Eine 56-jährige Frau namens Hildegard begann zu altern. Nun ja, daran ist wirklich nichts Sensationelles das passiert schließlich jedem, irgendwann ist einfach die Zeit gekommen. Nur war Hildegard ziemlich schockiert, wenn sie morgens ihr Spiegelbild sah. Der Alterungsprozess schien sich rasant zu beschleunigen, als hätte jemand heimlich jeden Tag ein Stück Jugend und Schönheit abgetragen und stattdessen ein bisschen Faltenpuder darüber getupft.
Dabei hatte sie bis vor Kurzem noch richtig gut ausgesehen! Jedenfalls erlebte sie das immer auf dem Weg zur Arbeit, wenn Herr Alfred Scholz ein uralter Herr, der zu jeder Jahreszeit wie angewurzelt auf der Parkbank im Hinterhof saß ihr freundlich zunickte. Er lüftete dann seine karierte Schiebermütze oder im Winter die dicke Lammfellmütze und rief: Ui, wie gut Sie aussehen! Welch hübsches Fräulein Sie doch sind!
Hildegard spazierte dann mit einem spitzbübischen Grinsen an Alfred vorbei stets in Eile, aber kurz war ihr Tag gleich schöner. Und tatsächlich: Den ganzen Tag hagelte es Komplimente, sie wirkte belebend auf die Menschen. Fast könnte man meinen, sie sei mit ihrem Spiegelbild wieder im Reinen.
Doch plötzlich fiel ihr auf, dass der alte Alfred schon ewig nicht mehr auf der Bank saß. Sie fragte die Nachbarn und erfuhr, dass man ihn ins Seniorenheim gebracht hatte. Die Verwandtschaft schaffte das mit der Pflege nicht mehr, und die Kinder lebten inzwischen in ganz Deutschland verteilt von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen. Im stolzen Alter von 90 braucht man halt ein bisschen mehr Unterstützung.
Hildegard vergaß für einen Moment ihre Sorge ums Älterwerden. Immer wieder dachte sie an den Herrn Scholz und beschloss eines Sonntags, ihn zu besuchen. Sie besorgte einen Korb mit Nürnberger Lebkuchen und fuhr mit dem Bus quer durch die Stadt zum Heim am Stadtrand. Und siehe da sie fand Alfred wirklich!
Er saß gemütlich in einem Ohrensessel und aß, stilecht, einen Teller Grießbrei mit viel Butter. Als er Hildegard sah, strahlte er wie ein Kind an Weihnachten und rief: Ach, wie freue ich mich! Sie sehen wieder prächtig aus! Was für eine schöne Dame Sie doch sind!
Bald kamen noch mehr Bewohner und Bewohnerinnen des Heims aus ihren Zimmern und zuträllerten Hildegard mit Komplimenten und Herzlichkeit. Zu Hause schaute sie später neugierig in den Spiegel und tatsächlich: Die Wangen waren rosig, die Augen funkelten, Locken ringelten sich fast wie von selbst, und die kleinen Fältchen wirkten irgendwie weniger dramatisch. Sie sah, Hand aufs Herz, mindestens fünf Jahre jünger aus. Schönheit und Jugend standen plötzlich wieder vor der Tür sowas erlebt man selten!
Ab diesem Tag fuhr Hildegard jeden Sonntag ins Seniorenheim. Sie half aus, malte, las vor und gab jede Woche eine kleine Tanzstunde. Nicht, um ihre Jugend zurückzubekommen das passierte mehr so nebenbei. Ihr wurde einfach das Herz warm, wenn sie etwas Gutes tun konnte. Plötzlich fühlte sie sich wie eine Enkelin oder Tochter für viele, und die Bewohner begegneten ihr mit Herzlichkeit.
Manchmal braucht man eben ein freundliches, echtes Kompliment. Andere Menschen sind wie Zauberspiegel: Ist das Zusammensein schön, strafft sich der Rücken, der Gang wird beschwingt, die Augen bekommen Glanz, und die Mundwinkel zeigen nach oben. Mit anderen wiederum läuft man wie Gollum durch den Tag krumm, grummelig, grau.
Darum sollte man sorgsam mit diesen magischen Spiegel-Menschen umgehen, mit den ehrlich herzlichen, die das Gute sehen. Und für die alten Menschen besonders sorgen solange sie da sind, sind wir auch noch jung, weil wir helfen können. Das dachte jedenfalls Hildegard, die ihre Schönheit wiederfand, einfach weil sie ein bisschen Freude verschenkte. Und, wie sie fand, hatte sie damit ziemlich recht.



