Die Grenzen der mütterlichen Liebe

Die Grenze der Mutterliebe

Es war an einem trüben, regnerischen Sonntagmorgen in Hamburg, als ich Johannes Becker zum dritten Mal mein Handy zückte und die Nummer meiner Tochter wählte. Die ersten beiden Versuche hatte ich selbst abgebrochen, bevor es auch nur einmal klingelte. Ich saß mit einer Tasse kaltem Kaffee am Küchentisch, blickte hinaus auf den grauen Innenhof, beobachtete die leere Schaukel auf dem matschigen Spielplatz und fragte mich: Soll ich wirklich anrufen? Vielleicht schaffe ich es auch irgendwie alleine.

Aber als Katharina zum vierten Mal aus dem Kinderzimmer rief: Papa, bei Paul ist schon wieder alles rausgekommen!, stand für mich fest: Ich musste jetzt handeln.

Mein Sohn Alexander ging erst beim sechsten Klingeln ans Telefon.

Hallo, Papa.

Seine Stimme war ruhig, leicht abwesend. Ich konnte ihn mir vorstellen, wie er vor dem Rechner saß auch den Sonntag verbrachte er meist arbeitend. Für Leute wie ihn gibts keine richtigen Wochenenden.

Alex, mein Junge, grüß dich, begann ich langsam, suchte nach den richtigen Worten. Tut mir leid, dass ich störe. Bist du gerade mitten drin?

Bisschen was am Arbeiten, ja. Was ist los?

Schau, bei Katharina ist gerade Land unter. Die Kinder, alle drei, sind krank. Hohes Fieber, Erbrechen. Sie ist allein, ihr Mann Erik ist noch bis Monatsende auf Montage. Ich kam gestern, um zu helfen, aber… Das wird zu viel. Der Kleine trinkt nichts mehr, ich hab Angst, dass er bald austrocknet. Wir müssen ins Krankenhaus, dringend.

Es folgte eine Pause, in der ich seinen Seufzer hörte.

Papa, ruf doch einen Notarzt.

Alex, der kommt hier in Bergedorf vielleicht in fünf Stunden wenn überhaupt. Ich hab angerufen, da hieß es lange Wartezeit. Uns läuft die Zeit davon. Ich dachte, du könntest uns vielleicht ins UKE bringen? Mit drei kranken Kindern, das schaffe ich mit dem Taxi nicht allein…

Papa, jetzt klang Alexanders Stimme entschlossener, hör mal. Heute ist unser Abend mit Leonie. Wir gehen ins Alte Lotsenhaus, Tisch reserviert um sieben. Unser Einmonatiges. Ich kann das nicht absagen, weißt du? Das ist Leonie wichtig.

Da schnürte sich mir innerlich alles zusammen nicht das Herz, eher irgendwo im Hals, in der Brust.

Alex, bitte… es geht um die Kinder. Fieber, brechend, Katharina steht kurz vorm Zusammenklappen. Ich bin nicht mehr der Jüngste, alleine schaffe ich drei nicht…

Papa, du bist doch erst achtundsechzig und noch superfit. Ruf das Großraumtaxi von HanseCar, das hat sieben Plätze. Ich überweise dir sofort hundert Euro, okay?

Alex, ums Geld geht es doch nicht…

Papa, wirklich, ich kann nicht. Leonie hat das Kleid extra gekauft, war beim Friseur, der Abend ist ihr wichtig. Nimm das Taxi. Ich überweise, was du brauchst.

Ich schwieg. Am anderen Ende hörte ich seinen ruhigen Atem.

Papa, bist du böse?

Nein, Alex, antwortete ich.

Gut. Ich schick dir direkt das Geld. Reichen hundert Euro?

Das passt. Danke.

Ich muss weiter, Papa. Schönen Gruß an Katharina, gute Besserung an die Kinder.

Er legte auf.

Ich blieb noch lange mit dem Handy in der Hand sitzen und starrte auf die Wand. Im Kinderzimmer hörte ich, wie Katharina mit brüchiger Stimme versuchte, die Kinder zu beruhigen. Der Kleine schrie fast ununterbrochen, die beiden Großen husteten kraftlos.

Vor meinem inneren Auge sah ich einen kleinen Alexander mit sieben Jahren. Damals, als er auf dem alten Klettergerüst im Hof verunglückt war und sich den Arm brach. Ich kam direkt aus der Buchhaltungsabteilung meines damaligen Arbeitgebers in Barmbek, nahm ihn noch im Mantel auf die Arme und trug ihn schluchzend zum Unfallarzt. Ich erinnere, wie ich ihm mit dem Ärmel die Tränen abwischte und gleich ist alles gut, Papa ist ja da sagte. Drei Wochen schlief ich mit ihm im Kinderzimmer, weil er Angst hatte, sich im Schlaf auf den Gipsarm zu legen. Ich fütterte ihn mit der linken Hand und las abends vor.

Das war mein Alexander still, kluge graue Augen, die Ohren standen immer ein bisschen ab. In der Schule nannten sie ihn manchmal Micky Maus, dann sprach ich mit der Lehrerin.

Heute ist daraus ein Zweiundvierzigjähriger geworden, mit Eigentumswohnung an der Elbe, Geschäftswagen für sechzigtausend Euro, einer Frau vom Fach Personal Branding und einem Tisch im Alten Lotsenhaus.

Ich legte das Handy auf den Tisch und ging zu Katharina.

Sie saß im Kinderzimmer auf dem Boden, Paul lag völlig erschöpft auf ihrem Schoß, der Kleine Max weinte fiebrig, Marie hatte sich zusammengerollt und war endlich mal eingenickt.

Und? fragte Katharina kraftlos, mit einem Hoffnungsschimmer.

Wir nehmen ein Taxi, sagte ich. Ich rufe sofort an.

Sie nickte nur, zu müde für Tränen.

Alex kann nicht?

Hat einen wichtigen Abend. Hochzeitstag, antwortete ich.

Der Einmonatige, sagte Katharina leise. Das Restaurant ist wichtiger als kranke Kinder. Alles klar.

Sag das nicht, kam es automatisch aus meinem Mund, aber innerlich brannte es.

Jeder hat eben andere Prioritäten.

Wir verstummten. Paul wimmerte wieder, Max erbrach sich erneut, Katharina hielt ihn nur fester.

Gleich, mein Schatz, gleich, flüsterte sie ihm zu. Wir fahren jetzt zum Arzt, gleich wird alles besser.

Ich rief das Taxi.

Eine halbe Stunde später standen wir vor dem Haus. Wir schafften es, die Kinder umzuziehen, das Nötigste einzupacken Wasser, Feuchttücher, Ersatzklamotten, Handtücher, Unterlagen.

Der Fahrer, ein Mann Mitte fünfzig mit müdem Blick, schaute skeptisch.

Fahren alle mit?

Alle, bitte zur Kinderklinik am Martinistraße, antwortete ich.

Die kotzen mir aber nicht ins Auto?

Wir versuchens, entgegnete Katharina etwas schroff. Kofferraum bitte, wir haben Taschen.

Der Fahrer zuckte mit den Schultern.

Hinten saß ich mit Max auf dem Schoß, Katharina hatte Marie auf dem Schoß, Paul saß vorne und starrte apathisch aus dem Fenster.

Sonntagabend-Stau, Rückreise aus dem Einkaufszentrum. Paul jammerte, Max schlief endlich ein. Ich spürte, wie mir unter dem Gewicht des Kindes die Glieder schwer wurden, mein Rücken meldete sich seit Wochen, Ärzte nannten es degenerativ. Ich hatte die Salbe nach ein paar Tagen wieder vergessen; für sowas ist einfach keine Zeit.

Ich blickte aus dem Fenster, Vorbeiziehende Lichter in Eimsbüttel, wartende Menschen an Haltestellen. Und dachte an Alex.

Er war ein anständiger Junge gewesen pflichtbewusst, fleißig, gute Noten, Studium auf Staatskosten bestanden. Bald nach der Diplomfeier arbeitete er, schickte mir immer wieder zweihundert Euro im Monat, als ich in Rente ging. Papa, für dich ist doch selbstverständlich.

Dann lernte er Leonie kennen. Hübsch, gepflegt, immer ein neues Styling. Zuerst Friseurin, dann Social-Media-Managerin in einer Agentur. Ich verstand nie so recht, was das ist.

Die Hochzeit war groß, achtzig Gäste am Alsterufer, Live-Band. Ich saß in einem neuen Jackett, das ich im Sommerschlussverkauf gekauft hatte, und sah, wie Alexander mit Leonie den Eröffnungstanz wagte. Er strahlte. Ich dachte: Mein Sohn ist glücklich, alles ist gut.

Kinder wollte Leonie erstmal nicht: Erst Karriere machen, dann vielleicht mal. War nicht meine Sache.

Katharina wiederum bekam gleich drei. Ihr erster Mann verließ sie früh, Erik sah Paul selten während seines Jobs in München, schickte immerhin Unterhalt. Katharina arbeitete als Kassiererin, ich half, wo ich konnte, saß Baby, kochte, las vor.

Dann lernte sie Erik kennen, einen bodenständigen Monteur, der auf Montage arbeitete, aber gut verdiente. Man heiratete, er adoptierte Paul, dann kamen Marie und Max. Sie bezogen eine kleine Wohnung am Stadtrand, Katharina blieb zu Hause. Erik war selten da, ich sprang immer wieder ein.

Ich bemerkte, wie Katharina am Rand lief. Augenringe, ständige Erschöpfung. Ich kochte weiterhin Suppe, wusch Wäsche, ging spazieren. Sie war dankbar. Papa, ohne dich würde ich es nicht schaffen.

Alex rief Sonntags an, kurz und knapp: Wie gehts? Bei uns alles super. Leonie war in Spanien. Ich muss los, Papa. Grüß alle.

Ich nahm es nie übel. Erwachsener Mann, beschäftigt, eigene Welt. Er bat nie um Hilfe.

Doch heute, als er ablehnte, fiel etwas in mir zusammen.

Am Martinistraße stiegen wir aus. Der Fahrer drehte sich kurz um:

Vierunddreißig Euro.

Meine Hände zitterten, ich gab ihm vierzig. Er nahm das Geld wortlos.

Wir standen fröstelnd vor der hell erleuchteten Klinik, drei fiebernde Kinder, eine erschöpfte Tochter und ich, mit schmerzenden Schultern.

Kommt, meine Lieben, sagte ich. Gleich sind wir dran.

Die Notaufnahme war voll, der Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft. Kinder, überall husten, weinen, teilnahmsloses Liegen.

Katharina erklärte die Situation. Die Schwester nickte nur:

Anmeldeformular, dann warten Sie bitte. Wir haben viele Notfälle.

Mein Kleinster trinkt nichts mehr, seit zwölf Stunden, bat Katharina leise.

Wir geben unser Bestes. Epidemiezeit Sie sind nicht allein.

Wir warteten zwei Stunden. Paul warf sich zweimal, ich wischte ab, hielt Max fest. Marie hatte Fieber, schlief auf Katharinas Knie.

Papa, warum kommt Alex nicht? fragte Katharina irgendwann leise.

Ich wusste keine Antwort.

Es sind seine Nichten und sein Neffe. Ich hätte alles für ihn getan und jetzt ist der Restaurantbesuch wichtiger.

Schlaf jetzt, Kathi, sagte ich. Nicht jetzt.

Sie schluchzte nur, dann herrschte Stille.

Endlich, gegen zehn wurden wir ins Behandlungszimmer gerufen. Die Ärztin Anfang dreißig untersuchte Max, maß Fieber, hörte ab.

Rotaviren, lautete ihr Urteil. Infusion, stationär aufnehmen.

Alle drei? fragte Katharina.

Nur den Kleinen unbedingt, die anderen können, wenn sie trinken, nach Hause.

Ich bleib bei Max, Papa, schaffst dus mit Paul und Marie?

Ich nickte. Reden fiel schwer.

Wir trennten uns. Ich saß mit den beiden Älteren im Flur, Marie schlief schon wieder auf meinem Schoß. Gegen halb zwölf endlich zu Hause, legte ich beide ins Bett, versorgte Paul mit Fiebersaft.

Ich setzte mich in die Küche. Mein Handy lag stumm auf dem Tisch. Sollte ich Alex berichten, wie es lief? Wozu?

Ich dachte an früher Paddeltouren, Enten füttern. An Mathehausaufgaben ich neben ihm, erklärte, während er brütete.

Wann hatte er aufgehört, am Alten zu hängen? Wann wurde aus Gesprächen Pflicht?

Wahrscheinlich nach Leonies Einzug. Sie nahm alles ein. Ehefrau Priorität. Vater am Rand.

Doch heute spürte ich: Nun bin ich nicht mehr am Rand. Ich bin draußen.

Ein Restaurant war wichtiger als kranke Kinder, ein Kleid wichtiger als die Schwester, ein Einmonatiges wichtiger als ein Hilferuf vom Vater.

Ich trat ans Fenster, der Hof lag still, der Laterne flackerte. Wenn wir nicht anriefen, wurde sie nie repariert, das wusste ich.

So verging das Leben. Man ruft, bittet, bekommt keine Hilfe.

Alexander saß jetzt sicher mit Leonie im Restaurant, lachte, prostete ihr zu. Sie waren glücklich.

Und hier, in einer kleinen Mietwohnung am Stadtrand, da saß ich und hatte meinen Sohn verloren.

Keine Tränen nur Leere, schwer wie ein Stein.

Gegen ein Uhr schlief ich auf der Couch ein. Nachts wachte ich auf, gab Paul Wasser, maß Fieber. Am Morgen sank seine Temperatur, Marie verlangte Kompott.

Um acht rief Katharina aus der Klinik an.

Papa, die Infusion läuft, Max schläft. Vielleicht heute Abend wieder raus. Wie gehts den Großen?

Viel besser. Schlafen beide.

Danke, Papa. Ohne dich

Red keinen Unsinn, Kathi. Ruh dich aus.

Das Handy lag stumm daneben. Alexander meldete sich nicht.

Ich fragte mich, würde er anrufen? Wahrscheinlich nicht.

Dann, gegen zehn, klingelte das Telefon: Alexander.

Ich schaute lange aufs Display, dann drückte ich weg.

Nochmal rief er an. Ich drückte erneut weg.

Eine Nachricht: Papa, alles okay? Du meldest dich nicht.

Ich antwortete nicht.

Wieder ein Anruf, fast eine Stunde später. Ich hob ab.

Hallo.

Papa, wo warst du? Ich hab mir Sorgen gemacht.

Ich hatte zu tun.

Wie war alles gestern? Alles gut verlaufen?

Ja.

Gehts den Kindern besser?

Ja.

Pause.

Bist du sauer, Papa?

Nein, Alex.

Sicher?

Sicher.

Na gut. Klingt komisch, irgendwie Ich wollte halt hören, wie es euch geht.

Alles in Ordnung.

Okay. Ich muss ins Büro. Machs gut.

Ciao.

Ich legte auf. Das wars.

Ich schrie nicht, ich klagte nicht an. Ich verstand einfach: das Gespräch war beendet.

Achtundsechzig Jahre war ich alt. Dreiunddreißig Jahre im Rechnungswesen für eine Baufirma, zwei Kinder allein großgezogen nach dem frühen Tod meiner Frau. Nach dem Herzinfarkt war sie mit neunundvierzig weg. Ich blieb mit Alexander und Katharina, einer kleinen Wohnung und einem Gehalt, das gerade so reichte.

Ich jammerte nie. Ich arbeitete doppelt, nähte für die Nachbarn, rechnete Centbeträge. Beide schafften das Abitur, Alexander wurde Ingenieur, Katharina Lehrerin, brach ab, heiratete, bekam Kinder.

Ich war stolz auf Alex. Erfolgreich, unabhängig, klug. Ich dachte: Ich habe alles richtig gemacht.

Und jetzt, am Küchentisch in Hamburg, wusste ich: Ich habe mich getäuscht.

Er ist nicht schlecht. Nur anders. Er lebt in einer Welt, in der Restaurants wichtiger sind als kranke Kinder. Die Prioritäten sind andere. Hilfe ist ein Einbruch in die Privatsphäre.

Ich bin nicht schuld, er ist nicht schuld. Wir sind einfach verschieden. Ich kenne ihn nicht mehr.

Die Tage vergingen. Katharina kam mit Max wieder. Die Kinder wurden gesund. Erik rief regelmäßig aus Bayern an.

Alexander meldete sich am Sonntag, kurz angebunden. Gesprächsnotizen, keine Fragen.

Eines Tages schlug er vor:

Papa, komm uns besuchen. Leonie backt Kuchen, wir machens nett.

Danke, Alex, aber ich hab keine Zeit.

Vielleicht ein anderes Mal.

Ja, vielleicht.

Doch ich ging nicht. Wollte nicht.

Es ging ein Monat vorbei. Dann ein weiterer. Aus dem Winter wurde langsam Frühling. Ich half weiter bei Katharina, spielte mit den Enkelkindern. Max lernte sprechen, Marie kam in die Kita, Paul wurde eingeschult.

Katharina fragte eines Tages:

Papa, hast du nochmal mit Alex gesprochen?

Worüber?

Na, über den Abend Dass er nicht geholfen hat.

Nein.

Warum nicht?

Wozu?

Aber du bist doch sein Vater.

Ja.

Sie schwieg. Sie hatte verstanden.

Im Mai, zum Geburtstag, wurde ich neunundsechzig. Alexander rief an.

Papa, alles Liebe zum Geburtstag! Viel Gesundheit! Päckchen kommt morgen.

Danke, Alex.

Leonie und ich wollten dich ins Restaurant einladen, aber du gehst ja nicht gern raus? Deswegen haben wir einen warmen Kaschmir-Schal gekauft.

Nicht nötig.

Doch, Papa, Geschenke gehören dazu.

Gut.

Ich brings vorbei, Samstag um sechs, okay? Muss jetzt zum Meeting. Nochmal alles Gute.

Danke, bis dann.

Er kam wie versprochen, frisch und gepflegt, mit einer teuren Uhr am Handgelenk. Er überreichte mir das Paket ein wirklich schöner Schal.

Leonie hat ausgesucht. Sie hat Geschmack.

Ja, sieht man.

Er setzte sich, ich stellte Tee hin.

Und, wie gehts, Papa? Alles gut?

Ja, ich lebe.

Bei uns ist alles prima, neuer Großauftrag, Leonie wurde befördert. Bald gibts vielleicht ein neues Auto, BMW 7er.

Fein.

Pause. Er musterte mich.

Papa, du klingst so komisch. Ist was?

Nein, Alex.

Doch. Seit Wochen schon. Bin ich dir irgendwie auf die Füße getreten?

Ich reichte ihm Tee. Saß still.

Alex, du hast nichts falsch gemacht.

Dann ist ja gut.

Es gibt keinen Grund.

Papa, mal ehrlich: Bist du noch böse wegen damals? Mit Katharina und den Kindern?

Ich schaute ihn an, er wirkte ehrlich irritiert.

Nein, Alex. Nicht böse.

Aber irgendwas ist doch anders. Ich spüre das.

Es ist alles, wie es ist.

Er seufzte, nahm einen Schluck Tee.

Papa, ich konnte damals einfach nicht. Für Leonie war der Abend wichtig, das musst du verstehen.

Ich habe verstanden.

Aber du bist trotzdem enttäuscht.

Bin ich nicht. Ich habe verstanden.

Was denn?

Ich schwieg, dann:

Dass du erwachsen bist, dein eigenes Leben hast. Meine Wichtigkeit für dich hat sich verändert.

Er starrte mich an.

Papa, Blödsinn! Natürlich bist du wichtig!

Das ist nur ein Wort, Alex. Was zählt, sind Taten.

Ich schicke Geld, ruf an…

Du meldest dich einmal pro Woche für fünf Minuten. Das hat nichts mit Interesse zu tun.

Er wurde rot.

Papa, ich habe eben viel um die Ohren, Projekte, Leonie…

Ich verlange nichts. Es sind nur Fakten.

Und die lauten?

Dass für dich der Restaurantbesuch wichtiger war als die kranken Kinder. Dass Leonies Wohlbefinden wichtiger war als deine Schwester und deine Familie. Dass dein Einmonatiges wichtiger war als mein Hilfegesuch.

Er wurde blass.

Ich wusste es. Du bist doch sauer!

Du hast dich entschieden, Alex. Das ist dein Recht. Aber ich entscheide auch.

Was entscheidest du?

Dass ich nichts mehr erwarte.

Papa! Ich bin dein Sohn!

Nein, Alex. Du bist mir fremd geworden.

Er sprang auf.

Weißt du was, Papa? Ich gehe lieber. Melde dich, wenn du wieder runterkommst.

Das ist nicht nötig.

Was nicht?

Du brauchst nicht mehr zu kommen oder anzurufen. Wir müssen nichts mehr vorspielen.

Er stand fassungslos. Dann griff er nach seiner Jacke.

Papa das meinst du nicht ernst!

Doch, Alex.

Soll ich dich vergessen?

Hast du schon.

Unfassbar Ich bin doch dein Sohn!

Ich habe Katharina. Und drei Enkel. Das reicht.

Er ging.

Ich blieb, räumte schweigend auf, legte den neuen Schal in den Schrank, deckte mich mit meiner alten Decke zu und starrte lange an die Decke.

Keine Tränen.

Er rief noch einige Male ich ging nicht ran. Nachrichten ließ ich unbeantwortet. Einmal stand er unten vor der Tür, rief und klopfte. Ich öffnete nicht.

Nach Monaten kam der Sommer. Ich fuhr zu Katharina aufs Land, half im Garten, spielte mit den Kindern. Katharina fragte nicht nach Alex. Sie wusste Bescheid.

An einem lauen Abend auf der Holzterrasse, die Kinder schliefen, fragte sie plötzlich:

Papa, bereust du das?

Was?

Dass du den Kontakt abgebrochen hast.

Ich dachte nach.

Weißt du, Katharina, bereuen kann man nur etwas, das man verliert. Aber ich habe nichts verloren. Den Alexander, den ich liebte, gibt es schon lange nicht mehr.

Doch, er ist doch dein Sohn!

Biologisch ja. Im Herzen nicht mehr. Ein Sohn ist da, wenn er gebraucht wird.

Sie nahm meine Hand.

Es tut mir leid, dass er so ist.

Du kannst nichts dafür, Kind.

Wir saßen, hörten irgendwo Züge und Nachtigallen, rochen Flieder und gemähtes Gras.

Ich sah in den Sonnenuntergang und wusste: Das Leben geht weiter. Ich habe Katharina. Drei Enkel. Einen Garten, einen Sommer.

Alex geht jetzt seinen Weg weiter einer, auf dem für mich kein Platz mehr ist. Vielleicht geht das so.

Und ich gehe meinen Weg mit denen, die mich brauchen, die danken, dass ich da bin. Mit Paul, der ruft: Opa! Schau mal, ich kann Rad fahren! Marie, die mir Blumen pflückt, und Max, der Opa lallt.

Das reicht. Für den Rest des Lebens.

Alex er fehlt mir nicht mehr. Und ich ihm offensichtlich auch nicht.

So ist es eben manchmal: Kinder werden groß und entfernen sich. Mancher Abschied ist endgültig.

Ich habe es akzeptiert. Nicht verziehen, nicht vergessen. Aber akzeptiert wie Falten, graue Haare, Rückenschmerzen.

Das Leben geht weiter. Mit oder ohne Alex.

Der Junge mit den abstehenden Ohren bleibt Erinnerung. In Fotos, Gesprächen, Gedanken. In einem Leben, das vergangen ist.

Und das ist in Ordnung.

Alles hat ein Ende. Sogar die Liebe eines Vaters wenn das Kind, das man liebte, längst nicht mehr da ist.

Ich trank meinen Tee aus, erhob mich.

Ich geh schlafen, Katharina. Bin müde.

Machs gut, Papa. Morgen zeigt dir Paul das Vogelnest, das er gefunden hat.

Morgen. Ich freu mich schon.

Ich ging ins kleine Zimmer, legte mich.

Schlief ein ohne von Alex zu träumen.

Er ist im Gestern geblieben, da, wo er hingehört.

Und ich bin hier. Im Heute. Bei denen, die mich wirklich lieben. Im Tun, nicht im Reden.

Und das ist genug.

Mehr als genug.

Mein persönliches Fazit: Auch die Liebe eines Vaters hat Grenzen. Irgendwann muss man loslassen und das Leben annehmen, wie es ist.

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Homy
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Die Grenzen der mütterlichen Liebe
Du hast vergessen, uns zur Feier einzuladen!