Der Neid der besten Freundin – Wenn enge Freundschaft zur Herausforderung wird

Neid der besten Freundin

Die Freundschaft zwischen Miriam und Annika war quasi amtlich sie waren seit den Tagen der Sandkasten-Diplomatie unzertrennbar. Als ihre Mütter sie zwischen Altbau und Bäckerei auf den Spielplatz schleiften, verteidigten sie gemeinsam Förmchen gegen feindliche Übernahmen und lutschten im Winter dieselbe Eiszapfenhälfte (deutscher wirds eigentlich nicht). Sie teilten ihre geheimsten Geheimnisse von der ersten Schwärmerei für Jonas aus der dritten Klasse bis zu den Pubertätsdramen über Pickel und die Ungerechtigkeit, nach 20 Uhr zuhause sein zu müssen. Ohne die andere war eine von beiden so selten wie ein ICE, der pünktlich ins Ziel kommt.

Früher war ihr Kinderleben herrlich ausgeglichen: gleiche Schürfwunden, gleiche billige Jeans von C&A, identische Pferdeschwanzfrisuren. Doch mit sechzehn kamen Unterschiede auf.

Miriam blühte auf, als hätte jemand heimlich Miracle-Gro in ihren Kakao gerührt. Groß, schlank, glänzendes, dunkelbraunes Haar, das ihre Mutter großzügig zu Latte-Macchiato nuancieren ließ, eine Haut, der Billigschminke wie Balea oder Akneattacken rein gar nichts ausmachten. Die Eltern verwöhnten sie ein neues Kleid zum Abiball? Na logo! Gute Mascara von Douglas? Wenns schee macht.

Annika hingegen war immer die melancholische Hintergrundmelodie. Ihre Mutter, eine pragmatische, ordentliche Heilpraktikerin mit Vorliebe für Schonkost und Kurzhaarfrisuren, bestand auf praktisch und pflegeleicht wie meine Kaffeemaschine! Ihr Vater, Meister am lokalen Industriebetrieb und Verfechter preußischer Tugend, verdrehte die Augen beim Thema Schminke: Wer sich bemalt, hat keine anständigen Absichten Punkt. Kosmetologen und teure Cremes? Zeit- und Geldverschwendung! So trug Annika brave Kinderhaare im Bubischnitt und Pullover, die an Tragetaschen erinnerten. Ihr Gesicht war stets ein Schlachtfeld von Pickelheilungen.

Miriam, bereits mit siebzehn gänzlich durch die Brigitte und Cosmopolitan geprägt, startete den Mission: Makeover-Einsatz. Sie schleppte einen Haartrockner an, zauberte aus Annas Frisur binnen 30 Minuten einen frechen Irokesenschnitt. In der Apotheke gabs billige, aber effektive Anti-Pickel-Produkte. Sie holte ein schlichtes schwarzes Rollkragenshirt sowie enge Jeans aus ihrem Kleiderschrank und oh Wunder! Annika erkannte sich kaum wieder: Sie hatte tatsächlich lange Beine! Und graue, ziemlich coole Augen, die über Jahre schüchtern unter Pony und Selbstzweifel versteckt waren.

Sieh mal an! lachte Miriam schlagfertig. Du bist ja doch eine Schnitte!

Annika knallrot, stumm, das Lob klang nach niedlich, aber halt trotzdem nur Nebendarstellerin und traf trotzdem tief.

Gemeinsam schafften sie es an die Uni Köln, Studiengang BWL. Die Eltern ließen endlich locker; Annika atmete auf, ließ ihre Haare wachsen, lernte sich zu schminken, upgradete ihren Stil auf beinahe französisch und färbte das halbmausgraue Haar kupferfarben. Plötzlich gab es sogar Verehrer nicht viele, aber immerhin.

Dennoch galt sie weiter als die nicht ganz so Schöne. Ein Anhängsel für Männer, die ahnten, dass sie Miriam ohnehin nie ergattern würden. Miriam selbst schwebte wie ein Star über allem, umschwärmt von Möchtegern-Rittern beim Turnier um ihren Favoritenstatus: Wer spendiert größeres Bier, lädt ins hippste Café ein, holt die meisten Likes. Sie nahm die Verehrung mit gelassener, leicht ironischer Dankbarkeit.

Annika schluckte klaglos den Neidklumpen, der bei jedem Flirtversuch Richtung Miriam schmerzend nach oben kroch. Wie gern hätte sie das erlebt! Einmal Göttin sein, einmal im Mittelpunkt jedes abendlichen Gruppenchats. Ihr einziger realer Trost waren ein paar Komplimente und Miriam an ihrer Seite. Annika zupfte gewissenhaft jedes Unkraut an Missgunst aus ihrer Seele wie Löwenzahn im Vorgarten.

Das Schicksal schlug an einem nasskalten Septemberabend im zweiten Semester dann so richtig zu. Klaus und Sebastian, zwei ältere Studenten aus dem Journalismusbetrieb, tauchten plötzlich in ihrer Clique auf. Klaus, groß und klug, seine Schildkrötenbrille krönte das Intellekt-Image, und Sebastian, ein Lautsprecher und Hobbywitze-König. Zwischen Miriam und Klaus knisterte es sofort wie Popcorn im Topf. Sie verstummten und starrten sich an, als hätte jemand die Zeit eingefroren.

Sebastian fiel aus reiner Not an Annika ran. Nett, lustig, aber Annika war ab Sekunde eins restlos und unverzeihlich in Klaus verschossen. Ihr Herz krampfte, wenn Klaus Miriam ansah mit dieser Mischung aus Teenager-Schwärmerei und unwiderruflicher Zuneigung, von der Annika nur träumen konnte.

Ging ihre Clique aus, brauchte Annika stundenlange Vorbereitung: Make-up wie ein Profi, das edelste Kleid aus dem schmalen Sortiment, Stilettos, die nur Schmerzenstherapien rechtfertigten.

Für Sebastian extra so rausgeputzt? scherzte Miriam und half beim Reißverschluss. Der sabbert schon, wenn du Jogginghose trägst.

Annika zwang ein Grinsen hervor Wenn du wüsstest, du dusselige Elfe, für wen ich das mache, dachte sie und betrachtete ihre Silhouette im Spiegel des Wohnheimflurs.

Sie war hübsch, aber nie spektakulär. Und was auch immer sie trieb Miriam, notdürftig gestylt in kaputte Jeans und T-Shirt, war und blieb die Attraktion. Annika konnte das beim besten Willen nicht ignorieren.

Jedes gesprochene Wort von Klaus wurde analysiert, ob da ein tieferer Sinn versteckt lag. Fragte er aus Versehen mal, wie sie die Makroökonomie-Vorlesung fand, nahm Annika das als Versuch ernsthafter Annäherung. Ein nebenbei gesagtes Lob zur neuen Tasche wurde in ihrem köchelnden Hirn zur geheimer Liebes-Botschaft. Nüchtern stellte sie aber fest: Er meint das nur höflich. Sieht ja nur Miriam.

Mit Sebastian wurde es ohnehin nichts der durchschaut Annika sofort, flirtete lieber mit einer Erstsemesterin aus BWL.

Schade, murmelte Miriam beim Pizzaessen in ihrer Lieblings-Kneipe. Sebastian war nett. Ihr hättet gut ausgesehen zusammen.

Joa, winkte Annika ab, mampfte am Rand. Der ist genauso flach wie dein Klaus. Bisschen Spaß, bisschen knutschen, vergessen. Merk ich gleich.

Miriam schob die Pizza weg, verzieh die Stirn.

Sag sowas nicht über meinen Klaus! Er meints ernst mit mir.

Ja klar, seufzte Annika ironisch. Abwarten. Die sind doch alle gleich.

Ein leiser Hoffnungsschimmer kroch in ihr auf möge Klaus es so richtig vermasseln, um Miriams Glanz zu dämpfen und vielleicht doch ihren Blick auf Annika zu lenken. Böser und trotzdem menschlicher Gedanke, klassisch deutsch.

Wie es in affairs & amour so üblich ist, folgten Streits. Eifersucht, Stress, banale Missverständnisse. Annika lauerte bei jedem Streit auf den finalen Bruch. Doch Klaus war ein Zukunftsmanager: Nach jedem Drama dachte er sich neue Liebesbeweise aus mal brachte er Ferrero Küsschen (deutsche Romantik!), mal fuhr er zum alten Flugplatz, um Sterne zu gucken.

Alles Show!, fauchte Annika, wenn Miriam ihre Nachrichten zeigte. Reinste Manipulation. Erst Süßholz raspeln, dann zuschlagen Achtung!

Hör doch auf, Miriam verdrehte die blauen Augen. Er gibt sich Mühe.

Er will doch nur dich als Trophäe behalten! Hau ab garantiert hält der sich noch andere Mädels warm. Du bist für ihn Stilpunkt für den Lebenslauf!

Du spinnst, entgegnete Miriam. Aber Annika säte Zweifel. Streits loderten, Klaus konterte stets mit Gesten Beziehung nach jedem Donner gestärkt.

Klaus bekam tatsächlich ein Angebot für eine Praktikantenstelle in München: Medienkonzern mit Bleibeperspektive. Er wollte Nägel mit Köpfen machen, Miriam nachholen nach Abschluss. In Wanne-Eickel war eh nichts zu holen.

Ich werd dich wahnsinnig vermissen, schluchzte Miriam beim Abschied, klammerte sich an seine Jacke. Zug nach München, teuer, zwei Stunden Zugfahrt, und ich bin allein!

Ich komme jedes Wochenende!, versprach Klaus. Und spare auf unser Nest. Du musst mir nur vertrauen.

Nach seinem Abgang trat bei Annika seltsame Ruhe ein. Sie fing einen Mini-Flirt mit Max, einem langweiligen Promotionsstudenten ab, ihre obsessive Eifersucht auf Klaus wurde zum schwelenen Glutbrand.

Bis die Bombe platzte: Miriam eröffnete ihr als erster, sie sei schwanger. Ein paar Wochen vielleicht.

Annika lachte trocken. Wegmachen! Sofort, bevor dein Karrieretyp dich hasst. Klaus wird dich hassen Baby? Totales Karriere-Aus!

Doch Miriam rief Klaus an. Der war zwar kurz überfordert, dann aber sofort Feuer und Flamme: Familie einweihen, Miriam nachholen, sparen, alles.

Annika fühlte nur blinde Wut. Er hält zu ihr, das Band ist nun endgültig geschmiedet. Jeder Traum, dass Klaus einmal zu ihr käme, zerbarst. Von nun an wurde das Ziel: Trennung, koste es was es wolle.

Der Alltag: Klaus im Arbeitsstress, wenig Kontakt, Miriam allein, Annika als stilles Öl im Feuer. Dein Zukünftiger meldet sich wieder nicht? Sieht so aus, als ob die Vernunft bei den Männern doch nicht ganz angekommen ist. Fahr doch gleich mit Denis zu IKEA der hilft wenigstens. Denis, neuer Freund des Freundesfreundes, betreute Miriam rührend. Fahrdienste, Arzttouren, Einkäufe der klassische anständige Deutsche halt.

Annika lichtet alles ab: Grillen im Park, Cafébesuche mit Denis, immer auf Anschlag als Kronzeugin. Eifersuchtsszenen, aber alles unter dem Label Freundschaft. Ein Moment, die perfekte Aufnahme: Denis umarmt Miriam, Annika schnappt das Foto, als Indiz.

Lösch das! verlangt Miriam.

Klar…, Annika denkt gar nicht dran und legt sich ein neues Beweisstück beiseite.

Und dann bot sich die Gelegenheit. Die Schwester angeblich in München verunfallt Annika reist mit indirektem Auftrag: Schau nach Klaus, wie es ihm geht…

Sie reist, bestes Understatement-Kleid, Make-up, traurige Blicke und endlich, ohne strahlende Miriam, ist Annika Mittelpunkt. Klaus, zwischen Melancholie und Meeting, freut sich tatsächlich sie zu sehen. Beim Dessert legt Annika traurig los:

Du musst es wissen, Klaus. Miriam machts dir nicht leicht… Sie sucht schon Ersatz, andere Männer, Denis zum Beispiel sie ertränkt den Trennungsschmerz in Action und… Nähe.

Dann Fotos, alles. Klaus Weltbild wackelt.

Auch Miriam bekommt ihren Teil: Klaus geht schon mit einer Kollegin die sind sich sehr nahe, Süße… Ich habs gesehen.

Nach Annas Regie rufen beide erstmal nicht bei den anderen an Warte ab, lass den anderen den nächsten Schritt machen. Am Ende, als Klaus doch Miriam anrufen will, geht Denis dramatisch ran: Lass sie endlich in Ruhe, du Arsch, hast sie genug kaputt gemacht!

Annika tröstet Klaus, zieht bei ihm ein, schmeißt ihr Studium für den Bürojob. Miriam bleibt allein, mit Denis als platonischem Leibwächter. Ihr Unmut stapelt sich, nach außen bleibt sie tapfer Klaus war eben doch ein Hurensohn.

Denis recherchiert und ruft nach etlichen Anläufen Klaus an. Schlussendlich erfährt Klaus: Miriam ist im fünften Monat und dachte, er hätte sie sitzen lassen. Klaus Weltbild gibt jetzt ganz auf. Nach viel Aufregung fliegt er zurück zu Miriam, Annika fliegt raus im wahrsten Sinn.

Miriam und Klaus schaffen, mit Abstand und stiller Erschöpfung, die Annäherung. Zusammen in einer neuen Stadt, neue Jobs, wenig Worte, kein Kitsch, aber den Versuch, eine Familie zu werden.

Als ihre Tochter Greta geboren wird zu früh und nach einer langen Nacht weint Klaus wie noch nie.

Annika ist vom Erdboden verschluckt. Die wenigen gemeinsamen Bekannten erzählen, sie hätte ihren Namen geändert und sei irgendwo am Bodensee in einer Hotelrezeption untergetaucht.

Manchmal denkt Miriam noch an sie. Was wäre gewesen ohne Denis? Hätten sie sich wortlos, für immer verfeindet? Die Vorstellung ist schlimmer als ein Berliner Winter.

Ein halbes Jahr später, Greta fängt im Park Tauben ein, sieht Miriam sie an und sagt:
Vielleicht war Annika gar nicht unser Unglück, sondern unser TÜV-Siegel. Das, was standhält, bleibt. Das ist das Echte.

Klaus legt den Arm um sie, Greta lacht, und irgendwo, in einer anderen Geschichte, gönnt Annika immer noch keinem das bessere Stück vom Leben.

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Homy
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