Du bist dran, dich zu entschuldigen

01. März 2022

Manchmal wundere ich mich, wie das Leben meiner Tochter verlaufen wäre, hätte ich ihr damals nicht zugeredet. Aber so sind wir Mütter man meint, es besser zu wissen, möchte helfen, doch manchmal kommt alles anders.

Habt ihr euch wirklich eine Wohnung gekauft, Larissa?, rief ich vor Freude ins Telefon, als meine Tochter mir ihre Neuigkeit erzählte.

Sie kicherte am anderen Ende der Leitung, und ich hörte, wie mein Schwiegersohn Gero etwas im Hintergrund murmelte.

Mama, so laut musst du nicht sein, die Nachbarn hören dich bestimmt!, tadelte Larissa lachend.

Lass sie doch!, entgegnete ich mit einem Grinsen. Wann kann ich die neue Wohnung sehen? Heute? Morgen? Ich backe den Apfelkuchen, den Gero so gerne mag!

Nach kurzem Zögern hörte ich Larissa sagen: Komm am Samstag, dann steht wenigstens schon die Möbel.

Am Samstag stand ich dann mit einer Thermotasche voll frischem Kuchen im Arm in ihrer neuen Wohnung in München. Ich drehte mich langsam im Wohnzimmer, bestaunte die hohen Decken, den hellen Boden und den frischen Geruch nach Holz und Farbe, der durch die Räume zog.

Die Küche ist riesig, Mama! Und schau, der Balkon ist sogar verglast. Da kann später auch das Kinderwagen stehen, zeigte mir Larissa stolz.

Ich glitt mit meiner Hand über die glatt verputzte Wand. Das ist wirklich schön, Gero. Du hast ganze Arbeit geleistet!

Er zuckte verlegen die Schultern. Wir geben unser Bestes, Hannelore.

Beim Mittagessen, am gedeckten Tisch, nahm ich mir ein zweites Stück Kuchen und das Thema, das mich den ganzen Morgen beschäftigte, sprudelte endlich aus mir heraus.

Ich habe mir solche Sorgen gemacht um euch, wisst ihr das? Larissa nun schon im siebten Monat schwanger, und ihr immer noch in einer Mietwohnung! Und dann diese Vermieterin hätte euch jederzeit rausschmeißen können. So kann ein Kind doch nicht aufwachsen!

Larissa warf einen schnellen Blick zu Gero. Ich bemerkte, wie ihre Lippen zu einem schmalen Strich wurden.

Mama, wir haben das aber alles hinbekommen.

Schon, aber mich hat das nicht schlafen lassen. Ich habe Nächte damit verbracht, mir auszumalen, wie ihr euch abplagt. Ein Kind braucht Stabilität ein richtiges Zuhause!

Gero schob seinen Teller weg und räusperte sich.

Die Kreditrate ist natürlich nicht gerade wenig. Aber wir haben gerechnet, das geht schon.

Wie hoch ist sie denn?, fragte ich besorgt.

Im Rahmen für München ist das ein normales Niveau, antwortete Larissa rasch.

Ich konnte beide ansehen und wusste: Sie sind erschöpft, sie machen sich Sorgen, sie würden es aber niemals zugeben.

Also sagte ich: Hört zu, ich helfe mit, das ist gar keine Frage. Geros Eltern unterstützen doch sicher auch?

Gero nickte. Meine Mutter überweist, was sie kann, jeden Monat ein bisschen.

Na also!, ich lehnte mich zurück. Ihr schafft das, das weiß ich. Gemeinsam schafft ihr es!

Aber die Sorgen waren in Larissas Augen.

Im März kam unser Enkel Gustav, ein gesunder, kräftiger Junge. Jede Woche fuhr ich mit dem Zug nach München. Ich kochte Eintöpfe, wusch Wäsche, schob den Kinderwagen durch das Neubauviertel.

Das Leben lief seinen gewohnten Gang. Gero wurde befördert, und Larissa sprach schon von einem zweiten Kind.

Zwei Jahre später kam unsere kleine Frieda dazu. Wieder erfüllten Kindergeschrei und verstreute Spielsachen die Wohnung, und schlaflose Nächte waren Alltag. Ich blickte in Larissas glückliche Augen und dachte: Alles ist gut geworden.

Doch dann verlor Gero seinen Job.

Ich erfuhr davon nicht sofort. Larissa wich meinen Fragen aus, sagte nur, sie seien müde, alles sei in Ordnung. Bis ich eines Tages unangekündigt vorbeikam und sie tief weinend über einem Stapel Briefe fand.

Wir schaffen das nicht, Mama…, murmelte sie. Drei Monate im Rückstand, die Bank ruft täglich an.

Ich half, wo ich konnte, sammelte Geld unter Verwandten und Freunden. Doch es reichte nicht. Geros Eltern konnten nach Opas Krankenhausaufenthalt auch kaum noch etwas beisteuern.

Ein halbes Jahr später war die Wohnung weg.

In Ottobrunn, bei meiner Freundin Birgit, saß ich am Küchentisch, den Tee kaum angerührt.

Jetzt sind sie zu viert in einer Einzimmerwohnung, erzählte ich. Gustav ist vier, Frieda zwei die Kids haben kaum Platz zu spielen, sitzen sich ständig auf der Pelle. Vier Leute in einem Zimmer unmöglich!

Birgit schüttelte nur den Kopf. Mein Gott, Hannelore, das ist schlimm.

Mit brüchiger Stimme sagte ich: Ich hab ihnen immer wieder gesagt, ihr schafft das, ich helfe euch! Aber was kann ich schon tun? Meine Rente reicht hinten und vorne nicht, und die kleinen Jobs bringen kaum was. Ich war es, die ihnen Mut gemacht hat wie konnte ich nur?

Du kannst dich nicht für alles verantwortlich machen, meinte Birgit leise.

Macht das einen Unterschied? Erleichtert das den Kindern das Leben? Oder Larissa?

Ich vergrub mein Gesicht in den Händen. Dachte, das Leben meiner Tochter hätte sich endlich eingependelt. Aber jetzt war alles noch schwieriger. Früher waren sie wenigsten zu zweit zur Miete. Jetzt sind es vier, in einer kleinen Wohnung.

Die Zeit verging…

Schließlich bezahlten Larissa und Gero die Schuld an die Bank zurück. Das war die beste Nachricht seit Langem.

Und wie geht es jetzt weiter?, fragte ich.

Wir sparen wieder fürs eigene Zuhause, gestand Larissa. Vielleicht nehmen wir dieses Mal etwas Kleineres.

Hauptsache, es ist eures, sagte ich auch wenn sie mein Nicken am Telefon nicht sehen konnte.

Zwei Jahre später wurde Gustav sechs, und ich kam mit einem riesigen Geschenkpaket zu seinem Geburtstag. Ich überlegte stundenlang, welchen Baukasten ich kaufen sollte, bis ich den richtigen mit Autos und Garage fand genau den, von dem Gustav seit Weihnachten gesprochen hatte.

Er stürzte sich freudestrahlend auf mich. Oma! Ist das alles für mich?

Natürlich, mein Schatz, lachte ich, und drückte ihn fest. Hier, ich hab noch was.

Ich holte einen Umschlag aus der Tasche und gab ihn ihm. Das ist für dein neues Handy, Gustav. Zehntausend Euro. Jetzt kannst du anfangen zu sparen, Oma hilft dir dabei!

Er drückte das Kuvert an sich und lief davon, um Frieda seine Geschenke zu zeigen. Larissa stand in der Küchentür und beobachtete uns seltsam still. Ich dachte mir nichts dabei.

Zwei Wochen später rief ich Gustav an. Es dauerte drei Freizeichen, bis er ranging.

Hallo Oma!

Na, mein Großer, wie gehts dir?

Er sprudelte los: Super! Mama hat mir neue Sommersachen gekauft Shorts, T-Shirts, sogar blinkende Turnschuhe!

Mir wurde mulmig.

Und woher hatten Mama und Papa das Geld?

Von dem Umschlag, den du mir zum Geburtstag geschenkt hast, plapperte Gustav unbekümmert. Mama meinte, das Handy holen wir später, Kleidung ist wichtiger.

Mir wurde heiß.

Kannst du Mama holen?, fragte ich mit belegter Stimme.

Sie ist beschäftigt.

Na gut, dann bis später, mein Schatz.

Ich legte auf und saß noch lange wie erstarrt da. Offenbar musste ich Larissa mal wieder ein paar Dinge erklären!

Am nächsten Tag stand ich früh morgens bei Larissa vor der Tür.

Wie konntest du das tun? Die zehntausend Euro waren für Gustav, für sein Handy! Nicht für neue Klamotten!, fuhr ich sie an.

Larissa schloss die Augen und seufzte müde.

Mama, bitte beruhige dich.

Was? Der Junge hat sich so sehr darauf gefreut! Ich wollte, dass er lernt, sich Wünsche zu erfüllen! Und du gibst einfach alles aus!

Larissas Gesicht wurde undurchschaubar.

Ich habe getan, was gerade notwendig war.

Notwendig? Andere Leute nehmen fremdes Geld für Shorts?

Gustav brauchte Sachen für den Sommer. Wir hatten kein Geld übrig, Mama.

Und du hast nicht mal gefragt. Kein Wort!, schimpfte ich.

Mama, in meiner Wohnung entscheide ich, wofür Geld ausgegeben wird. Das solltest du respektieren.

Ich fühlte, wie mir die Sicherungen durchbrannten. Das ist also jetzt schon egal? Ihr seid mit eurer Wohnung schon einmal gescheitert, weil ihr mit Geld nicht umgehen könnt das ist doch offensichtlich!

Larissa wurde blass und schwieg.

Und jetzt nehmt ihr auch noch dem Kind sein Geschenk weg! Schämt euch!, schrie ich.

Bitte geh, Mama, sagte Larissa leise. Geh nach Hause.

Ich verließ die Wohnung, ohne ein weiteres Wort. In mir brodelte es. Meine Tochter lag falsch und dann wirft sie mich auch noch raus! Von mir aus irgendwann wird sie schon wieder ankommen und sich entschuldigen!

Doch ein Monat später hatte Larissa sich immer noch nicht gemeldet.

Wieder saß ich bei Birgit am Küchentisch und zupfte nervös an einer Papierserviette herum.

Sie will nichts mehr von mir wissen, jammerte ich. Eigene Tochter… Lässt mich die Enkelkinder nicht sehen, nimmt nicht ab.

Birgit schenkte mir Tee nach und fragte: Was hast du ihr denn damals gesagt?

Die Wahrheit! Dass sie mit Geld nicht umgehen können, dass sie unüberlegt handeln. Was denn sonst!

Birgit blickte lange aus dem Fenster. Sag mal Hannelore, du hast deinem Enkel das Geld geschenkt, oder? Also geschenkt, nicht nur ausgeliehen?

Natürlich! Aber für sein Handy!

Und sie haben es für Kleidung ausgegeben. Der Junge brauchte etwas Vernünftiges zum Anziehen, statt auf ein Handy zu sparen.

Ich wollte widersprechen, aber Birgit hob nur mahnend die Hand.

Und über den Kredit zu lästern war auch daneben. Die beiden haben jahrelang hart gearbeitet, haben alles fürs Zuhause getan und du nennst sie unvernünftig.

Ich sackte ein wenig zusammen. Aber ich wollte doch nur helfen. Ich mache mir solche Sorgen.

Du sorgst dich. Aber so machst du ihnen das Leben schwer. Vielleicht solltest du zuerst anrufen dich entschuldigen?

Aber ich presste die Lippen zusammen und schaute trotzig weg. Ich bin die Ältere. Ich wollte doch nur das Beste…

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Homy
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