Niemand ist gut genug für meinen Sohn.

Niemand ist gut genug für meinen Sohn.

Hannelore Stein saß am Fenster, doch ihre Gedanken waren weit entfernt von diesem mit Medikamenten durchzogenen Zimmer. Sie tauchte ab in Erinnerungen an früher, als sie jung und voller Energie war, als Männer sie begehrten und sie mit jedem spielen konnte, wie es ihr gefiel. Von der Diele kam das Geräusch einer Türe und das schwere Stapfen ihres Sohnes, offenbar gerade von der Arbeit zurück.

Bernd steckte den Kopf durch die Tür, blieb aber im Rahmen stehen, mit dem Rücken an den Türstock gelehnt. Seine halbherzige, unsichere Haltung das hat Hannelore schon immer gestört. Immer dieses Zögern, nie sagt er direkt, was Sache ist. Wegen der Frauen natürlich!

Mama, begann er mit dumpfer, gezwungener Stimme, als müsste er die Worte aus sich herauspressen, wir müssen reden.

Na, dann rede schon, was stehst du da wie ein Fremder? Hannelore fuhr herum, fixierte ihren Sohn mit prüfendem Blick, entdeckte Bartstoppeln, dunkle Augenringe und die neue, teure Jacke sie kostete sicher so viel wie zwei ihrer Renten, und er schleppt sie achtlos herum.

Ich also ich habe eine Frau kennengelernt. Es ist ernst Ich will sie heiraten.

Mutter schaute Bernd an, ihr Gesicht veränderte sich langsam, wie ein Hefeteig, der aufgeht: Erst staunend, dann skeptisch, schließlich mit kühlem Spott.

Heiraten? wiederholte sie, in erstaunlich sanftem Ton. Berndchen, mein Lieber, bist du noch ganz bei Trost? Heiraten? Du solltest erstmal weiterlernen, Karriere machen, auf eigenen Füßen stehen! Und was bist du jetzt? Hast du wenigstens einen festen Arbeitsplatz? Am Ende zahlst du lebenslang Unterhalt, wenn du jetzt voreilig heiratest.

Bei Hannelores Worten zuckte Bernd zusammen, schwieg jedoch. Nur die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich an.

Mama, dies ist nicht so, wie du denkst. Mit Sabine ist es ernst, wir sind ein Jahr zusammen. Sie ist besonders.

Sabine? Hannelore beugte sich nach vorn, ihre Augen funkelten forschend. Die aus dem dritten Stock, die mit dem Zopf? Oder die aus der Sparkasse? Ich hab sie doch gesehen aufgedonnert, knallrote Lippen, Minirock, du meine Güte. Ist es die? Oder eine andere?

Nein, Mama, das ist sie nicht. Sabine ist aus der Buchhaltung, bescheiden, klug, Bernd sprach schon sicherer, versuchte sich selbst zu überzeugen, sie liest gern und kocht gut, wir

Ach, hör auf! fiel ihm Hannelore ins Wort, mit einer Geste so autoritär wie eh und je, und Bernd schwieg sofort. Bücher lesen kann sie, na und? Das kannst du glauben die sind alle gleich, erst Literatur, dann große Augen machen, und dann schwupps! setzt du drei Kinder in die Welt und stehst ohne Wohnung da. Hör auf mich, ich hab Erfahrung, ich will doch nur dein Bestes, du Dummkopf!

Mama, das reicht! Bernd trat einen Schritt vor, nun klang Ärger in seiner Stimme. Ich bin kein Kind mehr! Ich bin fünfundzwanzig, nicht fünfzehn. Ich will Familie, Kinder, ein normales Leben!

Das hier ist also kein normales? Hannelore sprang vom Stuhl, ihr Gesicht eine einzige theatralische Empörung, und Bernd spürte, wie die gewohnte Schuld langsam an ihm zog, wie Sumpf. Ich hab dir kein normales Leben geboten? Ich hab dich großgezogen, durchs Studium gebracht, dir ein Dach überm Kopf ermöglicht und du nennst das unnormal? Ohne mich wärst du irgendwo im Hinterhof mit Pennern am Biertrinken, das wär’s doch!

Tränen stiegen ihr in die Augen laute, theatralische Seufzer, das Taschentuch an den Augen. Bernd, der das alles schon hundertmal gesehen hatte, hielt es trotzdem nicht aus, ging zu ihr, legte eine Hand auf ihre Schulter.

Es reicht, Mama. So mein ich das doch gar nicht

Wie denn dann?! Sie entzog sich seiner Berührung, blickte ihn direkt an. Überleg mal, Bernd: Was hast du ihr zu bieten? Du bist doch noch grün hinter den Ohren! Deine Sabine lässt dich sitzen, sobald sie sich amüsiert hat. Ich kenne solche! Sie wollen ihren Spaß, und du bist der Bequeme. Dann fangen die Partys und Mädelsabende an, und du hockst allein zu Hause.

Bernd schwieg für Hannelore das beste Zeichen. Sie wusste: Ihr Sohn war weich, leicht zu lenken. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.

Und überhaupt, fuhr sie mit verschwörerischem Flüstern fort, ich hab so gehört, dass diese Sabine nicht so brav ist, wie sie tut. Über ihre Vergangenheit gibts Gerede ich sag ja nichts, aber Gerüchte entstehen nicht ohne Grund

Bernd wich zurück, als hätte sie ihn geohrfeigt.

Was für Gerede? Was meinst du?, fragte er verwirrt, wie Hannelore es erhofft hatte.

Finde es doch heraus, Hannelore zuckte mit den Schultern. Ich will nur dein Bestes. Mach, was du willst. Aber beschwer dich nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.

Sie wandte sich zum Fenster. Bernd wollte widersprechen, spürte aber schon, wie Zweifel in ihm aufkamen.

Jahre vergingen. Sabine hat Bernd nie geprüft. Er hörte einfach auf, sich zu melden. Sie suchte ihn, doch er murmelte, er müsse nachdenken, es sei gerade keine gute Zeit. Nach zwei Monaten hatte Sabine genug und heiratete einen Verkäufer im Autohaus.

Später kam Claudia eine fröhliche Apothekerin mit Sommersprossen aus der Nachbarschaft. Sie waren fast ein Jahr zusammen. Claudia wollte allmählich heiraten, aber Hannelore, die sich schon als Siegerin fühlte und sich als Herrin von Bernds Leben sah, fand schnell etwas, um auch diese Beziehung zu vergiften.

Schau dir die mal genau an, sagte sie, nachdem Claudia gegangen war, ihr Parfum noch im Raum. Sie hält dich für einen Deppen, Bernd. Schau mal, wie sie dich ansieht von oben herab. Ihr Vater ist Alkoholiker, das habe ich rausgefunden. Das ist doch erblich! Wer soll die Kinder aufziehen, ich etwa? Ich hab genug Sorgen!

Mama Bernd war kaum noch überzeugt bei seinem Protest. Claudia ist in Ordnung. Ihr Vater trinkt doch nicht mehr

Ob oder ob nicht hör auf mich. Und dann: Wer ist sie? Apothekerin! Du bist Ingenieur, hast Karriere und Perspektive. Du brauchst eine Frau mit Stil, die man zeigen kann, nicht so ein Apothekenmädel.

Claudia fand heraus, dass Bernd auf Mamas Anweisung in ihren Sachen geschnüffelt hatte, und machte einen solchen Aufstand, dass die Fenster klirrten. Sie schrie, er sei ein Muttersöhnchen und ein Waschlappen, perfekt für so eine verbitterte Mutter. Bernd versuchte, sich zu wehren, aber seine Mutter kam als große Unschuld dahin und erklärte, in ihrem Haus ließe sie sich nicht beleidigen. Claudia packte ihre Sachen und ging.

Später kam Katharina, als Bernd schon zweiunddreißig war. Sie war ganz anders: ruhig, souverän, ebenfalls Ingenieurin im selben Betrieb. Die Beziehung entwickelte sich langsam, dafür sachlich und ohne Melodramatik. Katharina war gleichaltrig, hatte eine eigene kleine Wohnung, ein Auto und ganz wichtig: Sie behandelte Hannelore freundlich, nicht unterwürfig, aber auch nicht herausfordernd. Das machte Hannelore sofort misstrauisch.

Was hast du bloß an ihr gefunden?, fragte sie eines Abends. Sie sieht aus wie ein Unwetter, und einen starken Charakter hat sie auch die tanzt dir auf der Nase rum und du kriegst gar nix mit.

Ist das nicht egal, ob hübsch oder nicht? fragte Bernd, schon erschöpft vom ewigen Streit. Sie ist gut und ehrlich. Wir wollen heiraten und bald das Aufgebot bestellen.

Das Aufgebot?, Hannelore ließ beinahe die Gabel fallen. Und mich fragst du nicht? Jetzt komm mal hierher, Bürschchen!

Stundenlang wurde gestritten, mit Tränen und Vorwürfen und dem Klassiker: Ich habe dich geboren, aufgezogen, und du bringst mir so eine Sache ins Haus. Immer wieder: Ich weiß es besser! Als Bernd endlich wagte zu sagen, dass es seine Entscheidung, sein Leben sei, bekam sie plötzlich einen Herzinfarkt, suchte verzweifelt ihre Tabletten. Bernd, wie hypnotisiert, half und hatte kein Herz zu zweifeln, ob das nun echt war oder gespielt.

Katharina, erfahren, dass die Hochzeit wegen familiärer Umstände auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, machte kein Drama, sondern sagte nur: Bernd, bist du ein Mann oder ein Hänschen? Dreiunddreißig und an der Leine deiner Mutter! Ich habe gedacht, du kannst selbst entscheiden. Kannst du aber wohl nicht. Leb wohl. Und richte deiner Mutter Grüße aus.

Nach der Trennung nahm Hannelore ihren Sohn in den Arm und meinte erleichtert: Gut so, Berndchen. So eine Giftschlange brauchst du nicht. Du findest noch was Besseres. Komm, ich habe Apfelkuchen gebacken.

Seinen vierzigsten Geburtstag verbrachte Bernd mit Mutter und Schwester Brigitte am Küchentisch, begrenzt auf Sülze, Heringssalat und drei Sorten Kuchen. Brigitte, mit dreißig schon verwitwet und überarbeitet, schaute Bernd an eine Mischung aus Mitleid und Neid.

Na, alles Gute zum Geburtstag, sagte sie und stieß mit dem Schnapsglas an. Vierzig. Mann im besten Alter und was hast du? Job, gutes Gehalt aber weder Frau noch Kind. Und wahrscheinlich wird das auch nichts mehr, was?

Brigitte, fang nicht an, warnte Hannelore.

Warum nicht?, Brigitte knallte das Glas auf den Tisch. Ihr Gesicht wurde hart. Bist du glücklich, Mama? Hast ihm das Hirn gewaschen, alle Frauen vertrieben da hast du deinen Preis. Ein alter Junggeselle als Sohn, toll!

Warum schreist du denn mich an? Hannelore setzte ihren gekränkten Unschuldsmien auf. Ich hab ihm nichts verboten, nur beraten, wie jede Mutter. Er ist erwachsen. Wenn er es nicht gebacken bekommt Pech! Dann ist er eben selber schuld!

Ach, schuld? Wer hat ihm mit fünfundzwanzig den Kopf verdreht, Sabine schlechtgeredet? Wer hat ihn von Claudia getrennt, von Katharina? Du! Und jetzt ist er schuld? Du bist ganz ehrlich, Mama, du bist krankhaft! Dir gings doch immer nur darum, dass er bei dir bleibt, als Hauskater! Damit er nicht heiratet, nicht geht, dich nicht allein lässt! Und jetzt ist er schuld? Herrlich!

Brigitte, hör auf! schrie Bernd, aber er konnte nichts mehr entgegnen.

Ich hör nicht auf! Sie warf ihm ihren wütenden Blick zu. Und du, Bernd du bist vierzig, und hast es nicht hingekriegt, dich selbst zu emanzipieren! Nicht mal deine Frau kannst du wählen, weil du Angst hast, Mama zu kränken. Klar, dass du so ein Versager bist. Wer bleibt schon freiwillig bei Mutti?

Hau ab aus meinem Haus! schrie Hannelore. Sie zitterte vor Wut. Raus mit dir!

Ach, du kannst mich mal! Ich bin sowieso schon ein Fall für den Therapeuten, dank dir! Und du, Bernd geh, solange du kannst, oder du lebst noch mit siebzig mit Mama zusammen!

Brigitte stürmte aus der Wohnung, und Bernd blieb bewegungslos sitzen. Mutter schniefte, tupfte sich die Augen und sagte leise: Siehst du, Bernd, wie sehr sie uns hasst?

Bernd starrte auf seine Hände, auf das Geschirr, auf die Kuchenstücke und spürte, wie eine Wut in ihm brodelte, die er seit Jahren unterdrückt hatte. Trotzdem wie immer schwieg er.

Noch drei Jahre vergingen. Bernd, inzwischen dreiundvierzig, saß eines Abends in seinem Zimmer und scrollte ohne Ziel durch die Nachrichten auf seinem Handy, als plötzlich Werbung für eine Dating-Seite auftauchte. Er schaute lange auf das Bild von lachenden Paaren und dachte: Warum eigentlich nicht? Seine Mutter hatte sich ohnehin zurückgezogen ob aus Altersmüdigkeit oder weil sie merkte, sie hatte es übertrieben.

Er meldete sich an, wählte Fotos von früher als er jung, lebenslustig und ganz jemand anderes war. Er entschied sich für ein Bild mit Gitarre, Anfang zwanzig, aus der Zeit mit Sabine. Bei Über mich tischte er ordentlich auf: Top-Manager, viel gereist, sucht ernsthafte Beziehung.

Unter dem Profil Suche Dich meldete sich noch am selben Abend die erste Frau. Hallo, Hübscher! schrieb Maria eine Blondine mit perfektem Styling und tiefem Dekolleté auf dem Profilbild. Wo warst du denn zuletzt auf Reisen?

Bernd gab an, er sei in Thailand gewesen. Sie schrieben viel, Maria war witzig und charmant, es machte Freude. Sie erzählte, sie arbeite im Marketing, möge Wein und lange Spaziergänge und wünsche sich einen Mann, Kinder, Familie. Bernd fühlte, wie Hoffnung in ihm keimte.

Du bist echt attraktiv, schrieb er einmal.

Du auch, kam zurück, so schöne Augen Ich glaube, ich verliebe mich in dich.

Sie trafen sich in einem Restaurant in der Münchner Innenstadt. Bernd, nervös, kaufte einen neuen Anzug, der ihm kaum passte, und einen Strauß Rosen. Am Abend saß er viel zu früh am Fensterplatz, schweißnass, Herzklopfen, und hoffte auf das große Glück.

Maria kam auf die Minute genau groß, elegant, wie aus einem Magazin. Ihr Blick jedoch, als sie Bernd sah, entlang seiner Glatze und des zu engen Jacketts, war ein einziger Schock.

Bernd?, fragte sie zögerlich.

Ja, ich bins, lächelte er unsicher.

Sie setzte sich und das Schweigen zog sich quälend lang. Erst dann fragte sie direkt: Wie alt bist du wirklich?

Dreiundvierzig

Und auf dem Foto bist du zwanzig? Sie schnaubte. Glaubst du, ich merke das nicht? Hältst du mich für blöd? Ich hab gedacht, ich lerne einen ehrlichen Mann kennen und du bist ein alter Lügner! Und dann auch noch diese Reisegeschichten Machst du das öfter so?

Er wollte sich rechtfertigen, aber Maria schnappte ihre Handtasche und schüttete ihren Frust wie ein Donnerwetter über ihn aus: Weißt du was? Bleib sitzen, ich bin weg. Und wundere dich nicht, wenn du bis ans Lebensende allein bist!

Sie rauschte davon. Bernd saß da, starrte auf die Blumen und das teure Rotweinglas vor sich, während der Ober diskret räusperte bezahlen musste er trotzdem. Zitternd zog er die EC-Karte, dachte: Das geschieht mir recht. Wer sich selbst betrügt, wird betrogen.

Nach diesem Erlebnis fiel Bernd in ein Loch. Zuhause ließ sich Hannelore ihr Triumph nicht nehmen: Hab ichs nicht gesagt, Berndchen? Alles Abzockerinnen im Internet. Hör auf mich: In unserem Hausmeisterbüro gibt es jetzt eine neue Buchhalterin, Witwe, eigenes Auto, eigene Wohnung. Die wäre doch was für dich. Und mit den jungen Schicksen hast du ja jetzt Erfahrung

Bernd schwieg. Zum ersten Mal dachte er: Wenn ich jetzt nicht gehe, dann niemals. Eines Morgens, als Hannelore wie immer befehligte, packte Bernd still seine Sachen, Kleidung, Dokumente, Sparbuch, und trat in den Flur.

Wo willst du hin? fragte Hannelore, als sie ihn mit Koffer sah.

Ich ziehe aus, sagte Bernd ruhig. Erst mal aufs Land.

Wie, ausziehen? Mich verlässt du? Was, wenn mir was passiert? Mein Blutdruck! Sie stellte sich in den Weg, griff nach seinem Koffer.

Mama, bitte lass mich. Ich bin am Ende.

Von mir etwa? Sie klammerte sich an seine Tasche. Ich habe dich doch aufgezogen! Jetzt lässt du mich einfach im Stich? Weißt du, was du bist? Ein undankbares Schwein!

Mag sein, murmelte er. Aber mein Leben habe ich für dich und deine Ratschläge vergeudet. Jetzt bin ich allein und weiß nicht wohin.

Dann geh doch! schrie sie, versuchte den Koffer zu entreißen. Komm zurück! Heirat, was du willst! Aber geh nicht! Bitte, Bernd, lass mich nicht allein!

Wirklich, diesmal kamen die Tränen. Bernd sah sie an, erinnerte sich an Sabine, Claudia, Katharina, Maria, erinnerte sich an den runden Geburtstag, an Brigittes Worte, und ging.

Verzeih, Mama, sagte er, löste ihre Hände, ich muss das tun.

Du wirst es bereuen! Ohne mich bist du ein Nichts!

Bernd schloss die Tür hinter sich.

Am Bahnhof gab er den Koffer ins Schließfach und trat, von leichtem Münchner Nieselregen überrascht, hinaus. Er holte sich einen Kaffee am Automaten. Dann stand er auf dem Bahnsteig und wusste nicht, wohin. Nach Hause? Niemals. Zur Schwester? Zu peinlich. Ein paar Wochen aufs Land? Vielleicht, Hauptsache weg.

Er stand schon Richtung S-Bahn, als eine weibliche Stimme ihn erreichte:

Entschuldigen Sie, könnten Sie mir helfen? Die Blumen sind zu schwer, mein Auto steht um die Ecke

Er sah eine etwa fünfunddreißigjährige Frau, etwas rundlich, armselig mit riesigen Blumensträußen. Zwei davon drohten in eine Pfütze zu fallen.

Geben Sie her, bot Bernd an und nahm ihr was ab. Wohin denn genau?

Am Parkplatz, gleich da vorne, schnaufte sie und strahlte ihn an. Es war ein ehrliches, offenes Lächeln. Ohne Sie wär ich verloren. Danke!

Keine Ursache, erwiderte Bernd, spürte, wie ein fremdes, warmes Gefühl in ihm aufblühte, einfach, weil er helfen konnte. Haben Sie heute Geburtstag? Oder ein Fest?

Die Frau lachte: Ach wo, das ist für Kollegen. Ich heiße übrigens Annette. Und Sie?

Bernd, sagte er leise und spürte: Er wollte eigentlich gar nicht aufs Land lieber neben dieser Frau stehen, Annette, die dummen Blumen tragen und reden einfach reden. Leben Sie weit weg?

In der Goethestraße, antwortete sie, und genau in dem Moment klingelte Bernds Handy. Wollen Sie rangehen? fragte Annette.

Bernd schaute auf das Display Mutter. Nein, drückte er auf ablehnen wieder Hannelore. Nein, heute nicht. Möchten Sie noch einen richtigen Kaffee trinken gehen? Nicht vom Automaten. Wie wärs?

Annette schaute ihn an ließ den Blick über seine Glatze, die müden Augen, den sauberen, alten Mantel und die Hände, die liebevoll ihre Blumen hielten, schweifen und lächelte.

Warum nicht? erwiderte sie. Aber erst ins Café und dann helfen Sie mir mit den Sträußen. Und Kuchen bestelle ich auch, egal, was die Waage sagt!

Sie setzten sich gemeinsam in ein kleines Kaffeehaus. Bernd beobachtete, wie Annette Torte auswählte, lachte, von verpassten Zügen erzählte, sich lockere Strähnen aus dem Gesicht strich. Da wusste er zum ersten Mal in seinem Leben: Genau das ist Glück. Egal, was die Mutter sagt diesmal würde er nicht nachgeben. Vielleicht lernte er endlich, nein zu sagen. Oder er versuchte es wenigstens.

Der Kuchen schmeckte, der Kaffee duftete. Bernd merkte, wie er zum ersten Mal seit langer Zeit einfach so ohne Grund und ohne Angst glücklich war.

Und vielleicht, dachte er, kommt das Glück oft dann, wenn man aufhört, nur andere glücklich machen zu wollen und endlich anfängt, auf sein eigenes Herz zu hören.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: