Leerer Platz
Sie stand im Flur einer Altbauwohnung in München, alles war nachtblau und golden, und sah auf seine Hände. Wunderbar feine Architektenhände, die sonst mit Zeichnungen, Modellen, Papier und Bleistiften spielten, umklammerten nun ihren unscheinbar grauen Mantel als hielte er ein nasses Handtuch oder eine Fahne der Kapitulation.
Hier, sagte Johannes. Nimm das und geh.
Katharina rührte sich nicht. Nicht, weil sie verwirrt war. Sie betrachtete nur seine Hände dieselben Hände, die einst ihr Gesicht gehalten hatten, als wäre es aus Porzellan. Vor sehr langer Zeit. So lange, dass sie sich fragte, ob es je geschehen war oder nur ein Traum.
Hörst du mich?
Ich höre dich, sagte sie.
Dann geh. Es gibt nichts mehr zu sagen. Ich habe alles gesagt.
Sie nahm den Mantel. Er war schwer. Nicht durch Regen, nicht wegen eines winterlichen Futters. Er war einfach schwer. Sie sagte ihm nicht, warum.
Johannes war achtundfünfzig Jahre alt und galt bei seinen Kollegen als elegant und brillant. Sieger zweier deutscher Architekturpreise, Entwerfer von drei Münchner Wohnvierteln und eines Einkaufszentrums in Frankfurt, das erfolgreich war, obwohl es alle hässlich fanden. Er konnte Menschen in Räume hineinführen, sodass die Gespräche um ihn rotierten wie Satelliten um einen Planeten. Er wusste, welchen Pullover er trug, welches Glas Wein er wählte. Er war immer Mittelpunkt.
Katharina konnte anderes. Ihr unauffälliges Talent war, dass das Leben von Johannes keinen Knoten bekam. Sie rief Menschen an, bevor er an sie dachte. Sie fand die passenden Worte für Kundschaft, wenn er schroff war. Sie blieb wach, wenn er in der Nacht zeichnete, und kochte zu unmöglichen Uhrzeiten dunkelstarken Kaffee auf einer alten Herdplatte in einer Kupferkanne, die sie vor zwei Jahrzehnten aus Istanbul mitgebracht hatte.
Sie war fünfundfünfzig, und auch die Leute nannten sie: Eine sehr angenehme Frau. Still. Unaufdringlich. Die Hintergrundmusik seines Lebens.
Katharina, sagte Johannes, als sie die Hand auf der Türklinke schon hatte, es soll nicht hässlich werden.
Sie drehte sich halb um, als hätte sie das schon alles viermal geträumt.
Es ist längst hässlich, Hannes.
Ich meine juristisch. Ich habe einen Anwalt. Wir sollten…
Ich rufe dich an. Morgen, vielleicht übermorgen.
Sie ging hinaus.
Im Treppenhaus schwebte der Geruch von Bulette von der Nachbarin, dazu frische Ölmalerei, aufgetragen auf das Geländer, dessen Farbe noch abblätterte wie goldene Herbstblätter. Katharina knöpfte den Mantel zu. Das Handy lag im linken Mantelsaum. Zwei zusammengelegte Papierseiten im rechten, für den Zweck selbst eingenäht, weil es in diesem Mantel keine richtigen Taschen gab. Der Vertrag mit der Galerie Falter und ein Scheck in Euro. Sie griff nicht danach. Sie kannte die Höhe.
Der Aufzug röchelte und schwieg. Katharina ging vom fünften Stock zu Fuß hinab, die Finger an Schichten aus abblätterndem Lack, und trat hinaus in die Stadt.
Es war Februar. München im Februar war ehrlich. Kein Licht, kein Prunk. Nur grauer Himmel, nasser Asphalt, Wind, der Geheimnisse wusste, von denen man selbst nichts mehr ahnte.
Katharina stellte den Kragen auf und ging zur U-Bahn.
Sie hatte Johannes kennengelernt, als sie siebenundzwanzig war. Er konnte schon damals Räume für sich gewinnen. Sie konnte damals zeichnen. Nicht nur so tun als ob Menschen blieben stehen und sahen und schwiegen. Sie beendete die Akademie, mit einer Diplomreihe, die die Hochschule für Junge Kunst nach Helsinki schickte, und ein Galerist dort sagte, sie müsse unbedingt weitermachen.
Auch Johannes sagte ihr, sie sei was Echtes. Seine Melodie war anders, aber sie hörte, was sie hören wollte.
Zunächst zeichnete sie weiter. Dann weniger. Dann kaum noch. Dann kam Moritz, und Zeichnen wurde Geschichte, wie Studentenmützen oder Jeans Größe sechsunddreißig. Die Leinwände verstaut im Kellerraum. Fahrräder im Kellerraum, dann verschwanden die Fahrräder, die Leinwände blieben.
Moritz wuchs und zog nach Berlin. Johannes gewann Preise. Katharina regelte Haushalt, Kunden, Kalender, Hemden, Launen. Eine richtige Arbeit. Sie beschwerte sich nie. Sie fragte sich vielleicht manchmal, aber wenn, dann sehr leise, und begrub ihre Antworten neben den Leinwänden.
Dann der Abend bei Peters Firmenfeier, Landhaus, viele Menschen. Johannes spähte nach Bedeutung, sie stand am Buffet und hörte, wie eine Frau zur anderen sagte: Ach, das ist die Frau Ebeling. Die Architektenwitwe. Sehr angenehm. So still. Die beiden sind lange zusammen.
Sehr angenehm. So still.
Katharina griff ein Glas Mineralwasser und trat ans Fenster. Draußen ein Garten, Nacht, grüne Lichter auf kaltes Gras. Sie dachte daran, dass sie zuletzt vor sieben Jahren gezeichnet hatte. Einen kleinen Skizzenkopf von Moritz zu Silvester. Nicht mal fertig.
Dort, am Fenster, bewegte sich etwas. Nicht sichtbar, eher wie ein winziger Sprung im Glas. Ein Riss im Ton.
Sie erzählte Johannes nichts. Sie sprach generell mit ihm nur über das Nötigste: Deine Suppe steht im Kühlschrank. Morgen um drei kommt Kundschaft. Moritz hat angerufen, sagt Hallo. Ihre Gespräche wurden zur Brieftaubenpost. Wann das passiert war, wusste sie nicht mehr. Es war passiert, wie Nacht langsam wird.
Sie begann im Stillen. Das Wort war eigenartig, aber es traf. Heimlich, weil sie nicht wusste, wo das hinführte, und niemand Zeuge ihrer ersten Versuche sein sollte schon gar nicht er.
Sie kaufte einen kleinen Skizzenkasten und Aquarelle in einem Laden in Schwabing. Bar bezahlt. Nach Hause getragen im Supermarktbeutel, versteckt im alten Spielzeugschrank bei Moritz, unter Wolldecken.
Sie zeichnete, während Johannes bis neun schlief. Sie stand um sechs auf. Drei Stunden. Drei Stunden am Tag, die ganz ihr gehörten.
Die ersten Werke waren schlecht. Die Hände erinnerten sich, aber nicht genug. Die Augen sahen eines, das Bild zeigte etwas anderes. Sie ärgerte sich nicht. Sie arbeitete. Wortlos, unbeobachtet, einfach für sich.
Dann kam es zurück. Nicht wie Sommer, sondern wie Wärme in zu lange gefrorenen Finger: erst Kribbeln, dann Schmerz, dann Leben.
Sie wollte keine Landschaften mehr und keine Blumen in Vasen. Sie wollte Frauen malen, alltägliche, nicht mehr junge, unscheinbare Frauen. In Wartezimmern, an Fenstern, auf leeren Küchenstühlen. Frauen, die man übersah. Frauen, die Kulisse geworden waren.
Die erste Serie: Hände. Arbeitende, müde, schlaue Hände, die hielten oder losließen. Sie nannte sie Halten.
Dann kam die Serie über Rücken. Menschen, die Rücken zeigen, und wie darin ganze Leben stehen.
Danach noch eine. Und noch eine.
Als Künstlername: Irmengard. Der Name ihrer Mutter, den sie nie laut sagte, nur in Dokumenten, nur an den E-Mail-Anhang einer eigens angelegten Adresse. Einfach Irmengard.
Sie wollte es niemandem zeigen. Dann doch. Zufällig, über einen gemeinsamen Bekannten, der Ateliertouren machte und dem sie eines Tages im Traum vielleicht, im Moment der Wildheit Fotos von drei Arbeiten schickte: Schau mal, wenn du Zeit hast. Mich interessiert nur deine Meinung.
Er rief nach zwei Stunden an. Die Stimme sagte schon alles, bevor er sprach.
Katharina, das ist ernst. Sehr ernst. Wer hat das gemalt?
Eine Bekannte. Ältere Frau.
Ich muss sie kennenlernen.
Sie kommuniziert noch nicht direkt. Noch nicht.
Ein Monat später sah ein Kurator aus Berlin ihre Arbeiten. Drei Monate danach kam eine Mail von der Galerie Falter aus Lyon sie wollten Zusammenarbeit.
Katharina saß allein in der Küche, las diese Mail auf dem Laptop fünfmal, bis sie begriff, dass sie vollkommen ruhig war. Dass sie es wusste. Dass der Moment längst Teil ihres Lebens war.
Sie beantwortete die Mail.
Das war vor zwei Jahren. Seither verkaufte die Galerie dreiundzwanzig Arbeiten, vier gingen in Sammlungen in Frankreich und Belgien. Eine Kunstzeitschrift nannte Irmengard die Stimme einer unsichtbaren Generation. Es war von Einzelausstellung in Lyon die Rede.
In diesen zwei Jahren hatte Johannes eine neue Frau. Sie hieß Anneli, war vierunddreißig, Projektmanagerin und sah Johannes an wie Katharina einst. Damals war sie siebenundzwanzig und wusste nicht, was werden würde.
Katharina wusste von Anneli, nicht, weil sie spionierte. Eines Morgens lag das Handy offen auf dem Küchentisch, er bat sie, auf einen Anruf zu achten. Kein Anruf von Krüger. Aber Anneli schrieb.
Sie machte keine Szenen, stellte keine Fragen. Offenbar glaubte Johannes sie sei ahnungslos. Vielleicht war das bequemer.
Am Morgen meinte er, sie sollten sich trennen. Er sei müde, sie wären längst nicht mehr wirklich zusammen, sie hätten etwas Besseres verdient. Die Phrasen hatte er sicher im GEO-Magazin gelesen, in Ratgebern für Trennungen ohne Schuldgefühle.
Sie stritt nicht. Er erwartete vielleicht Tränen, vielleicht Kampf. Aber sie schwieg, fixierte seine Hände. Irgendwann stoppte auch seine Rede, und draußen fuhr ein Bus vorbei und die Stille schnitt.
Willst du nichts sagen?
Später. Nicht jetzt.
Er verstand nicht, holte ihren Mantel aus dem Flurschrank, reichte ihn wie ein Oberkellner.
Sie ging.
Jetzt stand sie am U-Bahnsteig und wusste nicht, wohin. Im rechten Taschenbeutel der Vertrag. Im Kopf merkwürdige Stille.
Sie rief Ulrike an. Ulrike, Freundin seit der Akademie, wohnte in Sendling, war Bibliothekarin und konnte zuhören wie kaum jemand, immer halb ironisch und doch vollkommen ernst.
Ich muss irgendwo schlafen, sagte Katharina.
Der Schlüssel liegt unter der Matte. Bin in einer Stunde da. Tee steht auf dem Herd.
Katharina fand Schlüssel, Wohnung, Bücher, getrocknete Blumen im Einweckglas. Der Kater Ludwig kam, schnupperte an ihren Schuhen.
Katharina hängte den Mantel auf, holte die beiden Blätter aus der Tasche, legte sie auf den Tisch. Schaute sie an. Dann setzte sie Wasserkessel auf.
Als Ulrike kam, saß sie am Tisch und beobachtete das Straßenlicht gegenüber.
Und?
Er bat mich, zu gehen.
Eine Pause.
Und, bist du okay?
Seltsam, aber ja.
Ulrike hängte den Mantel auf, schaute auf die Blätter.
Was ist das?
Das ist meine neue Zukunft, sagte Katharina.
Ulrike las. Schaute auf.
Irmengard? Das bist du?
Ja.
Behutsam legte Ulrike die Papiere ab.
Und jetzt?
Eine Wohnung. Große Fenster.
Zehn Tage später mietete Katharina ein Atelier im Giesinger Bahnhofsviertel. Ein ehemaliges Lager, hohe Decken, rohe Ziegelwände, weiß gestrichen. Kalt, laut, nach Öl, Holz und industriellem Regen duftend. Perfekt.
Mit einem Koffer zog sie ein, kaufte ein Klappbett, einen Tisch, einen Stuhl, einen Wasserkocher erst später Bett und Kühlschrank. Sie hatte gerne, dass das Loft leer war. Sie hörte es atmen.
Die Hälfte des Lofts: Atelier. Neue Leinwände, neue Farben. Über Ulrike kamen aus Lyon zwischengelagert einige unfertige Werke, die sie fertigstellen wollte. Terpentinduft, Ölfarbe, Leim das war der Geruch, der ihr gefehlt hatte. Nicht Worte. Nicht Aufmerksamkeit. Dieses Fehlen.
Moritz rief eine Woche nach ihrem Auszug an.
Mama, Papa sagt, ihr trennt euch.
Ja.
Geht’s dir gut?
Sehr.
Er meint, du hättest eine Wohnung?
Ein Loft.
Loft? Ist das… gut?
Sehr.
Er schwieg.
Wenn du was brauchst ich komme vorbei.
Danke, Moritz.
Der Kurator hieß Paul Kressler. Zweiundfünfzig, lebte zwischen Berlin und Lyon, förderte deutsche Gegenwartskunst und sah Dinge.
Zunächst kannten sie sich per Mail, dann per Telefon. Katharina nannte ihm lange nicht ihren Namen. Er schrieb an Irmengard. Ihr gefiel es, nicht zugehörig zu sein. Keine Rolle, einfach Künstlerin. Nur Respekt für die Arbeit.
Das erste Treffen: März, Berlin. Sie trat vor Paul ins Café, kleiner grauhaariger Mann in Wollmantel, überlas Kaffeetassen und tippte gedankenverloren am Handy.
Irmengard?, fragte er.
Katharina Ebeling. Irmengard ist nur mein Pseudonym.
Er schüttelte ihre Hand.
Warum geben Sie sich zu erkennen?
Jetzt ist die Zeit.
Sie redeten drei Stunden. Über Arbeit, Ausstellung, Wünsche. Er hörte richtig zu, nicht aus Höflichkeit.
Sie sind schon lange in München?
Immer. Aber das wird sich ändern.
Lyon bietet gute Bedingungen.
Ich weiß. Ich überlege.
Draußen verabschiedete er sich:
Ich kenne gute Kunst, professionelle, kluge Kunst. Ihre ist anders. Da ist etwas, das man nicht erfinden kann.
Sie ging zur U-Bahn. Und dachte: So müsste man reden, wenn man meint, was man sagt.
Johannes’ Alltag löste sich fast lautlos anders auf das erfuhr sie erst später von Ulrike, die alles wusste. Anneli, die neue, konnte keinen Alltag schaffen. Johannes war gewohnt, dass das Leben sich selbst sortierte: Essen war da, Kleidung sauber, Pläne klar. Nun war es nicht mehr so.
Im März verlor Johannes einen großen Auftrag. Ein Mitbewerber war besser. Es war unangenehm, aber nicht fatal. Schlimmer: In seinem Architekturbüro begann es zu kriseln. Zwei Führungskräfte gingen, einer davon zum neuen Konkurrenten. Katharina managte nie direkt das Unternehmen, aber immer die Leute, kannte die Namen, die Geburtstage, die leise Spannungen, wusste, wer Zuspruch, wer einfach Anerkennung brauchte. Nichts davon blieb.
Johannes suchte nach Erklärungen. Er dachte, er hätte eine Ehefrau verloren. Er hatte ein System verloren, das immer unsichtbar funktioniert hatte.
Katharina malte. Viel. Gierig, wie mit junger Ungeduld. Sie begann um sechs Uhr, malte bis Mitternacht, fiel dann ins Bett. Sie war müde von guter Arbeit.
Ihr Körper wurde anders. Weite Hosen, dicke Wollpullis, sie dachte nicht mehr über ihr Aussehen nach. Das Haar flocht sie lose oder steckte es mit einer alten Spange. Am Handgelenk der Silberarmreif der Mutter, stets in Farbe getunkt.
Ulrike kam sonntags. Sie tranken Tee im Atelier, Ulrike betrachtete die Bilder, schwieg, dann sagte sie Sätze, die trafen. Die da. Die tut am meisten weh. Oder: Die ist fertig, lass es so. Ulrike kannte keine Technik, sie spürte Malerei wie Musik mit Haut und ohne Worte.
Im April kam Paul nach München.
Im Atelier blickte er stumm die Bilder an. Katharina kochte Kaffee auf der mobilen Platte und drängte nicht.
Katharina, sagte er schließlich.
Ja.
Das ist eine fertige Ausstellung.
Teilweise weiß ich das.
Ganz. Einunddreißig Werke. Eine Sprache. Es ist soweit.
Ich will noch zwei, drei malen.
Wie viel Zeit?
Zwei Monate.
Gut. Dann: Herbst, Lyon, Oktober.
Sie reichte ihm den Kaffee.
Haben Sie einen Titel?
Anatomie der Unsichtbaren.
Er hielt inne.
Autobiografisch?
Irgendwie. Aber nicht nur.
Genau deshalb funktioniert es. Es ist für alle.
Sie sprachen bis zum Sonnenuntergang. Danach Abendessen in einem kleinen Restaurant am Isarufer, Fisch, Stille, Gespräche, die langsam von Kunst zu anderen Themen übergingen. Es war leicht, ungezwungen.
Am Rückweg über die Brücke, Wasser, glänzender Silberarmreif im Laternenlicht, spürte sie etwas: Sie litt nicht. Kein Schmerz, keine Groll. Nicht mal Trauer ums Alte. Etwas anderes war da. Etwas Ruhiges, wie das Metall unter der Haut.
Die Scheidung wurde im Juni unterschrieben. Leise, ohne Streit. Keine Ansprüche auf die Wohnung. Johannes bot Geld, sie lehnte ab. Er war fassungslos.
Katharina, das ist nicht fair. Du…
Ich habe, was ich brauche. Wie ich es Moritz sagte.
Er verstand nicht, schaute sie an eine Mischung aus Ratlosigkeit und Frust. Er erwartete Zusammenbruch, kämpfen. Sie tat beides nicht.
Wie lebst du?, fragte er nach der Unterschrift.
Gut.
Ehrlich?
Ehrlich.
Arbeitest du?
Ja.
Was?
Nach kurzem Überlegen: Ich male.
Er sah sie an, dann nickte er und diskutierte nicht.
Wenn du Hilfe brauchst…
Ich rufe dich an. Danke, Hannes.
Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie seinen Namen gern sagte. Kein Zorn, nur eine leise müdere Traurigkeit. Über Zeit.
Den Sommer verbrachte sie im Atelier, fuhr manchmal für ein paar Tage aufs Land, mal nach Passau, mal Dorf an der Donau, wo Ulrikes Schwester lebte. Sie malte überall. Immer ein Skizzenbuch und Aquarell mit. Marktfrauen, Frauen am Caféfenster, Mädchen im Bus. Unsichtbare. Sie sammelte Unsichtbare.
Im August kam Paul noch einmal auf dem Sprung nach München. Das war ein Detail, aber sie bemerkte es. Nicht für die Ausstellung, sondern für sie.
Sie besuchten die Pinakothek. Sprachen, blieben lang vor jedem zweiten Bild stehen. Bei den Niederländern erklärte Paul das Licht in holländischer Malerei, und sie erzählte, was sie als Malerin darin fand. Am längsten standen sie vor einer alten Frau am Fenster mit einem Brief.
Eine Unsichtbare, sagte Paul leise.
Ja, sagte sie.
Danach Kaffee im Museum. Paul fragte:
Denken Sie an einen Umzug nach Frankreich? Nicht für die Ausstellung. Zum Leben.
Sie schaute auf Innenhof und Herbstlaub.
Ich denke darüber nach.
Lyon ist gut. Aber ich mag das nur, wenn Sie es gerne denken.
Sie lächelte.
Sie fragen zwei Dinge gleichzeitig.
Ja. Verzeihung.
Sie müssen sich nicht entschuldigen. Sie schaute in den Garten. Ich denke ernsthaft drüber nach.
Das Thema blieb offen. Aber etwas war anders.
Zurück im Loft sie malte bis spät. Die letzten Arbeiten liefen wie von selbst. Ein Knoten war auf.
September: Kisten. Spezialisten packten, sie sah zu, gab Hinweise. Sie kannte jede Leinwand: welcher Farbton, welche Kante, wo sie korrigierte, wo nicht. Der Abschied war seltsam. Nicht traurig. Anders.
Moritz rief im September an.
Mama, Papa sagt, du hast eine Ausstellung?
Ja.
Wo?
In Lyon. In Frankreich.
Pause.
Du reist nach Frankreich?
Ja.
Wann hast du das alles geschafft?
Schon lange, Moritz.
Du bist Malerin?
Ja, einfach.
Stille.
Darf ich kommen?
Natürlich. Schön wär’s.
Wie heißt die Ausstellung?
Anatomie der Unsichtbaren.
Wieder Pause.
Geht es um dich? Ganz leise.
In gewisser Weise. Und um viele andere.
Die Ausstellung öffnete im Oktober. Die Galerie Falter war alt, Steinböden, hohe Decken, jeder Schritt machte Kreise. Sechsunddreißig Bilder. Frauen. Hände, Rücken, Gesichter im Profil, Körper am Fenster, an Türen. Sie waren nicht jung, nicht auffällig alle lebendig, alle echt.
Vernissage, Freitag. Katharina stand am Fenster, schlichtes Kleid, Armreif, beobachtete. Die Besucher blieben stehen, einige lange. Eine alte Dame mit Silberhaar stand vor einem Bild einer Frau in leerer Küche. Sie stand lange, dann wischte sie sich mit Taschentuch die Augen.
Paul trat zu Katharina.
Sehen Sie sie? leise.
Ja.
Dafür macht man das.
Ja.
Ein Händedruck. Der Armreif klang leise.
Katharina wusste nicht, dass Johannes auch in Lyon war. Geschäft, Partner, sie schlugen eine interessante Ausstellung vor deutsche Künstlerin, Irmengard. Spannend.
Johannes mochte keine zeitgenössische Kunst. Linien, Funktion, alles musste Sinn haben. Pflichtbewusst ging er, fünf Minuten sollten genügen.
Er lief durch die Galerieräume im dritten stockte er.
Da war eine Frau am Fenster, mit dem Rücken zur Ansicht. Schultern gesenkt, Hände vorne, nicht sichtbar aber spürbar. Johannes kannte diese Pose schmerzlich vertraut.
Er las: Warten. 2024.
Weiter.
Raum vier. Hände. Hände vom Leben gezeichnet, ein schlichter Silberring, leicht verrutscht. Diesen Armreif das war ihr.
Er blätterte den Katalog auf, die Künstlerin: Biografie kurz, München, Lang nicht ausgestellt, seit zwei Jahren Irmengard. Foto: Sie, halb gewendet, einfaches Kleid, der Armreif.
Er starrte lange.
Dann hob er den Kopf. In der Fensternische, weit hinten, stand sie. Sie lachte mit Paul, redete, zeigte, dass sie angekommen war.
Johannes hätte zu ihr gehen können. Sie ansprechen. So groß war die Galerie nicht.
Er ging nicht.
Er stand eine Weile, ging dann hinaus. Oktober in Lyon, Licht golden, Kastanien- und Kaffeeduft, Menschen, Stimmen, Straßenbahnen. Er kaufte einen Espresso und setzte sich ans Fenster.
Ein Gedanke kreiste, er fand kein Wort: Nicht Wann? Nicht Warum? Mehr wie wie war das möglich, einen Menschen, den man kannte, Tag für Tag, gar nicht wahrzunehmen. Nur als Wand, als Möbel, als Selbstverständlichkeit.
Der Espresso war getrunken, Johannes legte Euro heraus, ging.
Katharina signierte gerade für die Silberhaarige einen Katalog.
Wissen Sie, das bin ich dort auf dem Bild. Die Küche, das bin ich. Ich weiß nicht, wie Sie das gemacht haben, aber das bin ich.
Das sind viele, sagte Katharina.
Aber ich war zuerst, sagte die Frau stolz, und sie lachten.
Moritz kam am Sonntag. Frühflieger, dann Galerie, Umarmung. Er war groß geworden, seinem Vater ähnlich, verloren, wie einer, der in eine andere Welt gerät.
Er ging durch die Räume, schwieg. Sie ging mit, schwieg auch.
Vor dem Wartendenbild blieb er lange. Vor der Küche ebenso. Dann:
Mama. Weiter nichts.
Ja?
Wann hast du das begonnen?
Lange her. Du wusstest es nur nicht.
Du hast mir nichts gesagt.
Nein.
Warum?
Sie dachte nach.
Erst musste ich für mich klären, ob es richtig ist.
Er nickte. Sah wieder das Bild an.
Das ist sehr gut, Mama.
Ich weiß, diesmal ohne falsche Bescheidenheit.
Er sah erstaunt, dann lächelte.
Du hast dich verändert.
Ein wenig.
Mehr. Du bist anders. Besser… nicht dass du vorher schlecht warst, aber…
Ich versteh dich, sagte sie. Ich fühls auch.
Sie aßen zu dritt. Paul war ein Mann, mit dem Moritz rasch redete. Sie sprachen über Architektur in Lyon, Gebäude, Umbauten. Moritz war neugierig, Paul wusste viel.
Katharina schaute die beiden an. Das war auch Glück. Nicht müssen, nichts organisieren, einfach dasein.
Moritz reiste abends ab. Vor dem Taxi hielt er ihre beide Hände.
Bleibst du länger in Frankreich?
Vielleicht. Ich weiß noch nicht.
Paul ist ein guter Mensch?
Ja.
Bist du glücklich?
Sie dachte nach, ehrlich.
Ja, Moritz. Ich glaube.
Er nickte.
Das ist gut.
Harte Umarmung, dann ging er. Wandte sich noch einmal um.
Mama.
Ja?
Die Bilder sie sind richtig gut.
Sie sah dem Wagen nach.
Johannes kehrte am Sonntag zurück. Die Münchner Wohnung kalt, Aline bei einer Freundin. Tee aufgesetzt, eine Tasse genommen.
Die Kupferkanne von Katharina stand noch da. Sie wusste nicht warum. Vielleicht vergessen, vielleicht Absicht.
Er nahm das Kännchen, es war leicht und warm. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt selbst darin Kaffee gemacht hatte. Katharina kochte immer.
Er kochte Tee.
Setzte sich ans Fenster.
Draußen München, Oktober, Nässe, gelbe Lichter, irgendwo bellte ein Hund.
Er dachte nicht konkret. Eher so. Über das Leben, wie es war und wie schnell es sich ändert. Wie still alles verschwinden kann, was immer da war.
Er hatte in Lyon sechsunddreißig Bilder gesehen. Sechsunddreißig Leben im Schatten. Und eine kannte er. Hatte sie täglich gesehen, und doch nicht. Nie wirklich.
Das Telefon blieb stumm. Aline würde später schreiben.
Tee lauwarm, Licht draußen gelb. Irgendwo brummte ein Fernseher.
Johannes blieb noch lange so. Dann spülte er Tee weg, spülte die Tasse. Stellte sie akkurat hin.
Die Kupferkanne blieb.
In Lyon gingen Katharina und Paul vom Abendessen über die Brücke zurück, Rône unter ihnen, Oktober, das Licht zog sich wie gelbes Haar über das Wasser. Es roch nach Herbst.
Morgen letzter Tag, sagte Paul.
Ich weiß.
Wissen Sie schon, was danach ist?
Eine Werkstatt. Große Fenster. Nord- oder Ostlicht, nah zur Galerie.
Kann ich machen.
Und noch etwas.
Was?
Sie blickte aufs Wasser.
Ich will gesehen werden. Nicht als sehr angenehm. Nicht als jemandes. Einfach als ich.
Paul blieb stehen. Sie auch. Der Wind fing das Licht auf das Wasser. Ihr Armreif fühlte sich kalt an, dann warm.
Katharina, ich sehe Sie seit dem ersten Bild. Ich sehe eine Künstlerin. Einen Menschen. Sie, sagte Paul.
Sie sah aufs Wasser, dann auf den Armreif.
Gut, sagte sie.
Sie gingen weiter.
In München knipste Johannes das Licht aus, setzte sich an den Schreibtisch, Pläne, ein laufender Entwurf, Abgabetermin im November. Er zeichnete.
Draußen glühte München weiter, ein bisschen dunkel, ein bisschen trocken. Die Wohnung leise. Johannes mit Entwürfen und Stille.
In Lyon saß Katharina im kleinen Hotel am Fenster, Block auf den Knien. Nicht malen, schreiben. Über Wasser, Reflexionen, über das Gefühl, gesehen zu werden.
Der Armreif lag auf der Fensterbank, das alte Silber nahm Licht vom Laternenpfeiler und bewahrte es.
Draußen war Lyon. Ihr Lyon. Vielleicht für länger.
Sie schloss den Block, hob den Armreif auf, legte ihn ans Handgelenk.
Irmengard, sagte sie leise und lächelte in die Nacht hinein.





