Was ich aus meinem Küchenfenster erblickte

Das, was man aus dem Küchenfenster sieht

Martin, hast du die frisch gebügelten Hemden schon eingeräumt? Ich habe gesehen, dass da noch zwei auf dem Stapel liegen.

Hanna, ich kümmere mich schon. Mach dir keine Sorgen.

Ich mache mir keine Sorgen. Ich frage nur. Wann fährst du los?

Nach dem Mittagessen. So gegen drei Uhr wahrscheinlich.

Hanna stand am Herd und rührte im Haferschleim, obwohl sie längst keinen Appetit mehr darauf hatte. Ihre Hände taten das, was ihnen vertraut war, während der Kopf ganz woanders war. Aus dem gekippten Küchenfenster zog feuchte Aprilkühle herein. Irgendwo im Innenhof tropfte es vom Dach, das regelmäßige TropfTropfTropf störte sie heute mehr als sonst.

Für wie viele Tage bist du weg?

Wie immer. Vier, fünf Tage. Vielleicht ein bisschen länger, falls sich die Verhandlungen hinziehen.

Verstehe.

Sie füllte den Haferschleim in zwei Schüsseln, stellte Martins große Lieblingstasse dazu, goss Kaffee ein, ohne nachzufragen, weil sie seit sieben Jahren wusste, wie er ihn mochte. Zwei Löffel Zucker, reichlich Milch. Fast schon beige der Kaffee, so mochte er ihn am liebsten.

Martin saß am Tisch und starrte auf sein Handy. Inzwischen war es fast immer so, dass er beim Frühstück nebenbei aufs Handy sah. Früher hatte Hanna noch das Gespräch gesucht, war beleidigt gewesen, mittlerweile hatte sie es als Teil des morgendlichen Rituals akzeptiert Kaffee mit Handy. Das war nun einmal so.

Hör mal, Martin, sagte sie, als sie sich ihm gegenübersetzte. Du bist ja jetzt wieder ein paar Tage weg. Ich wollte etwas mit dir besprechen.

Ja? Er sah kurz auf, legte das Handy aber nicht weg.

Ich habe einen Termin gemacht. Bei Frau Dr. Berger, du weißt schon, die Frauenärztin, von der ich dir erzählt habe. Ich möchte noch einmal alles durchsprechen wegen des Kindes.

Martin legte das Handy mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. Das war nie ein gutes Zeichen. Wann immer ihm ein Gespräch unangenehm war, machte er das so. Drehte das Handy einfach um.

Hanna. Das haben wir doch schon so oft besprochen.

Ich weiß. Aber ich möchte trotzdem noch einmal reden.

Was heißt, noch einmal? Du weißt doch, wie alt du bist. Das meine ich nicht böse, du siehst toll aus, aber…

Ich bin zweiundfünfzig. Das ist keine Schande.

Hanna. Er sagte ihren Namen mit dem Tonfall, den man bei Kindern benutzt, wenn man ein Gespräch beenden will. Sanft, aber endgültig.

Schon gut, sagte sie. Schon gut.

Sie griff zum Löffel und begann zu essen. Der Haferschleim war nur noch lauwarm und schmeckte mehr nach Routine als nach Frühstück, aber sie aß. Draußen tropfte es weiter. Martin nahm wieder das Handy.

Er aß zu Ende, bedankte sich, ging dann ins Zimmer, um seine Sachen zu packen. Hanna spülte das Frühstücksgeschirr und dachte daran, wie sie das Thema Kind in den sieben Ehejahren bestimmt schon zwanzig Mal ange­sprochen hatte. Und immer hatte sie dieselbe Antwort bekommen, nur anders formuliert. Wir warten erst mal, bis wir auf sicheren Beinen stehen. Oder: Jetzt ist keine gute Zeit, bei mir ist im Büro gerade so viel. Oder: Du bist nun auch nicht mehr die Jüngste, denk doch an deine Gesundheit. Sie war mit fünfundvierzig geheiratet und hatte gedacht, es wäre noch Zeit. Gemeinsam würden sie es schaffen. Martin, der freund­liche, verlässliche, ruhige Martin er würde schon wollen. Man musste nur warten können.

Sie trocknete die Hände an dem Handtuch mit den gestickten Hähnen ab, das schon seit drei Jahren an der Backofentür hing, und dachte: Eigentlich müsste ich mal ein neues kaufen. Das alte hatte längst seine Farben verloren.

Martin kam mit einer kleinen Reisetasche in den Flur.

So, alles erledigt. Du hast meinen grauen Pullover nicht gesehen?

Der liegt im Schrank, zweite Ablage rechts.

Ah, stimmt. Er verschwand wieder, Tür auf, Schrank klapperte. Hab ihn!

Dann zog er seine Jacke an. Sie half ihm wie immer mit dem Kragen. Er küsste sie auf die Wange.

Also, bis dann. Ich ruf später an.

Fahr vorsichtig.

Immer.

Die Tür fiel ins Schloss. Hanna blieb allein im Flur stehen. Sie hörte, wie der Aufzug brummte, unten die Haustür ins Schloss fiel. Dann war es still.

Sie kehrte in die Küche zurück, schenkte sich Kaffee nach, stellte sich ans Fenster. Das Fenster zeigte nicht in den Innenhof, sondern auf eine Seitenstraße, an der einige Autos parkten: das silbergraue Auto von Herrn Wilhelm aus dem dritten Stock, ein alter Opel Kadett von irgendwem, noch zwei Fahrzeuge. Im April war das Licht flach, der Himmel dunstig weiß, alles wirkte farblos, ohne Schatten.

Martins silberner Wagen parkte vor dem Nachbarhaus.

Hanna blinzelte. Schaute noch genauer. Nein, kein Irrtum. Sie kannte die Autonummer auswendig. Das war eindeutig sein Auto. Aber er war doch gerade gegangen, er wollte doch losfahren weshalb parkte er da?

Vielleicht wollte er sich noch verabschieden? Aber von wem? Große Freundschaften zu Nachbarn gab es nicht, man grüßte sich eben.

Hanna stellte ihre Tasse ab, beobachtete weiter.

Gut zehn Minuten passierte nichts. Dann trat eine Frau aus dem Nachbaraufgang. Jünger als Hanna, vielleicht fünfunddreißig, in blauer Jacke, dunkle Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Auf dem Arm ein kleines Kind, höchstens drei Jahre alt, im roten Overall, Mütze mit Bommel. Die Frau sprach mit dem Kind, drückte es an sich, das Kind griff nach ihrem Gesicht.

Hanna beobachtete. Noch war ihr nicht klar, was sie da sah.

Dann öffnete sich die Fahrertür des silbernen Wagens. Martin stieg aus.

Er ging zu der Frau. Nahm ihr das Kind ab, hob es hoch, und das Kind lachte Hanna konnte es durch das Fenster nicht hören, aber sie sah, wie der Kleine den Kopf zurückwarf. Martin drückte ihn an sich, rieb die Wange an der Mütze. Dann stellte er das Kind wieder ab, sagte etwas zu der Frau. Die Frau erwiderte etwas. Martin nahm ihre Hand und führte sie an die Lippen.

Er küsste ihre Hand.

Hanna stand am Fenster und spürte, wie sich in ihrem Inneren etwas langsam und leise senkte. Nichts brach, nichts stürzte ein. Es war, als ob in ihrem Brustkorb ein Regal stand und eines nach dem anderen fielen die Gegenstände darauf einfach nach unten. Kein Lärm, kein Krach.

Sie wich nicht vom Fenster. Sah, wie Martin das Kind noch einmal umarmte, wie die Frau dem kleinen die Mütze zurechtrückte. Wie sie sich verabschiedeten. Martin stieg ein, fuhr davon.

Die Frau blieb noch einen Moment am Straßenrand stehen, schaute dem Auto nach, dann zog das Kind sie weiter, Hand in Hand gingen sie davon.

Hanna löste sich vom Fenster. Setzte sich auf den Hocker. Schaute auf ihre Hände, die auf den Knien lagen. Ganz gewöhnliche, müde Hände, mit Ehering am Finger.

Sie dachte daran, dass ihr Kaffee inzwischen völlig kalt war.

Sie stand auf, schüttete ihn in die Spüle und ließ heißes Wasser nachlaufen.

Sie musste nachdenken. Aber zuerst musste sie dieses Gefühl in den Griff bekommen, das da in ihr nach unten sank. Denn sie wusste: Wenn sie jetzt nachgab, jetzt sich hinsetzte und weinte oder Martin anrief, dann wäre das falsch. Nicht, weil es verboten wäre zu weinen. Sondern weil sie noch nicht alles wusste. Sie hatte etwas gesehen. Aber sie wusste noch nicht alles.

Obwohl wenn sie ehrlich war wusste sie schon alles.

Sie zog sich den blauen Regenmantel an, der immer am Haken im Flur hing, nahm Schlüssel und Tasche und verließ die Wohnung. Sie brauchte Luft. Sie musste einfach raus, einfach laufen, solange die Beine sie trugen.

Draußen war es feucht, der Asphalt glänzte vom letzten Regen, Pfützen spiegelten das weiße Licht des Himmels. Hanna lief ziellos den Bürgersteig entlang, vorbei am Kiosk mit der gelben Markise, am Friseursalon, an der Apotheke. Vor der Apotheke stand eine alte Dame mit einem kleinen Dackel und fütterte ihn aus der Hand. Der Dackel nahm die kleinen Stückchen ganz fein, fast zärtlich.

Sieben Jahre.

Das war es, woran Hanna dachte, während sie ging. Sieben Jahre hatte sie an der Seite dieses Mannes gelebt und nichts gewusst. Oder nicht wissen wollen? Sie fragte sich ehrlich: Hat es Anzeichen gegeben? War da etwas, das sie vielleicht bemerkt, dann aber weggeschoben hatte?

Dienstreisen häufig, fast jeden Monat. Sie hatte immer geglaubt, er arbeite tatsächlich. Martins Beruf hatte viel mit Lieferungen, Verhandlungen, Fahrten zu tun. Sie hatte nie gezweifelt.

Das Handy, das er immer bei sich trug. Sie hatte gedacht, es sei Gewohnheit.

Die Gespräche über ein Kind, die er immer höflich, aber entschieden zumachte. Sie hatte gedacht: das Alter, die Müdigkeit, die Sorge vor zu viel Verantwortung. Sie dachte, sie verstehe ihn, sie könne warten.

Und er? Er hatte längst ein Kind.

Drei Jahre alt, also hatte alles vor etwa vier Jahren angefangen. Sie waren da seit drei Jahren verheiratet.

Hanna setzte sich auf eine Bank im kleinen Park. Dort standen einige Linden, noch ohne Blätter, nur mit dicken Knospen. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche, hielt es einen Moment, steckte es wieder weg.

Was würde sie tun, wenn Martin zurückkam? In vier, fünf Tagen, wie sonst auch, mit einem kleinen Mitbringsel, einem belanglosen Bericht von den Verhandlungen, müde. Er würde sich aufs Sofa setzen, den Fernseher einschalten. Sagen: Na, wie gehts dir?

Wie es ihr geht.

Sie saß auf der Bank und blickte auf die nackten Äste der Linden. Die Knospen waren ganz lebendig, prall, bereit zu platzen. Noch eine Woche Wärme, und alles würde grün werden.

Sie dachte seltsamerweise nicht an das, was Martin getan hatte, nicht an den Betrug, nicht an die Frau mit den dunklen Haaren und das Kind im roten Overall. Sie dachte an sich. An die Hanna, die sieben Jahre lang gewartet hatte. Die zurückgesteckt, geschont, geduldig war. Die glaubte, wahre Liebe sei geduldig, man müsse nicht drängeln, nur warten.

Sie hatte gewartet.

Es wurde kalt. Sie zog den Mantel enger und ging nach Hause.

In der Wohnung war es ruhig. Ohne Martin war sie immer ruhiger, auch wenn er sowieso ein leiser Mensch war. Aber seine Anwesenheit hatte so ein Grundrauschen erzeugt, so etwas wie das Atmen des Hauses, ein wohnliches Gefühl. Jetzt war das weg.

Hanna ging ins Wohnzimmer. Stand einen Moment und sah sich um. Bücherregal mit ihren Büchern, und ein paar, die Martin gelesen hatte. Seine Hausschuhe am Sessel. Seine karierte Decke, blau-grün, locker über die Lehne geworfen. Sie nahm sie in die Hand. Weich war sie, aus feiner Wolle, sie hatte sie ihm zum letzten Geburtstag gekauft.

Sie legte die Decke zurück.

Dann ging sie in die Abstellkammer. Ganz oben standen die Kisten, die sie nach dem Umzug nie ausgepackt hatte, als sie damals in Martins Wohnung gezogen war. Drei Jahre standen die Kisten da schon. Sie holte die Leiter, zog eine Kiste hervor. Ihre alten Sachen: Bücher, Mappen, eine Kiste mit alten Fotos.

Sie nahm die Fotos, setzte sich auf den Boden.

Da war sie mit dreißig. Schlank, lachend, den Blick abgewandt, eine Gruppe von Menschen, sie wusste nicht mehr, wer das alles war. Da die Eltern am Bodensee, jung und glücklich, das Seeufer im Hintergrund. Hier Hanna mit ihrer Freundin Claudia, Arm in Arm im Park, Claudia vierzig, sie selbst etwas jünger, beide lachen. Claudia war jetzt sechsundfünfzig.

Claudia. Sie würde später anrufen. Nicht jetzt.

Sie packte die Fotos zurück, schloss die Kiste, stieg von der Leiter. Ging ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen. Im Spiegel sah sie müde Augen. Gute Haut, das hatte man ihr oft gesagt. Die ersten Fältchen um die Augen, den Mund. Dunkle, schulterlange Haare mit grauen Strähnen. Eine ganz normale Frau von zweiundfünfzig.

Der Verrat des Mannes hinterlässt nicht sofort Spuren. Zuerst sieht man sich im Spiegel und denkt: Ach so siehst du also aus. Eine Ehefrau, die sieben Jahre lang getäuscht wurde. Eine Frau, die auf das Kind wartete, während der Mann längst ein anderes hatte.

Sie stellte das Wasser ab und ging in die Küche, um das Mittagessen vorzubereiten. Sie brauchte eine Aufgabe.

In den vier folgenden Tagen lebte sie in einem seltsamen Schwebezustand. Nach außen lief alles wie immer: sie kochte, räumte auf, kaufte ein, rief ihre Mutter an. Martin meldete sich jeden Abend wie versprochen. Sprach ruhig, berichtete von den Verhandlungen, fragte sie, wie es ihr gehe. Sie sagte: Alles gut, alles ruhig, das Wetter wird schlechter, ich habe ein neues Küchentuch gekauft. Er lachte. Sie lachte auch das war das Erschreckendste: wie leicht sie lachte.

Aber innerlich lief ihr eigenes Leben.

Sie dachte nach. Sorgfältig, sogar nüchtern, wie nie zuvor. Sie sortierte Erinnerungen. Die Abende nach seinen Reisen, wenn er anders war: weicher, manchmal zerstreut. Sie hatte immer gedacht: müde. Jetzt wusste sie: er kam von dort zurück.

Sie dachte an die Frau mit den dunklen Haaren. Jung, nicht älter als fünfunddreißig. Hübsch? Wahrscheinlich. Lässige Gesten, sichere Bewegungen. Eine, die ihren Platz kannte. An der Seite ihres Mannes.

Und das Kind. Junge oder Mädchen? Sie war sich nicht sicher. Klein, roter Overall. Martin hatte das Kind hochgehoben, es hatte gelacht.

Mit ihr hatte Martin nie Kinder auf dem Arm gehalten. Nie großes Interesse an Kindern gezeigt: Ich kann nicht gut mit Kleinen. Sie hatte ihm geglaubt.

Am dritten Tag rief sie Claudia an.

Claudia, kommst du vorbei?

Klar. Was ist los? Du klingst…

Komm einfach. Ich mache Kaffee.

Claudia kam eine Stunde später. Sie wohnte ein paar Straßen weiter, sie hatten denselben Supermarkt. Die Freundschaft bestand seit zwanzig Jahren, seit der gemeinsamen Zeit im Rathaus. Dann hatte das Leben sie auf getrennte Wege geschickt, aber die Verbindung blieb, Anrufe, Treffen, gemeinsamer Kaffee.

Claudia zog im Flur die Jacke aus, sah Hanna an.

Hanna. Was ist passiert?

Warte, komm mit in die Küche.

Sie erzählte alles. Ohne Pathos, keine überflüssigen Worte. Claudia hörte einfach zu, nur einmal drückte sie Hannas Hand. Als Hanna geendet hatte, schaute Claudia lange auf den Tisch.

Um Himmels willen, murmelte sie endlich, um Himmels willen.

Ja.

Bist du ganz sicher? Du hast wirklich genau gesehen…?

Claudia. Seit sieben Jahren sehe ich auf dieses Auto und diesen Mann. Ich bin sicher.

Und was willst du machen?

Ich überlege noch.

Vielleicht solltest du erst mal mit ihm reden. Ganz direkt.

Das habe ich vor. Wenn er zurück ist.

Hanna, du bist stark, dass du das aushältst. Aber du musst das nicht alles allein mit dir ausmachen…

Claudia, unterbrach Hanna sie. Ich schaffe das schon. Ich will kein Mitleid. Ich brauche nur, dass du da bist. Einfach nur da. Danke.

Claudia sagte nichts, umarmte sie fest, so wie nur alte Freundinnen es können.

Ich bin immer da. Ruf mich, egal wann.

Versprochen.

Claudia ging, als es dämmerte. Hanna spülte die Tassen, machte das Licht aus und legte sich im Zimmer aufs Bett, ohne sich umzuziehen.

Sie dachte daran, dass sie sieben Jahre etwas aufgebaut hatte, das sie für echt hielt. Nicht perfekt, aber echt. Alltag, Gewohnheiten, gemeinsames Frühstück mit Kaffee und Haferschleim. Sie glaubte, das sei die Grundlage: Nicht Leidenschaft, sondern dieses ruhige Zusammensein.

Aber während sie zusammen aufbaute, hatte Martin irgendwo anders auch ein zusammen gebaut.

Fünf Minuten zu Fuß entfernt.

Sie schloss die Augen. Draußen rauschte Regen, vorsichtiger Frühlingsregen, nicht traurig.

Am fünften Tag kam er zurück, am Nachmittag. Er klingelte, obwohl er einen Schlüssel hatte. Hanna öffnete die Tür.

Bin wieder da, sagte er und lächelte, müde, wie zuhause. Er stellte die Tasche ab und wollte sie umarmen.

Warte, sagte sie.

Er stockte.

Was ist?

Geh doch bitte ins Wohnzimmer. Ich muss mit dir reden.

Sie setzten sich. Er aufs Sofa, sie ins gegenüberliegende Sessel. Dazwischen der kleine Couchtisch mit der Mini-Vase aus Papier-Tulpen, die sie an einem langweiligen Abend gebastelt hatte.

Martin, sagte sie, an dem Tag, als du losgefahren bist, habe ich dich aus dem Fenster gesehen. Du standest am Nachbarhaus. Da war eine Frau mit einem kleinen Kind. Du hast das Kind auf den Arm genommen.

Er schwieg. Nicht so, als ob er leugnen wollte. Es war ein anderes Schweigen.

Martin.

Hanna

Ich will keine Szene, unterbrach sie ihn. Ganz ruhig. In ihr war ein Summen, wie Strom in einer Hochspannungsleitung, aber sie blieb ruhig. Ich will keine Erklärungen, kein Geschrei. Ich will nur eine Antwort. Ist das dein Kind?

Pause.

Ja, sagte er.

Sie nickte. Das war alles. Sie hatte es bereits gewusst jetzt aber war es Gewissheit.

Wie alt ist es?

Drei.

Wie lange seid ihr schon zusammen?

Hanna, bitte…

Ich frage dich.

Er senkte den Kopf.

Fünf Jahre.

Fünf Jahre. Zwei Jahre vor dem Kind. Da waren sie gerade erst zwei Jahre verheiratet.

Verstehe, sagte Hanna. Verstehe.

Hanna, ich wollte dich nie verletzen. Das war nicht geplant, es ist einfach passiert…

Es ist passiert, wiederholte sie, ohne Ironie. Fünf Jahre also.

Ich weiß, was du jetzt denkst.

Wohl kaum.

Hanna, ich…

Martin. Sie stand auf. Lass es gut sein. Ich habe genug gesehen. Ich habe gesehen, wie du das Kind hältst. Wie du sie ansiehst.

Sie wunderte sich, dass sie nicht weinte. Überhaupt nicht. Kein Wunsch zu weinen. Nur etwas Schweres, zugleich klares, wie eine Luft nach dem Gewitter.

Ich packe jetzt meine Sachen. Das Nötigste. Den Rest hole ich später.

Wohin gehst du?

Zu meiner Mutter. Dann sehe ich weiter.

Hanna, warte. Wir können reden. Ich erkläre dir alles.

Hast du schon.

Sie ging ins Schlafzimmer. Holt den kleinen Koffer unter dem Bett hervor. Packt Kleidungsstücke, Papiere, Kosmetik. Unterwäsche, Socken, einen warmen Pullover für alle Fälle. Ein Buch vom Nachttisch. Das Foto ihrer Eltern im Holzrahmen. Ihr Lieblingsparfum. Handy-Ladekabel.

Martin steht in der Tür und sieht zu.

Hanna, sprich doch mit mir. So macht man das doch nicht.

Wie denn?

Einfach so. Nichts sagen und gehen.

Und was ist richtig?

Keine Antwort von ihm.

Sie schloss den Koffer, ging am stummen Martin vorbei in den Flur. Zog Mantel und Schuhe an, nahm den Koffer.

Ging einen Moment zurück ins Wohnzimmer, zum Couchtisch mit den Papier-Tulpen. Zog den Ehering vom Finger und legte ihn neben die Vase. Sorgfältig, nicht trotzig.

An der Garderobe nahm sie den Schlüsselbund, löste den Wohnungsschlüssel ab und legte ihn auf die Ablage.

Hanna, sagte Martin.

Martin, antwortete sie. Alles Gute. Wirklich.

Und ging.

Im Aufzug schaute sie ihr Spiegelbild in der matten Stahltür an. Der Aufzug brummte. Erdgeschoss, Türen auf.

Draußen war es kühl. Sie zog den Mantel enger, stellte den Koffer ab, gewöhnte sich an das Gefühl. Dann lief sie zur Haltestelle. Zu ihrer Mutter musste sie quer durch die Stadt, vierzig Minuten mit dem Bus.

Kein Geschrei. Kein Drama. Sie wusste damals nicht, dass sie sich Monate später genau daran erinnern würde dass sie leise gegangen war. Nicht aus Nachsicht, nicht aus Vergebung. Sondern, weil es ihre Entscheidung war, nicht bloß eine Reaktion auf ihn. Ihre Wahl. Würde bewahren, nicht für ihn, sondern für sich selbst.

An der Haltestelle wehte Wind. Sie zog den Mantel bis zum Hals zu.

Ein Jahr verging.

Der Ort hatte sich kaum verändert. Dieselben Linden an der Hauptstraße, jetzt in dichtem, dunklem Laub. Dieselben Geschäfte, dieselbe Apotheke an der Ecke. Dieselbe alte Dame führte ihren Dackel spazieren. In kleinen Städten geht das Leben langsam, und Hanna hatte in diesem Jahr begriffen, dass gerade das gut war.

Sie mietete jetzt eine kleine Wohnung am anderen Ende der Stadt. Zwei Zimmer, dritter Stock, Blick in einen Gartengarten. Der Garten unter ihr gehörte der alten Hausbesitzerin, die dort Erdbeeren und Phlox züchtete. Der süße Sommerduft drang oft zu Hanna hoch, wenn sie am offenen Fenster den Tag begann.

Sie hatte ein kleines Geschäft aufgebaut, eine Werkstatt. Nicht gleich am Anfang, zuerst gab es alles Mögliche: Verwirrung, lange Gespräche mit der Mutter, Telefonate mit Claudia, Termine beim Anwalt wegen der Scheidung. Erst im Herbst, als die Formelle vorbei war und es in ihrem Inneren stiller wurde, erinnerte sie sich an die Papier-Tulpen.

Schon immer hatte sie gern etwas mit den Händen gemacht: gestrickt, genäht, getöpfert, einmal einen Kurs in Weidenflechten besucht. Alles als Hobby, nicht als Broterwerb. Nun aber, im Oktober, dachte sie: Warum nicht ernsthaft?

Sie rief Claudia an.

Claudia, ich will eine Werkstatt eröffnen.

Eine Werkstatt?

Für Handgemachtes. Dekoration, kleine Dinge für Zuhause, Kränze, Kerzen du weißt schon. Ich kann das, das reicht für einen kleinen Laden.

Weißt du, was da alles auf dich zukommt? Miete, Material…

Ich habe Ersparnisse. Ich kann klein anfangen. Ein Zimmer, keine Angestellten, nur ich.

Willst du das wirklich?

Ja.

Claudia schwieg kurz.

Weißt du was? Es überrascht mich gar nicht.

Der Laden war rasch gefunden: ein kleines Zimmer im Altbau im Zentrum, der Besitzer vermietete billig, Hauptsache genutzt. Hanna strich die Wände weiß, hängte Bretter auf, einen großen Arbeitstisch, Lampen. Hannas Werkstatt, nannte sie es schlicht.

Anfangs kamen vor allem Nachbarinnen, Mutters Freundinnen. Sie kauften Trockenblumenkränze, Wandbilder, handgemachte Kerzen, gehäkelte Topfuntersetzer. Dann schrieb jemand im Stadtforum, dann noch jemand. Hanna legte einen Social-Media-Auftritt an, postete Fotos. Bestellungen kamen nicht massenhaft, aber stetig. Es reichte für die Miete. Es reichte, um die Zeit zu füllen.

Das Wichtigste war: Jeder Morgen gehörte ihr allein. Sie selbst entschied, was sie tat, wann sie die Werkstatt aufmachte, mit wem sie sprach, was sie schuf. Dieses einfache, große Gefühl konnte sie kaum beschreiben. Eigene Morgen. Eigener Kaffee. Eigener Plan.

An Martin dachte sie selten. Manchmal erinnerte sie ein Trenchcoat im Schaufenster an ihn, der Geruch eines Tabaks. Dann bemerkte sie es, ließ es einen Augenblick durch sich hindurchgehen, und arbeitete weiter. Keine Wut, fast keine Bitterkeit. Nur leise, freundliche Trauer um das, was nie passiert war: das Kind, das sie nicht bekam. Die Jahre, die im Warten verschwanden.

Eine Trauer, mit der man leben kann.

An einem Abend Ende April, genau ein Jahr später, kam sie aus der Werkstatt nach Hause. Die Dämmerung war weich, in der Luft lag der Geruch von Pappeln und Regen. Im Beutel trug sie Material für einen neuen Auftrag: Eine junge Frau wollte ein Mobile fürs Kinderzimmer aus Holz und bunten Wollpompons. Hanna sah es schon vor sich: helles Holz, Pastelltöne, ein leichtes Schaukeln im Luftzug über dem Bettchen.

Vor einem kleinen Café, an dem sie oft vorbei kam, stand ein Mann. Nicht mehr jung, in ordentlicher Jacke, die Haare grau. Er sah sie an.

Hanna? Bist du das?

Sie blieb stehen, schaute genauer.

Jakob?

Das gibts ja nicht! Er lachte. Gefühlt zwanzig Jahre her?

Jakob Schuster, ein früherer Kollege aus einer anderen Zeit, damals lebenslustig und immer voller Ideen. Irgendwann hatte sich alles verlaufen.

Ungefähr zwanzig Jahre, sagte sie. Wie gehts dir?

Ganz gut. Bin vor drei Jahren zurückgezogen, hatte genug von der Großstadt. Und du, lange schon wieder hier?

Ich bin nie weg gewesen.

Stimmt, du bist ja eine von hier. Sag, hast du kurz Zeit? Hier gibts guten Kaffee. Komm doch auf einen Kaffee mit.

Sie zögerte. Der Beutel mit den Materialien zog an ihrer Hand, zu Hause wartete Arbeit, wahrscheinlich goss die Hausbesitzerin gerade die Phloxe.

Warum nicht, sagte sie.

Sie setzten sich ans Fenster. Sie bestellte Cappuccino, er trank schwarzen Kaffee. Jakob erzählte: Er hatte gearbeitet, war verheiratet gewesen, geschieden, wieder verheiratet, erneut gescheitert. Lachte über sich selbst ohne Bitterkeit.

Und du? Du warst doch verheiratet, oder?

War ich. Wir sind getrennt.

Schon lange?

Ein Jahr.

War es schwer?

Sie wärmte die Hände an ihrer Cappuccino-Tasse, mit Blättermuster.

Schwer, gab sie zu. Aber weißt du, manchmal ist etwas schwer und man merkt danach, dass es gut war. Nicht, weil vorher alles schlimm war. Sondern weil es jetzt besser ist.

Bist du jetzt anders?

Sie dachte nach.

Eher mehr die Person, die ich eigentlich immer war.

Jakob nickte, sah sie aufmerksam an.

Was machst du inzwischen?

Ich habe eine Werkstatt. Dekoration, Handgemachtes. Mein eigenes kleines Geschäft.

Wirklich? Das passt zu dir. Du hast immer etwas Selbstgemachtes am Tisch gehabt.

Erinnerst du dich?

Klar. Diese kleine bunte Flasche aus Parfumflakon war das, oder?

Ja! Die habe ich mit Glasmalfarbe bemalt.

Stimmt. Alle fragten, woher du so schöne Sachen hattest.

Sie schwiegen, aber es war kein unangenehmes Schweigen.

Bist du zufrieden?, fragte Jakob direkt.

Sie blickte zum Fenster. Draußen wurde es dunkel, das Licht der Straßenlaternen war weich und warm. Menschen gingen heim, Hand in Hand, mit Tasche, mit Kindern.

Zufrieden ist ein kleines Wort. Zufrieden ist man, wenn die Suppe gelingt oder die Schuhe bequem sind. Das hier ist mehr. Schwierig zu erklären.

Versuchs doch.

Sie überlegte:

Jeden Morgen gehe ich in meine Werkstatt, mit Bestellungen oder auch einfach, weil ich so will. Da bin ich, werkle und plötzlich wird aus Material etwas ganz Neues. Das habe ich nur mit meinen Händen gemacht. Das gehört mir. Niemand hat es mir geschenkt, niemand kann es mir nehmen. Dieses Gefühl… Ich glaube, das ist Leben.

Jakob lächelte.

Ja, sagte er. Genau das ist es.

Die Laternen draußen warfen gelbes Licht. Drinnen spielte irgendwo alte Musik. Am Boden der Tasse war noch ein kleiner Schluck kalter Kaffee.

Jakob, ich gehe jetzt. Es ist schon spät und morgen früh wartet Arbeit.

Natürlich. Er half ihr mit dem Beutel. Schön, dass wir uns getroffen haben.

Finde ich auch.

Wie heißt deine Werkstatt?

Hannas Werkstatt.

Ehrlich und schlicht, lachte er.

Ich bin auch ehrlich und schlicht.

Würde ich so nicht sagen.

Sie verabschiedeten sich vor der Tür. Sie ging den Bürgersteig entlang, er in die andere Richtung. Sie sah nicht zurück.

Zu Hause war es ruhig. Die Phlox im Garten war für die Nacht geschlossen, kein Duft mehr, aber sie öffnete trotzdem das Fenster. Der abendkühle April zog herein, sauber und frisch.

Sie stellte den Wasserkocher an, während das Wasser heiß wurde, packte sie die Materialien aus. Wollknäuel: pastellrosa, beige, minzgrün. Holzstäbe in verschiedenen Längen. Sie breitete alles auf dem Tisch aus, sah schon vor sich, wie sie die kleinen Pompons knüpfte. Sie würden im Luftzug tanzen, über dem Bett eines Kindes.

Das Teewasser kochte.

Sie machte sich eine Tasse Tee, trat ans Fenster, schaute hinaus in den nächtlichen Garten, die dunklen Baumkronen, das gelb erleuchtete Fenster gegenüber, wo noch jemand wach war. In der Ferne fuhr ein Auto.

Sie dachte daran, dass ihr Leben nach der Scheidung kein Untergang, kein Scheitern war, sondern einfach ihr eigener Weg. Zweiundfünfzig Jahre, ein Neuanfang jenseits der Fünfzig, ein kleines eigenes Geschäft, eine kleine eigene Wohnung, eine kleine Stadt, die sie kannte und liebte. Für manche wirkte das bescheiden. Zu wenig.

Aber es war ihr Eigenes.

Jede morgendliche Tasse Kaffee war ihr. Jede Entscheidung, was sie tun, wo sie sein, mit wem sie sprechen wollte. Jeder Pompon aus minzgrüner Wolle.

Draußen rauschte der Wind leise in den Bäumen. Irgendwo setzte leichter Regen ein.

Hanna hielt die warme Tasse mit beiden Händen, blickte hinaus in die Dunkelheit. Morgen würde sie beige Wolle kaufen müssen, es war kaum noch welche da, aber die Bestellungen liefen gut.

Beige Wolle musste sie kaufen. Und vielleicht ein neues Küchentuch. Das alte hatte endgültig die Farbe verloren.

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Homy
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