Jeden Morgen wecke ich mich am sanften Weinen von Lina. Sie ist so winzig, so perfekt. Ihre kleinen Finger schließen sich um meinen, wenn ich sie halte, und plötzlich scheint die Welt wieder einen Sinn zu haben.
Guten Morgen, mein Schatz, flüstere ich, während ich sie aus dem Bettchen hebe. Hast du gut geschlafen?
Aus der Küche höre ich die schweren Schritte von Thomas. Er war nie ein Mann vieler Worte, doch seit Linas Geburt wirkt er noch distanzierter.
Sprichst du schon wieder mit dir selbst?, fragt er im Türrahmen, mit diesem undurchdringlichen Blick.
Ich spreche nicht mit mir selbstich spreche mit Lina.
Er seufzt und fährt sich durch die Haare. Claudia, wir müssen reden.
Später, antworte ich und wiege sie sanft. Zuerst muss ich sie füttern.
Ich sehe ihn gehen und spüre kurz ein Stich im Herzen. Ich weiß, Thomas kämpft mit etwas, aber Lina braucht mich. Sie ist so zerbrechlich, so abhängig von mir.
Tagsüber, wenn er bei der Arbeit ist, haben Lina und ich unsere Routine. Ich singe ihr Schlaflieder, bade sie vorsichtig, lese ihr Märchen vor. Sie hört mir mit diesen strahlenden Augen zu, als verstünde sie jedes Wort.
Dein Papa wird dich lieben, sage ich, während ich ihr die Windel wechsle. Er braucht nur Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Wenn Thomas abends nach Hause kommt, finde ich immer einen Grund, mit ihr in ein anderes Zimmer zu gehen. Er schaut sie nicht an, fragt nie nach ihr. Manchmal höre ihn im Bad weinen und verstehe nicht, warum.
Eines Abends, nachdem Lina schläft, finde ich Thomas auf dem Sofaein Foto in der Hand.
Was ist das?, frage ich.
Er blickt auf, seine Augen sind rot. Erinnerst du dich daran?
Es ist der Ultraschall. Unser erster, vor acht Monaten. Ich erinnere mich genaudie Vorfreude, die Pläne, die Namen, die wir zusammen aussuchten.
Natürlich, antworte ich und setze mich neben ihn. Da wussten wir, dass Lina kommt.
Thomas schließt die Augen, Tränen laufen seine Wangen hinab. Claudia Lina ist nicht hier.
Wovon redest du? Sie schläft in ihrem Zimmer.
Nein, Schatz. Es gibt kein Kinderzimmer. Kein Bettchen. Keine Lina.
Ich springe auf. Du spinnst doch! Natürlich ist sie da! Ich habe sie gerade hingelegt!
Ich renne zum Zimmer, Thomas folgt mir. Als ich die Tür öffne, macht er das Licht an.
Der Raum ist leer. Kein Bettchen, kein Mobile, keine winzigen Kleidungsstücke, die ich heute Morgen gewaschen zu haben glaubte. Nur staubige Kartons und alte Möbel.
Lina, flüstere ich.
Wir haben Lina vor sechs Monaten verloren, Claudia, sagt Thomas mit brüchiger Stimme. In der 32. Woche. Erinnerst du dich nicht? Die Nabelschnur die Ärzte sagten, es gab nichts, was sie tun konnten.
Plötzlich kehren die Bilder zurücksplitterhaft, wie Glasscherben: das Krankenhaus, die stillen Monitore, meine leeren Arme.
Aber ich halte sie jeden Tag ich füttere sie sie lächelt mich an
Thomas umarmt mich, als ich zusammenbreche. Du hast eine Decke gehalten, Schatz. Mit einer Decke gesprochen. Ich habe dich gesehenwie du sie gewiegt, ihr die ,Windeln gewechselt hast. Ich habe darauf gewartet, dass du dich erinnerst. Dass du zu mir zurückkommst.
Ich blicke auf meine leeren Arme und spüre siewirklich leerzum ersten Mal seit Monaten. Das Gewicht, das ich zu spüren glaubte, das Flüstern, das ich zu hören meintealles löst sich auf wie Rauch.
Lina meine Lina
Es tut weh, flüstert Thomas. Mir tut es auch jeden Tag weh. Aber wir müssen weitergehen. Ohne sieaber zusammen.
In dieser Nacht weine ich zum ersten Mal seit der Beerdigung, an die ich mich nicht erinnern konnte. Ich weine um mein Baby, das nie nach Hause kam. Um meinen Mann, der mich in dieser Fantasie verlieren sah und geduldig auf meine Rückkehr wartete. Um all diese Monate, die dem wahren Trauern gestohlen wurden.
Doch ich weine auch aus Erleichterungdenn endlich kann ich heilen.
Und Thomas ist hier. Er wartet auf mich.
Wie immer.



