Wohnungserweiterung: Das perfekte Extra für Ihr Zuhause

Anbau zur Wohnung

Du hast mich falsch verstanden, Annemarie. Ich bin nicht zum Abendessen gekommen. Ich wollte dir etwas sagen. Was Wichtiges.

Annemarie Scheffler stand am Herd, den Rücken zum Ehemann. Ein Holzlöffel schwebte über dem Topf voll Gemüsesuppe. Die Brühe blubberte leise, kleine Bläschen stiegen auf, das war plötzlich das einzige Geräusch in der ganzen Wohnung. Danach: Stille, als würde das Blubbern in weite Ferne driften.

Was denn für was Wichtiges? Sie drehte sich nicht um, und ihre Stimme klang nüchtern, fast sachlich. Sie wunderte sich über sich selbst.

Herbert ging am Tisch vorbei und stellte seinen Aktentasche auf den Hocker. Das machte er immer so: Tasche auf den Hocker, Jackett über den Stuhl. Dreißig Jahre lang täglich die gleichen Routinen. Annemarie kannte sie alle auswendig, wie ein Gedicht, das man aufgesagt bekommt, bis es nichts mehr bedeutet und trotzdem nicht aus dem Kopf geht.

Ich gehe. Kein Zögern, keine Einleitung. Einfach: Ich gehe.

Der Löffel landete auf dem Untersetzer neben dem Herd. Annemarie drehte sich langsam um.

Herbert saß am Tisch, das Jackett noch an. Achtundfünfzig war er inzwischen, und immer noch irgendwie der, den sie kannte. Und doch inzwischen jemand anderes. Ganz graue Schläfen, die Hände flach auf dem Tisch, ganz ruhig. Wie einer, der schon alles entschieden hat.

Wohin? Dämliche Frage. Sie wusste es längst.

Zu Sabine. Du kennst sie nicht. Sie arbeitet bei uns im Controlling. Sie ist vierunddreißig.

Er hängte das Alter seltsam erklärend an, als wäre es Teil der Begründung. Vielleicht war es das sogar.

Annemarie fingerte an der gestärkten Leinenservietten herum, die sie eine Stunde vorher akkurat zum Dreieck gefaltet hatte. Die kauft sie immer samstags am Wochenmarkt von einer freundlichen Frau aus Sachsen-Anhalt. Schöne feste, cremige Leinen. Herbert hat sie jedes Mal achtlos verknautscht und als Knäuel neben dem Teller liegen gelassen. Sie hat sie jede Woche aufgefaltet, gewaschen und gebügelt. Dreißig Jahre lang.

Wie lange schon? fragte sie.

Ein Jahr und vier Monate.

Sie rechnete im Kopf nach. Letzter Sommer. Da waren sie endlich mal wieder zusammen nach Rügen gefahren. Sie hatte gedacht, das sei ein Neuanfang. Falsch gedacht, offenbar.

Du musst verstehen …, begann Herbert und starrte irgendwo über ihren Kopf Richtung Küchenlampe. Es liegt nicht daran, dass du schlecht bist. Du bist naja, so ein Teil dieser Wohnung geworden. Weißt du? Wie ein Möbelstück. Ich kam nach Hause und sah geputzte Fenster, gebügelte Hemden, alles an seinem Platz. Perfekt! Nur dich als Mensch gab es irgendwie nicht mehr. Du warst … ein Anbau der Wohnung.

Sie drehte die Leinenserviette zu einer festen Rolle.

Mit Sabine fühle ich mich lebendig. Sie interessiert sich, sie fragt nach, wir reden über Gott und die Welt.

Und mit mir konnte man nicht mehr reden?

Annemarie … die letzten zehn Jahre gings doch immer nur um die Wohnung, die Kinder oder den Hausmeister. Tut mir leid, aber es ist so.

Kinder. Ihr Sohn Florian wohnt mit seiner Familie in Hamburg, Tochter Katja lebt seit fünf Jahren in München. Sie rufen sonntags an, kommen zu Weihnachten. Annemarie fehlt das jeden Tag, aber das ist eine dieser Schmerzen, die nie Thema am Esstisch werden wie ein alter Schnitt.

Gehst du jetzt gleich? fragte sie nach einer Weile.

Nein. Heute nicht. Muss ja erst meine Sachen packen. Ich kann auch bei Erwin unterkommen, wenn dir das lieber ist.

Erwin. Bester Freund. Also wusste Erwin vielleicht schon lang Bescheid.

Bleib. Pack hier. Ihre Stimme war ganz ruhig. Geh nicht zu Erwin. Pack deine Sachen hier.

Sie drehte den Herd ab, die Suppe kochte noch nach, ganz still.

In dieser Nacht lag sie wach und starrte die Zimmerdecke an. Herbert schien sofort einzuschlafen. Oder tat nur so. Die Decke war wie immer: weiß, mit dieser kleinen Riss-Ecke rechts oben, die sie im vorletzten Herbst endlich mal zuspachteln wollten. Sie dachte, dass dieser Riss jetzt wohl bleiben würde. Wozu auch reparieren?

Die Tränen kamen erst um drei Uhr. Leise, kein Drama, einfach warm und still. Sie ließ sie laufen, bis die Morgendämmerung durchs Fenster sickerte.

Herbert zog vier Tage später aus. Zwei Koffer, Laptop, ein Stapel Wirtschaftsbücher, ein paar Sachen aus dem Bad. Annemarie saß in der Küche, trank Tee, der nach nichts schmeckte. Die Tür fiel ins Schloss. Eine unheimliche Stille. Nicht wie sonst abends. Sondern, als wäre auf einmal alle Möbel fortgeräumt.

Zuerst lief sie wie gewohnt herum, spülte ab, putzte Regale. Am Sonntag holte sie seine neun weißen Hemden aus dem Schrank, setzte sich aufs Bett und wusste nicht, wohin damit. Dreißig Jahre lang jedes Wochenende extra gestärkt und gebügelt und jetzt? Sie räumte sie zurück, schloss den Schrank.

Mittwochs rief Florian an. Seine Stimme vorsichtig, wie einer, der schon weiß, was los ist, aber unsicher, wie ers ansprechen soll:

Mama, Papa hat mich angerufen. Wie gehts dir?

Gut.

Was heißt gut?

Gut heißt gut, Florian. Alles in Ordnung.

Sie hörte, dass er eigentlich vorbeikommen wollte oder sie nach Hamburg holen oder mindestens einen schlauen Ratschlag geben. Aber er fragte nur:

Du isst wenigstens?

Ich esse.

Okay. Ruf an, wenn was ist.

Mach ich.

Sie aß fast eine Woche lang nicht richtig. Nicht aus Absicht. Aber im Kühlschrank lag immer noch sein Lieblings-Emmentaler, die scharfe Senftube, Kefir. Sie warf nichts weg. Sie machte ihn zu und ging einfach in ein anderes Zimmer.

Samstags stand plötzlich Katja vor der Tür ohne Vorwarnung.

Mama, ich bin schon in Berlin, hol mich an der U-Bahn ab.

Annemarie fand sie am Ausgang. Katja sah aus wie Annemarie mit dreißig: dunkle Haare, aufrechter Rücken, Ihr Blick leicht herausfordernd. Nur jünger. Und doch ganz eine andere.

Mama, du bist dünn geworden.

Normal.

Sicher nicht in zwei Wochen. Komm, wir gehen heim. Ich hab Essen mitgebracht.

Zwei Tage blieb sie. Kochen, Aufräumen, Netflix, ganz viel Reden. Am zweiten Abend saßen sie bis spät in der Küche. Annemarie erzählte zum ersten Mal seit Jahren einfach. Nicht weinerlich, nicht anklagend wie es war, als sie Herbert das erste Mal in der Bibliothek kennenlernte, wie sie mit siebenundzwanzig geheiratet und bis dahin im Museum als Kunsthistorikerin gearbeitet hatte. Wie sie ihren Job liebte, bis die Kinder kamen, das Leben sich veränderte nicht schlechter, nur anders.

Du hast doch gearbeitet, Mama. Wann hast du aufgehört?

Als ihr vier und sieben wart. Papa meinte, ihr brauchtet mich mehr zu Hause. Und ich fands damals richtig.

Und, bereust du?

Sie überlegte. Damals nicht. Heute? Ich weiß es nicht.

Katja fuhr am Sonntagabend zurück. Annemarie stand am Fenster, sah ihr nach, bis sie im Abendverkehr verschwand.

Die Ruhe in der Wohnung war eine andere als vorher. Weniger schwer. Einfach, ruhig.

Drei Wochen vergingen. Annemarie existierte: Aufstehen, Zähne putzen, Kaffee machen, manchmal einkaufen gehen. Fensterputzen. Blumen gießen. Tischdecken bügeln die ja keiner mehr schmutzig machte. Das Leben plätscherte weiter, ohne ihren Kommentar.

Eines Abends nahm sie eine alte Kiste vom oberen Regal. Warum? Keine Ahnung. Die Hände fanden sie einfach. Daraus kamen: ihre Diplomarbeit, ein paar Austellungshefte und Fotos eines zeigt sie als junge Frau, ernst mit dem Zeigestock neben einem Gemälde der niederländischen Schule im Museum. Rückseitig: Vernissage März 1992. Damals war sie neunundzwanzig.

Lange starrte sie das Bild an, legte es dann auf ihren Nachttisch.

Am Donnerstagabend rief Inge an ihre Studienfreundin aus Kunstgeschichte. Sie haben sich alle paar Jahre in München oder Berlin getroffen, und machten einfach da weiter, wo das Gespräch aufgehört hatte.

Annemarie, ich weiß schon alles. Katja hat mir geschrieben.

Ihr steckt unter einer Decke?

Quatsch, sie macht sich Sorgen. Ich auch. Wie hältst du durch?

Ich lebe.

Das zählt nicht. Aber ich bohre nicht weiter. Annemarie, erinnerst du dich an Frau Dr. Horn?

Horn aus dem Institut?

Nein, aus dem ‘Kunst.Kosmos’, die Galerie in Schöneberg. Da waren wir doch mal bei einer Vernissage, 1998?

Vage

Sie sucht jemanden für Ausstellungskonzeption, Beratung und Publikumsbetreuung. Teilzeit. Annemarie, das ist genau dein Terrain.

Annemarie ließ sich auf die Couch fallen.

Inge, das ist 25 Jahre her.

Kunst altert nicht. Und du auch nicht! Sprich einmal mit ihr. Nur reden, versprich nichts.

Lange Stille. Dann: Gib mir die Nummer.

In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie dachte über sich nach. Über die junge Frau mit dem Zeigestock, die jede Nuance niederländischer Stillleben kannte. Den Geruch von Leinöl. Die Stimme von Professor Böhme: Scheffler, Sie haben einen Blick das kann man nicht lernen, das hat man.

Der Blick war noch da. Er hatte nur jahrelang weiße Hemden und Leinenservietten angeschaut.

Frau Dr. Horn war eine zierliche, resolute Siebzigerin mit roter Brille. Sie begrüßte Annemarie noch im Galeriedurchgang, und leitete sie durchs Haus.

Annemarie lief still durch die Räume und stellte fest: Sie atmet. Richtig atmet, das erste Mal seit Jahren.

Die Galerie: drei Räume, Werke europäischer Künstler des 18.19. Jahrhunderts, dazu moderner Kunstsalon und ein kleiner Vortragsraum. Die Wände hell, Licht gut gesetzt.

Hier, so Frau Dr. Horn vor einem niederländischen Stillleben, die Besucher gehen achtlos vorbei. Dabei ist das Bild toll, aber es zündet auf dieser Wand nicht. Was meinen Sie?

Annemarie kurz vor dem Bild: Zwölf Zentimeter höher und auf die Stirnwand. Das Licht von der Seite nimmt ihm alle Tiefe. Und neben diesem lauten Gemälde geht es unter.

Frau Dr. Horn blickte über die Brille, lächelte.

Kommen Sie am Montag wieder. Drei Tage die Woche mal sehen, wie es läuft.

Draußen fror der Berliner März. Annemarie stand mit ihrer Handtasche auf dem Bordstein und dachte erstmals seit Monaten nicht an Wohnung, nicht an Herbert, nicht an Hemden, nicht an Servietten. Nur ans Atmen.

Sie rief Inge an.

Und?

Ich fange Montag an.

Siehste! Es ist richtig, Annemarie. Richtig.

Trotzdem: Freitag zum Friseur, eine Spontanaktion. Vor einem Salon, in der Scheibe, eine Frau mit flottem Kurzhaarschnitt. Sie trat ein.

Was darfs sein? fragte die Friseurin, eine Viola.

Annemarie betrachtete ihr Spiegelbild: Dunkles Haar mit echtem Grau, seit Jahren zum Pferdeschwanz gezähmt.

Kurz. Und lassen Sie einen Teil Grau sichtbar echt, bitte.

Viola hob die Braue.

Sie sind sicher? Die meisten wollen das ja verstecken.

Sicher!

Drei Stunden später sah sie eine fast neue Frau. Markante Linien, silbergraues Dunkel, Stirn frei. Das Gesicht darunter erstaunlich anders.

Sehr gut, sagte sie.

Viola nickte. Das steht Ihnen. Wissen Sie: Ihre Gesichtszüge … das ist Reife. Junge können das nicht. Annemarie zahlte und fing vorm Schaufenster ihr Spiegelbild auf: Diese Frau sah jetzt gerade und unverblümt zurück.

Samstags ins Einkaufszentrum nicht für Milch und Butter. Sondern für sich: Ein altblauer Blazer, Streifenhose mit hohem Bund, ein Lindgrünes Lenkleid mit langen Ärmeln.

Anprobiert, hingeschaut: Fremd. Und plötzlich erkannt: nein, eigentlich vertraut. Nur aus der Übung.

Montagsstart: Galerie. Frau Dr. Horn zeigt ihr die Räume, Kollegin Lena, Restaurator Timo. Routine und Entdeckungen.

Erster Tag: Kataloge studieren, Hängung bewerten. Tee im kleinen Büro.

Sagen Sie ehrlich: Dritter Raum. Was stört?

Zu voll. Sie versuchen 16 Bilder, der Raum trägt 10. Der Blick verliert sich ins Nichts. Frau Dr. Horn glücklich: Ja! Genau. Das sage ich seit Monaten! Sie können das vermitteln. Gut.

Jeden Abend kam Annemarie heim. Wohnung blieb gleich, doch sie wurde jeden Tag anders. Etwas setzte sich wieder in Bewegung.

Anruf bei Katja, fast zwei Wochen später.

Mama, du klingst … anders.

Anders?

Lebendig.

Herbert wohnte inzwischen bei Sabine in Neukölln. Einzimmerwohnung. Sabine arbeitete von acht bis sechs, Yoga, Freunde, Partys. Herbert wusste zunächst nichts damit anzufangen.

Dreißig Jahre war immer Annemarie da. Die kannte seine Routinen, Vorlieben. Jetzt kam er heim und fand einen leeren Kühlschrank.

Kochen konnte er wenig außer Ei und Toast. Zunächst fast ein Abenteuer. Nach drei Wochen: langweilig.

Sabine kochte manchmal, nach Rezepten aus Instagram, modern, schnell. Aber nie für ihn, immer für sich, manchmal teilte sie. Ein Unterschied, den Herbert erst nach und nach verstand. Irgendwas nagte.

Herbert, du kannst auch mal einkaufen, sagte Sabine montags. Ganz ruhig. Ich muss heute noch zu einer Ausstellung.

Er ging halt, wusste nicht, was er nehmen soll. Annemarie wusste das immer.

Anfang April kam Sabine lebendig nach Hause.

Herbert, wir haben einen neuen Projektleiter im Büro aus London, so spannend! Wir haben eine Stunde über Architektur geredet

Schön.

Er sieht alles ganz anders studiert an der LSE

Schön.

Sabine merkte den fehlenden Funken, verschwand in der Küche. Herbert las im selben Absatz sicher 20 Minuten.

Im Frühling hatte Annemarie in der Galerie bereits umgehängt, sechs Bilder ins Depot, die übrigen so platziert, dass jedes Bild Raum bekam. Frau Dr. Horn glücklich:

Kennen Sie den Wert der Pause in der Musik? Sie können Pausen im Raum setzen. Das gibt’s selten.

Bald darauf erste Führung. Klein, zwölf Gäste. Annemarie sprach am Stillleben, zum ersten Mal vor Publikum seit 25 Jahren. Anfangs zitterte die Stimme, dann lief’s. Sie erzählte von Brot, Krug, Silber dass der Maler es schaffte, dass alles atmet. Gäste hörten zu.

Nachher kam eine ältere Dame mit blauem Mantel: Ich streifte hier oft vorbei. Aber jetzt … mit Ihrem Blick für das Lebendige jetzt sehe ich es gerade erst.

Annemarie ging zu Fuß nach Hause. Berlin war endlich fast warm. Ihre eigenen Worte hallten nach: Jemand verlässt den Raum, und die Dinge behalten seine Wärme. So war ihr Leben ja auch. Jemand gegangen. Wärme blieb.

Inge tauchte im Mai auf ein Jahr nicht gesehen. An der Tür eine Pause.

Du hast ja eine richtig schicke Frisur!

Schon länger jetzt.

Du siehst super aus, Annemarie nicht einfach ‘für dein Alter’, nein, einfach super.

Lass stecken.

Mitternacht in der Küche, ein Gläschen Wein, Geschichten aus München, von Inges Kindern, Uni. Annemarie erzählte von der Galerie, Dr. Horn, den Führungen.

Hast du deine alten Notizen durchgesehen? Erinnerst du dich an Florenz auf dem 3. Semester?

Die Uffizien! Drei Stunden bei Botticelli, du warst wie angewurzelt.

Nur zweieinhalb …

Nein, drei. Ich hatte Fußweh und habe dich beobachtet. Annemarie lachte wirklich zum ersten Mal seit Monaten.

Ärgerst du dich über ihn? fragte Inge nach einer Weile.

Annemarie hielt ihr Glas. Manchmal. Immer seltener. Komisch, ich bin eher auf mich sauer, dass ich so lange nicht gesehen habe, wie ich langsam … verschwinde. Herbert hat es gemerkt wenn auch unbeholfen. Aber immerhin.

Inge: Das war nicht du, das war eine Rolle. Ehefrau, Mutter alles wie es soll.

Schon. Aber ich habs ausgesucht.

Einen Teil davon. Verschwinden stand nicht im Plan. Annemarie verstand. Es ist ein Nebel. Ermüdender Alltag, und irgendwann lebt man darin, statt draußen.

Ende Mai kam eine Fotoausstellung. Junger Fotograf aus Köln zeigte Marktszenen. Annemarie hing Bilder mit ihm und Timo.

Zur Eröffnung Prominenz, Musik, Gespräche. Annemarie beobachtete die Besucher und ihre Gesichter vor den Bildern.

Arbeiten Sie hier? Ein Mann, etwa sechzig, klein, stämmig, mit ganz leichtem Akzent eher belgisch oder französisch.

Ja.

Ich sehe, Sie schauen wie der Spezialist, nicht wie Gäste.

Kunsthistorikerin.

Jean-Pierre Moreau. Er gab die Hand. Fotograf.

Sie betrachteten gemeinsam ein Bild von einer alten Marktfrau, das Licht machte die Falten zu Architektur.

Klasse Porträt er hat keine Angst vor Gesichtern mit Geschichte, sagte Annemarie.

Moreau lächelte: Genau. Junge Fotografen verstecken sich oft hinter glatter Schönheit. Großer Fehler.

Sie redeten zwanzig Minuten. Moreau zeigte in Europa, war auf Kurzbesuch, suchte Gesichter für ein neues Projekt.

Ich fotografiere Frauen ab 55. Mich interessiert nicht Opferrolle, mich interessiert: durchgehalten und gestärkt. Das sieht man, verstehen Sie?

Ja.

Moreau: Ihr Gesicht. Genau solch eines suche ich.

Pause.

Sie wollen ein Foto von mir?

Ich möchte Sie im Projekt. Ein paar Sitzungen, vielleicht eine Ausstellung, Publikation. Ich verspreche nichts, bevor ich das Ergebnis sehe. Aber mein Gefühl täuscht selten.

Da kam Frau Dr. Horn mit Prosecco.

Herr Moreau, kennen Sie schon unsere Frau Scheffler? Ohne sie läuft hier nix mehr.

Er drückte Annemarie seine Karte in die Hand. Überlegen Sie es sich.

Sie überlegte zwei Wochen und wusste selbst erst nicht warum. Nicht Eitelkeit. Nicht Kamerascheu. Etwas anderes. Sie rief Inge an.

Der will mich aufnehmen. Ein europäischer Topfotograf!

Na und? Wo haksts?

Ich weiß, dass ich zusagen sollte. Ich weiß nur nicht, warum ich zögere.

Weil du noch übst, dein eigenes Anrecht aufs Leben zu akzeptieren, sagte Inge gelassen. Spring einfach.

Annemarie schrieb Freitagabend kurz: Ich mache mit. Wann und wo?

Die erste Session in Mitte. Annemarie erschien im altenblauen Blazer, Streifenhose. Kein Glamour, sie selbst.

Sehr gut, sagte Moreau.

Er redete viel, ließ sie erzählen über Kunst, über Berlin, über Florenz. Nach einer Stunde zeigte er einige Bilder.

Annemarie sah lange darauf. Ja, das war sie. 57, mit silberkurzen Haaren. Ein Gesicht mit gelebtem Leben, keineswegs verbraucht. Beständig. Ein Händlergesicht so wie bei der Marktfrau.

Sehen Sie es? fragte Moreau.

Ich sehe.

Während sie neue Fotos machte, Führungen hielt, ihr Leben aus alten Kisten zusammensetzte, kam Herbert an die Grenzen seines Abenteuers.

Sabine war klug, lebendig aber sie brauchte Dauerbespaßung. Kein Raum für Pausen. Sogar Stille musste ausgefüllt werden. Wenn Herbert schwieg, fragte sie, warum. Wenn er las, war er zu abwesend.

Er begann, Dinge zu verstehen. Das heimische Schweigen, das früher nie auffiel, war behaglich gewesen. Mit Sabine war es immer irgendwie ein Problem.

Haushalt bedeutete hier Arbeit. Bei Annemarie war alles reibungslos er hatte das geerbt, wie guten Sauerstoff. Jetzt nicht mehr.

Im Juli rief Herbert beide Kinder an Florian war reserviert, Katja kurz: Papa, ich muss dich nicht trösten. Mama gehts gerade richtig gut. Lass sie einfach in Ruhe.

Er wollte widersprechen, fand aber nichts.

Im September zeigte Frau Dr. Horn Annemarie die Weltkunst mit einem achtseitigen Artikel zum Moreau-Projekt Geschichte ohne Filter. Zehn Portraits von Frauen aus Europa Annemarie Scheffler auf der Titelseite, halb von der Seite, nachdenklich, altblauer Blazer. Der Kommentar: Kein Zug zu viel.

Frau Scheffler, Sie sind unser Bestseller heute, meinte Lena am Empfang. Schon tausend Klicks im Netz!

Ich sehs.

Moreau mailte am selben Abend: Galerie Paris interessiert sich. Ausstellung wohl im Februar. Wollen Sie mitkommen?

Annemarie saß daheim mit Smartphone. Vor dem Fenster Berlin, Blumen auf der Fensterbank selbst gekauft, selbst gepflanzt.

Herbert bekam an diesem Tag einen Anruf von Erwin: Sag mal, kennste das? Annemarie ist in der Zeitung ein Riesenporträt. Sieht … bedeutend aus. Klick mal.

Herbert suchte den Artikel, öffnete ihn, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut. Er erkannte Annemarie erst nicht. Frisur, Haltung dann doch. Die, die er lange kannte. Aber anders. Vielleicht war sie immer schon so gewesen nur er hatte es nicht gesehen.

Sabine zog im Oktober aus. Quasi einvernehmlich. Keine Szene. Beim Italiener. Herbert, das bringt uns nicht weiter. Wir denken beide an was anderes.

Was denn?

Mehr Lebendigkeit. Du bist oft woanders.

Das stimmte. Herbert mietete sich eine kleine Wohnung in auser Lage, Standardmöbel, alles fertig, aber irgendwas fehlte. Die Stille war nicht ruhig, sondern leer.

Annemarie anrufen davor hatte er Angst. Er benutzte das Wort nicht, aber es war so.

November: Annemarie plant Paris. Moreau hat sie für Gespräche und Galeriebesuche eingeladen, Frau Dr. Horn lässt sie ziehen. Bringen Sie was Schönes mit. Vielleicht lernen Sie den Belgier van der Berg kennen.

Sie notiert sich den Namen. Bucht das Hotel im 6. Arrondissement, direkt am Jardin du Luxembourg. Vor über 30 Jahren war sie schon mal in Paris, zu fünft im winzigen WG-Zimmer. Es wird anders werden.

Katja ruft am Abend vor dem Flug an.

Mama, Papa hat geschrieben, er will mit dir reden.

Annemarie überlegt.

Er soll telefonisch durchkommen.

Herbert ruft spät abends an, sie packt gerade den Koffer.

Annemarie. Sorry, dass ich störe. Du fliegst morgen?

Woher weißt du das?

Erzählt.

Ja.

Lange Pause.

Annemarie, ich wollte … nicht so per Telefon, aber du fliegst, also: Ich war ein Idiot. Keine Ausrede. Ich … könnten wir nochmal …?

Nochmal was?

Neustart. Ich hab viel kapiert dieses Jahr. Ich will reden.

Annemarie lässt ihn ausreden. Dann ruhig:

Du und ich, wir sind beide andere Menschen geworden. Ich bin es auf jeden Fall. Ich weiß, dass ich wieder jemanden geworden bin und das passt nicht mehr in das Alte.

Pause.

Verstanden, sagt Herbert leise.

Du bist ein guter Mensch, Herbert. Aber was wir voneinander gebraucht haben, haben wir gegeben. Das ist genug.

Die Kinder …

Die haben dich lieb. Das bleibt.

Gute Reise.

Sie legt das Telefon weg, nimmt das alte Museumsfoto und legt es in die Schublade. Nicht weg. Nur ein neues Kapitel.

Am Morgen Taxi zum Flughafen. Ein kleiner Koffer mit den neuen Blazern, Hosen, einem Notizbuch voller Künstlernamen. In Charles de Gaulle nimmt sie ein Taxi, schaut auf herbstliche Boulevards. Wenig wie Berlin die Bäume waren dort schlanker, der Himmel lichter.

Das Hotel, genau wie erwartet: Alt, kleine Zimmer, Holzboden, Fenster zum Innenhof. Ein Topf Geranien. Annemarie stellt den Koffer ab, öffnet vorsichtig das Fenster.

Draußen kein Mensch. Gegenüber eine Katze auf dem Fenstersims. Grau, hält Ausschau.

Annemarie atmet. Kalte Luft, Kaffeeduft, nasse Steine fremder Straßen. Einfach atmen.

Die Ausstellung sollte in drei Tagen eröffnet werden. Morgen erste Galeriebesichtigung mit Moreau, dann Treffen danach nichts Fixes. Vielleicht bleibt sie eine Woche, vielleicht zwei. Daheim warten Galerie, Lena, Dr. Horn und im neuen Jahr Florian und Katja zu Besuch. Alles liegt vor ihr, alles ist ihres. Niemand nimmt ihr das.

Sie schließt das Fenster, packt den Schrank und dreht das Wasser auf.

Notizbuch geschnappt, Mantel über. Zehn Minuten bis zum Jardin du Luxembourg. Sie kennt die Strecke auswendig aus Google Maps. Rascher Schritt durch nasses Laub. Auf den Bänken nur vereinzelt Spaziergänger, ein Herr mit Dackel.

Annemarie sucht sich einen Platz unter einer riesigen Platane. Die Rinde wie grün-grauer Marmor, älter als alle Besucher. Sie notiert Namen für das Musée d’Orsay. Adresse eines Fotostudios im Marais, das Moreau empfohlen hat.

Dann macht sie das Notizbuch zu und wartet.

Stille im Park. Kein Verkehr, nur Blätterrauschen. Hinter den Bäumen lachen zwei Frauen.

Annemarie hebt das Gesicht. Wolken so typisch für November. Doch dahinter: ein wenig Licht vielleicht für morgen.

Sie schreibt Inge eine SMS: Gut angekommen, sitze im Jardin du Luxembourg. Paris grüßt. Antwort: Neid. Aber im positivsten Sinne. Lass es dir gutgehen und sende Grüße zurück.

Die Katze auf dem Hotelfenster, die Hemden im Berliner Schrank, Leinenservietten, der Deckenriss das alles gab es. Liegt zurück. Jetzt sitzt sie in Luxemburgs Garten und blättert Wünsche für neue Bilder durch.

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Homy
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Wohnungserweiterung: Das perfekte Extra für Ihr Zuhause
Meine Schwiegertochter verbot mir, meinen Enkel Tim zu sehen – doch als sie plötzlich dringend Hilfe brauchte, war ich zur Stelle – Wir brauchen Ihr Marmelade wirklich nicht, Frau Galina. Da ist mehr Zucker als alles andere drin. Und überhaupt, wir versuchen, Süßes zu vermeiden, bei Tim könnte sich ein Ausschlag entwickeln. Nehmen Sie es bitte wieder mit. Inga stand im Türrahmen, die Arme verschränkt, und machte deutlich, dass das Gespräch beendet war. Sie bot nicht einmal an, hereinzukommen, obwohl Galina einen langen Weg quer durch München mit der schweren Tasche zurückgelegt hatte. Draußen nieselte es unangenehm, der Mantel war ohnehin schon feucht, und die Füße in den Herbststiefeln wurden kalt. Doch kälter war der Ton der Schwiegertochter. – Inga, das ist doch Himbeere, von meinem Gartenhaus, – stotterte Galina, während sie von einem Bein aufs andere trat. – Frisch gemacht, voller Vitamine. Falls Tim im Winter krank wird… – Falls er krank wird, kaufen wir Medikamente in der Apotheke, – unterbrach Inga, nervös ihre perfekt frisierten Haare zurechtrückend. – Frau Galina, wir hatten doch abgemacht, dass Sie vorher anrufen. Nicht einfach unangemeldet auftauchen! Tim hat gerade seinen Mittagsschlaf, Sie hätten ihn beinahe geweckt! – Aber ich habe doch Pavel angerufen, er meinte, ihr seid zuhause… – Pavel verwechselt immer alles. Entschuldigen Sie, aber für Gäste haben wir jetzt keine Zeit. Ich habe einen Webinar in einer halben Stunde und muss mich vorbereiten. Einen schönen Tag noch. Die Tür schloss sich mit einem trockenen Klick vor Galinas Nase. Einen Moment stand sie schweigend vor der schweren Eichenholztür und kämpfte mit den Tränen, als das Marmeladenglas dumpf in der Tasche klirrte – ein Symbol ihrer Überflüssigkeit. Langsam ging sie die Treppe hinunter, ohne den Aufzug zu nehmen; sie musste sich sammeln. Der Schmerz schnürte ihr die Brust ab. Sie war doch nicht fremd – sie war die Oma! Tim war schon vier Jahre alt, und trotzdem durfte sie ihn nur zu Feiertagen sehen, und selbst dann unter strenger Beobachtung von Inga. „Geben Sie das nicht, sagen Sie das nicht, bitte kein Küssen – Keime!“ Pavel, ihr Sohn, versuchte die Situation zu entschärfen, war aber konfliktscheu. Es war ihm leichter, seiner Frau nachzugeben, als das Recht der Mutter auf Kontakt zu verteidigen. „Mama, du weißt doch wie Inga ist, sie will alles perfekt machen, sie meint, sie weiß es besser“, murmelte er meist, den Blick abwendend. Galina setzte sich draußen auf die nasse Bank vor dem Wohnblock. Sie hatte keine Kraft für den Spaziergang zur Haltestelle. Sie dachte zurück an die Zeiten, als sie und ihr verstorbener Mann sich freuten, als Pavel Inga erstmals vorstellte. Eine zielstrebige, junge Frau. Sie sagte gleich: „Ich mache Karriere, Hausfrauengedöns ist nichts für mich.“ Galina nickte damals nur – ist ja die neue Zeit. Doch „Karriere“ und „moderne Erziehung“ wurden zur unsichtbaren Mauer zwischen ihnen. Von da an war das Verhältnis endgültig zerrüttet. Galina wagte es kaum noch, selbst anzurufen – aus Angst vor einer weiteren Abfuhr. Pavel meldete sich selten, sprach hektisch, hatte immer etwas vor. – Mama, wir kommen am Wochenende nicht, Inga hat Pläne, wir fahren in einen Kinderclub, da gibt’s ein Förderprogramm, – erklärte er wieder mal, wenn sie extra gebacken hatte. – Schon gut, mein Junge. Hauptsache, ihr habt’s schön. Sie fühlte sich an den Rand gedrängt. Ihre Freundinnen im Viertel priesen ihre Enkel an, zeigten Fotos, erzählten von Ausflügen in den Tierpark. Galina nickte und lächelte – sie hatte nichts zu erzählen. Inga hatte sie bei Social Media längst blockiert; einmal hatte Galina unter einem Foto von Tim geschrieben „Kriegt er nicht eine Erkältung ohne Mütze?“ – ein Skandal! Inga nannte es „toxischer Eingriff in persönliche Grenzen“. Die Tage wurden zur monotonen Routine – Fernsehen, Stricken, Spaziergang durch den Park. Die Einsamkeit wurde greifbar. Nach drei Monaten kam der Februar mit eisigem Wind und Glatteis. An einem Abend saß Galina am Fenster und sah zu, wie der Schnee tanzte, als das Handy plötzlich klingelte – es war Pavels Name auf dem Display, ungewöhnlich, es war doch Dienstag. – Hallo, Pavel? Ist was passiert? Im Hörer Lärm und Stimmen, Piepen von Geräten. – Mama – Pavels Stimme zitterte – kannst du herkommen? Es ist dringend. – Um Himmels willen, was ist mit Tim? – Tim ist okay, er ist zuhause. Aber Inga, sie wurde mit dem Notarzt abgeholt. Blinddarm, mit Komplikation, peritonitis wohl. Sie braucht sofort eine OP. Ich bin im Krankenhaus und warte auf den Arzt. – O Gott… – Galina griff sich ans Herz. – Natürlich, mein Junge. Und Tim? – Ganz allein. Er schläft, ich hab die Wohnung abgeschlossen, aber er könnte aufwachen und Angst kriegen. Mama, ich kann hier nicht weg, bevor ich weiß, wie es Inga geht. Und meine Schwiegermutter … Frau Anna ist in Goa auf einem Retreat, nicht erreichbar. Galina erinnerte sich blitzartig an den Regen, die geschlossene Tür, die abweisenden Worte zur Marmelade, und an die Schwiegermutter, die sich „zeitlos“ fühlte und Tim nur gelegentlich beachtete. Aber der Gedanke an den kleinen Jungen allein in der Dunkelheit überwog alles. – Sag mir den Domofon-Code, falls ich ihn vergessen habe. Und wo sind die Ersatzschlüssel? – Bei der Concierge, ich habe sie da gelassen. Danke, Mama. Und bitte … Sei vorsichtig, ja? Inga mag’s nicht, wenn Dinge verstellt werden. – Pavel! – donnerte Galina so wie lange nicht. – Deine Frau liegt auf dem OP-Tisch, und du denkst an die Schuhe im Flur? Ich fahr schon los! Das Taxi raste durch das verschneite München. Galina zupfte nervös an der Taschenschlaufe – sie war nicht zu Besuch unterwegs, sondern um tatsächlich zu helfen. Die Concierge, mürrisch geweckt, suchte lange nach den Schlüsseln, bevor Galina endlich die Wohnung betrat. Alles war still, nur das Brummen des Kühlschranks war zu hören, ein Nachtlicht leuchtete im Flur. Leise ging sie ins Kinderzimmer. Tim schlief tief, das Bettzeug am Boden, klein und schutzlos. Galina hob die Decke vorsichtig auf ihn und strich ihm übers Gesicht. Er seufzte und rollte sich um. In der Küche herrschte sterile Reinheit, als wäre sie eine OP. Am Kühlschrank hing ein Tagesplan: „7:00 – Aufstehen, 7:30 – Frühstück (laktosefreie Haferflocken), 8:00 – Entwicklungsförderung …“. Keine Bonbons, keine Kekse, nur Spirulina und irgendwelche Saaten in Gläsern. – Armes Kind, – flüsterte sie. – Wenigstens ein bisschen Kind sein müsste er dürfen. Sie setzte sich und wartete auf Pavels Anruf. Er meldete sich bei Morgengrauen, erleichtert, aber erschöpft. – Die OP ist gut gegangen, der Arzt meinte, es war höchste Zeit. Jetzt kommt sie wieder zu Kräften, aber bleibt mindestens eine Woche im Krankenhaus, vielleicht länger. – Geh heim, schlaf dich aus, – sagte Galina. – Mama, ich muss um 9 ins Büro, das Projekt muss raus, ich kann nicht fehlen, sonst droht die Kündigung und wir müssen die Wohnung abbezahlen…. Kannst du mit Tim bleiben? Wenigstens ein paar Tage, bis wir eine neue Nanny finden? Unsere letzte hat gerade gekündigt, Inga wollte eine Neue, mit Spezialqualifikationen. Galina schmunzelte. Anforderungen – typisch. – Geh arbeiten, Pavel. Wir schaffen das. Am Morgen war Tim zuerst misstrauisch, als er Galina sah. – Wo ist Mama? – Mama ist krank, sie wird im Krankenhaus von Ärzten verarztet. Papa ist im Büro. Ich bleibe bei dir. Erkennst du mich noch? Ich bin Oma Galina. Tim sah sie skeptisch an. – Mama sagt, du kochst falsch und zeigst mir nur alte Trickfilme. So sind Kinder – sie nehmen alles auf, was die Erwachsenen sagen. Galina schluckte ihren Schmerz hinunter. – Vielleicht sind sie alt, aber spannend. Und zu essen mache ich das, was die Mama erlaubt. Komm, wir waschen uns erstmal. Der erste Tag war mühsam; Tim testete Grenzen, quengelte, suchte nach dem Tablet, das Inga wohl versteckt hatte. Galina bemühte sich, dem Plan zu folgen, aber „laktosefreie Haferflocken“ aus unbeschrifteten Gläsern zu kochen, war eine Aufgabe. Am Ende gab es normale Haferflocken mit Apfel, und Tim wollte Nachschlag. – Schmeckt’s? – fragte sie erstaunt. – Ja. So kocht Mama nie, bei ihr wird’s wie Kleister, – gestand Tim. Das Eis war gebrochen. Am Abend kam Pavel nicht – Arbeit. Er rief an, bat sie zu bleiben. So wurde aus einer Nacht eine Woche, dann fast zwei. Die andere Oma meldete sich erst am dritten Tag aus Goa. – Ach, Galina, schaffst du’s? – tönte es samt Meeresrauschen. – Ich mache hier Chakra-Übungen, kann nicht aufhören, sonst ist meine Energie im Eimer. Du hast ja Zeit, bist ja in Rente. Ich schick Inga mentale Heilstrahlen! – Schick ruhig, Anna, – konterte Galina trocken. – Davon wird keiner satt, aber besser als nichts. Die Tage vergingen, Galina gewöhnte sich an die „sterile“ Wohnung, brachte aber trotzdem Leben hinein. Im Wohnzimmer entstand eine Kissenburg, in der Küche roch es nach hausgemachter Hühnersuppe und Nudeln (sie fand Mehl im Schrank und ignorierte die Verbote). Tim wurde lockerer und lachte. Ein ganz normaler Junge offenbar, der gern Autos fährt und Geschichten hört, statt chinesische Zeichen zu lernen. Eines Abends, als sie „Krokodil Gena“ lasen, kuschelte Tim sich an sie und fragte leise: – Bleibst du, wenn Mama wiederkommt? – Ich habe mein Zuhause, Tim. – Bleib doch. Du bist lieb. Und du riechst nach Brötchen. Galina wischte sich verstohlen eine Träne ab. Dafür lohnte sich alles. Nach zehn Tagen kam Inga zurück. Blass, abgemagert und unter Schmerzen. Pavel half ihr aus. Galina empfing sie in der Küche, der Duft von Quarktaschen hing in der Luft. Ingas Blick schweifte über die verstreuten Spielsachen. Galina machte sich auf Ärger gefasst: „Unordnung! Gluten! Tagesplan ruiniert!“ – Mama! – Tim stürmte auf sie zu. – Mama, sieh mal, wir haben eine Burg gebaut! Oma hat mir Knöpfe angenäht! Inga verzog das Gesicht vor Schmerzen am OP-Narbe, streichelte aber Tim sacht am Kopf. Sie blickte lange zu Galina – es lag keine Kälte darin, sondern Erschöpfung. – Frau Galina, – sagte sie leise. – Sie haben Suppe gekocht? – Ja, ganz klassisch mit Huhn. Frisch vom Markt. Inga schien nach Worten zu suchen. – Kann ich … kann ich ein bisschen Suppe haben? Im Krankenhaus gab’s nur Brei und Tee… Hier riecht’s wie bei mir damals daheim. Galina stockte überrascht. – Kommen Sie, ich deck den Tisch. Sie servierte dampfende Suppe und Brot. Inga aß mit Genuss, vergaß Diät und Etikette. Tim futterte Quarktaschen, rieb sich das Gesicht mit Füllung ein. – Hat meine Mutter angerufen? – fragte Inga. – Hat sie. Sie öffnet Chakren. Kommt in einer Woche zurück. – Chakren … klar. Sie sah Galina an, als ob sie sie zum ersten Mal sah. – Frau Galina, danke. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie nach damals mit dem Marmeladeglas überhaupt noch kommen würden. – Ich bin ja nicht wegen dir gekommen, – brummelte Galina, während sie den Tisch abräumte. – Ich bin wegen Tim gekommen. Und wegen Pavel. Wir sind doch Familie. – Stimmt, – seufzte Inga. – Ich glaube, ich habe viele Fehler gemacht. Ich habe zu viel auf Psychologen im Internet gehört, auf Coaches – die sagen einem, man muss Grenzen setzen, Schwiegermütter seien Feinde, die das Kind ruinieren wollen. Ich habe das geglaubt. Und Angst um meinen Status bekommen. – Dummes Mädchen, Inga, – sagte Galina sanft. – Wer will denn deinen Platz? Deins bleibt deins, solange du dein Kind lieb hast. Oma ist was anderes. Oma ist Rückhalt. Sie backt, erzählt Geschichten, versteckt kleine Geheimnisse. Das sollte man einem Kind nie nehmen. – Ich seh’s ja selbst, – sagte Inga und betrachtete Tim, der gerade versuchte, den Teddy mit Quark zu füttern. – So entspannt war er sonst nie. Sonst gibt’s jeden Abend Stress und Quengelei. – Kinder brauchen nicht nur einen Zeitplan, sondern auch ganz einfach Wärme. Und ein bisschen weniger Förderprogramme — sonst ist die Kindheit vorbei, bevor sie angefangen hat. Inga stritt nicht mehr. Sie war müde und wusste keine Argumente mehr. Sie merkte, wie einsam und überfordert sie im Krankenhaus gewesen war. – Bleiben Sie noch, bis ich wieder fit bin? Ich kann noch nichts heben, mich nicht bücken… – Natürlich bleibe ich. Wo soll ich denn sonst hin? Aber ab jetzt gelten auch meine Regeln: Die Marmelade bleibt und draußen gehen wir auch mal durch eine Pfütze. – Einverstanden, – lächelte Inga. – Pfützen und Marmelade … darf ich auch probieren? Das Leben im Haus veränderte sich. Es wurde nicht perfekt, aber herzlich. Manchmal gab’s kleine Reibereien – zum Beispiel beim Thema Wollsocken –, aber die eisige Wand fiel. Galina wohnte zwei Wochen dort, pflegte Inga, fütterte Tim und räumte auch mal die Küchenschränke um. Als sie ging, klammerte Tim sich an ihren Hals. – Ich komme am Samstag wieder, – versprach sie. – Und bald darfst du mich in meinem Garten besuchen! Sie sah Inga fragend an. – Klar, – bestätigte die Schwiegertochter. – Pavel bringt ihn. Und … schreiben Sie auf, was Sie für den Garten brauchen. Wir bringen alles mit. Auch Ihre Pflanzen. Galina trat hinaus, und plötzlich schien die Sonne. Ihre Tasche war leicht – die Marmelade gehörte jetzt hierher. Sie lächelte. Sie war wieder Teil der Familie. Und im Sommer kocht sie neue Marmelade: Erdbeere. Tim hatte gesagt, die im Joghurt mochte er besonders. Das musste sie ausprobieren.