Stiefmutter
Ich blicke da echt nicht mehr durch! Sie hat alles ist satt, ordentlich angezogen, gut versorgt! Warum benimmt sie sich dann so? Wieso diese Haltung? Katrin warf das halbgebügelte Hemd aufs Sofa, setzte sich neben ihren Mann und ergriff seine Hand. Martin, wir müssen etwas unternehmen. Ich kann mich nicht zerreißen. Ich habe Max. Und all die Zeit, die ich mit Carolas Launen verbringen muss, könnte ich mit ihm haben! Bitte, hilf mir!
Wobei denn? Wie soll ich helfen? Ich sehe die Kinder kaum noch. Und den Schichtplan kannst du selbst am besten unmöglich zu ändern, außer ich kündige. Aber dann, bevor ich was Neues finde, könnten wir Max nicht mehr bieten, was er braucht.
Nein! Das ist ja keine Lösung! Du weißt doch: Wenn wir jetzt aufhören, ist alles für die Katz. Dann waren die letzten drei Jahre umsonst! Bald schaffen wir es, dann geht es Max viel besser.
Max IST gut, wie er ist! Martin warf ihre Hand weg und stand abrupt auf. Sowas will ich nie wieder hören!
Ja, entschuldige! Ich meine nur Katrin vergrub das Gesicht im Hemd ihres Mannes und begann unaufhaltsam zu weinen.
Nicht weinen, bitte. Martin hob sie hoch und drückte sie fest an sich. Ich rede mit Carola. Aber du musst mir auch was versprechen.
Was denn?
Sei nicht zu streng mit ihr. Ich verstehe, sie ist nicht dein Fleisch und Blut, aber du hast sie so viele Jahre aufgezogen. Da ist doch irgendwas bei dir? Du hast wirklich dein Bestes gegeben. Du solltest dich nicht beschweren. Carola ist gut geraten, benimmt sich, irgendwie. Vielleicht ist es das Alter? Man sagt ja, alle Teenies sind ein bisschen du weißt schon. Gib ihr doch ein bisschen Zeit!
Dann dreh ich durch Martin, ich bemühe mich ja, aber meine Kraft ist am Ende.
Ich verstehe es
Carola hörte das murmelnde Gespräch der Eltern im Wohnzimmer, verstand aber keine Worte. Still schob sie Bauteile vom Lego zu ihrem Bruder und überlegte, wie Katrin wieder bei Vater über sie gemeckert hatte. Das bedeutete wieder diese langen, nächtlichen Reden über Benehmen und Verantwortung, anstelle der wenigen gemeinsamen Stunden, in denen sie ihm von allem hätte erzählen wollen, was sich in dieser Woche aufgestaut hatte. Vater würde traurig sein und dann wieder mit dem Lastwagen irgendwohin verschwinden. Und wie immer bliebe Matthis unerwähnt. Dass er sie heimgebracht hatte und dass die Mädchen sie deswegen spöttisch behandelten. Carola seufzte. Vater hätte etwas Schlaues dazu gewusst, er verstand sie immer, erst recht, seit Mareike fortgezogen war ihre einzige Freundin. Carola musste schmunzeln, als sie an deren erstes Gespräch dachte:
Glaubst du, du bist hier die Coolste?
Na klar!
Geh beiseite, vergiss es und mach Platz.
Fallen dir die Schuhe runter, oder was?
Die ganze Klasse sah damals zu. Erst später verstand Carola, dass die Neue die Grenzen austesten wollte. Mareike erklärte ihr noch: Für zwei hübsche Mädchen ist der Platz zu eng Option: kämpfen oder Freundschaft. Sie wählten letzteres.
Carola war wirklich ein sehr hübsches Mädchen, das hatte sie von ihrer Mutter. Wenn sie Fotos von ihr ansah, stellte sie sich vor, wie sie jetzt gemeinsam ausgesehen hätten, eher wie Schwestern. Das wäre wunderbar Aber sie kannte ihre Mutter kaum. Drei Jahre alt war Carola, als sie starb. Viel zu kurze Zeit, zu wenig Mama Es kratzte Carola innerlich, wenn sie versuchte, eine Erinnerung an sie zu greifen immer kam Katrins Stimme dazwischen: ihre Tonlage, ihre Manier. Nichts Echtes von der Mutter.
Katrin zog Carola groß, seit diese vier war. Vater, ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau, lernte eine junge, freundliche Kinderkrankenschwester in der Arztpraxis kennen durch Carola, ohne es zu ahnen. Katrin kam wegen Fieber. Der Kinderarzt schickte sie:
Da ist ein Vater, allein mit Tochter. Ich habe Spritzen verordnet, damits keine schlimme Entzündung gibt.
Katrin kam erst für eine Nacht mit Carola, weil das Fieber nicht sank, dann für immer.
Carola schob die Lego-Box mit der Anleitung zu ihrem Bruder, reichte ihm ein verdecktes Teil vom Schreibtisch.
Hier!
Max Augen so braun wie Vaters, wie feinherbe Schokolade blickten sie an und er fragte:
Warum schaust du so traurig?
Ach, nur schlechte Stimmung.
Was kann ich machen, damit es besser wird? Willst du, dass ich singe?
Oh nein, bitte nicht! Carola musste lachen.
Max war schon als kleiner Junge kein Pavarotti gewesen. Vielleicht waren ihm auf dem Weg in diese Welt plüschige Bären mit dicken Tatzen begegnet und ihm auf die Stimmbänder getreten. Singen mochte er trotzdem am liebsten. Früher war Carola ihm manchmal ausgeliefert heute bekam sie nur dann ein Ständchen angeboten, wenn er wusste, dass ihre Laune unten war.
Vermisst du Mareike?
Ja. Nicht nur sie.
Mama hat dich wieder angemault?
Max!
Was denn? Ich habs halt gehört.
Warum warst du noch wach?
Ich war schon ausgeruht. Und ihr habt laut gesprochen. Was war los diesmal?
Nichts.
Carola wandte sich ab, damit Max die aufblitzenden Tränen nicht sah. Warum bloß? Sie hatte doch nichts Böses getan Nur zu Katrin gesagt, sie müsse morgen auf die Physikarbeit lernen, der Abwasch könne warten. Bagatellen. Wieso daraus einen Orkan im Wasserglas machen? Vielleicht war ihre Antwort etwas patzig, aber Katrin war auch nicht ohne! Der eigene Sohn war ihr alles, und Carola… Sie biss sich auf die Lippe. Warum war sie allein? Warum musste die Mama so früh gehen… Wenn Max Mamas Kind wäre, hätte sie die Kinder nie getrennt wie kann man Kinder in Lieblings- und Nicht-so-gut-Kinder aufteilen? Mareike hatte ihr das mal erklärt.
Lass es gut sein! Selbst bei leiblichen Geschwistern passiert das. Meine Mutter vergöttert die Kleine, ich bin halt die, die mal eben frische Luft schnappen geht. Und?! Deshalb werd ich doch noch lange nicht sentimental. Du musst aufhören, alles zu zerdenken. Bei euch ist alles klar geregelt. Du bist gesund, dein Bruder krank. Logisch, gibts für ihn mehr Aufmerksamkeit und für dich mehr Ansprüche.
Aber ich brauch auch Zuwendung! schmollte Carola. Ihre Freundin von allen hätte sie am ehesten verstehen müssen!
Und du hast sie verdient. Aber Katrin ist auch keine Maschine. Du willst, dass sie auch noch um dich tanzt? Und komm, ehrlich ist sie wirklich die böse Stiefmutter, die dich morgens Schneeglöckchen suchen schickt?
Nein
Also, reg dich nicht so auf. Was ist dabei, mal mit dem Kleinen rauszugehen oder Brot zu holen?
Du kapierst gar nichts! polterte Carola.
Mehr, als du denkst. Brauchst du Mitleid? Dann bin ich da. Aber Katrin… Sie muss dich nicht lieben, weißt du? Nicht jeder kann fremde Kinder annehmen wie die eigenen und schon gar nicht, wenn das eigene krank ist.
Glaubst du, sie ist mir böse, weil ich gesund bin? Carola sprach, was sie nie wagte zu denken.
Weiß nicht. Vielleicht vielleicht nicht. Wer weiß schon, was im Kopf anderer passiert. Ich weiß nur: Sie ist wahrlich kein schlechter Mensch.
Wie kommst du darauf?
Sieh mal! Mareike zeigte auf Carolas neue kleine goldene Ohrringe.
Sie waren ein Geburtstagsgeschenk von Vater und Katrin. Carola hatte sie im Juweliergeschäft lange bewundert, sagte aber nichts, weil sie ahnte, wie teuer sie waren. Nur einmal blieb sie stehen und betrachtete sie im Schaufenster.
Die gefallen dir? Katrin, die mit dem Kinderwagen voraus war, kehrte zurück.
Nein! Carola drehte sich schroff weg. Katrin schüttelte nur den Kopf.
Am Morgen ihres Geburtstags fand Carola das rote Samt-Herz nahe dem Kopfkissen. Sie konnte sich kaum überwinden, es zu öffnen. Alle schliefen noch, nur Max kämpfte im Schlaf mit unsichtbaren Gegnern, dann wachte er auf.
Hast du schon reingeschaut? blinzelte er neidisch.
Noch nicht.
Na, los! Ich bin ja eh wach.
Da öffnete Carola das Herz und traute ihren Augen kaum. Es waren die Ohrringe!
Tänzelnde hab vergessen, wie die heißen. Die Steinchen da.
Diamanten.
Ja! Gefallen sie dir? Max setzte sich auf.
Sehr, es schnürte Carola die Kehle zu.
He, du willst doch nicht heulen, oder? Geburtstag heute! Max versuchte, sie zu trösten, rutschte ab und fiel zurück ins Kissen. Mama und ich haben uns voll Mühe gegeben
Quatsch! Carola umklammerte das Geschenk, sprang auf, Ich weine doch nicht! Guck mal, ich setz sie gleich auf, und du sagst, wie sie aussehen.
Woher das Geld kam, wusste Carola nicht aber jetzt tanzten die feinen Steinchen in ihren Ohren und vielleicht hatte Mareike recht gehabt.
Carola zuckte zusammen, als ihr Vater die Tür öffnete.
Carola, hast du einen Moment?
Max blickte vorsichtig zu ihm und griff nach Carolas Hand.
Versprichst du, nicht zu weinen?
Sie nickte und ging ihm nach.
In der Küche saßen sie schweigend da, beobachteten, wie der Tee dampfte. Dennoch fühlte sich Carola nicht geborgen. Sie wollte einfach nur fliehen, bloß nicht hier im Schweigen neben dem Menschen sitzen, der sie am ehesten verstehen würde wenn er sie nur lassen würde.
Carola… Martin hob den Kopf, hielt aber inne. Für einen Moment sah sie ihm wie ihre Mutter aus, schüchtern, wie ein junges Reh. Wann war aus dem kleinen Mädchen eine junge Frau geworden? Und warum hatte er nie bemerkt, wie ähnlich sie ihrer Mutter Anja war…
Die gemeinsame Zeit vor der Heirat war kurz, das Familienglück noch kürzer. Die schmale Frau im Sommerkleid, die nach dem Sturz auf dem Steg von ihm zur Rettung getragen wurde daran dachte Martin oft zurück.
Du bist echt stark! Danke! hatte sie ihm damals gelächelt und ihn ganz schwindlig gemacht.
Er hatte nicht einmal ihre Nummer, suchte sie später in der Klinik.
Endlich! ertönte ihr heller Ton im Korridor, als er endlich vor ihr stand, unsicher, stumm.
Ein halbes Jahr später heirateten sie. Anja zog zu ihm.
Meine Familie bist jetzt du.
Viel Zeit blieb ihnen nicht. Carola wurde geboren, und dann verschwand Anja schon wieder auf ebenso absurde wie grausame Weise. Martin erinnerte sich an den Trucker-Kollegen, der ihn auf der Autobahn einholte.
Was ist los, Funkgerät kaputt?
Weiß nicht, spinnt halt.
Fahr heim, hab nen Ersatzmann dabei. Du musst nach Hause. Zum Glück bist du nicht so weit.
Später saß Martin auf der Bank vorm Haus, die kleine Tochter im Arm, und flüsterte:
Sie hat sich nie über das Herz beschwert
Carola blinzelte damals verschlafen, ahnungslos, dass ihr Leben eben zerbrochen war.
Carola Martin streichelte ihre schmalen Finger.
Was ist denn, Papa? Willst du schimpfen?
Nein Ich wollte nur fragen
Was? Carola runzelte die Stirn.
Wies dir so geht, vielleicht
Als er seine große Tochter weinen sah, spürte Martin, dass er selbst gleich losheulen würde. Er wusste nicht, wie man Carola am besten begegnete, was man sagen oder tun sollte. Aber er wusste, wählen zwischen Frau und Tochter würde er nie können. Das hieß, irgendwie mussten sie beide lernen, miteinander klarzukommen irgendwie.
Papa Carola wischte die Tränen fort und blickte zu ihm. Verzeih mir. Ich bemühe mich.
Na gut Jetzt erzähl mal, wie läufts in der Schule? Und Mareike? Schreibt sie? Wie gehts ihrer Oma? Wann kommt sie wieder?
Noch lange nicht, Papa. Es sieht traurig aus. Mareike bleibt wohl erstmal weg. Ihre Mutter sagt, Omas Pflege ist jetzt ihr Schicksal. Oma hat sie großgezogen, nun muss sie eben bleiben.
Und Mareike?
Die packts. Nicht wie ich Sie schafft alles gleichzeitig, Schule, Pflege. Flucht zwar, aber mehr pro Forma. Und vermisst uns.
Und du?
Ich auch Papa, warum ist das so? Warum gehen alle, die ich liebe?
Martins Hände zitterten um die Tasse.
Quatsch, Carola! So ist das nicht!
Doch, wie denn, Papa? Mama, Mareike Wer geht als nächstes?
Niemand. Wir bleiben alle zusammen. Martin blickte ihr tief in die Augen. Denk da gar nicht erst dran, verstanden?
Carola nickte tapfer, Martin aber wusste, solche Gedanken würden so schnell nicht verschwinden. Verlegen wechselte er das Thema.
Und was ist jetzt mit Wie heißt er Matthis?
Als Carola errötete, schmunzelte Martin erleichtert. Endlich ein Thema, das leichter fiel. Als Carola abwinkte, lehnte auch er sich entspannt zurück.
Komm, erzähl schon!
Sie redeten lange an diesem Abend, während Katrin das restliche Bügelzeug schaffte, Max ins Bett brachte und sich dann selbst schlafen legte wohl wissend, dieses Gespräch sollte sie keinesfalls unterbrechen. Sie lag im Schlafzimmer, hörte den entfernten, leisen Stimmen vom Küchenlicht, das zwischendurch von Lachen unterbrochen wurde. Schlaf wollte ihr nicht kommen. Katrin ließ die letzten Tage Revue passieren: Carolas patzige Antwort, die Einladung zum Direktor, von der Martin nichts wusste. Sie überlegte, ob sies ihm sagen sollte, verwarf den Gedanken gleich wieder. Reicht fürs Erste. Vielleicht löst sich alles nach dem Vatergespräch. Sonst… müsste sie strengere Seiten aufziehen. Aber wie? Wäre Carola ihr leibliches Kind, wüsste sie, was zu tun ist. Aber so Sie war nie wirklich ihre Tochter gewesen. Katrin störte das. Sie empfand kein Mitleid, wie es sich Außenstehende oft vorstellen würden: Ach, die arme Waise! Böse Stiefmutter Katrin musste bitter grinsen. Sie hatte Carola nicht bemitleidet, nicht, weil ihr das Schicksal des verlorenen Kindes gleichgültig war nein! Sie war überzeugt: Es bringt nichts, ein lebendiges, gesundes Kind ständig an die Vergangenheit zu ketten, es als Märtyrerin, als arme Halbwaise durchs Leben zu schicken. Wer, wenn nicht sie wusste das. Katrin, selbst ohne Eltern, zweimal Pflegestellen gewechselt, bis sie an die Frau geraten war, die ihr wirklich Mutter wurde.
Katrins leibliche Mutter hatte sie im Gefängnis geboren. Ein dummer Suff und eine Prügelei hatten das Leben der jungen Frau ruiniert, die sich kaum an den Tag erinnerte, als sie zu ihrer Freundin ging, um Silvester zu feiern. Das kleine Mädchen kam ins Heim, später wurde es adoptiert. Ihre Mutter sah sie nie wieder.
Erst nahm eine Pflegefamilie sie auf, dann, zwei Jahre später, wurde sie zurückgegeben: Die neue Mutter hatte Zwillinge bekommen und kam mit dem dritten Kind nicht zurecht. Katrin verstand, als sie ihr die Lieblingspuppe wegnahmen, gar nicht, warum sie zurückmusste, in jenes komische große Haus mit all den anderen Kindern.
Dann kam die nächste Familie. Dort blieb sie länger. Zehn war sie, als die Pflegemutter krank wurde, sich vom Mann trennte und Katrin wieder ins Heim abschob. Das Misstrauen blieb. Sie drehte sich nicht einmal mehr zur Verabschiedung um.
Verzeih, Kind, du bist jetzt auf dich gestellt
Diesen Satz vergaß sie nie. Er wurde ihr Leitspruch. Niemand würde ihr helfen, sie musste sich durchboxen. Im Heim erkämpfte sie sich Respekt mit Fäusten so gab man ihr den Spitznamen Die Wilde.
Und als nach einem Jahr, eine gewisse Margarete kam, verweigerte Katrin sich ganz.
Dann rede ich eben. Hör mir nur zu.
Margarete sprach endlos von ihrem Haus auf dem Land, vom freundlichen Dorf, den wartenden Geschwistern.
Alles Quatsch! Katrin schüttelte den Kopf Ihr gebt mich eh wieder ab!
Selbst wenn. Wenigstens siehst du, wie schön wirs haben. Ist doch besser als wie hier.
Nein!
Die Überredung zog sich ein halbes Jahr, noch eins, bis Katrin sie überhaupt Mutter nannte. Die Angst blieb dennoch. Was, wenn Margarete sie ebenfalls zurückschicken würde? Oder wenn ihr etwas zustößt? Katrin erinnerte sich, wie sie unter dem Dach des großen Hauses eine kleine Ikone fand, irgendwo verstaut. Sie schmuggelte sie in den Schuppen, ging oft dorthin. Sie wusste nicht, wie man auf Deutsch betete, aber sie flüsterte immer wieder den gleichen Satz:
Behüte sie! Bewahre sie, hörst du? Bewahre sie!
Ob sie je erhört wurde, wusste Katrin nicht, aber sie wollte daran glauben. Margarete starb, als Max gerade zwei war. Katrin pflegte sie noch bis zuletzt.
Weine nicht, Kind. Alle müssen wir mal gehen. Für mich ists besser so tut nicht mehr weh
Mama, warum bloß?! Warum du?
Nicht warum, sondern wozu! Margarete runzelte die Stirn, drückte dann liebevoll Katrins Hand Frage nie nach dem Warum, such das Wozu!
Diese Frage stellte sich Katrin bei Carola immer wieder. Wozu das alles? Wofür musste ausgerechnet sie dieses Kind versorgen, das so ein Päckchen trug? Zu Max Behinderung auch noch sie? Musste das sein? Zu wissen, dass ihr Sohn nie würde laufen können Katrin drückte die Lider zu, wollte nicht weiterdenken. Wenn nur ein Funken Hoffnung bliebe
Leise stand sie auf und ging zu Max ins Zimmer. Er schlief, völlig quer über dem Bett, das Deck weggeworfen. Katrin deckte ihn wieder zu und hockte sich neben seine Matratze. Sie nickte vor sich hin, erwachte erst, als Carola ihre Schulter berührte.
Katrin, schlaf schon! Es ist spät.
Sie blinzelte, blickte sich um.
Bin ich eingeschlafen? Wie spät ists?
Fast drei. Carola saß im Bett, nur die Nachttischlampe war an, ihr Gesicht im Streulicht. Kann ich was fragen?
Katrin strich Max die Decke zurecht, hielt kurz inne, zwang sich zur Ruhe, dann nickte sie.
Natürlich.
Liebst du mich?
Katrin presste das Laken und antwortete ehrlich, fast erleichtert:
Ich weiß nicht. Nein, nicht so einfach Ich will dir nicht lügen. Du bist alt genug, das zu verstehen. Ich kann nicht behaupten, dich zu lieben wie Max. Das wäre gelogen. Aber du bist mir nicht fremd, Carola. Ich hab genauso Angst um dich wie um ihn das ist vielleicht so eine eingebaute Mutterfunktion. Wie bei Haushaltsgeräten. Sie springt an, wenn ein Kind da ist: Angst, Sorge, Beschützen, immer von Neuem. Ausschalten geht nicht. Es gibt nur einen Knopf zum Einschalten. Ist das Liebe? Ich weiß es nicht Aber so ist es halt.
Carola hörte Katrin aufmerksam, ganz gerade sitzend, zu.
Wenn du fragst, ob Schmetterlinge in meinem Bauch flattern, wenn ich an dich denke: Nein. Wahrscheinlich wird das nie so sein. Und ich weiß nicht, wie es mal wird zwischen uns. Leicht ist es gerade nicht. Für dich nicht, für mich nicht. Und es geht nicht, wie du weißt, um schmutziges Geschirr. Aber ich will, dass es dir gut geht. Ich wünsche dir alles Gute für dein Leben. Und dafür setze ich mich ein. Bitte erwarte aber keine Zauberfee von mir. Ich kann das nicht Oma Margarete konnte das, ich nicht.
Oma Margarete hat gesagt, man muss Kinder lieben, aber so, dass sie von der Liebe nicht verdorben werden.
Was? Katrin schaute überrascht. Wann hat sie sowas gesagt?
Damals, bei ihr zuhause. Und sie meinte auch, du bist gut. Nur kalt wie die Schneekönigin. Und dass das nicht mal deine Schuld ist Ich versteh das nicht.
Ich schon Und wieso das mit der Liebe, die Kinder verdirbt?
Das war, als Nachbars Sascha die Kätzchen ertränkt hat. Seine Mutter war noch stolz, hat Theater gemacht, weil wir ihn vom Spielplatz gejagt haben. Da sagte Oma Margarete: Liebe gibts in vielen Arten. Die blinde ist gefährlich.
Verstehe Carola…
Schon gut. Du brauchst nichts sagen. Ich verspreche auch nichts, ich weiß nicht, ob ich es einhalten kann. Aber ich will es versuchen anders als bisher.
Also, versuchen wir es
Katrin wandte sich zur Tür, hielt dann inne. Unerwartet trat sie zu Carola, nahm das Mädchen vorsichtig zwischen die Hände und sagte:
Wir versuchen es.
Später wird Carola sagen, einfach war es nie. Flügel wuchsen nie, nicht damals und auch nicht später. Aber da war Max, den sie liebte, und ein Versprechen, das einzulösen blieb.
Und als sie, zehn Jahre später, schwanger und erwachsen, Familie, Bruder, Eltern besucht, wird sie Katrin umarmen, die lacht, während Max, immer noch schräg singend, begeistert über den neuen Laptop ist, den Carola ihm schenkte. Und Carola wird ganz leise zu ihr sagen, sodass Vater und Bruder es nicht hören:
Danke.
Wofür? wird Katrin erstaunt fragen.
Dafür, dass du immer ehrlich zu mir warst. Und sag mal diese Funktion die Mutterfunktion, springt die gleich mit der Geburt an? Ich glaube, bei mir hakt der Knopf.
Wenn du fragst, ist sie schon da! wird Katrin lachen und so tun, als merke sie nicht, dass Carola sie zum ersten Mal “Mama” genannt hat.





