Vor einem Monat hat mein Sohn zum zweiten Mal geheiratet. Seine neue Frau brachte ihre dreizehnjährige Tochter mit Amelie, ein wunderschönes, lebhaftes Kind. Sie kam für eine ganze Woche zu ihrer neuen Oma aufs Land.
Bevor Amelies Mutter abreiste, flüsterte sie mir beim Abschied zu:
Amelie war noch nie auf dem Dorf. Und ihr Wesen ist nicht gerade einfach, wissen Sie ja schwieriges Alter. Seien Sie ruhig ein bisschen strenger zu ihr. Wenn etwas sein sollte, rufen Sie mich an, ich hole sie ab.
Was heißt denn, wenn was sein sollte? fragte ich verwundert.
Die neue Schwiegertochter lächelte bloß, gab mir einen Wangenkuss, stieg zu meinem Sohn ins Auto, und weg waren sie.
Ameliechen, hol doch mal bitte Wasser, bat ich das Mädchen gleich und reichte ihr den leeren Eimer.
Wasser holen? Wo denn? fragte sie verwundert.
Zum Dorfbrunnen.
Was für ein Brunnen?
Na, der Brunnen halt. Da hinten, gleich beim Hoftor. Da steht ein metallener Hebel. Den Eimer drunter, den Hebel runterdrücken, und dann kommt Wasser raus und das bringst du bitte ins Haus.
Oma Gertrud, im Ernst? Amelie schaute mich mit großen Augen an. Wasser holt man doch aus dem Wasserhahn in der Küche. Ihr habt doch einen Hahn?
Einen Hahn schon, lachte ich. Bloß kommt aus dem seit einer Woche kein Tropfen.
Warum denn?
Weil Karl, unser Monteur vom Dorf, das Wasser abgestellt hat. Irgendein Ventil muss erneuert werden. Bis dahin müssen wir zum Brunnen gehen. Da gibts immer Wasser.
Nee Amelie stellte den Eimer ab. Das mache ich nicht. Wenn es einen Hahn gibt, soll da auch Wasser rauskommen.
Gut, sagte ich, dann musst du dich eben hier waschen. Ich führte sie zur Regentonne unter dem Dachrinnen-Auslauf. Schöpf einfach mit der Hand Regenwasser raus und wasch dich.
Omi, im Ernst? Noch verwunderter schaute sie mich an. In der Tonne schwimmen ja Würmchen.
Das sind Mückenlarven, Amelie. Die tun nichts.
Und Zähneputzen? Auch mit dem Wasser?
Natürlich. Es gibt ja kein Leitungswasser.
Na gut, maulte sie, schnappte sich den Eimer widerwillig und trottete zum Tor.
Nach knapp fünfzehn Minuten kam sie zurück völlig verschwitzt, und im Eimer waren höchstens drei Liter.
Warum hat das so lange gedauert? fragte ich sie.
Ich wusste nicht, wie man den Brunnen bedient. Zum Glück hat mir ein Mann geholfen und es erklärt.
Na siehst du. Ich schüttete das Wasser ins Waschbecken und gab ihr wieder den Eimer.
So, Ameliechen, jetzt brauchen wir noch Wasser zum Kochen fürs Abendessen.
Wie? Dafür braucht man auch Wasser?
Klar! Oder soll ich das aus der Regentonne nehmen? zuckte ich mit den Schultern.
Bloß nicht! rief sie, schnappte sich den Eimer und lief wieder los.
So lief sie fünfmal zum Brunnen, während ich schon mit dem Kochen begann.
Omi, warum wird der Wasserhahn nicht repariert? fragte sie schließlich erschöpft. In München, wenn da was kaputt ist, ruft man an, und eine Stunde später läuft alles wieder.
Ja, bei uns muss man auch melden. Man geht zu Haus Nummer achtundfünfzig in der Nachbarstraße und sagt Bescheid. Aber da, auf deren Leitung, fließt ja Wasser. Deswegen beeilt sich Karl nicht sonderlich.
Und warum gehst du nicht zu ihm und forderst es ein?
Da war ich hundertmal, winkte ich ab. Aber Karl ist immer irgendwo auf dem Feld oder im Stall. Verspricht für morgen, und morgen kommt nie. Er ist halt der einzige Monteur weit und breit.
Hm Sie überlegte. Welche Hausnummer war das?
Achtundfünfzig.
Und wo ist das?
Dort lang, ich zeigte auf das gelbe Haus am Ende der Straße. Was hast du vor?
Ich rede jetzt mal selbst mit eurem Karl.
Bevor ich sie stoppen konnte, war sie schon durch das Gartentor verschwunden. Sie blieb lange weg. Nach einer halben Stunde hielt ich es nicht mehr aus und ging selbst zu Karls Haus.
War meine Enkelin gerade bei euch? fragte ich Karls Frau, Birgit.
Meinst du dieses freche Ding? Sie musterte mich streng.
Warum frech?
Weißt du, was sie gemacht hat? Erst wollte sie Karl sofort sprechen. Dann hat sie ihm ordentlich die Leviten gelesen, er solle gefälligst auch mal an andere denken. Immerhin rennt mein Mann den ganzen Tag für andere herum! Sie hat sogar gedroht, wenn das Wasser heute nicht wieder läuft, zündet sie unseren Schuppen an! Stell dir das vor!
Um Gottes Willen, hat Amelie das wirklich gesagt?
Amelie? Hoffentlich gerate ich nie mehr an so ein Mädchen
Und wo ist sie jetzt?
Woher soll ich das wissen? Wahrscheinlich sucht sie deinen Karl auf dem Feld.
Und er?
Na, mitten in der Ernte, wie immer. Repariert Maschinen, und ich soll mich hier mit Rotznasen herumschlagen.
Ach du meine Güte! Ich rannte los Richtung Feld.
Bis dorthin kam ich nicht denn mir kam schon ein Traktor entgegen. Gesteuert von Karl, und neben ihm saß Amelie mit verkniffenem Gesicht.
Als Karl mich sah, bremste er prompt.
Ist das deine? schrie er über den Traktorlärm, zeigte auf das Mädchen.
Ich nickte hektisch und rief:
Wo bringst du sie hin, Karl? Etwa zur Polizei? Sie ist doch noch ein Kind!
Was für Polizei? rief er zurück. Ich hab doch den Ventil dabei, fahr zu euch zum Wechseln. Sonst läuft eure Kleine ja noch Amok und legt sich vor die Mähdrescher. Sie droht, allen die Räder plattzumachen, falls ich nicht lieber gleich losfahre. Karl brach plötzlich in schallendes Gelächter aus. So lebhafte Jugendliche könnten wir hier auf dem Dorf öfter gebrauchen. In ein paar Jahren hätten wir die Welt ganz neu organisiert! Na, kleine Rebellin, willst du mal den Traktor steuern?
Oh ja! Amelies Augen funkelten.
Na dann, rauf auf den Fahrersitz, ans Lenkrad! Aber nur, wenn du mir fleißig das Werkzeug anreichst!
Abgemacht! rief sie glücklich und griff entschlossen nach dem Lenkrad.
Amelie blieb schließlich ganze zwanzig Tage bei uns, bis zum dreißigsten August. Ihre Eltern konnten sie nur schleppend aus dem Dorf loseisen, und das auch nur, weil zwei Tage später die Schule wieder anfing. Sonst wäre sie bestimmt geblieben im Herbst gibt es hier mehr zu tun, als man schaffen kann.
Am Ende habe ich gelernt: Manchmal muss eine Stadtpflanze erst auf dem Land ankommen, um zu zeigen, wie viel Herz und Eigensinn in ihr steckt. Und wir Älteren sollten den jugendlichen Protest nicht fürchten. Denn ein bisschen Aufruhr tut auch dem ruhigsten Dorf gut.




