Mein Sohn hat eine junge Frau kennengelernt, die ihn nach ihrer eigenen Vorstellung lenkt. Seit kurzem fängt sie an, ihn gegen mich aufzubringen. Sie behauptet, dass mir das Glück meines Sohnes egal sei und ich nur an mich selbst denke. Diese Schlussfolgerung zog sie, weil ich den Vorschlag abgelehnt habe, unsere Wohnungen zu tauschen.
Mein Mann ist vor einigen Jahren verstorben, und mein Sohn ist mein einziges Kind. Ich habe ihn mit Liebe und Fürsorge großgezogen und ihm eine gute Ausbildung ermöglicht. Vor seiner Hochzeit hat er bei uns gewohnt. Schon während des Studiums begann er zu arbeiten, und nach dem Abschluss hat er sofort einen guten Job bekommen.
Mein Sohn ist mein ganzer Stolz. Er ist fleißig und erfolgreich im Berufsleben. Mein Mann und ich konnten ihm nie eine eigene Wohnung kaufen, denn wir lebten stets bescheiden. Erst mit vierzig Jahren haben wir uns eine Eigentumswohnung in Hamburg leisten können; davor haben wir immer zur Miete gewohnt. Wir hatten nicht die Mittel, um eine zweite Wohnung für unseren Sohn zu kaufen. Aber letztlich hat er die Möglichkeit, sich selbst eine Wohnung zu erwerben so wie wir es auch getan haben.
Als Tobias mir erzählte, dass er sich mit einer jungen Frau trifft, war ich sehr glücklich. Ich habe mich bemüht, eine gute Beziehung zu meiner Schwiegertochter zu pflegen: ich habe sie weder getadelt noch kritisiert. Mir war es immer egal, wer an seiner Seite steht, solange mein Sohn damit glücklich ist. Zu Anfang mochte ich Franziska ausgesprochen gerne, sie war höflich und zurückhaltend. Doch erst nach der Hochzeit zeigte sie ihr wahres Gesicht.
Nach der Hochzeit fuhren Tobias und Franziska in die Flitterwochen. Kaum zurück, kündigte Franziska ihre Stelle. Sie meinte, sie sei mit ihren Chefs nie klargekommen und suche nun eine bessere Arbeitsstelle. Aber dabei blieb es nicht: Seit nunmehr zwei Jahren lebt sie auf Kosten meines Sohnes und hat keinerlei Ambitionen, wieder zu arbeiten.
Die beiden wohnen in ihrem kleinen Einzimmer-Apartment am Stadtrand von Hamburg. Da Franziska nicht arbeitet, kann Tobias sich keine neue Wohnung leisten, weil Franziska sein Geld für Kosmetikstudios und Kleidung ausgibt.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie man nach zwei Jahren keinen Arbeitsplatz findet. Ich glaube, dass Franziska lügt, wenn sie erzählt, dass sie sich bei Vorstellungsgesprächen beworben hätte. Vermutlich genießt sie es einfach, vom Einkommen ihres Mannes zu leben und sich ein angenehmes Leben zu machen.
Einmal habe ich sie gefragt, ob sie planen, ein Kind zu bekommen. Wie sollen wir denn Kinder haben, wenn wir in so wenig Platz wohnen? antwortete sie. Vielleicht könnten wir etwas sparen für eine Anzahlung auf eine Wohnung, habe ich vorgeschlagen. Es gibt nichts zu sparen, wir kommen gerade so über die Runden, erwiderte Franziska.
Ich habe mir verkniffen zu sagen, dass es anders wäre, wenn sie nicht nur zu Hause sitzen würde sie könnten längst Geld zur Seite legen. Wären sie bemüht, sich Eigentum zu schaffen, hätte ich sie sicherlich unterstützt, denn ich habe bereits einen guten Betrag angespart. Doch ich möchte ihnen momentan keinen Euro geben, denn ich weiß, dass Franziska das Geld verschwenden würde.
Vor kurzem begann Franziska wieder von einem Kind zu sprechen und betonte, dass die Zeit dränge und wir an einen Erben denken müssten. Aber ist es sinnvoll, unter solchen Umständen ein Kind zu bekommen? Inzwischen stimmt mein Sohn Franziska zu.
Mama, weißt du, Franziska und ich haben uns gefragt, warum du nicht zustimmst, dass wir die Wohnungen tauschen. Wir müssten nichts schriftlich festhalten, wir würden einfach die Wohnungen tauschen, und das Thema Hypothek wäre erledigt. Außerdem wäre der Platz für dich ausreichend.
Die Worte meines Sohnes haben mich tief verletzt. Auf solche Ideen wäre er alleine nie gekommen. Ich habe ihm gesagt, dass ich weit weg von ihrem Zuhause arbeite und dass man alte Bäume nicht verpflanzt.
Sie haben doch nur noch wenige Jahre zu arbeiten. Und dann schenken wir Ihnen Enkelkinder, sagte Franziska und lächelte dabei.
Ich habe ihr vorteilhaftes Angebot abgelehnt, weil ich absolut nicht aus meiner Wohnung ausziehen will.
Danach hat mein Sohn weiterhin versucht, das Thema anzusprechen, und seine Aussagen haben mich immer mehr gekränkt. Tobias war eigentlich nie jemand, der seinen Vorteil auf Kosten anderer gesucht hat aber nun wird er von seiner Frau dazu angestiftet.
Komm, wir fahren nach Hause. Ich habe dir doch gesagt, dass deiner Mutter egal ist, ob wir Kinder haben oder nicht. Sie würde keinen Finger für uns rühren, sagte Franziska zu meinem Sohn, als sie mich das letzte Mal besuchten.
Seither meldet sich mein Sohn nicht mehr, er geht nicht ans Telefon und ruft nicht zurück. Ich verstehe nicht, wie Tobias sich so verhalten kann er ist kein Dummkopf und doch scheint er in Anwesenheit seiner Frau den Verstand zu verlieren.
Manchmal müssen wir uns eingestehen, dass Fürsorge und Liebe allein nicht vor Enttäuschungen bewahren. Auch wenn wir uns bemühen, bleibt das Glück der Kinder nicht immer in unserer Hand und manchmal müssen wir lernen, unsere Entscheidungen zu verteidigen und Grenzen zu setzen, um uns selbst treu zu bleiben.





