Rückkehr
Jana wurde schon am Bahnsteig schlecht.
Gerade noch rechtzeitig schaffte sie es zur Mülltonne und lehnte sich, völlig erschöpft, über das kalte, schmutzige Blech. Sie spürte, wie ihr teurer Mantel vom nassen Metall fleckig wurde…
Fräulein, gehts Ihnen nicht gut? hörte sie einen warmen, typischen fränkischen Dialekt neben sich.
Lassen Sie mich murmelte Jana.
Sie richtete sich auf. Wie in einem alten Stummfilm glitten Menschen in dicken Winterjacken mit Trolleys und Kartoffelnetzen an ihr vorbei.
In der Luft hing der Geruch nach Diesel, schlechtem Tabak und dieser besonderen, leicht muffigen Kleinstadtluft, die Jana immer migräneartig aufstoßen ließ.
Sie hasste diese Stadt. Mit einer sauberen, klaren Ablehnung, wie sie nur Menschen empfinden können, die vor fünfzehn Jahren geflohen sind und alles getan haben, um den Weg zurück zu vergessen.
Das Handy vibrierte.
Papa rief an.
Jana, wo steckst du? Ich warte draußen im Auto auf dich!
Ich nehm ein Taxi, schnitt sie ab. Ist nicht nötig mich abzuholen. Sag mir die Adresse vom Krankenhaus.
Ach, die Mama ist doch gar nicht mehr in der Klinik. Die haben sie gestern entlassen. Der Blutdruck, weißt schon, nichts Dramatisches, soll sich zu Hause erholen. Ich bring dich…
Zu Hause? Jana presste die Zähne zusammen. Ihr macht Witze, oder? Dafür hab ich mich also mitten in der Nacht in den Zug gesetzt?
Jana, reg dich nicht so auf. Die Mama freut sich auf dich. Hat extra Laugenbrötchen gebacken.
Ah, du meine Güte, was für Brötchen!
Sie drückte das Gespräch einfach weg.
***
Das Haus, in dem sie groß geworden war, kam ihr noch enger vor als früher.
Jana blieb im Treppenhaus stehen und musterte die abgegriffene Kunstledertür. Die Nachbarskatze schmiegte sich schon um ihre Beine, überall klebte weißes Fell an ihren Stiefeln. Es roch nach Sauerkrautsuppe, Katzen und etwas Süßem. Schon immer roch es hier so. Immer.
Sie trat ohne zu klopfen ein.
Ihre Mama saß in der Küche. Klein, grauhaarig, im abgetragenen Bademantel, darunter ein Nachthemd.
Als sie Jana erblickte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, das Gesicht strahlte Glück und eine seltsame Schuld, die Jana unangenehm war.
Janalein! Kindchen! Ich dachte, du kommst erst heute Abend…
Ich hab gesagt, keine halben Wahrheiten, Mama. Jana zog die Stiefel nicht aus. Sie stand einfach im Flur. Weißt du eigentlich, dass mein Job am seidenen Faden hängt, weil ich im Zug übernachtet habe, nur um dich auf Intensivstation zu besuchen, und du backst hier Brötchen?!
Die Mama sackte ein wenig zusammen. Die Hände fielen ihr in den Schoß.
Jana, verzeih mir. Ich wollte dich doch nicht beunruhigen. Es ist echt nichts Schlimmes, einfach zu viel Stress… Und ich hab dich so vermisst…
Das nennt man lügen, Mama. Jana schmiss die Stiefel in die Ecke. Na gut. Wo hast du dein Blutdruckmessgerät? Lass uns messen, dann geh ich ins Hotel. Hier bleib ich über Nacht nicht.
Bleib doch, mein Herz…
Mama, das Klo tropft, die Heizkörper sind lauwarm und im Nebenzimmer schreien die Nachbarn so, dass die Wände beben. Ich halt das nicht aus. Ich kann hier nicht sein. Körperlich nicht.
Sie ging in die Küche und setzte sich an den Tisch. Eine Platte mit frischen Brötchen stand darauf goldbraun, noch warm. Jana warf nicht mal einen Blick drauf.
Her mit dem Blutdruckmesser.
Die Mama brachte brav das uralte, mechanische Gerät.
Was ist das denn? Jana verzog das Gesicht. Hast du kein Geld für ein ordentliches? Ich hab dir doch immer was überwiesen.
Ich hab das auf dein Sparbuch gelegt. Für dich. Für Notfälle.
Ach Mutter…
Jana pumpte die Manschette auf. Die Zahlen verwischten vor ihren Augen.
Hundertsechzig zu neunzig. Isst du das Salz jetzt löffelweise?
Ach, nur eine kleine Prise…
Gut, morgen kauf ich dir vernünftige Tabletten und ein anständiges Gerät. Ich bin müde. Wo kann ich schlafen?
Die Mutter wurde ganz aufgeregt und verschwand zum Bettenmachen. Jana saß da, blickte auf die grauen Mehrfamilienhäuser draußen und dachte nur: Bloß nicht festhängen. Bloß morgen wieder weg.
***
In der Nacht lag Jana hellwach.
Das Schlafsofa war zu kurz, die Sprungfedern bohrten ihr in den Rücken, nebenan tobten die Nachbarn, schließlich fingen sie an zu prügeln. Frauengeschrei, schwere Flüche.
Jana starrte an die Decke. Da war immer noch der alte Riss, wie ein Blitz. Früher fand sie das witzig, jetzt erinnerte sie nur an den Zustand dieser Bude.
Erst gegen Morgen schlief sie endlich ein und träumte, dass sie wieder ein Kind war. Gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Wochenmarkt, Mama kaufte ihr ein Gebäck mit Marmelade, heiß, mit Puderzucker. Jana war damals so glücklich!
Sie wachte auf, weil sie weinte.
Die Tränen liefen ihr einfach übers Gesicht, sie konnte sie nicht aufhalten. Sie lag da und schluchzte, wischte sich den Ärmel vors Gesicht.
Im Nebenzimmer war es jetzt leise. Nur die alte Uhr tickte. Die, die Mama schon hundert Mal wegwerfen wollte.
Jana? kam die Stimme der Mutter leise durch die Tür. Bist du wach?
Bin ich, krächzte Jana.
Es ist Besuch für dich da.
Wer?
Weiß nicht. Ein Mädchen. Sagt, sie heißt Ute. Erinnerst du dich?
Jana setzte sich auf. Ute? Welche Ute?
Im Bademantel schlich sie aus dem Zimmer.
Vor ihr stand Ute genau die Ute, mit der sie in der Schule befreundet war. Die beste Freundin, die sie damals ohne ein Wort verlassen hatte, als sie nach München ging.
Ute hatte sich kaum verändert. Noch immer helles Haar zum Pferdeschwanz gebunden, Dieselben Grübchen, nur die Augen etwas müder.
Grüß dich, sagte Ute. Deine Mutter hat gesagt, du bist da. Da dachte ich, ich schau mal vorbei. Ist ja ewig her fünfzehn Jahre.
Jana war perplex. Sie wollte zunächst was Scharfes entgegnen von wegen Woher hast du mich gefunden? oder Eigentlich hab ich grad keine Zeit aber es ging einfach nicht.
Komm rein, sagte sie schließlich.
Sie setzten sich in die Küche, die Mama verzog sich zur Nachbarin. Ute umklammerte die Teetasse mit beiden Händen.
Ich bin verheiratet, erzählte sie. Hab eine Tochter, sieben Jahre. Leonie. Kommt bald zur Schule.
Herzlichen Glückwunsch, murmelte Jana.
Und du? Ute musterte sie. Läufts gut in München?
Geht so.
Verheiratet?
War ich.
Was ist passiert?
Jana zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Lust zu erzählen, dass ihr Mann sie verlassen hatte. Dass Wohnung, Auto, Karriere nachts keine Gesellschaft sind. Dass sie allein ist. Richtig allein.
Hat einfach nicht gepasst, sagte sie.
Ute nickte. Es wurde still. Dann sagte sie:
Ich hab dir übrigens verziehen…
Wofür denn? Jana war überrascht.
Na, dass du abgehauen bist. Nicht mal Tschüss gesagt. Wir waren doch wie Schwestern, haben alles geteilt. Ich hab erst viel geweint, dann war ich sauer… Und dann dachte ich ist halt das Leben. Du hast deins gebaut, ich meins. Und schau, jetzt sitzen wir hier und trinken Tee. Ich freu mich, dich zu sehen.
Jana musste blinzeln und drehte sich verlegen zum Fenster.
Ute, ich war damals so dumm. Verzeih.
Ist doch schon lange gut, lächelte Ute. Sowas passiert.
Sie redeten bis in den Abend. Ute erzählte vom Mann (arbeitet in der Fabrik, trinkt, aber ist freundlich), von Leonie (kleine Künstlerin, überall an den Wänden ihre Malereien), wie es so läuft. Und Jana merkte, dass sie das aufrichtig interessierte.
Weißt du was sagte Ute, als sie schon ging magst morgen zu uns kommen? Zum Abendessen. Ich koch Eintopf, Leonie willst du bestimmt mal kennenlernen.
Mal sehen…
Ach komm, Ute nahm sie bei der Hand. Deine Mutter sagt, du bleibst eh bis Mittwoch. Dann verbringen wir mal Zeit, wie früher.
Jana nickte.
***
Am nächsten Tag ging Jana erstmal in die Apotheke.
Sie musste für die Mama Tabletten, ein ordentliches Messgerät und ein paar andere Sachen besorgen. Auf dem Weg durch die Stadt fiel ihr auf einmal auf, dass es hier gar nicht so trostlos war. Die Bäume trugen Raureif, Kinder rodelten, alte Damen saßen auf den Bänken. Alles ganz normal.
In der Apotheke war eine Schlange. Jana stellte sich hinten an. Vor ihr eine Dame im alten Daunenmantel, die Arme voller Einkäufe. Die Frau wippte unruhig hin und her.
Geht es Ihnen gut? fragte Jana.
Ach, Herzstiche, Kindchen. Ne Tablette und dann wirds schon wieder.
Jana schaute sie genauer an: Blass, die Lippen bläulich, Schweiß auf der Stirn.
Setzen Sie sich einen Moment, sagte Jana. Ich hole das, was Sie brauchen. Was darfs sein?
Nitroglyzerin, mein Schatz. Danke dir.
Jana besorgte die Tablette, reichte sie ihr. Nach einer Minute atmete die Frau besser.
Danke, junge Frau. Du bist wohl nicht von hier?
Doch, sagte Jana plötzlich. Ich bin hier geboren.
Sie trat lächelnd aus der Apotheke.
***
Am Abend ging Jana tatsächlich zu Ute.
Die wohnte in einer alten Plattenbausiedlung, fünfter Stock, kein Aufzug. Jana stapfte die schäbigen Stufen hoch und dachte sich: Mein Gott, wie entwöhnt man sein kann…”
Aber irgendwie störte es sie diesmal gar nicht.
Die Tür öffnete ein zartes Mädchen mit großen blauen Augen und blondem Zopf.
Bist du die Tante Jana? Mama hat gesagt, ich soll dich reinlassen.
Richtig, ich bin die Tante Jana.
Ich bin Leonie! Komm rein. Heute gibts Eintopf!
Die Wohnung war einfach, aber sauber. Alte Möbel, verblichene Tapeten, an den Wänden Leos Zeichnungen. Es roch nach Gemüse, nach Gebackenem.
Ute wirbelte in der Küche.
Ah, Jana! Los, zieh dich aus. Dann gibts Essen. Leo, deck den Tisch, bitte!
Sie aßen und Jana spürte ein warmes Gefühl im Bauch. So lecker hatte sie lange nicht mehr gegessen. So unkompliziert saß sie seit Jahren nicht am Küchentisch.
Malst du was für mich? bat sie Leonie.
Das Kind nickte eifrig: Du bist hübsch. Ich male dich.
Sehr gern, lachte Jana.
Leonie schnappte sich Block und Stifte, setzte sich zum Malen.
Jana trank Tee mit Kirschmarmelade und plauderte mit Ute.
Und, hast du Kinder? fragte Leonie, ohne beim Zeichnen aufzuschauen.
Nein, hat nicht geklappt.
Warum nicht?
Leonie! zischte Ute Das ist privat!
Schon gut, Jana lächelte. Ist manchmal einfach so, Leo. Nicht jeder bekommt Kinder.
Nicht traurig sein, sagte Leonie ganz ernst, du bist noch jung. Du hast alles vor dir.
Jana musste lachen.
Danke, kleiner Schatz.
Leonie reichte ihr das Bild. Es zeigte eine Frau im langen Kleid, mit Krone, Blumen drumherum.
Das bist du, erklärte sie. Eine Prinzessin. Aber ein bisschen traurig. Warte, ich male noch die Sonne, dann wirst du wieder froh.
Jana schluckte.
Danke, mein Kind. Dein Bild nehme ich mit nach München, hänge es auf. Versprochen!
Echt? fragte Leonie. Kommst du nochmal?
Klar, sagte Jana. Und sie spürte, dass sie es wirklich ernst meinte.
***
Spät am Abend kam sie zurück zu ihrer Mutter. Die wartete wach.
Na, wars schön? fragte sie.
Es war gut, Mama. Richtig gut.
Jana setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand. Diese Hand war warm, rau, voller Pigmentflecken.
Mama, verzeih mir. Für alles.
Ach Quatsch, Herz. Für was denn?
Dafür, dass ich Jana suchte nach Worten, …dass ich mich für euch geschämt habe. Für diese Stadt. Für mich selbst. Ich glaubte, ich wär besser, nur weil ich weg bin. Dabei bin ich bloß fortgelaufen.
Mama schwieg. Fuhr ihr sanft durchs Haar, wie früher.
Du bist nicht fortgelaufen, Janalein. Du hast dich gerettet. Hier wars eben so: Entweder du gehst irgendwann, oder du gehst zugrunde. Ist schon gut, dass du weg bist. Aber vergiss uns nicht ganz.
Niemals, flüsterte Jana. Versprochen.
***
Am nächsten Morgen fuhr Jana zurück.
Papa brachte sie zum Bahnhof. Die Mama stand am Gleis, klein und verloren im alten Mantel, und winkte.
Jana schaute aus dem Fenster und spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog.
Weißt du Papa räusperte sich, komm doch mal wieder. Wir sind ja nicht ewig da.
Mach ich, Papa. Versprochen.
Sie setzte sich in den Zug, suchte ihren Platz. Auf dem Handy war eine Nachricht von Ute: Meld dich, wenn du wieder da bist. Leonie fragt schon, wann Tante Jana sie besucht. Du bist ihr richtig ans Herz gewachsen.
Jana schmunzelte und steckte das Handy weg.
Der Zug fuhr los. Draußen flogen die grauen Blocks, Garagen, verschneite Felder vorbei. Und plötzlich spürte Jana diesmal tut nichts weh. Kein Kopf, kein Magen. Sie musste nicht länger die Augen schließen und sich wegträumen.
Aus der Tasche zog sie Leos Bild. Entrollte es. Die Prinzessin mit der Krone, die Blumen, eine angedeutete Sonne.
Jana schaute aus dem Fenster. Über den Feldern stieg eine große, rote Sonne auf. Ganz echt.
***
Eine Woche später überwies Jana Ute einfach so ein paar Euro für Leonie, für Stifte, für die Malstunden.
Ute wollte erst nicht Jana blieb hart.
Und ein halbes Jahr darauf fuhr sie wieder in die Heimatstadt. Einfach so. Ohne Anruf, ohne Anlass. Sie buchte einfach das Ticket und kam.
Wieder saßen sie zu dritt am Küchentisch Jana, Ute und Leonie. Aßen Eintopf und redeten. Und Jana dachte auf einmal: Vielleicht ist genau das Glück. Dass da jemand ist, der dich einfach braucht. Ganz ohne ErwartungenAm späteren Abend, als der Regen gegen die Fensterscheiben der kleinen Küche trommelte und Leonie schon längst in ihrem Zimmer leise schlief, saßen Jana und Ute noch zusammen, stumm, und sahen den dampfenden Bechern beim Abkühlen zu. Von draußen drang irgendwo das Klirren einer Straßenbahn, ein fernes Bellen, dann wieder nur das beruhigende Ticken der Uhr.
Jana betrachtete ihre Hände und spürte, wie all die Jahre in glamourösen Städten, all das Streben, das Rennen und Reißen, an Bedeutung verloren hatten zumindest jetzt. Was übrig blieb: die Wärme einer zugewandten Hand, Kindergemurmel aus dem Nebenzimmer und das ehrliche Lächeln einer alten Freundin.
Denkst du manchmal ans Weggehen? fragte Jana leise.
Ute schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck.
Ich war mal neugierig. Aber dann war da Leonie, und naja… Ich glaube, Glück ist da, wo Menschen auf dich warten.
Jana nickte. Sie blickte auf das Kinderbild an der Wand die Prinzessin war größer geworden, die Sonne daneben kräftiger gemalt, die Farben leuchtender. Und darin entdeckte sie etwas, das sie verloren geglaubt hatte: Hoffnung. Ursprung. Ein Zuhause.
Draußen hörte der Regen langsam auf. Jana stand auf, zog die Jacke an und trat mit Ute auf den Balkon. Sie atmeten gemeinsam die kühle, nasse Luft, still, Arm an Arm. In den Fenstern ringsum brannten Lichter, ein Fernsehbild flackerte, irgendwo wurde noch gelacht. Für einen Moment war alles vollkommen.
Jana wusste, der Abschied kam wieder, vielleicht schon morgen aber diesmal würde sie nicht mehr davonlaufen, nur wegfahren. Denn eine Rückkehr war ab jetzt immer möglich. Und das Beste: Jemand würde warten. Immer.





