in Hamburg gezogen, die Matthias von seiner Großmutter geerbt hatte, und stürzten sich voller Elan in die Vorbereitung auf das große Ziel: ein Kind zu bekommen.
Kein Arzt, keine Therapie ließen sie aus; jeder Zahn wurde behandelt, es gab nur noch gedämpfte Gerichte, Salz und Zucker verschwanden aus der Küche. Und Matthias, der sich freitags gern ein kühles Helles gönnte, schwor dem Bier ab nicht, weil er das selbst wollte, sondern weil Frieda einen ernsten Ton anzuschlagen pflegte: Wir müssen das mit größtmöglicher Verantwortung angehen, Matthias! Du verstehst das doch. Also verstand er, nickte und fühlte sich beinahe wie ein Held, der ein Opfer für eine wichtige Sache brachte.
Frieda war eine Hausfrau, wie es sie kaum noch gab nein, mehr noch: Sie schaffte eine Sauberkeit in der Wohnung, dass Matthias manchmal das Gefühl beschlich, er könne Keime auf dem Sofa eintragen, wenn er nicht seine Stadtklamotten ablegte. Die ersten Wochen gefiel ihm das sogar: Nach einem Tag voller Bauzeichnungen, Notizen und Pausenbrotkrümeln in der Firma trat er ein in ein Zuhause, das nach Lavendel roch, in dem jedes Glas schimmerte, und die Luft so klar war, dass es fast so wirkte, als würde sie ein dreistufiges Filtersystem durchlaufen.
Mit der Zeit jedoch wich das Gefühl von Geborgenheit einem beklemmenden Eindruck als lebe er nicht in einer Wohnung, sondern in einem Aufwachraum nach einer Operation, in dem die kleinste Nachlässigkeit fatale Konsequenzen hätte.
Die Begrüßungszeremonie nach seiner Arbeit wurde zu einer streng geordneten Prozedur und begann bereits im Flur. Frieda empfing ihn stets mit einem Schuhbeutel in Handschuhen, in den die Schuhe wanderten ihr Blick dabei, als würde sie radioaktiven Abfall entsorgen.
Zieh bitte alles aus, wies sie ihn dann an. Im Bad wartete frisches, akribisch gebügeltes Handtuch und Bademantel der so knackig war, dass er beim Anziehen knisterte. Und Unterwäsche bitte auch, ich wasche eh alles durch.
Frieda, ich hatte die Sachen doch heute Morgen frisch angezogen, die sind sauber, protestierte Matthias manchmal, fühlte sich dann wie ein Schuljunge, den die Mutter zum Umziehen auffordert.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Bakterien du im Büro einsammelst! Und dann willst du dich aufs Sofa setzen, ins Bett. All das nimmt unser Organismus dann auf Frieda nahm seine Kleidung mit dem spitzen Daumen und Zeigefinger entgegen, als wäre es infektiös.
Gehorsam duschte Matthias sich, wusch laut Friedas Miene tödlichen, aber unsichtbaren Schmutz ab, streifte sich die gebügelte Hauskleidung über, die nach handgeschnittener Seife roch Frieda benutzte keinerlei Haushaltschemie mehr und erst dann durfte er in die Küche, wo das Abendessen wartete. Was man Frieda lassen musste: Ihre Kochkünste litten nicht unter den Einschränkungen.
Das Problem war ein anderes: Diese Sauberkeit tötete jede Spontanität. Doch vor allem Matthias, von Natur aus impulsiv, spürte, dass das Fehlen der Spontaneität einem Luftentzug gleichkam. Er konnte Frieda in der Küche nicht einfach umarmen oder küssen, ohne dass sie sich mit einem stillen Matthias, hast du deine Hände gewaschen? sanft aus seiner Umarmung befreite. Also ging er, wusch sie, manchmal zum fünften Mal in zehn Minuten.
Ähnlich war es mit der Intimität. Frieda war nicht kühl oder abweisend, aber jede Begegnung wurde von solch einem Ritual aus Duschen (auch wenn das letzte erst 30 Minuten zurücklag), gemeinsamer Lakenwechsel und Umziehen begleitet, dass Matthias das Verlangen verging, verdrängt von mechanischer Pflichterfüllung. Selbst die Bettwäsche lagerte gebügelt in Vakuumbeuteln.
Frieda, können wir heute vielleicht einfach mal ohne das Ganze?, fragte Matthias eines Abends, als sie die Falte der Bettlaken so glattstrich, als könne sich darin ein Bakterium verstecken.
Ich will, dass wir gesund bleiben, antwortete sie, ohne aufzublicken. Man kann sich nicht vorstellen, was alles durchs Bettlaken übertragen wird und wenn du bei der Arbeit warst
Ich war seit Monaten nicht im Biergarten, erinnerte er sie, nachdem sie seine Freunde und das Hamburger Nachtleben aufgezählt hatte.
Aber dein Büro reicht. Du weißt ja nie, wer da saß.
Jede Bemerkung über Spontanität oder simples Ich bin gekommen, hab gesehen, hab gesiegt wurde von Friedas Überzeugung erstickt. Jeder Regelbruch war für sie, als spränge man freiwillig in einen Tümpel von Krankheitserregern.
Frieda glaubte von Herzen, sie beschütze ihre Familie. Sie kochte Suppe stets auf dem dritten Wasser, weil sich angeblich alle Schadstoffe im Fleisch im ersten und zweiten lösen. Waschpulver wurde durch Kernseifenspäne ersetzt und gebleicht wurde mit Zitronensaft, weil Chemie die Hautbarriere zerstört. Sie arbeitete von zu Hause als Beraterin für eine medizinische Datenbank offenbar stieß sie dort auf Gleichgesinnte.
Freunde meldeten sich kaum noch. Spätestens nachdem Frieda sie bat, Schuhe auszuziehen, Hände zu waschen, Überzieher anzuziehen, und einem Freund, der den Ellbogen auf den Tisch legte, das Areal mit Sagrotan-Spray abgewischt hatte, blieben sie fortan lieber fern. Matthias traf sie nur noch selten im Wirtshaus; danach folgte stets eine Generalreinigung, als sei er aus einem Chemieunfallgebiet zurück.
Du riechst nach Bier und fremden Leuten, sagte Frieda und bugsierte die Jacke in die Waschmaschine. Und jetzt, ab in die Dusche, zweimal Haare waschen.
Er machte mit, weil er sie liebte.
Frieda wurde rasch schwanger. Der Einsatz, frei von jeder Spontaneität, hatte in wenigen Monaten Früchte getragen. Erst kam Frieden auf, ihr Fokus verlagerte sich auf die Schwangerschaftsvorbereitung mit derselben peniblen Gründlichkeit. Matthias kutschierte sie zu Kontrollen und kauften Desinfektionsgeräte und antibakterielle Wickeltücher und alles schien perfekt.
Der Junge, den sie Felix nannten, wurde gesund geboren. In den ersten Tagen im Krankenhaus war Frieda beinahe gelassen. Sie erlaubte Matthias, Felix in die Arme zu nehmen, sogar ohne mehrschichtige Desinfektion und Matthias schöpfte Hoffnung.
Doch schon kurz nach dem Nachhausekommen endete die Pause. Felix zeigte eine leichte neurologische Auffälligkeit behandelbar, meinten die Ärzte, mit ein paar Massagen wäre das schnell vergessen. Für Frieda jedoch brach eine Welt zusammen. Sie hatten doch alles richtig gemacht, alle Risiken ausgeschlossen! Wie kann das passieren?, fragte Frieda ihn in der dritten Nacht, als er sie umarmen wollte. Du warst doch ständig auf der Arbeit, hast dich mit Freunden im Biergarten herumgetrieben. Jetzt ist unser Kind nicht gesund. Ich wusste, dass das kommt.
Der Arzt sagt, das ist Pech, sowas passiert einfach, versuchte Matthias zu beruhigen selbst verwirrt und wütend, dass drogenabhängige Eltern gesunde Kinder bekommen, und sie, die Perfektionisten, mit Problemen kämpfen.
Zufall gibt es nicht, erwiderte Frieda. Seitdem vertraute sie ihm in Gesundheitsdingen nicht mehr und schließlich auch sonst kaum noch.
Mit zwei Jahren hatte sich Felix von allen Anfangsschwierigkeiten erholt. Die Neurologen gaben grünes Licht, die Masseurin machte einen guten Job. Felix war neugierig, bewegte sich viel, wollte Sandburgen bauen, planschte in Pfützen, griff nach Spielzeug und tobte. Doch genau diese Lebenslust kollidierte mit Friedas Angst. Sie schleppte das Kind zu Ärzten, als wäre es unheilbar krank obwohl alle Untersuchungen bescheinigten, Felix sei gesund, altersgemäß entwickelt und bestens drauf.
Wenn Felix zum Spielen drängte, begann eine Prozedur, länger als eine Mondlandung. Frieda desinfizierte erst den Kinderwagen, dann bekam Felix den Spezial-Overall, Hände und Gesicht wurden mit Schutzlotion behandelt. Baumwollhandschuhe komplettierten das Bild falls er etwas Schmutziges anfasst.
Frieda, er ist zwei. Er muss mal in die Sandkiste, Dämme bauen, Kontakt mit anderen Kindern haben so entwickelt sich sein Immunsystem. Matthias’ Ton wurde eindringlich.
Er ist empfindlich, er kam mit Problemen zur Welt, ich riskiere nicht seine Gesundheit, entgegnete Frieda, ließ beide Blicke links liegen.
Welche Probleme? Alle Ärzte sagen: Alles vorbei! Er ist gesund, braucht Kontakt zu Kindern nicht isoliert in Handschuhen im Wagen.
Du verstehst das nicht. Du hast die Keime ins Haus gebracht, jetzt willst du, dass er in Schmutz wühlt? Frieda weigerte sich, Felix in den Kindergarten zu schicken: Da herrscht das Chaos. Kinder stecken sich an allem an. Er wurde zweimal täglich mit Spezialseife gewaschen, danach eingecremt wie auf der Intensivstation, und schrie: Nicht, nicht!, was Frieda nicht beeindruckte. Das ist zu deinem Schutz, mein Engel, Mama weiß, was sie tut.
Matthias durfte seinen Sohn nur berühren, nachdem er unter Friedas wachsamen Augen mit derselben Seife gewaschen hatte inklusive Kontrollblick zwischen den Fingern und unter den Nägeln. Du arbeitest im Büro, da ist so viel Schmutz.
Nach Felix’ Geburt hoffte Matthias, er könnte sich das eine Bier wieder gönnen. Nach zwei Jahren Enthaltsamkeit erstand er eine Flasche frisches Weizenbier, stellte sie in den Kühlschrank für Freitagabend.
Frieda entdeckte sie schnell.
Was ist das?, fragte sie, hielt die Flasche angewidert.
Ein Bier, Frieda. Ich will nach der Arbeit eins trinken. Felix schläft dann schon.
Du willst in einer Wohnung trinken, in der ein Kind lebt? Alkoholgeruch ist Gift für das Nervensystem!
Matthias bemühte sich, ruhig zu bleiben. Ich bin kein Alkoholiker, eine Flasche Bier am Freitagabend was ist denn daran so schlimm?
Du verstehst das nicht. Du hast nie etwas verstanden. Jetzt willst du auch noch Alkohol dazu bringen.
Frieda schüttete das Bier in den Ausguss, und Matthias stand daneben, ballte die Fäuste am liebsten wäre er gegangen.
Mit Intimität war es vorbei was ein-, zweimal im Monat stattfand, war eher Terminabsprache als Liebesleben. Frieda legte frisch bezogenes Bettzeug auf, duschte, zog gebügeltes Nachthemd über und rief dann, sobald sie fertig war. Matthias wartete im Wohnzimmer, die Lust schrumpfte mit jeder Minute.
Einmal witzelte er ungeduldig: Wenn das so weitergeht, brauch ich echt ne Geliebte. Frieda, mit dem Bügeleisen über das Laken gleitend, meinte völlig ruhig: Dann sorg bitte dafür, dass sie sauber ist und du dich danach gründlich wäschst.
Matthias war sprachlos. Es ging ihr nicht um ihn, nicht um sie nur um die Gefahr, die er von draußen mitbringen könnte.
Du du meinst das ernst? Dir wäre es lieber, ich geh zu einer anderen Frau, Hauptsache, ich bringe keine Keime mit?
Du hast die Regeln aufgestellt, Matthias. Es geht um unseren Sohn.
Das Haus wurde immer mehr zu einer sterilen Festung, und ihre Gespräche bestanden aus strengen Anweisungen, Reaktionen und langen Vorträgen. Die Sätze wurden kürzer, der Ton kalter.
Du solltest mal zu einem Spezialisten gehen, Frieda. Bitte du lässt uns nicht leben, Felix und mich nicht und dich selbst schon gar nicht!
Ich bin nicht krank. Ich schütze meine Familie.
Matthias dachte immer öfter an Trennung nicht aus fehlender Liebe, sondern weil Leben in diesen Mauern eigentlich nicht mehr möglich war. Er liebte die Frau, die früher lachte, die gerne kochte und das Leben plante. Nun war davon nichts mehr übrig, es war alles unter einem stillen, unsichtbaren Film aus Desinfektionsmittel begraben.
Felix schaute sehnsüchtig zu anderen Kindern, wollte in die Sandkiste. Papa, ich will Buddelkuchen bauen!
Bald, mein Sohn, bald, antwortete Matthias, ohne selbst daran zu glauben.
Wie sollte er Frieda überzeugen? Wie die Mauern durchbrechen? Wie das Lachen zurückbringen?
Er sah aus dem Fenster der blitzsauberen Küche auf den Hof, wo Väter mit ihren Kindern spielten, und fragte sich, wie lange er dieses Leben noch aushielt in einer Wohnung wie im OP-Saal, an der Seite einer Frau, die keine Umarmung mehr zuließ, mit einem Sohn, der kein Kind sein durfte.
An diesem Tag begriff Matthias, dass Sauberkeit wichtig ist aber sie darf nie wichtiger werden als das Leben selbst. Übertriebene Angst macht am Ende einsam. Das Leben ist nicht steril, und wirklich stark werden Kinder nur, wenn sie auch mal fallen und sich wieder aufrappeln dürfen. Nur so wächst eine Familie wirklich zusammen.




