Rotschopf, Rotschopf, voller Sommersprossen

Rothaarig, rothaarig, voller Sommersprossen

Wer? Der da? Himmel, was für eine verrückte Karotte! Annalena, du bist doch nicht ganz dicht! Wo bin ich und wo ist dieses seltsame Wesen?

Liselotte prustete los, als sie den hochgewachsenen rothaarigen Typen am anderen Ende des Flurs sah. Eigentlich war nichts wirklich Komisches an ihm: groß, sportlich, anständig gekleidet. Aber irgendetwas passte nicht so recht. Waren es die wilden, feuerroten Haare wie aufgedrehte Karotten? Oder die Sommersprossen, die seine Nase und Wangen übersäten? Oder vielleicht doch seine seltsame, lebensfrohe Art? Es wirkte, als würde er gleich jemanden spontan umarmen so breiterte seine Freude übers ganze Gesicht. Die Leute, die ihm entgegengingen, konnten dem Lächeln gar nicht widerstehen und lächelten zurück oder grüßten, als hätten sie einen alten Freund getroffen. Kaum war Liselottes Bemerkung verklungen, kam der Professor vorbei, der die Prüfung abhalten würde. Annalena zuckte zusammen; sie war völlig unvorbereitet, und Liselotte fragte sich wieder, warum sie überhaupt mitgekommen war. Besser gar nicht erst zum Examen erscheinen, als sich ein “Mangelhaft” einzufangen.

Der Rothaarige grinste noch breiter eigentlich unmöglich, aber trotzdem und begann mit dem Professor zu plaudern. Liselotte sah überrascht zu, wie der Professor zurücklächelte und drehte sich prompt zu Annalena:

Kennen die sich?

Woher soll ich das wissen? Ich hab ihn höchstens ein-, zweimal gesehen, bis er gestern plötzlich auf mich zukam und nach dir gefragt hat.

Annalena zuckte die Schultern.

Und du konntest natürlich mal wieder nicht widerstehen, was? Konkurrenz lässt du wohl nicht zu?

Liselotte musterte ihre Freundin von oben bis unten und lachte:

Süß, wirklich. Aber du bist keine Konkurrenz für mich, Annalena, sei mir nicht böse.

Wieso nicht?

Ein hübsches Gesicht reicht eben nicht. Da muss schon noch mehr dahinterstecken, und bei dir herrscht noch gähnende Leere.

Nennt man das jetzt wohl ‘hohle Nuss’?

Momentan leider ja. Keine Hobbys, keine eigene Meinung, keine echten Freunde. Mich zählst du ja nicht mit mich erträgst du nur.

Nachdenklich betrachtete Annalena ihre Freundin. Im Grunde hatte sie recht, streiten lohnte sowieso nicht. Sie nahm es selten krumm, war immer schon unkompliziert gewesen das hatte ihre Mutter immer gesagt, und Annalena glaubte ihr. Sie vermied es, Konflikte auszutragen, vielleicht fehlten ihr deshalb enge Freunde. Sie sagte, was sie dachte, und scherte sich wenig um die Gefühle anderer. Schnell stieg sie mit Menschen ein und genauso schnell wieder aus Liselotte hatte als Einzige das Spiel verstanden und begegnete Annalena stets ehrlich und schonungslos. Vielleicht hielt gerade das ihre Freundschaft am Leben.

Eigene Meinung habe ich ja. Der Rest ist doch Pipifax. Wozu brauche ich ein ganzes Heer an Halbfremden? Du reichst mir völlig.

Liselotte grinste.

Und was hältst du nun von deinem Verehrer? Er kommt schon mit Volldampf auf uns zugesteuert.

Der Rothaarige hatte den Flur halb durchquert und grinste Annalena nun offen an. Sie antwortete mit einem Lächeln und ging in den Hörsaal.

Das war wohl Antwort genug? Liselotte folgte ihr.

Mehr Erklärung brauchts doch nicht.

Die Prüfung verpatzte Annalena natürlich. Der Professor musterte sie mitleidig.

Haben Sie überhaupt etwas gelernt?

Um ehrlich zu sein, nein. Es fehlte einfach die Zeit, erwiderte Annalena gleichgültig und blickte auf einen alten Aktenschrank hinter ihm, als würde ihr Gegenüber gar nicht existieren.

Wenigstens sind Sie ehrlich.

Der Professor atmete tief durch, machte einen Eintrag im Notenbuch und entließ Annalena mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Im Flur schnappte sich Liselotte sofort das Notenbuch und riß die Brauen hoch.

Eine Drei. Der ist aber heute großzügig.

Hervorragend! Das reicht mir völlig. Annalena nahm das Heft zurück und öffnete ihre Handtasche. Als sie wieder aufsah, stand der Rothaarige vor ihr.

Hallo!

Hallo, murmelte Annalena und warf Liselotte einen Blick zu, die mit unschuldigem Gesicht die Hände hob.

Ich heiße Markus. Bitte sei nicht böse!

Und auf wen sollte ich wütend sein? Annalena zog eine Augenbraue hoch.

Auf deine Freundin. Die hast du so auf Eis gelegt dabei. Aber sie kann nichts dafür. Ich hab nur auf dich gewartet. Ich habe schon gesehen, dass du hier reingingst.

Na, herzlichen Glückwunsch. Was willst du denn von mir?

Dich kennenlernen. Mit dir ausgehen. Heiraten. Ganz viele Kinder bekommen und an einem Tag gemeinsam alt werden.

Kaum zu glauben.

Wieso denn nicht?

Wir passen nicht zusammen.

Ach wirklich? Du bist schön, ich ausgesprochen charmant. Wo ist das Problem?

Zu unterschiedliche Pole, sorry. Ich muss los.

Annalena schloss ihre Tasche, hängte sie sich um und nickte Liselotte zu.

Kommst du?

Markus sah ihnen schweigend nach. Tja, abgeblitzt kein Grund zur Sorge. Das war nicht das erste Mal, und größere Brocken hatte er auch schon gemeistert. Mit einem teuflischen Plan im Kopf und seinem natürlichen Charme summend, machte er sich auf den Weg nach draußen. Es gab genug zu tun, an einem Ort kleben blieb Markus nie.

Schon am nächsten Tag bekam Annalena erst einen Rosenstrauß, dann ihre Lieblingspralinen, schließlich Konzerttickets. Genau für das Konzert, zu dem sie immer wollte, aber längst ausverkauft.

Bin ich zu gewöhnlich? fragte Markus, wieder mit diesem breiten Grinsen, am Hörsaaleingang.

Furchtbar gewöhnlich. Nichts wirklich Neues.

Ich hatte den Eindruck, du magst eher konservative Typen.

Wie kommst du darauf?

Dein Stil. Du bist keine, mit der man nur Zeit verbringt. Du bist für Ernsthaftes gemacht.

Liselotte schnaubte und schob sich vorbei in den Flur. Annalena blieb und dachte nach.

So begannen Annalena und Markus miteinander auszugehen. Für Annalena war alles wie ein lustiges Spiel. Nach Hause einladen und ihn den Eltern vorstellen undenkbar. Schon jetzt hörte sie den vernichtenden Kommentar ihres Vaters:

Kind, wie stellst du dir die Zukunft mit so einem an? Das ist doch nichts Ernstes! Lass diesen Unsinn lieber.

Die Mutter hätte vermutlich zu Baldrian und stundenlangem Seufzen gegriffen.

Vielleicht interessierte sie sich deshalb nicht, was Markus so machte, was ihn beschäftigte oder wie er lebte. Sie wusste nur, dass er ebenfalls an der Universität war, und das reichte ihr. Markus hingegen kannte nach kurzer Zeit schon viele ihrer Geheimnisse. Wenn er die kleine Narbe zwischen ihren Fingern küsste, sagte er immer:

Unsere Kinder werden wir besser im Auge behalten. Dass Fahrradfahren so gefährlich ist, hätte ich nicht gedacht. Hat das weh getan?

Ich erinnere mich kaum noch. Und überhaupt: Unsere Kinder?

Willst du denn keine Kinder?

Doch, aber noch lange nicht. Ich will erst etwas von der Welt sehen, Karriere machen und dann vielleicht.

Na gut. Wo möchtest du denn zuerst hinreisen?

Nach Mexiko!

Sie scherzte. Aber woher sollte Annalena wissen, dass Markus alle ihre Wünsche sofort für realisierbar hielt?

Hast du einen Reisepass? fragte er ein paar Tage später.

Wozu das?

Du wolltest doch nach Mexiko?

Machst du Witze, Markus? Woher sollst du denn so viel Geld nehmen?

Das ist meine Sorge. Na, also möchtest du oder nicht?

Natürlich wollte sie! Zum ersten Mal seit Beginn der Beziehung überraschte er sie wirklich. Annalena sagte ihren Eltern, sie würde mit Freundinnen verreisen. Nach einigem Gemurre stimmten sie zu.

Die Reise wurde wunderschön. Markus organisierte alles perfekt, zeigte ihr nicht nur alles, was sie sehen wollte, sondern sogar noch viel mehr. Doch die Folgen der Reise missfielen Annalena sehr.

Ich bin schwanger! Annalena lief förmlich im Kreis und war den Tränen nah. Schwangerschaft und Kind passten überhaupt nicht in ihre Pläne. Markus mit seinem breiten, fast glühenden Lächeln trieb sie fast zur Weißglut. Was grinst du denn so? Hast du überhaupt verstanden, was ich gesagt habe?

Natürlich! Das ist doch herrlich, Annalena! Jetzt können wir eine richtige Familie werden!

Welche Familie, spinnst du? Schau dich doch mal an! Wie soll ich mit einem wie dir eine Familie gründen? Was soll ich zur Welt bringen eine Sonnenblume?

Zum ersten Mal verschwand das Strahlen auf Markus’ Gesicht ganz. Er machte einen Schritt zurück.

Warum sagst du sowas? Was stimmt denn nicht an mir?

Alles! Annalena schrie fast. Warum bin ich bloß mitgefahren Was mache ich jetzt?

Du wirst das Kind bekommen.

Etwas Hartes klang plötzlich in seiner Stimme, was Annalena einen Augenblick innehalten ließ.

Ich werde nicht, Markus Das ist meine Entscheidung, tut mir leid.

Da täuschst du dich. Die treffen wir gemeinsam. Das ist auch mein Kind.

Annalena ließ sich in einen Sessel fallen und weinte.

Wem soll das denn nützen? Du verstehst doch, dass es mit uns nie etwas werden kann?

Warum?

Ich liebe dich nicht!

Zum ersten Mal verlor Markus sein herzerwärmendes Lächeln vollkommen. Es war, als würde jemand im Zimmer ein helles Licht ausschalten.

Dann warum überhaupt? Markus wirkte ehrlich fassungslos.

Du warst so beharrlich und es war lustig mit dir. Besser als gar nichts

Markus zuckte zusammen, als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst, und wandte sich ab. Annalena schwieg betreten. Nach einer Weile sagte Markus leise:

Ich verstehe. Danke, dass du ehrlich bist. Für mich ist damit alles klar. Aber was ist mit dem Kind? Es lebt, Annalena.

Das ist noch kein Kind! schleuderte Annalena entgegen. Befiehl mir gar nichts! Ich tu, was ich für richtig halte.

Markus konnte nicht mehr glauben, dass das die Frau war, die noch vor wenigen Tagen in seinen Armen gelacht hatte. Plötzlich sagte er:

Was, wenn ich dir einen Vorschlag mache?

Vorschlag?

Ja. Du bekommst das Kind ich gebe dir, was immer du willst: Geld, eine Wohnung Alles, was du verlangst.

Annalena kniff die Augen zusammen.

Und das Kind?

Das nehme ich, falls du es nicht willst.

Markus blickte sie dabei nicht an. Plötzlich roch er wieder den alten Teppich, der zu Hause an der Wand hing, oben im Kinderzimmer, und fühlte sich als Kind, dem die Mutter die Knie mit Jod bestrich, und der weinte, wenn er bei “Bambi” das Buch las. Er erinnerte sich an die Nähe, an die warme Wohnung, an flüsternde Elternstimmen und Mamas Lachen, das sie sich manchmal verbot, um ihn nicht zu wecken.

Der Vater starb, zwei Jahre später drohte die Mutter ihm zu folgen, doch Markus wich ihr nicht mehr von der Seite, nahm ein Urlaubssemester, jobbte nachts, und pflegte die Mutter tagsüber. Dank des Vaters war er Informatiker geworden und hatte mit einer eigenen kleinen Firma schon angefangen, Geld zu verdienen.

Eigentlich wollte Markus nur eines: Mit Annalena eine Familie gründen. Sie aber hatte andere Pläne.

Ich bin einverstanden, flüsterte Annalena heiser.

Du wirst das Kind behalten?

Ja. Aber du tust alles, was ich will.

Markus nickte. Er hatte gerade das Leben seines eigenen Kindes erkauft. Oder war es doch Unsinn?

Wenige Tage später erklärte Annalena kühl, dass es keine Schwangerschaft gäbe. Markus schluckte seine Enttäuschung hinunter, wandte sich ab und verließ schweigend den Raum. Zuhause kochte Mutter wortlos Tee und setzte sich neben ihn, bis es draußen dunkel war und der Tee kalt.

Mama?

Ja, mein Sohn?

Wie weiterleben? Nach all dem wie?

Besser als alle anderen!

Wie meinst du das? Markus blickte erstaunt zu ihr.

Was du gehört hast. Gerade jetzt musst du das Leben anpacken. Meinst du wirklich, das bleibt das einzige Leid? Oder dass dies der letzte schlechte Mensch ist? Nein, mein Sohn. Das Leben ist kein Himmel. Gib dich nicht geschlagen. Hat sie dich so behandelt? Sag danke!

Wofür denn?!

Für die Lektion! Das nächste Mal achtest du nicht nur auf das Äußere und handelst nicht so vorschnell. Lerne den Menschen erst kennen, dann weißt du, ob du ihm wichtig bist.

Wer braucht denn schon so einen einen Rothaarigen, voller Sommersprossen…

Die Richtige, mein Sohn. Die, die dich liebt.

Markus atmete tief durch und erzählte ihr alles von Annalena, von seiner Liebe, vom Kind, von dem Versuch, das Leben seines Kindes zu retten.

Ich bin ein schlechter Mensch, Mama. Nicht äußerlich, sondern innen. Wie konnte ich nur?

Das war verrückt, keine Frage, die Mutter begann, in der Küche auf und ab zu laufen. Aber du wolltest es nur aus Liebe retten?

Ja

Dann kann ich nicht sagen, ob es richtig oder falsch war. Ich weiß selbst nicht, wie ich gehandelt hätte.

Was jetzt, Mama? Wie komme ich wieder auf die Füße? Wie finde ich wieder ein bisschen Licht?

Hm… Ich weiß nicht… Moment! Doch, ich weiß was: Mach Clown, Markus.

Was? Markus schaute sie verständnislos an.

Ganz im Ernst. In meiner Tanzgruppe ist eine sie arbeitet als Klinik-Clown für kranke Kinder. Ihr Partner ist nun weggezogen, sie braucht Verstärkung. Probiers. Wer anderen Licht schenkt, findet selbst wieder welches.

Markus überlegte. Da war was dran.

Na schön. Und wer passt besser als ein echter, wilder Rothaariger? schmunzelte er traurig.

Die Aktion entpuppte sich als das Beste, was ihm hätte passieren können. Nach seinem ersten Besuch im Kinderkrankenhaus war Markus tiefberührt. Nicht, weil die Kinder so fröhlich schreien konnten trotz allem. Sondern weil er dort wahre Stärke sah. Kinder, die lachten, egal wie schlecht es ihnen ging und Mütter, die tapfer dabei standen und in den Momenten des Glücks Kraft schöpften.

Wie hältst du das aus? fragte Markus seine Partnerin, Ulrike, nach dem ersten Auftritt.

Mit ihrem lockigen Haar und dem immer fröhlichen Lachen zog sie die Clownperücke vom Kopf und grinste:

Ganz einfach. Denen gehts viel schlechter als mir. Woher sollte ich mich also beschweren? Ich gehe gleich nach Hause, füttere meine Katzen, kuschel mich aufs Sofa zum Lesen oder gehe noch raus. Ich muss mir keine Sorgen um Laborwerte machen, keine Diagnosen abwarten. Mir gehts gut. Wenn ich für die Kinder und ihre Mütter nur für dreißig Minuten die Welt erleichtern kann dann ist das doch schon viel. Ein Lachen geben, eine kleine Pause schenken.

Markus bewunderte sie wie sie all diese Sorge der anderen aushielt, ohne daran kaputtzugehen.

Überlegst du, wie man das aushält? Ulrike lächelte und nahm ihm Nase und Perücke ab. Am Anfang fühlt es sich schwer an. Aber dann Du musst es nicht machen, wenns für dich zu viel ist. Nicht jeder ist dafür gemacht, Markus. Aber ich sehe doch: Du bringst die Kinder zum Strahlen. Sie brauchen keine großen Dramen, sondern nur unser Lächeln.

Markus verstand und blieb dabei. Bald waren sie als Clown-Zweierteam überall gefragt, wo Kinder Heilung und Hoffnung brauchten.

Zwei Jahre lang tourten Markus und Ulrike durch die Kinderkliniken Münchens. Er schloss sein Studium ab, die Firma wuchs, auch die Tanzschule seiner Mutter florierte. Nur privat lief es nicht rund. Ulrike heiratete, bekam einen Sohn Markus wurde stolzer Patenonkel. Die Klinikbesuche machte er bald mit anderen Kollegen als Clown Markus war er im ganzen Stadtgebiet bekannt. Die Kinder quietschten schon, bevor er überhaupt einen Witz gemacht hatte. Pflegerinnen und Ärzte traten beiseite, wenn er um einen kleinen Moment Glück bat Markus spendete obendrein einen Großteil seiner Einnahmen an die Kinderstationen.

Und dann, an einem eisigen Februartag, als Markus von Büro zur Klinik hetzte und sich unterwegs noch über nervige Geschäftspartner ärgerte, sprang beim Parken fast jemand vors Auto: ein schmaler Wirbelwind.

Passen Sie eigentlich auf, wie Sie fahren?!

Er starrte auf ein zartes Mädchen mit aufgebrachten blauen Augen am Eingang.

Dornröschen!

Jetzt werde ich auch noch beleidigt! beleidigt fauchte sie und lief schnell die Treppen hinauf.

Es tut mir leid! rief Markus ihr nach, wusste aber nicht, ob sie ihn überhaupt gehört hatte. Dann war die Zeit knapp, er lud schnell seine Requisiten aus.

Die Vorstellung lief wie immer, als plötzlich ein kleiner Junge in der ersten Reihe zu husten anfing und langsam vom Stuhl rutschte. Markus suchte einen Arzt, aber da war Dornröschen schon bei dem Jungen.

Was stehen Sie denn so blöd da? Helfen Sie! Er muss aufs Zimmer!

Obwohl es gegen die Regeln war, trug Markus das Kind nach. Das Mädchen wies ihm die Tür.

Da hinein, bitte. Aufs Bett. Arzt kommt gleich.

Sie kümmerte sich sofort rührend. Kurz darauf kamen Schwester und Arzt. Markus verließ das Zimmer, ihr letzter Anblick blieb haften.

Na, Markus, hast du dich in die verliebt? Der Stationsleiter, Dr. Reinhardt, grinste ihm zu. Sie waren längst per Du.

Wer war das?

Das war die Luise. Luise Arndt. Die Schwester von Michi, dem Jungen, den du gerade getragen hast.

Schwester?

Ja, Luise ist erst achtzehn, und Michi wird bald sechs. Die Eltern seit dem Unfall vor einem Monat tot. Sie haben Michi zur Untersuchung gefahren. Beide tot, Michi völlig unverletzt. Luise hat ihn nicht abgegeben, hat mit allen Mitteln durchgesetzt, dass er zu Hause bleiben kann. Sie pflegt ihn, kümmert sich um alles. Wolltest du das wissen?

Schon.

Dann verrate mir eins: Wie siehts mit den Finanzen aus, Markus? Du weißt, worums geht. Michi braucht eine OP, die machen wir hier, aber die Reha

Ich weiß, sie ist teuer. Wir schaffen das. Aber eine Bedingung habe ich.

Welche?

Luise darf davon nichts erfahren.

Warum das denn?

Ich will kein Aufsehen.

Umso mehr Respekt, Markus. Sie ist manchmal nicht einfach, aber du schaffst das.

Und Markus schaffte das. Luise wollte anfangs nicht mal mit ihm sprechen nicht aus Abneigung, sondern weil sie nur an ihren Bruder dachte. Markus spürte das und war geduldig, half und stand bereit, ohne sich aufzudrängen.

Warum machen Sie all das eigentlich? fragte sie eines Tages.

Nenn es einen alten Fehler wieder gut machen. Mir hilft es. Darf ich euch weiter helfen?

Na gut Luise war unsicher.

Mit der Zeit wurde sie von Markus stiller, verlässlicher Art beeindruckt. Als Michi schließlich nach Hause durfte und Luise erkannte, dass alles vorbei war, wirkte sie plötzlich verloren.

Was ist los? fragte Markus in der gemütlichen Küche, die Hände um den Tee gelegt, draußen tobte ein Schneesturm.

Luise wirbelte herum, dann setzte sie sich zögernd.

Gehst du jetzt einfach wieder?

Warum denkst du das?

Nichts Falsches denken! stammelte sie hastig. Ich hab mich nur so daran gewöhnt, dass du uns hilfst Es tut mir so leid, aber

Sie stockte, ihre Hände zitterten leicht.

Was, Luise?

Ich kann ohne dich gar nicht mehr.

Da wusste Markus plötzlich, dass alles, was seine Mutter je gesagt hatte, stimmte.

Ich brauche dich. Nicht nur für Michi. Sondern weil ich dich liebe.

Ich dich auch, sagte Markus und zog sie an sich.

Die Hochzeit war wunderschön. Markus’ Mutter tanzte mit Michi, der sich sofort von ihr Oma nennen durfte.

Ich habe mir immer so einen Enkel gewünscht! Darf ich dich ordentlich verwöhnen und ganz viel liebhaben?

Klar! bestätigte Michi und lachte. Du bist nur gar nicht so richtig wie eine Oma.

Musst du mir noch sagen, was ich tun muss Omas machen auch mal Quatsch und backen die besten Brötchen. Das siehst du morgen!

Abgemacht!

Luise sah ihrem Bruder zu und weinte leise.

Das gibt Streifen auf dem Kleid, Markus reichte ihr ein Taschentuch.

Ist wasserfest, flüsterte sie.

Dann kannst du ja noch länger weinen.

Noch ein bisschen, weil ich so glücklich bin.

Ach, Frauen! Markus verdrehte die Augen, sie fuhr ihm lachend durchs wilde rote Haar.

Du bist wie ein Sonnenstrahl, so warm und schön!

Ich? Markus blinzelte überrascht.

Ja, du. Von dir kommt das Licht, Markus.

Ein Jahr später kamen zwei kleine, identische Rotschöpfe zur Welt. Luise lachte leise, als sie ihre ersten Schritte machten:

Die Welt hat jetzt zwei Sonnen mehr. Und beide voller Wärme ganz nach ihrem Vater!

Hoffen wir mal, dass die Mädels das eines Tages zu schätzen wissen, mischte sich Markus Mutter ein, blickte auf die Zwillinge und zwinkerte.

Ich habe gelernt, dass das Leben immer neue Chancen bietet und manchmal beginnt das große Glück genau dort, wo der Schmerz seinen Höhepunkt erreicht hat. So ist das Leben und am Ende gewinnen immer die, die nicht aufgeben.

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Homy
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Rotschopf, Rotschopf, voller Sommersprossen
Hilflosigkeit und Verwirrung: Gefangen zwischen Ohnmacht und Orientierungslosigkeit