Der grüne Buntstift

Der grüne Buntstift

Zehn bis zwölf Wochen, schätze ich.

Was für ein Zeitraum? Eva hörte auf, das Gel von ihrem Bauch mit der Papierserviette abzuwischen.

Die Schwangerschaft, natürlich, Eva. Bist du nicht Ärztin? Hast du etwa noch nicht gemerkt, was los ist?

Was redest du denn da? Das ist unmöglich!

Warum?

Ich bin nicht verheiratet. Schon lange nicht mehr. Und ich… Eva stockte. Nicht möglich!

Sie schloss kurz die Augen, als könne sie so vertreiben, was wie ein schlechter Traum auf ihr lastete lähmender Schock, der so festhielt, dass man denkt, man könnte daraus nie mehr aufwachen. Ihre Fingerspitzen wurden taub, wie immer, wenn sie zu nervös war. Doch Eva öffnete die Augen. Nein, jetzt keinen Ausbruch! Dafür hätte ihre Mutter kein Verständnis gehabt. Sie hätte gesagt, Eva sei wie ein Strauß auf dem Asphalt.

In Gedanken sah Eva die kleine Zeichnung, die ihre Mutter damals gemacht und über ihren Schreibtisch gehängt hatte. Sie atmete langsam aus und lächelte. Genau das war sie: ein riesiger, etwas ratloser Vogel, großäugig und verschreckt, der nicht weiß, wohin nur. Sie steht mitten in der Stadt, bemerkt aber nicht, dass gleich neben ihr ein Stück weiches Gras ist voller Möglichkeiten. Anstatt loszulaufen, bleibt sie einfach stehen.

Schau mal! Der Vogel hat so viele Wege aus der Situation, aber er bleibt stehen, weil er Angst hat. Glaubst du wirklich, das ist der einzige Ausweg? Sieh genau hin.

Eva war damals sechs und drehte das Blatt lange in den Händen.

Ich weiß nicht, seufzte sie schließlich. Ich hab Mitleid mit ihm.

Mit wem? Mit der Möglichkeit? lachte ihre Mutter.

Mit dem Vogel! Eva war den Tränen nahe.

Wirds besser, wenn du bedauerst?

Nein.

Und wenn

Ihre Mutter drückte Eva einen grünen Buntstift in die Hand und holte einen Radiergummi.

Pass auf!

Mit dem Radiergummi löschte sie langsam die Stadt um den Strauß. Ein Haus nach dem anderen verschwand. In Evas Augen lag Faszination, denn sie verstand nicht, was das alles sollte.

Jetzt mach mit!

Die starken Finger ihrer Mutter, geübt im Umgang mit Pinsel und Stift, legten sich um Evas Hand. Um den Strauß entstand grünes Gras, daneben ein paar Bäume und sogar Wolken zwar statt mit Blau mit Grün, aber es war klar, was es darstellte.

Na? Meinst du, jetzt gehts dem Vogel besser?

Eva betrachtete das Bild. Ihr schien, der Strauß wird gleich losrennen auf dem saftigen Rasen, weit weg von all dem Kummer, von dem, so stellte Eva sich vor, der Strauß reichlich hatte.

Ja! Jetzt ist es schön für ihn.

Und wer hat das möglich gemacht?

Du?

Nein, du. Du hast den Stift ergriffen und alles verändert. Ich habe nur etwas geholfen. Eva, du kannst die Wirklichkeit nicht nur für deinen Vogel ändern. Sondern auch für dich. Jederzeit. Eins und du zauberst dir eine Wiese hin! Zwei du rennst los und schaust nicht zurück! Und wenn du bis drei zählst denk dir einen Herzenswunsch aus und erfüll ihn dir. Oder versuch es wenigstens. Träume sind immer gut, auch wenn sie nur Träume bleiben.

Die Mutter ist lange tot, aber Eva erinnert sich an alles, was sie ihr beigebracht hat ihre Märchen, die kein anderes Kind kannte, ihre Gespräche, ernst und weniger ernst, die sie gemeinsam in der winzigen, aber immer blitzblanken Küche führten. Im Gegensatz dazu war der Rest der Wohnung voller Leinwände, Farben, Pastellkreiden und allem möglichen Malzubehör. Eine richtige Werkstatt hatte ihre Mutter nie, sie arbeitete zuhause.

Diese Gespräche, scheinbar unwichtig und doch so prägend, nannte die Mutter immer unsere Runden.

Na gut, machen wir wieder unsere Runde? kam sie in die Küche, schob sich grübelnd die Farbflecken von der Nase oder den Wangen. Warum auch immer, Mutter sah nach dem Malen oft selbst aus wie ein Gemälde so bunt, dass Eva immer lachen musste.

Mama, du siehst selbst aus wie ein Bild! Dich sollte man aufhängen! So farbenfroh!

Der Apfelkuchen, den Eva versuchte aus dem Ofen zu holen, fiel beinahe auf den Fußboden, die beiden lachten sich schlapp, einfach so, ohne Grund.

Sie waren immer ein gutes Team. Auch wenn ihre Mutter nie perfekt gewesen war Eva bügelte sich seit der ersten Klasse selbst die Sachen, kochte Frühstück und lernte, Kuchen zu backen, den später alle lobten. Eva fühlte sich wohl. Sie wusste, es gibt da jemanden, der sie immer auffängt und so nimmt, wie sie ist.

Das hatte Eva ein paar Mal im Leben bitter nötig. Zum ersten Mal, als sie frisch in die Grundschule kam, heim mit zerrissener Bluse und einem fetten Veilchen unter dem Auge.

Donnerwetter! Die Farbe richtig königlich! Was ist dir denn passiert, mein Kind?

Eva, die fürchtete, Ärger wegen der Bluse zu bekommen, heulte los ihre Sommersprossen auf der Kartoffelnase wurden fast schwarz. Erzählen, dass der Klassenrowdy Tim versucht hatte, ihr die Schultasche abzunehmen, wollte Eva nicht es gab nur Tränen. Dumm gelaufen: der Rowdy beschimpfte Eva als verrückt, man solle sich lieber von ihr fernhalten! Jedenfalls hatte Eva so gar nicht daran geglaubt, Tim könnte sie mögen. Mit ihren wildroten Locken, grünen Augen wie Entengrütze im See im Tierpark, und krummen Beinen? Die Locken waren Mamas Spruch, die krummen Beine Evas eigene Feststellung sie betrachtete sich im Spiegel und fand sogar, dass ihre Knie unterschiedlich groß waren.

Was kann man an so einem Mädchen nur mögen? Eben nichts!

Also nahm Eva an, Tim wollte böse sein und der Lederranzen, der ihrem Opa gehört hatte, war ihr viel zu wichtig, da drin steckte die neue Pastellkreide, die sie heimlich ihrer Mutter stibitzt hatte, um im Malunterricht zu glänzen. Denn niemand in der Klasse konnte malen Eva zwar auch noch nicht wie Mama, aber man sagte ihr Talent nach.

Talent blieb Talent, Eva wählte nicht den Weg der Mutter. Als sie leise erwähnte, Medizin studieren zu wollen, zuckte Mama nur die Schultern:

Du sollst leben.

Später, als Eva schlief, lachte oder weinte ihre Mutter noch lange hinter verschlossener Zimmertür ins Kissen.

Nein, denk mal nach! Nie gesehen, und trotzdem: sie will Medizin! Woher kommt das? Das ist halt unser Orangenkind. Orangenschale, sag ich dir!

Eva wusste, ihre Mutter sprach mit der einzigen Freundin, Tante Rosa. Wenn Eva fragte, warum Rosa ihre einzige Freundin sei, lachte Mama:

Die genügt vollauf! Ich bin Einzelgängerin, Evi. Rosa ist es auch. Uns reicht manchmal auch nur zusammen zu schweigen. Oder zu sagen, heute keine Lust zu reden. Das versteht Rosa sofort Freundschaft heißt verstehen.

Und warum begrüßt ihr euch nie mit Hallo oder Guten Tag?

Tun wir das nicht? Ist mir nie aufgefallen Vielleicht, weil wir uns immer verbunden fühlen und gar keine Trennung da ist.

Verstehe.

Sie verstand eigentlich nichts, aber Rosa war die einzige, der ihre Mutter vertraute. Sie erzählte Eva nach dem Tod der Mutter auch von Evas Vater:

Chirurg war er. Ganz guter, hat deiner Mutter nach dem Autounfall die Hand wiederhergestellt, dass sie malen konnte. Ein kluger Kerl. Aber als Mann untauglich. Ist abgehauen, als er von dir erfahren hat. Keine Probleme haben wollen. Er war nur auf die Karriere fixiert.

Hat ers geschafft?

Keine Ahnung. Weggezogen, als du fünf warst. Ich weiß es noch, weil er auch mir mal geholfen hat. Eine OP, hat mir das Leben gerettet. Danach war er fort. Ist nicht mal zum Abschied gekommen.

Und Mama wollte das?

Ja, sie wollte, dass er dich wenigstens einmal sieht. Sie war sehr enttäuscht, dass er nicht kam.

Braucht keiner! Eva zog sich das schwarze Tuch vom Kopf. Wildrote Locken flackerten in der Sonne auf. Sie ignorierte die vorwurfsvollen Blicke der Nachbarinnen, zupfte die Haarnadeln aus der strengen Frisur und schüttelte den Kopf.

Richtig so, Mädchen! Deine Mutter würde es gutheißen! nickte Rosa, winkte ab und sagte: Leb dein Leben! Alles, was das verhindert lass es los!

Eva lebt also Studium, schlaflose Nächte, große Einsamkeit. Auch in der Schule hatte sie nie viele Freunde. Sie wurde gehänselt wegen ihrer Größe und ihren Ungeschicklichkeiten, und natürlich der roten Locken und Sommersprossen.

Schau mal, ein roter Elefant! Gibts die wirklich? Und dann noch so tapsig!

Stolz und störrisch saß sie hinten, träumte davon, dass irgendwann jemand käme, dem alles an ihr gefiele die Locken, die Augen, die großen Hände und Füße.

Doch derjenige ließ sich Zeit und so blieb Evas Mutter ihr bester Freund. Sie verstand Eva, liebte sie bedingungslos. Wozu da andere suchen?

Max kam in Evas Leben im dritten Semester. Sie schleppte sich übermüdet über die Flure der Uni, als jemand sie anrempelte und ihre Unterlagen auf dem Boden verteilte.

Entschuldige bitte, das wollte ich nicht!

Der junge Mann, etwas kleiner als Eva, bückte sich aufgeregt, sammelte ihre Hefte zusammen und reichte sie ihr.

Bist du auch hier an der Uni?

Eva, nach einer Nacht durchgelernt, nickte nur schläfrig und lief weiter. Sie sah nicht, wie Max ihr nachsah, traurig seine Tasche aufhob und energisch anstupste.

Sie schaffte die Prüfung erstaunlich gut. Ausgehungert, lehnte sie sich draußen an die Wand und dachte nur noch ans Essen. Im Flur, an der Fensterbank, wartete Max. Sie bemerkte ihn gar nicht.

Wenig später an der Bushaltestelle holte er sie ein.

Warte kurz! Entschuldigung, wie heißt du?

Eva. Eva Margarete.

Schön! Ich heiße Max. Freut mich!

Verlegen starrten sie sich an, hörten nicht einmal die Umstehenden kichern.

Wohin jetzt?

Nach Hause.

Was machst du dann?

Kartoffelsalat essen.

Ach, den mag ich!

Na, dann komm doch mit. Ich koche einen Super-Salat, fest versprochen!

Sie konnte selbst nicht fassen, wie selbstverständlich sich das anfühlte.

Ein halbes Jahr später heirateten sie. Max wollte nicht länger warten, und Eva hatte nichts dagegen. Sie fühlte sich mit ihm ruhig, geborgen nicht wie mit Mama, aber vertraut. Zum ersten Mal kümmerte sich wirklich jemand um sie.

Die Schwiegermutter, Brigitte Berger, war von Eva wenig begeistert. Diese rothaarige, selbstbewusste, ein bisschen sonderbare Frau, die Max so spontan geheiratet hatte und sich weder um Konventionen noch um Verwandtenrat kümmerte, war Brigitte fremd.

Eva, das macht man so nicht! Was sollen die Leute sagen? Brigitte war fassungslos, dass das Brautpaar lieber eine Reise machen als eine große Hochzeit feiern wollte.

Welche Leute? fragte Eva erstaunt. Ich habe keine und auch keine Verwandten.

Aber wir! Und du wirst Teil unserer Familie, da gelten unsere Sitten. Man feiert, lernt sich kennen!

Eva sah zu Max, der bedrückt aussah, und zuckte nur mit den Schultern.

Gut, wenn ihr meint…

Streiten wollte sie nicht. Obwohl sie es bereute, zeigte sie Brigitte kein Unwohlsein, als die Schwiegermutter ihr Kleid und Schleier aussuchte.

Die Hochzeit war chaotisch und lustlos. Eva langweilte sich und hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Die Gäste tuschelten neugierig über die feurige Mähne und Evas stattliche Erscheinung. Sie ließ sich nicht die Haare hochstecken.

Wozu ein Nest auf dem Kopf? lachte sie.

Und schließlich saß sie zerzaust da und schmunzelte über die ungläubigen Blicke.

Eva, du hast alle schockiert! Max lachte mit ihr.

Endlich etwas Unterhaltung!

Brigitte wollte, dass das Paar bei ihr wohnte doch Eva lehnte ab.

Warum? Ich habe eine Wohnung, Uni ist näher, alles passt!

Aber Wer sorgt für Ordnung? Wer kocht, putzt, wäscht? Ihr habt kaum Zeit!

Ist das wichtig?

Sehr! Max ist Ordnung gewohnt!

Eva fragte Max. Der zuckte entspannt mit den Schultern:

Natürlich ziehen wir in deine Wohnung, sonst frisst dich Mama auf.

Warum denn?

Weil du meine Frau bist, Eva. Das heißt, du hast das Sagen.

Ach was!

Ja doch. Mach dich bereit, es kommen noch mehr Probleme. Meine Mutter erzieht mich allein und denkt, ich gehöre ihr.

Du nimmst das gelassen.

Worüber soll ich mich scheren? Ich liebe und respektiere sie, aber leben will ich mit dir.

Der Umzug war trotzdem ein Keil zwischen Eva und Brigitte. All die winzigen Kommentare von Brigitte entwickelten sich langsam zu Bergen, die Eva nicht mehr ignorieren konnte.

Sieben Jahre, Eva! Noch immer keine Kinder. Meinst du nicht, du solltest an die Zukunft denken?

Welche Zukunft, Mama?

Deine! Soll unser Name aussterben? Eva, du wirst nie Mutter werden, merkst du?

Ich versteh das schon. Aber ich liebe sie trotzdem.

Ach, Gott. Menschen werden mit Blindheit geschlagen! Brigitte rang theatralisch die Hände.

Ein ums andere Mal kam das Thema auf den Tisch, bis Eva der Kragen platzte.

Sind Sie sicher, dass es nur an mir liegt?

Brigitte schnappte wütend nach Luft:

An wem denn? Max ist kerngesund!

Eva zuckte die Achseln und zeigte die Befunde aus der Klinik.

Ich wäre mir da nicht so sicher.

Brigitte wischte das alles weg:

Papierkram! Ein Kind ist ein Geschenk Gottes. Ist keins da, ist deine Ehe nicht gesegnet.

Eva merkte zunehmend seltsames bei Brigitte fromm geworden, pilgerte sie durch Klöster, die ganze Wohnung voll mit Ikonen. Max, ganz gelassen:

Was stört dich daran?

Ich bekomme Beschwerden nicht nur von dir, sondern auch von oben. Das ist nicht mehr lustig.

Jeder braucht schwache Seiten, Eva. Mach dir keinen Kopf.

Aber Eva konnte nicht mehr. Schluss mit Ausreden, Schluss mit Rücksichtnahmen, sie wollte sich nicht ständig für alles rechtfertigen oder krampfhaft versuchen, Frieden zu wahren.

Sie hat nie erwähnt, dass sie zwei Fehlgeburten hatte. Über den Schmerz, die verpasste Hoffnung, wollte Eva nie reden. Die kleinen, neugekauften Babyschuhe, als Andenken aufbewahrt, gab sie an eine Kollegin, die schwanger war.

Im Februar reichte Eva die Scheidung ein. Der Winter war plötzlich vorbei, es regnete, alles grau. Die trübe Laune stimmte mit Evas Gefühlswelt überein draußen heulte der Regen gegen die Küchenfenster, drinnen Eva, die an der Heizung hing, mit dem Finger stille Worte aufs Glas malte.

Max verstand sie nicht, versuchte zu reden, aber Eva blieb standhaft.

Ich kann nicht mehr, Max. Es klingt verrückt, aber das ist mein Leben. Ein anderes krieg ich nicht. Ich will es nicht weiter verschwenden. Ich bin immer schuld. Quatsch!

Quatsch.

Jetzt will ich endlich Gras malen, verstehst du? Einen grünen Buntstift und meine eigene Realität. In der ich gut bin. In der das ist, was ich brauche und nicht, was andere wollen.

Eva wusste, dass Max das nicht versteht und brach den Kontakt ab, in der Hoffnung, es würde den letzten Faden kappen.

Sie gab Max die letzten Sachen, wechselte das Schloss und die Handynummer und ging nicht mehr an die Tür, egal wer klingelte. Es war ihr alles gleich. Menschen wollte sie nicht sehen.

Schlaf bekam Eva kaum. Sie schlurfte nachts durch die dunkle Wohnung, mal weinend, mal voller Sehnsucht nach Max Nähe, nach seinen warmen Händen und dem Ärger, wenn sie kalte Füße an ihn presste. Sich einkuscheln, umarmt werden, friedlich einschlafen, von draußen schon das zaghafte Licht des neuen Tages.

Aber Max war fort Und wie Eva meinte, für immer. Sie musste weiterleben, nicht den Kopf in den Sand stecken.

Die Schachtel mit den Zeichenutensilien ihrer Mutter, die Brigitte beim Ausmisten nicht hatte wegwerfen dürfen, tauchte eines Tages auf dem Dachboden auf. Eva angelte sie runter, prustete wegen des Staubes und saß lange am Boden, streichelte die abgenagten Pinsel und von der Mutter gespitzen Stifte. Papier war keines im Haus Eva wollte im Laden ein großes Skizzenbuch holen. Sie musste viel nachdenken, und dabei war Zeichnen ihr bester Weg.

Lang nicht gemacht, Mama. Vielleicht vergeblich? Eva strich über das Foto ihrer Mutter, das auf dem Regal stand. Etwas Staub blieb auf dem Finger und sie zuckte automatisch Richtung Bad eben, früher wäre gleich jemand gerügt gekommen. Doch nicht mehr. Jetzt konnte sie machen, was sie wollte.

Am nächsten Morgen verpasste sie trotzdem den Laden. Der Tag war hektisch, Eva zu spät in der Praxis. Schnell den Arztkittel übergezogen, rief sie die Kollegin an, der sie einst die Babyschuhe geschenkt hatte.

Kira, kannst du bitte nach mir schauen? Mir gehts nicht gut.

Der Alltag lenkte sie ab, wie immer ein Patient nach dem anderen. Eva verdrängte, was Kira gleich sagen würde. Wahrscheinlich Behandlung, vielleicht Krankenhaus, Katze versorgen, Nachbarin einweisen, diesmal keine pensionierte Schwiegermutter, die das erledigen konnte. Jetzt war Eva offiziell allein und niemand kümmerte sich mehr um Kater Shakespeare, das grünäugige, dicke Tier.

Die Nachricht, die Kira ihr verkündete, haut Eva um. Der restliche Tag verläuft im Nebel. Zuhause nimmt sie die Treppe, zählt ausnahmsweise keine Stufen, wie sie es als Kind tat. Sie denkt. Deswegen bemerkt sie Brigitte nicht, die an der Haustür wartet.

Eva

Eva blickt überrascht auf.

Sie?

Ja Verzeih, dass ich einfach hier bin! Brigitte, sonst so kontrolliert, stottert, will alles schnell sagen, bevor Eva die Tür vor der Nase zuhauen kann. Damit rechnet sie. Ich wollte nicht Ich muss mit dir reden! Wenn du mich lässt

Eva findet den richtigen Schlüssel und öffnet.

Kommen Sie doch rein.

Brigitte huscht an ihr vorbei, streichelt den Kater auf der Kommode.

Na du… Bist fülliger geworden, eh? Zeit für Diät, sonst wirst du noch rund wie ein Ball.

Eva zieht Schuhe und Mantel aus, stellt ihr Hausschuhe hin.

Das sind ja meine

Ja.

Du hast sie nicht weggeworfen? Warum nicht?

Eva antwortet nicht, sie geht wortlos in die Küche und stellt den Wasserkocher an.

Sie wollten reden?

Ja Brigitte setzt sich, auffällig unsicher, und ringt die Hände. Ich trage eine große Schuld. Dir und Max gegenüber.

Wieso?

Ich hab euch auseinandergebracht, ich habe euch entzweit. Und jetzt verliere ich meinen Sohn. Brigitte beginnt zu weinen, Eva zuckt nur die Schultern.

Haben Sie nie gedacht, dass wir erwachsen sind und unsere Ehe selbst gestalten? Unsere Verantwortung, nicht Ihre?

Ja, sicher. Aber Eva, in unserer Gemeinde gibt es inzwischen einen neuen Pfarrer. Hör mich bitte an. Ich sage alles und gehe dann, du entscheidest. Aber unterbrich mich nicht, sonst verliere ich den Faden. Ich wollte doch immer nur das Beste, dachte, ich beschütze meinen Sohn. Dabei habe ich ihn dir genommen. Eva, Max liebt dich sehr. Er kommt ohne dich nicht zurecht. Er hat sogar mit dem Trinken angefangen sofort wieder aufgehört, immerhin. Seine Arbeit ist sein Leben, aber du bist sein Herz. Weißt du, Eva, ich habs dir nie erzählt, aber Max war nicht mein erstes Kind. Vier habe ich verloren. Keiner kam auf die Welt. Vor Max war ein Mädchen wunderschön Mein Mann hat mich verflucht, weil ich schuld gewesen sein sollte. Ärzte sagten das Gegenteil, aber er verstands nicht. Ist damals weggegangen, kam später zurück. Dann kam Max. Von da an war ich Mutter, das Leben bekam Sinn, den ich nicht kannte. Ich wollte, dass auch du diesen Sinn findest. Aber du hast dich gewehrt.

Sie haben sich geirrt.

Das weiß ich jetzt auch. Wie vieles andere auch. Eigentlich sollte ich nicht richten, sondern stützen. Wer bin ich denn? Will Gott Bedingungen diktieren? Wer glaubt, kann nicht fordern: Das wünsche ich mir und das lieber nicht Verstehst du? Ich hielt die Segnung am Kind fest. Ist keins da, stimmt mit der Ehe was nicht, dachte ich. Ich weiß, das ist alles Unsinn für dich, du glaubst ja gar nicht

Woher wissen Sie das?

Brigitte hält inne.

Du hast es nie erwähnt.

Glaube ist Privatsache. Und kein Thema für Teekränzchen.

Ja, da hast du recht. Jeder ist anders. Brigitte hellt sich auf.

Ich glaube, es gibt keinen Arzt, der nicht irgendwann an Gott denkt. Der Beruf bringt einen dazu. Aber wenns Ihnen recht ist, verschieben wir das Thema. Heute will ich nicht darüber reden.

Verschieben? Brigitte schaut Eva eindringlich an. Heißt das

Heißt, Max kann zurückkommen. Besser: ich will, dass er zurückkommt. Denn auch ich kann nicht mehr ohne ihn. Ich vermisse ihn.

Brigitte seufzt erleichtert. Eva muss grinsen.

Aber Warum? Warum hast du dich entschieden, Eva?

Weil ich meinen grünen Buntstift gefunden habe. Und Sie vielleicht auch. Alles andere erzähl ich ein anderes Mal. Entschuldigen Sie, ich bin müde, möchte nur noch schlafen. Ich bin dauernd müde in letzter Zeit. Hier Eva legt den Schlüsselbund auf den Tisch. Bitte gib ihn Max. Und sag ihm, dass ich warte.

Eva erinnert sich kaum, wie sie auf die Couch fällt, Nase in ein Kissen. Der Kater motzt, als Max eine Stunde später kommt, ihn runterschubst und sich neben Eva legt.

Du bist zurück

Wo sollte ich auch hin?

Vier Jahre später sitzt Brigitte mit der Enkelin am kleinen Tisch.

Was wollen wir malen?

Einen Vogel!

Was für einen?

Einen großen!

Und wozu der grüne Stift?

Für das Gras! Damit der Vogel laufen kann und die Füße sich nicht wehtun!

Da wächst wohl die nächste Ärztin in unserer Familie heran. Deiner Mama wirds gefallen. Und Papa auch. Na los, malen wir den Vogel! Brigitte küsst den roten Schopf des Mädchens und lacht.

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Homy
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Der grüne Buntstift
„Na klar bleibt sie bei dir, Vitya! Versteh doch, eine Frau ist wie ein Leasing-Auto: Solange du tankst und die Wartung zahlst, fährt sie dahin, wo du willst. Meine Olga, die hab ich vor zwölf Jahren mit Haut und Haaren „gekauft“ – ich zahl, ich sag, wo’s langgeht. Praktisch, oder? Kein eigener Kopf, kein Theater. Sie ist seidenweich, sag ich dir.“ Sergej schwenkte lautstark den Grillspieß, während daneben das Fett zischend ins Feuer tropfte. Er strotzte nur so vor Überzeugung – fest wie der Glaube, dass morgen Montag ist. Vitya, alter Studienfreund, brummelte nur. Olga stand in der Küche am offenen Fenster, schnitt Tomaten für den Salat. Der Saft lief, und in ihren Ohren hallte immer noch selbstzufrieden: „Ich zahle, ich bestimme die Musik.“ Zwölf Jahre. Zwölf Jahre war sie nicht nur Ehefrau, sondern sein Schatten, sein Notizbuch, sein Airbag. Sergej hielt sich für das Genie der Kanzlei, den Star-Anwalt. Komplizierte Fälle löste er, steckte dicke Umschläge ein, warf sie abends mit Gewinnerblick aufs Sideboard. Wenn Sergej schließlich erschöpft einschlief, zog Olga leise seine Unterlagen hervor, korrigierte grobe Fehler, formulierte Passagen neu, recherchierte heimlich aktuelle Paragrafen. Morgens sagte sie dann so nebenbei: „Sergej, ich hab da nur mal kurz drübergelesen – würdest du nicht besser auf den Wohnungsgesetz-Paragraphen verweisen? Die Stelle habe ich markiert.“ Er winkte meist ab: „Ach, immer deine Frauensicht. Na gut, ich schau rein.“ Und abends kam er als Held zurück – nie, kein einziges Mal bedankte er sich: „Danke, Olga. Ohne dich wäre das schiefgegangen.“ Er glaubte fest, alles sei seine eigene Brillanz. Und Olga? Die blieb ja nur daheim und kochte Borschtsch. An jenem Abend im Garten verursachte sie keinen Streit, rannte nicht raus, warf keinen Grill um. Sie schnitt den Salat fertig, würzte mit Schmand, stellte ihn auf den Tisch. „Du bestellst also die Musik?“, dachte sie, während Sergej Fleisch kaute ohne wirklich zu schmecken. „Na gut, dann hören wir jetzt mal Stille.“ Montagmorgen. Sergej hetzte wie immer durch die Wohnung, suchte seine Glückskrawatte. „Olga, wo ist meine blaue? Hab heute Bauherrn-Termin!“ „Im Schrank, zweite Ablage von oben“, antwortete sie aus dem Bad. Ruhige, fast zu ruhige Stimme. Als die Tür hinter ihm zufiel, blieb Olga, diesmal ohne Kaffee und Morgenmagazin, in der Küche. Sie holte ihr altes Adressbuch heraus. Die Nummer Ihres einstigen Chefs, Boris Petrowitsch, hatte sich nie geändert. „Hallo, Boris? Hier ist Olga. Ja, Samoilowa, Sergejs Frau. Nein, er weiß nichts. Ich suche Arbeit. Brauchen Sie noch jemanden fürs Archiv? Oder jemanden, der mit unübersichtlichen Aktenbergen umgehen kann?“ Nach einer kurzen Pause sagte er nur: „Komm vorbei – da ist was. Hat sich sonst keiner rangetraut. Schaffst du das? Dann bist du fest eingestellt.“ Abends kam Sergej schlecht gelaunt von der Arbeit. Der Investor war uneinsichtig, der Fall stockte. Jackett auf den Stuhl, brüllte er Richtung Küche: „Olga, was zu essen? Ich könnt’ einen Ochsen verdrücken. Und übrigens: Hemd für morgen! Das weiße, bügeln!“ Stille. Nichts auf dem Herd, alles blitzblank. Auf dem Tisch ein Zettel: „Abendessen im Kühlschrank, Pelmeni gefroren. Ich bin müde.“ „Wie bitte?“ Sergej starrte auf den Zettel, als stünde da Chinesisch. Im gleichen Moment klickte die Wohnungstür. Olga kam rein, Aktenmappe unterm Arm, im Business-Kostüm, das Sergej zuletzt zur Grundschul-Abschlussfeier ihres Sohnes gesehen hatte, Schuhe mit Absatz. „Wo warst du? Und wozu das Kostüm?“ „Ich war arbeiten, Sergej. In deiner Kanzlei, übrigens – im Archiv. Boris Petrowitsch hat mich als Assistentin angestellt.“ Sergej lachte nervös. „Du in Lohn und Brot? Mach dich nicht lächerlich! Zwölf Jahre hast du keinen Aktenordner angefasst. Das Archiv wird dich auffressen.“ „Wir werden sehen.“ Sie schenkte sich Wasser ein. „Muss ich jetzt also Pelmeni essen? Ich bringe immerhin das Geld heim. Ich halte die Familie am Laufen!“ „Ich jetzt auch. Noch nicht viel, aber reicht für Pelmeni. Und das Hemd? Das findest du da, wo es seit zehn Jahren liegt: am Bügelbrett.“ Das war der erste Warnschuss. Sergej schob’s auf die berühmte Midlife-Krise der Frauen. „Soll sie mal rumtoben, wird schon wieder. Da merkt sie, wie mühsam Geldverdienen ist. Wird schon wieder seidenweich.“ Doch eine Woche verging, dann noch eine. Die Krise blieb. Die Wohnung wurde nicht mehr von Geisterhand in Stand gehalten. Socken sammelten sich statt sortiert im Badezimmer. Staub, früher unsichtbar, legte sich dreist auf Regale. Hemden musste Sergej selbst bügeln – eine Qual! Mal wirft’s Falten, mal knittert der Ärmel. Aber das Schlimmste war, dass Olga kein „Kummerkasten“ mehr war. Vorher hatte sie abends zugehört, genickt, Tee gebracht, die ultimativen Tipps gegeben – die er am nächsten Tag als seine eigenen ausgab. Jetzt nahm sie ihn kaum wahr. „Kannst du dir vorstellen, der Grabowski hat schon wieder die Klage abgelehnt? Ich sag ihm…“ „Sergej, sei bitte leiser. Ich muss den Insolvenzfall für morgen fertig machen. Da gibt’s ein echtes Aktenchaos.“ „Wen interessiert dein Insolvenzfall? Ich hab’ grad einen wichtigen Deal!“ „Mir gibt meine Arbeit Selbstachtung.“ Er war ärgerlich. Ohne ihre Hilfe schlichen sich Fehler ein – Fristen versäumt, Namen verwechselt. Der Chef sah es. Boris schaute jetzt immer öfter gar nicht ihn, sondern Olga lobend an. Sie hatte das Archiv-Chaos in drei Tagen entwirrt, verschollene Akten gefunden. Bald saß sie nicht mehr im Keller, sondern im Großraumbüro – direkt gegenüber vom Volontär. Sergej sah sie jetzt täglich: geraden Rücken, festen Schritt in den Absatzschuhen. Der große Knall kam nach einem Monat: Ein Top-Kunde schickte die Kanzlei ins Schwitzen – Anna-Maria Kirsch, Besitzerin einer Privatklinik-Kette. Ihr früherer Geschäftspartner wollte mit manipulierten Dokumenten die Hälfte des Unternehmens. Sergej sollte das übernehmen, seine große Rehabilitierungs-Chance. „Ich zerlege sie in der Luft! Wir holen uns Gutachten, Zeugen – alles easy!“ Olga schwieg, las ein Buch. „Hörst du? Es läuft wie geschmiert – gibt bestimmt einen Bonus. Dann kauf ich dir einen neuen Mantel. Vielleicht kommst du ja wieder zurück zum alten Leben?“ Olga senkte das Buch und sah ihn lange an. „Sergej, ich brauche keinen Mantel. Ich will nur, dass du aufhörst, dich aufzuführen wie ein Gockel. Frau Kirsch duldet keinen Druck. Sie mag keine Konfrontationen, sondern sachliche Gespräche.“ „Ach, du und deine Psychotricks!“ Am Tag X war die Luft im Besprechungsraum zum Schneiden. Frau Kirsch, klein und resolut, Sergey referierte, wedelte mit Papieren. „Wir gehen aufs Ganze, frieren Konten ein, zwingen sie in die Knie!“ „Sie hören mich nicht. Der Mann ist mein Patenkind. Ich will keinen Knast, ich will nur mein Unternehmen zurück und dann Ruhe.“ Sergej kam ins Stottern. „Aber Anna-Maria, das geht nicht anders. Zeigen wir Schwäche, verlieren wir!“ „Sie sind raus aus der Sache“, sagte sie leise und stand auf. „Boris, ich bin enttäuscht. Ich erwarte Profis bei Ihnen, nicht Bulldozer.“ Der Chef wurde blass. Der Kunde bedeutete das halbe Kanzleibudget. Sergej stand wie versteinert. Plötzlich öffnete sich die Tür: Olga trat mit einem Tablett Tee herein. Sie überblickte die Szene, erkannte die Niederlage im Blick ihres Mannes. Doch sie war Profi. „Frau Kirsch?“ Ihr Ton: ruhig, aber bestimmend. Frau Kirsch blieb an der Tür stehen. „Entschuldigung, ich habe Ihnen Tee mit Thymian gebracht, wie Sie ihn mögen. Übrigens: Im Jahr 1998 war ein ähnlicher Fall. Damals gab’s keinen Prozess – man schloss einen Stillschweigevertrag mit der Übergabe der Anteile per Schenkung. Die Gesichter blieben gewahrt.“ Frau Kirsch drehte sich, bohrte den Blick in Olga. „Woher wissen Sie das? Das war nicht öffentlich.“ „Ich studiere Archive.“ Olga stellte das Tablett ab, die Hände zitterten nicht. „Ach, und übrigens: Die Wechsel können auch wegen Formmangel annulliert werden – da fehlt eine Angabe. Keine Straftat, nur ein technischer Fehler. Ihr Patenkind bleibt auf freiem Fuß, Sie behalten die Klinik und den Frieden.“ Schweigen. Sergej schaute seine Frau an, als hätte sie plötzlich zwei Köpfe. Wusste er das vom Formmangel? Nein. Er hatte die Papiere nicht mal geprüft, sondern ging direkt auf Konfrontation. Frau Kirsch setzte sich wieder, zum ersten Mal lächelte sie: „Thymiantee sagen Sie? Gut. Gießen Sie doch ein, Kindchen, und schildern Sie das nochmal. Und Sie“ – an Sergej, ohne ihn anzusehen – „setzen sich, Sie können noch lernen.“ Zwei Stunden lang führte Olga durch die Verhandlung. Sie erklärte die komplizierten Zusammenhänge einfach, hörte zu, schlug Alternativen vor. Sergej schwieg, drehte nervös den Kugelschreiber. Nach Vertragsabschluss trat Boris zu Olga: „Frau Samoilowa, Sie kommen morgen ins Büro, wir sprechen über Ihre Beförderung. Genug Archiv.“ Sergej und Olga fuhren wortlos nach Hause. Im Radio lief Popmusik – früher hätte Sergej zu den Nachrichten umgeschaltet, jetzt traute er sich nicht. Sein Weltbild – er als König, Olga als Service – war zerbrochen. Und auf den Trümmern stand eine fremde, starke Frau – schön, klug und vor allem schon immer so, nur er hatte es nie bemerkt. Zu Hause. Dunkel. Der Sohn noch nicht zurück von der Schule. Sergej zog Schuhe aus, setzte sich in die Küche. Olga ging ins Schlafzimmer, kam abgeschminkt zurück, müde aber wach im Blick, nahm Eier aus dem Kühlschrank, stellte die Bratpfanne auf den Herd. „Olga…“ Die Stimme brach. Sie drehte sich nicht um, schlug ein Ei auf. „Ich mach schon.“ Er sprang auf, wollte ihr den Pfannenwender aus der Hand nehmen. „Lass – setz dich, du bist müde.“ Olga ließ los, setzte sich. Sah zu, wie er unbeholfen das Ei wendete – Eigelb lief aus, er fluchte halblaut. Dann stellte er ihr einen Teller vorsichtig hin: angebrannt, verrutscht, aber ehrlicher als alles vorher. „Es tut mir leid“, murmelte er, den Blick zum Tisch. Olga nahm die Gabel. „Das Ei ist essbar.“ „Ich habe heute verstanden… wie viel du getan hast. Nicht nur heute. Nachts, die Akten, immer wieder – ich hab’s für selbstverständlich gehalten.“ Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen voller Angst: Sie könnte jetzt aufstehen und gehen – sie hatte einen Job, Ansehen, eigenes Geld. Sie verstand. „Ich gehe nicht, Sergej. Noch nicht. Nach zwanzig Jahren gibt’s mehr zu teilen als das Eigentum. Aber die Regeln ändern sich ab jetzt.“ „Wie?“ – fragte er schnell. „Was muss ich tun?“ „Respekt. Einfach nur Respekt. Ich bin kein Accessoire, sondern Mensch. Und Partner. Zuhause und im Job. Haushalt ist geteilt – nicht ‚helfen‘, sondern selbst machen. Klar?“ „Verstanden.“ Und das war die Wahrheit. „Mahlzeit?“ – Sergej lächelte, griff zur Gabel. Das Rührei war angebrannt, ohne Salz – und trotzdem das Beste seit langem. Denn dieses Abendessen war keine Dienstleistung. Es war das Mahl Gleichberechtigter.