Ersatzflughafen
Hörst du mich? Seine Stimme ist leise, fast entschuldigend. Fast. Ingrid, ich frage dich, hörst du mir überhaupt zu?
Ich höre zu. Ich habe ihm immer zugehört. Selbst wenn er schwieg, selbst wenn er sich wochenlang nicht meldete, hörte ich trotzdem irgendeinen Nachhall seiner Präsenz in der Luft meiner Wohnung. Als hätte er etwas Unfassbares hinterlassen: den Geruch seines Kaffees, einen Rand von seiner Tasse auf dem Fensterbrett, den leicht verschobenen Stuhl am Küchentisch.
Ich höre dich, Andreas.
Warum sagst du dann nichts?
Ich denke nach.
Er seufzt. Dieses Seufzen kenne ich in- und auswendig. Schwer, mit einem leicht pfeifenden Ton, als ob Luft mühsam durch etwas zusammengepresstes strömt. Andreas seufzte immer so, wenn er wollte, dass man ihm Mitgefühl zeigt, aber nicht wusste, wie er darum bitten konnte.
Ich habe sonst niemanden mehr sagt er. Verstehst du? Nirgendwo sonst.
Ich stehe am Fenster und schaue auf die Straße. März. Schmutziger Schnee am Straßenrand, nasse Tauben auf dem Sims gegenüber, eine Frau mit Kinderwagen, die die Pfützen nicht umfahren kann. Ganz normaler Stadtmärz, nichts Besonderes. Und in mir dreht sich langsam und unaufhaltsam etwas, wie eine Seite im Buch, wie ein Riegel an der Tür.
Komm rein sage ich.
Das war’s. Drei Silben. Und schon beginnt alles von vorn.
Andreas ist dreiundfünfzig, ich einundfünfzig. Wir kennen uns, seit er damals karierte Hemden trug und dachte, das sei schick, und ich einen dicken Zopf hatte und dachte, Unauffälligkeit sei eine Tugend. Wir lernten uns über gemeinsame Freunde kennen, bei jemandem in der Küche, billiger Wein, Diskussionen über Bücher, die niemand wirklich gelesen hatte. Andreas war damals laut, lachte durch den Flur, gestikulierte so wild, dass er einmal den Teller von jemandem vom Tisch fegte. Ich sammelte die Scherben auf und dachte: So einer ist also jemand, der sich überall breitmacht. Wie fühlt sich das wohl an?
Ich war anders. Leise. Eher Typ Mensch, den man nicht sofort bemerkt, dafür aber nie vergisst. Zumindest redete ich mir das ein.
Verliebt hat er sich damals nicht in mich. Er verliebte sich in Verena. Das war vorhersehbar und unvermeidbar, wie ein Gewitter nach schwüler Hitze. Verena war auffällig, redete schnell, lachte lauter als er und konnte einen Raum betreten, sodass alle Köpfe sich drehten. Neben ihr fühlte ich mich wie Aquarell neben Ölmalerei. Nicht schlechter, nur anders.
Sie kamen schnell zusammen und trennten sich genauso schnell. Ich habe das viele Jahre beobachtet, von außen. Sie stritten sich, versöhnten sich, stritten wieder. Verena machte Szenen, Andreas knallte Türen und kam dann zurück, um kurz darauf wieder zu gehen. Es war eine Schaukel, die nie stehen blieb.
Und zwischen den Schaukelbewegungen war dann ich. Besser gesagt, war ich da.
Das erste Mal kam er nach ihrer ersten großen Trennung zu mir. Er war Mitte dreißig, ich auch. Er rief spät abends an, rauhe Stimme, fragte: Kann ich vorbeikommen? Ich sagte: Natürlich. Kochte Tee mit Thymian, stellte etwas zu Essen bereit, und wir saßen bis zwei Uhr nachts da. Er redete, ich hörte zu. Ich konnte das gut.
Danach schlief er auf meinem Sofa. Morgens trank er Kaffee, bedankte sich und ging. Zwei Wochen später waren er und Verena wieder ein Paar.
Ich war nicht beleidigt. Ich räumte die Decke vom Sofa weg, wusch sie, faltete sie zusammen. Und machte weiter.
Das wiederholte sich. Immer wieder. Erst zählte ich noch mit, dann nicht mehr. Nach jedem Streit kam er mal für einen Abend, oft für mehrere Tage. Wir tranken Tee mit Thymian, redeten, er kam langsam wieder zu sich, ging zu Verena zurück, immer zu ihr.
Ich nannte das nicht Liebe. Ich hatte Angst, es zu benennen. Doch wenn er an der Tür klingelte, zog sich in meiner Brust etwas zusammen und ließ sogleich wieder los. Da bist du. Wieder hier. Lebendig, echt, meiner. Für einen Moment zumindest.
Fluglotsin, dachte ich manchmal über mich. Flugzeuge kommen, tanken auf, und starten wieder. Aber der Tower bleibt. Steht immer bereit.
Diesmal kam er Ende März, eine große blaue Sporttasche über der Schulter. Die Tasche war abgewetzt, die Aufschrift daran fast unlesbar. Als ich sie sah, wusste ich sofort diesmal bleibt er länger.
Bleibst du lange? fragte ich, während er die Jacke auszog.
Weiß nicht gab er ehrlich zu. Wenigstens das konnte er immer: Mich nicht direkt anlügen. Vielleicht eine Woche. Mal sehen.
Gut. Ich mach Tee.
Ich stellte den Wasserkocher an, holte Thymian. Er ging in die Küche, setzte sich auf seinen Platz am Fenster, mit dem Rücken zum Kühlschrank. Ich stellte ihm die Tasse hin und dachte: Schon wieder. Schon wieder. Und fühlte weder Freude noch Bitterkeit, eher etwas Warmes und Wehmütiges.
Ist es ganz schlimm? fragte ich.
Schlimmer gehts nicht, murmelte er, umklammerte die Tasse mit beiden Händen. Seine Hände waren immer kalt. Sie hat gesagt, sie kann nicht mehr so leben. Dass wir uns gegenseitig nur unglücklich machen.
Und was hast du geantwortet?
Nichts. Hab das hier genommen, er nickte zur Tasche in der Diele, und bin gegangen.
Ich schwieg. Draußen tropfte das Tauwasser vom Fensterbrett, ein gleichmäßiger Takt, fast wie ein Metronom.
Inge sagte er, schaute mir zum ersten Mal an diesem Abend in die Augen. Bist du nicht froh?
Doch, sagte ich. Und es stimmte. Es war eine bittere, ein wenig beschämende Wahrheit aber Wahrheit.
Die ersten Tage waren merkwürdig. Nicht schlecht, einfach fremd. Ich war es gewohnt, allein zu leben, in meinem Rhythmus, in meiner Stille. Stand früh auf, machte Kaffee, las eine halbe Stunde am Fenster, ging zur Arbeit. Kam heim, kochte etwas Einfaches, schaute Fernsehen oder telefonierte mit meiner Freundin Tamara. Um elf lag ich im Bett.
Andreas brachte alles durcheinander. Nicht böse, er tickte einfach anders. Stand spät auf, liebte es, morgens beim Essen zu plaudern, wenn ich gedanklich schon im Büro war. Ließ Sachen herumliegen. Stellte den Fernseher lauter, als ich mochte. Brauchte ewig im Bad.
Aber es gab auch andere Seiten. Abends saßen wir gemeinsam am Tisch, und das war schön. Einfach schön. Er erzählte Witze, ich lachte. Ich kochte Lasagne nach einem uralten Rezept, er aß zwei Portionen und meinte, das sei das Beste, was er seit Jahren gegessen habe. Wir schauten alte Filme und diskutierten das Ende. Sonntag gingen wir gemeinsam zum Markt, und er trug die schwere Tasche. Das war so selbstverständlich, dass mir die Luft wegblieb.
Eine Woche verging, dann noch eine, und dann ein ganzer Monat.
Manchmal, nachts, wachte ich auf, lauschte seinem ruhigen Atem durch die Wand und dachte: Was, wenn das echt ist? Das ist doch, was sein soll, vielleicht. Wir sind keine Zwanzig mehr. Wir beide kennen Einsamkeit. Wir kennen einander so lange, dass es nichts mehr zu verbergen gibt. Vielleicht ist das Glück nicht laut und grell, sondern so? Leise, beständig, wie ein altes Haus, in dem man lange lebt.
Ich erzählte Tamara davon. Wir saßen im Café, sie trank Latte und hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Dann sagte sie:
Inge, bist du gerade glücklich? Genau jetzt? Nicht irgendwann, sondern jetzt?
Ich dachte nach. Wirklich, ehrlich diesmal.
Ja, sagte ich schließlich. Jetzt gerade ja.
Dann lebe jetzt, sagte Tamara und nahm einen Schluck Kaffee. Hör auf, an später zu denken.
Ich bemühte mich. Ehrlich.
Vier Monate lebten wir so. April, Mai, Juni, Juli. Vier Monate, die ich beinahe taggenau erinnere. Wie der Flieder im Hof blühte und er mir einen Ast brachte. Wie wir uns einmal wegen einer Kleinigkeit stritten, weiß nicht mal mehr warum, zwei Stunden schwiegen, und er dann sagend in die Küche kam: Ich lag falsch. Wie wir samstags den ganzen Tag zu Hause verbrachten, ich las, er bastelte auf dem Balkon, und wir teilten ein sanftes Schweigen, das ich nicht zerstören wollte.
Ich begann, in wir zu denken. Nicht ich fahre, sondern wir fahren. Nicht ich muss, sondern wir müssen. Das kam einfach so und ich ließ es zu.
Auch Andreas veränderte sich. Weniger Wut, seltener Reden über Verena. Manchmal sah er mich anders an, mit einer Wärme, für die ich lange kein Wort fand. Vielleicht war das das Wort, auf das ich gewartet hatte.
Schlüssel. Er bat selbst um einen Zweitschlüssel. Ich gab ihn ihm ohne Zögern. Ging zum Schlüsseldienst, ließ einen machen, legte ihn auf den Tisch. Ein kleines, kaltes Ding, aber als ich es ihm gab, wurde es mir warm ums Herz.
Das war Anfang Juli.
Mitte Juli klingelte das Telefon.
Ich war in der Küche, er im Wohn- zimmer am Laptop. Das Handy klingelte laut und scharf, wie immer. Ich hörte nicht zu. Dann wurde es leise drinnen, noch leiser, so eine Stille, in der sich etwas verändert, ohne dass man weiß, was.
Ich betrat das Wohnzimmer. Er stand dort, das Handy in der Hand, starrte ins Leere.
Andreas?
Er hob den Blick. Ich wusste sofort Bescheid. Nicht mit dem Kopf. Mit etwas Tieferem.
Verena, sagte er. Sie hat Probleme. Schwere. Sie ist allein und braucht Hilfe.
So einfach. Keine großen Erklärungen. Ein Wort: Verena.
Ich verstehe.
Inge…
Geh.
Warte, ich will’s dir erklären.
Muss nicht, sage ich leise. Ich versteh doch. Geh.
Er zögert noch einen Moment, schaut mich an. Dann geht er in den Flur, nimmt die blaue Tasche, die fast ein Jahr stummen Wartens im Eck verbracht hat, als wüsste sie, dass ihr Tag noch kommt.
Ich ruf dich an, sagt er an der Tür.
Mach das, sage ich.
Die Tür fällt zu. Der Verschluss klickt. Ich bleibe in der Stille stehen, in der jetzt nichts weiter ist als Abwesenheit.
Drei Tage lang weine ich nicht. Ich warte fast darauf, rechne damit aber es kommen keine Tränen. Nur dieses andere. Als hätte man ein Möbelstück aus dem Zimmer genommen, das jahrelang da stand, nun ein helles Fleckchen und Leere bleibt. Kein Schmerz. Noch nicht. Einfach nur Leere mit Kontur.
Auf der Arbeit halte ich mich gut. Ich bin Buchhalterin in einer kleinen Baufirma, Konzentration und Genauigkeit vor allem, das hilft. Zahlen fragen nicht, wie es dir geht. Sie fordern einfach, dass alles passt.
Am vierten Tag mache ich Lasagne. Warum, weiß ich selbst nicht. Derselbe Handgriff, dieselben Zutaten, dieselbe Form. Setze mich allein an den Küchentisch. Es schmeckt. Es schmeckt fast unerträglich gut.
Dann kommen die Tränen. Über der Lasagne, allein, am selben Tisch. Ich weine lange und unschön, wie Kinder weinen laut und ohne Scham. Dann wasche ich mein Gesicht ab, trinke meinen Tee und gehe schlafen.
Am nächsten Tag erscheint Tamara unangemeldet. Ruft nur unten an: Mach auf, ich bin hier. Sie bringt Brötchen und etwas anderes mit. Stellt die Tüte ab, umarmt mich lange. Wir stehen schweigend da. Keine Tränen mehr. Die sind wohl mit der Lasagne versiegt.
Erzähl, sagt Tamara.
Gibt nichts zu erzählen. Du weißt alles.
Ja, aber sag es trotzdem. Laut.
Ich erzähle. Vom Juli, dem Anruf, der blauen Tasche, dem ich ruf dich an. Nebenbei: Er hat sich nicht gemeldet. Über eine Woche ist vergangen.
Wirst du warten? fragt Tamara.
Nein, sage ich. Und wundere mich, wie leicht es aus mir rausrutscht.
Wirklich?
Wirklich. Ich bin müde vom Warten. Ich habe ewig gewartet. Ich weiß gar nicht mehr, wann es anfing. Ich hab immer gewartet. Dass er sich meldet, dass er kommt, dass er sich entscheidet. Aber er entschied sich ja nie. Er kam nur zurück, wenn es keinen anderen Ort mehr gab. Weißt du, wie man sowas nennt?
Wie?
Ersatzflughafen. Ich war sein Ersatzflughafen. Immer bereit, Startbahn frei, die Lichter an. Er ist hin und her geflogen. Und wusste: Falls was ist, gibts noch Landebahn.
Tamara schaut mich an.
Wusstest du das schon lange?
Ich hab es schon lang gewusst. Jetzt hab ich es verstanden.
Wissen und verstehen ist ein Unterschied. Man kann Jahre etwas wissen und daran vorbeileben. Verstehen das ist, wenn man nicht mehr anders kann.
Der August vergeht in einem seltsamen Dämmerzustand. Nicht dunkel, nur ruhig. Arbeiten, heimkommen, kochen, lesen. Abends spaziere ich oft lange an der Elbe, entlang der Hafencity, bis ich von allein umdrehe. Sehe in die Flusslichter, auf Menschen, die paarweise oder allein unterwegs sind. Denke an vieles.
Einmal bleibe ich vor einem Schaufenster stehen und sehe mein Spiegelbild. Einfach nur: eine Frau im hellen Trenchcoat, Haare zurückgesteckt, ein offener Blick. Nicht jung, nicht alt. Müde, aber nicht zerbrochen. Ich schaue lange und frage mich: Was willst du? Nicht er, nicht Andreas, nicht dieses Ganze. Du selbst. Was willst du?
Ich finde keine Antwort. Aber die Frage reicht schon.
Im September stelle ich die Möbel um. Erst das Sofa. Es steht nicht so, wie es soll, es schluckt das Licht. Ich rücke alles um, das Regal, die Pflanzenbank. Die Wohnung wirkt nun anders, viel heller, sie atmet neu. Ich stehe mittendrin und frage mich: Warum hab ich das nicht früher gemacht?
Vielleicht, weil ich Angst hatte, etwas zu verändern? Vielleicht, weil ich immer dachte, er kommt, sieht das und fragt: Was hast du gemacht?
Jetzt gibt es niemanden mehr, vor dem ich Angst haben muss.
Ich kaufe neue Vorhänge. Leinen, cremefarbend, mit zartem Muster. Die alten waren dunkelblau und schwer, nahmen zu viel Licht weg. Jetzt fällt morgens goldenes Licht ins Zimmer. Ich habe das vorher nie bemerkt, dabei bin ich einundfünfzig und wohne so lange dort.
Im Oktober melde ich mich im Italienischkurs an. Wollte ich lange, habe es immer verschoben. Immer gedacht: Nicht jetzt, was fange ich überhaupt mit Italienisch an? Der Kurs ist witzig, Leute verschiedensten Alters, jung und alt, und der Dozent ein redegewandter junger Mann aus Rom, bringt uns sogar zum Mitsingen italienischer Schlager. Ich singe laut und ohne Scham. Torna a Surriento, obwohl ich nie dort war.
Tamara staunt:
Italienisch? fragt sie am Telefon.
Ja, Italienisch.
Und warum?
Ich will nach Barcelona, sage ich.
In Barcelona spricht man Spanisch, Inge.
Ich lache.
Weiß ich. Aber Italienisch gefällt mir besser. Die Sprachen ähneln sich ja.
Stimmt nicht ganz, ich weiß. Hauptsache, ich mache etwas Ungewöhnliches. Etwas, das nur mir gehört.
Barcelona kommt plötzlich als Idee. Beim Surfen stoße ich auf Fotos, nicht die gängigen Attraktionen, sondern: Morgenszene auf dem Markt, ein alter Mann mit Zeitung auf der Bank, eine rote Katze am Fensterbrett. Etwas klickt. Da will ich hin. Nicht für eine Reise, um da zu leben. Nur mal dort sein, in diesem Licht, zwischen diesen Steinen, in Luft die nach Meer und Orangen duftet.
Ich schreibe auf einen Zettel: Barcelona. Frühling. Zwei Wörter. Klebe ihn an den Kühlschrank. Schaue täglich darauf.
Im November werden die Tage kurz und kalt. Ich kaufe eine Zehnerkarte fürs Schwimmbad. Schwimme morgens vor der Arbeit, eine halbe Stunde im Wasser, das ist das Beste, das ich je für mich gefunden habe. Im Wasser denkt man an nichts. Es zählt, sich zu bewegen. Eine gute Übung, merke ich.
Manchmal denke ich an Andreas. Frage mich, wie es ihm geht. Ob er noch bei Verena ist. Ob sie glücklich sind. Ich wünsche ihm nichts Schlechtes, wirklich nicht. Manchmal denke ich an ihn, wie beim Betrachten eines alten Fotos: Ich erkenne die Menschen, weiß, wann es war doch das Gefühl ist anders, weiter weg.
Im Dezember lädt Tamara mich zu Silvester zu ihren Freunden ein. Ich zögere erst, gehe dann doch. Lerne neue Leute kennen, lache, trinke Sekt, um Mitternacht umarmen wir uns. Und plötzlich spüre ich keine Einsamkeit, sondern eine unerwartete Leichtigkeit. Wie jemand, der lange etwas Schweres getragen hat und es nun ablegt und merkt: Ich bin leicht.
Januar, Februar. Ich gehe weiter zum Schwimmen, zum Italienisch, lese Bücher, die ich aufgeschoben hatte. Räume endlich die Dachböden durch, sortiere aussortierte Sachen aus. Finde dabei die alte Decke von Andreas’ erstem Sofabesuch. Ich nehme sie in die Hand, ganz gewöhnlich, ein Mischgewebe. Ich stecke sie in den Spendenbeutel. Soll jemandem anders wärmen.
Dann kommt wieder März. Genau ein Jahr, seitdem er mit der blauen Tasche vor meiner Tür stand.
Ich stehe am Fenster, trinke meinen Morgenkaffee, sehe auf die Straße. Der selbe schmutzige Schnee, Tauben auf dem Sims. Alles wie zuvor. Nur ich ganz anders.
Sein Anruf kommt an einem Samstag gegen Mittag. Sein Name auf dem Display. Ich fühle ein Flattern in der Brust, kein Schmerz, keine Freude, ein Echo einer alten Gewohnheit.
Ich nehme ab.
Inge, sagt er. Die Stimme ist vertraut, und doch fremd. Ich bins.
Sehe ich, sage ich.
Wie gehts dir?
Gut. Und dir?
Pause.
Nicht so. Können wir uns treffen?
Ich denke nach.
Gut. Wo?
Vielleicht bei dir?
Nein, sage ich ruhig. Vor dem Haus. Bin in zwanzig Minuten unten.
Wieder eine Pause. Damit hat er offenbar nicht gerechnet.
Gut. Vor dem Haus.
Ich lege auf. Trinke meinen Kaffee aus. Ziehe Mantel, Schal und Stiefel an. Schaue mich im Flurspiegel an: Frau im hellgrauen Mantel. Ruhig. Bereit.
Er steht schon da, älter geworden, nicht viel, aber sichtbar. Vielleicht sehe ich das nur heute. Nicht mehr so gepflegt wie früher, etwas abgemagert. Er sieht mich an Hoffnung und Unsicherheit im Blick.
Hallo, sagt er.
Hallo, sage ich.
Wir gehen nebeneinander den Bürgersteig entlang, langsam, ohne Ziel. Wie Leute, die reden müssen.
Inge, fängt er an. Ich muss dir was sagen. Was Wichtiges.
Sag es.
Es war ein schweres Jahr. Mit Verena… das ist schiefgegangen. Sie ist gegangen, nicht ich. Und das Geschäft… Die Firma ist pleite. Die Partner weg. Ich habe nichts mehr. Gar nichts.
Ich höre zu, schweige.
Ich habe viel an dich gedacht, sagt er weiter. Wirklich. Ich war ein Idiot. Ich hatte was Echtes, und habe es nicht geschätzt. Du warst… Du bist der beste Mensch, den ich je hatte.
Andreas…
Nein, lass mich ausreden. Ich wills versuchen, mit uns, richtig, ohne das ganze Drumherum. Ich habe mich geändert, wirklich, verstanden erst jetzt. Gib mir eine Chance.
Wir gehen am alten Kastanienbaum vorbei. Die Knospen schwellen, erst hell, dann bald Blätter.
Ich bleibe stehen.
Er bleibt auch stehen, schaut mich an.
Du bist schön, sagt er plötzlich. Noch schöner als vor einem Jahr. Wie geht sowas?
Ich lächle ein bisschen.
So ist das manchmal.
Inge. Er nimmt meine Hand. Sag irgendwas.
Ich sehe auf meine Hand in seiner, warm, vertraut. Die, die ich so lange festhalten wollte.
Dann ziehe ich sie sanft weg.
Andreas, sage ich. Ich will, dass du mich verstehst. Nicht böse bist, sondern wirklich verstehst. Ja?
Sag es.
Du sagst, du hast dich verändert. Ich glaube dir. Aber es geht nicht um dich. Es geht um mich.
Was mit dir?
Ich habe mich auch verändert. Nur auf eine andere Weise. Du hast was verloren und willst zurück. Ich habe was gefunden und will es nicht verlieren.
Seine Augen werden unsicher.
Was hast du gefunden?
Mich. So platt es klingt. Mich selbst.
Inge…
Moment. Ich stoppe ihn sanft. Ich bin nicht böse. Schon zu lange kennen wir uns, um überhaupt böse sein zu können. Aber ich will, dass du verstehst: All die Jahre… Ich war dein Ersatzflughafen.
Er will etwas sagen, aber ich fahre fort.
Du kamst, wenns schlecht lief. Hast aufgetankt, bist weitergeflogen. Ich habe gewartet, dich aufgenommen, war froh. Du bist immer zurück zu Verena, weil es da lauter, aufregender war. Verena, das ist der große Airport. Ich, das bin die Landebahn nebeneinander, ruhig, verlässlich aber nie erste Wahl.
Das stimmt nicht, sagt er leise.
Doch. Du weißt es. Ich sehe ihm in die Augen. Aber das hat sich geändert. Der Flughafen ist zu. Ich hab ihn zugemacht. Nicht dir zum Trotz, sondern weil ich nichts und niemandes Ersatz mehr sein will. Nicht mal für einen guten Menschen. Und du bist ein guter Mensch, Andreas. Wirklich.
Er schweigt. Lange.
Und jetzt? fragt er.
Jetzt habe ich Pläne. Im Frühjahr fliege ich nach Barcelona. Ich lerne Italienisch, auch wenn dort Spanisch gesprochen wird. Ich schwimme jeden Morgen. Ich wohne mit neuen Vorhängen und umgestellten Möbeln. Ich lese Bücher, die ich immer lesen wollte. Das ist jetzt mein Leben. Es ist nicht sehr laut, vielleicht nicht sehr besonders von außen aber es ist meins. Und darin gibt es keinen Platz für jemanden, der kommt, weil er nirgends sonst hin kann.
Was, wenn ich komme, weil ich will? Weil ich zu dir will?
Ich blicke ihn lange an. Da ist etwas Echtes in seinen Augen. Vielleicht die Wahrheit.
Vielleicht, sage ich. Aber das kann ich nicht prüfen. Nicht mehr. Die alte Inge, die geglaubt und gewartet hat, die gibt es nicht mehr. Die neue lebt anders.
Er macht einen Schritt auf mich zu.
Inge. Lass michs wenigstens versuchen.
Nein, sage ich ruhig, ohne Wut. Einfach nein. Nicht, weil ich nachtragend bin. Sondern weil ich weiß, wie so etwas ausgeht. Zu gut.
Wir stehen vor dem Hauseingang. Alles wie vor einem Jahr, bis auf das Jahr selbst. Und ich bin eine andere.
Nicht mal auf einen Tee? fragt er.
Nein.
Warum?
Tee mit Thymian das ist der Anfang. Aber Anfang gibt es nicht.
Er senkt den Blick, hebt ihn dann wieder.
Bist du glücklich? fragt er. Ganz leise. Kein Vorwurf.
Ich denke nach, ganz aufrichtig. Wie damals im Café mit Tamara.
Ja, sage ich. Genau jetzt, ja.
Das freut mich. Und ich glaube, das stimmt.
Schweigen.
Ruf ab und zu mal an, sagt er. Einfach so.
Ich schüttle den Kopf.
Das ist nicht nötig. Wirklich nicht. Jeder sollte sein eigenes Leben haben.
Er nickt. Langsam, als ob er etwas schweres akzeptiert.
Barcelona, sagst du?
Ja, Barcelona.
Schöne Stadt.
Ich weiß, sage ich. Obwohl ich selbst noch nie da war.
Er dreht sich um und geht. Schaut sich nicht um. Ich beobachte ihn. Den Mann, den ich dreißig Jahre kannte, länger liebte, als mich selbst, und den ich jetzt ganz ruhig loslasse.
Wie man einen Vogel fliegen lässt, der längst fort wollte.
Ich gehe ins Haus, steige in meine Etage, schließe mit meinem Schlüssel auf. Kaffee- und Leinenvorhangduft, Streifen von Märztageslicht auf dem verrückten Sofa.
Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Kein Thymian Minze. Neue, eigene Gewohnheit.
Vom Kühlschrank nehme ich den Zettel mit den zwei Wörtern.
Barcelona. Frühling.
Ich schaue drauf. Nehme einen Stift und ergänze: April.
April kommt bald.
Der Flughafen ist geschlossen. Der Tower hat die Lichter gelöscht. Und ich steige endlich selbst ins Flugzeug.
***
Aber das geschah nicht an einem Tag. Bis ich an diesem Hauseingang stand und dieses Gespräch führte, verging ein Jahr. Ein Jahr, das mich nicht durch einen einzigen Entschluss veränderte, sondern langsam. Ein Jahr, das jeden Monat etwas änderte. Kleines, Unmerkliches, aber es änderte sich.
Als Andreas an jenem Juliabend mit der blauen Tasche ging, verstand ich rational, was passiert war. Aber innerlich glaubte ich es noch nicht. Nicht so, wie man es wirklich akzeptiert. Nicht, dass jetzt was anderes beginnt, dass ich schon wieder die bin, die übrig blieb.
Die ersten Tage glichen sich. Arbeiten, nach Hause, nur noch für eine Person kochen seltsam, nach Monaten zu zweit. Mach weniger, reicht trotzdem. Räum seine Tasse weg groß, blau, mit abgeplatztem Rand. Ließ sie stehen, als sei sie für später bestimmt.
Ich stellte sie in den Schrank, war nicht soweit, sie wegzugeben.
Am fünften Tag rief meine Mutter an. Sie wohnte in München, wir telefonierten sonst sonntags. Diesmal stört sie mittwochs.
Inge, alles in Ordnung? fragt sie direkt, ohne Umschweife. Mütterlicher Instinkt.
Alles gut, Mama.
Deine Stimme klingt nicht gut.
Bin müde.
Arbeit?
Ja.
Pause.
Ist er weg? fragt sie.
Ich muss grinsen. Eben, Mutter.
Woher weißt du das?
Inge, ich bin deine Mutter. Wie gehts?
Es geht, Mama. Nicht super, aber es geht.
Willst du kommen?
Nein, danke. Ich muss hierbleiben.
Gut, sagt sie. Sie weiß, wann sie lockerlassen muss. Melde dich, ja? Wenns gar nicht mehr geht.
Mache ich.
Ich rufe nicht an, weil das Schlimme, das Mama meint, gar nicht eintritt. Eine Leere ist da, eine Müdigkeit, dieses spezielle Alleinsein, das schwer ist, weil es selbst gewählt ist. Aber kein Drama, kein Rückholwunsch. Merkwürdig sogar.
Vielleicht, weil ich tief drin immer wusste: Es würde so kommen. Verena ist kein vorübergehendes Kapitel. Sie ist eine andere Umlaufbahn, und er ihr Planet. Ich wollte es nur nicht wahrhaben.
Ende Juli gehe ich zum Friseur. Seit zehn Jahren zu Frau Ludwig, ruhige, gute Friseurin. Sie schaut mich an und fragt nur:
Was darfs denn sein?
Viel kürzer, sage ich. Bis zu den Schultern und heller.
Sie hebt die Braue.
Ernst?
Ja.
Zwei Stunden später verlasse ich den Salon: nicht ganz neu, aber doch anders. Irgendwas ist leichter.
Draußen ruft Frau Zehner, siebzig, die alles über alle weiß:
Ingchen! Du siehst aus wie ein neuer Mensch!
Nur ein Haarschnitt.
Der steht dir! Mindestens zehn Jahre Jünger.
Ach was.
Ehrlich! Wenn Frau was verändert, dann ist was im Gange. Gutes oder Schlechtes, aber etwas.
Ein bisschen von beidem.
Gut so, sagt Frau Zehner zufrieden. Hauptsache nicht stehenbleiben.
Weise Frau.
Der August ist heiß. Ich nehme nach Jahren Urlaub, bleibe zu Hause. Gehe spazieren, entdecke Hamburg neu. Besuche zum ersten Mal den Botanischen Garten. Setze mich auf eine Bank, lese oder gucke nur den Blättern beim Zittern zu. Das nennt man leben, denke ich. Nicht warten, nicht verloren sein. Einfach da sein.
An einem dieser Tage setzt sich eine unbekannte Frau zu mir Gabriele. Wir reden nicht viel, genießen einfach die Sonne, das Dasein. Später werden wir uns noch ein paar Mal treffen. Keine Freundschaft, aber schöne Begegnung. Man weiß: Es gibt Leute in der Stadt, mit denen kann man einfach schweigen.
September bringt Schulstart und den neuen Duft von Herbst erste Blätter, erste Apfeltage. Ich mochte September immer, dieses Gefühl von Neuanfang, ohne dass wirklich etwas beginnt.
Da, im September, rücke ich die Möbel um. Ganz spontan. Hätte nie gedacht, wie viel sich dadurch verändert. Es ist, als würde auch in mir selbst ein Raum geräumiger.
Danach stehe ich am Fenster und denke an Andreas. Nicht wehmütig, einfach so ich hoffe, es läuft gut bei ihm.
Im Oktober beginne ich wirklich mit Italienisch. Die Gruppe ist gemischt: Ein junger Mann, eine ältere Dame und eine Frau in meinem Alter, Stefanie, die, wie sie sagt, nur was für sich tun möchte. Stefanie wird bald meine Kino-Begleitung. Eine laute, witzige, offene Frau. Nach einem Kurs gehen wir ins Café:
Wieso lernst du Italienisch? fragt sie.
Ich will nach Barcelona.
Sie lacht laut.
Und das auf Italienisch?
Klar. Ist doch aufs Gleiche raus.
Deine Logik gefällt mir, sagt Stefanie grinsend.
Wir gehen zusammen ins Kino, manchmal in Ausstellungen. Sie ist die nette Überraschung, die das Leben manchmal still schenkt.
November, Dezember, Januar. Neues Schwimmen, Silvester bei Tamara, mehr Bücher. Im Januar finde ich ein altes Notizbuch von früher. Lesend denke ich immer wieder: Schön, dass ich damals alles aufgeschrieben habe. Am Ende der letzten Seite schreibe ich: Es ist gut. Du hast es geschafft.
Lege es zurück. Es bleibt.
Im Februar taut es. Ich gehe viel spazieren, entdecke noch neue Läden und einen kleinen Buchladen mit altem Holz und einem verträumten Besitzer. Ich kaufe drei Bücher: Ein Reiseführer über Barcelona, ein Bildband, und ein Roman mit hübschem Einband.
Der Besitzer sagt: Gute Wahl, die Geschichte ist handfest. Übers Verändern.
Das brauche ich jetzt, sage ich.
Braucht jeder mal, meint er.
Den Barcelona-Reiseführer verschlinge ich in einer Woche. Ich studiere die Fotos, spüre in mir ein echtes Glücksgefühl: Dies wird meine Reise, meine ganz allein.
Tamara freut sich ehrlich für mich.
Willst du nicht mit? frage ich.
Nein, das ist dein Abenteuer. Einmal nur für dich.
Im März erzähle ich meiner Mutter davon. Sie fragt, ob ich nicht Angst habe, allein. Ich lache:
Mama, ich bin einundfünfzig. Ich schaff das. Ich ruf an, wenn ich da bin.
Sie sagt: Klar, du packst das. Viel fotografieren!
Manchmal braucht es keine großen Worte, keine Dramen. Man plant, bucht, ruft Mama an, freut sich auf Fotos. In diesem Einfachen liegt so viel, das ich lange übersehen habe.
Beziehungen mit fünfzig sind nicht Jetzt oder nie, sondern: Authentisch ich wählen, jeden Tag. Nicht, weil man niemanden mehr will sondern weil man sich erst selbst finden muss. Man kann für niemanden da sein, wenn man sich selbst aufgibt.
Ich lebte zu lange im Modus: Wann er… Wann kommt er? Wann bleibt er? Wann entscheidet er? Und das Leben ging weiter, und ich wartete.
Erlaubnis zum Losgehen gibt dir niemand. Die nimmt man sich.
Das verstand ich nicht an einem Tag es war wie wärmende Sonnenstrahlen nach einem endlosen Winter: Erst ein wenig, dann mehr, dann fühlt es sich normal an.
Partnerschaftsweisheiten aus Zeitschriften haben ihre Wahrheit: Du kannst nur dich selbst verändern. Was du zulässt, wen du ins Leben lässt, wen du nicht mehr an den Tisch bittest.
Ich habe meine Tür geschlossen ohne Wut, ohne Knall.
Der Anruf von Andreas kam, als ich den Kleiderschrank sortierte und ich zuckte nicht. Ich war bereit, rauszugehen und alles ruhig zu sagen.
Der Rest ist erzählt.
Während ich mit ihm die Straße entlangging, dachte ich: Guter Mensch. Kein Bösewicht. Aber zu schwach für alles, was brannte. Keine Schuld, sondern Charakter. Das kann man nicht beheben, auch durch keine Einsicht.
Und es war das Schwierigste, nicht Nein zu sagen sondern Nein zu sagen, ohne Mitleid. Denn ich hatte Mitleid. Aber Mitleid ist etwas anderes als wieder ins eigene Leben lassen. Das durfte ich mir schenken.
Er geht die Straße ohne Umdrehen. Ich sehe ihm nach und wünsche ihm wirk- lich ein neues Ziel. Er kann es finden. Nicht Verena, nicht mich. Etwas Eigenes.
Ich gehe die Treppe hoch. Vierter Stock, nicht schlimm. Höre mein ruhiges Atmen.
In der Wohnung ist es sonnig. Licht durch Leinen, Sofa neu gestellt. Am Kühlschrank der Zettel mit drei Worten.
Ich mache Tee mit Minze. Schreibe Tamara: Er war da. Mir gehts gut. Sie antwortet: Ich wusste es. Ich bin stolz!
Stefanie: Kino morgen?
Ich grinse. Ja, wir gehen.
Bis April ist es nicht mehr lang.
Flughafen ist geschlossen. Die Lichter sind aus. Der Flieger, der im April startet, ist meiner. Mein eigener.
Ich bin die einzige Passagierin. Die, die immer alle anderen vorließ, wartete, auf ihren Moment. Jetzt wartet sie nicht mehr. Sie hat gebucht und steht am Gate.
Ihr Name ist Ingrid. Sie ist einundfünfzig. Und vor ihr liegt Barcelona.
***
Der Wasserkocher pfeift. Ich gieße Minze auf, warte ein paar Minuten. Tasse in die Hand nicht die blaue mit der Ecke, sondern meine neue Weiße. Schlicht, dünnwandig, praktisch.
Ich gehe zum Fenster. Draußen ist März. Wie letztes Jahr aber anders: Weniger Dreck, mehr Licht, Tauben dösen zufrieden. Eine Frau am Kinderwagen lacht in ihr Handy.
Ich stehe am Fenster und trinke Tee.
Das ist einfach eine Liebesgeschichte. Oder besser: Was nach der Liebe kommt. Wie man lange falsch lieben kann, wie man langsam wieder zu sich findet und dann etwas Unerwartet Gutes entdeckt.
Wie bewältigt man eine Trennung? Oft gefragt, meine Antwort: Möbel umstellen. Neue Vorhänge kaufen. Italienisch lernen. Schwimmen. Unbekannte Buchhandlungen besuchen. Erlauben, nicht zu warten.
Nicht zu warten.
Das Schwierigste und Einfachste. Nicht mehr auf etwas warten, sondern einfach leben.
Vergeben oder vergessen? Niemand hat das direkt gefragt aber ich denke: Vergeben. Nicht, weil es muss oder richtig ist, sondern weil Ich Leichtigkeit will. Vergeben ohne zu vergessen. Erinnern, aber nicht tragen.
Unterschied.
Ich trinke aus. Stelle die Tasse in die Spüle. Öffne den Laptop. Die Bestätigung meines Flugtickets blinkt. April, Flug nach Barcelona.
Ich lächele einfach. Für mich.
Noch ein Monat. Dann sitze ich im Flieger. Dorthin, wo die Sonne ein anderes Licht hat, wo es nach Orangen und Freiheit riecht, Katzen auf Fensterbrettern liegen und schauen als gehöre alles ihnen.
Familienwerte. Das Wort taucht überall auf, aber jeder meint etwas anderes. Für mich Familie beginnt jetzt mit mir selbst. Wenn ich innen nicht stabil bin, fällt außen sowieso alles auseinander.
Ich habe gewartet. Jetzt warte ich nicht mehr.
Die Nachricht von Stefanie: Kino, 18 Uhr, La vita è bella. Ich antworte: Top, treffen uns am Eingang.
Ein Blick in den Spiegel: Frau in Jogginghose, vom Wind zerzaust, in den Augen das sanfte, ruhige Lächeln. Nicht theatralisch glücklich. Einfach stabil.
Ich nicke meinem Spiegelbild zu.
Heute Kino. Morgen Italienisch. Übermorgen Schwimmen. Im April Barcelona.
Das Leben läuft. Mein Leben. Nicht irgendeins, nicht das Lückenfüllen, wenn andere starten und landen. Meins, lebendig und echt.
Der Flughafen geschlossen.
Hoch oben, über den Ziegeldächern und Stromleitungen und den Wolken, die schon heller sind, fast April und Nach-Frühling duften, fliegt mein Flugzeug.
Ich fliege.
Später am Abend nach dem Kino, nach Stefanies Witzen im Café, nach der Diskussion über das Filmende, komme ich heim. Ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel weg.
Da fällt mir die blaue Tasse mit der Ecke ein. Sie steht immer noch im Schrank. Ich nehme sie raus, drehe sie in der Hand. Ganz normale Tasse. Nichts Besonderes.
Stelle sie zu meiner weißen auf das Küchenregal, daneben. Bleibt einfach stehen. Nicht als Symbol, nur als Tasse. Dinge sind Dinge. Mehr nicht.
Ich lege mich ins Bett, lese noch ein paar Seiten aus dem Roman vom kleinen Laden. Genau so ändert man sich. Nicht auf einen Schlag, sondern Seite für Seite, Tag für Tag, bis man es merkt: Ich bin eine andere.
Buch zu. Licht aus.
Draußen regnet es höflich, regelmäßiger Märzdauerregen, gar nicht traurig. Einfach der Regen.
Ich liege da, höre zu. Spüre ein ruhiges Herz. Nicht leer. Nicht allein. Einfach ruhig. Genau so, wie es sein soll.
Morgen Italienisch wieder singen. Ich singe jetzt laut.
Übermorgen Schwimmen. Bewegung. Kein falsches Grübeln.
In einem Monat Barcelona.
Jetzt dieser Regen und die dunkle Stille.
Ich schließe die Augen.
Und sehe plötzlich ganz klar: Hof im Morgengrau, Aprilszene, eine rote Katze auf dem Fensterbrett. Ich stehe mit Kaffee da, sehe sie an. Sie sieht mich an. Wir beide zufrieden.
Ersatzflughafen geschlossen.
Die Startbahn geöffnet und alles Weitere ist offen.





