Ninels drittes Auge – Geheimnisse und Visionen einer deutschen Hellseherin

Donnerstag, 14. März, Hamburg

So oft wie in letzter Zeit habe ich noch nie über Kollegen und Büroalltag nachgedacht. Unser Vertriebsbüro von Technokauf im stickigen Souterrain eines Altbaus kaum Fenster, immer ein bisschen zu warm vom Gebläseheizer, und Kaffee- und Parfümschwaden, die sich mit Gerüchten dichter vermischen als der Rauch in einer norddeutschen Hafenkneipe. Die Arbeit ist meist monoton: Anrufen, Lieferscheine schreiben, Tee trinken, ab und zu ein privates Gespräch, bei dem mehr gelacht wird als über das, was auf dem Bildschirm steht.

Eigentlich wäre es eintönig, wenn wir nicht Irma Paulsen hätten. Irma ist unser Wirbelwind, sticht allen die Show und manchmal ist sie das Gewitter über uns. Eine Frau Mitte Fünfzig, künstlich rot gefärbte Haare, frisiert in winzig kleine Locken, so viel Modeschmuck, dass sie bei jedem Schritt klimpert wie ein Weihnachtsbaum auf dem Hamburger Dom.

Irma ist überzeugt, das Leben meint es schlecht mit ihr. Mann weg, Sohn faul auf der Tasche, das Gehalt eines Sachbearbeiters reicht nie. Aber seit ungefähr einem Jahr, seit sie bei irgendeiner Heilerin im tiefsten Harz war, ist sie wie ausgewechselt angeblich habe sich bei ihr ein Kanal geöffnet.

Ich sehe jetzt alles, Mädels, flüstert sie dann mit verschwörerischer Stimme. Die Oma sagte, Irma, du bist ein Medium. Ich sehe jetzt durch Menschen hindurch wie mit Röntgenaugen.

Anfangs fanden wir das alle nur lustig. Wenn sie Ines, unsere stets diätende Buchhalterin, von der Seite musterte: Ines, deine Leber meldet sich! Ich spüre es. Ines lachte dann immer: Lass meine Leber in Ruhe, Irma. Aber Irma wollte Aufmerksamkeit, brauchte Publikum.

An diesem Morgen betrat Irma das Büro besonders bedeutungsschwanger. Sie hängte ihr glänzendes Steppmantel ordentlich an die Garderobe, rückte ihre riesige Spinnenbrosche zurecht und setzte sich schweigend an ihren Platz. Ihr Blick ruhte auf Gudrun Schirmer, unserer Abteilungsleiterin strenge Frau, zuverlässig, für die jeder Handschlag zählt.

Gudrun hob den Kopf nicht vom Bildschirm: Wat is, Irma? Was glotzt du so?

Irmas Stimme wurde leise und eindringlich: Gudrun, verzeih mir, aber ich kann nicht schweigen. Ich sehe etwas. Einen Unfall, Gudrun. Auf der Autobahn. Dein Golf Totalschaden. Blut, ganz viel Blut. Pass bitte am Wochenende auf, wenn du fährst.

Das Büro war wie erstarrt. Nur der alte Kühlschrank brummte in der Ecke. Gudrun schob langsam die Tastatur weg und fixierte Irma mit einem Blick, den ich nicht abbekommen möchte.

Irma, du Orakel. Wenn ich noch einmal was über meine Familie oder mein Auto höre, dann gibts bei dir keine Energie mehr dann gibts nur noch einen Arschtritt durch’s Fenster. Kapiert? Zur Arbeit, jetzt!

Irma zog beleidigt die Lippen zusammen und starrte in ihre Unterlagen. Zehn Minuten später hatte sie ihr Ziel gewechselt Lisa, unsere Neue.

Lisa Möller, unsere 23-jährige Kollegin, die seit ein paar Monaten im Vertrieb ist: blond, Haare meistens ungekämmt, Gesicht noch kindlich rund, im siebten Schwangerschaftsmonat und so vorsichtig, dass man meint, sie könnte bei jedem Schritt umfallen. Ihr Mann fährt LKW, ist selten da. Lisa wartet jeden Tag auf den Anruf, dass sie ihn holen kann, wenns losgeht. Wir alle mögen sie, behandeln sie wie die Kollegin, die noch viel lernen darf, und legen regelmäßig Kekse auf ihren Tisch.

Kaum war Gudrun für eine Raucherpause draußen, trat Irma wieder in Aktion:

Lisa, komm mal her, ich hab über dich nachgedacht heute.

Lisa zögerte, sie wollte einer älteren Frau nicht vor den Kopf stoßen und setzte sich.

Was ist, Irma?

Keine Angst, mein Schatz. Irma griff nach Lisas Hand, schloss die Augen. Da ist ein rosarotes Licht um dich, wunderschön. Aber ein dunkler Fleck darin, ein Strudel, ganz schwarz, Lisa. Direkt um deinen Bauch.

Lisa entzog schnell ihre Hand, das Gesicht mit roten Flecken übersät.

Was reden Sie da? Warum sagen Sie sowas?

Ich sag nur, was ich sehe. Es wird schwer mit der Geburt, sehr schwer. Die Ärzte können das Baby nicht retten, das spüre ich. Bereite dich vor, trag ein Kreuz, zünde eine Kerze in der Kirche an.

Alle waren fassungslos. Lisa brach in Tränen aus, umklammerte ihren Bauch, als müsse sie ihn schützen.

Wie können Sie sowas sagen Sie sind böse!

Nein, ich bin ehrlich, schnappte Irma.

Ines warf wütend einen Aktenordner auf den Tisch: Irma, hast du einen an der Waffel?! Willst du, dass sie hier zusammenklappt?

Irma zuckte die Schultern: Ich wollte nur warnen. Hätt sies abgetrieben, als es noch ging, jetzt ists zu spät. Jetzt regelt das Gott.

Das brachte Lisas Fass zum Überlaufen. Ihre Augen funkelten, sie richtete sich auf.

Wissen Sie was, Irma ich hab neuerdings auch Begabungen. Mein drittes Auge hat sich geöffnet, wie bei Ihnen. Schwangere haben das oft, wir sehen Sachen. Und wenn ich Sie jetzt so ansehe, sehe ich Sie ganz alt, Irma. Sie werden mindestens neunzig.

Irma wollte gerade erleichtert nicken, als Lisa eiskalt fortfuhr: Aber Ihr Sohn Ihr Basti sieht nicht gut aus. Und das, was ich über ihn sehe, ist schlimmer als Ihr schwarzer Strudel Er stirbt jung, durch Dummheit, keine Enkel für Sie, niemand bleibt Ihnen. Sie enden allein.

Irma kreischte, ihre Spinnenbrosche hüpfte auf der Brust: Du Monster! Du verfluchst meinen Basti! Dafür bring ich dich um!

Sie sprang auf, Ines, Gudrun und die halbe Firma traten dazwischen. Gudrun packte Irma an den Arm. Ruhig, beide! Sonst gibts Konsequenzen!

Irma schluchzte, wischte verschmierte Wimperntusche von der Wange: Hast du das gehört, Gudrun?! Sie verflucht meinen Basti! Ich krieg gleich ein Herzinfarkt! Wie kann so ein Mensch leben?!

Und du? Gudrun sah Lisa an.

Lisas Stimme war brüchig, aber fest: Sie hat mir den Tod meines Kindes gewünscht. Weil sie an den Tod ihres Sohnes glaubt, finden Sie das gerecht? Ich hätte lieber gar nichts gesagt.

Es wurde gestritten. Oksana, Irmas Schatten, polterte: Lisa ist böse, schwanger und aggressiv. Über Basti darf keiner sprechen!

Viktor, der IT-Opa: Die eine Gans war die erste, die andere ist halt nicht besser. Heimchen gegen Henne.

Die Lautstärke stieg. Gudrun donnerte: Schluss jetzt! Arbeiten! Ruhe!

Irma schmollte, Lisa zitterte, die Stimmung war eisig. Nach dem Streit versuchte Ines Lisa zu beruhigen. Willst du heim?

Nein Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Was, wenn ichs verschrien habe? Ich schäme mich. Lisa atmete flach; Gewissensbisse nagten an ihr.

Ines zuckte die Schultern: Sie hat zuerst geschossen. Jetzt hat sie ihr Echo. Und Basti stirbt garantiert nicht an deinem Satz. Im Zweifel verhungert er, wenn Mama nicht zahlt.

Irma telefonierte laut mit Basti: Du gehst heute nicht aus dem Haus, verstehst du? Ich überweise dir Geld für Pizza, bleib drinnen!

Die Männer kicherten: Bestell besser auch noch eine kugelsichere Weste!

Gudrun nickte Lisa zu, sie folgte ihr ins Besprechungszimmer.

Was ist passiert, Lisa?

Irma sagte, ich solle abtreiben zu spät. Dann ihre Vorhersage. Ich war weich und wütend. Ich wollte nicht, dass sie Ich habe einfach zurückgegeben, was sie mir wünschte.

Gudrun seufzte, öffnete das Fenster zum Rauchen: Du bist doof gewesen, ja. Sie doppelt. Sie wird dich nicht in Ruhe lassen. Und Oksana und andere tratschen gern. Deine Worte bleiben hängen, ihre gehen unter. Weil es bei ihr normal ist, bei dir nicht.

Lisa weinte still. Gudrun klopfte ihr auf den Arm: Beruhig dich, das Leben deines Kindes steht über allem. Geh heim, sag Kreislauf, ich decke dich.

Im Flur lauerte Irma. Du gehst? Hat dich dein Gewissen eingeholt, was? Mein Basti bleibt am Leben, ich kauf ihm einen Rosenkranz, während dein Brut nichts wird. Ich kann nicht nur sehen, ich kann auch machen vergiss das nicht!

Lisa blieb stehen, Blick fest und eiskalt: Irma, lassen Sie mich in Ruhe. Sie brauchen Hilfe.

Du brauchst Hilfe, warte nur ab!

Erst an der frischen Hamburger Luft konnte Lisa richtig durchatmen. Schuld und Bitterkeit bleiben an ihr hängen und die Angst, dass am Ende immer die trifft, die sich verteidigen.

Am nächsten Tag war das Büro gespalten. Irmas Lager Oksana und ein, zwei Frauen vom Einkauf sprachen demonstrativ nicht mit Lisa, hielten Irma den Rücken frei, zündeten in der Pause heimlich Kerzen an. Irma jammerte lautstark, sie habe in der Kirche für Basti gebetet, und der Pastor habe ihr bestätigt, dass auf Schwangere eine große Verantwortung läge ihre Kindheit werde durch ihre Zunge gefährdet.

Ines hielt nicht mehr durch: Irma, reichts jetzt? Erinnerst du dich, was du über Lenas Mann gesagt hast? Sie hätte sich fast aus dem Fenster gestürzt! Oder Vitos Beinbruch, den du schon Wochen vorher ‘gesehen’ hast? Wozu machst du das?!

Ich sehe es eben! Ich bin nicht schuld!

Gudrun betrat den Raum gerade, als Ines damit fertig war.

Irma Paulsen, der Mann von Lisa hat gedroht zu klagen: Androhung von Schädigung und seelische Grausamkeit. Wir alle sind Zeugen. Pack bitte deine Sachen. Der Geschäftsführer weiß Bescheid, spätestens bis Feierabend ist Schluss für dich. Für alles weitere sprich mit dem Anwalt.

Irma wurde kreidebleich, ihre roten Locken leuchteten unsäglich grell auf ihrem Kopf. Sie wollte noch was sagen, aber niemand hörte hin. Oksana wandte sich ab. Nie habe ich Irma so einsam gesehen.

Beim Rausgehen rief Ines ihr nach: Irma, lass dich behandeln! Ich spüre da was Dunkles Ärzte werden nicht helfen!

Ein spöttisches Grinsen raunte durchs Büro, dann war es still. Gudruns Blick war müde. Wir müssen arbeiten. Fünf Minuten, dann will ich nur noch Telefone hören. Diskussionen ab sofort draußen!

Am Nachmittag kam ein Anruf von Lisas Mann Niklas. Gudrun sprach lange, wurde immer ruhiger, dann kam sie lächelnd raus: Alles wird gut die Klinik entlässt Lisa morgen, Baby in Ordnung. Strenge Bettruhe, Niklas holt sie ab und bedankt sich für die Unterstützung. Für Irma nun gut, Grüße hat er nicht ausrichten lassen.

Oma Bärbel, die Putzfrau, bekreuzigte sich: Gott sei Dank jetzt hoffe ich, bei euch ist endlich Ruhe.

Abends saßen noch Ines, Viktor und ein paar andere zusammen.

Ich habe Irma so gehasst, meinte Ines plötzlich leise zu Gudrun. Jetzt tut sie mir fast leid. Sie hat doch gar nichts außer ihrem Vaterkomplex, dem Sohn und der Job war ihr einziger Halt. In dem Alter, mit dem Charakter wer stellt sie ein?

Gudrun legte die Stirn in Falten. Solche wie Irma sind arm dran, weil sie nicht anders können. Sie brauchen Drama. Nur auf Kosten anderer können sie sich besser fühlen.

Ines nickte. Vielleicht. Trotzdem fühlt es sich falsch an. Ich gehe besser heim.

Freitag, 15. März

Wir haben Lisa besucht, mit Kuchen und ein paar Blumen. Die Stimmung war vorsichtig, aber voller Hoffnung. Irma wurde nicht mehr erwähnt. Manchmal fragt einer, warum die rothaarige Irma nicht mehr da sei dann sagen wir nur: Sie hat ihr drittes Auge geöffnet. Und wir haben die Tür geschlossen.Über das riesige Fenster der Station fiel goldenes Licht, glitzerte auf Kuchenkrümeln und strich Lisa übers Gesicht, die plötzlich leise lachte: Vielleicht haben wir von Irma auch was gelernt. Nicht alles zu glauben, was einer sagt, nicht alles zu fürchten, was im Raum steht. Heute legen wir alles im Licht ab und lassen die Schatten draußen.”

Ines prostete ihr mit dem Tee zu. Und vielleicht kontrollieren wir die Kaffeemaschine jetzt selbst. Nicht, dass noch einer reinkommt und ‘Kanal’ ruft, während du deine Ruhe brauchst. Die Gruppe lachte laut und erleichtert.

Viktor stand am Gang, Taschenlampe in der Hand, zwinkerte und rief: Also, falls noch jemand seine Zukunft wissen will: Ich sehe Spülmaschine ausräumen und Bonus am Monatsende! Sie kicherten, und für einen Moment war das Büro so leicht wie selten.

Als abends die Tür ins Schloss fiel, blieben Wärme und der Nachhall ihres Gelächters zurück. Was draußen, auf dem dunklen Gehweg, zwischen Laternen und Hafenwind, mit Irma geschah, wusste keiner. Vielleicht war sie irgendwo unterwegs mit ihren Geistern, einer Plastiktüte Modeschmuck und dem Wunsch, doch irgendwie gesehen zu werden.

Aber in jenem Souterrain war der Spuk vorbei. Hier hatten sie gelernt: Das Einzige, was wirklich bleibt, ist, wie man miteinander umgeht und das lässt sich besser gestalten als jede dunkle Vorhersage.

So wurde in Hamburg, einen Atemzug lang, aus all dem Gerede und Streit ein Stück Verzeihen, viel Hoffnung und ein leiser Schwur: Niemandem soll Angst gemacht werden, nicht mehr. Nicht bei Technokauf, und am allerwenigsten unter Kollegen.

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Homy
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Ninels drittes Auge – Geheimnisse und Visionen einer deutschen Hellseherin
Das Herz eines Vaters