Mama, ich bin angekommen.

Mama, ich bin da.

Ein Anruf erwischte Dennis gerade in seinem Auto, mitten im zähen Verkehr auf dem Berliner Ring. Endlich konnte er kurz durchatmen, Radio hören, abschalten. Das Handy vibrierte im Getränkehalter, eine unbekannte Nummer Vorwahl aus der Heimat, aus jener Kleinstadt irgendwo im Brandenburgischen, die er vor zwanzig Jahren verlassen hatte, ohne sich noch einmal umzudrehen. Wahrscheinlich irgendein Umfragequatsch, dachte Dennis, aber irgendwie drückte sein Daumen schon auf Grün. Vielleicht war es die Langeweile im Stau.

Ja, hallo?, murmelte er und starrte auf den Heckspoiler des Audi vor ihm.

Dennis? Dennis, hier ist Frau Schulz, die Nachbarin von unten, flötete es aus dem Hörer, leicht panisch. Du musst nach Hause kommen. Deine Mutter liegt im Krankenhaus, sie ist ganz schlecht dran.

Unangenehmes Stechen irgendwo tief drinnen. Aber Dennis war geübt darin, solche Stiche zu ignorieren. Mutter das war eine Kiste von früher, ordentlich verpackt und ganz nach hinten gestellt, auf den Dachboden der Erinnerungen. Ab und zu ein Anruf zu Weihnachten, ein routiniertes Wie gehts? und Alles gut, dazu ein unterschwelliges Schuldgefühl, das er lieber verdrängte.

Was ist denn passiert?, fragte er, bemüht, sachlich zu klingen. Ich bin gerade auf der Arbeit, habe Termine …

Gestern kam der Notarzt. Gisela kann kaum noch sprechen. Schlaganfall, schniefte Frau Schulz. Ich hab die Schlüssel, gieße die Blumen, aber du solltest wirklich kommen, Dennis. Bevor es zu spät ist.

Danke, ich…ich kümmere mich, nuschelte er und legte erschrocken auf. Bevor es zu spät ist das klang endgültig. Vor seinem inneren Auge tauchte das vertraute Bild seiner Mutter auf, klein, drahtig, mit zitternden Händen, immer irgendwie beschäftigt mit Umräumen, Wäsche, Hemdenbügeln, wenn er sich mal blicken ließ. Das war selten. Alle zwei Jahre, drei bis vier Tage, Pflichtprogramm. Und schon während er da war, wartete er eigentlich nur darauf, endlich in sein echtes Leben zurückzukehren mit Meetings, Verträgen, seiner Freundin Sabine, seiner Wichtigkeit.

Dennis fuhr ins Büro, sagte Meetings ab, familiäre Notlage. Die Sekretärin frisch, jung, bayerisch, hieß tatsächlich Annika blickte ihn mitfühlend an, aber ihre Empathie machte ihn nur missmutig. Jetzt musste er zurück in die Provinz, diese Wohnung voller Spitzendeckchen und Uraltfotos, stickiger Luft. Er rief Sabine an: Muss weg, meine Mutter ist im Krankenhaus. Sie meinte bloß: Oh Gott, natürlich, mach das. Ich melde mich. Er wusste, sie würde es nach zwanzig Minuten vergessen und wieder ihre Yogakreise drehen das war okay für ihn.

Im Zug nach Brandenburg trank Dennis Dosenbier und schaute auf Regenfelder, Birkenwäldchen, abgewrackte Bahnhöfe. Je weiter weg von Berlin, desto trostloser wurde ihm zumute. Versuchte zu arbeiten aber das WLAN war ein Witz, und statt was Sinnvollem starrte er die Leute an, die zurückstarrten.

Am Bahnhof empfing ihn Nieselregen und grauer Himmel. Alles sah aus wie ein Filmset aus einer Zeit, die er lieber nicht mehr kennen wollte: Kioske mit alten BILD-Zeitungen, Taxifahrer mit Schnauzer, Pfützen. Er stieg in einen altersschwachen Golf, der Fahrer ein Ossi über Politik schwadronierend fuhr die Route, die Dennis im Schlaf kannte. Da war der Edeka, die Grundschule, die grauen Fassaden, der Spielplatz, auf dem er als Kind herumgeklettert war die Bäume an der Allee, die mal dünn und mickrig waren, nun hoch wie Häuser.

Im Treppenhaus roch es noch müffeliger als in seiner Erinnerung. An der Wand prangte in krakeliger Schrift: Kevin + Mandy = Love. Dennis schlurfte hoch, Schlüssel ins Schloss und schon schlug ihm der Duft von Medikamenten und irgendwas Altbackenem entgegen. Mamas Mantel, sein Lederblouson aus Studienzeiten hing noch immer am Haken, ein Relikt.

Hallo, da bin ich, sagte er leise in die stille Wohnung.

Nichts antwortete.

In der Küche: eine leere Teetasse, ein aufgeschlagenes Buch, schmutziges Geschirr in der Spüle. Er drehte den Wasserhahn auf, suchte die Flucht, aber raus musste er ins Krankenhaus, der Pflichtbesuch. Dennis stand noch eine Weile wie ein Einbrecher im eigenen Jugendzimmer. Da war alles noch so wie immer: Der Schrank, Omas Häkeldecken auf dem Bett, der Fernseher mit Klebeband um die Fernbedienung, die Geranien auf dem Fensterbrett frisch gegossen (danke, Frau Schulz). Keine Ahnung, was er jetzt machen sollte. Im Krankenhaus ankommen, seine hilflose, fremd gewordene Mutter anstarren? Er hatte Angst. Nicht vor dem Tod. Sondern vor der Ohnmacht und dieser elenden Schuld.

Er rief im Krankenhaus an. Zustand kritisch, aber stabil. Besuch ab zehn, säuselte jemand ganz sachlich. Dennis hatte also heute noch Pause. Er schlurfte ins alte Kinderzimmer inzwischen Abstellraum mit Kisten und einem ausgenudelten Schlafsofa legte sich, noch in Jeans und Wollpulli, und verschwand in traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen: Krankenhaus-Einheits-Kaschemme, nur drei Etagen, überall abplatzende Farbe. Nach einer harten Diskussion an der Rezeption und bitteren Blicken der Krankenschwestern durfte er sie schließlich sehen.

Sie lag am Fenster, in einem Zwei-Bett-Zimmer. Die Bettnachbarin, eine korpulente Dame mit eingewickeltem Bein, fixierte ihn neugierig. Dennis setzte sich ans Bett. Die Mutter atmete schwer, grau, eingefallen, bewegte sich kaum. Nur eines der Hände ohne Infusion zuckte leise auf dem Bettlaken, als er sie ansprach.

Mama Mama, ich bins. Dennis.

Kein Öffnen der Lider nur ein leises Zucken der Finger.

Frau Gisela ist gar nicht gut dran, knurrte die Nachbarin. Sind Sie aus Berlin? Wahrscheinlich selten gekommen, was?

Selten, antwortete Dennis trocken und wollte, dass sie schweigt.

Eben. Sie hat auf Sie gewartet. Wir warten doch alle auf unsere …

Dennis stieg die Enge in den Hals. Nach ein paar Worten floh er auf den Flur, lehnte die Stirn an die kälteste Stelle der Wand, atmete aus. Er konnte hier nicht bleiben. Alles roch nach Abschied zu echt, zu greifbar. Er war doch lieber jener Dennis, Chefaufsteiger im Berliner Büro, Teil der PowerPoint- und E-Mail-Realität.

Zurück in der Wohnung, abgelenkt durch sinnlose Beschäftigung. Frau Schulz hatte schon angeregt, er solle ein wenig Ordnung machen, falls… naja, falls. Dennis schnappte sich den großen Schrank; alles rausschmeißen, den Ramsch, die Erinnerungen an die DDR und die Sorgen, die nie seine waren. Hauptsache irgendwas tun.

Kleider und Bettwäsche, alt und noch älter, duftend nach Mottenkugeln und Märchenwald, landeten im Müllsack. Die pingelige Ordnung, Socken mit Stickerei und gestopfte Laken, machten ihn wütend. Warum hebt man so was auf? Für gute Zeiten? Sie hatte halt ihre eigene Logik, eine andere Generation.

Oben im Schrank unter Bergen von Handtüchern: eine alte Schuhschachtel, mit Paketband umwickelt. Klar, da ist bestimmt naja, Nostalgie in Reinform. Er löste das Band, klappt den Deckel auf und blieb sitzen, mitten im Chaos aus alten Klamotten.

Briefe! Stapelweise alte Briefe. Dünne Dreieckchen aus dem Ferienlager, an Frau Gisela Berger, Humboldtstraße 12/5 adressiert, mit kindlichem Gekrakel. Postkarten von der Ostsee, die Dennis mit fünfzehn verschickte, beim Wandern. Umschläge vom Wehrdienst seine Bundeswehrjahre! Dicke Berliner Briefe mit Briefmarken, als er studierte und anfangs noch schrieb bevor WhatsApp kam. Fein sortiert, geliebte Erinnerungen, gebunden mit Gummibändern, nach Jahren sortiert.

Er fischte Kritzeleien hervor; ein schiefes Flugzeug, darunter Für Mama zum Frauentag in krummer Handschrift. Ein Strichmännchenbild Familie aus Gurkenmännchen. Vater, Mutter und er. Der Vater hatte sich verabschiedet, als Dennis zehn war. Danach war sie immer allein geblieben, hatte nachts geweint, aber vor ihm tapfer getan.

Darunter: Ein abgeranzter Kalender, Notizen der Mutter, mit den Jahren immer zittriger.

Unsortierte Erinnerungsfetzen:

Dennis hat wieder eine Vier geschrieben. Und sich die Nase blutig geschlagen. Wollte schimpfen er weint fast. Hab ihn gedrückt. Er roch nach Sonne, Kind und Glück. Koche gleich Grießbrei er futtert und strahlt wieder.

Zum ersten Mal verliebt in Sabine aus der Parallelklasse. Schnorrte Geld für Blumen. Habe gegeben, ist ja mein Junge. Halbes Herz schmerzt erste große Liebe. Heute Abend Socken gestopft und gedacht: Mein Gott, wie er wächst.

Zur Bundeswehr eingezogen. Zwei Jahre. Nach Hause, auf sein Bett gesetzt. So still, man hört die Uhr ticken. Fernseher angemacht für Geräuschkulisse. Foto aufgehängt. Gute Nacht, mein Junge. Ich warte.

Heute hat er aus Berlin angerufen! Aufnahme geschafft! Jubel laut im Hörer. Mama, ich bin Student an der besten Uni! Ich stehe weinend in der Küche, stolz und ängstlich so ein großes Kind in der großen Stadt. Heute Suppe nur noch für mich gekocht.

Und mit den Jahren wurden die Notizen immer knapper, immer trauriger. Die Briefe aus Uni-Zeiten wurden zu Postkarten zum Geburtstag.

Hat nach Silvester angerufen. Erzählt von einer Sabine. Klingt lustig, aber abwesend. Sagte: Denk an dich, Junge, und er lachte: Mama, ich bin schon groß! Ich aber fühlte mich klein und nutzlos. Wofür braucht er noch mich? Sitze am Telefon und naja, einfach nur da.

Letzter Besuch: Fünf Tage. Hab alles gekocht, was er mag. Ist kaum, Diät. Hängt am Smartphone. Ich wollte ihn wie früher am Kopf streicheln zieht er sich zurück: Mama, ich arbeite eben. Dann saß ich einfach gegenüber im Sessel und hab ihn angesehen, wie er schlief. Um zwei nachts. Dann deckte ich ihn zu. Fünf Tage und nun wieder warten.

Trocken im Hals. Dennis erinnerte sich: Damals war er wirklich in einem Jobstress, alles nervte, sogar das elende Dorfinternet. Mama war trotzdem wie ein Geist um ihn herum, stellte ständig Essen hin. Er fand das nur anstrengend, ein Übergriff auf sein Leben. Und begriff jetzt: Das war Liebe. Still, bedingungslos, einfach da.

Dennis klappte das Büchlein zu. In der Hand hielt er nicht nur alte Notizen, sondern ihr Leben das sie ihm gewidmet hatte. Jede Zeile, jede Falte, jede schlaflose Nacht. Und er? Einmal im Jahr eine Karte, ab und zu eine Überweisung die sie nie anrührte. Brauche nichts, mein Junge. Habe doch alles, sagte sie immer am Telefon. Er hatte das für Sentimentalität gehalten. Sie meinte es ernst. Sie wollte ihn.

Er wankte in die Küche. Sein Blick fiel auf den alten Kühlschrank, angetackert mit vergilbten Magneten. Dazwischen sein Abschlussfoto, Dennis im Anzug, grauenhaftem Vokuhila. Auf dem Regal ein Glas mit eingemachtem Sauerkirschkompott, von letztem Jahr. Er machte es auf, löffelte wie früher. Diesen Geschmack sauer, süß, bittersüß Kindheit. Plötzlich liefen die Tränen anstandslos. Keine wilden Heulanfälle es war einfach nur Erlösung. Die Rüstung bröckelte. Plötzlich wusste er haargenau, was sie spürte, als er damals ihre streichelnde Hand weggeschoben hatte. Kälte. Überflüssigkeit.

Er wischte sich übers Gesicht, trank Leitungswasser. Jetzt los, ins Krankenhaus!

Im Halbdunkel des Zimmers lag die Mutter reglos. Nur die Nachbarin schnarchte. Dennis setzte sich, nahm ihre Hand. Dünn, heiß, schwerelos. Blaue Adern stachen durch die Pergamenthaut.

Mama, begann er, die Stimme voll Risse. Mama, ich bins. Dennischen. Weißt dus noch? Dennischen hast du immer gesagt, als ich klein war. Ich fand das schrecklich. Nenn mich Dennis. Alles Wichtigtuerei …

Pause.

Hab deinen Schrank ausgeräumt … und die Schachtel gefunden. Briefe, Bilder, dein Tagebuch auch. Mama, … es tut mir so leid. Für alles. Für die seltenen Anrufe, für die Pflichtbesuche. Für die abgewiesene Hand. Ich dachte, Arbeit wäre wichtiger. Dabei warst du immer das Wichtigste. Immer.

Ein Schatten, ein Zucken im Gesicht, die Lider beben. War da ein leichtes Drücken ihrer Finger? Oder Einbildung? Er blieb, erzählte weiter.

Ich erinnere mich an deine Kohlrouladen. Hab sie gehasst. Aber heute würde ich alles tun für so einen Teller. Deine Kirschkompott. Habs wieder mit dem Löffel gegessen wie ein Kind. Würdest dich aufregen, klar, aber so war es. Du hast immer gewartet. Und ich war immer unterwegs. Mama, ich bleib jetzt. Ich höre dich, ich geh nicht mehr weg. Du brauchst nur durchhalten, hörst du? Halt einfach durch ich bin da.

Ob ihre Finger stärker drückten, wusste Dennis nicht wirklich. Ihr Gesicht blieb unbewegt, aber das Atmen klang ruhiger. Er blieb lange sitzen, bis spät in die Nacht. Beim Gehen küsste er sie auf die heiße Stirn und versprach: Ich komme morgen. Ganz sicher.

Tatsächlich war Dennis ab jetzt jeden Tag da. Stundenlang erzählte er alles, was er zwanzig Jahre verschwiegen hatte: seine Ängste, seinen Drang zu beweisen, dass er jemand war. Über Sabine und dass er sie wohl nicht wirklich liebte, sondern nur nicht allein sein wollte. Dass seine Freunde Kolleg*innen waren. Und wie einsam die geräumige Eigentumswohnung manchmal schien. Er redete und sie hörte zu. Und Dennis wusste: Sie versteht.

Am dritten Tag tauchte Cousine Johanna auf aus Potsdam, ihre Mutter hatte ihr telefonisch Bescheid gesagt. Johanna, immer schon eine markige Marke, stellte sich ans Bett.

Na? Wie siehts aus?, fixierte sie Dennis, nicht die Mutter.

Unverändert, murmelte Dennis.

Was sagen die Ärzte?”

Das Übliche. Kritisch.

Und, willst du jetzt den liebevollen Sohn spielen? Johanna verschränkte die Arme. Warst doch nie da. Ich war öfters bei ihr, hab geholfen. Du hast Geld geschickt, aber gebraucht hat sie dich, nicht deine Euro-Überweisung …

Johanna, schon gut, bat Dennis erschöpft.

Nee! Immer der tolle Berliner. Hauptsache Karriere. Sie hat dich vermisst bis zum bitteren Ende, ist nach deinem letzten Besuch tagelang in der Küche gesessen und hat geweint. Arbeit, pff! Einsam war sie!

Dennis stand auf, wütend aber auf sich selbst. Weil sie recht hatte.

Jetzt tust du betroffen? Zuu spät! Sie hört dich doch gar nicht mehr! Deine Show kannst du woanders abziehen.

Johanna, hau ab!, brüllte Dennis plötzlich. Die Schwester runzelte die Stirn und verschwand. Dennis nahm die Hand seiner Mutter und wieder spürte er dieses tiefe Bedauern.

Seine Mutter starb zwei Tage später. Ein sachlicher Anruf: Gestorben. Holen Sie bitte die Papiere. Dennis saß im Flur, füllte Formulare aus. Johanna schluchzte. Er spürte nur Leere, eine seltsame, eisige.

Zur Beerdigung kamen Frau Schulz, ein paar Nachbarinnen, zwei Hobbyfreundinnen. Kaffeetafel im Gasthof am Stadtrand. Kalter Braten, Wodka, Reden über Gisela: Sie war immer nett, hilfsbereit … Dennis hörte stumm zu. Das Bild, das sie zeichneten, war nicht seine Mutter oder doch, nur die, die er nie kennenlernen wollte.

Abends, als alle gingen, blieb er allein in der verwaisten Wohnung. Im Schrank fand er die Schachtel. Die wollte er mitnehmen sie war das Einzige, was ihm blieb.

Vor der Heimfahrt ein Blick aufs Grab. Ein schmales Erdreich, Kränze, ein verblasstes Foto aus den Siebziger Jahren: Mamas frohes Lächeln. Worte hatte Dennis nicht mehr. Nur Zeit. Er wartete einen Moment, dann wandte er sich zum Bahnhof.

Im Zug hielt er die Schachtel wie ein Geheimniskästchen auf dem Schoß. Die Welt rauschte vorbei. Handy: zig Nachrichten von Sabine, Annika, den Chefkollegen. Dennis tippte knapp: Mama ist tot. Melde mich später. Ton aus, Handy weg.

Er blätterte im kleinen Tagebuch. Letzte Seite. Die Schrift war schwach, zittrig, kaum zu lesen:

Dennischen. Ich brauche nichts. Kein Geld, keine Dinge, keine Hilfe. Komm einfach vorbei. Ich sitze und warte am Fenster. Immer. Deine Mama.

Lange starrte Dennis auf die Zeile. Die Tränen flossen frei, und diesmal versteckte er sich nicht. Es war keine Trauer mehr, sondern Dankbarkeit. Weil sie immer gewartet hatte, egal, wie lang es dauerte. Und weil sie ihm etwas hinterließ, das wichtiger war als jedes Meeting oder Geld.

Draußen zogen Felder vorbei, der Regen perlte an den Scheiben. Es war, als ob sie mit ihm weinte und er spürte neben dem Schmerz das erste Mal Ruhe. Dass irgendetwas, das ihm jahrelang gefehlt hatte, nun seinen Platz gefunden hatte.

Der Zug fuhr zurück nach Berlin, in sein Leben. Aber Dennis wusste: Dieses Leben war jetzt anders. Immer hörte er sie in sich die Schritte seiner Mutter, ihre leise, beständige Liebe. Ohne Grund, einfach so. Weil er da war.

Dennis schloss das Tagebuch, legte es in die Schachtel, machte die Augen zu. Der Weg lag vor ihm, und diesmal fühlte er sich bereit zu gehen.

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Homy
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Mama, ich bin angekommen.
Du hast keine Mutter mehr! – entgegnete die Schwiegermutter