Ich habe zwei Kinder. Meine Kinder haben unterschiedliche Väter. Mein erstes Kind ist eine Tochter. Ihr Name ist Anneliese, sie ist mittlerweile 16 Jahre alt. Annelieses Vater zahlt regelmäßig Unterhalt und steht stets mit ihr in Kontakt. Er ist zwar wieder verheiratet und hat aus dieser Ehe zwei weitere Kinder, vergisst aber nie unsere Tochter.
Mein Sohn hingegen hat weniger Glück gehabt. Vor zwei Jahren ist mein zweiter Ehemann schwer krank geworden und drei Tage später im Krankenhaus gestorben. Selbst nach all dieser Zeit kann ich noch nicht fassen, dass er nicht mehr da ist. Ich ertappe mich oft bei dem Gedanken, dass die Haustür aufgeht und er hereinspaziert, mir ein Lächeln schenkt und einen schönen Tag wünscht. Solche Momente bringen mich immer zum Weinen.
In dieser schweren Zeit habe ich besonders viel Mitgefühl mit der Mutter meines verstorbenen Mannes, Ingrid, gehabt. Es war für sie genauso anstrengend wie für mich schließlich war ihr Sohn ihr einziger. Wir haben uns gegenseitig Halt gegeben und gemeinsam diese schwierige Phase durchgestanden. Wir telefonierten oft und besuchten uns regelmäßig. Immer wieder sprachen wir über meinen Mann.
Manchmal habe ich sogar darüber nachgedacht, gemeinsam mit meiner Schwiegermutter umzuziehen, aber dann hat sie es sich anders überlegt. Und nun sind sieben Jahre vergangen. Das Verhältnis zwischen meiner Schwiegermutter und mir war immer gut fast wie zwischen Freundinnen.
Ich erinnere mich noch, wie Ingrid während meiner Schwangerschaft mal einen Vaterschaftstest erwähnte ohne ersichtlichen Grund. Sie hatte im Fernsehen eine Sendung gesehen, in der ein Mann jahrelang das Kind eines anderen großgezogen hat, ohne die Wahrheit zu kennen. Ich habe ihr sofort gesagt, dass so etwas Unsinn ist.
Wenn ein Mann an seinem eigenen Kind zweifelt, wird er sich ohnehin kaum kümmern und bloß ein Sonntagspapa sein!
Ingrid meinte, sie sei überzeugt, dass ich das Kind von ihrem Sohn erwartet habe. Zu dem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass sie, sobald das Kind geboren war, einen Vaterschaftstest verlangen würde. Doch Ingrid schwieg.
Im Sommer dieses Jahres wurde meine Schwiegermutter schwer krank und ihr Zustand hat sich rapide verschlechtert. Ich beschloss, dass sie näher zu mir ziehen sollte. Also suchte ich über eine Immobilienagentur nach einer passenden Wohnung, um ihr etwas Schönes zu kaufen.
Als Ingrid ins Krankenhaus kam, brauchten wir für die Maklerin die Sterbeurkunde ihres Mannes. Da Ingrid dazu nicht in der Lage war, bin ich selbst zu ihrer Wohnung gefahren, um das Dokument zu suchen.
Beim Durchsehen ihrer Unterlagen stieß ich auf etwas ganz anderes: einen Vaterschaftstest. Es stellte sich heraus, dass Ingrid, als mein Sohn zwei Monate alt war, einen Test gemacht hatte, der die Vaterschaft bestätigte.
Ich war entsetzt. Offenbar hat Ingrid mir nie ganz vertraut! Ich konnte nicht anders und habe sie darauf angesprochen. Nun bittet sie mich um Verzeihung und sagt, diese Sache tue ihr schrecklich leid. Trotzdem kann ich es nicht vergessen es fühlt sich an, als wäre ich über Jahre hintergangen worden.
Jetzt merke ich, dass mein Wunsch, Ingrid zu helfen, deutlich nachgelassen hat. Trotzdem bringt mich das Gefühl nicht dazu, sie allein zu lassen sie hat schließlich niemanden sonst.
Ich möchte meinem Sohn die Beziehung zu seiner Oma nicht nehmen und werde weiter für Ingrid da sein. Aber das Verhältnis zwischen uns wird nie wieder so herzlich und vertrauensvoll wie früher sein.
Heute habe ich für mich gelernt: Vertrauen kann binnen Sekunden zerstört werden, aber es ist viel schwieriger, es wieder aufzubauen.





