Gefangen im Bann seiner Liebe

Gefangen in seiner Liebe

Im SchneeRegen, einer Bar im Herzen von München, war es drückend und laut, wie jeden Freitagabend. Lena stand an der Theke, ein Glas Hugo in der Hand, und beobachtete die tanzende Menge. Neben ihr redete ihre Freundin Friederike auf sie ein irgendwas über ein neues Projekt im Büro aber Lena hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie mochte es, einfach die Leute zu betrachten, ihnen Geschichten zu erfinden, sich vorzustellen, wer sie wohl im richtigen Leben waren.

Lena, hörst du mir überhaupt zu? Friederike stieß sie leicht mit dem Ellenbogen an.

Klar, klar. Es ging um die Datenbank und deinen Chef, oder?

Nicht Chef, sondern Kunde! Du bist schon wieder ganz woanders.

Lena lächelte versonnen, wollte gerade etwas erwidern da fiel ihr Blick auf das Drama am Rand des Raums: An einem der hinteren Tische fuhr ein stattlicher Mann in exquisitem Hemd plötzlich zu seiner Begleitung herum, einer blonden Frau im engen roten Kleid. Die Musik donnerte, doch seine Stimme schnitt klar durch den Lärm.

Wohin gehst du? Ich habe nichts gesagt, du bleibst hier!

Die Frau erstarrte, senkte die Augen, drehte sich um und setzte sich schweigend zurück. Der Mann beachtete sie kaum, redete vergnügt mit seinem Kumpel weiter; seine Hand lag lässig, aber unmissverständlich auf der Rückenlehne ihres Stuhls.

Hast du das gesehen? flüsterte Friederike, beugte sich nah an Lena heran. So einer ist ein Tyrann. Von dem sollte sie ganz schnell weg und zwar so weit wie möglich!

Lena schwieg. Zu ihrer eigenen Verblüffung stieß sie die Szene nicht ab, im Gegenteil: Sie spürte einen seltsamen Sog der Bewunderung. Da war er, ein richtiger Mann. Souverän, bestimmt, einer, der weiß, was er will. Ganz anders als die unsicher herumdrucksenden Jungs, die sie bisher kennengelernt hatte die sie stets um ihre Meinung fragten, sogar wenn es um die Wahl der Eisdiele ging. Und hier: Eine klare Ansage, und seine Freundin gehorcht. Wahrscheinlich liebte sie ihn einfach.

Schau mich nicht so an, sagte Lena, wandte den Blick ab. Wir wissen nicht, was zwischen den beiden los ist. Vielleicht stecken sie nur in einer schwierigen Phase.

Eine Phase? Lena, bitte! Er behandelt sie wie einen Hund!

Übertreib nicht. Da gibts halt Männer, die dominanter sind die müssen führen.

Friederike verdrehte die Augen.

Du hast zu viele kitschige Liebesromane gelesen! Das ist nicht Stärke, das ist ein mieser Charakter.

Lena nahm einen Schluck. Die Diskussion fing an, sie zu nerven. Friederike war ihr immer zu pragmatisch, zu nüchtern sie glaubte nicht an große Gefühle, Leidenschaft, diese Liebe, die aus Romanen oder Filmen stammt. Für Friederike zählten Vernunft, Stabilität, Sicherheit. Doch wo war da die Aufregung, das Kribbeln, der Rausch des wirklichen Lebens?

Eine halbe Stunde später ging Lena auf die Toilette. Beim Rausgehen stieß sie mit der blonden Frau im roten Kleid zusammen. Die tuschte nervös am Spiegel ihr Make-Up, die Hände zitterten, und ihre Lippen waren zu einer schmalen Linie gepresst.

Ist alles in Ordnung? fragte Lena vorsichtig.

Die Frau zuckte zusammen, drehte sich abrupt um, zeigte für den Bruchteil einer Sekunde Angst im Gesicht dann zwang sie sich zu einem Lächeln.

Ja, danke. Es ist nur ganz schön warm hier.

Versteh ich Ich bin Lena.

Svenja.

Sie standen schweigend nebeneinander. Lena fiel nichts ein. Plötzlich raffte Svenja hastig ihre Schminkutensilien zusammen.

Ich muss zurück. Er mag es nicht, wenn ich zu lange weg bin.

Und schon war sie weg, zurück blieb nur eine Spur aufdringlichen Parfums und eine tiefe, unerklärliche Traurigkeit. Lena blickte ihr nach. Wenn sie an Svenjas Stelle gewesen wäre, dachte sie, hätte alles ganz anders ausgesehen. Sie hätte solch einen Mann verstehen, ihm Inspiration bieten können. Vielleicht wäre er dann nicht so grob.

Zurück an der Bar war Friederike bereits verschwunden. Lena entdeckte sie an der Garderobe.

Gehst du?

Ich hab genug für heute. Und du?

Ich bleib noch ein bisschen die Stimmung ist gut.

Friederike musterte sie besorgt.

Tu nichts Dummes, okay?

Was denn für Dummheiten?

Ich hab gesehen, wie du den da angeschaut hast. Versprich mir, dass du dich raushältst, falls er dich anspricht!

Lena lachte.

Jetzt übertreib mal nicht. Der hat doch schon seine Freundin.

Eben und wie er mit ihr umgeht! Versprichs mir!

Ja, ja. Geh schon.

Sie umarmten sich. Friederike verschwand. Lena bestellte noch einen Hugo, setzte sich an einen freien Tisch am Fenster. Sie liebte es, in solchen Momenten allein unter fremden Menschen zu sein Teil von etwas Lebendigem, Chaotischem. In der kleinen WG in Giesing, die sie mit Friederike teilte, war es abends meist still, fast langweilig. Während Friederike noch vor dem Laptop hockte, blätterte Lena durch Modemagazine oder glotzte alte Filme. Sie waren beide 22, und doch fühlte Lena sich oft schon wie eine Frau, die alles erlebt hatte und der nichts Aufregendes mehr bevorstand.

Samstags riefen die Eltern aus Augsburg an, fragten, wies lief, ob sie Geld brauche. Lena erzählte von angeblichen Gehaltserhöhungen im Grafikbüro Visionär, von tollen Chancen in Wirklichkeit bastelte sie immer dasselbe, kleine Flyer und Visitenkarten, der Chef nannte sie nur die junge Dame. Ihren Eltern wollte sie nicht gestehen, dass München doch nicht so magisch war wie erträumt.

Sie wünschte sich, dass etwas Echtes passierte. Etwas Großes, etwas wie im Kino. Liebe zum Beispiel. Nicht die lauen Dates mit Friederikes Kollegen, die von Computerspielen schwärmten und sie in Pizzerien schleiften nein, echte, brennende Liebe.

Darf ich mich setzen?

Lena blickte auf. Vor ihr stand der Mann vom hinteren Tisch. Groß, breitschultrig, die Haare kurz geschnitten, ein selbstsicheres Lachen auf den Lippen. Auf dem Handgelenk blitzte eine teure Nomos.

Eigentlich warte ich auf meine Freundin, log Lena.

Die ist schon weg. Ich habs gesehen, entgegnete er warm. Ich bin Robert.

Er reichte ihr die Hand. Lena schüttelte sie wie in Trance. Der Händedruck war fest, warm.

Lena.

Schöner Name. Passt zu Ihnen.

Er ließ sich gegenüber fallen, ohne zu fragen. Irgendwas an ihm störte sie, aber noch etwas anderes fand sie daran gefallen dass so ein Mann sie bemerkte.

Wird Ihre Freundin eifersüchtig?, fragte sie, deutete in Richtung des Tisches, wo nun Svenja allein ins Handy starrte.

Robert blickte hin, zuckte gleichgültig die Schultern.

Das ist nicht meine Freundin. Nur eine Bekannte. Es geht eh auseinander zu unterschiedlich.

So ist das.

Sind Sie allein hier?, fragte er weiter.

Mit einer Freundin. Die ist aber schon nach Hause.

Ihnen gefällt es hier?

Ich mag solche Orte. Man beobachtet die Leute, erfindet Geschichten.

Robert lachte seine Zähne strahlten makellos.

Ich auch. Besonders interessante Menschen. Wie Sie. Sie sitzen allein, schauen sinnend aus dem Fenster wie eine Filmfigur. Ich wusste, ich muss Sie kennenlernen.

Lena spürte, wie sie rot wurde. Noch nie hatte jemand solche Dinge gesagt.

Reden Sie immer so?

Nur bei besonderen Frauen.

Sie saßen da, sprachen stundenlang. Robert erzählte von seinem Job in einer Firma für Importanlagen, von internationalen Meetings, von seinem neuen Audi A6, den er sich gerade gegönnt hatte. Lena hing an seinen Lippen. So selbstsicher, so erfolgreich. Sie fühlte sich neben ihm klein, unbedarft.

Beim Hinausgehen in die Nacht organisierte er ein Taxi für sie, tippte ihre Nummer ins Handy und versprach, morgen anzurufen. Im Taxi starrte Lena aus dem Fenster, lächelte vor sich hin und dachte an seine Worte: Sie sind interessant. Vielleicht, so ahnte sie, beginnt gerade jetzt ihre Geschichte.

Friederike schlief schon, als Lena nach Hause kam. Leise schlich sie sich ins Bett sie lag lange wach und spielte jedes Wort ihres Gesprächs noch einmal im Kopf durch.

Am nächsten Tag rief Robert auf die Minute pünktlich um zwölf an. Seine Stimme klang unbeschwert, fast fröhlich.

Guten Morgen, Lena. Gut geschlafen?

Ja, danke.

Ich habe an Sie gedacht. Ich möchte Sie zum Essen einladen heute Abend. Sind Sie dabei?

Lena zögerte. Sie hatte mit Friederike geplant, einen neuen Film zu schauen und Pizza zu bestellen. Aber das Treffen mit Robert reizte sie zu sehr.

Ja, bin dabei.

Perfekt, ich hole Sie um sieben ab. Schicken Sie mir Ihre Adresse.

Er legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Lena starrte verblüfft auf das Handy. Er war es gewohnt, zu bestimmen doch irgendwie war das gar nicht unangenehm, eher belebend.

Abends saß Friederike im Wohnzimmer und beobachtete Lena, wie sie das dritte Kleid anprobierte.

Du meinst das Ernst? Mit ihm? Du hast es versprochen!

Was hab ich versprochen? Du kennst ihn doch gar nicht. Wir haben uns nett unterhalten, das wars.

Nett? Ich hab gesehen, wie er mit der Frau umgegangen ist.

Sie gehen eh auseinander, hat er gesagt. Passen halt nicht zusammen.

Friederike zog die Augenbrauen hoch.

Weil sie sich nicht führen lassen will, oder was? Lena, hör auf. Ich hab kein gutes Gefühl. Geh nicht zu ihm.

Friederike, immer siehst du überall Gefahr. Es ist ein Abendessen, keine Hochzeit!

Na gut. Benutz dein Gehirn, ja? Und wenn irgendwas schief läuft, ruf mich sofort an!

Lena nickte sie wusste, sie würde sowieso nicht anrufen. Friederike war zu vorsichtig, zu misstrauisch, sie wusste nicht, wie viel man manchmal wagen musste, um etwas Besonderes zu gewinnen.

Um sieben stand Robert mit seinem silbernen Audi vor der Tür, öffnete gallant die Tür, half ihr einsteigen Lena fühlte sich wie eine Prinzessin. Sie fuhren ins Sternglanz am Gärtnerplatz, einen schicken Laden, in dem Robert offensichtlich Stammgast war. Die Kellner begrüßten ihn mit Handschlag, ein Lächeln vom Maître am Empfang.

Beim Dinner war Robert charmant, aufmerksam, witzig. Er bestellte edlen Wein, erzählte von seinen Geschäftsreisen, machte Witze, ließ Lena sich glänzend fühlen.

Und du so? fragte er beim Dessert.

Ich arbeite als Designerin. Noch ganz jung im Studio, aber ich hoffe, mit der Zeit mehr machen zu können.

Designerinnen sind kreativ. Kann ich mir bei dir gut vorstellen.

Lena errötete.

Ich bemühe mich. Aber vorwärts machen fällt schwer, ich bin nicht so offensiv.

Das musst du aber! Sonst gehst du unter. Wenn du willst, helfe ich dir. Ich kenne einige Leute im Marketing und Design.

Lena strahlte. Endlich jemand, der an sie glaubte, sie förderte.

Es wurde spät. Robert fuhr sie heim, gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Gute Nacht, Lena. Wir hören uns morgen.

Als sie ins Zimmer kam, las Friederike auf dem Sofa, vermutlich hatte sie eh nur gewartet.

Und?

Toll. Er ist großartig, Friederike. Du lagst falsch.

Friederike schwieg, blätterte weiter. Lena zog sich um, legte sich zufrieden ins Bett und träumte von edlen Restaurants, teuren Autos und von Roberts bewunderndem Blick.

Die Wochen vergingen wie im Rausch. Robert meldete sich täglich, lud sie zu Konzerten, Theaterstücken und Vernissagen ein, schickte ihr Blumen, überhäufte sie mit Komplimenten. Lena fühlte sich wie in einer Liebeskomödie. Er sagte, sie sei einzigartig, so besonders, dass er lange nicht mehr jemanden getroffen habe, der ihn so faszinierte.

Friederike zog sich zurück, schaute Lena nur noch skeptisch an, wenn sie sich schick machte. Eines Morgens hielt sie es nicht mehr aus.

Lena, merkst du gar nicht, wie schräg das ist? Er ruft dich dauernd an, will immer wissen, wo du bist, mit wem. Das ist nicht normal!

Er sorgt sich halt um mich!

Nein, das ist Kontrolle! Du hast keinen Kontakt zu Freunden, gehst mit uns kaum noch weg, selbst im Job bist du nicht mehr dabei. Du hängst nur noch an ihm!

Weil ich es will!

Nein, weil er dich besitzen will!

Du bist nur eifersüchtig.

Friederike wurde blass.

Eifersüchtig? Ehrlich?

Sorry… das meinte ich nicht so.

Doch, genau das meinst du. Aber gut. Leb dein Leben.

Sie knallte die Tür zu und ging. Lena blieb alleine zurück, das Herz schwer. Warum konnten die anderen ihr Glück nicht akzeptieren?

An diesem Abend kam Robert zu ihr, strahlend, mit einem Karton in der Hand. Ein schwarzes Designer-Kleid.

Zieh es an, heute ist ein Empfang mit meinen Partnern.

Jetzt gleich? Ich hab gar keine Zeit.

Du bist doch wunderschön. Schmink dich ein bisschen und los.

Eigentlich hatte Lena anderes vor, doch sie schluckte ihre Bedenken herunter und tat, was er wollte. Beim Empfang war sie die Fremde unter lauter Fremden, Robert stellte sie als meine Frau vor, hielt sie eng an der Seite. Zuhause sagte er schließlich:

Viel geredet mit meinem Kollegen Oskar. Ich hab gesehen, wie er dich angebaggert hat. Das gefällt mir nicht.

Er hat nur nach meiner Arbeit gefragt.

Mir egal. Ich teile dich nicht.

Irgendetwas daran verletzte Lena, doch sie sagte nur: Okay.

So ging es weiter. Immer neue Regeln, Forderungen wie sie sich kleiden sollte (Du bist kein Bauarbeiter, trag bitte Kleider!), mit wem sie verkehren durfte (Friederike bringt dich auf dumme Gedanken), und schließlich ihr Job: In dieser Werbeagentur verheizt du dich ich verdiene genug, du musst nicht arbeiten.

Er appellierte an ihr Schuldgefühl. Warum willst du das überhaupt? Willst du unabhängig sein mir nicht vertrauen?

Nach Wochen der Unsicherheit kündigte Lena. Robert war begeistert, veranstaltete ein Festessen.

Doch Lena spürte eine immer größere Leere. Die Arbeit hatte ihr Sinn gegeben. Jetzt bestand ihr Alltag daraus, Robert Frühstück zu richten, die Wohnung zu putzen, abends auf ihn zu warten und die Filme zu schauen, die nur er auswählte. Sie selbst verschwand immer mehr.

Friederike rief noch ein paarmal an, wollte sich treffen Lena fand Ausreden, und die beste Freundin gab irgendwann auf.

Eines Tages, nach einem heimlichen Treffen mit Friederike im Café an der Isar, kam Lena nach Hause, Robert saß bereits im Wohnzimmer und fixierte sie kalt.

Wo warst du?

Im Supermarkt.

Lüg mich nicht an!

Lena wich zurück. Ich hab mich mit Friederike getroffen.

Er packte sie an den Schultern, schüttelte sie.

Sie hetzt dich gegen mich auf! Ist das der Dank für alles?

Du tust mir weh.

Er ließ abrupt los, wand sich ab. Das ist Verrat, Lena.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen. Am Morgen schrieb sie ihm eine Nachricht: Tut mir leid. Ich mache das nicht mehr.

Er schrieb nur zurück: Gut. Wir klären das heute Abend.

Sie versöhnten sich, Robert brachte Blumen und Schokolade, sagte, er liebe sie ja nur, er meine es nur gut.

Doch tief in Lena war etwas zerbrochen.

Die Jahre vergingen. Sie heirateten groß, ihre Eltern aus Augsburg waren stolz. Friederike durfte nicht kommen. Lena brachte eine Tochter zur Welt, Marie. Robert kaufte eine große Neubauwohnung, stellte eine Haushälterin ein. Lena kümmerte sich um Marie, ließ sich von Robert auf Ferien entführen, doch ihr Leben wurde enger und enger.

Robert kontrollierte alles: Geld, Telefon, Freunde, sogar, was sie einkaufte. Listen schrieb er, kontrollierte Kassenbons. Wenn sie zu viel ausgab, wurde er eiskalt.

Als Marie im Vorschulalter war, suchte Lena heimlich einen Teilzeitjob als Designerin in einer kleinen Agentur im Glockenbachviertel. Sie wollte wieder sie selbst sein, fühlte sich nutzlos. Als Robert davon erfuhr, verlangte er, dass sie absagt. Mit vorwurfsvoller Stimme fragte er: Ist dir unsere Tochter nicht genug? Ist unser Leben nicht genug?

Sie weinte. Sagte ab. Robert wiegte sie in den Arm: Du brauchst keine Karriere. Wir beide und Marie sind deine Welt.

Doch ihre eigene Welt war fast ausgelöscht.

Sie vermisste sich selbst. Das Mädchen, das in Cafés saß, zu Indiepop tanzte, nachts Kleider nähte. All das war weg.

Ein paar Mal schrieb Friederike ihr, dass sie immer noch da sei, wenn Lena sie brauche. Lena antwortete nicht.

Die Zeit verging. Marie wurde sieben, kam in die Grundschule. Immer wieder fiel Lena auf, wie das Mädchen zusammenzuckte, wenn Robert nach Hause kam. Lena wurde klar, dass sie einen Fehler wiederholte und damit die Kette der Angst weitergab.

Beim Einkauf im Einkaufszentrum begegnete sie Friederike wieder. Sie war gereift, selbstbewusst, elegant.

Lena! Mensch, wie gehts dir?

Sie umarmten sich. Marie versteckte sich ein wenig schüchtern hinter Lena.

Sie gingen ins Café, plauschten bei Kaffee und O-Saft. Friederike berichtete von Job und Heirat, Lena hörte sehnsüchtig zu. Sie wagte nicht, von sich zu erzählen, alles war so unbedeutend.

Da klingelte ihr Handy: Robert. Kontrollierend wie immer.

Friederike sah sie an. Du kannst dich immer an mich wenden, Lena. Wohnung, Job, alles ich helfe dir.

Lena schüttelte abwehrend den Kopf. Nein, ist schon gut. Ich habe Familie, er kümmert sich um mich

Friederike ließ nicht locker. Bitte, wenigstens ab und zu antworten. Dass du lebst.

Lena versprach es und wusste: Es war eine Lüge.

Zuhause wartete Robert. Mit wem hast du dich so lange unterhalten? Lena wich aus, doch seine Kälte sagte alles.

Ich will nicht, dass du Kontakt zu Friederike hast.

Sie war zufällig da.

Du hättest weggehen können.

Das Gespräch endete immer gleich. Lena schwieg, wiegelte ab, Robert duldete keinen Widerstand. Doch irgendwann sah Lena sich im Spiegel: Da blickte ihr eine fremde, mattäugige, alt gewordene Frau entgegen.

Das Leben zog weiter, Tage rauschten vorbei, geprägt von Robert, seinem Willen, seiner Kontrolle. Lena war nur noch eine Kulisse.

Eines Tages wagte sie es. Friederike hatte geschrieben: Bin heute in der Nähe, Kaffee? Lena sagte spontan zu.

Sie saßen wieder im Café an der Isar. Friederike griff ihre Hand. Lena, wenn du Hilfe brauchst komm einfach. Sofort.

Tränen kamen Lena, die Worte brachen aus ihr heraus.

Ich bin nicht glücklich. Ich existiere nur. Ich habe alles verloren, was ich war.

Friederike nahm sie fest in den Arm. Dann geh, Lena. Ich helfe dir. Jederzeit.

Ich habe Angst, Friederike. Vor ihm, davor allein zu sein, davor, Marie zu verlieren ich habe Angst, gar nichts mehr zu können.

Du lernst es wieder. Du bist stark.

Bin ich nicht.

Doch heute fängst du an.

Lena wagte es. Sie schrieb Robert, dass sie eine Auszeit brauche. Seine Wut war absehbar, seine Drohungen heftig. Doch Friederike war da, half ihr, packte Koffer, holte Marie von der Schule, brachte sie in ihre kleine Wohnung im Westend.

Robert stand später vor der Tür, verlangte seine Familie zurück, tobte, rief Anwälte an. Doch Lena blieb bei Friederike, suchte sich Arbeit, zog Marie groß. Freunde von früher tauchten wieder auf, ein Mosaik machte sich in ihrem Leben breit langsam, vorsichtig, aber lebendig.

Vor Gericht wurde um das Sorge- und Umgangsrecht gestritten. Robert warf ihr vor, eine ungeeignete Mutter zu sein doch Lena kämpfte. Sie bekam das Sorgerecht, Robert durfte Marie nur noch regelmäßig sehen.

Es war hart. Geld war knapp, die Arbeit anstrengend, Marie war traurig. Doch Lena fühlte sich lebendig. Sie fing wieder an, zu zeichnen, zu nähen, mit Marie lachte sie, ging in den Park, traf Freunde.

Irgendwann Jahre später traf sie Robert zufällig in der Stadt. An seiner Seite eine junge Frau: schön, unterwürfig, mit leicht verlorenem Blick. Lena schaute nur kurz hin und empfand keinen Hass, keine Trauer. Nur Mitgefühl.

In einem Café traf sie sich später mit Friederike, lächelte sie an.

Heute weiß ich, dass Liebe nicht Gehorsam bedeutet, nicht Opfer, nicht Unterdrückung. Sondern Respekt, Vertrauen und Freiheit. Das werde ich Marie erzählen. Sie soll nie glauben, sie müsse sich für einen Mann verlieren nur um geliebt zu werden.

Sie mussten beide lachen, tranken ihren Kaffee. Danach gingen sie hinaus, jede in ihr eigenes Leben. Lena blickte in den Himmel über München, nahm Marie an der Hand und wusste: Sie war zurück. Nicht als dieselbe, sondern als sie selbst.

Und irgendwo da draußen saßen noch viele Frauen in ihren schönen Käfigen und hofften, die Liebe würde alles heilen. Lena wusste: Das tut sie nicht. Nur der Mut, sich selber zu lieben, kann das.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: