Fremde Schuld

Fremde Schuld

Frau Vera Hoffmann, bitte nehmen Sie Platz.

Damals, in jenen Tagen, setzte sich Vera. Der Stuhl war hart, aus Plastik, kalt selbst durch den Stoff ihres Rockes hindurch. Der Raum roch nach Desinfektionsmittel, neutral fast, als würde man die Luft hier regelmäßig von allem überflüssigen, allem Menschlichen säubern.

Ich höre Ihnen zu, sagte sie und vernahm den ruhigen Klang ihrer eigenen Stimme. Nicht so, als spreche sie selbst, sondern als säße jemand neben ihr, ein Beobachter aus der Distanz.

Der Arzt. Dr. Michael Arndt Sommer, zweiundfünfzig Jahre alt, graue Schläfen, Brille mit zartem Rahmen, die Hände akkurat auf dem Schreibtisch gefaltet, beinahe übertrieben ruhig. Vera war all das schon aufgefallen gewesen während der kurzen Sekunden, in denen sie von der Tür zum Stuhl gegangen war. Die alte Ballettgewohnheit, einen Raum bereits mit dem ersten Schritt zu lesen.

Ich habe Ihnen ein paar Fragen zu stellen, sagte er. Sie sind nicht medizinischer Natur. Persönliche Fragen.

Vera spürte, wie sich unter ihrem Brustkorb etwas zusammenzog. Es tat nicht weh, aber es fühlte sich an, als würde sie jemand sanft von innen her zusammendrücken.

Persönlich, wiederholte sie leise.

Genau. Vor einem Monat haben Sie und Ihr Mann in unserer Klinik Tests abgeben. Sie und ihr Ehemann, Konstantin August Berger.

Ja.

Frau Hoffmann, ich möchte, dass Sie verstehen: Ich spreche hier kein Urteil. Ich möchte bloß nachvollziehen, was geschehen ist und weshalb.

Vera betrachtete seine Hände. Ruhige Hände. Sie trommelten nicht, sie blätterten keine Papiere. Sie lagen einfach da.

Was, meinen Sie, ist denn geschehen? fragte sie.

Meiner Auffassung nach, antwortete er langsam, kam es am Tag der Blutabnahme zu einer Verwechslung des Probematerials. Die Blutprobe Ihres Mannes wurde durch die eines anderen Mannes ersetzt. Bei diesem wurde, der Probe nach zu urteilen, Unfruchtbarkeit diagnostiziert.

Stille.

Draußen vor dem Fenster rauschte die Straße. Ein gewöhnlicher Hamburger Herbst, Autos, Stimmen, fern das Klingeln einer Straßenbahn. Weit entfernt, als läge alles hinter mehreren Glasschichten.

Und was gedenken Sie zu tun? fragte Vera.

Dr. Sommer nahm die Brille ab. Ohne sie wirkte er weicher, angreifbarer.

Genau das möchte ich auch Sie fragen, sagte er. Bevor ich irgendetwas unternehme.

***

Es war Oktober. Doch alles begann im Juni, oder eigentlich schon viel früher, wenn sie ehrlich war. Nur im Juni wurde ihr endlich klar, was sie wohl längst geahnt hatte.

Sie war früher nach Hause gegangen als sonst. Kinderballett in ihrer kleinen Tanzschule war eine Stunde früher vorbei gewesen; ein Mädchen, Mia, acht Jahre, blond geflochtene Zöpfe, war von niedriger Höhe gestürzt und hatte geweint. Vera hatte die Gruppe nach Hause geschickt, Mia getröstet und die Mutter benachrichtigt. Alles war gut gewesen, das Kind hatte sich nur erschreckt. Der Tag aber war damit vorbei.

Sie öffnete die Wohnungstür wie immer: leise, aus alter Gewohnheit. Nicht, um jemanden zu überraschen sie bewegte sich einfach immer leise. Dreiunddreißig Jahre darauf trainiert, niemanden zu stören.

Konstantin stand im Wohnzimmer, mit dem Rücken zur Tür, das Telefon am Ohr. Seine Stimme klang selbstsicher und sachlich, so wie immer, wenn es um Partner oder Geld ging.

Nein, Sebastian, ich erklär es dir: Höchstens noch zwei Jahre. Wenn sie in zwei Jahren nicht schwanger ist, lasse ich mich scheiden. Das war von Anfang an Bedingung. Sie wusste es oder hätte es wissen müssen, ist ihr Problem. Ich brauche ein Kind, einen Erben, alles soll normal laufen. Ich werde keine dauerhafte Dekoration finanzieren. Geschäft ist Geschäft.

Vera blieb an der Tür stehen.

Sie bewegte sich nicht. Hätte er sich umgedreht, hätte er eine Frau im Herbstmantel gesehen, die Tasche quer über der Schulter, Wohnungsschlüssel in der Hand. Eine Frau, die einfach steht. Nicht weint, nicht schreit, sondern lauscht.

Später verließ sie die Wohnung leise. Sie nahm die Treppe statt des Aufzugs. Dann ging sie ziellos durch die kalte Hamburger Luft.

Geschäft ist Geschäft.

Dekoration.

***

Sie hatten sich drei Jahre zuvor kennengelernt. Vera war einunddreißig, hatte ihre Karriere am Theater eben erst beendet. Nicht aus Zwang, sondern, weil ihr Körper Genug gesagt hatte. Ihr linkes Sprunggelenk, zehn Jahre lang geschont, hatte endgültig kapituliert. Der Chirurg sagte: Man könne es auskurieren, aber für professionelle Auftritte reiche es nicht mehr. Vera nickte. Bedankte sich. Verließ das Sprechzimmer.

Und stand da, ohne zu wissen, wer sie ohne Ballett war.

Es war eine seltsame Zeit. Nicht schlecht, nur leer. Als hätte man alles Mobiliar aus dem Zimmer geräumt, aber die Wände erinnern sich noch.

Sie begann zu unterrichten. Erst an einer städtischen Schule, dann gründete sie ihr eigenes kleines Studio. Kinderballett, grundlegende Choreographie, Körpergefühl. Mädchen von fünf bis zwölf, hin und wieder ein Junge. Es fühlte sich echter an, als sie erwartet hatte. Zu sehen, wie ein Kind das erste Mal in die erste Position ging und verstand, dass mit seinem Körper etwas möglich war, das es zuvor nicht gekannt hatte das war lebendig.

Konstantin war durch eine der Mütter gekommen nicht geplant. Er holte eine Bekannte ab, die mit ihrer Tochter zum Kurs kam, und Vera stand gerade am Spiegel, richtete einer Schülerin die Haltung.

Später sagte er ihr, er habe sich auf den ersten Blick verliebt. Damals glaubte sie ihm.

Nun wusste sie: Er hatte nicht gelogen. Nur war das, was er Verliebtheit nannte, etwas anderes gewesen. Für ihn war sie ein schönes Objekt in einem schönen Raum, und er beschloss, es besitzen zu wollen.

Konstantin August Berger, achtundvierzig. Erfolgreicher Bauunternehmer. Einer, der Potential sieht, wo andere Brachfläche erkennen. Er rechnete, plante, führte zum Abschluss. Wahrscheinlich hatte er auch bei ihr gerechnet: jung, gesund, kultiviert, repräsentativ. Passend.

Sie selbst hatte ihn auch berechnet wenn sie ehrlich war. Stabilität. Sicherheit. Ein erwachsener Mann, der wusste, was er wollte. Nach Jahren unsteten Künstlerlebens, nach Andreas, schien das wichtig.

Nach Andreas.

Sie dachte selten an Andreas. Mit unterschiedlichem Erfolg.

***

Andreas Klimt war in ihr Leben getreten, als sie fünfundzwanzig war und er achtundzwanzig. Ein Geiger. Nicht weltberühmt, aber ausgezeichnet, einer, der Musik liebte, so sehr, wie man nur etwas lieben kann, das größer ist als man selbst.

Sie waren vier Jahre zusammen. Wohnten in Hamburg-Harvestehude, kleines Apartment zum Innenhof, eine alte Linde stand draußen. Morgens übte er, sie machte ihre Übungen an einer Stange, zusammengebaut aus einem Rohr. Ihr Glück war leise. Wie Kaffeeduft und Geigenklang um acht Uhr früh.

Dann stellte man bei ihm etwas fest. Erst versteckte er es, erst vor ihr, dann vor allen. Später war Verstecken unmöglich. Unfruchtbarkeit ist keine Krankheit, sagte der Arzt, aber in seinem Fall eine Folge eines hormonellen Problems; behandlungsbedürftig, ungewiss.

Vera erinnerte sich an das Gespräch.

Ich kann dir keine Kinder schenken, sagte er. Sie saßen in der Küche, es war spät, draußen regnete es.

Ich weiß, antwortete sie.

Du verdienst Kinder.

Andreas.

Nein, du hast es verdient. Ich kann dir das nicht nehmen.

Sie trennten sich. Nicht weil sie es wollte. Nicht weil er es wollte. Andreas entschied es, weil er richtig handeln wollte. Immer korrekt. Oft war es ärgerlich; häufiger bewundernswert.

Drei Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Über gemeinsame Bekannte wusste sie: Er war nach Berlin gezogen, spielte weiterhin, lebte allein. Über die Krankheit wusste sie nichts Neues.

***

Nach jenem Juniabend lebte Vera einige Tage im Nebel. Ging zur Arbeit, kehrte heim, kochte, antwortete Konstantin, wie er es erwartete: kurz, knapp. Viel gesprochen hatten sie nie. Heute sah sie das anders.

Das Studio war ihr Zimmer. Dort war sie sie selbst. Großer Saal mit Spiegelfront, Holzboden, schon abgenutzt in der Mitte, wo am meisten getanzt wurde. Es roch nach Kolophonium und dieser Wärme, wie sie nur in Räumen vorkommt, in denen Bewegung gelebt wird. Abends kam sie manchmal allein, wenn alles leer war. Dann legte sie Debussy oder Ravel auf und bewegte sich. Für niemanden, für kein Publikum. Nur für sich.

In diesen Abenden dachte sie nach.

Was sie hatte? Eine Wohnung. Einen Ehemann, der versorgte. Ein Auto, das sie nicht mochte, aber das da war. Kleider, die er kaufte oder genehmigte. Restaurants, um repräsentativ aufzutreten. Ein Lächeln, das sie am Theater gelernt hatte.

Was sie nicht hatte. Sie zählte es immer wieder durch. Gespräche. Interesse daran, was sie dachte. Berührungen, die etwas echtes bedeuteten. Das Gefühl, ein Mensch zu sein und nicht Teil der Einrichtung.

Und: Kinder. Die Ärzte sagten: Alles normal, es braucht nur Zeit. Sie wusste, dass das nicht stimmte. Nicht bei ihr. Sie hatte sich untersuchen lassen, kannte sich. Aber etwas passte nicht. Vielleicht lag es nicht an ihr.

Sie wusste es nicht. Fühlte es nur.

Dort, im leeren Saal, musste sie an das belauschte Gespräch denken. Maximal zwei Jahre. Sonst gehe ich, ohne etwas zu hinterlassen. Als verlöre eine Firma einen wertlosen Mitarbeiter.

Geschäft ist Geschäft.

Vera betrachtete ihr Spiegelbild. Dreiunddreißig Jahre. Gerader Rücken, nun Teil ihres Körpers, nicht bloß noch Gewohnheit. Dunkle Haare, hinten gebunden. Müde Augen.

Was würde sie tun?

***

Die Idee kam nicht sofort. Erst war da leise Wut. Dann Traurigkeit. Dann wieder Wut, diesmal eine ruhigere Kälte.

Er wollte sie mittellos zurücklassen. Die Wohnung gehörte ihm. Das Auto auch. Ihre eigenen Ersparnisse waren gering, das Studio schaffte gerade so plusminus null. Ohne ihn würde sie fast bei Null anfangen. Das machte ihr keine Angst daran war sie gewöhnt. Aber es war demütigend. Und ungerecht.

Er würde als Sieger gehen. Fertige Geschichte: Ich habe alles getan, meine Voraussetzungen gestellt, sie hat nicht erfüllt. Ihre Schuld. Unfruchtbar. Meine Schuld? Nein.

An diesem Punkt machte es Klick in ihr.

Was, wenn die Geschichte eine andere wäre? Was, wenn die Schuld bei ihm läge?

Sie dachte an Andreas an seine Diagnose. Sie hatte noch medizinische Unterlagen von ihm, die er einst bei ihr gelassen hatte; sie hatte sie nie entsorgt, sondern in einer Kiste mit Dingen aufbewahrt, die sie nicht brauchte, aber auch nicht fortwarf.

Der Gedanke war moralisch schwer. Aber er war da.

Nach einer Woche fand sie die Kiste, fand die Unterlagen. Sie saß auf dem Zimmerboden und betrachtete das Datum. Fünf Jahre alt. Diagnose, Arztstempel, Unterschrift.

Noch eine Woche verging, ohne dass sie handelte.

Dann meldete sie Konstantin zu einer Untersuchung in einer bekannten Hamburger Privatklinik an. Er war einverstanden, vielleicht sogar erleichtert. Sie schlug Komplettdiagnostik vor, er nickte: Es sei ohnehin Zeit, einen Überblick zu bekommen.

In der Klinik war ein Vorbesuch fällig. Vera kam zwei Tage vor der Blutabnahme unter dem Vorwand, die Zeiten klären zu wollen. Sie fand das Labor, wartete ab, riskierte alles, ihre Hände zitterten.

Sie tauschte die Probe aus. Hinterlegte stattdessen die von Andreas, mitsamt dessen Unterlagen als Beleg”.

Danach ging sie in einen kleinen Park, setzte sich und sah Tauben zu. Sie dachte daran, was sie getan hatte. Dass es Lüge war. Und nicht richtig.

Aber er hatte auch drei Jahre gelogen. Jeden Tag.

***

Die Ergebnisse kamen nach eineinhalb Wochen. Konstantin holte sie persönlich ab, brachte sie mit nach Hause. Beim Abendessen schwieg er, dann sah er nicht auf und sagte:

Es gibt da ein Problem bei mir.

Sie sah auf.

Welches Problem?

Unfruchtbarkeit, sagte er kurz. Sie meinen, angeboren offenbar. Man solle noch mal prüfen, aber das sei das Bild.

Sie schwieg.

Dann bist also nicht du es, sagte er, sachlich.

Also nicht ich, wiederholte sie.

Er nickte, stand auf, ging ins Büro.

Vera blieb zurück. Der Tee in ihrer Tasse wurde kalt, draußen wurde es dunkel. Sie wartete auf etwas. Vielleicht Erleichterung. Oder das Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Aber es war nur still.

***

Dr. Michael Sommer arbeitete seit elf Jahren in jener Klinik. Er war ein guter Arzt. Einer, der bemerkte, was andere übersehen. Nicht, weil er klüger war, sondern, weil er aufmerksam war.

Das Unstimmige fiel ihm erst nach ein paar Tagen auf. Ein kleiner Fehler in den Unterlagen, er hielt es erst für einen technischen Ausrutscher, überprüfte dann und nochmals.

Als sich das Gesamtbild zusammensetzte, wusste er, was geschehen war. Die Probe war vertauscht worden. Und wessen Probe genommen worden war die medizinischen Unterlagen von Andreas Klimt, beigefügt, hätten nie dort sein dürfen.

Er hätte das Gesundheitsamt kontaktieren können. Den Ehemann informieren. Die Frau direkt damit konfrontieren.

Aber er tat vorerst nichts.

Am Ende eines langen Arbeitstages saß er in seinem Büro. Er war lang genug Arzt, hatte Familien in jeder Krise gesehen, gelernt, zu spüren, wann jemand aus Überzeugung, und wann aus innerer Ausweglosigkeit handelt.

Diese Frau hatte nicht aus Nachdruck gehandelt.

Er ließ sich von der Anmeldung Veras Kontaktdaten geben. Schrieb ihr selbst, bat sie um ein Gespräch unter formalem Vorwand.

Da saßen sie dann, sich gegenüber und keiner hatte es eilig.

Warum haben Sie das getan? fragte er schließlich, neutral.

Vera legte die Hände in den Schoß, überlegte.

Er hätte mich verantwortlich gemacht. Hätte mich mittellos zurückgelassen, weil kein Kind kam. Ich wollte, dass einmal nicht ich schuld bin. Dass nicht ich die alleinige Schuldige bin.

Ich verstehe, sagte Dr. Sommer.

Das ist keine Entschuldigung.

Ich will keine Entschuldigung. Ich wollte die Ursache wissen.

Sie sah ihn an.

Sie wollen mich auffliegen lassen, sagte sie.

Noch habe ich nicht entschieden, antwortete er ehrlich. Daher sind Sie hier.

***

Dr. Sommer wusste inzwischen noch etwas. Etwas, das alles schwieriger machte. Eine Woche nach Bekanntgabe der ersten Ergebnisse kam Konstantin Berger selbst in die Sprechstunde. Allein. Er wollte eine zweite Analyse um sicherzugehen.

Dr. Sommer nahm die Probe persönlich, kontrollierte jede Etappe sorgfältig.

Die Ergebnisse des zweiten Tests lagen in seiner Akte. Und sie besagten, was sie eben besagten: Dass Konstantin August Berger, achtundvierzig, tatsächlich, medizinisch nachweisbar, extrem gering fruchtbar war fast null. Nicht wegen eines vertauschten Tests, sondern aus medizinischer Realität.

Ironie des Schicksals, schwer zu übertreffen. Die Frau hatte die Probe ausgetauscht, um Schuld umzulenken aber die Wahrheit war, dass es ohnehin seine Schuld gewesen wäre.

Dr. Sommer dachte einige Tage darüber nach. Dann rief er Vera an.

***

Ihr Mann kam selbst zum zweiten Test, sagte er. Ohne Ihr Wissen.

Vera bewegte sich nicht.

Und?

Das Ergebnis bestätigte: Keine Fälschung, sondern sein medizinisches Ergebnis. Das reale.

Lange Pause.

Sie wollen sagen, sagte sie langsam, dass es wirklich an ihm lag. Die ganze Zeit.

Medizinisch: ja.

Und ich… ich habe etwas vertauscht, aber eigentlich gab es nichts zu vertauschen.

So ist es.

Sie lachte nicht, sie weinte nicht. Sie blickte zum Fenster. Das Oktobergrau draußen, dicht und schwer.

Es ist irgendwie… ihr fehlten die Worte.

Absurde Ironie, bot Dr. Sommer an.

Ja.

Das Leben ist oft absurd, stellte er sachlich fest.

Was passiert jetzt?

Er schlug den Aktendeckel auf. Legte einige Blätter vor sie auf den Tisch.

Es gibt da noch etwas. Ihr Mann scheint etwas geahnt zu haben. Vor drei Tagen kam eine juristische Anfrage seines Anwalts an die Klinik: Er wollte wissen, ob die Unterlagen manipuliert worden seien. Nicht über mich, über eine andere Abteilung.

Vera spürte, wie ihre Hände kalt wurden.

Er weiß es.

Er vermutet es. Er sammelt offenbar Beweise für einen Rosenkrieg.

Dann will er nachweisen, dass ich die Proben vertauscht habe.

Ja.

Dann steht er als Sieger da. Ich als Betrügerin, bekomme nichts.

So sieht es aus.

Sie starrte auf die Unterlagen. Dann fragte sie:

Warum erzählen Sie mir das?

Dr. Sommer nahm die Brille ab. Ohne wirkte er weniger Arzt, mehr Mensch.

Weil Sie eine junge Frau sind, gefangen in einer Lage, die Sie im Kern nicht geschaffen haben. Sie haben einen Fehler gemacht. Einen großen. Aber nicht aus Berechnung oder Bosheit. Das sieht man.

Sie müssen nicht meine Seite einnehmen.

Tue ich nicht. Ich behandle das, was ist.

***

Was darauf folgte, konnte Vera später nicht als Kette von Einzelschritten erzählen. Es verlief wie mehrere parallele Ströme, die sich schließlich kreuzten.

Erster Strom. Dr. Sommer tat, was seine Ethik forderte: Er informierte beide Seiten über das Vorhandensein der zweiten, realen Analyse. Offiziell. An Konstantin, dessen Anwalt und das Archiv.

Zweiter Strom. Konstantin, der Beweise sammeln wollte, vergriff sich im Ton und versuchte über Bestechung eines Assistenten an interne Dokumente zu kommen. Dies flog auf, wurde aber nicht öffentlich. Die so gewonnenen Beweise” waren rechtlich wertlos. Das sagte ihm sogar sein Anwalt: Das kann man nicht vor Gericht verwenden, das schadet nur Ihrer eigenen Sache.

Dritter Strom. Dr. Sommer bat Vera zu einem weiteren Gespräch diesmal nicht allein.

***

Es war ein Freitag, finster noch am Morgen, wie es im Oktober bereits früh zu dämmern beginnt. Vera fuhr zur Klinik. Sie kannte die Flure inzwischen; Linoleumboden, neutraler Klinikgeruch.

Im Büro von Dr. Sommer saß Konstantin.

Sie blieb im Türrahmen stehen.

Konstantin blickte sie an. Anders als sonst. Kein Geschäftsmann, kein sicherer Planer. Sondern nur ein müder Mann im teuren Mantel, auf dem gleichen Plastikstuhl wie sie beim ersten Mal.

Vera, sagte er.

Konstantin, antwortete sie.

Setzen Sie sich, sagte Dr. Sommer neutral.

Sie ging zum zweiten Stuhl, gegenüber von ihrem Ehemann. Kein Blickkontakt.

Ich habe Sie beide gebeten zu kommen, begann Dr. Sommer, weil ich der Meinung bin, dass Sie beide ein Recht auf die Wahrheit haben. Die ganze Wahrheit. Nicht bloß die Varianten, die Sie einander erzählen oder verschweigen.

Konstantin setzte an. Der Arzt unterbrach väterlich:

Herr Berger, Sie kommen noch zu Wort. Erst möchte ich die Fakten schildern.

Konstantin schwieg.

Dr. Sommer redete zwanzig Minuten. Vom ersten Test, von Unstimmigkeiten. Vom zweiten, echten Test. Von den Fehlern des Anwalts, die alle Unterlagen wertlos machten. Sachlich, protokollarisch.

Als er endete, war es so still, dass man draußen leise Stimmen hörte.

Also, murmelte Konstantin, es stimmt. Der zweite Test.

Ja.

Und der erste war…?

Manipuliert, sagte Dr. Sommer. Auch das ist korrekt.

Konstantin wandte sich langsam Vera zu. Schaute lange.

Warum? fragte er.

Sie überlegte. Dann:

Ich habe dein Gespräch im Juni gehört. Mit Sebastian. Wenn kein Kind kommt, lässt du dich scheiden und setzt mich auf die Straße. Deine Worte. Nicht die eines Fremden die über mein Leben.

Er wich nicht aus.

Das war ein Gespräch unter Geschäftsleuten unter Partnern.

Über mein Leben, Konstantin.

Du hättest das nicht hören sollen.

Genau. Aber ich habe zufällig die Wahrheit erfahren über das, was du geplant hast. Ich hatte Angst. Und liefere nun zu, dass ich einen Fehler machte. Ich gestehe es ein.

Er betrachtete sie lange. Etwas arbeitete in seinem Gesicht, das sie in drei Jahren nicht hatte deuten gelernt.

Wärst du gekommen und hättest es mir gesagt, begann er schließlich. Ich hätte…

Was? fragte sie ruhig.

Er antwortete nicht.

Hättest du wie mit einem Menschen gesprochen? Mit mir geteilt, was dich bewegt? Mich gefragt, wie es mir geht?

Stille.

Nein, sagte er schließlich leise. Wohl kaum.

Es war das Ehrlichste, das sie je von ihm gehört hatte.

Dr. Sommer schwieg. Schaute auf die Mappe.

Ich will die Scheidung, sagte Vera. Nicht aus Hass. Nicht, weil du schlecht bist. Sondern weil wir nie Mann und Frau waren. Wir wissen das beide.

Konstantin schwieg.

Die Wohnung, murmelte er dann.

Ich will die Wohnung nicht. Nur, dass du nicht öffentlich die Schuld auf mich schiebst. Keine Schlammschlacht; bloß eine einverständliche Scheidung. Ohne Programme.

Das Wort Krieg dachte sie lediglich.

Und du berichtest nicht, was ich in der Klinik tat im Gegenzug schweige ich über deine eigenen Tricks.

Konstantin sah Dr. Sommer an.

Alles, was hier gesprochen wird, sagte der, bleibt zwischen Ihnen. Wenn beide es so wollen.

Lange Pause.

Gut, sagte Konstantin schließlich.

***

Sie verließ die Klinik gegen halb zwölf. Der Oktobermorgen hatte sich gelichtet, ein zögerndes Sonnenlicht tastete über die Stadt. Sie spazierte langsam, dachte daran, dass sie in ihrer Tasche das Handy trug darin eine Nummer, die sie drei Jahre nicht gelöscht hatte.

Andreas Klimt. Berlin.

Sie fragte sich: Was sage ich ihm? Dass ich seine Diagnose benutzt habe für meine Zwecke? Dass ich drei Jahre nicht angerufen habe, und jetzt tue ich es, weil… ja, weil?

Weil ohne ihn das Leben lautlos war, das wusste sie schon lange. Nicht romantisch. Anders. Als hätte einer den Ton abgedreht.

Vor einem Laden blieb sie stehen, sah sich im Schaufenster. Eine Frau im Mantel, mit Tasche, geradem Rücken, leicht blass. Nichts Besonderes.

Sie wählte seine Nummer.

Er hob beim dritten Klingeln ab.

Vera?

Die Stimme unverändert. Vielleicht etwas tiefer.

Hallo, sagte sie. Ich bins. Kannst du reden?

Ja. Warte, ich geh kurz raus. Schritte, die Tür fällt zu. Jetzt: Was gibts?

Wie geht es dir?

Er zögerte.

Kommt drauf an, meinte er schließlich. Ich lebe. Spiele Musik. Und du?

Ich lasse mich scheiden oder bin es schon, eigentlich. Hab das Verfahren eröffnet.

Klar, sagte er. Einfach so. Ohne Kommentar, wie immer.

Andreas, ich muss dir was erzählen. Es dauert, es ist seltsam, du wirst dich ärgern.

Ärgern über dich? Hat nie besonders geklappt, scherzte er. Versuchs ruhig.

Sie lächelte zum ersten Mal seit Tagen aufrichtig.

Darf ich dich besuchen? In Berlin. Für ein paar Tage. Dann erzähl ichs Auge in Auge.

Lang, ohne peinlich zu sein, überlegt er.

Ja, erwiderte er.

***

Sie ging heim, packte das Nötigste. Konstantin war im Büro, die Tür zu. Sie klopfte nicht. Ließ eine kurze Notiz auf dem Küchentisch: Ich fahre für ein paar Tage weg. Melde mich wegen der Dokumente nächste Woche. Unterzeichnet nur Vera.

Dann zog sie den Ehering ab, legte ihn daneben. Ohne Geste, ohne Groll. Es war einfach nicht mehr relevant. Der Ring war schön Platin, schlank, von Konstantin mit dem Juwelier ausgesucht. Immer leicht zu eng gewesen.

Ohne fühlte sich der Finger seltsam frei.

***

Nach Berlin nahm sie den ICE. Vier Stunden. Sie sah aus dem Fenster: Herbstfelder, kleine Wäldchen, darüber der blanke Himmel. Sie dachte an vieles. An das Studio, an ihre Schülerinnen; an Mia, die keine Angst mehr vor Sprüngen hatte.

Dachte an Konstantin. Nicht wütend, einfach nachdenklich. Er war kein schlechter Mensch im üblichen Sinne kein Schläger, kein offener Beleidiger, kein Fremdgeher. Für ihn waren Menschen Funktionen. Das ändert sich nicht. Das ist Konstruktion.

Dachte an Dr. Sommer. Ein seltsamer Mensch. Ein Arzt, der alles ganz anders hätte lösen können aber es nicht tat. Warum? Vielleicht hatte er seine eigene Geschichte. Vielleicht hatte er einfach genug von endlosen Rabenschwarzen Fällen.

Dachte an Andreas.

Daran, was sie ihm sagen würde. Wie man etwas erklärt, das eigentlich nicht erklärbar ist.

Draußen zog die Landschaft vorbei. Weite wurde zu Wasser, Kanälen, weichem Berliner Licht, leicht milchig. Sie war nie in Berlin gewesen, außer auf Gastspielen. Sie mochte die Stadt. Melancholie lag darin, eine bewusste, die ihr vertraut war.

***

Andreas stand am Bahnhof, sie entdeckte ihn sofort. Groß, wie sie es erinnerte. Vielleicht schlanker, als sie dachte.

Hallo, sagte sie.

Hallo, antwortete er.

Sekundenlang blieben sie stehen, dann nahm er ihr wortlos den Koffer ab. Sie ließ ihn.

Sie gingen durch die Halle, dann auf die Straße. Beide schwiegen. Nicht verkrampft; es gab keinen Zwang, die Stille zu füllen.

Du siehst… begann Andreas.

Gut aus? versuchte sie Ironie.

Müde, gab er ehrlich zurück. Schon klar. War die Fahrt okay?

Ja, hab viel rausgeschaut.

Das hilft.

Du sprichst immer noch so: Das hilft.

Ich tue noch einiges wie früher. Du wirst dich wundern.

Sie bogen auf einen Kanalweg, die Spree zog grau vorbei, Möwen zogen Kreise. Vera blieb stehen, setzte einen Moment ab.

Magst du was essen? fragte Andreas.

Nicht wirklich. Aber Kaffee täte gut.

Komm da vorne ist ein Café, da warst du nie. Kaffee mit irgendwas drin sie sagen nicht, was. Aber er schmeckt.

Dann los, erwiderte sie.

***

Beim Kaffee erzählte sie die ganze Geschichte. Nicht alles auf einmal. Erst die Ehe, wie sie war. Was sie im Juni gehört hatte. Die Sache in der Klinik. Über die Probe. Sie sprach mehr zu ihrer Tasse als zu Andreas. Am Ende blickte sie dennoch auf.

Er betrachtete sie weder verärgert noch erfreut. Einfach ehrlich.

Du hast meinen Befund benutzt? Ohne zu fragen?

Ja.

Das war nicht gut von dir.

Weiß ich.

Er schwieg. Trank.

Gut, sagte er dann.

Was bedeutet gut?

Dass ich verstehe, warum du es tatest. Dass ich dir keinen Vortrag halte. Am Ende ist alles gut gegangen.

Bist du nicht böse?

Ein wenig, ja. Aber das ist nicht schlimm. Eher traurig, dass du in so einer Lage warst, dass es dir als letzter Ausweg erschien.

Vera schwieg.

Und du? fragte sie. Gesundheitlich?

Er blickte zum Fenster, Regen klopfte.

Es geht auf und ab. Therapie, Anpassung, Geduld. Wahrscheinlich eine Sache auf lange Sicht.

Es tut mir leid.

Mir manchmal auch, aber irgendwann versteht man: Das Leben wird nicht ideal, auch später nicht. Das Leben passiert immer, gerade jetzt. Auch wenn jetzt nicht perfekt ist.

Sie sah ihn an.

Ich habe oft an dich gedacht, sagte sie. Nicht täglich, aber doch.

Ich ebenso, sagte er. An dich. An uns. Ob es richtig war zu gehen.

Und? Was meinst du jetzt?

Er sah aus dem Fenster.

Ich weiß es nicht. Damals wars richtig, glaube ich. Heute? Vielleicht hätte ich bleiben sollen, wir hätten es gemeinsam geschafft. Damals war ich achtundzwanzig, dachte, ich wüsste alles. Heute bin ich achtunddreißig und weiß viel weniger.

Das geht uns allen so, sagte sie.

Er lächelte, schmal. Sie erinnerte sich an dieses Lächeln.

***

Sie blieb vier Tage in Berlin. Übernachtete in einem Hotel nahe seiner Wohnung; ihr Wunsch, den er akzeptierte. Sie trafen sich täglich. Spazierten, redeten, schwiegen manchmal auch. Er zeigte ihr die Spree im Abendlicht, wenn sich die Lichter spiegelten, leicht unwirklich. Sie erzählte von ihrem Studio, den Schülerinnen, von Mia und ihren Zöpfen. Er schilderte vom Orchester, von Kollegen, von jenem Konzert, bei dem mitten im Satz eine Saite riss und trotzdem niemand einbrach.

Am dritten Tag fragte er:

Gehst du zurück nach Hamburg?

Ja, da wartet mein Studio, meine Kinder. Und die Scheidung, amtlich.

Und ich bleibe in Berlin?

Vorläufig. Mein Vertrag läuft noch ein Jahr.

Sie gingen die Promenade entlang, der Abend war kalt, sie schlug den Mantelkragen hoch.

Andreas, sagte sie. Keine Ahnung, was zwischen uns ist. Ich weiß nicht, wohin das geht. Aber diesmal will ich dich nicht wieder verlieren. Nicht so, nur aus Schweigen.

Ich auch nicht, sagte er.

Also: Kontakt halten. Schreiben, anrufen. Wie normale Erwachsene.

Wie normale Erwachsene, sagte er. Einverstanden.

Sie liefen weiter.

Unterrichtest du weiter?

Ja. Das ist echt. Das ist mein Leben.

Bist du gut darin?

Ich glaube schon. Ich liebe es jedenfalls. Wer das liebt, macht es meist gut.

Logisch, sagte er.

Und du? Liebst du das Spielen noch?

Jeden Tag.

Sie nickte. Die ehrlichen Antwort war beinahe tröstend.

***

Am vierten Tag, vor der Rückfahrt, saßen sie nochmals im Café mit dem besonderen Kaffee. Außergewöhnlich hell war das Morgenlicht für einen Berliner Oktober.

Ich muss dir noch was sagen, sagte sie. Die Unterlagen von dir, die habe ich vernichtet damals schon. Sie sind weg, tauchen nicht mehr auf.

Gut, sagte er schlicht.

Du fragst nicht, warum ich sie so lange aufbewahrte?

Er sah sie an.

Weil ichs ahnte. Wie ich deine Nummer behielt, drei Jahre lang.

Sie schwieg. Dann:

Wann kommst du mal nach Hamburg? Beruflich?

Im Dezember ist ein Konzert im Großen Saal. Mit dem Orchester.

Ich komme, meinte sie. Wenn du magst?

Ich würde mich freuen.

***

Dezember lag noch vor ihr. Noch war Oktober. Sie fuhr zurück im ICE, an Fenstern Felder, Wäldchen, Himmel. Diesmal schien das Licht anders, oder kam es ihr nur so vor?

Sie dachte nach, was kommen würde. Die Scheidung. Anwälte, Dokumente. Die Wohnung, in die sie zurückmusste, Sachen holen, ausziehen. Etwas Eigenes mieten. Klein, aber ihr.

Die Kinder im Studio, Mia, die jetzt wieder sprang. Alles, was ihr wirklich gehörte. Das war nicht weg.

Sie dachte an Dr. Sommer. Sie wollte ihm danken. Nicht dafür, dass er sie aktiv schützte, sondern dass er sie als Mensch behandelte. Das war selten.

Sie dachte an Konstantin. Wie es mit ihm weitergehen würde? Er findet wohl eine andere. Junge, passende Frau. Oder auch nicht. Wer weiß Menschen verändern sich selten, aber manchmal geschieht es.

Sie dachte an den Ring, den sie auf dem Küchentisch gelassen hatte. Und wie seltsam, wie leicht das Gehen ohne ihn war.

Sie dachte an Andreas. An sein Ja am Telefon. Dass er ihr wortlos den Koffer abnahm. Sein Lächeln. Die Krankheit, die lang werden würde. Dass sie nicht wusste, wie es werden würde. Niemand weiß es.

Aber sie wusste, sie wollte es wissen.

Draußen rauschten Städte vorbei. Dann Wald, schon fast novemberkahl, obwohl eigentlich noch Oktober.

Sie schloss die Augen. Nicht, um zu schlafen. Nur so.

Der Körper erinnerte sich an Ballett. Daran, auf einem Bein Balance zu halten nicht, wenn beide Füße fest auf dem Boden stehen, das ist einfach, sondern, wenn man auf einem Bein steht und die Arme ausbreitet. Man hält sich nicht, weil es leicht ist. Sondern, weil man es kann.

***

Am Montag war sie wieder in ihrem Studio. Die Kinder kamen pünktlich um halb sechs. Mia now mit zwei Zöpfen, ihre Mutter hatte die Schleifen übertrieben. Vera sagte nichts, lächelte beim Ankommen.

Frau Hoffmann, springen wir heute wieder? fragte Mia geschäftsmäßig.

Ja, aber erst Aufwärmen.

Hab schon daheim geübt!

Zuhause zählt nicht geh dich umziehen.

Mia seufzte wie jemand, der die Welt erträgt, und wankte zur Garderobe.

Vera betrat den Saal. Licht an. Die Spiegel zeigten den Raum, den Boden, die Stange, sie selbst in der Mitte.

Sie stand aufrecht, Schultern zurück.

Im Spiegel hinter ihr die Tür, gleich stürmen die Mädchen hinein, laut, ungeduldig, in rosa Trikots, die Haare schon zerzaust.

Sie legte Musik auf. Noch nicht für die Stunde, einfach so. Debussy, Clair de Lune, alte Aufnahme, knisternd.

Sie stand. Dann begann sie die erste Bewegung, langsam, die Arme hoben sich wie von selbst.

Der Körper erinnerte sich.

***

November kam leise. Vera fand eine Wohnung auf der Sternschanze, dritter Stock, die Fenster zum Hof, alte Apfelbäume, längst kahl. Die Vermieterin war eine ältere Dame, sachlich, unbeteiligt.

Sie wohnen alleine? beim Unterschreiben.

Ja.

Gut.

Es waren wenige Dinge. Kleidung, Bücher, ein paar Utensilien vom Studio. Die Schachtel, in der Andreas Unterlagen gewesen waren jetzt lag anderes darin, Fotos, ein altes Programmheft mit ihrem Namen, vom ersten Jahr in der Compagnie.

Die Scheidung lief über Anwälte, Konstantin hielt sich an die Abmachung, keinen Skandal. Die Wohnung nahm sie nicht. Sie nahm nur, was ihr gehörte. Das Auto bot er an, vielleicht aus Schuldgefühlen. Sie lehnte ab. Es war nie ihres gewesen.

Sie sahen sich nicht mehr. Kurz schrieb er: Ich hoffe, dir gehts gut. Sie antwortete: Ja. Und dir auch. Damit war alles gesagt.

Sie dachte manchmal daran: Drei Jahre zusammen, und dann nur noch Ich hoffe, es geht dir gut. Aber das war ehrlich. Ehrlicher als so zu tun, es hätte mehr gegeben.

***

An Dr. Sommer schrieb sie einen Brief. Kein digitales Schreiben, sondern auf Papier, im hübschen Umschlag, handschriftlich. Sie bedankte sich, nicht für einzelne Aktionen, sondern dafür, dass er sie als Mensch ansah, der die Wahrheit hören kann.

Eine Woche später kam handschriftlich Antwort.

Frau Hoffmann, Sie schulden mir nichts. Wenn überhaupt etwas in jener Situation richtig gewesen ist, dann nur, dass alle drei offen reden konnten sei es gezwungenermaßen. Das kommt selten vor. Ich wünsche Ihnen alles Gute. M.A.S.

Sie stellte das Schreiben ins Regal, neben das alte Programmheft.

***

Im Dezember, an einem Freitagabend, saß sie im Konzert. Alte Musikhalle, Prokofjew im ersten Teil. Den zweiten vergaß sie später, nur den ersten nicht.

Sie entdeckte Andreas sofort im Orchester. Zweite Geige, vorne, eifrig im Stimmen, diskutierend mit Kollegen.

Dann kam der Dirigent, das Publikum schwieg, und die Musik begann.

Vera hörte einfach nur zu. Kein Ballett, keine Bewegung, nichts, was sie tun musste. Nur sitzen und lauschen.

Nach dem ersten Teil war Pause. Andreas kam in die Lobby.

Da bist du, sagte er.

Ich hab’s versprochen.

Sie tranken Kaffee, wie immer schlecht in Konzertsälen. Schauten auf die Menge.

Wie geht es dir? fragte er.

Besser, ehrlich. Die Wohnung gefällt mir, das Studio läuft. Mia springt ohne Angst. Das ist mehr, als man meint.

Glaube ich.

Und du? Therapie?

Neues Medikament, seit einem Monat. Läuft. Mal sehen.

Gut.

Sie tranken aus. Das zweite Teil wurde angekündigt.

Ich muss zurück, sagte er.

Geh ruhig, ich höre zu.

Er ging, drehte sich noch einmal um.

Vera.

Ja?

Ich bin froh, dass du im Oktober angerufen hast.

Ich auch.

Er verschwand. Vera leerte ihren Becher, kehrte in den Saal zurück.

Das zweite Teil war lang. Sie hörte zu. Sah ihn im Stimmengetümmel. Manches verstand sie nicht musikalisch aber das störte nicht. Nicht alles muss man gleich verstehen.

***

Nachher gingen sie gemeinsam hinaus. Dezembernacht in Hamburg, Frost, leichter Schnee. Laternen, Menschen mit Programmen.

Begleitest du mich zur U-Bahn? fragte Vera.

Weit, sagte er.

Eben! Darum.

Sie gingen. Frischer, noch sauberer Schnee, der erste des Jahres.

Was machst du morgen?

Morgens Unterricht, später frei. Und du?

Probe vormittags, dann frei.

Sie nickte.

Wenn du willst, komm doch morgen mal in den Unterricht. Sieh selbst, wie das läuft.

Er sah sie an.

Kinderballett anschauen?

Ja.

Warum?

Weil das mein Leben ist. Heute hast du gezeigt, was deins ist. Ich finde, das ist fair.

Er überlegte.

In Ordnung, sagte er. Wann?

Zehn Uhr.

Ist das weit?

Vierzig Minuten. Du hältst das aus.

Gut.

Sie kamen zur U-Bahn. Blieben am Eingang stehen. Der Schnee rieselte leise.

Vera, begann er.

Ja?

Ich weiß nicht, was aus uns wird. Ich verspreche nichts.

Ich auch nicht. Ich will keine Versprechen. Ich will einen Menschen, mit dem ich ehrlich reden kann.

Das konnten wir immer.

Eben.

Der Schnee fiel. Unten grollte die U-Bahn. Menschen liefen vorbei.

Also, zehn Uhr? fragte er.

Zehn.

Sie stieg hinunter, sah ein letztes Mal zurück. Er winkte. Sie nickte.

Das Drehkreuz klackte. Sie verschwand.

***

Am nächsten Tag, fünf vor zehn, bereitete sie die Matten vor, drehte die Musik auf. Noch waren keine Kinder da, nur Mia sang im Umkleideraum.

Zehn Uhr punktgenau: es klopfte.

Komm rein, rief Vera.

Andreas trat ein, noch im Mantel, verlegen. Erwachsene sind in solchen Räumen immer verlegen.

Mantel aus? fragte er.

Am besten.

Er zog ihn aus, setzte sich auf die Bank am Rand. Die Spiegel zeigten ihn, unsicher, aber aufmerksam.

Wo soll ich sitzen?

Da hinten, an der Wand.

Er saß, Hände auf den Knien. Blickte ins Spiegelbild. Dann zu ihr.

Komisch, meinte er.

Was?

Du, hier, in diesem Element. So… wirklich.

Es ist echt.

Mia stürmte aus der Garderobe. Entdeckte Andreas.

Wer ist das? fragte sie offen.

Ein Freund, Geiger. Er schaut zu.

Geiger? Wie Paganini?

Andreas lachte.

So in der Art. Nur Paganini war besser.

Wieso wissen Sie das? Sie haben ihn doch nie gehört!

Andreas öffnete den Mund, schloss ihn. Lächelte.

Treffend, sagte er.

Mia nickte zufrieden und stellte sich zur Stange. Vera spürte Wärme.

Dann kamen die anderen Mädchen, die Stunde begann. Vera machte vor, half, sprach wenig. Sie vergaß Andreas, arbeitete einfach.

Doch bei einem Dreh sah sie ihn im Spiegel: aufmerksam, interessiert, nicht aus Höflichkeit.

Sie wandte sich Mia zu:

Zehen strecken, Mia. Nein, so. Genau. Gut.

Mia streckte den Fuß und lächelte sich selbst im Spiegel zu.

***

Nach der Stunde half Andreas beim Wegräumen der Matten, unbeholfen. Sie sagte nichts.

Und? fragte sie.

Anspruchsvoll. Du bringst denen mehr bei als Bewegung. Sie sollen lernen, dass der eigene Körper Freund ist nicht Hindernis. Instrument. Wie eine Geige.

Vera sah ihn an.

Genau.

Schweigen. Sie legte die letzte Matte weg. Licht aus.

Kaffee? fragte sie. Hier ums Eck, nicht so toll wie in Berlin, aber geht.

Gern.

Sie gingen hinaus. Der Schnee grau, städtisch, aber noch weiß. Dezember.

Sie lief neben Andreas und dachte, dass Wahrheit komisch ist. Sie hatte gelogen aus Angst, die Wahrheit kam doch ans Licht, nur anders. Hätte sie es anders machen sollen? Vielleicht. Aber das war Teil dessen, was war.

Leben nach der Scheidung. Das klingt wie ein Kapitel in einem Lehrbuch. Aber es ist nur das Leben. Vielleicht frischer, kälter. Aber Kälte fühlt man nur, wenn man lebt.

Sie betraten das Café. Es war klein, warm. Zwei Kaffee, Fensterplatz. Draußen Menschen, Samstag im Dezember, Taschen, Hunde, Alltag.

Erzähl mir etwas, bat sie.

Worüber?

Ganz egal. Über Musik. Was du gestern geprobt hast. Irgendwas, das dich beschäftigt.

Er sah sie an, nickte schließlich.

Gut, sagte er. Also hör zu.

Und begann zu erzählen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: