Mein Mann hat einen Teil seines Gehalts vor mir versteckt – also habe ich aufgehört, Lebensmittel von meinem eigenen Geld zu kaufen

2. Mai

Heute muss ich meinen Gedanken endlich Ordnung geben vielleicht hilft das Schreiben.

Sebastian, wir haben kein Sonnenblumenöl mehr, und das Waschpulver reicht maximal für eine letzte Maschine, sagte ich gestern Abend, stand im Türrahmen zur Stube, während meine Hände noch feucht waren vom Abwasch. Wir sollten mal wieder einkaufen. Die Liste ist schon ziemlich lang.

Sebastian saß vorm Fernseher, Fußball-Bundesliga. Seine einzige Reaktion war ein ungeduldiges Schulterzucken.

Ach, Lena, du weißt doch, wie es bei uns läuft. Ohne den Blick vom Spiel zu lösen, fügte er hinzu: Im Werk gibts wieder Engpässe. Unser Meister hat gesagt, diesen Monat gibt es keine Prämien. Ich hab dir doch erst vorgestern die letzten hundert Euro gegeben. Versuchs eben zu strecken.

Wie oft schon hatte ich dieses strecken gehört als wäre unser Haushaltsbudget ein Gummiband, das sich endlos dehnen ließe. Schweigend ging ich zurück in die Küche, öffnete den Kühlschrank und starrte auf ein einsames Glas Gewürzgurken und den Topf mit dem Rest Spinat-Kartoffelsuppe von gestern. Fleisch hatten wir schon seit drei Wochen keines mehr gekauft.

Ich arbeite als leitende Krankenschwester in einer städtischen Praxis, mein Verdienst ist bescheiden, aber wenigstens regelmäßig. Früher, als Sebastian noch gutes Geld heimgebracht hat, lebten wir gar nicht schlecht: einmal im Jahr an die Ostsee, neue Kleidung, der Kühlschrank immer voll. Doch dann, so seine Version, begannen im Werk die Probleme. Erst wurde das Gehalt gekürzt, dann die Prämien gestrichen, und nun reicht sein Gehalt gerade noch für die Nebenkosten und seine Spritrechnung.

Alle anderen Ausgaben Lebensmittel, Waschmittel, Alltägliches lasteten nun auf meinen Schultern. Ich machte zusätzlich Nachtschichten, übernahm Dienste am Wochenende, um irgendwie über die Runden zu kommen. Sebastian hingegen kam nach der Arbeit völlig erschöpft nach Hause, ließ sich aufs Sofa fallen und jammerte über diese ungerechte Welt. Natürlich nicht ohne sein Dreigänge-Abendessen einzufordern.

Strecks, flüsterte ich gestern und blickte auf die leere Butterdose. Wie lange denn noch, bis es reißt?

Am nächsten Tag nach der Arbeit lief ich wie immer am Supermarkt vorbei. Ich betrachtete lange sehnsuchtsvoll das Schweinefilet, griff dann aber doch zu einem günstigen Paket Suppenhuhn-Innereien. Die eigenen ja lange, werden mit Sauerrahm ganz passabel. An der Kasse kramte ich all mein Kleingeld zusammen. Noch drei Tage bis zum Gehaltsvorschuss ab jetzt war mein Portemonnaie leer.

Am Abend, während das Hühnergericht in der Küche köchelte, wischte ich den Flur und sortierte Jacken. Sebastian schnarchte bereits auf der Couch, satt vom Essen und zwei Flaschen Pils, die er, wie er sagte, von seinem Kleingeld gekauft hatte.

Ich nahm Sebastians Winterjacke, um sie ordentlich aufzuhängen, und bemerkte ein Papierchen im Innenfach. Die Gewohnheit, Taschen vorm Waschen zu kontrollieren, machte sich bezahlt. Es war ein Zettel kein Kassenzettel vom Supermarkt, sondern ein Kontoauszug vom Bankautomaten, ausgestellt am heutigen Abend, 18:45 Uhr.

Kontostand: 4.240 Euro.

Ich blinzelte, dachte, ich hätte mich verschaut. Aber die Zahlen stimmten. Und oben: Gehaltseingang: 1.150 Euro.

Eintausendeinhundertfünfzig. Mitgebracht hatte er zwei Hunderter. Sagte, das war alles.

Ich sackte auf den Hocker im Flur. Erinnerte mich an den vergangenen Monat, als ich in alten, undichten Stiefeln zur Arbeit schlurfte, weil Sebastian meinte: Halte noch ein bisschen durch, Geld haben wir keines. An die Zahnschmerzen, die ich mit Tabletten unterdrückt habe, weil ein Zahnarztbesuch nicht drin war.

Es war keine Kränkung mehr es war pures Verratenwerden. Während ich an Tampons und Tee sparte, häufte mein Mann mehrere Tausend auf dem Konto an. Wofür? Für ein neues Auto? Für eine Andere? Oder war er einfach geizig und meinte, seine Frau müsse bitteschön alles selbst regeln?

Mit zittriger Hand steckte ich den Beleg zurück. Am liebsten hätte ich Sebastian geweckt, mit dem Zettel konfrontiert, einen Krach gemacht. Doch ich hielt mich zurück. Es hätte nichts geändert: Er hätte sich rausgeredet, von einem Überraschungsgeschenk geplappert oder dem Bankfehler.

Nein. Ich beschloss, es anders zu lösen.

Ich holte den Topf von der Kochplatte, füllte das fertige Essen in meine eigene Lunchbox und steckte sie in die Tasche, die ich mit zur Arbeit nehme.

Wenn kein Geld da, dann ist eben keins da, dachte ich sarkastisch.

Am nächsten Morgen ging ich früher zur Arbeit, ließ Sebastian weder Frühstück noch Kaffee. Auf dem Tisch eine leere Schale, dazu ein Zettel: Tut mir leid nichts mehr da, kein Geld. Trink Wasser.

In der Praxis arbeitete ich auf Autopilot, doch mein Kopf war ständig bei meinem Plan. In der Kantine gönnte ich mir endlich mal wieder Gulasch mit Kartoffelbrei, dazu Kompott und ein Brötchen. Ein satter Mittag das erste Mal seit Langem.

Abends lief ich nach Hause: keine schweren Einkaufstaschen, keine Plastiktüten. Ich fühlte mich, als hätte ich Steine abgeworfen. Endlich frei.

Sebastian stand im Flur. Sein Blick war missmutig.

Wo warst du so lange? Ich habe Hunger! Im Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Noch nicht mal Eier sind da. Warst du nicht einkaufen?

Ich zog mir in aller Ruhe Mantel und Stiefel aus und ging ins Wohnzimmer.

Nein, Basti, ich war nicht einkaufen.

Wie, nicht einkaufen? Und was essen wir?

Nichts, setzte ich mich auf die Couch und nahm ein Buch. Ich habe kein Geld. Vorschuss erst übermorgen. Heute gabs Tee im Dienst, das reicht mir. Musst wohl auch verzichten. So ist das eben, in Krisenzeiten.

Sebastian starrte mich an.

Willst du mich veräppeln? Wo ist die Suppe? Und sonst? Dir fällt doch sonst immer was ein.

Mir fällt nichts mehr ein. Ich kann keine Zaubertricks. Wenn kein Geld da, gibt es eben nichts zu essen. Meine letzten Cents habe ich für die Nebenkosten und die Monatskarte ausgegeben. Der Topf ist leer.

Ratlos stand er da und schien zu erwarten, dass ich den üblichen Zaubertrick vollführe. Geld leihen, geheime Reserven auftreiben oder im letzten Regal irgendeine Mahlzeit finden.

Er begann in der Küche zu klappern fand offensichtlich ein Restpaket Nudeln, denn bald roch es nach gekochten Teigwaren. Pures Nudelwasser, ohne Butter, ohne Wurst. Ein Festmahl für einen vierstelligen Kontobesitzer.

Auch am nächsten Tag wiederholte sich das Spiel. Ich verbrachte meine Mittagspause genussvoll im Park mit Cappuccino und Gebäck, kam abends satt und ruhig ins Haus.

Doch Sebastian begegnete mir jetzt mit aggressivem Ton.

Langsam nervts! Zweiter Abend nur Nudeln. Wo bleibt das Essen? Bist du nicht die Hausfrau hier?

Ich bin Ehefrau, keine Zauberin, entgegnete ich ruhig. Ohne Geld keine Mahlzeiten. Bring mir welches, dann koche ich Suppe, brate Frikadellen, alles was du willst. Wo ist das Problem?

Hab doch selber keins, knurrte er. Alles verspätet!

Ich auch nicht also heißt es Diät! Gut für die Figur.

Am Abend zog Sebastian beleidigt los. Kam nach einer Stunde zurück, roch nach Döner. Kein Wort. Wenigstens Hunger kann er dann doch bezahlen.

So verging eine Woche. Eine eisige Stille durchzog die Wohnung, ich kochte nichts mehr, ignorierte sein Geschirr, wusch seine Wäsche nicht.

Kein Pulver, antwortete ich auf seine Beschwerden wegen schmutziger Hemden. Und neue kaufen ist zu teuer.

Sebastian schimpfte, wurde laut, wechselte die Strategie Mitgefühl, dann Vorwürfe.

Du bist irgendwie kalt geworden! Ich schufte und komm in einen Saustall, es gibt kein Essen, alles ist dreckig. Wofür hab ich eine Frau?

Und ich einen Mann? erwiderte ich ruhig und sah ihm in die Augen. Einen, der weder Brot noch Waschpulver nach Hause bringt? Ich arbeite genauso. Wieso sind Haushalt und Essen nur mein Problem?

Weil du die Frau bist!

Meine Aufgabe ist es, zu lieben und zu kümmern, solange das gegenseitig passiert. Bei uns läufts nur noch in eine Richtung das reicht.

Samstags wachte ich vom Duft gebratener Wurst und Eier auf. Ich ging in die Küche: Sebastian, am Tisch, mampfte Rührei mit Tomaten und Lyoner, vor sich Kaffee, dazu Brötchen.

Als er mich entdeckte, wurde er nervös, fing sich aber rasch.

Ach, Lena, setz dich. Hab in der Winterjacke noch Kleingeld gefunden, war einkaufen.

Auf dem Tisch lagen teure Wurst, guter Käse, frische Eier. Kleingeld, ha ich musste grinsen.

Danke, ich habe keinen Hunger, log ich. Ich wollte sehen, wie er weitermacht.

Er sah mich mehrfach nicht an und schlang weiter.

Weißt du, Lena Machen wir Schluss mit dem Theater. Hab mir bei Matze 150 Euro geliehen. Hier, er schob mir das Geldm scheinbar großmütig zu. Geh richtig einkaufen, koche Suppe. So gehts nicht weiter.

Bei Matze geliehen? Nett, dann iss doch auch bei Matze wenn er so großzügig ist.

Er sprang auf, kippte fast den Stuhl: Das sind doch unsere Gelder! Für uns beide!

Für uns? Mein Ton wurde eisig. Und die 1.150 Euro drei Tage zuvor waren das auch unsere? Und die 4.240 auf deinem Konto? Sparbüchse für hungernde Ehemänner?

Sichtlich erschüttert, suchte er nach Worten.

Du hast in meinen Sachen geschnüffelt?

Tu jetzt nicht auf Opfer, Sebastian. Gefunden hab ichs beim Ordnen. Schlimmer als das Heimliche ist, dass du still dabei zusiehst, wie ich wieder und wieder spare, alles auseinanderziehe, in alten Schuhen laufe, und dir dabei den Bauch von meinem letzten Geld vollschlägst! Ist dir das nicht peinlich?

Er schlug mit der Faust auf den Tisch: Ich habe das für UNS gespart! Für ein neues Auto! Mein Golf ist Schrott! Ich wollte dich überraschen aber du!

Ich lachte bitter: Überraschung? Ein neues Auto auf meinen Hunger? Ein gemeinsames Ziel, darüber kann man reden. Aber du hast mich ausgenutzt, auf meine Kosten gelebt. Parasit.

Sebastian wurde laut: Ich bin der Mann, ich brauche ein vernünftiges Auto! Du mit deinem Geiz, jammerst einen Monat rum, als wärs das Ende!

Nein, ich bin nicht verhungert, sagte ich ruhig. Aber mein Respekt ist gestorben. Mein Vertrauen auch.

Ich gab ihm die 150 Euro zurück.

Kauf dir ein Ticket davon.

Wohin denn? stotterte er.

In die neue Zukunft. Zur Mama. Mir egal. Aber nicht mehr hier. Ich will nicht bei jemandem leben, für den ich nur Putzfrau und Idiotin bin.

Der Streit zog sich. Sebastian tobte, nannte mich herzlos, bot mir später allen Ernstes einen Pelzmantel (von meinem Geld!) an, schrie und bettelte, doch meine Entscheidung stand fest. Am Abend packte er seine Tasche.

Du wirst sehen! Keiner will dich in deinem Alter! Ich finde schon eine, die ihren Mann schätzt!

Hoffentlich, sagte ich und schloss die Tür hinter ihm.

Als das Schloss einrastete, sackte ich an der Tür zu Boden. Keine Kraft mehr. Die Tränen wollten nicht, es blieb nur diese große, klingende Leere.

Ich ging in die Küche. Die Wurst, die Sebastian gekauft hatte, warf ich weg. Der Kühlschrank blitzte nur mein Tupper mit den Hähnchenlebern war da.

Egal, sagte ich laut. Jetzt weiß ich wenigstens genau, wohin mein Geld fließt.

Ein Monat später.

Ich kam entspannt von der Arbeit nach Hause. Anfang Mai, die Luft nach Flieder. Ich schlenderte durch meinen Lieblingssupermarkt.

In den Korb legte ich: ein Glas Kaviar (Sonderangebot, aber immerhin), Blauschimmelkäse, eine Flasche trockenen Rieslings, frisches Gemüse, ein Stück Lachsfilet.

An der Kasse zahlte ich zum ersten Mal war immer genug auf dem Konto. Allein zu leben ist günstiger, wie sich herausstellte. Die Nebenkosten sanken, der Einkauf war schlank. Keine Ausgaben mehr für Bier, Zigaretten, Sprit oder Reparaturen.

Daheim drehte ich meine Lieblingsmusik auf. Kocht mein Lachsfilet, goss mir Wein ein und betrachtete den Sonnenuntergang.

Handy klingelte Nachricht von Sebastian.

Lena, wie gehts dir? Können wir reden? Ich hab Fehler gemacht. Das Auto hab ich nicht gekauft, das Geld ist noch da Wollen wirs nochmal versuchen? Ich vermisse dich.

Ich trank meinen Riesling, blickte auf sein Profilbild, erinnerte mich an sein Gesicht, dieses Schreien wegen Suppenresten. Wie erbärmlich ich mich fühlte, als ich um Waschpulver betteln musste.

Ich löschte die Nachricht, blockierte seine Nummer.

Ich habe auch jemanden vermisst, sagte ich mein Spiegelbild im Fenster. Mich selbst. Mein echtes Leben. Und das werde ich niemals wieder hergeben.

Am nächsten Tag kaufte ich mir neue Stiefel teure, aus weichem Leder, italienisch. Und eine Reise ins Allgäu, zwei Wochen Entspannung. Mein Erspartes reichte genau.

Man lebt nach einer Trennung nicht schlechter. Nein, es wird intensiver. Und ehrlicher.

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Homy
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