Komm zurück und kümmere dich
Antje, mach sofort auf! Wir wissen, dass du da drin bist! Sigrid hat das Licht im Fenster gesehen!
Antje war gerade dabei, einen Zweig Eustoma an die hölzerne Stütze zu binden. Ihre Hände waren grün von Pflanzen, die Schürze erdig verschmutzt. Sie hob den Kopf und schaute zur Glastür der Werkstatt. Draußen standen zwei Gestalten. Die eine erkannte sie trotz beschlagenem Glas sofort: breite Schultern, gefärbtes Haar in dunklem Brombeerrot. Gudrun Elisabethsen. Die Schwiegermutter. Besser gesagt, ehemalige Schwiegermutter.
Antje beeilte sich nicht. Sie stellte die Eustoma ins Wasser, zog die Handschuhe aus, hängte sie an den Haken beim Arbeitstisch. Dann ging sie unters Tür.
Guten Abend, sagte sie, als sie den Riegel zurückschob.
Gudrun trat als Erste in die Werkstatt, ohne Einladung. Hinter ihr drängelte sich Sigrid, Viktors Schwester, verweinte Augen, der Schal wirr, ein Ende schliff am Boden.
Was für ein Abend, Antje, bist du bei Verstand? Gudrun ließ den Blick durch die Werkstatt schweifen, als wolle sie gezielt etwas Tadelnswertes entdecken. Fündig geworden: Blümchen schnupperst du, während da einer im Sterben liegt.
Wer stirbt? Antje blieb ruhig.
Viktor! platzte Sigrid heraus und presste dann gleich die Hand vor den Mund. Viktor liegt im Krankenhaus. Unfall. Rückenmark.
Antje sah schweigend zu. Tief im Innern zog sich etwas zusammen, aber nicht mehr so heftig wie vor einem Jahr, als Viktors Name allein alles zum Beben brachte. Jetzt war da etwas Zögerndes, als ob man instinktiv zurückweicht, wenn man sich bereits einmal verbrannt hat.
Setzt euch, sagte sie und deutete auf zwei Hocker bei der Werkbank.
Hinsetzen können wir uns nicht, blaffte Gudrun, doch plumpste sie schließlich schwer auf einen der Hocker. Ihr Beine machten nicht mehr mit, das wusste Antje noch: Krampfadern, Blutdruck.
Sigrid blieb stehen, zupfte nervös am Schal.
Erzähl bitte von Anfang an, bat Antje.
Und sie erzählten. Durcheinander, unterbrachen sich, widersprachen sich teils in Details. Vor drei Tagen fuhr Viktor auf der Autobahn. Regen, Schleudern, Aufprall auf die Leitplanke. Auto Totalschaden, sie sagen, er überlebte. Doch Wirbelsäule gebrochen, Kompressionsbruch, OP vorbei, aber die Ärzte bleiben vorsichtig. Vielleicht wird er wieder laufen, vielleicht auch nicht. Er braucht Pflege. Er braucht Anwesende, Familie.
Und was ist mit Karin? fragte Antje.
Der Name kam ihr ruhig über die Lippen. Sie wunderte sich selbst. Vor einem Jahr war er wie ein Schnitt unter der Haut. Karin, achtundzwanzig, Vertrieblerin. Wegen ihr hatte Viktor nach achtzehn Jahren Ehe die Familie verlassen.
Gudrun zog die Mundwinkel zusammen.
Karin ist weg.
Wohin?
Zu ihrer Mutter. Nach Stuttgart. Sigrid presste diesmal die Lippen aus Ärger zusammen. Kaum erfahren, dass Viktor vielleicht nie wieder laufen kann, hat sie in drei Stunden zwei Koffer gepackt. Wir rufen an, sie nimmt nicht ab.
Stille. Nur der Wasserhahn tropfte, Erde und Lilienduft in der Luft.
Was erwartet ihr von mir? fragte Antje schließlich.
Gudrun richtete sich auf, durchdringend:
Antje, ihr wart achtzehn Jahre verheiratet. Achtzehn! Du kennst ihn besser als jeder andere. Du kannst ihm helfen. Er hört auf dich. Und er braucht jetzt jemanden, dem er wichtig ist
Gudrun, unterbrach Antje, ihr verlangt, dass ich mich um jemanden kümmere, der mich für eine andere verlassen hat. Der letztes Jahr in unserem Leben, das wir achtzehn Jahre aufgebaut haben, keinen Platz mehr für mich sah.
Ach, was redest du da, mischte sich Sigrid ein. Vergangenheit. Es geht jetzt um sein Leben!
Um sein Leben?
Der Arzt meint, ohne konstante Pflege gibts Komplikationen! Wundliegen, Lungenstau! Die OP war an der Wirbelsäule, Antje, ja? Kein Schnupfen!
Antje trat ans Waschbecken, drehte den tropfenden Hahn zu. Sie schaute auf ihre Hände. Zweiundfünfzig Jahre. Diese Hände banden Sträuße, die die Menschen fotografierten und rahmten. Sie konnten Teig kneten, Injektionen setzen, als der Sohn Fieber hatte, Viktors Schnitt verbinden, Steckdosen reparieren, schwere Taschen vom Markt schleppen. Sie konnten alles. Antje hatte nie gefragt, ob sie das wollte sie tat es, weil es eben so war. Weil es so sein musste.
Sie trocknete die Hände ab und drehte sich um.
Ich überlege es mir, sagte sie.
Zeit zum Nachdenken gibt’s nicht! Gudrun erhob sich, die Stimme drohend. Während du hier mit Blumen hantierst, liegt er dort allein! Keine Frau, niemand! Sigrid arbeitet den ganzen Tag, und ich komme kaum die Treppen hoch! Du kannst dich hier nicht einfach verstecken und so tun, als ginge dich das nichts an!
Und wen denn dann? fragte Antje leise.
Niemand antwortete.
Draußen hinter der Glastür war es stockfinster geworden. Oktober, früher Abend. Antje schaute auf die Straße, auf die gelbe Laterne, den nassen Asphalt, die leere Bank vor dem Haus, die im Sommer von Kundschaft genutzt wurde.
Lebensgeschichte, dachte sie. Genau das ist es. Nicht Film, kein Roman. Zwei Damen stehen vor dir und erwarten, dass du wieder die wirst, die du nicht mehr bist.
Gut, sagte sie. Ich komme morgen früh vorbei. Ich schaue mir an, wie es ihm geht. Aber ich verspreche nichts.
Gudrun atmete hörbar auf. Sigrid fiel ihr schluchzend um den Hals, und Antje ließ es geschehen, stand still, bis sie losließ.
Nach ihrem Weggang saß Antje lange auf dem Hocker, auf dem eben Gudrun gesessen hatte. Schaute ihre Blumen an. Zarte Eustomen im Eimer, Chrysanthemen in Holzkisten an der Wand, Zweige mit orangen Lampionfrüchten. Sie hatte diesen Platz selbst geschaffen. Sie hatte den Laden drei Monate nach Viktors Auszug gemietet selbst renoviert, zumindest die Wände geweißt, wie sie den Ton mochte. Die Schranktüren hängte Herr Gerber, der Nachbar, gegen eine gute Flasche Wein. Der Name Stielwerk war ihr zuerst lächerlich vorgekommen, dann blieb er. Sie fand Lieferanten, erstellte eine Internetseite, lernte, die Blumen so zu fotografieren, dass Menschen bei den Bildern hängenblieben.
Ein Jahr. Ein Jahr für sich gelebt. Für sich leben, das begriff sie, ist weder Egoismus noch Laune. Es ist einfach normal.
Und dann das.
Sie schaltete das Licht am Arbeitstisch aus. Ließ nur das kleine Nachtlicht am Eingang brennen, wie immer. Und ging heim.
Das Krankenhaus war ein typischer Bau aus den sechziger Jahren, lange Flure und ein Geruch, den Antje sofort erkannte und nie mochte: Chlor, Kantinenessen, undefinierbares Krankenhaus. Sie fand die Station, fragte die Schwester am Empfang. Die musterte sie.
Sind Sie Angehörige?
Exfrau, sagte Antje.
Die Schwester hob eine Braue, kommentierte aber nicht und erklärte freundlich den Weg.
Viktor lag in einem Vierbettzimmer, aber war allein. Er war zugedeckt bis zur Taille, die Hände auf der Decke. Abgemagert, graues Gesicht, tiefe Ringe. Am Nachttisch ein Glas mit Rest Tee, das Handy auf den Bildschirm gelegt.
Als er sie sah, veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Nicht Freude, vielmehr Erleichterung, als habe er gewartet.
Antje, sagte er.
Hallo, sagte sie und stellte einen Beutel mit Äpfeln und Mineralwasser auf den Tisch. Nicht, weil sie ihm eine Freude machen wollte, sondern weil man eben nicht mit leeren Händen ins Krankenhaus kommt.
Sie setzte sich ans Fenster, nicht auf sein Bett.
Schmerzen? fragte sie.
Es geht. Bekomme Tabletten. Pause. Du bist gekommen.
Ich bin gekommen.
Mutter hat angerufen. Sie meinte, sie wären bei dir gewesen.
Ja.
Er starrte an die Decke. Dann wieder zu ihr.
Ich dachte, du würdest nicht kommen.
Ich dachte es auch.
Stille. Draußen prasselte Novemberregen.
Karin ist weg, sagte Viktor.
Ich weiß.
Tja. Er zog den Mund schief, ein Lächeln war das nicht. Wie im Film. Blitz einschlagen, Mann bekreuzigt sich. Nur zu spät.
Antje schwieg. Sie hatte nicht vor, ihn zu bemitleiden. Aber auch nicht zu verletzen. Sie saß da und schaute ihn an, diesen Mann, mit dem sie achtzehn Jahre geteilt, einen Sohn großgezogen, die Sommer in der gleichen Gartenlaube verbracht, wegen Geld gestritten, versöhnt, immer wieder gestritten und geglaubt hatte, dass das halt das Leben sei, so wie es ist.
Antje, begann er, die Stimme weich, bittend. So sprach er immer, wenn er etwas wollte. Sie kannte das sofort und war auf der Hut. Ich habe viel nachgedacht. Wenn man so daliegt, hat man Zeit dazu. Ich war dumm. Alles, was ich wirklich hatte, warst du. Das Zuhause, die Familie. Karin Er zuckte ab. Du verstehst schon. Ich bitte nicht um Vergebung, ich verstehe, es ist zu spät. Aber du bist trotzdem der Mensch, der mir am nächsten steht. Am meisten bedeutet.
Antje hörte diese Worte und zugleich hörte sie sie, als kämen sie von außen. Sah, wie sie sich reihten: du bist die Nächste, die Vertraute, ich war dumm, du bist die Einzige. Alles Sätze, die sie überzeugen sollten. Nicht für sie, nicht fürs Wahre. Für seine Bequemlichkeit jemand, der kommt, Infusionen wechselt, mit Ärzten spricht, Essen bringt, weil Krankenhausessen schlecht ist, all das, was Antje eben kann.
Das also bleiben nach einer Trennung, dachte sie. Gar nicht dramatisch. Einfach. Man sucht dich, wenn es schwierig wird. Nicht aus Liebe, sondern weil es praktisch ist.
Viktor, sagte sie, ich freue mich, dass du lebst. Ernsthaft. Und dass die OP verlief, wie sie sollte. Aber ich komme nicht zurück. Nicht als Pflegerin, nicht sonst. Wir sind geschieden.
Ich weiß
Lass mich ausreden.
Er schwieg. Früher durfte er sie immer unterbrechen.
Ich werde eine professionelle Pflegekraft organisieren. Bezahle den ersten Monat. Du bist jetzt sicher nicht fähig, das selbst zu machen. Mehr kann ich aber nicht tun. Und noch etwas. Aus der Tasche zog sie eine Mappe, kramte sie unter Portemonnaie und Notizbuch hervor. Hier die Unterlagen. Wir haben die Aufteilung nie abgewickelt. Du hast es gezogen, ich hab es ebenfalls gelassen. Aber jetzt: bitte unterschreib.
Viktor schaute die Mappe an.
Das ist wirklich dein Ernst.
Voll und ganz.
Ich liege hier nach Rücken-OP, und du bringst die Papiere.
Ja, sagte Antje. Denn morgen behauptest du vielleicht, du seist nicht zurechnungsfähig gewesen. Oder dein Anwalt kommt mit Druck. Ich weiß, wie das läuft. Jetzt bist du klar, Arzt kann bestätigen, du bist einwilligungsfähig.
Er sah sie lange an. Sie wich nicht aus.
Du hast dich verändert, sagte er.
Ja.
Früher hättest du das nicht geschafft.
Wahrscheinlich.
Er nahm die Mappe. Blätterte. Antje reichte ihm einen Stift.
In dem Moment kam der Arzt herein. Ein Mann um die fünfundvierzig, schlicht, grauer Kittel, Krankenakte unterm Arm. Ein ruhiges, wenig überraschtes Gesicht, so wie Leute aussehen, die viel arbeiten und keine Perfektheit mehr vorspielen.
Guten Tag, sagte er zu Antje, höflich, fragend. Ich bin Dr. Andreas Mertens, der behandelnde Arzt.
Antje, sagte sie.
Sie sind
Die Exfrau, sagte sie zum zweiten Mal an dem Tag.
Andreas Mertens nickte sachlich und drehte sich zu Viktor.
Herr Becker, wie haben Sie die Nacht verbracht?
Es geht. Ich konnte schlafen.
Gut. Der Arzt machte eine Notiz. Heute versuchen wir, das Kopfteil zu erhöhen, beobachten Sie die Verträglichkeit. Der Heilungsprozess läuft ordentlich, Prognosen kann man frühestens in einigen Wochen stellen, aber der Verlauf ist günstig.
Herr Doktor, wandte sich Antje an ihn, könnten wir kurz sprechen?
Sie gingen auf den Flur. Antje schloss die Tür hinter ihnen.
Ich möchte eine professionelle Pflege organisieren, sagte sie. Welche Erfahrung, Qualifikationen, Ausstattung braucht man bei diesem Befund?
Andreas Mertens schaute sie aufmerksam an.
Sie kümmern sich nicht selbst?
Nein.
Verständlich. Er schwieg einen Moment. Um ehrlich zu sein, finde ich das vernünftig. Bitte nehmen Sie das nicht persönlich, aber Angehörige, die aus Pflichtgefühl pflegen, das gibt oft nur Konflikte. Der Patient braucht Pflege ohne Dramatik, Erfahrung im Umgang. Das kann eine Fachkraft bieten. Angehörige in Ausnahmesituationen selten.
Antje sah ihn an.
Sagen Sie das allen?
Nur denen, die fragen.
Sie lächelte beinahe.
Geben Sie mir eine Liste, sagte sie, Handy zückend.
Er diktierte, sie notierte. Dann wies er sie auf Pflegedienste im Haus, die Schwester habe Kontakte. Antje bedankte sich.
Eins noch, sagte er, als sie sich abwandte. Seine Chancen auf Genesung stehen nicht schlecht. Kein Komplikationsfall, nicht alt, OP ohne Panne. Halbwegs Geduld, dann läuft er in einem halben Jahr wieder. Aber das ist keine Garantie.
Ich verstehe, sagte Antje.
Wichtig ist, dass er das auch versteht.
Zurück in Viktors Zimmer. Die Mappe lag auf seinem Bauch, zugeklappt, der Stift daneben.
Unterschreibst du?
Er starrte an die Decke.
Und wenn ich Zeit brauche?
Viktor.
Ja Er griff zum Stift. Du schaffst das sowieso, darauf kannst du dich verlassen. Jetzt bist du so.
Ich war immer so, sagte Antje. Nur hab ich es früher versteckt. Weiß auch nicht, warum.
Er unterschrieb, an allen drei Stellen. Antje steckte die Unterlagen ein.
Pflegerin suche ich bis zum Wochenende. Sigrid rufe ich an und erkläre. Das Pflegegeld fürs erste Monat überweise ich. Den Rest müsst ihr regeln.
Antje, sagte Viktor, als sie die Tasche schloss.
Was.
Danke, dass du gekommen bist.
Sie hielt seinen Blick einen Moment. Ohne Bitterkeit, ohne Mitleid. Einfach so, wie man etwas anschaut, das einmal Teil war und jetzt vorbei ist.
Werd gesund, sagte sie.
Und ging.
Im Korridor blieb sie am Fenster stehen. Draußen der Krankenhaushof, laublose Bäume, die Bank nass vom Regen. Ein älterer Mann im Hausmantel saß dort, starrte in die Weite, dorthin, wo es eigentlich nichts gab. Einfach draußen, einfach atmend.
Antje atmete tief.
Etwas ließ los. Nicht alles. Aber etwas Wichtiges. Wie eine schwere Tasche, die man lange getragen und jetzt endlich abgestellt hat. Nicht geworfen oder geschleudert einfach ordentlich hingestellt und den Rücken durchgedrückt.
Wie man loslässt, würde sie in ein Tagebuch schreiben, hätte sie eines. Keine Ahnung. Aber es scheint nicht auf einmal zu passieren, sondern in vielen kleinen Schritten. Einer davon war jetzt gerade.
Die Pflegekraft fand Antje übers Büro am nächsten Tag. Gabriele, achtundfünfzig, erfahren in der Betreuung und Mobilisierung, sachlich, herzlich, mit dickem Empfehlungsschreiben. Antje traf sie im Café nahe dem Krankenhaus, klärte alles. Gabriele hörte zu, stellte die richtigen Fragen nach Charakter, Depressionen, Schmerzempfinden, Angehörigen, die vorbeischauen.
Familie steht sich oft selbst im Weg, sagte Gabriele. Das ist keine Absicht, sondern passiert einfach.
Ich weiß, nickte Antje.
Bedingungen geklärt, Honorar überwiesen, Sigrid informiert. Die protestierte zuerst, Viktor wolle doch Familienbesuch, doch Antje blieb höflichbestimmt, was für sie selbst schon ein Fortschritt war. Früher hätte sie nie unterbrochen oder wäre laut geworden; diesmal war es entspannt, sachlich.
Sigrid, du kannst gern so oft kommen wie du willst. Gabriele stört dich nicht. Aber ich komme nicht. Mein Leben muss nicht für fremde Umstände umgebaut werden.
Sigrid schwieg, dann sagte sie leise:
Ist in Ordnung.
Einfach in Ordnung. Keine Schuldvorwürfe. Keine Tränen. Vielleicht war auch sie einfach erschöpft. Vielleicht verstand sie tief drinnen, dass Antje recht hatte.
Gudrun rief selbst an nach einer Woche. Ihre Stimme klang anders, älter.
Antje, Gabriele ist wirklich nett. Viktor kommt zurecht mit ihr. Vielen Dank, dass du das geregelt hast.
Bitte, Gudrun.
Melde dich trotzdem ab und zu. Nur mal hören lassen.
Antje versprach nichts, wünschte freundlich einen guten Abend und steckte das Handy in die Schürze. Sie stand in der Werkstatt, wie meist. Wie man loslässt, würde man sie fragen indem man einfach weiterlebt. Ohne große Gesten. Morgens aufstehen, die Arbeit tun, die man liebt. Die toxischen Verwandten und Ex-Ehemänner verschwinden nicht plötzlich. Sie sind einfach nicht mehr Mittelpunkt.
Der Winter kam früh jenes Jahr. Schon im November lag Schnee, und Antje merkte überrascht, dass sie den Winter jetzt mochte. Früher mochte sie ihn nicht. Oder besser: Sie hatte nie darüber nachgedacht. Wintergefühle kamen nicht vor, solange Viktor mit anwesend war, immer über Kälte klagte, über sein Rheuma, über heißem Tee, der zur festen Zeit serviert werden musste. Jetzt konnte sie einfach aus dem Fenster schauen und denken: schön.
Im Dezember wurden es mehr Aufträge. Weihnachtssträuße, Firmenpräsente, Tischarrangements. Antje stellte eine Hilfskraft ein, ein Mädchen namens Lore, dreiundzwanzig, Studentin auf Fernkurs, fröhlich, blitzschnell, manchmal zerstreut, aber lernfähig. Die Zusammenarbeit lief gut. Antje lehrte sie, die Blume nicht als Ware, sondern als Material, wie ein Maler die Farbe, zu sehen. Lore hörte aufmerksam zu, gab manchmal großartige Straußideen, die Antje staunen ließen.
Woher hast du das? fragte sie einmal.
Ich schaue halt die Menschen an, die was kaufen wollen, zuckte Lore. Und stell mir vor, welcher Blume sie ähneln oder der, dem sie schenken wollen.
Antje sah sie an.
Guter Ansatz.
Von Ihnen gelernt. Sie sagten doch selbst: Der Strauß soll lebendig sein.
Antje erinnerte sich nicht mehr daran, aber vermutlich hatte sie das so gemeint.
Januar, Februar. Das Leben lief einfach weiter. Antje meldete sich zu einem Floristikkurs an, obwohl Lore meinte, sie müsse wirklich nichts mehr lernen. Antje meinte, lernen könne man immer, aus Interesse, nicht aus Notwendigkeit. Das war neu für sie früher tat sie nur, was nötig erschien oder andere verlangten.
Für sich zu leben klingt ausgesprochen egoistisch, wenn man es laut ausspricht. In Wahrheit ist es: Floristenkurs, abends mit dem Buch im Sessel ohne Kommentare, dass sie zu lange liest, samstags mal einen Ausflug in die Nachbarstadt, einfach weil sie alte Architektur liebt, auch wenn sonst nie jemand das geteilt hatte.
Im Februar rief Sigrid an. Viktor machte Fortschritte. Stand nun auf Krücken. Gabriele arbeitete systematisch, ohne Drama, wortkarg. Das freute Antje reine, ehrliche Freude, ohne jeden Groll. Einfach: Es ist gut.
Der März kam mit Tauwetter, ersten Frühlingsbouquets: Tulpen, Hyazinthen, Anemonen. Antje mochte diesen Wechsel, wenn Baumwolle und Eukalyptus den kräftig-farbigen Sträußen weichen.
Genau im März kam er.
Antje stand an der Werkbank und verpackte einen bestellten Strauß gelb-weiß, Narzissen und Kamille, schlicht und wahrhaftig. Die Tür öffnete sich, ein Mann trat ein. Sie hob nicht gleich den Kopf; die Hände waren voll mit Band.
Guten Tag, sagte sie.
Guten Tag, antwortete er.
Die Stimme. Sie erkannte sie, bevor sie den Kopf hob. Ruhig, ein bisschen müde, aber warm.
Andreas Mertens stand im Eingang, sah sich um, als spüre er bereits Vertrautes. Kein Kittel, dunkler Mantel, schmaler Schal. Keine Patientenakte.
Sie, sagte Antje.
Ich, bestätigte er.
Kurze Pause. Lore war nicht da vermutlich im Lager nach Geschenkpapier suchen. Sie waren allein.
Herr Becker ist vor zehn Tagen entlassen worden, sagte Andreas. Wird zuhause von derselben Pflege betreut. Der Heilungsverlauf ist gut.
Ich weiß, sagte Antje. Sigrid hat geschrieben.
Richtig. Er zögerte kurz, das bemerkte Antje. Ich bin hier vorbeigekommen. Nein, eigentlich nicht zufällig. Um ehrlich zu sein, ich kam gezielt. Ich habe Ihren Laden online gesucht. Der Name blieb mir im Kopf. Stielwerk.
Antje legte das Band beiseite.
Wollen Sie Blumen kaufen?
Ja. Und vielleicht nicht nur.
Stille. Es roch nach Hyazinthen und frischer Erde.
Was möchten Sie genau? fragte Antje.
Er trat zum Blumenständer und betrachtete die Anemonen. Violett, dunkelrot, weiß mit schwarzem Herz.
Die, bitte. Drei Stück? Oder lieber fünf?
Immer ungerade, sagte Antje. Drei oder fünf. Für wen?
Das weiß ich noch nicht. Er sah sie an. Vielleicht helfen Sie mir bei der Wahl.
Antje nahm drei, fügte dann zwei dunkelrote dazu.
Fünf. Die halten gut zusammen.
Sie begann zu packen. Ihre Hände erledigten das routiniert. Feuchtes Papier, Schleife.
Antje, sagte er.
Ja?
Verzeihen Sie die Direktheit. Ich kann nicht anders.
Dann seien Sie direkt, sagte Antje, ohne vom Strauß aufzublicken.
Ich würde Sie gerne wiedersehen. Nicht im Krankenhaus, nicht wegen irgendeiner Sache. Sondern einfach so. Im Café, im Theater wenn Sie Theater mögen. Oder einen Spaziergang, wenn Sie innenräumen lieber meiden. Vielleicht seltsam, aber erwachsene Menschen können ja offen sprechen, ohne so zu tun, als kämen sie nur wegen der Blumen.
Antje hob den Kopf.
Er sah sie ruhig an. Ohne Druck. So, wie jemand schaut, der etwas Wichtiges sagt und Zeit lässt.
Wie lange haben Sie das vor? fragte sie.
Drei Monate etwa. Damals im Flur, als Sie organisiert haben, was für die Pflege nötig ist.
Antje erinnerte sich an den Flur. Krankenfenster, kahle Bäume.
Ich war damals noch rechtlich verheiratet.
Ich weiß. Deshalb hab ich gewartet.
Draußen war der März in vollem Gange. Der Schnee fast weg, am Straßenrand graue Reste. Spatzen stritten sich an der Bank. Die gelbe Laterne leuchtete, obwohl es Tag war.
Ich weiß nicht, sagte Antje.
Was genau wissen Sie nicht?
Wie das geht. Achtzehn Jahre Ehe, ein Jahr Loslassen, ans Alleinsein gewöhnen. Keine Ahnung, wie danach
Ehrlich, ich weiß es auch nicht, sagte Andreas. Ich bin seit sechs Jahren geschieden. Tochter, siebzehn, bei der Mutter, Kontakt freundlich. Erst hab ich mich in Arbeit gestürzt, dann gelernt, nachzudenken. Dann gemerkt, vielleicht kann man auch einfach leben.
Lore kam aus dem Lager, Geschenkpapier in der Hand. Sah den Kunden, lächelte.
Frau Nielsen, soll ich helfen?
Danke, Lore, ich mache das.
Lore verschwand bewusst, obwohl sie eigentlich Papier holen wollte.
Antje reichte Andreas den fertigen Strauß. Er nahm ihn.
Was kostet das?
Einen Moment, sagte sie.
Er wartete.
Antje sah die Anemonen in seinen Händen. Fast schwarze Mitte, samtige Blätter. Sie mochte Anemonen immer sie ähneln ein wenig dem Mohn, aber diskreter. Sie schreien nicht, aber verstecken sich auch nicht.
Blumengeschichte, dachte sie. Ihr Leben war um die Blumen gebaut, in diese Zuflucht vor dem Schmerz hatte sie sich eingerichtet. Sie hatte sich darin gefunden. Und jetzt ein Mensch, der leise, ohne Anspruch, hineintritt. Einfach da ist, ehrlich ist. Anemonen in der Hand, auf eine Antwort wartend.
Gut, sagte Antje.
Er hob die Augenbraue.
Gut im Sinne von?
Theater. Ich war schon ewig nicht im Theater.
Andreas lächelte, jetzt ehrlich.
Das freut mich.
Nur nicht heute. Ich habe noch drei Bestellungen.
Natürlich, kein Problem. Freitag? Oder Samstag?
Samstag, sagte Antje.
Sie nannte den Preis. Er zahlte, steckte das Rückgeld ein und blieb noch stehen.
Antje, darf ich fragen Sie machen das schon lange mit den Blumen?
Das Geschäft gibts seit einem Jahr. Aber Blumen mein Leben lang. Früher bloß als Hobby jetzt als Arbeit.
Schön, wenn das Hobby zum Beruf wird.
Ja, sagte sie. Das ist es.
Er nickte, schob die Blumen anders, ging zur Tür. Drehte sich am Schwellenrand um.
Bis Samstag, Antje.
Bis Samstag, Andreas.
Er schmunzelte.
Andreas.
Bis Samstag, Andreas.
Die Tür fiel zu. Antje blieb stehen und sah zu, wie er die Straße entlang ging, an der Bank, an den Spatzen, über deren Grund sie stritten, vorbeilief. Mantel, Schal, Anemonen in der Hand. Kein Umdrehen.
Lore tauchte sofort aus dem Lager auf.
Frau Nielsen, wer war das? fragte sie auffällig unoffiziell und wirkte dabei unsicher.
Ein Kunde, sagte Antje.
Ein Kunde, der fünfzehn Minuten geplaudert hat?
Lore.
Was denn?
Wickel bitte die Chrysanthemen für Frau Meier. Sie kommt um vier.
Lore trabte davon und war zufrieden, noch etwas zu sehen bekommen zu haben. Antje widmete sich wieder der Arbeit. Ihre Hände machten das Gewohnte, das Geliebte. Papier raschelte, Wasser tropfte ins Eimer, Hyazinthen dufteten.
Samstag. Es blieben vier Tage. Vier normale, voller Aufträge und Lieferungen, Lores Fragen und Anruf beim Lieferanten wegen Pfingstrosen. Vier Tage, wie irgendeine andere Woche jenes ruhigen, selbst verdienten Jahres.
Antje dachte nicht ständig an Samstag. Sie arbeitete. Manchmal, wenn sie allein war und die Blumen schweigend warteten, erinnerte sie sich an das Gespräch. Nicht Wort für Wort. Nur an: die ruhige Stimme, die Anemonen, bis Samstag, Andreas.
Erwachsene, hatte er gesagt, können offen reden.
Vielleicht stimmts.
Was Samstag bringen würde, wusste sie nicht. Ob sie beide gern Zeit verbringen würden, ob sie über Leben reden konnte, nicht nur über Krankheit und Vergangenheit. Ob sie ihn nochmal treffen wollte. Nur eins war klar: Diese Entscheidung traf sie allein. Nicht Gudrun, nicht Viktor, nicht Schuld und nicht die Angst vor dem Alleinsein. Sie.
Es war ein neues Gefühl: Nicht berauschend, kein Hochgefühl, wie es in Romanen steht. Eher fest, wie wenn man vom Schnee auf festen Asphalt tritt.
Freitagabend, Werkstatt zu, Lore weg. Antje stellte einige Anemonen aus der Lieferung in eine Vase am Fenster, neben die Kasse, dort, wo immer etwas nur für sich steht, nicht zum Verkauf.
Sie betrachtete sie.
Gut zusammen, hatte sie über die fünf gewählt.
Das stimmte.
Sie löschte das Licht und ging nach Hause. Morgen war Samstag.
Samstag kam um acht, grauer Himmel, Kaffeeduft aus der Maschine, die Antje sich vor einem halben Jahr gegönnt hatte Viktor hätte das nie gutgeheißen, zu teuer, unnütz. Unnütz eines dieser Eheworte, wie Unkraut, das alles andere zu ersticken droht: warum, will ich, gefällt mir, mache ich.
Sie trank Kaffee am Fenster. Nasskalte Dächer, eine Taube auf dem Sims, ein Wagen umging vorsichtig eine Pfütze.
Das Handy lag auf dem Tisch. Eine Nachricht war schon vor einer Stunde gekommen, als hätte jemand früh entschlossen geschrieben:
Guten Morgen. Theater fängt um sieben an. Essen vorher oder soll ich kommen? Andreas.
Antje las, bemerkte ein fehlendes e: Guten Morgen. Sie lächelte.
Sie antwortete:
Guten. Essen gern vorher. Sechs?
Abgeschickt. Handy zurückgelegt.
Kaffee ausgetrunken.
Draußen begann der März seinen Tag. Es tropfte von den Dächern, der Wind ging, ein Spatz verscheuchte die Taube. Die Stadt erwachte, ungerührt von fremden Samstagen und Anfangsschritten. Die Stadt spürt nicht, wenn Menschen wichtige Dinge tun. Sie bleibt einfach bestehen.
Das Handy blinkte. Ein Wort:
Passt.
Antje stand auf, spülte die Tasse, zog die Schürze an. Bis zum Abend waren es noch acht Stunden, die Werkstatt musste erst noch geöffnet werden. Sie nahm die Schlüssel.
An der Tür sah sie noch einmal in die Wohnung: hell, klein, mit Anemonen im Glas auf der Fensterbank, seit gestern einige extra mitgenommen. Es war ihre Wohnung. Ihre Kaffeemaschine. Ihr Glas mit Blumen. Ihr Samstag.
Sie trat hinaus.
Die Tür schloss sich leise hinter ihr, so wie sich etwas schließt, das wirklich abgeschlossen ist.
Als sie zwanzig vor sieben am Café ankam, wartete Andreas bereits. Er stand etwas entfernt, schaute ins Handy, steckte es aber gleich weg, als er Antje entdeckte. Dunkler Mantel, derselbe Schal. Diesmal ohne Blumen.
Guten Abend, sagte er.
Guten Abend, antwortete Antje.
Sie sahen sich an. Zwei Sekunden, nicht mehr. Zwei Erwachsene auf einer feuchten Märzstraße, die kamen, weil sie es selbst wollten. Nicht, weil sie mussten. Nicht, weil sie nicht anders konnten. Sie wollten es.
Sollen wir? fragte Andreas.
Ja, sagte Antje.
Und sie betraten das Café.





