Silvesterbesuch
Mama kommt über alle Feiertage zu uns. Ich habe ihr schon das Bahnticket gekauft, sagte Sabine am Telefon, als bestelle sie eher neue Gardinen, als dass sie den Besuch der wichtigsten Frau ihres Lebens ankündigte.
Sag mal, bist du völlig übergeschnappt? entfuhr es Karl, bevor er sich sein übliches Pokerface aufsetzen konnte und dabei hatte er doch gerade erst versucht, seine rationale Ruhe zu bewahren. Wo soll sie denn hier hin? Wir haben doch die Party mit meinen Kollegen geplant. Ganz München taucht auf!
Karl, es ist meine Mutter. Und ihr wäre es über die Feiertage sonst einsam. Nur zehn Tage.
Zehn Tage! In seinem penibel durchgestylten Reich, das er so konsequent abstaubte, dass sich selbst der Hausstaub unter den Teppich schämte, explodierte nun ein lebendiger, atmender Splitter eines völlig fremden Kosmos.
Karl blickte auf das Handydisplay, das noch ein Foto von Sabine im Badeanzug an irgendeinem griechischen Strand aufleuchten ließ. Sie grinste so sorglos in die Kamera, als hätte sie keine Ahnung, was sie gerade angerichtet hatte oder sie wusste es viel zu gut.
Sabine, hör mal er rang sich zusammen es geht nicht um deine Mutter. Es ist nur gerade kein guter Zeitpunkt. Vielleicht im Februar? Oder im Frühling?
Sie ist achtundsechzig, Karl. Es gibt nicht immer noch einen Frühling.
Das saß. Renate Becker war eine kernige Frau, die letzten Herbst noch eigenhändig zehn Kilo Kartoffeln im Schrebergarten umgegraben und so delikate Pilze eingelegt hatte, dass ein einziger Geruchsschnuppern jeden Feinschmecker schwach gemacht hätte. Aber Sabine drückte genau auf die passende Taste, und Karl spürte, wie innerlich irgendetwas nachgab.
Na gut, seufzte er, aber wir müssen uns absprechen. Ich kann die Party nicht mehr absagen. Verstehst du?
Klar. Kein Problem, meinte Sabine fröhlich und erzählte prompt weiter von irgendeinem Kurs für Stand-Up-Paddling.
Karl legte das Handy auf die Glasplatte der Kücheninsel und ließ seinen Blick durch die Wohnung schweifen. 120 Quadratmeter im neuen Wohnkomplex an der Leopoldstraße, bodentiefe Fenster, durch die abends München glitzerte als hätte er die Isar-Stadt ganz allein gekauft. Betonwände in Schiefergrau, freiliegende Rohre wie in einer hippen Altbauwohnung, Möbel von italienischen Designern, die er einzeln monatelang zusammengekauft hatte. Alles teurer als Renate Becker in zehn Jahren Krankenpflegerinnenrente zusammenbringte.
Und jetzt sollte sie hier einziehen, für zehn lange Tage.
Karl zapfte sich einen Kaffee aus dem Aurum-Vollautomaten, der 37 verschiedene Spezialiäten nicht nur brauen, sondern dabei auch noch aussehen konnte wie ein Spaceshuttle natürlich mit Latte Art und perfekter Crema.
Er erinnerte sich, wie Renate vor fünf Jahren beim Umzug geholfen hatte, als die Wände noch weiß und die Möbel billig vom Möbelschweden waren. Renate watschelte durch die Zimmer, wusch Fenster, grantelte gekonnt die Bauarbeiter an und setzte dann aus dem, was sie in ihrer Tasche fand, ein Süppchen an. Gegessen haben sie zu dritt sitzend auf der Fensterbank.
Schönes Zuhause habt ihr, sagte Renate damals. Hell ists. Da können Kinder gut wachsen.
Karl nickte nur. Kinder hatten zu diesem Zeitpunkt nicht in seinen Lebensplan gepasst. Sein Fokus lag auf Karriere, Auto, Fernreisen. Kinder? Später vielleicht. Es gibt ja schließlich immer ein später.
Fünf Jahre vergingen. Keine Kinder. Aber dafür die immer schickere, immer kühlere Wohnung. Und nun sollte Renate Becker wieder einziehen.
***
Sie kam am 29. Dezember, als draußen dicke Flocken alles einhüllten und im Fernsehen längst die ersten Silvester-Shows liefen. Karl erwartete sie am Hauptbahnhof, gekleidet in seine neueste Funktionsjacke, stand er vor seinem silbernen BMW X5 und suchte das unscheinbare Mütterchen im altrosanen Steppmantel in der Menschenmenge.
Renate rollte nur einen abgegriffenen Trolley hinterher und schleppte dazu eine Plastiktüte. Ihr Gesicht wirkte müde, aber als sie Karl erkannte, huschte ein zufriedenes Lächeln über ihre Lippen.
Grüß dich, Karl!
Grüß Gott, Frau Becker. Ich nehme Ihnen die Tasche ab.
Die Tasche war, wie immer, verdächtig schwer. Bestimmt hat sie wieder Gläser mit Marmelade, Essiggurkerln und Landbrot dabei alles Zeug, das in seinem Kühlschrank zwischen Trüffelbutter, Rucolasalat und Prosecco von Edeka Feinkost garantiert nicht untergebracht werden konnte.
Im Auto herrschte Schweigen. Karl ließ einen Jazz-Mix laufen, der ihm auf dem Arbeitsweg so kultiviert erschien. Renate schaute aus dem Fenster: Schnee auf den Straßen, Lichterketten in den Schaufenstern, Münchner mit Geschenktüten im Arm.
Gut angekommen? fragte er, einfach um die Stille zu brechen.
Ja, Zug war angenehm. Hatte eine nette Dame im Abteil, hat nur von ihren Enkeln erzählt.
Na, dann…
Und du? Viel Stress im Büro?
Jahresendspurt eben. Alles auf einmal.
Wieder Ruhe. Früher, als Karl noch Sabines Freund mit Potential war und sie öfters in Mutter Renates Häuschen in Freising eingeladen wurden, konnten sie stundenlang ratschen. Renate arbeitete im Kreiskrankenhaus, kam oft spät kaputt heim, deckte aber immer auf, hörte zu, schenkte Tee aus Omas Sammeltässchen nach. Er erzählte ihr von Studienplänen, von Startups, von Visionen. Sie hörte zu und ließ ihn träumen. Damals war Karl überzeugt, sie sehe in ihm mehr als nur irgendeinen Burschen.
Jetzt, als er im Rückspiegel auf ihre verwitterte Silhouette blickte, war da nur eine seltsame Unbeholfenheit.
***
Die Wohnung empfing sie mit makelloser Stille und fast zu viel Ordnung. Karl drehte das Licht auf, und Renate blieb auf der Schwelle stehen, staunte über graue Wände, Glasflächen und lampenförmige Skulpturen.
Also… flüsterte sie. Wie im Möbelkatalog!
Kommen Sie rein. Ihre Jacke bitte hier in den Schrank hängen.
Er zeigte auf den Einbauschrank, in dem seine Anzüge und Sabines Kostüme in Reih und Glied sortiert waren daneben wirkte ihr Mantel wie ein Relikt aus der Vorzeit. Renate hängte ihn ganz hinten auf, sehr vorsichtig.
Ihr Zimmer ist das da, sagte Karl und führte sie in das, was sie Arbeitszimmer nannten was eigentlich nur ein Gästedepot war. Schlafsofa, Schreibtisch, Bücher, keine Seele. Bettwäsche ist frisch, Handtücher liegen im Schrank.
Danke dir, Renate setzte sich aufs Bett, musterte alles. Feine Sache. Praktisch ists.
Machen sie es sich gemütlich. Haben Sie Hunger? Soll ich Tee machen?
Nein, danke. Im Zug war genug. Ich zieh mich nur schnell um und wasch mich.
Er ließ sie allein und ging in die Küche. Mineralwasser eingeschenkt, auf Ex. Zehn Tage. Irgendwie muss er das überstehen. Hauptsache, das Ding mit dem Silvesterabend läuft reibungslos.
Am 31. sollten seine Kollegen kommen. Eine bunte Mischung der bayerischen Upperclass: Jörg mit neuer Freundin, Conny mit der Frau von Mode-Magazin, Lena mit dem Architekten-Ehemann. Alle erwarteten, dass Karl wieder einen perfekten Abend organisierte: edlen Sekt, feine Häppchen, lockere Gespräche über Aktien, Golf und Ferienhäuser.
Und jetzt hockt da Renate. Im Hauskittel. Mit ihren Gesprächen über Wetter und Rückenleiden. Mit ihrem Blick, aus dem noch immer zu viel für Karl lesbar war.
Er tippte Sabine: Mama ist da, alles gut. Eine Minute, Herzchen und Smiley zurück. Irgendwo auf den Kanaren lag seine Frau unter Palmen und hatte typisch! nicht den Hauch von schlechtem Gewissen.
Renate kam inzwischen umgezogen aus ihrem Zimmer: dunkelblaue Strickjacke, graue Hose, Haare zum kleinen Dutt, nüchtern, würdig und dennoch wie ein Fremdkörper im glänzenden Ambiente.
Karl, darf ich bisschen die Küche herrichten? Vor den Festen mach ich immer alles gerne blitzblank.
Frau Becker, hier kommt vor Silvester der Service. Zwei Mal die Woche alles spezialgereinigt.
Ach Na, ich pack halt ein bisschen an. Oder soll ich dir fürs Fest was vorbereiten? Sabine meinte, ihr bekommt Besuch.
Da war es, das Gespräch, das er vermeiden wollte.
Ja, kommen welche Aber vor allem Kollegen. Es ist eher naja eine geschäftliche Sache. Also bisschen förmlicher.
Renate sah ihn an. Kein Vorwurf, nur Verständnis was ja bekanntlich schlimmer ist.
Mach dir keine Sorgen, Karl. Ich stör niemand. Setz mich aufs Zimmer, habe eh ein Buch.
Nein, nein also, ist ja nur, dass Sie sich entspannen. Alles kein Muss.
Ja, ja, ich weiß schon.
Renate holte aus ihrer Tüte Dosen hervor: saure Gurken, Pilze, Marmelade alles liebevoll in alten Weckgläsern. Sie stellte jedes wie einen Schatz vorsichtig auf die Arbeitsplatte.
Das ist für euch. Und Sabine natürlich. Die Gurken sind himmlisch geworden. Und Pilze du magst doch Pilze? Die sind fermentiert! Im Winter zu Kartoffeln unschlagbar.
Karl sah auf die Einweckgläser und fühlte diesen hässlichen Scham gemischt mit Unmut. Scham, dass er genervt war.
Danke, wirklich das ist nett.
Naja, immerhin für die Familie.
Familie. Er betrachtete ihre Hände, gezeichnet von Jahren im Dienst, das Gesicht mit den vielen Falten. Sie war früher eine sehr schöne Frau gewesen, das konnte man noch sehen. Ihr Mann starb jung bei einem Verkehrsunfall sie zog ihre Tochter alleine groß, arbeitete, sparte, damit Sabine alles bekam: Studium, Perspektiven.
Jetzt stand sie in dieser perfekt gestylten Küche und bot bescheiden ihre Gurken an.
Frau Becker begann Karl und wusste selbst nicht, was er sagen wollte. Ich hab nur gerade viel zu tun
Das weiß ich, Karl. Ich mach hier nicht viel Wind. In ein paar Tagen bin ich ja wieder weg.
Sie hielt sich tatsächlich zurück. Die nächsten zwei Tage stand Renate früh auf, bereitete still ihr Frühstück zu, räumte alles prompt weg, verzog sich mit ihrem Roman aufs Gästezimmer. Nur mittags kam sie in die Küche und fragte: Brauchst du was? Kann ich dir was kochen?
Nein danke, ich ess in der Kantine.
Er blieb so selten wie möglich daheim, fuhr früh ins Büro, blieb lange auf Meetings, und kehrte spät zurück, wenn nur noch eine Leselampe brannte und Renate schlief. Trotzdem spürte er sie überall: die geordnete Tasse, den Hauch von Eintopf, den gefalteten Plaid. Diese kleinen Zeichen von Fürsorge, die ihn eigentlich nur aus dem Konzept brachten.
Am 30. Dezember fasste er sich dann doch ein Herz.
Frau Becker, wegen morgen eventuell wäre es leichter, wenn Sie sich naja als Haushaltshilfe vorstellen? Nur, falls eben Fragen kommen Verstehen Sie?
Sie blickte von ihrem Buch auf, schaute ihn lange an. Und irgendwas in ihr erlosch.
Haushaltshilfe? Meinst also, ich soll so tun?
Ja es sind eben alles Geschäftsleute, Sie wissen ja
Was verstehen die denn nicht?
Er schwieg. Soll er ihnen sagen, dass seine Schwiegermutter in alten Bundfaltenhosen zu Besuch ist? Dass sich die Society darüber amüsiert, wie ambitioniert sein Netzwerk ist, während er im Endeffekt die Mama mit Berry-Joghurth im Flur versteckt?
Sie kennen es halt nur anders, murmelte er. Ich will nicht, dass es Ihnen unangenehm ist.
Mir? Renate lächelte traurig. Du meinst dir, Karl.
Ich wollte doch nur
Schon gut. Ich bin dann halt die Hilfe.
Sie las weiter, ohne umzublättern. Ihre Lippen wurden schmal, und Karl wusste, dass er Mist gebaut hatte.
Gehen Sie ruhig, Karl. Ich komme zurecht.
Er lehnte sich im Hausflur gegen die Wand, die Augen zu ein dicker, schwerer Kloß in der Magengrube. Aber es war, wie es war: Der Silvesterabend musste perfekt werden.
***
Am 31. früh rief Jörg an.
Karl, alles startklar für die große Gesellschaft? Zwanzig Uhr, gell?
Alles in bester Ordnung: Champagner ist kaltgestellt, Häppchen bestellt.
Dürfen wir vielleicht schon gegen sieben kommen? Meine Freundin ist so neugierig auf die Bude!
Bitte bleibt wirklich bei acht ich muss noch Kleinigkeiten vorbereiten.
Jörg lachte:
Na, dann wohl eine Überraschung in petto?
Halb zehn. Noch genug Zeit, sich zu grämen. Karl trank einen doppelten Espresso, als Renate schon mit Tee und Notizblock am Tisch saß.
Guten Morgen.
Morgen. Schreiben Sie Listen?
Nur einen schnellen Überblick, was im Kühlschrank abläuft. Kann gern noch Kleinigkeiten für heute machen vielleicht was Feines zum Knabbern?
Er wollte ablehnen dann fiel ihm ein, dass die bestellten Häppchen erst abends geliefert wurden.
Vielleicht ein paar Antipasti oder so?
Natürlich! Ich bin gleich dabei.
Sie schnippelte, rollte, werkelte mit einer Sorgfalt, als bräche gleich die “Alles für den Gast”-Sendung ins Haus.
Darf ich helfen?
Ach, setz dich lieber, Karl.
Er beobachtete sie und dachte, dass er sie so lebendig und gebraucht lange nicht mehr gesehen hatte.
Draußen schneite es weiter, München wirkte graziös wie eine bayerische Modelleisenbahn-Landschaft.
Erinnerst du dich, wie du zum ersten Mal Silvester bei uns gefeiert hast? fragte Renate, den Blick aufs Kanapee gerichtet. Da warst du noch Student, ohne Kohle, aber voller Pläne.
Ja, klar. Wir haben Gans gemacht, du hast geschuftet, ich hab einen ganzen Kübel Kartoffeln geschält.
Die ganze Nacht haben wir geratscht. Du warst voller Ideen, voller Energie. Ich habe immer gedacht: Der Junge, der bleibt sich treu.
Karl schwieg. Er hatte sich verändert. Früher ein hungriger Idealist, jetzt ein erfolgreicher Funktionär.
Viel erreicht, das stimmt, sagte er leise.
Ich bin wirklich stolz auf dich, Karl.
Danke.
Nur, eines verstehe ich nicht. Warum schämst du dich für mich?
Es klang nicht vorwurfsvoll. Einfach nach einer echten Frage.
Ich schäme mich doch gar nicht
Doch, Karl. Dir ists unangenehm. Weißt du was? Das ist schon okay. Ich bin nicht beleidigt. Aber manchmal ist es hart, wenn Menschen vergessen, woher sie kommen.
Er erinnerte sich an seine Kindheit im Reihenhaus bei Augsburg: Papa bei MAN, Mama im Pausenverkauf. Es war nicht glamourös, aber liebevoll.
Ich will halt mehr, sagte er.
Sag ich doch, das ist kein Verbrechen. Nur vergiss dabei nicht, wer du mal warst. Und wer dich dahin begleitet hat.
Sie deckte das Essen zu und sagte: Jetzt geh ich mich frischmachen. Denk mal drüber nach, Karl. Bevor es zu spät ist.
Sie ging, ließ ihn zurück mit seinem schon wieder kalten Kaffee. Draußen schneite es weiter auf München herab.
***
Abends war alles festlich angerichtet: Renates Platten mit Antipasti, Canapés, Mini-Strudeln und Salätchen. Es sah aus wie im Delikatessladen. Karls bestellte Meeresfrüchte, Foie gras und Käse wurden später geliefert, die Flaschen Champagner standen bereit, Licht war gedimmt, Musik leise alles wie aus dem Einrichtungsmagazin.
Renate stand pünktlich um fünf vor acht vor ihm: blauer Blazer, Dutt, keine Kette absolut würdig, aber eben Haushaltshilfe. Karls schlechtes Gewissen wurde immer spürbarer.
Ist schon in Ordnung, Karl, meinte sie leise. Ich helfe, wie versprochen. Das ist doch keine Arbeit.
Es klang weder beleidigt noch ironisch. Nur ein wenig müde.
Dann klingelte es schon. Die Gäste trudelten ein.
Zuerst eben Jörg mit seiner Frau Tanja. Jörg wie immer mit zu breitem Grinsen und funkelnden Manschettenknöpfen, Tanja im Designerfummel.
Wow, Karl! Ein Traum, euer Loft! Neue Lampen?
Klar, Design-Import aus Italien.
Die braucht unser Haus auch noch, Schatz! Da kannst du einpacken, Jörg.
Und dann: Renate kam mit Sekt auf dem Tablett. Unsichtbar, leise, im Hintergrund.
Dankeschön. Tanja nahm das Glas, warf Renate kaum einen Blick zu.
Das ist Frau Becker, begann Karl und hoffte, es käme souverän. Sie unterstützt uns heute Abend ein wenig.
Wie angenehm, lachte Tanja. Perfekter Service, Karl! Sag, hast du Agenturkontakte?
Äh, Bekanntenkreis Karl schaute peinlich berührt zum Fenster.
Weitere Gäste kamen: Conny mit Freundin von der Modebranche, Lena samt Göttergatten, noch zwei Kollegen. Es gluckerte im Wohnzimmer, Sektgläser und Lachen klirrten, Gespräche über den Immobilienmarkt, elitäre Fernreisen und Skigebiete.
Ich sage dir, St. Moritz im Januar da geht nichts drüber, schwärmte Conny mit Glitzerring am Finger, wir schauen jetzt nach einer Drittwohnung!
Wir planen Ischgl, ergänzte Lena und hielt Fotos von Tannenhütten vors Smartphone.
Karl hörte alles und merkte, wie er sich von seinem Kreis entfernte. Irgendwie.
Renate schwebte wie ein Gespenst durch die Szenerie: sie servierte und räumte ab, schenkte nach und putzte Gläser. Für die Gäste war sie wie eine Möbelskulptur kaum wahrgenommen.
Grandios! Tanja hapschte sich Canapés. Karl, bei welchem Catering hast du das bestellt?
Das ist von Frau Becker selbst gemacht, unterbrach Jörg, der genüsslich einen Strudel aß. Handarbeit. Das schmeckt man.
Echt, wahnsinnig gut! rief Tanja. Arbeiten Sie auch auf Bestellung? Wir feiern bald rund und bräuchten Top-Service!
Renate stolperte förmlich über die ungewohnte Anfrage blickte hilfesuchend zu Karl.
Leider keine Zeit, schob er eilig dazwischen. Nur heute zur Aushilfe.
Echt schade.
Karl und Renate tauschten einen schnellen Blick. In ihrem war nur Traurigkeit und viel Verständnis.
***
Um Mitternacht krachte draußen das Feuerwerk. Sektkorken knallten, alle wünschten sich Glück, Geschäfte und Wohlergehen. Karl grinste, prostete mit und klopfte auf Schultern innerlich blieb er leer.
Er sah, wie Renate in der Küche, Hände im Spülwasser, allein stand. Während er auf Erfolg anstoßen sollte, schrubbte sie Gläser. Und plötzlich wollte er hingehen, sie umarmen, sich entschuldigen tat es aber nicht.
Karl, bist du schon ins neue Jahr entschlummert? Jörg drückte ihm ein Glas in die Hand. Hoch die Tassen! Auf Erfolg!
Ja, auf auf Erfolg.
Sie tranken. Die Gespräche wurden lauter, Tänzchen im Wohnzimmer, laute Witze. Renate arbeitete immer weiter: sammelte Scherben, brachte Müll raus, wischte den Boden. Sie setzte sich nie. Sie lachte nicht mit.
Gegen drei leerte sich die Wohnung. Tanja umarmte Karl zum Abschied:
Traumhafter Abend. Sag Frau Becker, sie ist Gold wert! Sie kann jederzeit zu uns kommen. Wir zahlen auch gut.
Mach ich
Jörg blieb als letzter stehen; er zog den Mantel an und murmelte:
Ich hab die Dame die ganze Zeit beobachtet, weißt du? Sie erinnert mich an meine Oma. Die hat immer alles für die Familie gemacht, klaglos. Gestorben ist sie dann allein im Krankenhaus. Wir waren zu beschäftigt. Ich hab das nie wieder gutgemacht.
Karl spürte einen Stich.
Und warum erzählst du mir das?
Weiß nicht Vielleicht Silvester-Wehmut. Pass auf die auf, die wirklich zählen. Das ist selten geworden.
Er war weg. Karl schloss langsam die Tür. In der Küche lief noch das Spülwasser.
Da stand Renate, wusch ihr letztes Glas, Hände zitterten ein wenig.
Frau Becker hören Sie auf, gehen Sie schlafen. Ich mache den Rest.
Gleich geschafft, antwortete sie leise.
Bitte. Gehen Sie.
Sie stellte das Wasser ab, trocknete ihre Hände.
Weißt du, Karl ich hab viel nachgedacht. Während ich hier schrubbte, fragte ich mich: Warum hat Sabine ausgerechnet dich genommen? Damals warst du noch echt.
Ich hab mich doch nicht geändert!
Oh doch. Du bist jetzt wie deine Freunde. Hübsch, erfolgreich, schick. Aber leer. Sie beweisen der ganzen Welt etwas, nur sich selbst nicht. Weil drinnen einfach nichts ist.
Das ist fies.
Nein. Es ist ehrlich. Du hast auf sie geschaut, als hättest du weniger. Dabei haben sie nichts außer Angst, alles zu verlieren.
Aber was hab ich denn? Außer Wohnung, Arbeit? Sabine ist fort, ich hab dich wie eine Putzfrau behandelt, die Freunde hätten mich heute nicht mal vermisst. Was bleibt mir?
Renate hielt einen Moment inne, ihre Stimme wurde warm:
Du hattest mal die Wahl, Mensch zu sein. Jetzt bist du halt erfolgreich.
Sie marschierte an ihm vorbei.
Ich fahre morgen früh. Sag nichts und halt mich nicht auf. Hier ist kein Platz für Leute wie mich die sich an dich erinnern, wie du mal warst. Und dich einfach lieben, wie du bist.
Bleib doch, bitte!
Gute Nacht, Karl. Frohes neues Jahr.
Die Tür fiel zu. Karl sank in seiner Madonnen-Wohnung auf die Fliesen und hielt den Kopf in den Händen.
Er blieb eine kleine Ewigkeit so sitzen. Dann klingelte das Handy.
Sabine.
Frohes Neues! hell und entspannt im Ohr. Wie war die Party? Alles Bestens?
Ja. Alles perfekt.
Und Mama? Hat sie sich wohl gefühlt?
Er schluckte.
Sie ist heute früh abgereist.
Was? Sie sollte doch zehn Tage bleiben!
Sie hat gemeint, sie müsse zurück. Dringend.
Schweigen.
Karl was ist passiert?
Was war passiert? Luxus, Anerkennung, Applaus. Aber er saß in seiner Designerwohnung und fühlte: Leere.
Karl, bist du noch da? Sag etwas!
Er schaute aus dem Fenster. Die Isarstadt erwachte langsam, das neue Jahr so klar und kalt, dass es einen Frösteln machte.
Ich bin da, Sabine. Ich hör alles. Ich weiß nur nicht, was ich sagen soll.
Ruf sie an! Sag, dass du Mist gebaut hast.
Mach ich.
Er legte auf, blieb sitzen. Neben ihm spritzte das Küchenwasser, der Kühlschrank brummte. Im Wohnzimmer lief die Wiederholung einer Silvestershow von nebenan.
Karl stand auf und ging zum Spiegel. Das Gesicht: blass, die Augen matt. Wo war die Energie, die Renate so bewundert hatte?
Er griff zum Handy, wählte die Nummer.
Frau Becker, ich es tut mir leid. Wirklich.
Lange Pause.
Dann ihr müder, versöhnlicher Ton:
Ich hab dir gestern schon verziehen, Karl. Weil ich dich mag. Aber vergib dir selbst. Das ist schwerer.
Ich weiß nicht, wie das gehen soll.
Fang klein an. Erinnere dich, wer du warst. Und überleg, wer du sein willst. Den Rest entscheidest nur du.
Sie legte auf. Karl blickte in den Spiegel. Draußen rollte München ins neue Jahr. Die Freunde von gestern, die Kollegen sie alle lebten weiter, oberflächlich, gewohnt erfolgreich.
Aber wen würde er anrufen können, einfach zum Ratschen, wenns ernst wird? Wer wäre wirklich für ihn da ganz ohne Fassade, einfach nur, weil er er ist?
Er setzte sich aufs Sofa. Vor ihm stand eine kleine Dose Essiggurken die letzte Spur von Renate. Hausgemacht, mit Dill und Knoblauch. Ein Happen, der an Omas Küche erinnerte an Wärme, Geborgenheit.
Und plötzlich liefen ihm Tränen über das Gesicht. Mitten in seiner perfekten Wohnung, mit einem Gemüseglas in der Hand, fing Karl an zu weinen. Über das, was verloren war. Über sich selbst.
Draußen begann das neue Jahr. Neuer Tag, neues Leben.
Wie es werden würde keine Ahnung.
Aber Karl wusste: Er würde nicht mehr nur ein Schatten sein. Auch nicht der erfolgreichste. Sondern wieder er selbst.




