Obwohl wir schon am Limit sparen, verkündete mein Mann plötzlich seinen festen Willen, für die Wohnung unseres Kindes Geld zur Seite zu legen. Erst gestern, nach seinem Gehaltstag, sagte er ernst: Ich fange jetzt an, Geld zu sparen, damit unser Sohn irgendwann eine eigene Wohnung haben kann. Diese Aussage erfüllte mich allerdings nur mit Unbehagen. Ich will euch erklären, warum.
Vor mehr als zehn Jahren kam mein Mann nach München, um Arbeit zu finden. Er arbeitet auf dem Bau schwer und gefährlich. Noch bevor wir uns kannten, schickte er fast sein ganzes Gehalt an seine Mutter nach Kassel, ihm blieb meist nur wenig Bargeld. Seine Arbeitskollegen rieten ihm damals, doch für eine eigene Bleibe in der Stadt zu sparen. Doch er wollte alles für seine Mutter geben. Abgesehen von ihm hatte seine Mutter noch zwei Söhne, die alle irgendwie halfen, aber keiner so sehr wie mein späterer Mann.
Nach der Heirat wohnten wir im Altbau meiner Mutter und Großmutter, in einer Wohnung, deren Wände schon lange keine Farbe mehr gesehen hatten, das Parkett knarrte bei jedem Schritt, und der Wasserhahn heulte in der Nacht.
Zu Beginn war mein Mann freundlich, liebevoll. Zu meiner Mutter und Großmutter aber zurückhaltend, fast kalt. Ich hielt das für eine vorübergehende Phase, glaubte, er würde sich schon öffnen und die Frauen meiner Familie akzeptieren. Aber genau das Gegenteil geschah: Nach einem Jahr kippte die Stimmung, er begann zu trinken, wurde grob und respektlos mir gegenüber, beschimpfte uns für den schlechten Zustand der Wohnung. Vermutlich wäre die vernünftigste Reaktion damals die Trennung gewesen. Doch mein Mann bestand nun darauf, dass wir ein Kind bekommen sollten. Liebe und meine naive Hoffnung, dass alles besser würde, wenn wir Eltern wären, überzeugten mich: Ich wurde schwanger und wir bekamen unseren Sohn.
Doch nichts wurde leichter. Das Geld wurde knapper, mein Mutterschaftsgeld reichte gerade einmal für Windeln und Brei. Wir hatten eine gemeinsame Haushaltskasse, doch sie blieb meistens leer.
Meine Mutter zahlte die teuren Nebenkosten von ihrem kargen Lohn, kaufte mir meine teuren Medikamente gegen meine chronische Krankheit. Der Rest ging für Lebensmittel und Haushaltswaren drauf. Die Rente meiner Großmutter, ohnehin gering, legte sie in einer Spardose für ihre Beerdigung zurück. Sie hatte schon einiges zusammengespart, gab uns jedoch diesen Schatz zur Hochzeit.
Mein Mann spekulierte, dass seine Familie ihm Geld zur Hochzeit schicken würde doch niemand tat es. Unsere große Hochzeit finanzierten wir mit Großmutters Erspartem und seinem Lohn. Hätten wir auf mich gehört, hätten wir klein gefeiert, doch mein Mann wollte großes deutsches Fest, samt Blasmusik und Torte.
Sieben Jahre Ehe vergingen, in denen mein Mann immer wieder Geld für seine Mutter beiseitelegte. Ihr Haus wurde renoviert, neue Haushaltsgeräte, alles bezahlt von seinem schwer verdienten Geld, während wir selber nie über die Runden kamen. Mehr als einmal entdeckte ich geheim versteckte Euros Erspartes, das er klammheimlich der Mutter schickte. Nach vielen Streitereien versprach er, damit aufzuhören.
Nach dem Tod seiner Mutter taten mein Mann und sein älterer Bruder etwas, was sie großherzig nannten (in meinen Augen war es unverständlich): Sie verzichteten beide auf ihr gesetzliches Erbe zugunsten des jüngsten Bruders.
Nun steht mein Mann also mit leeren Händen da, nachdem er erst das Vermögen in das Haus seiner Mutter gesteckt hatte, dann sein Erbe ausschlug. Meine Bitten, wenigstens das ihm Zustehende zu behalten, ließ er unbeachtet.
Nach der Geburt unseres Sohnes wurde mein Mann kaum wiederzuerkennen: unhöflich, sparsam bis zur Geiz, er stritt sich grundlos mit meiner Mutter, wurde launenhaft und trank sich immer öfter in einen Nebel. Ich kann jetzt nicht von ihm gehen das Kind ist noch klein, ich bin krank und niemand weiß, ob ich je wieder gesund werde. Es geht das Gerücht, ich würde nach meiner Elternzeit gekündigt ohne ihn bin ich verloren.
Er nutzt meine Not aus. Immer wieder führt er an, er müsse für mich, das Kind und die Familie aufkommen, während wir doch alle Geld in das gemeinsame Konto werfen Mutter, Großmutter, ich, er.
Oft saßen wir schon zusammen und träumten einen typisch deutschen Traum: ein eigenes Häuschen für unseren Sohn. Doch es blieb beim Traum unser Einkommen reicht einfach nicht.
Gestern also der nächste Plan: Ein Drittel seines Gehalts will er künftig auf die hohe Kante legen. Das hieße für uns alle eiserner Gürtel, noch mehr Entbehrung und Entzug, vielleicht jahrelang ich sehe das nicht ein. Doch mein Mann besteht darauf, dass es so laufen wird.
Und ich fürchte, tief im Inneren, es geht ihm gar nicht um unseren Sohn, sondern nur um sich selbst. Ich glaube, er will mit unserem Geld irgendwann verschwinden und uns zurücklassen irgendwo in Unterfranken oder vielleicht am anderen Ende von Deutschland. Oft habe ich mich daran erinnert, wie er sich benimmt kalt, rechthaberisch und in Gedanken geschworen, dass ich ihn eines Tages rauswerfen werde.
Die Möglichkeit, er könnte bleiben, wenn er endlich gut zu meiner Mutter und Großmutter wäre darüber dachte ich nach. Aber mein Mann verändert sich nicht. Träge schiebt er sich durch unser Leben, das langsam zu einem endlosen, grauen Albtraum geworden ist. Ich weiß nicht, wie ich aufwachen kann.





