Lebensnachbarn
Du bist gestern spät nach Hause gekommen, murmelte Viktor, ohne vom Lokalteil der Süddeutschen Zeitung aufzusehen.
Ludmilla stockte mitten in der Bewegung, die Teekanne über der Tasse. Das Wasser gluckerte, wogte in der Tasse wie ein kleiner, heißer Strudel, und Dampf stieg zur Decke, wo sich der Nikotinfilm des letzten Jahrzehnts leise kräuselte. Sie hatte auf diese Frage gewartet. Eine Woche, einen Monat, vielleicht ein halbes Leben. Sie erwartete, dass er sie anblickte, direkt und durchdringend, fragte: Wo warst du? Mit wem? Warum dieses unverhohlene Lächeln, das auf deinen Lippen geboren ist und nie stirbt? Sie rechnete mit einem Knall, einem Streit, vielleicht sogar mit Tränen. Aber Viktor blätterte um, als würde er Butter aufs Brot schmieren.
Stau im Bus, erwiderte sie und stellte die Tasse mit zitternden Händen ab.
Hm-hm, bestätigte er.
Und das war alles. Mehr nicht. Ludmilla setzte sich gegenüber, umklammerte die heiße Tasse. Das Porzellan verbrannte fast die Haut, aber sie wollte es spüren. Wenigstens irgendetwas. Die Wohnung roch nach altem Linseneintopf und einem Hauch von Mottenkugeln, eingebrannt in die Raufasertapete. Hinter dem Fenster, im grauen Münchener Stadtteil Sendling-Westpark, in dem sie vierunddreißig Jahre gelebt hatten, rumpelte ein Müllwagen durch die Herbstfrische. Ein gewöhnlicher Oktobermorgen, aschgrau und schwer.
Vitti, setzte sie an, fast flüsternd.
Hm?
Hörst du mir eigentlich zu?
Er faltete die Zeitung, betrachtete sie über den Rand seiner altmodischen Halbrandbrille. Ein ruhiger Blick. Ein bisschen abwesend, ein bisschen müde. Der Blick eines Menschen, der das Übersehen zur Lebenskunst gemacht hat.
Natürlich. Was ist los?
Nichts, hauchte sie und atmete so tief, dass es in ihren Ohren kribbelte. Ich frage nur.
Viktor vertiefte sich wieder in die Zeitung. Sie saß einfach da und wusste: Das war der Moment. Der Moment, in dem sie es hätte sagen können. Alles ausgießen wie den letzten Rest Tee: von der Stadtbibliothek am Harras, von Boris Sieburg, dem pensionierten Deutschlehrer, mit dem sie nach jeder Schicht Tee trank, literarische Kontinente bereiste, und das Leben zerlegte, als gäbe es einen geheimen Bauplan, eine Gebrauchsanweisung. Von dem Tag, an dem er vor einer Woche ihre Hand nahm und sie sie nicht zurückzog. Weil sie vergessen hatte, wann sie zuletzt absichtlich, nicht zufällig, liebevoll berührt wurde.
Doch Viktor las in der Zeitung von den neuen Müllgebühren der Stadtwerke. Er bemerkte nicht, dass die Frau, die er eine halbe Ewigkeit Ehefrau nannte, ihm schweigend zerbröselte. Nicht, weil er nicht konnte. Sondern weil er nicht hinsah. Schon seit zehn Jahren. Mindestens.
***
Ludmilla war achtundfünfzig Jahre alt und begriff nicht, wie die Zeit so bruchlos vergangen war, wie ein abgegriffener Film, der ohne Abschluss verblasst. Es war kein Leiden, keine Sorgenkrankheit, einfach das Verstreichende, das Leben, das unter den Fingern davonrieselte. Da stand das jugendlich-aufgeregte Ich im seidigen Blauen, strahlend auf dem Standesamt zu Viktors Hand Ja sagend. Dann das Wiegen von Anneliese, das Wiegenschaukeln im Innenhof, die Gespräche über Schnuller und Milchzähne mit den anderen Sendlinger Müttern. Dann der Job als Buchhalterin im städtischen Bauamt bis zur Rente. Dann Annas Abitur, ihr Umzug nach Berlin, ihre Hochzeit, und der Enkel Moritz, den sie jede Woche einmal per Skype lächeln sahen. Dann die Rente. Dann die Küche im muffigen Dachgeschoss mit Obstkiste und Erinnerungsfotos am Kühlschrank. Sie saß und spürte, dass das Leben vorbei war, bevor sie daran teilhatte.
Viktor war kein schlechter Ehemann, murmelte sie immer wieder ein Mantra. Trank nicht, schlug nie, brachte das Gehalt stets nach Hause. Er half im Haushalt, wenn man bat. Untreu war er nicht; jedenfalls wusste sie von nichts. Er war da vertraut, solide, wie die Kiefernschrankwand im Wohnzimmer. Aber auch genauso regungslos. Wann sie das letzte Mal miteinander schliefen? Drei Jahre, vier vielleicht. Damals, auf der Silberhochzeit eines Freundes, da hatte er zu viel Silvaner getrunken. Und selbst da: mechanisch, stumpf, ohne Zärtlichkeit.
Und Gespräche? Gespräche, die tiefer gingen als Papier für den Drucker fehlt, Der Gärtner ist wieder zu spät oder Worauf hast du Hunger?? Ludmilla erinnerte sich nicht. Vermutlich gab es die nie. Vielleicht lebten sie von Anfang an wie Straßenbahnen auf parallelen Gleisen: nah, aber mit jeder Minute weiter auseinander.
Morgens verschwand er in die Garage zu seinem alten Golf, den er seit zwei Jahrzehnten pflegte wie eine Antiquität, die keiner mehr wollte. Abends Fußball, Nachrichten, Quizshow. Sie putzte, kochte, las, ging in den Supermarkt Gemütlich am Hansastraßenplatz, wo die Verkäuferinnen sie längst kannten. Dienstags und donnerstags, seit sie auf Rente war, half sie ehrenamtlich in der Stadtbibliothek: Regale sortieren, Bücher rausgeben, Beratung. Ihr einziges Fenster in eine andere Welt. Dort roch es nach Papier und Staubigkeit, und da gab es Viktor nicht, sondern Boris.
***
Frau Müller, haben Sie schon von Böll den Irischen Tag gelesen? fragte Boris Sieburg einmal, als sie zusammensaßen und Taschenbücher inventarisierten.
Boris war drei Jahre älter, pensionierter Deutschlehrer, immer mit knittrigem Hemd und Strickweste. Sein Tonfall war schelmisch, seine Augen aber traurig. Ein Witwer, hatte Ludmilla von der Chefbibliothekarin, Frau Vogel, erfahren; ohne Kinder, seine Frau lag schon fünf Jahre auf dem Truderinger Friedhof.
Nein, nicht gelesen, gab sie zurück. Irgendwie nie dazugekommen.
Boris reichte ihr das dünne Exemplar.
Probieren Sies, Irischer Tag ist voller Melancholie. Gefällt Ihnen sicher.
Sie las es noch in derselben Nacht, während Viktor schnarchend auf der Couch dämmerte. Sie las und weinte, ohne zu wissen warum. Vielleicht, weil bei Böll alles so traurig, so ehrlich, so schmerzhaft war. Und weil sie selbst nicht einmal sich gegenüber ehrlich sein konnte.
Eine Woche später gab sie das Buch zurück, und Boris fragte:
Und?
Großartig, aber traurig. Tut weh.
Das Gute ist oft traurig, sagte er leise. Weil es endet.
Dann redeten sie über Bücher, über Filme, Musik, die Siebziger, über das Gefühl, dass alles auf sie zukam, nun aber davonschwamm. Es zeigte sich: Boris mochte auch Biermann, konnte laute Gesellschaften nicht ausstehen und fühlte sich ebenfalls wie ein Einzelner in der Münchner Masse.
Und, Ihr Mann? Stört es ihn, dass Sie hier so viel Zeit verbringen? fragte Boris.
Ludmilla lächelte matt.
Der merkt das nicht. Ich könnte drei Tage wegbleiben, er würde merken, dass der Suppentopf fehlt.
Boris nickte.
Verstehe. Meine Frau lebte am Ende wie auf einem fremden Planeten. War krank, klar, aber auch vorher waren wir nur noch wie Untermieter. Lebten nebeneinander, nicht miteinander.
Ja, stimmte sie zu. Das Wort Untermieter war ihr Leben. Ihre Ehe. Ihre Sehnsucht.
***
Sie hatte nicht geplant, sich zu verlieben. Nicht mit achtundfünfzig, im Ernst! Es war fast zum Lachen, peinlich. Aber etwas bewegte sich. Vor der Bibliothek puderte sie sich plötzlich die Nase, trug den blauen Pullover, den ihre Tochter ihr geschenkt hatte, tupfte Lippenstift auf zögerlich, aber entschlossen. Blickte sich im Haustürspiegel prüfend an und schüttelte den Kopf über sich selbst.
Boris war aufmerksam. Merkte sich ihre Ansichten, fragte nach, brachte Äpfel vom Garten mit. Einmal schenkte er ihr eine kleine silberne Brosche, Familienerbstück, Keiner mehr für so was, nehmen Sies um meinetwillen!
Sie bewahrte die Brosche in ihrer Stofftasche, betrachtete zu Hause stundenlang die blanken Steine, den dunklen Glanz. Viktor merkte natürlich nichts weder das neue Oberteil noch dass sein Frau von innen leuchtete.
Und dann vor einer Woche. Sie arbeiteten spät zusammen, Frau Vogel war längst weg. Die Straßenlaternen warfen bizarre Schatten in die Bibliothek. Boris bereitete Tee und Schokolade.
Frau Müller, ich sage es einfach, wies ist Mit Ihnen, das tut mir gut.
Sie hielt die Luft an.
Mir auch.
Wir sind nicht mehr zwanzig, meinte er. Aber Sie sind mir wichtig.
Er legte seine Hand auf ihre. Nicht fest, nicht fordernd. Einfach da. Und etwas Warmes stieg in ihr auf bis zum Hals. Sie weinte nicht, aber der Kloß im Hals war da.
Boris Ich bin verheiratet.
Ich weiß.
Und ich bin alt.
Ich bin älter. Na und?
Sie wusste keine Antwort. Sie saßen so da, händchenhaltend wie Teenager. Dann ließ er los, seufzte.
Verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht verunsichern.
Haben Sie nicht, sagte sie leise. Sie haben mich geweckt.
***
Sie ging zu Fuß nach Hause. Es war dunkel, feucht; die Laternen flackerten in schrägem Licht. Was tat sie hier? Fremdgehen? Nein, sie hatten nur geredet, nur Hände Aber Untreue ist doch nicht nur im Bett, oder? Untreue beginnt im Herzen. Wenn das Herz jemand anderem zugehört.
Sie kam kurz nach zehn nach Hause. Viktor saß vor dem Fernseher, zappte.
Wo warst du?
In der Bibliothek. Hab mich verquatscht.
Aha. Essen steht auf dem Herd?
Machs dir warm, murmelte sie, und ihre Stimme klang auf einmal fremd.
Viktor schaute sie an, als könne er sie jeden Moment vergessen, zuckte die Schultern.
Na gut. Mach ich.
Sie ging ins Schlafzimmer, schmiss sich aufs Bett, blickte stundenlang an die Decke. Sie wartete darauf, dass er käme, fragte, wieso sie so anders war. Doch er kam nicht. Er aß, räumte ab, legte sich schweigend zu ihr ins Ehebett. Immer noch eine halbe Ewigkeit dazwischen.
Sie hätte schreien können: Sieh mich an! Ich bin wirklich da! Und ich leide! Aber Viktor schnarchte schon.
***
Tage vergingen, während Ludmilla innerlich wie Herbstlaub herumwirbelte. In der Bibliothek vermied sie Boris Blick. Er verstand. Drängte nicht. Zu Hause betrachtete sie Viktor, suchte Gründe zu bleiben. Fand immer nur eins: Gewohnheit.
Einmal, beim Abendessen, platzte es aus ihr heraus:
Viktor, lass uns mal ins Theater gehen. Oder ins Kino. Oder einfach in den Englischen Garten bummeln. Wir waren so lange nicht mehr draußen.
Viktor schaute auf, als hätte sie gesagt, er solle zum Mars fliegen.
Wozu? Ist kalt. Und Theater? Zu teuer, zu laut.
Für die Seele, beharrte sie. Erinnerst du dich an früher?
Ach. Wir sind keine Zwanzig mehr. Bleiben wir daheim, ist doch gemütlich.
Sie gab auf. Es war ihm gut so. Er brauchte keinen Glanz, keine Unternehmungen. Es reichte eine warme Wohnung, Suppe und sein Sessel. Und sie als Teil des Mobiliars.
***
Anna rief an, eine Stimme voll Alltag:
Mama, wie läufts?
Alles wie immer. Und bei euch?
Moritz hat Husten, ich hab Stress im Büro. Hört mal: Könnt ihr nicht für eine Woche kommen und auf Moritz aufpassen? Geschäftsreise, ich hab sonst niemanden.
Ludmilla schaute Viktor an, der am Handy daddelte.
Viktor, Anna braucht Hilfe mit Moritz.
Er sah nicht auf.
Hab keine Zeit. Muss den Vergaser machen. Fahr doch allein.
Anna seufzte am anderen Ende.
Schaffst dus? Grüß Papa.
Ich meld mich.
Abgelegt. Sie starrte Viktor an.
Hilfst du gar nicht unserer Tochter?
Hab gesagt: Keine Zeit. Du kannst doch fahren.
Es ist doch UNSERE Tochter! Unser Enkel!
Jetzt sah er auf, müde:
Ludmilla, jetzt fang nicht auch noch an. Ich hab zu tun.
Immer hast du zu tun, murmelte sie. Aber wann leben wir?
Wie, leben? Wir leben doch. Alles da.
Wir sind Nachbarn, sagte sie in den dunklen Raum.
Was?
Nachbarn. Nicht Mann und Frau. Nachbarn, die seit Jahrzehnten die Wohnung teilen.
Viktor zuckte die Schultern.
Ludmilla, irgendwas stimmt nicht mit dir. Wechseljahre oder so. Nimm doch was dagegen.
Sie verließ das Zimmer. Setzte sich auf das Ehebett und schloss die Arme um die Knie. Wechseljahre. So einfach, so billig. Keine verzweifelte Seele, nur ein Hormon.
***
Dienstag kam sie früh in die Bibliothek. Boris war schon da.
Guten Morgen, sagte er sanft.
Boris gehen wir heute mal raus? Irgendwohin, Museum, Café, irgendwas. Ich ich muss raus.
Er legte das Putztuch weg, musterte ihre Augen.
Sicher?
Nein, wusste sie, aber es muss sein.
Am Samstag, als Viktor zum Angeln ins Allgäu fuhr, traf sie Boris am Rosenheimer Platz mit einem einfachen Strauß astern. Sie steckte die Brosche ans Revers.
Sie spazierten dabei durch das herbstliche München, fanden Gassen, die sie noch nie betreten hatte. Im Café erzählte Boris vom Lehrerleben, von der kranken Ehefrau, für die er abends laut Goethe las.
Nach ihrem Tod dachte ich, das Leben ist vorbei, sagte er leise. Aber dann habe ich Sie getroffen.
Sie schluckte, Tränen tasteten ihre Lider.
Boris, ich fühle mich schuldig. Ich bin verheiratet, und ich denke so oft an Sie
Er nahm ihre Hand.
Untreue ist, wen man im Stich lässt. Ihren Mann oder sich?
Sie wusste keine Antwort. Als sie nach Hause fuhr, wusste sie: Etwas war jetzt anders. Unumkehrbar.
***
Viktor kehrte vom Angeln verschlammt und zufrieden zurück, lud Kartoffeln vom Kofferraum auf den Balkon.
Guter Fang, rief er aus der Küche.
Ja, deckte sie den Tisch.
Abendessen wie immer: schweigend. Er zum Fernseher, sie ins Schlafzimmer. Und sie spürte: Sie wartete. Darauf, dass er sie zur Rede stellte, dass er ihr ins Gesicht sah und eine Szene machte. Aber Tage verstrichen. Er fragte nicht, sie kochte nicht er machte es sich selbst warm. Das Schweigen war schlimmer als jeder Skandal.
***
Nachbarin Frau Ziegler rief an, bat zum Tee. Ludmilla ging, weil Zuhause stickig war.
Setz dich, mein Kind, gibt Apfelkuchen. Na, wie gehts?
Geht so. Man lebt.
Und der Viktor?
Auch.
Frau Ziegler goss Tee ein, betrachtete Ludmilla warm.
Warum bist du so still? Krank?
Nein, nur müde.
Wovon? Rentner haben doch Zeit.
Ludmilla lachte kurz.
Ziegler, bist du glücklich?
Die Nachbarin war baff.
Glücklich? Wer ist das schon heutzutage? Man lebt.
Liebst du deinen Mann?
Sie überlegte.
Gewöhnt, klar. Nach vierzig Jahren. Er ist ein Brummbär, aber meiner.
Und wenn du noch mal wählen könntest?
Ich? Mit über sechzig? Nein, jetzt wird gelebt, was da ist.
Ludmilla trank Tee. Frau Ziegler hatte recht. Sie waren eine Generation von Duldern. Familie hieß Treue, nicht Glück.
Aber es ist nur ein Leben. Und bald vorbei.
***
Oktober wurde November, das Dunkel wuchs. Ludmilla sah Boris zweimal die Woche, durchstreifte die Parks mit ihm. Einmal lud er sie in seine kleine Erdgeschosswohnung am Ostbahnhof ein: Hundert Jahre alt, Bücher bis zur Decke. Boris kochte Kaffee.
Ludmilla, sagte er plötzlich. Ich will Sie nicht drängen, aber ich hätte Sie gern bei mir.
Ihr Herz stockte.
Sie wissen, was das heißt?
Klar. Aber es ist Ihr Leben, Ihr Entschluss.
Sie ging spät, fand Viktor schlafend im Fernsehsessel. Sie betrachtete ihn und spürte: Da war einmal Liebe gewesen. Oder? Vielleicht hatte sie nur geheiratet, weil es so gehörte.
Bist du wieder von der Bibliothek?
Ja.
Gut. Ich geh ins Bett.
Er ging. Sie blieb stehen, spürte, dass endgültig etwas erlosch. Kein Zwist, einfach eine Glühbirne, die nicht mehr leuchtet.
***
Die Woche verflog im Nebel. Kochen, putzen, Anrufe von Anna. Aber innen ein wachsendes Loch. Sie fragte Viktor eines Abends:
Bist du glücklich?
Er war erstaunt.
Sicher. Warum? Was fehlt dir?
Uns fehlt alles. Wir reden nicht, wir umarmen uns nicht. Wir wohnen. Mehr nicht.
Das ist normal mit sechzig. Romantik ist was für Junge.
Und was bleibt uns? Stille bis zum Tod?
Du bist merkwürdig. Lass dich untersuchen.
Sie wusste: Es war hoffnungslos. Ihm reichte, was war.
***
Samstag. Der Nieselregen glänzte auf Pflaster. Sie saßen unter einem Dach im Westpark. Sie sagte:
Ich habe nachgedacht.
Und?
Ich habe Angst. Was würden Anna, die Nachbarn sagen? Was, wenn ich gehe?
Boris legte den Arm um sie.
Wollen Sie für andere leben?
Habe ich immer, flüsterte sie. Jetzt ist nichts mehr übrig.
Er zog sie fest an sich, einfach so, wärmend.
Ich dränge Sie nicht. Aber Sie haben noch Leben vor sich. Monate, Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Möchten Sie sie verschenken?
Sie wusste nicht. Aber sie spürte: Sie wollte noch einmal das Leben fühlen. Nicht Gewohnheit, sondern Nähe.
Ich denke noch nach.
***
Zuhause bastelte Viktor am tropfenden Hahn. Reich mir bitte den 14er, murmelte er. Sie tat es schweigend. Zehn Minuten standen sie so da, er fluchte leise.
Erledigt. Wasser läuft wieder.
Viktor
Ja?
Wir müssen reden.
Nach dem Spiel, okay?
Er ließ sie mit dem dumpfen Fernsehton und ihren Gedanken zurück.
Sie schrieb Boris: Kann ich vorbeikommen? Er antwortete: Immer.
Sie griff ihre Tasche, packte ein paar Sachen. In der Ferne brüllte der Fußballkommentator. Sie zog ihren Mantel an und blieb noch einen Moment im Flur stehen.
Wo gehst du hin? rief Viktor.
Zum Einkaufen.
Bring Brot mit.
Gut.
Sie ging hinaus und zog die Tür zu.
***
Boris öffnete ihr besorgt.
Ludmilla, was ist los?
Ich weiß nicht, was ich tue. Nur, dass ich es nicht mehr ertrage.
Bleiben Sie.
Vielleicht ist das falsch. Vielleicht bin ich verrückt, Boris. Ich bin fast sechzig.
Sie haben ein Recht auf Leben.
***
Zwei Stunden später rief Viktor an.
Wo bist du? Die Läden schließen bald.
Ich komme heute nicht heim.
Pause.
Was soll das?
Ich bleibe bei einer Freundin.
Pause.
Ludmilla, so ein Quatsch. Komm heim. Ich will schlafen.
Mir geht es nicht gut bei dir. Es ist schon lange so.
Warum denn nicht?
Weil wir Fremde sind, Viktor. Nur Nachbarn.
Was redest du da? Komm jetzt her.
Es ist zu Ende.
Dann weinte sie. Nicht aus Trauer sondern weil sie es endlich gesagt hatte.
***
Sie schlief nicht. Die Decke über ihr war fremd und doch warm. Sie dachte an Anna, die Nachbarn, an Frau Ziegler. Sie hatte sich zum ersten Mal in ihrem Leben für sich entschieden.
Morgens klopfte Boris mit Tee.
Wie fühlen Sie sich?
Ich weiß nicht. Wahrscheinlich verrückt.
Oder sehr klug.
Was, wenn Viktor recht hat? Ist das nicht normal, dass Ehen so werden?
Es gibt kein Gesetz. Nur Leben. Probieren Sie es aus. Sie können immer zurück.
***
Drei Tage blieb sie bei Boris. Er war freundlich, diskret. Sie redeten, gingen spazieren, kochten. Viktor rief jeden Tag an. Erst zornig, dann bittend, später nur noch still. Am vierten Tag:
Da ist doch einer?! Gibs zu!
Ja, sagte sie leise.
Dann bist du weg.
Ich habe nie betrogen, Viktor. Ich will nur gesehen werden.
Und was willst du jetzt?
Nichts mehr. Die Scheidung.
Er schwieg lange.
Komm zum Reden.
***
Eine Woche später trafen sie sich in der alten Wohnung. Viktor saß da, ein schmaler, grau gewordener Mann.
Also, Scheidung?
Ja.
Was erzählst du Anna?
Die Wahrheit.
Er lachte bitter.
Was fehlt dir? Wir hatten doch alles.
Dich.
Ich war doch da
Nein, du hast nie gefragt, wie es mir geht.
Viktor schwieg. Dann, leise:
Hast du mich je geliebt? Oder war ich einfach passend?
Sie dachte lange nach.
Vielleicht einst. Später nicht mehr. Gewohnheit. Und du doch auch nicht.
Er nickte.
Ich habs nicht bemerkt.
***
Sie vereinbarten, dass Ludmilla bei Boris blieb. Viktor half ihr sogar beim Packen. Sie obarmten sich zum Abschied verlegen als entfernte Vertraute.
***
Am Abend rief Anna an.
Mama, ist das wahr?
Ja, Anna.
Du bist da einfach raus? Mit deiner Generation?
Gerade jetzt. Ich hatte keine Wahl.
Und Papa?
Ich habe dreißig Jahre auf ihn Rücksicht genommen. Jetzt will ich an mich denken.
Das ist egoistisch.
Vielleicht. Aber notwendig.
Bist du glücklich?
Ludmilla betrachtete Boris in der Küche, der den Herd reinigte. Draußen fielen Schneeflocken.
Frag mich in einem Jahr. Ich weiß nur: Ich lebe. Wirklich.
Liebst du diesen Mann, Mama?
Vielleicht. Und er sieht mich. Und das reicht.
Anna schwieg. Dann:
Sei vorsichtig.
***
Sie und Boris verbrachten Weihnachten zusammen. Er kochte Gans, sie deckte Tisch, sie tranken einen alten Frankenwein, schauten sich Loriot an. Zu Mitternacht standen sie am Fenster, schauten in das Silvesterfeuerwerk über München.
Ludmilla, danke, dass Sie da sind.
Danke, dass Sie mich weckten.
***
Im Januar kam das Scheidungsurteil. Viktor unterschrieb wortlos. Die Wohnung blieb ihm, sie nahm nur ihr Notwendiges.
Zum letzten Mal ging sie hinein, nahm ein Foto von Anna, eine Vase, ein paar Bücher. Sie setzte sich kurz: So viel Vergangenheit in diesen vier Wänden.
Viktor stand in der Tür.
Du kommst also nicht zurück?
Nein.
Und wenn ich sage, ich will es?
Sagst du das?
Er schwieg.
Nein, flüsterte er. Ich könnte nicht. Du bist fremd.
War ich immer. Du hast es nur jetzt gemerkt.
Vielleicht.
Sie umarmten sich zum Abschied. Nur für einen Augenblick. Dann verließ sie das, was einmal Zuhause war.
***
Im Frühling saßen sie mit Boris auf einer Bank zwischen Magnolien und Kastanien.
Wissen Sie, ich dachte immer, alles bleibt, wie es ist.
Und jetzt?
Jetzt weiß ich: Alles kann immer anders werden.
Er nahm ihre Hand.
Wie verbringen Sie den Rest?
Mit Ihnen, wenn Sie wollen.
Sehr gern.
***
Im Mai begann sie offiziell in der Bibliothek, Seite an Seite mit Boris. Die Leute nickten ihnen freundlich zu zwei ältere Menschen, die zusammen Tee tranken und lächelten.
***
Im Sommer kam Anna allein zu Besuch.
Mama, bist du glücklich?
Sie dachte nach.
Ich bin ruhig. Ich habe keine Angst mehr. Das ist, glaube ich, Glück.
Papa hat eine kennengelernt im Schachclub. Gehen zusammen Minigolf spielen.
Das freut mich. So hat alles Sinn gemacht.
Bist du nicht eifersüchtig?
Nein. Ich bin froh.
***
Im Herbst, ein Jahr später, spazierte Ludmilla durch Sendling, blieb an dem Haus stehen, in dem sie ein halbes Leben lang einen Schatten war. Unten am Balkon standen neue Blumenkästen Viktors Eigenbau.
Sie lächelte. Es war jetzt nicht mehr ihr Leben.
***
Am Abend brüteten sie und Boris am Küchentisch über einem Sudoku, lasen laut, lachten. Sonntags fuhren sie in Museen oder blieben einfach zu Hause, redeten. Keine großen Dinge, sondern nur das: Zeit, Zuhören, Dasein.
Wovor hast du Angst? fragte Boris leise.
Vor den Jahren, die kommen. Vor Krankheit, Tod.
Wir nehmen sie gemeinsam. Tag für Tag.
Und da wusste sie: Dieses gewöhnliche, stille Glück das war echtes Leben. Endlich.
Sie hatte reisen müssen, innerlich wie äußerlich, das Gewohnte und Bequeme zurücklassen. Sie hatte gehen müssen und war angekommen.
***
Wer hätte es gedacht: Manchmal fängt das Leben noch einmal an, mitten in München, im Regen, auf einer Parkbank, und klingt wie ein leiser, deutscher Traum.
Boris, sagte sie irgendwann in der Dämmerung. Danke.
Nein, ich danke Ihnen.
Das Leben, wie ein Traum aus Fensterscheiben, Kaffee, Gedichten im Herbst und zitternden Händen und sie war zum ersten Mal nicht nur Nachbarin. Sondern wirklich da.
Und das war alles.





