Mama, du hast ihn gewählt.
Wieder eine Liste? seine Stimme klang wie ein Vorwurf.
Ich, Anke, hielt kurz inne und atmete tief durch.
Sebastian, Lisa ist sechzehn. Sie braucht eine neue Winterjacke, die alte passt nicht mehr.
Sie hat doch eine Jacke.
Die ist vom letzten Jahr. Die Ärmel sind zu kurz, sie ist gewachsen.
Sebastian lehnte sich zurück aufs Sofa, sein Blick wurde hart und prüfend. Ich kannte diesen Blick und wusste, was gleich kommt.
Schau, wir wohnen in meiner Wohnung. Ich zahle die Nebenkosten, kaufe die Lebensmittel. Du bekommst das Gehalt als Buchhalterin, ich arbeite als Manager und verdiene ordentlich. Wir haben ein gemeinsames Konto, erinnerst du dich? Gemeinsam. Aber jedes Mal legst du mir diese Listen für ihre Bedürfnisse vor, als wäre ich verpflichtet, das Kind eines anderen zu versorgen.
Sie lebt hier sagte ich leise. Sie isst mit uns. Sie schläft hier.
Genau. Sie schläft in meiner Wohnung. Isst mein Essen.
Ich spürte dieses schmerzliche Ziehen im Inneren. Das Gespräch lief seit über zwei Jahren genau so ab, seit ich mit Lisa nach unserer Heirat bei Sebastian eingezogen war. Anfangs versuchte ich zu widersprechen. Dann schwieg ich öfter. Aber immer, wenn ich etwas für meine Tochter brauchte, musste ich diese Diskussion führen.
Gut, sagte ich schließlich und steckte die Liste zurück in die Kitteltasche. Ich kaufe sie selbst.
Von welchem Geld denn? fragte er neugierig. Dein Gehalt gibst du doch auf das Gemeinschaftskonto. Oder willst du behaupten, du hättest Geld vor mir versteckt?
Nein. Ich… frage Sven.
Sebastian grinste kalt.
Deinen Ex? Prima. Lauf zu ihm und erzähl, was für ein schlechter Mensch ich bin. Dann kann er seiner Tochter eine Jacke kaufen, wenn ihm so viel an ihr liegt.
Ich antwortete nicht. Sven zahlte tatsächlich Unterhalt, aber meistens unregelmäßig. Manchmal konnte er für Notfälle aushelfen, aber das bedeutete lange Erklärungen, warum und wofür. Ich wollte ihn nicht schon wieder anbetteln, wollte nicht als Bittstellerin dastehen.
Der Gemeinschaftshaushalt müsste auch für Lisas Ausgaben gelten, versuchte ich es noch einmal. Wir sind eine Familie.
Familie? Sebastian stand auf, ging in die Küche, holte ein Bier aus dem Kühlschrank. Familie, das bist du und ich. Lisa ist deine Tochter aus erster Ehe. Es stört mich nicht, dass sie hier wohnt. Aber ihr Vater soll sich bitte auch an den Kosten beteiligen.
Ich blieb in der Küchentür stehen und sah auf seinen breiten Rücken. Als wir uns vor drei Jahren kennenlernten, glaubte ich, ich hätte endlich Halt gefunden. Einen zuverlässigen Mann, der richtige Worte machte. Er erzählte, dass er die Einsamkeit satt hätte, sich Familie wünsche. Nach der Scheidung von Sven hatte ich lange alles allein getragen: Lisa, meinen Job, den Haushalt. Sebastian erschien wie ein Geschenk des Lebens. Er war charmant, führte mich aus, schenkte Blumen. Lisa akzeptierte er damals anscheinend selbstverständlich meinte, Kinder im Haus sind eine Freude.
Alles änderte sich nach der Hochzeit. Besser gesagt: mit dem Umzug in seine Wohnung.
Ich geh rauchen, sagte ich und trat auf den Balkon.
Mit dem Rauchen fing ich vor einem halben Jahr an. Erst heimlich, dann offen. Sebastian verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Das war das Einzige, worum ich nicht Erlaubnis fragte.
Auf dem Balkon roch es nach Herbst und kaltem Beton. Ich zündete mir eine Zigarette an, sog den Rauch ein. Unten brannten die Straßenlaternen. Irgendwo bellte ein Hund. Ein gewöhnlicher Abend im Wohngebiet. Ich hatte einen Job, ein Dach über dem Kopf, einen Mann, der nicht trank und keine Gewalt ausübte. Verglichen mit vielen Freundinnen hatte ich es eigentlich gut getroffen. Aber warum stand ich dann jeden Abend auf diesem Balkon und fühle mich eingeklemmt wie ein Tier in der Falle?
Die Balkontür öffnete sich leise. Lisa.
Mama, ich wollte nicht, dass wegen mir wieder Streit ist.
Es war kein Streit, ich drückte die Zigarette aus. Es ist alles gut.
Ich habs gehört. Sag Papa nicht wegen der Jacke. Ich frag ihn selbst.
Nein, das musst du nicht. Ich kümmere mich.
Lisa schwieg. Dann sagte sie leise:
Ich fühle mich hier fehl am Platz.
Ich legte den Arm um ihre Schultern. Sie war schon fast so groß wie ich, schlank, die dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden.
Sag so etwas nicht. Das ist unser Zuhause.
Es ist sein Zuhause, verbesserte Lisa. Er erinnert mich täglich daran. Nicht einmal mit Worten mit Blicken.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Denn sie hatte recht.
***
Bis zum Winter besorgte ich doch noch eine neue Jacke für Lisa. Ich bat Sven um Geld. Er gab es, unter der Bedingung, dass ich im nächsten Monat kein Unterhalt vorstrecke, sollte etwas passieren. Ich stimmte zu. Sebastian verzog beim Anblick der neuen Jacke den Mund.
Er hat also Geld. Für seine Tochter schon. Für unseren Haushalt offenbar nicht.
Sebastian, das ist für Lisa.
Ja, für Lisa hat er immer was. Für den Rest soll meine Kohle reichen.
Das Gespräch endete damit, dass er den Fernseher laut aufdrehte und den ganzen Abend eine Talkshow anschaute, ohne zu antworten. Ich wusste, das war seine Art, zu bestrafen. Mit Schweigen. Nach ein paar Tagen taute er meist wieder auf, redete als wäre nichts, und ich war froh über diese kurze Ruhe.
So verging der Winter. Lisa kam in die zwölfte Klasse, bereitete sich auf das Abitur vor, saß fast immer in ihrem Zimmer. Wenn ich zu ihr hineinging, lernte sie, blass, mit dunklen Augenringen.
Isst du genug? fragte ich.
Ja, alles gut.
Vielleicht solltest du Vitamine nehmen. Ich kaufe welche.
Nein, dann schimpft Sebastian, dass du Geld für mich ausgibst.
Ich seufzte. Seit Neuestem nannte Lisa ihn einfach Basti und in diesem Wort lag eine stille Ironie.
Im Frühling gab es in der Schule eine Abschlussfahrt nach Berlin. Drei Tage mit Museums- und Theaterbesuchen. Kostete vierhundert Euro. Lisa kam mit leuchtenden Augen nach Hause.
Mama, darf ich mitfahren? Alle fahren mit.
Ich sah sie an und wusste: Ich konnte ihr das nicht abschlagen. Sie war in den letzten zwei Jahren so verschlossen geworden, hatte kaum Freunde, kam nach dem Unterricht immer gleich nach Hause. Die Reise konnte ein Befreiungsschlag werden.
Ja, natürlich, sagte ich. Du fährst.
Abends nach dem Essen nahm ich meinen ganzen Mut zusammen.
Sebastian, in der Schule ist eine Abschlussfahrt nach Berlin geplant.
Er blickte nicht mal vom Handy auf.
Und?
Es kostet vierhundert Euro.
Jetzt sah er mich lange und prüfend an.
Vierhundert Euro? Für so eine Fahrt?
Drei Tage mit Unterkunft und allem drum und dran.
Anke, es ist jetzt Mai. Im Sommer steht das Hausgeld für die Sanierung an, der Grundsteuerbescheid kommt. Außerdem wolltest du Urlaub an der Nordsee machen.
Ich will keinen Urlaub. Lisa fährt weg, wir können ja hier die Zeit genießen.
Ach, du verzichtest also auf den Urlaub, damit sie nach Berlin fahren kann?
Ich nickte.
Sebastian lachte leise und schüttelte den Kopf.
Ihr Könnt mich echt überraschen. Wir können uns keinen Urlaub leisten, aber deine Tochter fährt nach Berlin. Glaubst du, die begreift, wie teuer das ist?
Sie weiß es.
Kaum denkbar. In dem Alter weiß man den Wert des Geldes nicht. Sie denkt, alles wächst auf Bäumen.
Lisa ist anders, sagte ich leise. Sie ist sehr vernünftig.
So vernünftig, dass sie nicht mal Danke sagt, wenn ich Strom und Wasser für sie bezahle.
In mir brodelte die Wut, lähmend und bitter. Ich wollte schreien, dass Lisa jeden Tag Angst hatte, zur Küche zu gehen, aus Angst vor seinen Seitenhieben über den Haushaltsetat. Dass sie beim Abendessen weniger nahm, um keinen Kommentar zu kriegen. Ich wollte sagen, dass er die Atmosphäre erschuf, in der ein Kind sich unerwünscht fühlt. Doch ich schwieg. Jedes Wort wäre gegen mich verwendet worden.
Ich frag Sven, sagte ich ruhig.
Mach nur, Sebastian zuckte die Schultern und kehrte zum Handy zurück.
Ich ging auf den Balkon, zündete mir eine Zigarette an, die Hände zitterten. Ich blickte auf die Lichter der Stadt und fragte mich, wie es so weit kommen konnte, dass ich Angst hatte, um Geld für meine eigene Tochter zu bitten. Ich hatte einen Job aber mein Gehalt ging jeden Monat auf das gemeinschaftliche Konto und für alles Extra-Bedürfnisse musste ich betteln, erklären, mich rechtfertigen.
Als ich Sebastian kennenlernte, hatte er viel von Gleichberechtigung geredet. Beide verdienen, beide zahlen ein. Nach der Hochzeit schlug er vor, ein gemeinsames Konto zu eröffnen alles ist einfacher, wir sind doch Familie. Anfangs erschien das logisch. Aber schnell stellte sich heraus: Über das Konto bestimmte nur er. Jeder Kauf musste abgestimmt, jeder Bon vorgezeigt werden. Und wenn es nicht in seine Vorstellungen passte, folgten endlose Monologe darüber, wie sehr er die Last der ganzen Familie trüge.
Lisa kam mit auf den Balkon.
Mama, lass es. Ich muss nicht mitfahren.
Du fährst, sagte ich. Ganz sicher.
***
Das Geld für die Fahrt schnorrte ich bei meiner Kollegin Britta zusammen. Sie war die Einzige, die ich fragte, und als sie davon hörte, seufzte sie mitfühlend.
Anke, du hast doch nie nach Geld gefragt. Ist bei euch alles okay?
Ja, es ist nur gerade eng.
Dein Mann verdient doch nicht schlecht?
Ich zuckte die Schultern.
Es passt schon.
Ich wollte sie nicht einweihen. Niemand sollte Mitleid mit mir haben oder mir raten, mich zu trennen. Davor hatte ich Angst. Wohin mit Lisa? Mit meinem Gehalt als Buchhalterin bei Rewe eine Wohnung mieten? Zurück in diese winzige Miet-Einliegerwohnung, in der wir vor Sebastian lebten?
Nein. Ich muss einfach durchhalten. Lisa macht bald Abitur, dann die Ausbildung, hoffentlich wird sie unabhängig. Vielleicht wird auch die Ehe besser, wenn Sebastian nicht mehr täglich daran erinnert wird, dass Lisa aus einer anderen Ehe stammt.
Lisa fuhr Anfang Juni nach Berlin. Kam voller Eindrücke zurück: Museumsinsel, Friedrichstadt-Palast, Spaziergänge an der Spree. Ich freute mich, dass sie wenigstens kurz mal frei war.
Sebastian hörte halbherzig zu, aber als Lisa im Zimmer verschwand, sagte er:
Ich hoffe, sie weiß, dass solche Ausflüge Geld kosten.
Ich schwieg.
Der Sommer verlief ruhig. Kein Urlaub, Sebastian fuhr ein paar Mal mit Freunden zum Angeln, ich nahm Urlaub, blieb zuhause. Ab und zu gingen Lisa und ich in den Park, aßen Eis. Diese Momente waren seltene Inseln der Entspannung.
Im Herbst kam Lisa in die Abschlussklasse. Sie wollte Grundschullehrerin werden; ich unterstützte sie, obwohl mir klar war, dass das kein lukrativer Beruf ist. Aber Lisa mochte Kinder immer und kümmerte sich gern um die Kleinen im Hof.
Eines Abends, gegen Ende Oktober, sagte Sebastian plötzlich:
Vielleicht sollte Lisa mal arbeiten gehen?
Ich schaute vom Teller auf.
Sie ist im Abschlussjahr. Sie muss lernen.
Viele arbeiten und gehen zur Schule. Sie ist siebzehn, kann einen Beitrag zum Haushalt leisten.
Sebastian, die Prüfungen sind im Frühjahr. Sie soll lernen.
Versteh ich. Aber ein erwachsener Mensch muss sich auch beteiligen.
Ich sah ihn lange an. Irgendwas in mir zerbrach dabei. Ich war nicht mehr wütend. Nur noch erschöpft.
Sie ist kein erwachsener Mensch. Sie ist siebzehn. Und sie lebt nicht einfach so hier, sie ist meine Tochter.
Deine Tochter, bestätigte Sebastian. Nicht meine. Darum frage ich mich, warum ich sie versorgen soll.
Lisa kam in dem Moment ins Wohnzimmer. Ich sah an ihrem Gesicht, dass sie alles gehört hatte.
Ich kann arbeiten gehen, sagte sie leise. Kein Problem.
Nein, sagte ich scharf. Deine Aufgabe ist die Schule.
Mama, ich will euch keine Probleme machen.
Du machst keine.
Ich nahm sie mit auf den Balkon. Sie umarmte sich selbst, zitterte leicht vor Kälte.
Mama, ich kann wirklich jobben. Als Kellnerin. Die Mädchen aus der Klasse machen das auch.
Du musst lernen.
Das schaffe ich.
Ich zog an meiner Zigarette.
Lisa, hör zu. Ich weiß, es ist schwer für dich hier. Aber du musst erst die Schule schaffen. Dann kannst du alles machen.
Und danach? Dann störe ich trotzdem noch.
Sag das nicht.
Doch, Mama. Er will nicht, dass ich hier bin. Und ich will auch nicht hier leben, wo ich nicht willkommen bin.
Ich schwieg. Denn sie hatte wieder recht.
***
Der Winter brachte den nächsten Konflikt. Es ging um das Essen.
Wie immer bereitete ich das Abendessen vor: Kartoffeln mit Hähnchen, Salat. Wir waren zu dritt am Tisch. Lisa nahm sich eine kleine Portion, ich auch. Sebastian schaufelte sich den Teller voll.
Nach ein paar Minuten sah er Lisa an.
Du hast wohl keinen Hunger?
Doch, schon. Sie schaute nicht auf.
Wieso isst du so wenig? Schmeckt Mamas Kocherei nicht?
Doch, ist gut. Bin nur nicht sehr hungrig.
Komisch. In dem Alter hatte ich immer Appetit.
Ich spürte Beklommenheit. Ich wusste, worauf er hinauswollte.
Lisa hat mittags in der Schule gegessen, sagte ich schnell.
Ach so. Schulessen. Das ist ja auch nicht umsonst, oder?
Das bezahle ich von meinem eigenen Geld, platzte ich hastig heraus, von dem, was ich noch übrig habe.
Übrig das Wort wiederholte er nachdenklich. Ich hab nichts übrig. Alles geht fürs Wohnen und Essen drauf.
Lisa verließ den Tisch plötzlich.
Kann ich abwaschen? fragte sie.
Mach das, murmelte Sebastian.
Ich räumte die Teller ab und ging zu Lisa in die Küche. Sie schrubbte die Teller, ohne sich umzudrehen.
Lisa, flüsterte ich.
Sie antwortete nicht, stellte den Teller ab und griff nach dem nächsten. Ich trat an sie heran, wollte sie von hinten umarmen. Sie zuckte zurück.
Lass das, Mama.
Es tut mir leid. Auch wegen Sebastian. Er ist einfach gestresst.
Sag das nicht. Sie drehte sich zu mir, ich sah die Tränen auf ihrem Gesicht. Er ist nicht gestresst, er will mich hier einfach nicht. Und du weißt es. Du weißt es und tust nichts.
Ich kann nicht, ich hatte selbst Tränen in den Augen. Ich kann nicht einfach gehen. Wir hätten nur ein Zimmer, wenn überhaupt.
Lieber das, als das hier, Lisa wischte sich die Tränen ab. Irgendwas ist besser, als immer zu hören, dass ich störe.
Sie verließ die Küche, knallte die Tür. Ich blieb am Fenster stehen. Draußen fiel leise Schnee auf die Straßen von Köln. Irgendwo in der Stadt gibt es Familien, in denen die Kinder sich nicht wie eine Last fühlen. Wo Mütter keine Angst haben, für ihre Töchter um Geld zu bitten. Wo Respekt herrscht, nicht Kontrolle.
Aber das war nicht meine Welt. Meine Welt schrumpfte auf diese Wohnung, ständige Rechtfertigungen und Ekel vor jedem schlecht gelaunten Gespräch über Geld.
Spät nachts schlich ich wieder hinaus auf den Balkon. Sebastian schlief längst. Ich rauchte, dachte an Lisa. Sie ist so viel klüger als ich, klüger als eine erwachsene Frau, die sich selbst in die Falle manövriert hat. Ein Mädchen mit siebzehn sieht den Weg, ich mit vierzig bringe nur Ausreden.
Mutter sein, dachte ich. Was heißt das? Ich hielt es für selbstverständlich, mein Kind zu beschützen. Aber wie, wenn ich selbst abhängig bin von jemandem, dem mein Kind egal ist?
***
Im Frühjahr folgten das Abitur und Lisas Bewerbung für die Ausbildung als Grundschullehrerin in der städtischen Berufsschule. Sie schaffte es, bekam sogar ein Stipendium. Ich fiel ihr in die Arme, war so stolz.
Ich bin so stolz auf dich, Lisa.
Danke, Mama.
Sebastian gratulierte ihr zur Aufnahme, schenkte ihr sogar zwanzig Euro “für Kleinigkeiten”. Ich spürte eine kurze Erleichterung. Vielleicht wird alles doch noch gut.
Aber im Sommer kam alles zurück. Schlimmer denn je.
Lisa bekam einen Wohnheimplatz bei der Berufsschule. Sie war froh, meinte, das spare Fahrtzeit. Aber ich wusste: Sie wollte weg. Weg aus diesem Haus, in dem sie nie willkommen war. Nicht einmal von mir richtig beschützt.
Als Lisa ankündigte, auszuziehen, nickte Sebastian.
Vernünftige Entscheidung. Selbständigkeit ist wichtig.
Ich sagte nichts. Innerlich riss mich das auseinander. Lisa ging mit achtzehn nicht weil es Zeit war, sondern weil es stechend nötig war. Und ich, ihre Mutter, hatte nichts getan, um sie zu halten.
Mama, hab keine Angst, Lisa nahm mich in den Arm. Ich komme am Wochenende zu Besuch. Wir sehen uns.
Ja… natürlich, sagte ich, krampfhaft lächelnd. Wir wussten beide, das wird nicht stimmen.
Ende August packten wir ihre Sachen. Eine alte Reisetasche, die einmal mir gehört hatte, ein paar Bücher, Klamotten, Sachen des Alltags. Ich drückte ihr das gute Federbett in die Hand, für alle Fälle.
Sebastian war am Umzugstag arbeiten. Er wollte nicht helfen. Ich organisierte ein Taxi, fuhr mit Lisa quer durch Köln, ins Wohnheim. Kleines Zimmer zu viert. Niemand sonst war schon da.
Passt, sagte Lisa mit einem forschenden Blick. Nicht schlimm.
Ich half ihr, das Bett zu beziehen, die Sachen auszuräumen. Was blieb uns noch? Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante, sie nahm meine Hand.
Danke für alles, Mama.
Wofür denn? fragte ich brüchig. Ich konnte dir keine richtige Familie bieten.
Aber du hast alles gegeben. Du wolltest nur Sicherheit. Das weiß ich.
Wir umarmten uns lange. Ich spürte, wie ihre Schultern zitterten und konnte selbst die Tränen kaum zurückhalten. Beim Abschied versprach ich anzurufen, und sagte, dass sie immer nach Hause kommen kann. Wir wussten beide, das war eine Lüge.
***
Nach Lisas Auszug lebte ich wie betäubt. Arbeit, Heimweg, Kochen, Hausarbeit. Abends Fernsehen mit Sebastian. Er war freundlich, geradezu entspannt. Sagte, endlich können wir unser Leben genießen, mehr Geld und Zeit haben.
Ich nickte, aber innen war alles leer.
Jeden Abend rief ich Lisa an, fragte nach dem Studium, nach dem Wohnheimessen. Sie antwortete kurz, aber nicht kalt. Erzählte von Kommilitonen, vom Unterricht. Aber sie kam nie zu Besuch. Die Ausreden variierten: Hausarbeiten, Exkursion oder einfach müde von der Woche.
Ich wusste: Sie wollte nicht zurück. Nicht mehr in dieses Zuhause.
Im September wollte Sebastian aus Lisas Zimmer ein Arbeitszimmer machen.
Sie kommt eh nicht, argumentierte er.
Es ist ihr Zimmer.
Formal. Sie kommt doch nie. Da kann ich mir ein Büro einrichten.
Nein.
Wieso nicht?
Weil es ihr Zimmer ist. Sie kommt zu Ferienzeiten sicher mal vorbei.
Dann schläft sie halt auf dem Sofa.
Ich ging wortlos raus auf den Balkon. Später kam er mir nach.
Warum stellst du dich so an? Sie ist erwachsen und lebt ihr eigenes Leben.
Sie kommt zurück.
Wohl kaum. Sie findet vielleicht jemanden, heiratet, zieht weg. Du solltest begreifen, dass sie nicht zurückkommen will.
Ich schwieg. Aber ich wusste, er hatte zum Teil recht.
***
Oktober war grau und regnerisch. Gespräche mit Sebastian wurden knapper, er war oft unterwegs. Lisa meldete sich nur noch selten. Es fühlte sich an, als entfernte sie sich nicht nur räumlich, sondern auch emotional. Vielleicht war das normal, aber es tat weh.
Eines Abends setzte ich mich mal wieder in Lisas Zimmer, auf ihr Bett, strich über das alte beige Überwurf. Ich öffnete die Schublade: Stifte, Bücher, ein alter Schmetterlingshaarkamm aus Kindertagen. Ich nahm den Kamm in die Hand, fühlte das kalte Metall.
Ich bemerkte erst zu spät, dass Sebastian in der Tür stand.
Bist du sentimental?
Ich wollte nur nachsehen…
Wirklich. Wegen des Büros wäre es mit dir einfacher, wenn du nicht so an alten Gewohnheiten hängst.
Ich habe Nein gesagt.
Warum blockierst du? Lisa wirds nicht stören.
Woher willst du das wissen?
Sie ist erwachsen. Sie versteht, dass es weitergeht.
Ich legte den Kamm zurück, stand auf.
Richte dein Büro im Wohnzimmer ein. Oder in der Küche.
Ich will ein eigenes Zimmer. Es ist schließlich meine Wohnung.
Sein Gesicht wirkte genervt und abweisend.
Du erinnerst mich gern daran, dass es deine Wohnung ist.
Das ist auch Fakt. Ich verlange ja keine Miete. Ich will nur ein bisschen Frieden.
Und wir stören?
Nein, du störst nicht. Aber du stellst immer das Wohl deiner Tochter über unsere Beziehung.
Sie ist mein Kind. Sie ist ein Teil von mir.
Sie ist eine Erwachsene. Kapier das doch endlich.
Ich verließ das Zimmer und ging in die Küche, trank ein Glas Wasser. Die Hände zitterten. Ich hatte genug. Dieses ständige Rechtfertigen das konnte ich nicht mehr.
Als Sebastian ins Bett ging, stand ich lange auf dem Balkon. Ich rauchte und dachte: Ich habe einen Job, Gehalt, ein bisschen was gespart. Vielleicht reicht es für eine kleine Wohnung. Nur für mich allein. Vielleicht für Lisa ein Zimmer, falls sie mal kommt. Aber ich hatte Angst.
Angst vor Einsamkeit. Angst vor Gerede. Was würden die Kollegen sagen, wenn sie erfahren, dass ich schon wieder geschieden bin? Würde ich finanziell klarkommen?
Und dann war da diese leise, beschämte Angst: Was, wenn ich mich ohne ihn erleichtert fühle? Dass ich dann zugeben müsste, dass das, was ich als Familie erkämpft habe, falsch war?
***
Im November kam Lisa unerwartet zu Besuch. Sie rief morgens an ich fing sofort an, aufzuräumen, Kuchen zu backen. Sebastian war zu Hause, schaute Fußball.
Lisa kommt, sagte ich.
Aha, ungerührt.
Als Lisa eintraf, umarmte ich sie fest. Sie sah gut aus, hatte etwas zugenommen, das Gesicht lebendiger.
Wie gehts? Wie läufts in der Schule?
Alles gut, viel Stress, aber interessant.
Wir tranken Tee und sprachen lange. Sebastian kam in die Küche, begrüßte Lisa knapp.
Alles gut?
Ja.
Er nahm sich einen Kaffee, verschwand wieder. Lisa blickte ihm hinterher.
Mama, kann ich heute hier schlafen?
Natürlich! Dein Zimmer wartet auf dich.
Beim Abendessen war Sebastian still, schaute ins Handy, Lisa ebenfalls. Ich versuchte, das Gespräch in Gang zu halten, aber die Luft war schwer.
Später ging ich zu Lisa.
Alles okay? Du wirkst traurig.
Alles gut, Mama, nur müde.
Ruh dich aus, ich freu mich, dass du hier bist.
Sie nickte, ich schloss die Tür. Zurück im Wohnzimmer wechselte Sebastian gerade den Sender:
Bleibt sie lange?
Bis morgen früh.
Gut.
Wieder diese Welle aus Wut und Ohnmacht.
Sie ist deine Stieftochter.
Formal.
Sebastian, wie kannst du nur so sein?
Ganz einfach. Ich sag nur die Wahrheit. Sie ist mir fremd. Ich tue ihr nichts, aber ich muss sie nicht lieben.
Ich verlange keine Liebe. Nur Respekt.
Den bekommst du, deshalb sage ich ihr nicht ins Gesicht, was ich denke.
Ich verließ das Zimmer, setzte mich draußen auf den alten Hocker. Tränen liefen, ich ließ sie einfach. Jahrelang glaubte ich, ich hielte alles im Griff. Aber es reicht nicht. Lisa spürt, dass sie hier nicht willkommen ist. Und ich habe versagt: als Ehefrau wie als Mutter.
Die Balkontür ging auf. Lisa.
Mama, ich fahr morgen früh zurück.
Bleib doch länger.
Nein, hier ist es zu schwer. Du spürst es doch selbst.
Es tut mir leid, Lisa. Für alles. Für ihn.
Nicht deine Schuld. Du wolltest Familie. Ich versteh das.
Aber ich seh doch, wie du leidest.
Mama, ich bin erwachsen. Ich wohne alleine. Es geht schon.
Aber du vermeidest es, herzukommen. Wegen ihm.
Ja, wegen ihm. Aber du weißt doch jeden Tag wählst DU ihn. Immer wieder.
Ich kann nicht einfach gehen.
Doch, aber du hast Angst.
Ich verbarg mein Gesicht. Sie nahm mich in den Arm.
Mama, ich will dich nicht verletzen. Aber bleibst du bei ihm, verlieren wir uns. Ich kann dann nicht kommen, nicht normal mit dir reden. Es tut zu weh.
Was soll ich tun?
Weiß nicht. Es ist dein Leben. Überleg dir, was du willst: Ruhe oder Glück. Das ist nicht dasselbe.
***
Lisa fuhr am nächsten Morgen wieder. Ich begleitete sie zur Tür, umarmte sie lange.
Ruf an, wenn du angekommen bist.
Mach ich.
Und komm bald wieder. Bitte.
Sie nickte. In ihren Augen lag ein leiser Abschied.
Als die Tür ins Schloss gefallen war, ging ich in ihr Zimmer, setzte mich auf ihr Bett. Ich öffnete die Schublade und holte den Schmetterlingskamm heraus. Drückte ihn fest.
Ihre Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Ruhe oder Glück. Das ist nicht dasselbe.
Seit der Scheidung suchte ich Sicherheit. Ein Dach über dem Kopf. Einen Mann, der nicht trinkt oder schlägt. Ich dachte, das reicht, Glück ist Luxus für Junge. Aber um welchen Preis?
Ich habe drei Jahre meines und Lisas Lebens in diese Ehe investiert. Drei Jahre, in denen sie hätte Geborgenheit und Liebe erfahren sollen. Stattdessen lebte sie in ständiger Anspannung, wusste, dass sie nur toleriert wurde aus Mitleid.
Das Schlimmste: Ich habe es gesehen. Und trotzdem geschwiegen. Aus Angst: vor Armut, vor Gerede, vor dem Alleinsein mit vierzig. Vor dem Schuldeingeständnis.
Sebastian kam ins Zimmer.
Sie ist weg?
Ja.
Gut. Dann richte ich das Büro ein.
Ich sah ihn an. Er stand einfach da. Nicht wütend, nicht fordernd. Nur gleichgültig. Für ihn war Lisa das Hindernis, das endlich verschwunden ist.
Nein, sagte ich.
Wie, nein?
Kein Büro.
Anke, jetzt lass uns vernünftig sein. Wir haben das doch schon diskutiert.
Ich hab nein gesagt.
Seine Lippen wurden schmal.
Ich versteh dein Theater nicht. Warum jetzt so stur?
Weil ich nicht mehr kann. Nicht mehr will.
Was willst du dann?
Dass du aufhörst, jedes Mal das Geld zu kontrollieren. Dass ich etwas für meine Tochter kaufen kann, ohne zu betteln. Dass du sie respektierst.
Ich kontrolliere nicht. Das ist ein Gemeinschaftskonto. Du wolltest das so.
Ja, aber nicht, dass ich keine Stimme bei den Ausgaben habe!
Anke, ich verdiene das meiste Geld. Da hab ich auch mehr zu sagen.
Ich arbeite auch. Es ist mein Geld.
Aber nur ein Bruchteil.
Und deshalb soll ich keine Rechte haben?
Sebastian seufzte.
Die Diskussion ist sinnlos. Ich habe dir ein ordentliches Leben geboten. Wohnung, Sicherheit. Das wolltest du doch.
Nicht um jeden Preis.
Du bist abhängig von mir, das ist nun mal Fakt.
Ich stand auf, packte den Schmetterlingskamm ein.
Ja. Und das will ich nicht mehr.
Und was willst du machen?
Ich gehe.
Er lachte laut auf.
Du? Wohin? Du kannst dir allein nicht mal eine Bude leisten.
Vielleicht doch.
Anke, du bist es doch gewohnt, hier zu sein. Willst du wieder alleine dastehen?
Er hatte recht. Ich hatte mich daran gewöhnt. Auch wenn es mich unglücklich machte. Und doch vielleicht ist Einsamkeit besser als dieses Zusammen-sein.
Vielleicht gehe ich jetzt noch nicht, flüsterte ich. Aber ich denke drüber nach.
Ich ging raus, setzte mich in die Küche, legte den Haarkamm vor mich hin. Stumm starrte ich darauf. Lisa war fort nicht nur, weil sie erwachsen war, sondern weil sie ein Zuhause brauchte, das ich ihr nicht bieten konnte.
Dieses Schuldgefühl, dachte ich. Das verschwindet nie. Ob ich gehe oder bleibe: Die Zeit ist nicht wieder aufzuholen. Lisa weiß jetzt, dass ich einen Mann dem Kind vorgezogen habe.
Vielleicht kann ich es viel zu spät noch reparieren.
***
Wochen vergingen. Arbeit, Heim, Kochen, Schweigen mit Sebastian. Er schien zu warten, dass ich endlich vergesse, was ich angekündigt habe. Aber ich blieb, weil ich noch nicht wusste, wie ich es schaffen könnte.
Lisa meldete sich einmal pro Woche. Der Kontakt war sachlich. Ich spürte, dass sie im Begriff war, ihr eigenes Leben aufzubauen fern von mir. Das war schmerzlich, aber folgerichtig.
Im Dezember hörte ich, dass eine kleine Einzimmerwohnung frei wird. Die Miete lag an der Grenze meiner Möglichkeiten gerade so machbar. Ich nahm Nummer und Adresse auf, verwahrte den Zettel.
Kurz vor Weihnachten fragte Sebastian, ob wir in den Ferien nach Mallorca fliegen sollen. Günstig, endlich mal entspannen. Ich tat so, als würde ich es mir überlegen. Tatsächlich wollte ich weder verreisen noch weiter zusammenleben.
Das war der Jahreswechsel. Fernsehabend, Sebastian lachte im Wohnzimmer. Ich saß stumm in der Küche.
Da rief Lisa an.
Frohes neues Jahr, Mama!
Lisa, wie gehts? Wo bist du?
Mit den Mädels aus der Klasse. Wir feiern zusammen.
Ist schön. Bleibt fröhlich.
Und du?
Sebastian und ich sind zu Hause.
Sie schwieg kurz.
Mama, ich hab dich lieb, weißt du das?
Ja. Ich dich auch.
Ich will, dass du glücklich bist.
Ich bin glücklich.
Nein, Mama. Du bist nicht glücklich. Ich hörs.
Mir schnürte es die Kehle zu.
Lisa, es ist kompliziert.
Ich weiß. Aber du hast ein Recht auf Glück. Auch mit über vierzig. Auch allein.
Danke, murmelte ich.
Ich muss los. Pass auf dich auf. Tschüss.
Tschüss.
Ich legte auf, kramte den Zettel mit der Wohnungsnummer hervor, starrte darauf. Sebastian lachte über irgendeinen TV-Gag im Hintergrund. Alltägliches Leben.
Doch plötzlich spürte ich so etwas wie Hoffnung. Vielleicht bedeutet Einsamkeit ab vierzig nicht die Aufgabe, sondern eine zweite Chance. Vielleicht ist es Freiheit.
Ich griff zum Telefon, wählte die Nummer. Nach einigen Ruftönen meldete sich eine Frauenstimme:
Hallo?
Guten Tag, Sie vermieten die Wohnung?
Ja, Einzimmerwohnung, möchten Sie sie besichtigen?
Ja. Geht es am zweiten Januar?
Gerne.
Ich notierte die Adresse. Dann saß ich ruhig und schaute auf das ruhige Schneetreiben draußen. Lisa feierte irgendwo, lachte, plante ihr Leben ohne mich.
Aber vielleicht ist es nicht zu spät. Vielleicht kann ich mit meiner Tochter ein neues Vertrauen aufbauen, wenn ich Entscheidendes verändere.
Ich trat in Lisas Zimmer, setzte mich aufs Bett, legte den Schmetterlingskamm auf den Nachttisch.
Es tut mir leid, sagte ich leise in den dunklen Raum. Ich versuche es noch zu reparieren.
Ob ich es schaffe, wusste ich nicht. Aber ich hatte zum ersten Mal seit Jahren Hoffnung.
Eine kleine, zerbrechliche Hoffnung. Und vielleicht reicht das schon für den ersten Schritt.





