Ach, weißt du, ich muss dir unbedingt etwas erzählen über meine Bekannte Verena. Ihr Leben ist echt aus einem deutschen Sozialdrama geschnitzt, ehrlich, du würdest heulen.
Also, Verena hat vor vier Jahren den Thomas geheiratet, und bei denen war das wirklich so eine sichere Bank-Ehe. Noch vor Thomas war sie mit ihrem ersten Mann, Martin, verheiratet du weißt doch, der hatte mehr Bier als Herz im Blut und die Nächte an der Theke verbracht. Mit dem war das eine einzige Qual, nur Kummer und Tränen. Als Verena dann Thomas kennengelernt hat einen total ruhigen, bodenständigen Typen mit soliden Prinzipien , ist sie endlich mal aus dem Sumpf rausgekommen.
Thomas, du musst wissen, ist so ein richtig typischer deutscher Ordnungsfreak, nicht viel am Reden, aber Chef in der Firma und zu Hause. Struktur muss sein, und alles hat seinen Platz. Als die zwei zusammenkamen, hat Verena ihm natürlich von ihrer Tochter Kathrin erzählt, damals war die Zwölf. Aber das war für Thomas irgendwie nur eine Randnotiz Kathrin lebte ja weiterhin bei ihrem Vater und dessen neuer Frau in Dresden, und von der Tochter kam nicht viel im Alltag an. Keine Zahlungen, keine Badbesetzungen am Morgen, kein leerer Kühlschrank. Für Thomas war das einfach ein Fakt in Verenas Lebenslauf, das wars.
Deren Alltag in Leipzig lief wie nach Protokoll. Sie kauften zusammen eine Eigentumswohnung nichts Großes, ein kleines Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad , und nannten es liebevoll unser Nest. Verena war Empfangsdame bei einem Zahnarzt, Thomas hat den Löwenanteil bei den Raten für die Wohnung bezahlt, aber sie hat auch ihren Teil dazu gegeben. Und das hat sie stolz gemacht, ihr Gefühl von Gleichberechtigung. Die haben sogar schon öfter über ein gemeinsames Kind gesprochen, damit alles komplett ist.
Und dann, zack, kam alles anders. Eines Abends nach dem Feierabend bekommt Verena von Martin, dem Ex, eine lange, nervöse WhatsApp: Verena, du musst Kathrin zu dir nehmen. Wir haben jetzt ein Baby, und Sabrina (Martins neue Frau) ist mit dem Neugeborenen total überfordert. Kathrin ist jetzt Teenager, die will Aufmerksamkeit, und wir können einfach nicht mehr. Es tut mir leid, aber du bist ihre Mutter. Sie muss zu dir. Ich kann nicht mehr. Sie liest das fünfmal und wird richtig eiskalt vor Schreck.
Sie geht also zu Thomas, der gerade Fisch in der Küche putzt, hält ihm ihr Handy unter die Nase.
Thomas, wir haben ein Problem. Martin sagt, ich muss Kathrin zu uns holen. Sie kommen mit ihr und dem Baby nicht mehr klar.
Thomas lässt das Kochmesser sinken und guckt sie an, als wäre sie verrückt:
Zu uns?
Ja, wohin sonst? Sie ist meine Tochter, sie ist sechzehn.
Und dann kommts wie ein Vorschlaghammer: Verena, ganz ehrlich, ich wusste, dass du eine Tochter hast, aber ich hab nie vorgehabt, ein fast erwachsenes Kind in meiner Wohnung zu haben. Sie ist für mich fremd. Ich habe keine Lust auf noch jemanden in meiner Wohnung, der mein Brot isst, meine Dusche benutzt und mir das Leben schwer macht.
Verena kämpft schon mit den Tränen. Sie ist nicht fremd, sie ist mein Kind. Du wusstest das doch, als du mich geheiratet hast
Thomas unterbricht sie kalt: Ich habe dich geheiratet, nicht deine Tochter. Ich habe gesagt, ich akzeptiere, dass dein Kind beim Vater lebt. Was soll ich dafür, dass sie deinem Ex nun im Weg ist? Jetzt soll ich das alles ausbaden? Nee, Verena, das will ich nicht.
Na toll. Verena steht da, witzt zwischen Gefühlskälte und kaltem Pragmatismus und weiß plötzlich nicht mehr weiter. Martin bleibt bei seiner Haltung, will sie sogar ganz schnell loswerden, ein Monat noch maximal, sonst bringt er Kathrin einfach vorbei. Unterstützung von ihm? Fehlanzeige dabei verdient der mit seiner Handwerkerfirma ordentlich.
Verena versucht, nochmal mit Thomas zu reden, immer wieder, in ruhigen Momenten. Aber der bleibt dabei wie eine typisch sächsische Tanne im Sturm: stur. Sie sitzen abends im Bett, sie ringt um Fassung: Thomas, ich versteh ja, das ist ein Stress. Aber sie ist schon groß, geht in die elfte Klasse, hilft im Haushalt, macht keinen Ärger. Sie könnte auch erstmal im Wohnzimmer auf der Couch schlafen.
Thomas dreht sich zu ihr, gar nicht böse, sondern einfach eiskalt: Weißt du, was das heißt, mit einem Teenager zusammenzuwohnen? Ich will meine Ruhe, meinen Feierabend, mein Bad. Ich will keine WGs mehr, sondern Frieden.
Verena kämpft um Fassung. Aber wenn ich sie nicht hole, was bin ich dann für eine Mutter?
Thomas: Sie ist alt genug, sie kann auch mal an dich denken. Sie hat dich vier Jahre nicht in ihrem Leben gebraucht. Jetzt, wo es unbequem wird, soll ich den Karren aus dem Dreck ziehen? Sorry, nicht mit mir.
Verena kann nicht mehr, weint heimlich, als Thomas schon zur Wand gedreht schläft. Dann kommt Thomas mit einem Kompromiss: Er hat einen Flyer, hält ihn ihr strahlend hin: Ein Mädcheninternat am Rande von Leipzig montags bis freitags bleibt Kathrin dort, am Wochenende kann sie heimkommen. So sind wir alle zufrieden, meint er. Sie ist versorgt, du hast deine Ruhe, ich auch. Verena ist fassungslos. Internat? Soll ich meine eigene Tochter weggeben wie ein Waisenkind? Thomas winkt ab, als sei das das Normalste der Welt. So machen das viele heutzutage. Und so riskieren wir keinen Zoff.
Sie wirft ihm das Prospekt zurück. Du willst nur, dass du deine Ruhe hast und abends deine Zanderfilets essen kannst, ohne fremde Haare im Bad!
Die Tage vergehen, Martin wird immer härter. Wenn du sie bis Freitag nicht holst, wende ich mich ans Jugendamt Verena will selbst nicht dran denken, aber das Thema steht wie eine Wand vor ihr.
Drei Tage vor Ablauf der Frist eskaliert es dann komplett. Abends brüllt sie, Tränen in den Augen: Du bist egoistisch, Thomas! Du hast gewusst, dass ich ein Kind habe, und jetzt, wos ernst wird, kneifst du!
Er schreit zurück: Und du bist bereit, unser Leben, alles zu zerstören, nur weil du ein schlechtes Gewissen hast! Sie hat die letzten vier Jahre doch gar nicht das Bedürfnis gehabt, bei dir zu wohnen! Lass mich raus aus deinen Schuldgefühlen!
In dem Moment knarrt es an der Haustür. Verena will noch was erwidern, aber da steht plötzlich Kathrin im Flur, mit Tränen in den Augen, Rucksack in der Hand. Ich hab alles gehört. Euch beide. Internat. Dass ich niemandem etwas bedeute. Ich bin eben nur Gepäck. Verena will sie umarmen, Kathrin stößt sie weg. Fass mich nicht an. Ich geh! Sucht mich nicht. Ich find schon was.
Verena rennt ihr hinterher, aber Kathrin ist schon auf und davon in die regennasse Nacht. Sie versucht alles, läuft durch den dunklen Innenhof, ruft, aber keiner reagiert. Handy aus. Am nächsten Morgen sitzt Thomas seelenruhig mit Kaffee auf der Couch und guckt Nachrichten.
Verena rastet aus: Du sitzt hier und machst gar nichts?! Sie ist weg!
Thomas: Jetzt übertreib mal nicht. Teenies laufen doch ständig weg. Die kommt wieder.
Verena ist außer sich.
Sie sucht und sucht allein. Park, Haltestelle, Kiosk, überall. Sie informiert die Polizei, hängt Zettel auf, redet mit Kathrins Freundinnen. Nichts. Thomas wird ungeduldig: Du übertreibst, sie hat doch Geld, Handy, wird bei einer Freundin pennen. Dann wirds zu viel. Nach zehn, elf Tagen, in denen Verena nicht mehr isst, nicht schläft, schmeißt sie Thomas raus. Du bist mir fremd geworden. Hau ab, Thomas! Ich will dich nie wieder sehen.
Ab dann lebt sie wie im Nebel. Sie arbeitet nur noch mechanisch, klebt Zettel, redet mit der Polizei. Engagiert verzweifelt einen Detektiv, verprasst ihre ganzen Ersparnisse alles ohne Erfolg. Drei Monate später wird nur Kathrins Rucksack und Jacke in einem Abrisshaus gefunden. Keine Spur von ihr.
Thomas versucht nochmal anzukommen. Ich habe es mir überlegt, Verena. Wenn sie zurückkommt, können wir es nochmal versuchen. Sie geht nicht ran. Was will sie jetzt noch?
Monate ziehen vorbei. Verena funktioniert, aber sie lebt nicht mehr. Dann, halbes Jahr später, kommt sie mit Schmerzen ins Krankenhaus. Die Ärzte sagen ihr nach der OP, sie kann nie wieder Kinder bekommen. Da bricht in ihr alles zusammen. Sie liegt im Krankenhaus, die Decke über sich, und ihr wird klar: Sie hat nicht nur ihre Tochter verloren, sondern auch jede Möglichkeit, je wieder eine Mutter zu sein.
Jede Nacht träumt sie von Kathrin, mal als kleines Ding im Kindergarten mit Blätterkranz, mal groß, mit Rucksack, wie damals, als sie fortging. Im Traum geht oft die Tür auf, und sie hofft, dass Kathrin kommt: Mama, ich bin wieder da. Aber der Flur ist immer leer.
Am Ende weiß sie nicht, was aus ihrer Tochter wurde. Ob sie irgendwo eine Bleibe fand, in einer anderen Stadt, irgendwo, wo niemand sie stört. Ein Stück Schuld bleibt. Sie lebt weiter, aber in einem Schwebezustand, zwischen Hoffnung und Gewissheit, und damit, dass es für manche Dinge einfach keine zweite Chance gibt. Alles, was ihr bleibt, ist das Foto auf der Kommode Kathrin drauf, lachend, und hinten in krummer Kinderhandschrift der Spruch: Ich hab dich lieb, Mama.
Thomas dagegen hat inzwischen längst eine neue Frau, kinderlose, unkomplizierte Verhältnisse und da hat er jetzt seinen eigenen kleinen Sohn. Weitergedreht hat sich die Welt, nur für Verena ist die Zeit stehengeblieben.




