Tanja

Tanja

Nicht! Bitte, bitte! Bringen Sie ihn mir nicht! Wozu machen Sie das nur?

Eine zierliche, fast wie eine Porzellanfigur wirkende junge Frau mit schmalen blauen Augen schrie sich in Rage und schob die Schwester, die ihr das Baby reichen wollte, hektisch weg.

Tanja ruckelte ihre Tochter bequemer auf den Arm, winkte der Schwester zu:

Los, her mit dem Kleinen! Ich fütter ihn.

Aber das ist eigentlich nicht erlaubt

Pff, das bleibt doch unter uns! Warum soll das arme Würmchen die Flaschenmilch bekommen, wenns noch genug Muttermilch gibt? Sollen sie halt genießen. Was morgen ist, sehen wir dann.

Die stattliche Tatjana schallte mit ihrer tiefen Stimme durch das ganze Zimmer und konnte wirklich überzeugen nicht umsonst war sie Beauftragte für die Baustelle geworden. Wer sollte das auch sonst machen? Jeder wusste, dass sie nicht nur anpacken, sondern auch vermitteln konnte eben so ein Mensch. Nicht nur kompetent, sondern richtig anständig. Wo nötig, zeigte sie klare Kante, wo nötig, gabs klare Worte manchmal auch recht unverblümt. Und das kam vor!

Wenn einer kein Deutsch versteht, dann sagt man’s ihm eben so, dass ers kapiert auf seinem Dialekt!, lachte Tatjana. Meist liefen die Gesprächspartner schon vorsichtshalber in Deckung, wenn sie ihren Ton draufhatte da war klar: Abwarten bringt nichts!

Mit dreißig war aus der kleinen Tanja längst die hochrespektierte Tatjana Krüger geworden niemand wäre auf die Idee gekommen, sie noch beim Kosenamen zu nennen. Die jungen Frauen, die zu ihrer Brigade kamen, hätten sich Lausbubigkeit oder Vertraulichkeiten sowieso nie getraut. Doch nach ein paar Wochen mit der strengen Tanja, wie sie auf der Baustelle hieß, wussten alle: einen besseren Menschen konnte man sich kaum wünschen. Tatjana half, unterstützte, gab kluge Ratschläge und war im Notfall sogar großzügig mit Geld. Jede bekam von ihr ein gutes Wort und so wurde aus der strengen Tanja in den Gesprächen immer häufiger Mama Tanja.

Tatjana war so eine Frau, über die die Nachbarinnen tuschelten: Die hat einfach kein Alter! Man konnte sie zwanzig, aber auch vierzig schätzen kam ganz drauf an, wie der Tag stand. Ein Gesicht mit großen, prägnanten Zügen, eine Nase wie eine römische Göttin, und Haare, dass man locker drei Perücken hätte flechten können ein Glück, dass die nicht mehr Mode waren! Ihr ganzer Habitus wie ein gutes Schiff, wuchtig, stolz, blitzsauber herausgeputzt.

Mit ihrem Äußeren war Tatjana immer sehr kritisch. Blaumann hin oder her! Wer sagt denn, dass der schmutzig sein muss? Die Mädels staunten nicht schlecht, wenn Tatjana nach jeder Schicht sauber ihre Arbeitsklamotten einpackte:

Frau Krüger, wann schaffen Sie das überhaupt? Ich falle abends halbtot ins Bett ans Waschen ist da nicht zu denken!

Das ist halt so, wenn man keinen Plan hat! Ich habe drei Garnituren. Da schaffe ich das locker, auch wenn ich platt bin. Ist halt nicht immer alles gleich dran. Aber in sauberen Sachen gehe ich trotzdem zur Arbeit, anders kann ich nicht. Fühl ich mich nicht ordentlich, werd ich ganz krank und nervös. Wollt ihr das irgendwann verstehen?, lachte Tanja, während die Azubinen immer länger im Gesicht wurden.

Über ihr eigenes Leben sprach Tatjana wenig. Dazu gabs auch keinen Anlass alles war offensichtlich. Über ihren ersten Mann wurde auf der Baustelle fast ein Jahr getuschelt, nachdem er, aus purem Leichtsinn, vom dritten Stock gestürzt war und überlebt hatte, nur durch Tatjanas Hartnäckigkeit. Ärzte hatten kaum Hoffnung, so viele Knochen waren gebrochen, aber Tatjana hörte auf niemanden. Sie vertraute einfach auf ihre Energie, bekniete Arzt und Schwester und sogar den Chefarzt so, dass sie lieber flüchteten, als ihr zu begegnen. Am Ende stand Sergej erstmal, dann ging er und rannte bald darauf… für eine neue Liebe davon.

War Tanja zuhause heulend unterwegs, sodass sogar die Nachbars-Pudel mitweinten, zeigte sie sich auf der Arbeit stets mit erhobenem Kopf, die Augen knochentrocken. Schließlich: Jammern bringt auf der Baustelle niemanden weiter! Vor allem, weil nicht nur sie selbst in Gefahr war, sondern auch andere. Und dann? Wer konnte danach ruhig schlafen? Sollen sie doch laufen, wohin sie wollen, wenn sies nicht kapieren!

Natürlich tuschelten die Mädels in den Ecken. Aber Mitleid mit Tanja? Das traute sich keine. Zu Recht! Sie ertrug keinen Selbstmitleid, hatte ihr Papa ihr schon ausgetrieben. Tanja wurde von ihrem Vater alleine großgezogen; Nachbarinnen meinten ständig:

Fritz, du, sie ist doch ein Mädchen!

Aber ihr Vater blieb, wie er war. Und seine Erziehung war simpel:

Tu keinem was zuleide und steck nicht alles ein! Wenn dir jemand Unrecht tut, machs klar, aber ohne Trara. Erklär, was los ist, aber meide Streit. Bring die Dinge ruhig auf den Tisch. Und wenn nicht dann sei still und verlang auch nichts zurück. Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst. Wenn dich ein Wort kränkt, überleg! Willst du das dann anderen antun? Hm?

Nein!

Kleine Tanja schaufelte ihren Quark mit Milch rein der Vater konnte doch mittlerweile echt kochen und hörte konzentriert zu.

Und wenns so ist, dann lass es bleiben. Es bringt nix, man verliert nur Freunde und keiner hat was davon. Groll ist wie kalter Kaffee, keiner mags! Man meint manchmal, er sei berechtigt, aber glücklich wird davon keiner.

Tanja respektierte ihren Papa riesig. Für sie gab es keinen besseren Menschen. Verschlossen, selten herzlich, für Fremde eher wortkarg doch seine Tochter war sein Ein und Alles. Sogar alte Hasen wunderten sich.

Na, Fritz, bist du sicher, dass sie wirklich deine ist? Nadja hatte doch damals einige Verehrer

Bei solchen Sprüchen flogen Fäuste Fritz, kompromisslos, verpasste dem Sprecher eine saftige Erinnerung, wofür er schon zweimal richtigen Ärger bekam. Der Werksleiter, der ihn und den Vater kannte, half zwar, aber schimpfte so laut, dass die sechsjährige Tanja lieber im Hof verschwand und die Wohnungstür extra fest schloss. Ihre Mama kannte sie nicht bewusst, sie wusste nur: Die hatte sie als Baby dagelassen und war dann aus Braunschweig verschwunden. Warum? Keine Ahnung. Jahre später fragte sie ihren Vater. Fritz legte die Gabel weg, schwieg eine Weile und schaute ihr ehrlich in die Augen:

Wir waren ihr im Weg, kleine Maus. Sie wollte frei leben, und wir waren zu viel. Da war sie ehrlich: Sie konnte dir keine Mutter sein, mir keine Ehefrau.

Tanja stellte ihm eine Tasse Tee hin und stapelte Pfannkuchen auf einen Teller. Dann platzte es aus ihr raus:

Und weißt du das ist auch gut so! Lieber ehrlich gehen, als jeden Tag was vorspielen. Uns gehts ja auch so gut! Aber, Papa…

Ja?

Stimmts eigentlich, was die Leute da über mich erzählen? Ist doch egal! Für mich bist du mein Papa das bleibt immer so. Aber ich will die Wahrheit wissen, nur so. Man weiß ja nie

Fritz presste die Tasse fast kaputt, starrte sie an Tanja wich nicht aus, sie schämte sich nie für ihre Fragen. Ihr Vater hatte ihr nie eine Lüge aufgetischt auch jetzt nicht.

Du bist meine. Punkt. Deine Mutter war immer ehrlich mit mir. Sonst hätte sies gesagt. Also denk nicht drüber nach. Du bist meine Tochter und ich dein Vater. Fertig.

Mit schwerem Seufzen umarmte er das wirre, krause Mädel, küsste ihr den Kopf und verschwand in die Küche.

Tanja atmete auf. Alles richtig. Jetzt war alles wieder an seinem Platz. So sollte es sein. Niemand würde sie von jetzt an anpöbeln sie würde sich das nicht bieten lassen. Ihre Mutter nun, was solls. Sie war halt, wie sie war. Wenigstens Tanja verdankte ihr ihr Leben dafür konnte man Danke sagen. Für den Vater sowieso einen besseren hätte sie sich nie gewünscht.

Tanja wurde älter, und das Gerede verstummte. Sie sah ihrem Vater so ähnlich groß, braunschwarz, lockig , dass sogar die tratschenden Omas auf der Bank staunten:

So eine Erscheinung! Wie aus einem alten Märchen richtige Recken, Menschenskinder!

Warum muss das Mädel so groß sein? Sie sieht aus wie ihr Vater. Wo soll man da einen passenden Mann finden?

Sergej fand sich von selbst. Da war Tanja schon auf dem Bau und er, noch einen Kopf größer als sie, blieb ihr natürlich nicht verborgen.

Wow, bestimmt die Königin höchstpersönlich!, pfiff er beeindruckt Tanja wurde knallrot.

Es funkte sofort. Bei der Hochzeit war die Verwandschaftsliste endlos. Schwiegereltern, Sergejs Schwestern, Tanten, Omas, Opas plötzlich war Tanja von lauter neuer Familie umgeben.

Einfach wars nicht. Die Schwiegermutter, die schon auf der Hochzeit alles über Tanja ausschnüffelte, beschloss, dass sie nicht ins Haus passe. Sie erzählte ihren Töchtern ihre eigene Version bald ahnte Tanja, von welcher Seite Gegenwind drohte.

Naiv war sie sicher nicht, in einem Mietshaus war eh immer alles Thema aber trotzdem hatte sie ein klein bisschen auf eine Ersatzmutter gehofft, wenigstens durch die Schwiegermutter. Aber daraus wurde nichts Sticheleien, Vorwürfe, Streitereien. Tanja hielt dagegen, wie sie es gelernt hatte. Sie versuchte ein paar Male, das Gespräch zu suchen, aber das war aussichtslos. Also, warum Zeit verschwenden? Zum Namenstag der Schwiegermutter oder beim Geburtstag der ältesten Nichte, wo Tanja und Sergej nicht auftauchten, gab es Krawall. Die Schwiegermutter stürmte an ihrem freien Tag herein, schimpfte, während Sergej in der Garage schraubte.

Was denkst du dir eigentlich?! Willst du meinen Sohn von mir wegnehmen? Hör mir mal zu…

Was denn? Tanja drehte sich, die Hände seifig, um und wuchs auf einen Meter neunzig: Na, was ist jetzt? Ein süffisantes Lächeln sie trocknete sich die Hände ab. Wollen Sie schimpfen? Können Sie gerne aber erst mal hören Sie mir zu!

Tanja blieb so lange stehen, bis die Schwiegermutter erschöpft auf den Hocker sank.

Sie sagen doch dauernd, ich sei nicht aus Ihrem Holz. Gut dann müssen wir nicht auf Biegen und Brechen Familie spielen. Dass Sergej nicht zu Ihnen will? Da kann ich nichts für. Er ist erwachsen und muss sich nicht rechtfertigen. Ich habe nie ein schlechtes Wort über Sie verloren, egal, was Sie sich einbilden. Wenn Sie trotzdem weiter Ärger suchen, dann halt bei sich daheim. Zu mir kommen Sie mit sowas nicht rein. Kommen Sie wegen etwas Nettem herzlich gern. Sonst können Sie sich den Weg sparen.

Oh, jetzt redest du aber aufmüpfig!

Was haben Sie denn erwartet? Dass ich schweige und heule? Fehlanzeige! Wäre auch gar nicht mein Stil. So, ich mach jetzt Tee. Möchten Sie eine Tasse?

Die Schwiegermutter Gabriele sprang fast wieder auf, dann aber wurde Tanja ganz blass, lehnte sich an den Kühlschrank und hetzte Richtung Bad gerade nochmal rechtzeitig.

Als sie, mit nassen Locken und wackeligen Knien, zurückkam, standen zwei dampfende Tassen da, Gabriele schnitt Brot.

Setz dich. Wann hast du das letzte Mal gegessen?

Keine Ahnung…

War klar. Dann los, iss endlich! Ich bin gleich zurück. Magst du lieber saure Gurken oder Sauerkraut?

Tanja starrte sie an wie vom Donner gerührt. Eben noch hatte Gabriele sie angeschrien jetzt wollte sie wissen, was sie mitbringen soll?

Was guckst du so? Überrascht? Ich kann auch anders. Und, wie weit bist du?

Tanja seufzte. Nun war’s raus was solls.

Dritter Monat.

Wird bald besser!, verkündete Gabriele mit Nachdruck und stellte das Teller mit Butterbrot zu ihr. Morgens gleich ein Stück Brot oder einen Keks in den Mund. Nur ein kleines Stück. Auch wenn gar kein Appetit da ist hilft trotzdem.

Ab da wurde der wacklige Frieden, den Tanja so mühsam aufrechterhalten hatte, langsam stärker. Als ihr Sohn Alexander geboren wurde, stand die ganze Großfamilie am Krankenhaustor, immer noch halb beleidigt, aber vielfältig bemüht, ihre Zankerei unter den Teppich zu kehren.

Und als Sergej beschloss, dass das Leben jetzt neue Wunder für ihn bereithält, und ging war es ausgerechnet Gabriele, die Tanja beistand.

Mensch, Tanja, was für ein Depp, der Bengel!, tadelte sie bei jedem Besuch. Wenn ich den sehe, gibts was hinter die Ohren! So ein Kindskopf

Lass mal, Mama. Das bringt nur Abstand, schüttelte Tanja den Kopf, ringend, wieder nicht loszuheulen. Frauen wird er noch genug haben, aber Mutter nur eine. So ist das. Gut, wenn er das wenigstens bleibt. Ich kann ihn ja nicht zwingen, bei uns zu bleiben. Wenn er sich lieber in jemand anderen verliebt was soll ich denn machen? Hauptsache, er kümmert sich um Alex. Der braucht seinen Papa.

Gabriele zerzauste Alexanders wuscheligen Schopf, nahm Tanja ganz fest in den Arm.

Kopf hoch, Mädchen. Du kriegst das alles hin. Du bist klug, stark, schön! Und ein Kind im Haus hat noch nie geschadet. Wir helfen, so gut wir können. Ihr bleibt unsere Familie, klar?

Gabriele hielt ihr Wort. Tanja bekam von der Schwiegermutter genauso viel Unterstützung wie von ihrem Vater. Wie sie das mit Sergej klärte, wusste Tanja nicht jedenfalls sah Alex seinen Vater oft, so oft es ging. Sergej wohnte nur eine Zugstunde entfernt, holte Alex ab und an für ein paar Tage zu sich und seiner neuen Frau. Tanja? Die schüttelte nur den Kopf, wenn jemand meinte:

Tanja, bist du verrückt? Dein Kind einfach zu einer Fremden schicken? Niemals!

Du bist du; ich bin ich. Und sie ist nicht fremd, sondern die Mutter von Alex Schwester. Was soll ich denn verteidigen? Die Kinder sollen sich kennen. Schaden wirds nicht.

Ihr Papa Fritz, immer noch beeindruckt von ihrer Weisheit, unterstützte sie:

Genau richtig gedacht. Zwei sind besser als einer. Alex soll seine Schwester kennen. Das Leben ist kompliziert.

Jahr um Jahr ging ins Land da verbreitete sich auf der Baustelle das Gerücht: Frau Krüger schwanger! Aber der Vater? No one knows!

Tanja kümmerte das nicht. Sie hatte keine Lust, sich zu erklären. Ihr Kurzurlaub an der Ostsee war das Glücklichste der letzten Jahre gewesen Alexander, ein Professor mit silbernem Haar, beeindruckte durch Wissen und stille Melancholie. Auch er war unglücklich in seiner Ehe.

Wissen Sie, liebe Frau Krüger, es ist so schwierig, zu Hause zu leben, wenn von Liebe und Glück nur noch Restposten da sind. Es bleibt nur Pflicht.

Meinen Sie, Streit ist für die Kinder besser? Oder glauben Sie, sie merken nichts?

Wie meinen Sie das?

Sie wissen alles. Ich weiß das sicher. Tanja drehte ihre riesige Sonnenhut-Krempe. Sie war nicht für den Süden gemacht aber ohne Schatten wurde ihre Haut sofort rot und der Urlaub zur Qual.

Sascha nannte sie ihn trotzdem nie. Für sie war es immer Herr Professor Doktor Berger. Aber diese Etikette war keine Barriere im Gegenteil: Es ging so leicht und dennoch so tief, als müsste man sich, um sich ganz zu öffnen, nicht duzen. Zum Abschied hat sich Tanja nicht getraut, Adieu zu sagen. Sie packte im Morgengrauen, fuhr heim, und alles blieb als bittersüße Erinnerung, die sie mit niemandem teilen wollte auch nicht mit deren Verursacher…

Gabriele, die blitzschnell durchschaute, was los war, bekam von Tanja die ganze Geschichte. Sie urteilte nicht, sondern lachte:

Na und? Noch ein Kind! Je mehr Liebe drumrum, umso besser für Alex. Kopf hoch, Tanja! Wie viele große Lieben hat ‘ne Frau schon im Leben? Wäre was anderes gewesen, wärst du verheiratet aber so what! Hauptsache, du stehst zu dir.

Die Tochter das war die pünktlichste Geburt der Station und die Ärzte schüttelten bei Tanja den Kopf: Sie schrie nicht, sondern lachte jedes Mal nach der Wehe.

Die Hebamme grinste: Na sowas! Alle schreien, aber Sie, Frau Krüger, blühen ja richtig auf! Muss wohl ein Liebeskind sein, was?

Tanja zuckte nur mit den Schultern.

Hier Ihre Kleine wird sicher mal ‘ne Schönheit! So ein Brocken ganz wie Sie.

Ach, kein Problem. Für große Mädchen gibts auch Glück, wissen Sie?

Im Zimmer lag Tanja allein, bis eine rabenschwarze, winzige Frau herein humpelte, von der Schwester gestützt.

Hierbleiben. Alles Weitere sehen wir dann., sagte die Schwester und zog ab.

Tanja hörte das Stöhnen ihrer Nachbarin, füllte ein Glas mit Wasser.

Wie heißt du denn?

Nur ein leises Schluchzen kam zurück.

Da ließ Tanja alle Bedenken fahren, setzte sich ans Bett, hob die Kleine an:

Willst du was trinken?

Wie gierig die junge Frau das Wasser trank! Tanja schüttelte den Kopf.

Bist kurz vorm Verdursten? Sag schon wie heißt du?

Asja.

Asja, mhm. Und, Junge oder Mädchen?

Asja wandte sich ab und weinte still.

Tanja ließ sie. Wer reden wollte, kam von selbst.

Die Stunden vergingen, aber Asja lag immer noch stumm.

Die Türen klapperten am Gang, das altmodische Baby-Bettchen mit den Babys kam angetuckert. Tanja stand auf, voller Vorfreude, ihre Tochter gleich wieder im Arm wiegen zu können.

Und du, machst du dich gar nicht fertig?

Asja antwortete nicht.

Das Bubenbaby, winzig im Kontrast zu Tanjas kräftiger Iris, nahm sie ganz vorsichtig. So klein! Wohl ganz die Mama und schwach.

Na, das geht ja gar nicht, mein Lieber!

Tanja schob Iris beiseite, stellte sich vor Asjas Bett.

Sag mal, hast du jetzt völlig den Verstand verloren? Dein Junge atmet kaum noch und du badest dich im Selbstmitleid? Los, steh auf! Ich meins ernst!

Tanjas Alt-Stimme donnerte durchs Zimmer, draußen polterte etwas auf den Flur. Asja zog sich wie ein Igel zusammen.

Jetzt ist aber Schluss mit Jammern! Was immer dir passiert ist, ihm gehts zehnmal schlechter! Dich kann man von mir aus verlassen aber ihn? Pfui! Frag Gott, ob der zwischen seinen Kindern einen Unterschied macht! Setz dich, jetzt machen wir dich zur Mutter!

Der Arzt, der wegen der kreischenden Schwestern anrückte, schwieg nur. Er beobachtete, wie Tanja Asja half, den Kleinen anzulegen, und machte sich danach wortlos wieder aus dem Staub.

Die beiden regeln das schon. Holt die Babys später ab. Ist wichtig!

Asjas Geschichte war einfach: zu schnelle, zu große Liebe ohne Kopf, mit vielen Versprechungen und wenig dahinter. Der Typ war weg, als er von der Schwangerschaft hörte, sie hatte keinen Mut, es den Eltern zu sagen.

Ich kann da nicht zurück, Tanja. Mein Vater der wird mich rauswerfen.

Und die Mutter?

Die wird weinen, aber niemals gegen meinen Vater. So ist das bei uns halt. Nicht ihre Sünde, sondern meine. Aber ich kann den Jungen ja nicht mal mitnehmen, weißt du?

Wie alt bist du denn?

Asja sah mit großen, dunklen Augen auf:

Achtzehn. Gerade geworden.

Kindchen, seufzte Tanja und schaukelte gedankenverloren die Kopfkissen, summend eine Schlafmelodie. Am liebsten hätte sie Iris wieder auf den Arm genommen, das Gewicht gespürt, das einem sagt: Jetzt gibt es jemanden, für den du da sein musst. Die Gedanken rasten galoppierend so wild durch ihren Kopf, dass sie sie einfach laufen ließ. Eigentlich war alles klar. Jetzt musste ein Plan her, wie sie Asja überzeugt.

Fritz, ihr Vater, wunderte sich nicht, als die Nachricht kam. Er fuhr zu Gabriele, Tatjanas Schwiegermutter, holte alles an Babykram, was sie zu bieten hatte, baute daheim das zweite Kinderbett auf und rief Gabriele an.

Alles bereit!

Und ich hab auch alles sortiert. Ist zwar gebraucht, aber sauber! Reicht für den Anfang.

Tanja überlegte, wie sie mit Asja reden sollte. Die war zu stolz, um einfach Hilfe anzunehmen. Aber Asja war schon wieder einen Schritt weiter am Abend, als die Babys zum Stillen kamen, klammerte sie sich an ihr Kind, schluchzte so laut, dass Tanja sie kaum halten konnte.

Aber, Mädchen, jetzt beruhige dich! Alles wird gut!, tröstete Tanja.

Nichts wird gut!, kreischte Asja durchs Krankenhaus. Wohin sollen wir nur? Wer braucht uns?

Da sagte Tanja, ruhig und fest wie eh und je:

Ich. Und ein Zuhause hab ich auch für euch. Ist zwar klein, aber das reicht. Mein Papa hat schon das zweite Bett aufgebaut, und für dich ist das Sofa frei. Also, Schluss mit Geschrei! Du hast das Baby erschreckt! Denk dran: Er fühlt, wie’s dir geht. Wenn du Angst hast, hat er auch Angst. Und dafür hast du ihn nicht auf die Welt gebracht! Deine Aufgabe ist jetzt, das zu ändern. Mit Jammern wird das nichts. Wir sind jetzt nicht mehr allein. Und zusammen schaffen wir das.

Asja schaute sie so an, wie ein Ertrinkender einen Rettungsring. Tanja nahm beide fest in den Arm.

Keine Angst. Es wird! Ich bin vielleicht keine Mutter für dich aber für die große Schwester tauge ich allemal. Wenn du willst.

Als Asja schlapp in ihren Armen lag, brachte Tanja das Baby schnell in Sicherheit, setzte die Nachbarin aufs Bett und bellte die verblüfften Schwestern an:

Was steht ihr da rum wie im Zoo? Halt’ mal was Beruhigendes bereit! Das Mädel ist durch mit der Welt!

Nach drei Monaten bugsierte Asja die große Kinderkarre mühevoll vors Haus und grüßte die Nachbarinnen am Gartenzaun.

Und die Autotür zuckte zu ihr Vater war schon da. Kaum stand Asja still, wollte sie sich schützend vor den Wagen stellen.

Tanja, die beim Treppenhaus noch am Kleid hängen geblieben war, schob Asja beiseite.

Los, geh! Sprich mit deinem Vater, wir gehen solange spazieren! Hab keine Angst, er schimpft nicht. Mit dem hab ich schon Tacheles geredet. Wer liebt dich mehr als deine Eltern? Du warst weg, kein Wort, keinen Ton. Die Verrückten haben dich überall gesucht!

Tanja rollte quer durchs Gebüsch, schob die Karre um die Ecke dann schaute sie zufrieden zurück. Sie legte die Decke liebevoll zurecht, dann knurrte ihr Alt, halblaut:

Na, sehr gut. Wenn er sie umarmt, ist alles vergeben. Von wegen Waisenkind, Sascha! Du hast einen Opa, eine Oma und noch jede Menge Verwandtschaft! Für Asja wirds nicht einfach, aber heute reißt das kein Löwe mehr aus ihren Armen. Die ist jetzt eine richtige Löwenmama! Und wenn du mal Quatsch machst, erinner ich dich schon daran, wie man Familie und Heimat liebt verstanden? Neben der neuen Familie hast du nämlich auch uns: mich, Iris, Alex, Opa Fritz und was auch immer ist: Wir sind für euch da!

Zwei unterschiedliche Nasen schnarchten synchron in der Karre.

Die Sonne, tagelang verlässlich im Winterschlaf, kam plötzlich durch die Wolkenlücke, ließ das Gold auf den Bürgersteigen tanzen. Tanja reckte das Gesicht fast sommerlich warm dem Licht entgegen.

So, Leute! Spaziert der erste große Mai-Gewitterschauer kommt! Los, nach Hause!

Der Regen holte sie vorm Haus ein. Tanja drückte Sascha dem Opa in die Hand:

Dritter Stock, Opa. Bringen Sie Ihren Schatz rein. Die Tür ist offen.

Asja wollte gerade protestieren, da drückte ihr Vater ihr das Baby ans Herz.

Wie hast du ihn genannt?

Alexander.

Guter Name. Wird mal ein Starker, jawoll. Komm, gehen wir!

Tanja blieb einen Moment noch auf der Treppe, Iris auf dem Arm.

Siehst du, Mädchen das Glück läuft manchmal einfach nur auf der Straße herum. Wenn du wartest, dass es angelaufen kommt, lebt es nachher bei jemand anderem. Wenn du glücklich sein willst dann seis! Warte nicht, bis jemands dir bringt. Liebe deine Leute, hab Mitleid mit den anderen und erwarte nie Dank. Wer will, wird danken. Wer nicht Pech gehabt! Hauptsache, du kannst dir in den Spiegel schauen. Leb, dass jeder weiß: Genau SO geht das!In der Wohnung duftete es nach Apfelkuchen und Babypuder, die Stimmen vermischten sich zu einem fröhlichen Auf und Ab, in dem jeder seine Rolle suchte und bald gefunden hatte. Am Fenster lachten die beiden Babyschwestern im Stubenwagen, Opa Fritz spielte Karten mit Alex, während Asja versuchte, ihre aufgeregte Mutter zu trösten und bei jedem Kinderquengeln über sich hinauswuchs.

Tanja blickte dem Geschehen eine Weile zu, holte aus alter Gewohnheit den sauberen Blaumann zum Zusammenlegen, blieb dann aber am Küchentisch sitzen. Sie hörte das Lachen, ein leises, zufriedenes Murmeln, das von Zimmer zu Zimmer wanderte. Das Leben war lauter, bunter geworden ganz so, wie sie es eigentlich immer gemocht hatte. Keine Stille, die zu viel nachdenken ließ. Keine leeren Stühle, keine verdrückte Einsamkeit.

Tanja nahm Iris auf den Schoß, küsste die Stirn ihres Kindes, und spürte, wie die kleinen Finger sich an ihrer Bluse festkrallten. Asja kam dazu, setzte sich zögernd neben sie, und es waren keine großen Worte nötig. Tanja fasste sie am Arm, lehnte das Kinn auf ihre Schulter und sagte:

Familie sucht man sich nicht aus. Aber manchmal hat man Glück und findet sie trotzdem.

Asja ließ die Tränen laufen, diesmal vor Erleichterung. Sie lachten beide, das Baby gluckste, und draußen mischte sich das Trommeln des Regens mit dem ersten Vogelgesang.

Tanja stand auf. Sie wusste, es würde wieder Schwierigkeiten geben, Fragen, die keiner beantworten konnte, Tage, die sich zäh wie Kaugummi zogen. Aber dazwischen war jetzt so viel Licht, dass der Rest einfach verblassen musste. Sie war keine Märchenheldin, keine Heilige sie war nur Tanja, mit Herz und Händen, und das war genug.

Noch einmal warf sie einen Blick in den Flur. Da standen die Schuhe ihrer Lieben kleine, große, fremde, vertraute. Sie lachte laut auf, ihre Stimme schallte bis ins Treppenhaus.

Na los Leute! Es gibt gleich Essen. Aber erst erzählt mir jemand einen richtig guten Witz. Wer lacht, lebt länger! Und ich will alt werden mit euch allen.

Und als das Haus vor fröhlichen Rufen und Schritten erbebte, wusste Tanja, dass Zuhause kein Ort ist sondern die Menschen, die wir lieben. Egal, wie viele Umwege das Glück manchmal nimmt: Es kommt immer dahin zurück, wo jemand die Tür offen hält.

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Homy
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