Claudia, ich muss dir etwas sagen.
Claudia Baumann stand am Herd und rührte in der Suppe. Die Stimme ihres Mannes klang so, wie sie immer klang, wenn auf der Arbeit etwas schieflief oder wenn er eine unangenehme Wahrheit gestehen musste leicht angespannt, etwas schuldbewusst, aber fest entschlossen, es auszusprechen.
Dann sag es, antwortete sie, ohne sich umzudrehen, immer noch darauf achtend, dass nichts anbrannte.
Ich gehe. Es gibt eine andere.
Sie stellte den Löffel auf die Ablage, drehte sich zu ihm um. Thomas stand im Türrahmen der Küche, im Anzug obwohl er abends zuhause nie Anzug trug. Wahrscheinlich hatte er sich extra umgezogen, um dem Gespräch Gewicht zu verleihen, als wäre es jetzt offiziell.
Wie lange schon? fragte sie.
Acht Monate.
Verstehe.
Thomas schien etwas anderes erwartet zu haben. Tränen, Schreie, Fragen. Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
Claudia, ich will nicht, dass wir im Schlechten auseinandergehen. Du warst immer mein Rückhalt. Mein sicherer Ort. Das weiß ich zu schätzen.
Claudia Baumann musterte ihn lange, wie man einen Gegenstand betrachtet, dessen Nutzen einem schleierhaft ist.
Rückhalt, wiederholte sie leise. Na gut. Isst du zu Abend?
Was?
Die Suppe ist fertig. Isst du oder nicht?
Thomas war nun völlig verwirrt.
Nein, ich nein. Claudia, hast du verstanden, was ich gesagt habe?
Ich habe verstanden. Du gehst zu einer anderen. Acht Monate. Rückhalt. Alles klar. Also isst du nicht. Gut.
Sie nahm einen sauberen Teller, schöpfte sich etwas Suppe ein und setzte sich an den Tisch.
Thomas stand noch einige Minuten herum. Dann ging er ins Schlafzimmer, um seine Sachen zu packen. Die Schubladen klapperten, Plastiktüten raschelten. Claudia aß in Ruhe ihre Suppe. Sie war gelungen, schön kräftig und leicht säuerlich, genau so wie Thomas sie am liebsten hatte und wie sie sie seit dreißig Jahren kochte.
Sie dachte daran, legte den Löffel kurz nieder.
Dann nahm sie ihn wieder auf. Aß zu Ende.
***
Thomas Baumann war sechsundfünfzig und glaubte fest daran, dass das Leben immer noch vor ihm lag. Er war mittlerer Manager in einer Baufirma, kräftig gebaut, achtete auf sein Äußeres, färbte die wenigen grauen Haare mit Spezialshampoo, obwohl er das vor allen abstritt, sogar vor Claudia. Sie hatten mit siebenundzwanzig geheiratet, waren achtundzwanzig Jahre zusammen, hatten den Sohn Johannes großgezogen, der mittlerweile in Stuttgart arbeitete und einmal pro Woche anrief.
Sophia Klein arbeitete als Assistentin in der Firma neunundzwanzig, schlank, mit langen dunklen Haaren und der Angewohnheit, auf alles, was sie überraschte, Wow zu sagen. Sie ließ sich oft überraschen: von einem schicken neuen Restaurant, einem Handy, Thomas’ Fähigkeit, Dinge mit einem einzigen Telefonat zu regeln. Das schmeichelte.
Claudia Baumann, dreiundfünfzig, war leitende Buchhalterin im städtischen Krankenhaus. Klein, dunkelhaarig, mit einigen ersten weißen Strähnen, die sie nicht versteckte. Sie rechnete im Kopf schneller als jeder Taschenrechner, las drei Bücher im Monat und kochte die beste Suppe im Viertel. Achtundzwanzig Jahre organisierte sie Haushalt, Familie, Job ohne zu klagen oder auf Anerkennung zu warten. Das war einfach ihr Leben.
Sie lebten in Freiburg, nicht groß, nicht klein eben eine Stadt, in der jeder im Viertel einander kennt, es gibt ein großes Einkaufszentrum und ein paar Lokale, in denen man ohne Reue essen gehen kann. Ihre geräumige Drei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock eines neunstöckigen Plattenbaus war hübsch eingerichtet, praktisch und bequem, mit den Vorhängen, die Claudia vor acht Jahren selbst genäht hatte, weil sie in keinem Laden den richtigen Ton fand.
Nachdem Thomas gegangen war, saß sie noch lange in der Küche. Draußen nieselte es, ein typischer Oktobertag. Dann räumte sie auf, wusch ab und ging schlafen.
Die ersten drei Tage war sie emotional wie betäubt. Sie arbeitete, schrieb ihre Berichte, beantwortete Fragen im Büro mit alles gut so bestimmt, dass niemand weiter nachbohrte. Abends war die Wohnung plötzlich sehr still. Sie saß da und starrte ins Leere. Weinen musste sie nicht. Es war eher ein Taubheitsgefühl, wie nach einem heftigen Stoß, wenn der Schmerz erst auf sich warten lässt.
Am vierten Tag rief ihre Freundin Heike an.
Claudia, ich habe es gehört. Stimmt das?
Es stimmt.
Mein Gott. Wie gehts dir?
Okay.
Claudia, sag es wie es ist. Dreißig Jahre sind wir Freundinnen. Wie geht’s dir wirklich?
Sie schwieg kurz.
Heike, weißt du, was das Seltsamste ist? Ich merke, dass ich schon lange nicht mehr wirklich weiß, was er denkt. Wir lebten nebeneinander, aber ich wusste es nicht mehr. Wahrscheinlich ist das das Schlimmste.
Heike schwieg einen Moment.
Vielleicht solltest du mit ihm reden? Vielleicht kann man noch
Nein, unterbrach Claudia ruhig. Das bringt nichts. Ich denke nur laut nach.
Sie verschwieg Heike, was sie wirklich empfand: Ihr erster Gedanke, als Thomas ihr von seiner Entscheidung erzählte, war nicht Schmerz gewesen. Zuerst kam so etwas wie Erleichterung. Als hätte sie einen schweren Koffer zu lange getragen, und nun nahm ihn ihr jemand ab. Das war schon beschämend, selbst für sie.
Am fünften Tag nahm sie das große Hochzeitsfoto von der Wand im Wohnzimmer Thomas im dunklen Anzug, sie im weißen Kleid, beide jung und lächelnd. Sie stellte es still in den Abstellraum. Nicht weggeworfen, nicht zerschlagen, nur weggelegt.
Ein heller Fleck blieb an der Wand zurück.
Sie betrachtete ihn lange. Dann rief sie das Möbelhaus LieblingsRaum an.
***
Die Renovierung machte sie soweit es ging selbst. Was sie nicht konnte, bestellte sie. Neue Tapeten im Wohnzimmer statt der alten grünlichen Streifen jetzt ein heller Cremeton. Neue Vorhänge, diesmal mit kräftigem Blumenmuster, die Thomas nie ausgesucht hätte er mochte es schlicht und einfarbig. Die Möbel rückte sie so, wie es für sie am angenehmsten war, nicht so, wie sie es früher gemeinsam beschlossen hatten. Das Sofa stand jetzt beim Fenster.
Johannes rief nach zwei Wochen an. Offenbar hatte der Vater schon alles erzählt.
Mama, wie geht’s dir?
Gut, Johannes. Ich renoviere.
Du renovierst? Das überraschte ihn sichtlich.
Neue Tapeten im Wohnzimmer. Will auch das Schlafzimmer machen.
Mama alles okay bei dir?
Alles bestens, mein Sohn. Hast du deinen Vater schon angerufen?
Kurzes Schweigen.
Ja, hab ich.
Gut so. Er ist dein Vater, das bleibt wichtig. Kommst du zu Weihnachten?
Natürlich komme ich! Mama, bist du ganz allein nicht ist das nicht schwer?
Claudia blickte durchs renovierte Wohnzimmer auf die hellen Wände, die gemusterten Vorhänge, das Sofa am Fenster.
Weißt du, antwortete sie ehrlich, es ist unerwartet gar nicht schwer. Ich wundere mich selbst.
Johannes wollte weiter nachhaken, schwieg dann aber. Er war ein guter Junge, aber wie viele Kinder erwachsener Eltern hoffte er insgeheim, dass sich die Großen am Ende schon selber zurechtfänden.
Im November fand Claudia beim Durchsehen des Dachbodens die alte Kiste mit ihrem Strickzeug. Häkelnadeln, Stricknadeln, Wollreste, unfertige Projekte vor fünfzehn Jahren hatte Thomas gemeckert, dass überall Wollknäuel herumlägen, also hatte sie einfach alles verstaut. Ganz still, ohne Diskussion.
Sie stellte die Kiste mitten ins Zimmer und blickte lange darauf.
Dann nahm sie die Stricknadeln in die Hand, setzte sich aufs Sofa am Fenster. Draußen fiel leise der erste Schnee, weich, beinahe verspielt.
Ihre Finger fanden ganz von selbst wieder den alten Rhythmus.
***
Anfang Dezember bemerkte ihre Kollegin aus der Planungsabteilung, Frau Irene Schuster, einen neuen Schal an Claudias Hals.
Selbst gestrickt? Der ist aber schön!
Ja, selbst gemacht. Ich übe noch ein wenig, es ist lange her.
Claudia, würdest du mir auch einen machen? Bezahlen würde ich natürlich!
Ach was, brauchst du doch nicht
Doch, ehrlich! Ich bringe die Wolle und gebe dir Geld. Ich will auch so eine Mütze, mit Umschlag
So kam es zum ersten Auftrag fast zufällig, wie so oft bei wichtigen Dingen.
Im Dezember und Januar strickte sie acht Stücke: Drei Mützen, zwei Schals, ein paar Handschuhe und zwei Pullover. Sie nahm nur eine kleine Entschädigung, eher symbolisch, aber trotzdem war es ihr eigenes Geld, zusätzlich zum Gehalt, verdient mit den eigenen Händen und mit einer Freude, die sie jeden Abend spürte, wenn sie am Fenster strickte.
Heike ergriff bei ihrem nächsten Besuch in der neugestalteten Wohnung einen Blick auf die Vorhänge, die Wollkiste im Regal.
Du hast dich verändert, meinte sie.
Wie meinst du?
Ich weiß nicht. Du bist ruhiger. Ich hatte Angst, du stürzt in ein Loch, aber du
Ich bin nicht gestürzt, bestätigte Claudia. Ich weiß selbst nicht, warum. Wahrscheinlich war ich beschäftigt.
Ruft Thomas noch an?
Einmal, im November. Hat nach den Autopapieren gefragt. Ich habe erklärt, wo sie sind. Dann nicht mehr.
Wegen des Autos also, grinste Heike.
Wegen des Autos.
Sie schwiegen eine Weile. Heike umklammerte ihre Tasse wie immer, wenn sie nachdachte.
Hassst du ihn?
Claudia überlegte ehrlich.
Nein. Merkwürdig. Ich war verletzt, richtig sogar, jetzt weniger. Aber Hass? Nein. Er ist einfach jemand, der tat, was er tat. Jetzt hat er sein Leben, ich meins.
Wie man den Betrug des Mannes überlebt, ohne verrückt zu werden du solltest dazu ein Buch schreiben, sagte Heike ironisch.
Wer weiß, lachte Claudia.
Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie lachte. Nicht gezwungen, sondern wirklich.
***
Sophia war eine Frau mit tausend Qualitäten, aber Ordnungssinn und Hausarbeit zählten nicht dazu.
Thomas merkte das nicht gleich. Die ersten Monate waren voller Restaurants, Wochenendausflüge, einem Gefühl von Frische und Jugend. Sophia bewunderte ihn offen, das tat gut. Sie meinte oft, er sähe viel jünger aus. Da straffte er die Schultern.
Dann zogen sie zusammen, in seine gemietete Wohnung am anderen Ende von Freiburg, und erlebte Überraschungen. Sophia kochte überhaupt nicht. Sie sah keinen Sinn darin, wo es doch Lieferdienste gab und Bäckereien. Das war teuer und wurde schnell eintönig.
Aufräumen? Sie konnte Unordnung nicht ausstehen, aber Sachen lagen überall: auf Stühlen, am Boden, auf dem Wannenrand. Sie war nie schlampig, es war einfach ihr Weg, Räume zu nutzen. Thomas, der jahrelang in einer ordentlich geführten Wohnung gewohnt war, wurde langsam nervös.
Sophia verstand zudem nicht, warum man die Miete pünktlich bezahlt oder sparen sollte, wenn noch Geld da ist. Thomas erklärte, sie nickte, nächsten Monat begann alles von vorn.
Außerdem liebte Sophia ihre Freundinnen. Die kamen gerne spät vorbei, lachten laut, tranken Wein die Gläser wurden nie gespült. Thomas lag im Nebenzimmer und hörte dieses Lachen, aber das war nicht das Lachen, das er mochte.
Im Februar rief er Claudia an.
Und? Wie gehts dir?
Gut, Thomas.
Nicht böse, dass ich bisher kaum angerufen habe?
Nein.
Pause.
Sag mal, weißt du noch, wo die Garantie für den Kühlschrank ist? Ich müsste zum Service.
In der grünen Mappe, drittes Regal im Abstellraum.
Hast du die Mappe etwa mitgenommen?
Nein. Habe nichts von deinen Sachen angefasst.
Okay. Danke.
Sie legte auf. Schaute eine Weile durchs Fenster. Draußen schmolz Schnee, erste dunkle Flecken auf den Garagendächern. Es würde bald Frühling.
Sie griff wieder zu den Nadeln. Ein neuer Pullover, weich, blaugrau, für sich selbst.
***
Im Krankenhaus wurde im März bekannt, dass der Leiter der Finanzabteilung, Herr Seidel, in Rente geht. Die Stelle wurde frei. Die Chefärztin, Dr. Ulrike Paul, bestellte Claudia zu sich.
Frau Baumann, ich sage es frei heraus: Sie könnten sich längst weiterentwickeln. Warum haben Sie das nicht gemacht?
Claudia überlegte einen Moment.
Familie, nehme ich an. Mehr Verantwortung war nicht drin.
Und jetzt?
Jetzt sind die Umstände anders.
Ich habe davon gehört. Es tut mir leid.
Nicht nötig. Sagen Sie mir nur, was ich für diese Stelle brauche.
Dr. Paul lächelte.
Das wissen Sie alles schon. Schreiben Sie die Bewerbung?
Natürlich.
Das tat sie noch am gleichen Tag. Auf dem Heimweg lief sie zu Fuß, obwohl gerade ein Bus kam. Sie wollte einfach gehen. März, der nach nassem Asphalt und etwas Frischem roch. Sie spürte: Das Leben geht weiter. Ein banaler Gedanke, aber eben wahr.
***
Im April kam Thomas unangemeldet. Es klingelte einfach.
Sie öffnete. Er stand auf dem Treppenabsatz, in der Jacke, die sie ihm vor drei Jahren gekauft hatte, zerknittert, mit dunklen Ringen unter den Augen.
Darf ich rein?
Wozu?
Thomas senkte den Blick.
Claudia, ich müsste mit dir reden.
Sie trat zur Seite. Er sah sich um, bemerkte die neuen Farben, die Möbel, die andere Stimmung. Schwieg.
Du hast renoviert.
Ja.
Sieht gut aus.
Sie schwieg. Ging in die Küche, stellte Wasser auf. Routinehandgriff.
Thomas setzte sich an den Tisch. Claudia sah ihn anders als früher. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach anders, wie bei einem vertrauten Ort, den man nach langer Zeit neu entdeckt und Dinge sieht, die einst verborgen blieben.
Wie gehts dir? fragte er.
Gut. Ich habe eine Beförderung bekommen.
Glückwunsch. Hast du verdient.
Ja. Schon lange.
Er hörte es. Schweigen.
Claudia…
Sag, was los ist, Thomas.
Er rieb sich die Stirn. Geste, die sie tausendmal gesehen hatte bei Unbehagen.
Mit Sophia läuft nicht wirklich. Nicht komplett schlecht, aber schwierig. Sie ist anders, als ich dachte.
Ja, kommt vor.
Ich dachte er stockte, dann: Ich dachte, ich könnte zurückkommen. Du hast immer verstanden. Du konntest immer alles.
Claudia schenkte den Tee ein, stellte ihm eine Tasse hin, sich selbst auch, setzte sich auf die Stuhlkante.
Das konnte ich, bestätigte sie sachlich. Achtundzwanzig Jahre lang. Aber solang du da warst, hast du’s nicht bemerkt.
Doch.
Nicht wirklich. Sonst hättest du mich nie Rückhalt genannt.
Er schwieg.
Das war nicht böse gemeint. Rückhalt ist doch
Rückhalt bleibt da, wenn alle anderen weiterziehen. Das ist der bequeme Platz, der aufgeräumt bleibt.
Claudia…
Schon gut, Thomas, wirklich. Ich erkläre es nur, damit du verstehst, warum es heute nicht mehr funktioniert.
Ich will zurück.
Ich hab’s gehört.
Und du… nicht?
Sie sah ihn an, das vertraute Gesicht, jetzt irgendwie verloren. Er hatte mit Tränen, Vorwürfen, vielleicht Wut gerechnet. Und Vergebung. Weil sie ja konnten. Weil sie der Rückhalt war.
Nein, sagte sie schlicht.
Warum?
Weil ich es nicht mehr will.
Er sah sie verwundert an. Er verstand es wirklich nicht.
Aber du bist doch ganz allein.
Ja. Und es geht mir gut.
Claudia, das kann doch nicht sein, dass es einem allein gutgeht. Das sagst du nur so.
Sie hob die Teetasse. Schaute ihn ruhig an.
Weißt du, was mich die letzten Monate überrascht hat? Ich dachte, ohne dich wäre alles leer. Davor hatte ich Angst. Aber in Wahrheit ist es ohne dich weit. Endlich Platz. Für mich.
Thomas schwieg.
Du bist bestimmt ein guter Mensch, sagte sie dann, ohne Vorwurf, einfach feststellend. Aber du bist immer davon ausgegangen, dass ich bleibe. Dass ich immer da bin. Aber ich bin einfach gegangen.
Was soll ich jetzt tun? fragte er, plötzlich wie ein Kind. Sie empfand fast Mitleid. Fast.
Das ist jetzt deine Sache, Thomas.
Er trank aus, saß noch ein wenig, stand dann auf.
Reichts für die Scheidung?
Ja. Bald. Ich habe mich schon beraten lassen.
Er nickte. Zog die Jacke an.
Na dann. Ich ja.
Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um.
Du bist ganz anders geworden.
Nein, ich bin dieselbe. Nur hast du mich nie richtig gesehen.
Die Tür schloss sich.
Claudia saß noch kurz am Tisch. Draußen auf der Straße fuhr jemand laut lachend vorbei, ein normaler Aprilabend in Freiburg.
Sie räumte die Tassen weg, öffnete das Fenster. Frische Luft, der Geruch von Erde und den ersten Kastanienblättern zog in die Wohnung.
***
Sie begegnete Hermann Fischer das erste Mal auf der Eigentümerversammlung. Er war im Winter ins Haus gezogen, sechster Stock, nachdem er das Haus außerhalb verkauft hatte die Kinder sind erwachsen, einer in München, eine in Ulm, das große Haus war zu viel.
Er war achtundfünfzig, von mittlerer Größe, schlank, kurze graue Haare, ruhige graue Augen. Ingenieur, baute Brücken. Seit drei Jahren Witwer.
Bei der Versammlung schilderte er die Notwendigkeiten zur Reparatur der Dachrinne ruhig, konkret, ohne Drama, ohne Aufspielen. Die Hausverwaltung hörte zu.
Claudia fiel auf, wie gelassen er war. Menschen, die sich nichts beweisen müssen.
Kennengelernt haben sie sich dann zufällig im Mai, im Aufzug, als sie eine große Tüte voll Wolle vom Markt nach Hause schleppte, die sich immer wieder verhakte.
Kann ich Ihnen helfen? bot er an.
Danke, geht schon.
Ich sehe, Sie kommen klar. Aber zu zweit gehts besser.
Sie lachte und überließ ihm die Tasche.
Sie kamen ins Gespräch im Aufzug, weiter im Hausflur. Er begleitete sie bis zur Wohnung.
Sie stricken gern? fragte er, auf die Tasche deutend.
Ja. Lustig?
Im Gegenteil. Ich freue mich. Meine Frau hat viel Wolle hinterlassen, weiß nicht wohin damit. Möchten Sie was haben?
Sie nahm’s dankbar an. Die Wolle war gut, hochwertige Merinowolle, ordentlich aufgerollt.
Sie trafen sich dann öfter im Hausflur. Ab und zu kam er auf einen Tee vorbei. Sie redeten über Freiburg, Kunst, Bücher. Er las viel, aber ohne Überheblichkeit. Er hörte zu, verstummte einfach, wenn sie nachdachte.
Im Juni strickte sie ihm einen Schal. Grau, aus jener Merinowolle.
Warum? wunderte er sich. Es ist doch Sommer.
Zum Herbst. Und ich wollte schauen, wie sich das Garn verstrickt.
Und?
Es strickt sich herrlich.
Er nahm den Schal kommentarlos und dankbar an, ohne große Worte, ohne falsche Verlegenheit. Genau das gefiel ihr.
***
Im Juli reichte Claudia die Scheidung ein. Thomas widersprach nicht. Sie trafen sich beim Notar, unterschrieben. Er wirkte müde, verloren. Sie trug ein helles Sommerkleid, das sie sich im Mai gegönnt hatte zum ersten Mal seit Jahren etwas Buntes, nicht nur praktisch und dunkel.
Wie gehts dir? fragte er draußen.
Gut, erwiderte sie. Und das stimmte.
Sophia ist zu ihren Eltern nach Kassel gefahren. Bleibe jetzt allein.
Verstehe.
Sie sah ihn an, ohne Mitleid, ohne Schadenfreude. Einfach so.
Du schaffst das. Musst es halt lernen. Ist nicht schwer, wenn mans will.
Sie gingen jeder in eine andere Richtung.
Sie kaufte auf dem Rückweg noch ein Pfund Kirschen, dunkelrot und zuckersüß. Stand vor dem Laden in der Sonne, aß sie gleich dort und legte die Kerne ordentlich in einen kleinen Beutel. Die Kirschen waren wunderbar.
***
Im August lud Hermann sie ins Kino ein. Einfach so, ohne Aufhebens.
Da läuft ein guter Film, sagt man. Kommen Sie mit?
Gern.
Es war tatsächlich eine gute, alte deutsche Komödie, die im Freiluftkino im Stadtpark gezeigt wurde. Sie saßen auf einfachen Holzbänken, ringsum Familien, ältere Paare. Sie lachten an denselben Stellen.
Danach gingen sie zu Fuß durch den Park. Es war warm, die Dunkelheit kam langsam, wie nur im August. Sie erzählte ihm, wie sie zufällig angefangen hatte, Aufträge fürs Stricken anzunehmen. Er hörte zu.
Machen Sie das weiter, meinte er nachdrücklich. Das ist etwas mit Herz. Gibt es selten.
Und das sagen Sie über einen Schal?
Genau. Der ist ausgezeichnet.
Dann sagte er nach kurzem Schweigen:
Ich habe es nicht eilig. Sie wohl auch nicht, nehme ich an?
Nein.
Na also.
Sie fragte nicht, was na also bedeutet. Sie wusste es einfach.
***
Im September besuchte Heike sie wieder. Claudia saß am Fenster und strickte. In der Luft lag Kaffeeduft, auf dem Tisch lagen Wollknäuel in mehreren Blautönen, der Laptop war geöffnet, die Auftragsliste war seit Sommer überraschend lang.
Du hast jetzt sogar eine Internetseite für deine Stricksachen? staunte Heike.
Die Nachbarstochter hat geholfen. Da stehen Fotos, Preise, alles. Dreiundzwanzig fertige Aufträge bisher.
Claudia, ehrlich?
Ja. Es ist nicht viel Geld, aber mein eigenes. Und es macht mir Freude.
Heike schüttelte den Kopf.
Vor einem Jahr, wer hätte das gedacht
Niemand. Am wenigsten ich selbst.
Und dein Nachbar, der Hermann Heike blinzelte.
Was ist mit Hermann?
Nichts. Nur wenn du von ihm sprichst, hast du einen anderen Ausdruck.
Claudia schwieg, blickte dabei nicht von den Maschen auf.
Mit ihm ist alles ruhig. Einfach ruhig. Ich weiß nicht, wie ichs erklären soll.
Musst du auch nicht, meinte Heike. Ich verstehes.
Sie saßen, tranken Kaffee, redeten über Erikas Enkel, die neue Arztpraxis im Viertel, die Herbstangebote im Möbelhaus LieblingsRaum. Ein typischer Gesprächsabend zweier Frauen im goldenen September.
Draußen lebte Freiburg sein Leben. Die Kastanien am Boulevard verfärbten sich gelb, im Hof spielte jemand mit dem Hund, ein Junge fuhr konzentriert Fahrrad.
Claudia nahm das nächste Knäuel Wolle zur Hand, fand den Fadenanfang. Der nächste Auftrag: eine Mütze mit Zopfmuster, zwei Wochen Zeit. Das würde sie schaffen.
Die Finger griffen routiniert nach der Wolle. Die Nadeln begannen ihren beruhigenden, vertrauten Rhythmus. Draußen glitt der erste Herbstregen über die glänzenden, lebendigen Blätter.





