— Du bist verantwortungslos, Mama. Gründe deine Familie woanders.

Du bist vollkommen verantwortungslos, Mama. Such dir zum Kinderkriegen eine andere Wohnung.

Maria war gerade mal siebzehn, als sie Moritz heiratete frisch von der Schulbank weg. Keine vier Wochen später trug sie schon den Ring am Finger und einen sich verdächtig schnell rundenden Bauch. Die Nachbarinnen tuschelten natürlich gleich: War bestimmt ein Unfall, ach, bestimmt ein Unfall …

Maria brachte ihre Tochter zur Welt, sie nannten sie Annika, und fortan wohnte Maria mit Moritz in der Wohnung von Moritz Mutter. Die Schwiegermutter Frau Waltraud Hofmann lebte eigentlich zwei Straßenbahnhaltestellen entfernt in einer eigenen kleinen Wohnung, fand es aber absolut notwendig, die junge Familie auf Schritt und Tritt zu kontrollieren. Die große Altbauwohnung mit ihren drei Zimmern und hohen Decken war uralt eingerichtet Polstergarnitur und Vitrinenschrank von vor der Wende und Maria hatte immer das Gefühl, sie sei nur zufällig Gast dort, geblieben, weil das Leben sie aufgehalten hatte.

Mit Annika hatte Maria ihr Glück. Wickeln, Windeln, schlaflose Nächte, das erste Zähnchen, erste Schritte, das allererste Mama davon wurde ihr Herz ganz weich. Aber Annika wuchs nicht nur mit Maria auf da gabs ja noch Oma Waltraud, die fast täglich aufkreuzte, und Moritz Schwester Tanja, die Nachbarin, die gleich um die Ecke wohnte und gerne mal das Richtige predigte. Tanja war fünf Jahre älter als ihr Bruder, drahtig, mit strengem Dutt und einem Gesicht, das meist so aussah, als rieche sie an etwas Verdorbenem. Waltraud und Tanja waren grundsatztreue Frauen, die alles besser wussten wie Kinder zu erziehen sind, wie man Wäsche sortiert und Sauerbraten richtig würzt und was eine Ehefrau am besten macht.

Maria, wieso lässt du Moritz mit den Kumpels ins Vereinsheim? Waltraud schnippt dabei immer so mit den Lippen. Mein seliger Gatte kam nach der Arbeit immer direkt nach Hause. Familie alles andere kommt erst danach.

Mit Waltraud zu diskutieren, da kam Maria nicht weit. Die Frau beendete jedes Gespräch mit einem Blick. Tanja setzte dann noch obendrauf:

Du, Maria, du solltest darauf achten, dass Annika sich richtig entwickelt. Ich hab ihr passende Bücher besorgt, heute kann man Kinder gar nicht genug fördern. Am Ende ist immer die Mutter schuld!

Also las Annika brav Tanjas Bücher, schleppte mit Oma durch die Museen, lernte mit Hilfe einer Nachhilfelehrerin Englisch vermittelt von Oma natürlich. Im Quartier erzählte jede Nachbarin: Ja, die Annika wird ordentlich, klug, ganz wie die Oma.

Moritz war ein stiller Typ, unauffälliger Ingenieur in einem Betrieb, nach der Arbeit gerne ein Bier mit Kollegen, Fußball im TV fertig. Maria liebte ihn auf diese ruhige, vertraute Art, nach zehn Jahren Ehe, wenn alle Streits und Verletzungen durch sind und man sich einfach nichts mehr vorspielen muss. Moritz zeigte Zuneigung auf seine eigene, unbeholfene Art: brachte Tee ans Bett, briet morgens mal Rührei, wenn Maria noch schlief.

Waltraud war zu ihrem Sohn stets beschützend distanziert als hätte er nie so richtig den Sprung zum Erwachsenen geschafft. Sie merkte öfter bei Tisch an: Moritz, wirst du auch mal durchsetzungsfähig? Deine Frau schaut dich an und fragt sich wohl Mann oder Junge?

Moritz schwieg dann nur und zog die Schultern ein. Und abends, wenn Maria neben ihm lag, strich sie ihm übers Haar und flüsterte: Hör nicht auf sie, du bist richtig gut. Für mich bist du der Beste. Moritz antwortete selten seufzte tief und schlief ein. Maria schaute oft noch ewig an die Decke und dachte, wie merkwürdig es ist, jemanden zu lieben und ihn trotzdem gegen die eigene Familie nie verteidigen zu können zu viel Unsicherheit, zu wenig eigenes Zuhausegefühl, sie blieb eben immer ein halber Gast.

Als Annika dreizehn war, wurde Waltraud schwer krank. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Waltraud ließ keine Träne fallen biss nur noch mehr die Zähne zusammen und spazierte zum Notar, das Erbe regeln. Alles ganz gerecht, ihrer Meinung nach: Die eigene zentrale Zweizimmerwohnung bekam Tanja, die große Dreizimmerwohnung, in der Maria mit Familie lebte, sollte Moritz erhalten. Fair, sagte sie jeder eine Wohnung, niemand geht leer aus.

Bloß dann kam alles anders: Drei Wochen nachdem das Testament gemacht war, verließ Moritz nach Feierabend den Betrieb, will zur Haltestelle und auf dem Zebrastreifen erfasst ihn ein Auto. Am Steuer war eine junge Frau, wohl abgelenkt, so stands später im Polizeiprotokoll. Die Nachricht brachte Tanja total aufgelöst, Stimme am Telefon kratzend:

Maria, der Moritz… Der Moritz ist tot. Unfall, Auto, Notarzt, es war schon alles zu spät. Du musst zur Leichenhalle, ihn identifizieren

Maria wusste nicht mehr, wie sie zur Leichenhalle kam, wie sie seinem Gesicht begegnete, Formulare unterschrieb, heimfuhr. Annika war an dem Tag bei Oma. Zuhause war die Wohnung leer. Maria setzte sich einfach auf die Couch und blieb da bis Sonnenaufgang.

Waltraud überlebte ihren Sohn um zwei Monate. Die Ärzte meinten, das Karzinom habe massiv gestreut, Chemotherapie half nicht mehr. Maria war sicher: Waltraud hatte einfach keinen Lebenswillen ohne Moritz. So sehr sie ihn auch kritisiert hatte, es war ihr Sohn, ihr Kind, und mit seinem Tod ist in dieser stahlharten Frau etwas zerbrochen. Sie wurde rasend schnell alt, lag nur noch auf der Station, starrte Löcher in die Decke. Kurz vor ihrem Tod rief sie noch einmal den Notar änderte das Testament. Nun sollte Annikas Name auf der Wohnung stehen.

Annika das große Zuhause, das ist fair, krächzte sie zu Tanja am Bett. Du kriegst deine Wohnung, wie besprochen. Pass auf Annika auf sie darf nicht auf Abwege geraten wie ihre Mutter. Maria ist nett, aber zu weich, Annika braucht eine feste Hand.

Tanja nickte mit unbewegtem Gesicht sie war eben ganz ihre Mutter.

Maria blieb also allein mit Tochter in einer Wohnung, die offiziell Annika gehörte. Da Annika aber noch minderjährig war, war Maria eh die Vormundin. Die ersten Jahre hat Maria das nicht einmal wirklich realisiert sie musste einfach ackern, Annika großziehen, zwei Leben stemmen.

Fünf Jahre vergingen im Dauerlauf zwischen Beruf, Kind, Sparen. Annika sollte ja alles haben wie andere schöne Klamotten, ein gutes Handy, Musikschule, Nachhilfe. Maria beschwerte sich nicht. Und als Annika dann im ersten Anlauf einen Studienplatz an der LMU München auf Vollstipendium bekam, konnte Maria vor Stolz weinen. Es war alles nicht umsonst Annika wurde klug, selbstständig, gebildet, bereit für eine helle Zukunft. Dank Babushkas und Tanjas Drill war sie in Englisch top. Und Annika jobbte ab dem zweiten Semester selbstständig Übersetzungen, Nachhilfe.

Gerade als es in Marias Leben ruhiger wurde, als sie dachte Jetzt schau ich mal auf mich, trat Frederik in ihr Leben. Es war ganz banal sie trafen sich im Bus, er half ihr mit einem schweren Einkaufskorb, sie kamen ins Gespräch. Er arbeitete gleich um die Ecke im Außendienst, war dreizehn Jahre älter, hatte zwei erwachsene Kinder. Seine Frau war nach einem Schlaganfall seit fünf Jahren pflegebedürftig. Um sie kümmerte er sich allein.

Ich bin kein Held, sagte er bei ihrem dritten Date, als sie im Englischen Garten auf einer Bank saßen und er ihre Hand hielt. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Wir hatten zusammen ein Leben, Kinder… aber ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, sich auf jemanden zu freuen. Und mit dir fühle ich mich wieder lebendig.

Maria verstand das gut. Mit achtunddreißig sucht man keinen Märchenprinzen mehr. Man nimmt, was das Leben bietet.

Maria verschwieg Annika vorerst alles. Sie druckste bei Fragen herum, redete sich raus; aber Annika war nicht blöd. Sie bemerkte die neuen Kleider, den anderen Blick bei Maria: Mensch Mama, hast einen neuen Duft gekauft Sag, hast du jemanden?

Es war die Frage auf den Punkt. Maria errötete wie ein Teenager und beichtete. Von Frederik, der Bindung zu seiner kranken Ehefrau, und dass sie ihn wirklich liebt.

Annikas Gesicht wurde kälter, je länger sie zuhörte. Am Ende sagte Annika so ruhig, dass Maria Gänsehaut bekam genau diese ernsten Töne hatte sie früher nur von Waltraud gekannt:

Mama, merkst du, was du da sagst? Du bist meine Mutter, hast mir beigebracht, was Anstand heißt. Und jetzt erzählst du mir, wie du fremde Ehemänner datest? Hast du noch alle Tassen im Schrank?

Annika, es ist nicht so einfach …, fing Maria an. Aber Annika schnitt ihr das Wort ab:

Ich weiß, wie einsam du bist. Aber ein verheirateter Mann ist tabu. Das erwartet man doch von einer Erwachsenen, oder?

Maria war verletzt, weinte sogar schrieb das auf jugendlichen Schwarz-Weiß-Denken. Annika, dachte sie, sieht nur richtig oder falsch, null Grautöne.

Die Treffen mit Frederik blieben heimlich: Auf dem Schrebergarten eines Freundes oder in einer kleinen Mietwohnung, die Frederik unter der Hand für einzelne Nächte buchte. Maria wusste: Das ist keine Liebesgeschichte fürs Tagebuch. Aber für sie war jede Minute mit ihm Gold wert.

Manchmal denke ich, ich hab kein Recht auf dich, auf Glück, murmelte Frederik einmal, als sie bei ihm lagen. Ich sitze daheim an ihrem Bett, weiß genau, meine Frau lebt noch und ich teile mein Herz. Ist das gemein?

Schon, nickte Maria ehrlich, aber ich liebe dich trotzdem.

Du bist mein Glück …, flüsterte er. Ich lasse dich nicht fallen, egal was passiert.

Maria glaubte ihm oder wollte glauben, denn nach fünf Jahren Alleinsein und Arbeit brauchte sie diese Hoffnung so sehr.

Und dann da blieb die Periode aus. Erst glaubte Maria an Stress. Dann ein Test. Dann noch einer. Die Gewissheit schlug ihr den Boden unter den Füßen weg. Sie marschierte zur Frauenärztin: Herzschlag ist da, sechste Woche, alles okay, meinte die Ärztin. Maria setzte sich draußen auf eine Bank und weinte hemmungslos Angst, Freude, Verzweiflung, Hoffnung, alles auf einmal.

Sie überlegte tagelang, wie sie es Frederik erzählen sollte. Wird er sich freuen? Wird er Panik kriegen? Sie wusste, Frederik war kein Vater, der sich aus dem Staub machen würde aber Verantwortung… war für ihn manchmal schwer.

Noch schwerer aber wog das Gespräch mit Annika. Maria zögerte, aber irgendwann ging es nicht mehr anders. Ein Abend in München, Annika kam von Tanjas Geburtstagsfeier, und Maria setzte sich zu ihr an den Küchentisch:

Annika ich muss mit dir reden. Ich bin schwanger.

Annika war wie erstarrt, Tasse in der Hand.

Von dem verheirateten Typ? fragte sie leise.

Von Frederik, ja. Er ist der Vater.

War klar, spottete Annika, doch der Ton war bitter, nicht ironisch. Sag mal, bist du noch ganz dicht? Du bist achtunddreißig, rackert dich mit zwei Jobs ab, ich bin gerade an der Uni angenommen und du willst nochmal ein Kind bekommen? Von einem Kerl, der bei seiner Ehefrau bleibt und dir nichts bieten kann?

Annika, so einfach ist das nicht, versuchte Maria ruhig zu sagen.

Und es interessiert mich auch nicht. Eines sage ich dir: In dieser Wohnung, die mir gehört Omas letzter Wille! kriegst du sicher kein Kind. Das hier ist meine Wohnung, Oma hat sie mir vermacht, nicht dir.

Maria war den Tränen nah, ihr Gesicht wurde blass. Sie musterte Annika ihr Mädchen, die sie als Teenager geboren, in den Kindergarten gebracht und großgezogen hatte. Alles für Annika getan, und jetzt stand ihr da eine Fremde gegenüber, mit Tanjas Mund, Waltrauds Blick.

Annika, wie kannst du sowas sagen? Das ist unser Zuhause, ich habe dich hier großgezogen

Du hast hier gelebt, weil Papa nicht mehr da ist, warf Annika ihr vor. Oma hätte dich rauswerfen können, aber sie hat es meinetwegen ertragen. Aber die Wohnung war immer meine. Ich werde dich nicht rauswerfen, keine Angst aber ein weiteres Kind unter diesem Dach? Nein. Wenn du unbedingt nochmal Familie willst, dann geh zu deinem Frederik!

Willst du mir echt jede Hilfe verweigern? fragte Maria, und die Verzweiflung war kaum zu fassen.

Annika wandte kurz den Blick ab, dann kamen sogar Tränen. Ich habe mein Leben vor mir. Ich möchte nicht die Verantwortung für dein Baby tragen. Es ist dein Wunschkind, dein Leben. Ich will Studentin sein, arbeiten, reisen nicht plötzlich Windeln wechseln!

Maria sackte auf den Stuhl. Die Band zwischen ihr und Annika fühlte sich plötzlich abgerissen an. So sehr hatte sie ihre Tochter geliebt, sie bedingungslos unterstützt, dabei war sie doch nie richtig angekommen.

Oma hat dir die Wohnung ja nur geben können, weil Papa früher gestorben ist, hauchte Maria leise. Wäre er da gewesen, wäre die Hälfte sowieso mein rechtliches Erbe gewesen …

Annika wurde hart im Gesicht: Aber er ist vorher gestorben und Oma hat eben entschieden genau, weil du nie Verantwortung übernimmst. Mit siebzehn schwanger, jetzt mit fast vierzig schon wieder. Hätte sie die Wohnung dir gelassen, wär sie eh futsch.

Maria schluckte. Du bist geworden wie Oma.

Annika zuckte nur die Schultern. Ich liebe dich, Mama. Du bist meine Mutter. Aber ich habe mein Leben und du deins! Such dir etwas Eigenes. Frederik ist der Vater, also ist er auch verantwortlich.

Er ist überfordert …, platzte es aus Maria heraus.

Annika lachte bitter. Eben. Und ich übernehme nicht die Folgen. Ich will hier alleine leben, ohne dein Baby. Wenn du ein Kind kriegst, suchst du für euch beide eine Wohnung. Ich geb dir Zeit, aber wenns geboren ist das hier ist mein Zuhause.

Maria verzog sich in ihr Zimmer, schloss die Tür und weinte in das Kissen. Alles fühlte sich leer an, die Liebe zu Annika wie abgebrochen. Die Erinnerungen an kleine Annika, an ihre ersten Schritte, das Lachen alles verschwamm.

Ich bin keine Fehlentscheidung, flüsterte Maria ins Dunkle, kaum hörbar. Ich bin deine Mutter

Doch aus Annikas Zimmer tönte längst Musik laut, abweisend. Alles war gesagt.

Maria griff irgendwann zum Handy und rief Frederik an. Ich bin schwanger. Hast du irgendeine Möglichkeit, für ein eigenes Zuhause und Geld zu sorgen, dass ich wenigstens im ersten Jahr mit Kind nicht arbeiten muss?

Sie konnte hören, wie Frederik ins Stocken geriet. Und dann kam der Sturm aus Rechtfertigungen, die sie erwartet hatte:

Maria, ich kann nicht… du kennst meine Lage doch. Die Pflege, Medikamente, mein Gehalt reicht gerade so. Die Kinder können auch kaum helfen, du weißt ja, heute ist ja alles so teuer. Ich würde gern, aber ich kann dich und das Baby nicht absichern … Ich lasse dich nicht im Stich, aber mehr als ein bisschen helfen kann ich wirklich nicht …

Maria sagte nichts mehr. Sie beendete das Gespräch, legte das Handy weg und hörte nur noch der Stille zu. Irgendwann stand sie früh am Morgen auf, zog sich wortlos an, nahm Ausweis und Krankenkarte und ging zum Gesundheitsamt. Wartete fast zwei Stunden. Als die Ärztin, dieselbe wie beim letzten Besuch, fragte: Na, melden wir Sie zur Vorsorge an?, antwortete Maria leise:

Nein. Ich brauche einen Termin zum Abbruch.

Die Ärztin seufzte nur und notierte etwas.

Maria trat auf die Straße, atmete tief den kalten Münchner Morgen ein. Und erst da, auf den Stufen vorm Amt, ließ sie einfach los, wie ein Kind, das seine Mutter verloren hat. Während um sie herum Frauen mit runden Bäuchen und Kinderwagen vorbeigingen. Es interessierte niemanden.

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Homy
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Die Enkelin.