Traum in blauer Hülle
Ida stand am Küchenfenster, einen zerknitterten Einkaufszettel in der Hand, und betrachtete, wie draußen lautlos dicke Schneeflocken durch die winterliche Berliner Luft tanzten. Sie legten sich ruhig auf den Fensterrahmen und tauchten die Welt in Watte. Dezember war in diesem Jahr so verschwenderisch mit Schnee; beinahe wie früher, in glücklichen Wintertagen ihrer Kindheit in Duisburg, als Weihnachten mehr Versprechen als Tag war.
Ida, warum stehst du da wie versteinert?, rief Hermann aus dem Wohnzimmer, wo er zwischen offenen Pappkartons mit Lametta und Christbaumkugeln kniete. Schau mal, ich hab den alten Nussknacker wiedergefunden! Erinnerst du dich? Den haben wir damals 89 am Alexanderplatz gekauft.
Ida lächelte flüchtig, wandte sich aber nicht um. Ich seh ihn, Herm. Übrigens, es ist keine Milch mehr da und das Brot ist auch alle. Springst du schnell zum Edeka?
Hermann stöhnte kindlich empört: Jetzt? Ida, es wird schon dunkel! Ich dachte, wir schmücken gemeinsam den Baum.
Widerstrebend drehte sich Ida um. Hermann saß zwischen goldenen und silbernen Kugeln, zerzaustes, graues Haar, die Brille schief auf der Nase; in seinen Händen der poröse Nussknacker, im Gesicht ein Ausdruck reinen Glücks, das Ida kurz zerfraß.
Schon gut, ich geh selbst. Bau wenigstens schon mal den Baum zusammen, ja? Es ist schon der 29., Hermann! Übermorgen sitzen alle hier, und du wolltest doch noch den Adventskranz basteln!
Mach ich, mach ich, winkte er ab. Du, Ida, ich hab heute in der U-Bahn Werbung gesehen, für ein neues Handy… ‘Eisbär-Phone’. So mit Kamera, die nachts alles sieht! Und dreihundertvierzehn Gigabyte Speicherplatz alle Fotos der Enkel passen da locker drauf!
Ida hielt inne beim Griff nach ihrer Wolljacke: Dreihundertvierzehn? Wie teuer ist das denn?
Hermanns Hand wanderte an die Stirn: Na, so so um die achthundert Euro, vielleicht ein bisschen mehr. Aber was für ein Gerät!
Sie schnaubte: Achthundert Euro, Hermann. Du hast doch dein Handy von letztem Jahr. Funktioniert noch tadellos.
Schon, murmelte er und wühlte gedankenverloren in den Glaskugeln. War nur so ein Gedanke. Träumen wird ja wohl erlaubt sein.
Ida schloss den Reißverschluss ihrer Jacke bis ans Kinn und griff nach der selbstgestrickten Mütze. Träumen kann man. Aber unsere Träume sind halt verschieden. Ich hätte gern ein neues Sofa, damit der Rücken nicht mehr schmerzt. Oder ein bisschen Extrabudget für die Klavierstunden der Enkel. Aber du du träumst von Handys.
Hermann wandte sich wieder seiner Kiste zu. Geh schon. Ich mach das hier.
Ida verweilte noch einen Moment in der Tür, betrachtete seinen krummen Rücken, seufzte und trat hinaus in die Schneelandschaft. Ihre Schritte knirschten über die vereisten Berliner Gehwege, ein Geräusch, das sie beruhigte wie ein Wiegenlied. Bis zum Edeka am Hermannplatz waren es nur zwei Blöcke, aber die Strecke zog sich, versponnen von der Müdigkeit des Tages.
Sie hatte morgens Fenster geputzt, weil so macht man das im Advent, Hermann hielt es für Zeitverschwendung. Dann hatte sie Tischdecke gebügelt, Test-Salate für Heiligabend vorbereitet und zuletzt die finale Einkaufsliste zusammengestellt: drei Kilo Rinderbraten fürs Festessen, Kartoffeln, Möhren, Rote Beete, zwanzig Eier, Mayonnaise, Fleischwurst für den klassischen Kartoffelsalat, Erbsen, Gewürzgurken, Emmentaler, Schmelzkäse für den Heringssalat, Matjesfilets, Äpfel, Mandarinen
Im Edeka herrschte dichtes Gedränge und festliche Hitzewallung. Alle Welt schien auf der Jagd nach den letzten Köstlichkeiten. Ida nahm methodisch Artikel um Artikel vom Einkaufszettel, legte alles abgezirkelt in ihren Einkaufswagen. An der Käsetheke begegnete sie ihrer Nachbarin Frieda.
Ida! Auch noch auf Shoppingtour?, rief Frieda begeistert. Letzter Sprint?
Ida lächelte zurück. Na klar. Und du, alles startklar?
Fast, nur die Salate fehlen noch, ächzte Frieda. Und die Preise! Kartoffelsalat neun Euro das Kilo, früher hat er fünf gekostet!
Ida zuckte die Schultern. Inflation eben. Ich mache alles selbst, kommt billiger.
Kluge Frau! Ich lass es dieses Jahr liefern, keine Kraft mehr die Gesundheit zählt. Ihr bekommt doch Gäste?
Ja. Tochter mit Mann und Kindern, Hermanns alter Freund Uwe kommt auch mit seiner Frau.
Frieda nickte wissend. Bei so einer Gesellschaft hast du nie eine ruhige Minute. Und hilft Hermann?
Ida zögerte. Auf seine Weise, murmelte sie.
Frieda lachte wissend. Sie trennten sich, und Ida schob tapfer den schwerer werdenden Wagen weiter. Innerlich rechnete sie mit, verkniff das Stirnrunzeln. Feste machten sich immer im Portemonnaie bemerkbar. Aber Weihnachten ohne festliche Tafeln? Unmöglich. Sie erinnerte sich an Hermanns Wunsch nach dem Eisbär-Phone. Acht Hundert Euro dafür könnte man…
Am Schokoladenregal griff Ida nach einer edlen Tafel mit Himbeeren und Mandeln, die sie seit Wochen beäugt hatte, seufzte dann beim Blick aufs Preisschild und legte sie zurück. Stattdessen wanderte die billige Vollmilchschokolade in den Wagen, ein Drittel des Preises.
Der Kassenbon summierte sich schrecklich. Ida bezahlte stumm mit ihrer Karte, schleppte die Tüten hinaus in den Schneesturm. Der Heimweg wurde zur Tortur die Taschen schnitten durch die Handschuhe, Schnee wehte gegen Gesicht und Kragen. Auf einer Parkbank setzte Ida ab, massierte die schmerzenden Finger. Sie war einundsechzig; der Rücken pochte, die Beine wurden schwer.
Der Blick suchte die Fenster ihres Wohnblocks. Da, fünftes Stockwerk, brannte Licht. Sicher hatte Hermann inzwischen den Baum aufgebaut, schlürfte nun Tee und tippte noch etwas in sein gut erhaltenes Handy. Ida sah ihn innerlich, wie er das Eisbär-Phone hielt glückselig wie ein Kind. Zarte Zuneigung und bitterer Unmut mischten sich in ihr.
Achtunddreißig Jahre waren sie verheiratet. Kennengelernt in der Maschinenbaufirma, sie in der Buchhaltung, er als Ingenieur. Damals schien Hermann der Inbegriff eines Märchenprinzen: hochgewachsen, lockiges Haar, Schwärmerblick. Er las ihr Gedichte vor, ging mit ihr in die Philharmonie, schenkte Blumen. Dann kam die Tochter, ein anderes Leben: Windeln, schlaflose Nächte, Geldsorgen. Hermann blieb Träumer, Ida sorgte für das tägliche Miteinander. Sie klagte nie; es war ihre Rolle, und sie nahm sie an. Aber manchmal so wie jetzt, im Berliner Winterdunkel mit schweren Taschen, während er in der hellen Wohnung saß fragte sie sich: Wo sind seine Träume von ihr geblieben?
Ida, alles in Ordnung? Der Ruf kam von oben wie aus anderer Welt. Hermann lehnte sich über das Balkonbrüstung: Brauchst du Hilfe?
Bin gleich da!, rief sie, packte wieder zu. Die Finger waren taub, aber sie zwang sich zum Weitergehen.
Drinnen roch es nach Tannen. Tatsächlich: Hermann hatte den Baum aufgestellt. Noch schmucklos, aber schön und sattgrün, die Lichterkette ordentlich aufgerollt daneben.
Gut gemacht, lobte Ida, zog die nassen Stiefel aus. Und die Kugeln?
Hermann grinste: Wollt mit dir zusammen machen. Er nahm ihr die Tüten ab und trug sie in die Küche. Tee gefällig?
Gern. Sie folgte, zog die Jacke aus, hängte sie über die Heizung. Hermann, wann hast du eigentlich deinen Bonus bekommen?
Er blieb beim Wassereingießen stehen. Gestern. Wieso?
Hab nur überlegt, begann Ida, sortierte die Einkäufe in den Kühlschrank. Ob wir nicht was beiseitelegen sollten. Fürs Sofa vielleicht. Oder für die Geburtstage der Enkel?
Wird gemacht. Hermann nickte eilig. Hab schon die Hälfte in einen Umschlag gepackt, liegt oben auf dem Schrank.
Die Hälfte? Wie viel wars denn?
Vierhundert Euro. Zweihundert sind schon weggelegt, der Rest ist fürs Fest.
Ida nickte, widmete sich weiter den Einkäufen. Sie verscheuchte die Gedanken an die achthundert für das Handy, die trotzdem nicht verschwanden.
Der Abend verlief ruhig, fast gemütlich. Sie schmückten den Baum, Hermann entwirrte die Lichterkette, schließlich leuchtete der Baum bunt im Halbdunkel. Ida saß auf dem Sofa, Tee in der Hand, betrachtete, wie er an der Spitze hantierte.
Sieht schief aus, murmelte sie.
Fällt nur dir auf, protestierte er mürrisch. Häng nicht so drüber, Ida. Ich mach das.
Sie biss sich auf die Lippe und schwieg. Hermann stieg vom Hocker, musterte sein Werk kritisch.
Sieht toll aus, oder?
Ja. Hübsch. Sie lächelte. Er setzte sich neben sie, nahm sie in den Arm. Sie saßen still beieinander, sahen das Blinken im Zimmer, draußen rieselte noch immer Schnee. Alles schien für einen Moment einfach und richtig.
Ida, begann Hermann leise.
Hm?
Wegen Weihnachten und Geschenken vielleicht schenken wir uns dieses Jahr nur eine Kleinigkeit. Nichts Teures?
Ich hab schon was für dich, entgegnete sie vorsichtig. Ein schönes Geschenk. Wird dir gefallen.
Hermann fuhr zurück. Aber ich dachte, wir geben nichts aus?
Das hast du jetzt erfunden, Hermann. Weihnachten ohne Geschenke? Niemals!
Naja, seufzte er und rieb sich den Kopf. Dann muss ich morgen noch los
Morgen ist der Dreißigste, warnte Ida. Da stehst du in der Schlange.
Ich schaffs!, rief Hermann, klang aber wenig entschlossen.
Ida räumte den Tisch, brachte die Tassen in die Küche. Hermann blieb vorm Baum sitzen. Ida spülte und dachte an die Routine der vergangenen Jahre wie oft hatte sie am ersten Januar eine Pralinenschachtel von der Tankstelle bekommen? Eigentlich ging es gar nicht ums Geld. Es ging darum, dass er sich nie erinnerte, was ihr Freude machte. Dass er nie fragte oder sich Mühe gab.
Als Ida nachdenklich in ihr Spiegelbild im Küchenfenster blickte, sah sie eine müde Frau mit ausgeblichenen Gesichtszügen, mit grauen Strähnchen, die sie trotzig nicht färbte. Wann war sie so geworden?
Ida, wollen wir nicht schlafen?, rief Hermann. Morgen wird’s anstrengend.
Bin gleich fertig, sagte sie, knipste das Licht aus.
Am Morgen des 30. Dezember war Ida lange vor dem Wecker wach. Die Wohnung war still, nur das Rauschen der Autos draußen weit entfernt zu hören. Hermann schlief, die Decke weit von sich gestreckt. Sie schlich sich in den Mantel, tappte in die Küche.
Der Tag würde lang werden Salate beenden, Braten vorbereiten, den Tisch decken. Am Abend kamen ihre Tochter Anneliese mit Johann und die Enkelkinder Max und Gretchen. Ida freute sich, bangte zugleich: Max war mit zehn Jahren still geworden, immer mit dem Tablet in der Ecke. Gretchen, acht, war oft launisch, wollte kaum essen. Anneliese klagte, sie komme kaum noch an die Kinder heran. Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit
Ida stellte Wasser für Tee auf, holte den vorgekochten Hering aus dem Kühlschrank. Hering unter dem Pelzmantel, Schicht für Schicht: Matjes, Zwiebeln, Kartoffeln, Möhren, Rote Beete, Mayonnaise. Ihre Hände, automatisch, wie im Traum.
Um neun trottete Hermann in die Küche, noch halb schlafend.
Morgen, Ida, murmelte er, gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Warum schon so früh?
Es gibt viel zu tun. Setz dich, ich mach dir gleich Omelett.
Ach, Butterbrot reicht, winkte Hermann ab, goss sich Kaffee ein, bestrich Brot, griff zu seinem Handy. Ida warf einen Blick auf ihn und wandte sich wieder ihrem Salat zu. So saßen sie sie arbeitend, er scrollend.
Hermann, du gehst heute wirklich noch los für mein Geschenk?
Er blickte vage von seinem Handy auf: Jaja, nachmittags…
Vergiss es bitte nicht.
Werd ich nicht, versprach er und starrte zurück aufs Display.
Ida schwieg. Sie wusste, er würde es vergessen oder aufschieben, später sagen, es seien zu viele Leute unterwegs gewesen. Sie würde nichts sagen; zu diskutieren lohnte ohnehin nicht, Streit vor dem Fest war sinnlos.
Der Tag verflog in Geschäftigkeit. Sie bereitete Kartoffelsalat, deckte den Tisch, backte einen Apfelkuchen. Hermann driftete zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer, auf Nachfragen nach dem Geschenk wiegelte er ab: Gehe gleich, muss erst was fertig schauen. Hermann, es ist schon gleich fünf!
Er verschwand um vier, schlug die Tür hinter sich zu. Ida blieb mit einem Rest von Tellern, Töpfen und dem Summen im Ohr zurück. Ihre Beine schmerzten. Sie schaute sich in der Küche um, ging ins Wohnzimmer. Der Tisch lag festlich gedeckt, der Baum glitzerte. Unter der Tanne lagen die Geschenke für die Enkel. Daneben: eine große, in hellblaues Papier gehüllte Schachtel ihr Geschenk für Hermann.
Ida setzte sich kurz. Sie erinnerte sich ans Aussuchen der Daunenjacke, die Nordwind aus blauer, winddichter Kunstfaser, warm und voller Taschen praktisch und schön. Sie war teuer, achtzehnhundert Euro, aber sie hatte nicht gezögert. Hermanns alte Jacke war völlig durch; jedes Mal, wenn er im Bus fror, spürte sie einen Stich. Dieses Mal sollte er es warm haben. Sie hatte gespart, monatelang.
Sie hoffte, dass auch er einmal etwas liebevoll Bedachtes schenken würde. Nicht Pralinen, sondern Aufmerksamkeit.
Hermann kam nach anderthalb Stunden mit einem kleinen Päckchen. Sein Gesicht verriet alles: Schnellschusskauf.
Hier, reichte er es ihr. Wird dir bestimmt gefallen.
Ein Parfum, grelle Verpackung, unbekannte Marke.
Danke, sagte sie tonlos.
Echt? Die Verkäuferin meinte, es sei grad in Mode.
Mode, ja, wiederholte sie, stellte das Päckchen fort. Wusstest du eigentlich, dass ich Parfum nie benutze, Hermann? Hab doch eine Allergie.
Er wurde rot. Ach stimmt. Hatte ich vergessen. Tausch es morgen um, ehrlich!
Ida wandte sich ab. Lass gut sein. Unsere Tochter und die Kinder kommen gleich. Ich muss noch was fertig machen.
Hermann zog sich zurück.
Ida betrachtete das Parfum. Sie fühlte Wut, auch Traurigkeit: Es ging nicht um das Geschenk, sondern darum, dass er überhaupt nicht mehr wusste, was ihr gefiel. Dass nach achtunddreißig Jahren Ehe so wenig übrig blieb.
Sie schluckte die Tränen herunter, schob das Parfum tief in den Schrank, machte sich an den Tisch.
Um sieben stürmte Anneliese samt Familie herein. Max steckte sofort die Nase ins Tablet, Gretchen rief: Omaaa! Wo ist der Tannenbaum? Ida beugte sich zu ihr: Im Wohnzimmer, Liebling!
Alltag, wie jedes Jahr. Schwiegersohn Johann brachte Brötchen und Berliner Weiße. Die Kinder tobten, Gretchen schmückte nach, Max ließ sich auf dem Sofa nieder. Anneliese half in der Küche, gebundenen Haaren, müde.
Mama, lass mich helfen. Du warst sicher den ganzen Tag auf den Beinen.
Ach, lachte Ida matt. Ist halt viel los.
Bei mir ist immer keine Energie mehr übrig nach der Arbeit. Und Max, ich weiß nicht… Der ist so still geworden.
Hast du mal mit ihm gesprochen? Vielleicht ist in der Schule was?
Schon, aber er blockt ab, seufzte Anneliese.
Es klingelte, Uwe und Elsbeth erschienen. Dann verging der Abend: Festessen, Geschichten, Glühwein, Kinderunruhe.
Um elf war Bescherung. Die Enkel bekamen Playmobil und Schokoladennikoläuse, die Tochter schenkte Essensgutscheine, Uwe einen Gläsersatz.
Jetzt, verkündete Hermann, die Ehegeschenke!
Ida reichte die blaue Schachtel. Frohe Weihnachten, Hermann.
Hermann packte aus. Die Daunenjacke leuchtete blau. Ida teuer, oder?
Ach was. Hauptsache, du hasts warm.
Er zog sie an, passte perfekt. Alle lobten. Ida spürte kurzen Stolz.
Und jetzt für dich, Hermann griff unter den Baum, holte ein silbernes, mit blauen Sternen beklebtes Riesengeschenk hervor. Ida erwartete Pralinen, aber es war groß, leicht.
Sie öffnete. Drin: das Eisbär-Phone. Preisschild: Achthundertzweiunddreißig Euro.
Hermann, das ist
Für dich! Beste Kamera, Thorsten hat alles erklärt. Die Enkel, die Fotos…
Sie griff es auf, fühlte das spiegelnde kalte Gehäuse. Aber ihr altes Handy funktionierte. Sie wollte kein neues.
Hermann woher das Geld?
Vom Bonus, wich er aus. Sie wusste, das konnte nicht stimmen. Er hatte das Handy für sich gekauft. Nun, da sie die Jacke schenkte, bekam sie sein Traumgerät ein Geschenk voller Lüge.
Schöne Sache!, rief Elsbeth. So ein Smartphone!
Wunderschön, murmelte Ida, stand auf, floh mit der Box ins Bad.
Dort betrachtete sie lange die funkelnde Hülle. Waren das Traurigkeit oder Wut? Nein blanke Enttäuschung. Sie merkte: Sie teilten keine Nähe mehr. Kompromisse, Lügen, Gewohnheit. Er hatte an sich gedacht, nicht an sie.
Nach zehn Minuten das Klopfen: Mama, alles gut?
Ja, gleich. Sie trat heraus, lächelte gezwungen.
Unterdessen hielten alle Sektgläser, Hermann lauerte ihr mit angstvoller Hoffnung im Blick entgegen.
Sie hoben die Gläser: Auf das neue Jahr, auf Gesundheit, Glück und dass Träume wahr werden!
Ida prostete still mit.
Die Nacht verlief verschwommen. Hermann blieb nah, reichte ihr Sekt, stopfte ihr Teller voll, aber zwischen ihnen lag dumpfes Schweigen.
Als alle gingen, trottete Ida ins Wohnzimmer. Hermann saß da, das neue Handy ihr Handy in der Hand, sein Gesicht leuchtend.
Richtest dus ein?, fragte sie.
Er erschrak, legte es hastig weg. Habs mir nur angeschaut. Funktioniert.
Klar, meinte sie, begann leere Gläser einzusammeln. Hilfst du bitte?
Sie räumten schweigend. Alles war schwer, jedes Handgriff eine kleine Kostenstelle des Alltags.
Schließlich, als das letzte Glas gespült war, stand Hermann unsicher bei der Spüle.
Danke für die Jacke, Ida. Die ist toll.
Bitte.
Und das Handy gefällt es dir?
Sie hielt kurz inne.
Du hast es doch für dich gekauft, oder Hermann?
Stille, lang und fremd. Dann nickte er, wie ein kleiner Junge.
Ja. Ich wollte so sehr… Aber dann du mit der Jacke ich dachte, ich muss dir zeigen, dass ich auch dir etwas geben kann. Dass du nicht böse bist.
Ida lachte harrsch, fast bitter. Du hast deine eigene Sehnsucht mir aufgezwungen. Es ist nicht meins, Hermann.
Ich hatte gehofft, dir damit Freude zu machen.
Sie schüttelte den Kopf. Was mir Freude gemacht hätte? Dass du dich erinnerst, dass ich Parfum nicht vertrage. Dass du fragst, was ich wirklich will. Oder dass du einfach hilfst, ohne zu zaudern oder Ausreden zu suchen. Aber du denkst immer nur an dich.
Er blieb stumm, den Blick gesenkt.
Vergiss es einfach. Ich geh schlafen.
Im dunklen Schlafzimmer lag sie wach, hörte Hermanns Schritte draußen: Licht aus, Tür abschließen. Dann kroch er neben sie, legte behutsam einen Arm um ihre Schulter.
Ida, schlafst du?
Nein.
Ich wollte dich nie verletzen. Aber ich bin manchmal ein echtes Rindvieh, weißt du das?
Weiß ich.
Ein langer Moment.
Du warst immer schlauer, stärker, besser als ich. Und trotz allem… liebe ich dich.
Sie drehte sich, konnte im dunklen Umriss sein Gesicht erahnen.
Wann hast du mir zuletzt ein Geschenk gemacht, das ich mir gewünscht hab, nicht du?
Er griff nach Worten, fand keine. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht mehr.
Sie lächelte traurig das war genug.
Wir schenken uns nur noch Zweckmäßigkeit. Ich dir die Jacke, weil deine alte durch ist. Du mir das Handy, weil du es haben wolltest. Aber Herz Herz steckt da keins mehr drin.
Ich lern das noch, Ida, versprochen.
Sie schloss kurz die Augen.
Gut, vielleicht zeig ichs dir.
Er umarmte sie vorsichtig; sie ließ es zu. Draußen dämmerte es bereits. Ein neuer Tag begann, ein neues Jahr alles wie sonst, irgendwie.
Später, Ida war spät auf, roch sie in der Küche Kaffee und Ei. Hermann hatte Frühstück gemacht, den Tisch gedeckt. Als sie eintrat, schaute er verlegen hoch.
Hab gedacht, du brauchst Pause. Deshalb hab ich alles gemacht.
Danke, und zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich warm.
Nach dem Frühstück räumte Hermann ab, ohne dass sie bitten musste. Ida setzte sich ins Wohnzimmer, nahm das neue Handy, drehte es in den Händen schön, ja, aber nicht für sie.
Hermann steckte den Kopf zur Tür herein. Weißt du, was? Versuch das Handy ein paar Tage. Wenns nichts ist, dann übernehme ichs und du bekommst was anderes. Okay?
Sie nickte. Und bei teuren Anschaffungen sprich bitte vorher mit mir. Abgemacht?
Abgemacht!
Er griff nach dem Handy, strahlte wie ein Kind und begann sofort, Einstellungen zu probieren.
Ida schaute ihm zu und dachte: Sie waren achtunddreißig Jahre zusammen. Immer im Kompromiss, in kleinen Versäumnissen, in mitunter liebevollen Tricks. Nicht vollkommen, aber zusammen.
Sie nippte am Tee, schaute aus dem Fenster, wo Berliner Kinder auf ihren Schlitten jauchzten, neues, blendendes Weiß in den Morgen wirbelte. Ihr Herz war ruhig. Irgendwann hatten sie sich verloren aber vielleicht war es noch nicht zu spät.
Ida, komm mal! Schau, wie scharf die Bilder sind!, rief Hermann.
Sie setzte sich neben ihn, er zeigte begeistert ein Foto vom Baum, bunt, lebendig.
Schön, meinte sie.
Er kicherte: Und ich kann jetzt sogar Videos machen zu Max Geburtstag! Das wird was!
Ida blickte auf das Bild, dann auf ihn. Und plötzlich wurde sie weich, alles bittere verflog für einen Moment. Er war wie er immer war: ein Träumer, tollpatschig, aber ehrlich bemüht.
Hermann
Ja?
Ich liebe dich.
Er hielt inne, lächelte, als würde er zum ersten Mal hören. Ich dich auch, Ida.
Sie sahen sich an, nur einen Moment. Kein Rest von Aerger, von Missverständnissen.
Draußen tanzte der Berliner Schnee weiter, die Welt zwischen Wachsein und Traum, als könnte ein weiteres Jahr kommen und alles wäre möglich vielleicht sogar, dass ein einfaches Frühstück, ein schlechtes Geschenk, eine Umarmung mehr wert waren als jedes perfekte Weihnachtsgeschenk.
Ein seltsamer Traum, so voller Wirklichkeit.





