Alles neu schreiben

– Katharina, ich muss mit dir sprechen. Setz dich bitte.

Katharina Viktoria Schneider war gerade dabei, Porzellantassen auf den Tisch zu stellen jene, die sie zwanzig Jahre lang im Geschirrschrank verwahrt hatte, aus dem Hochzeitsservice. Heute, zum ersten Mal, holte sie sie heraus. Anlass war die Porzellanhochzeit, zwanzig gemeinsame Jahre. Sie hatte sogar einen frischen Kirschkuchen gebacken, den Tisch mit einer weißen Tischdecke gedeckt und drei weiße Rosen in eine Vase gestellt.

– Gleich, ich stelle noch schnell den Wasserkocher an.

– Bitte, setz dich.

Martins Stimme war nicht wütend. Eher ganz ruhig, abgeflacht wie eine stillgelegte Straße im Winter. Katharina schaute sich um. Ihr Mann saß am Tisch, trug sogar ein Jackett zuhause, wo er sich sonst immer leger kleidete. Die Hände ordentlich vor sich gefaltet. Neben ihm lag ein Ordner mit Papieren.

Sie setzte sich ihm gegenüber. Zwischen ihnen standen die weißen Rosen.

– Ich habe Neuigkeiten wichtige, sagte Martin. Ich habe beschlossen, alles auf Paul umschreiben zu lassen.

Katharina verstand die Worte, aber der Sinn drang nicht wirklich zu ihr durch.

– Was denn umschreiben?

– Die Wohnung. Das Haus am See. Die Garage. Das Auto.

– Aber das ist doch unser gemeinsames…

– Nicht ganz, Katharina. Nicht unser. Hast du den Ehevertrag vergessen?

Sie hatte ihn nie vergessen. Sie hatte nur niemals gedacht, dass er ihn wirklich jemals hervorholen würde. Den Ehevertrag hatten sie 1998 geschlossen, zum Zeitpunkt der Hochzeit. Damals erklärte Martin ihr, es sei reine Formsache, seine Eltern hätten darauf bestanden, das sei nur Papier. Sie unterschrieb. Mit 35, verliebt und voller Vertrauen. Im Vertrag stand: Alles, was im Laufe der Ehe angeschafft wird, gehört demjenigen, auf dessen Namen es eingetragen ist. Bei Martin war alles eingetragen.

– Ich verstehe nicht, flüsterte Katharina. Wozu das Ganze? Was ist passiert?

– Es ist nichts passiert. Das ist eine geschäftliche Entscheidung. Ich will meine Vermögenswerte ordnen. Paul ist erwachsen und wird sich darum kümmern.

– Martin, heute feiern wir zwanzig Jahre zusammen.

– Ich weiß.

– Ich habe einen Kuchen gebacken. Ich habe diese Tassen rausgeholt.

Er blickte auf die Tassen, in seinem Gesicht blitzte etwas kurz auf. Oder eingebildet.

– Katharina, das hat mit unserer Beziehung nichts zu tun. Es ist bloß formell.

– Du überträgst alles auf unseren Sohn und es hat mit uns nichts zu tun?

– Meine Entscheidung steht fest.

In diesem Moment ging die Tür auf, Paul kam herein. Achtundzwanzig, groß, ganz der Vater, das gleiche ruhige Gesicht. Er warf einen Blick auf die Mutter, dann auf Martin, und setzte sich zu seinem Vater, als hätte er schon immer dort gesessen.

– Mama, hat Papa dir alles erklärt? fragte er.

– Er hat gerade erst angefangen.

– Es ist nichts Persönliches, wirklich. Nur Optimierung. Papa ist… nicht mehr der Jüngste.

– Dein Vater ist achtundfünfzig, bemerkte Katharina.

– Mama, bitte. Papa möchte, dass alles ordentlich geregelt ist. Du wohnst weiter hier, alles bleibt, wie es ist. Nur juristisch gehört es dann mir.

Katharina betrachtete ihren Sohn. Sein ruhiges Gesicht, wie er neben dem Vater saß als Verbündeter. Es war kein Schmerz, nicht direkt. Es fühlte sich vielmehr an, als ob der Boden nachgibt. Der Boden, der Tisch, die weißen Rosen im Wasser alles war an Ort und Stelle. Aber irgendetwas hatte sich grundlegend verschoben.

– Ihr habt das also schon längst miteinander besprochen, sagte sie leise.

– Mama…

– Ohne mich.

– Katharina, jetzt mach bitte keine Szene, warf Martin ein.

– Ich mache keine Szene. Ich versuche zu begreifen. Zwanzig Jahre habe ich mich um dieses Zuhause gekümmert, gekocht, geputzt, Gäste empfangen, das Ferienhaus gepflegt, als du auf Dienstreisen warst. Und jetzt sagst du mir, juristisch gehöre es mir nicht?

– Das war immer so. Du kanntest die Bedingungen.

– Die Bedingungen, die du als bloße Form bezeichnet hast.

Martin öffnete den Ordner und schob ihr einige Bögen zu.

– Das sind die Unterlagen. Ich brauche nur an ein paar Stellen deine Unterschrift. Es geht nur um die Zustimmung zur Umschreibung.

Katharina sah auf die Papiere. Dann stand sie langsam auf, als ob ihr Körper plötzlich schwer geworden wäre. Sie trat zum Herd, schaltete den Wasserkocher ab, der gerade zu summen anfing. Kam zurück, nahm die Vase mit den Rosen und stellte sie aufs Fensterbrett. Dann nahm sie eine der Porzellantassen, die mit dem blauen Rand ein Hochzeitsgeschenk von Martins Mutter. Sie hielt sie ein paar Sekunden in den Händen. Stellte sie zurück.

– Ich werde nichts unterschreiben, sagte sie.

Das Schweigen war lang.

– Katharina… begann Martin.

– Nein. Ich unterschreibe nicht.

– Du weißt, dass es nur mühseliger wird ohne deine Unterschrift aber wir werden es dennoch durchsetzen. Es dauert dann eben länger.

– Dann dauert es eben länger.

Paul sah die Mutter an, auf eine neue Art nicht böse, eher wie jemand, den etwas überrascht hat.

– Mama, das ist doch für alle vernünftiger so, oder?

– Für wen vernünftiger?

Er schwieg.

Behutsam sammelte Katharina die Tassen ein und stellte sie zurück in die Vitrine. Schloss die Glastür. Der Kirschkuchen stand auf der Arbeitsplatte, mit einem Tuch bedeckt, noch warm.

– Ich gehe. Ich muss nachdenken, sagte sie.

Sie zog sich im Flur die Schuhe an, warf sich den Mantel über. Keiner folgte ihr. Sie öffnete die Tür und trat ins Treppenhaus hinaus. Der Aufzug war mal wieder außer Betrieb, sie ging zu Fuß. Vierter Stock. Sie zählte die Stufen. Acht pro Etage, drei Etagen bis zum Ausgang. Vierundzwanzig Stufen abwärts.

Draußen war September mild, golden, ein Hauch von nasser Blättern und kühlem Asphalt in der Luft. Katharina umrundete das Haus, ging durch den Hof, dann hinaus auf die Allee. Sie dachte daran, dass sie die Autoschlüssel im Flur vergessen hatte und stellte gleich darauf fest, dass es unwichtig war. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie vor zwanzig Jahren einen Vertrag unterschrieben hatte, den alle eine Formalie nannten und dass sie nie wieder daran gedacht hatte. Kein einziges Mal in zwanzig Jahren.

Sie lief lange. Die Allee endete, eine neue begann. Die Blätter waren rostrot, gelb, vereinzelt noch grün. Die Bänke waren vom Tau feucht. Katharina setzte sich, ignorierte die Nässe, und zog ihr Handy heraus.

In der Kontaktliste suchte sie eine Nummer, die sie seit acht Jahren nicht mehr gewählt hatte: Theresa Gruber. Sie hatten zusammen Architektur studiert, dann gemeinsam im Büro in den Neunzigern gearbeitet bis Katharina nach Pauls Geburt zuhause blieb. Sie schrieben sich selten, gratulierten zu Feiertagen. Theresa hatte ihr eigenes Büro gegründet, war eine angesehene Architektin in der Stadt geworden.

Lange starrte Katharina auf die Nummer. Dann legte sie das Handy wieder weg, ohne zu wählen.

Erst spät abends kehrte sie heim. Martin fragte nicht, wo sie gewesen war. Die Mappe mit den Papieren lag noch an Ort und Stelle. Nur der Kuchen war verschwunden und in den Kühlschrank gewandert.

Die nächsten drei Tage lebten sie in der gemeinsamen Wohnung wie Schatten aneinander vorbei. Martin ging früh, kam spät. Paul tauchte einmal auf, übergab dem Vater irgendetwas, sah die Mutter mit dem gleichen verunsicherten Ausdruck an und verschwand. Katharina kochte, putzte, goss die Blumen am Fenster, räumte in den Regalen. Ihre Hände erledigten das Alltägliche, während sie selbst innerlich weit entfernt war.

Am vierten Tag setzte sich Martin beim Frühstück ihr gegenüber.

– Katharina, lass uns doch sachlich reden.

– Ich bin völlig ruhig.

– Du verstehst, dass du juristisch keinerlei Ansprüche auf das Eigentum hast? Der Vertrag ist notariell beglaubigt und gültig.

– Das habe ich verstanden.

– Warum also das alles in die Länge ziehen?

– Ich unterschreibe nichts. Wenn du es durchziehen willst, geh eben vor Gericht.

– Ernsthaft?

– Absolut ernsthaft.

Martin schaute sie an, diesmal lag darin etwas Neues, kein Ärger eher Beklommenheit.

– Katharina, du weißt, dass das Gericht ohnehin nach Vertrag entscheiden würde.

– Vielleicht. Es wird aber dauern. Und ich habe in der Zeit Gelegenheit, mir etwas zu überlegen.

Sie räumte die Teller ab und ging spülen. Martin saß noch eine Weile, dann verließ auch er die Wohnung.

Noch am selben Tag holte Katharina einen alten Koffer aus der Kammer den aus Leder, mit dem sie einst nach Hamburg zur Weiterbildung gefahren war. Er roch nach Staub und alten Erinnerungen. Sorgfältig begann sie, Kleidung hineinzulegen. Dann holte sie ihr Diplom, das alte Studienbuch und einige Mappen mit Entwürfen aus der Kommode. Die Dokumente verstaute sie extra.

Dann rief sie Theresa an.

Das Telefon klingelte lange. Katharina legte beinahe schon wieder auf, als sie die Stimme hörte.

– Hallo?

– Theresa. Hier ist Katharina. Katharina Schneider, oder besser Schilling, aus dem Studium.

Pause.

– Katharina? Mein Gott, wie lange ist das her… Wie gehts dir?

– Ehrlich nicht gut. Theresa, ich brauche Hilfe. Ich will zurück in den Beruf. Ganz neu anfangen, wenn es sein muss.

Nach einiger Zeit sagte Theresa ruhig:

– Komm vorbei. Wir reden.

Ihr Büro war in einer alten Villa in der Innenstadt, die sie vor Jahren selbst restauriert hatte. Am Schild an der Tür konnte man den Firmennamen lesen. Es roch nach Kaffee, Papier und ein wenig wie im Zeichensaal der Uni. Katharina spürte beim Eintreten sofort eine Resonanz; kein Rührungstaumel nur die stille Gewissheit, dass sie etwas vermisst hatte.

Theresa empfing sie im Arbeitszimmer. Sie hatte sich kaum verändert, nur die Haare waren nun kurz und leicht grau. Leinenhose, schlichter Pullover, kein unnötiges Geplapper.

– Also, erzähl mal, sagte sie und stellte Katharina eine Tasse Kaffee hin.

Katharina erzählte. Von Vertrag, Papieren, Martin, Paul, und der Mappe mit den Unterlagen auf dem Tisch. Nüchtern, fast ohne Gefühle. Theresa hörte einfach zu.

– Wie lange hast du nicht mehr in deinem Bereich gearbeitet? fragte Theresa schließlich.

– Zweiundzwanzig Jahre. Seit 1994.

– Vieles ist anders geworden. Programme, Vorschriften, Technik.

– Ich weiß.

– Ich habe eine Stelle. Am Anfang ist es aber nur Assistenz. Kein Architektentitel gleich. Papierarbeit, Arbeit mit dem Computer, Mithilfe auf Baustellen. Es wird anstrengend körperlich und seelisch.

– Ich bin Belastung gewöhnt.

Theresa musterte sie lange.

– Gut, sagte sie schließlich. Fang Montag an.

Katharina fuhr nach Hause, packte ihren Koffer. Sie ging an dem Abend, als Martin nicht da war. Nicht aus Angst, sondern einfach, weil sie keine Kraft mehr für Gespräche hatte. Sie schrieb einen Zettel: Ich bin weg. Die Unterlagen werde ich nicht unterschreiben. Wende dich an einen Anwalt. Legte ihn zu den Papieren. Nahm ihren Koffer, die Mappen und ging.

Die ersten Wochen wohnte sie bei Theresa. Die bot ihr nüchtern ein Gästezimmer an. Ein Fenster zum Hof, ein Kaktus und ein Stapel Architekturzeitschriften auf dem Fenstersims. Auf dem engen Bett lauschte Katharina nachts dem Rauschen der alten Linde vorm Haus.

Montag begann sie zu arbeiten.

Das erste Projekt war ein Neubau am Stadtrand Wohnblöcke, Baustellenlärm, nasser Matsch. Katharina kam in ihren Stadtschuhen. Zehn Minuten später waren die Sohlen durchnässt.

Der Bauleiter, Herr Bittner, ungefähr sechzig, bärbeißig mit wettergegerbtem Gesicht, musterte sie skeptisch.

– Von Gruber? Ja.

– Assistentin?

– Ja.

– Gut. Er reichte ihr einen Helm. Aufsetzen.

Der Helm war zu groß, rutschte ihr über die Augen. Herr Bittner sah es, grinste und ließ einen kleineren Helm holen.

Am ersten Arbeitstag verglich Katharina die Pläne mit dem Istzustand, Notizen in der Hand, überall Pfützen. Nach einer Stunde waren die Füße nass. Am frühen Nachmittag war sie derartig erschöpft, wie selten zuvor. Sie setzte sich auf einen Stapel Bretter, aß ihr Brot und sah zum grauen Himmel über den Rohbauten.

Ein junger Bauarbeiter blieb stehen.

– Sind Sie Architektin?

– Assistentin, antwortete Katharina.

– Achso. Er ging weiter.

Was auch immer er gemeint hatte irgendwas traf sie doch.

Abends zog sie sich erschöpft aus. Die Schuhe waren ruiniert italienisches Leder, einst von Martin aus einer Dienstreise mitgebracht. Theresa brachte ihr robustes Arbeitsstiefel mit Stahlkappe.

– Hier, probier sie. Mein Schuhgröße, müsste passen.

– Es passt.

– Mit Lederschuhen gehst du auf keiner Baustelle, Katharina.

– Hab ich jetzt auch gelernt.

Die Schuhe waren schwer und unbequem, aber sie hielten die Füße trocken.

Der erste Monat war hart. Nicht nur körperlich. Jeden Abend taten Füße und Rücken weh, die Hände wurden rau von der Arbeit draußen. Aber schlimmer war das Gefühl, mit fünfundfünfzig als Assistentin wieder ganz von vorn zu beginnen dabei war sie mit dreiunddreißig in der Branche nie ein Anfänger gewesen. Neue Software, neue Vorschriften, jüngere Kollegen, offensichtliche Fragen.

Einmal erklärte ihr eine junge Kollegin, Anna, fast geduldig, wie einem Kind, eine Computerfunktion. Sie bedankte sich. Anna ging. Zurück blieb das brennendste Schamgefühl, das sie je kannte. Doch sie blieb. Lernte am Computer, übte.

Aber drei Wochen später, da entdeckte sie beim Studium eines Planes einen gravierenden Fehler nicht leicht zu entdecken, aber fatal für die Bauausführung. Sie wies Theresa darauf hin, die lange auf den Plan sah, dann den jungen Architekten, Sebastian, rief.

– Sebastian, schau mal da.

Er schaute hin, wurde rot.

– Sie haben recht. Das muss geändert werden.

Nachher sagte Theresa leise zu Katharina:

– Du hast den Blick nicht verloren. Den Rest holst du auf.

Das war ohne viel Pathos gesagt, aber Katharina nahm es mit durch den ganzen Tag.

Mit Martin sprach sie nicht. Einige Male rief er an, sie reagierte nicht. Dann schrieb er: Katharina, lass uns reden. Der Anwalt sagt, ohne deine Unterschrift dauert das ewig. Sie antwortete: Frag deinen Anwalt. Sonst nichts mehr.

Im Oktober rief Paul an.

– Mama, wie gehts dir?

– Gut.

– Wo wohnst du?

– Bei einer Freundin.

– Mama, das ist doch nicht normal, in deinem Alter bei jemandem zu wohnen.

– In meinem Alter verstehe.

– Mama, das wollte ich nicht

– Was wolltest du denn?

Schweigen.

– Papa meint, du kannst zurückkommen und die Papiere unterschreiben, dann bleibt alles, wie es war, du musst dir keine Sorgen machen.

Katharina stand am Rand der Baustelle, griff den Helm, der Asphalt war noch feucht vom Regen, das Grau des Himmels spiegelte sich in den Pfützen.

– Paul, weißt du, was du gerade vorgeschlagen hast?

– Was?

– Du bietest mir an, alles, wofür ich zwanzig Jahre gelebt und gearbeitet habe, quasi abzugeben nur um daran bleiben zu dürfen.

Lange Pause.

– Papa sagt, es ist eine Formalität.

– Dein Vater nennt vieles eine Formalität, Paul.

– Mama…

– Ich muss zum Arbeiten, Paul.

Sie steckte das Handy weg, setzte den Helm auf und ging zurück.

Das Wort Alter hatte sie getroffen. Als ob es ein Urteil wäre. Als ob mit fünfundfünfzig alles zu spät sei. Abends, über den Papieren, wurde ihr klar, nicht das Wort selbst, sondern dass sie es selbst geglaubt hatte. Dass sie irgendwo tief drin dachte, es sei richtig so, zwanzig Jahre familiärem Alltag, weil es nichts mehr zu erwarten gäbe.

Das war das Bitterste.

Im November mietete sie eine kleine Wohnung Einzimmer, Plattenbau am Stadtrand, günstig, denn ihr Gehalt reichte gerade so, und jede Ausgabe wurde plötzlich abgewogen. Die Wohnung war spärlich möbliert: ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle. Katharina kaufte eine Decke, weil es kalt war, und ein paar Geranien auf dem Markt, weil das Zimmer sonst zu leer gewesen wäre.

Am ersten Abend saß sie mit Tee am wackeligen Tisch und sah die Geranien an. Krumm gewachsen, die Töpfe bunt zusammengewürfelt, einer abgesplittert. Der Tisch wackelte. Draußen fiel Schnee. Katharina dachte das ist jetzt meins. Der Tisch, die Geranie, der schiefe Stuhl. Kein Prunk, aber ihr eigenes.

Sie rief den Anwalt an, dessen Nummer ihr Theresa gegeben hatte. Dr. Anton Werner, Spezialist für Familien- und Erbrecht. Nicht mehr jung, knapp, sachlich.

– Guten Abend. Ich rufe wegen der Aufteilung des Eigentums und Anfechtung des Ehevertrags an.

– Erzählen Sie.

Sie erklärte alles, er stellte gezielte Fragen.

– Der Vertrag ist stark. Aber es gibt Spielraum, wenn Sie das Vermögen nicht nur als Hausfrau, sondern auch als Architektin oder Beraterin aktiv mitgeformt haben; gibt es Belege, dass Sie an den Projekten beteiligt waren das hilft.

– Ich habe zwanzig Jahre im Haus organisiert.

– Das zählt juristisch kaum. Ich brauche Fakten. Mails, Quittungen, Zeugen irgendwas Handfestes.

– Ich suche.

– Tun Sie das.

Sie legte auf. Draußen rieselte der Schnee weiter. Katharina öffnete den Laptop, scrollte durch alte Mails.

Und sie fand tatsächlich viele: Schriftverkehr mit Handwerkern, Designern, Nachbarn zu Reparaturen, Eigenbeteiligung bei Sanierungen des Hauses, Auswahl von Materialien und Baukoordination am Seehaus, alles dokumentiert, sogar Fotos. Die Ordner schickte sie an Dr. Werner.

Im Büro begann sich langsam, aber deutlich etwas zu verändern. Herr Bittner, anfangs misstrauisch, brachte ihr nun Baustellenfragen. Sebastian, der junge Kollege, begann regelmäßig ihre Einschätzungen einzufordern, sie diskutierten Pläne gemeinsam, entdeckten Fehler, entwickelten Ideen.

– Sebastian, siehst du hier? Am dritten Stock sind die Fenster fünf Zentimeter aus der Achse.

– Wirklich? Oh, verdammt, Sie haben recht.

– Man muss nicht mit Adleraugen geboren sein. Man entwickelt das durch Erfahrung, sagte sie.

Er sah sie erstmals mit echtem Respekt an.

Im Dezember rief Martin an. Überraschend nahm sie ab.

– Katharina?

– Ja?

– Wie geht es dir?

– Gut. Ich arbeite.

– Ich habe es gehört.

Pause.

– Katharina, Herr Werner hat mir geschrieben zwecks Vertrag.

– Ich weiß.

– Du weißt, dass das alles mit der Scheidung und den Listen länger dauert und dich teuer kommt?

– Vielleicht. Aber das ist meine Entscheidung.

– Katharina, ich Das wollte ich nie so.

– Was wolltest du denn?

– Ich hatte gehofft, es bliebe ruhig.

– Dass ich still unterschreibe?

– So hätte ich es nicht gesagt.

– Aber gedacht.

Eisiges Schweigen. Hinter dem Fenster tiefdunkler Abend, Schneelicht.

– Katharina, ich muss dir noch etwas sagen. Es gibt eine andere Frau. Schon länger.

Sie war am Fenster gestanden, schaute nach draußen. Irgendwie hatte sie es gespürt. Drei Jahre, sagte er. Die Frau kannte ebenso Paul und weiß um den Vertrag.

– Danke. Ist das alles?

– Katharina…

– Ja. Dann über den Anwalt.

Sie legte auf, noch lange stand sie reglos am Fenster. Dann ging sie, stellte Wasser für Tee an, holte die Keksdose, die sie am Wochenende im Supermarkt gekauft hatte. Goss Tee ein, setzte sich an den Tisch, sah auf die Geranien und dachte: Während sie Blumen goss, Abendbrot kochte, aufs Landhaus fuhr lief längst alles in Parallelwelten weiter.

Sie weinte nicht. Nicht weil es nicht schmerzte, sondern weil da Klarheit war. Als ob nach langem Nebel plötzlich alles sichtbar wurde.

Am nächsten Morgen stand sie gewohnt früh auf, zog die Stahlkappenschuhe an, wartete im Schneeregen auf den verspäteten Bus. Auf der Baustelle fiel der Aufzug aus, die Arbeiter warteten im Frost. Und Katharina dachte an den Paragraphen, gegen den sie mit Dr. Werner vorgehen wollte.

Im Januar bot ihr Theresa an, als Architektin anzufangen. Nicht gleich leitend, aber fest, mit entsprechendem Gehalt und Verantwortung.

– Bist du bereit? Fragte Theresa.

– Nicht ganz. Aber ich denke, ganz werde ich es nie sein, wenn ich warte.

– Richtig, lachte Theresa leise.

Sie saßen wie im September im selben Büro, der gleiche Kaffee, das gleiche Papieraroma. Aber Katharina saß jetzt anders da aufrechter.

– Theresa, ich wollte nur sagen, damals, du wusstest nicht, was ich kann. Das war wichtig.

– Ich wusste es sehr wohl, sagte Theresa. Ich erinnerte mich an 1993.

– Ich bin jetzt anders.

– Komplexer. Aber das ist nicht schlimm.

Im Februar gab das Gericht den ersten Termin bekannt. Dr. Werner schrieb ihr: Es gibt Chancen. Besonders fürs Haus am See und nachweisbare Teilnahme an den Renovierungen. Ihre E-Mails und Fotos helfen.

Katharina war froh, dass sie nie Briefe oder Mails wegwarf das war Familientradition.

Die Gerichtsverhandlung fand im antik anmutenden Saal des Amtsgerichts statt. Martin auf der anderen Seite, zwei Anwälte, ernste Minen. Katharina mit Dr. Werner. Sie blickten sich nicht an.

Die Richterin etwa 45, sachlich hörte beide Seiten, setzte einen Folgetermin an.

Im Flur, an der Garderobe, begegnete sie Martin zufällig.

– Katharina.

– Ja?

– Können wir nochmal ohne Anwälte reden?

– Nein.

– Warum nicht?

– Weil alles, was wir ohne Anwälte beredet haben, endete wie im September mit weißen Rosen auf dem Tisch. Ich erinnere mich daran.

Kein Kommentar mehr. Sie zog den Mantel an und trat in den Winter hinaus.

Februar, eiskalt. Sie dachte nur daran, dass sie heute Abend den Entwurf für ihr erstes, eigenständiges Projekt durchgehen musste: ein kleiner Umbau eines alten Landhauses das erste eigene seit über zwanzig Jahren.

Im März kam das nächste Hearing. Die Richterin anerkannte die Beteiligung Katharinas an der Verwaltung des gemeinsamen Eigentums. Der Ehevertrag blieb bestehen, aber das Gericht sprach ihr einen Anteil an den Wertsteigerungen des Ferienhauses zu. Nicht die Hälfte, aber einen wesentlichen Teil.

Dr. Werner sagte nachher:

– Für so einen Vertrag ist das ein fast gutes Ergebnis. Es hätte schlimmer kommen können.

– Ich weiß. Danke.

– Martin kann Berufung einlegen.

– Soll er.

– Sie sind nicht enttäuscht?

– Nein. Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet.

Sie verließ das Gerichtsgelände, kurz hielt sie inne. Es war ein typischer Märztag noch immer Schnee, aber die Luft war schon mild und anders.

Sie rief Theresa an.

– Theresa, hör mal, die Anhörung ist durch. Teilweise zu meinen Gunsten.

– Sehr gut, antwortete Theresa ruhig. Kommst du heute noch auf die Baustelle?

– Ja, um drei.

– Da gibt’s noch Streit um das Fundament. Schau’s dir an.

– Mache ich.

Katharina steckte das Handy ein, stellte sich einen Moment in die Sonne, dann lief sie los.

Das Objekt lag außerhalb, im Dorf. Sie fuhr mit der Bahn, lief durch Schneefelder. Das Backsteinhaus, alt, wurde gerade zur Pension umgebaut. Die Bauleiter stritten sich um die Fundamentmethode.

Herr Bittner zeigte ihr das Problem an der Westwand.

– Der Unternehmer meint, tiefer legen reicht. Ich sage, der Boden passt nicht.

Katharina prüfte mit einem Sondierstift, den sie sich im Oktober gekauft hatte.

– Sie haben recht, sagte sie. Das ist Schwemmboden. Wir brauchen einen anderen Ansatz.

– Genau.

– Ich schreibe heute Abend das Gutachten.

Er sah sie mit einem reservierten, ehrlichen Respekt an, den man sich mit Arbeit verdient.

– Sehr gut.

Katharina prüfte Pläne, notierte, stapfte durch nassen Schnee. Am Nordgiebel betrachtete sie die mächtigen alten Steine, wie jeder Bau auf seinem unsichtbaren Fundament ruht wie auch Beziehungen. Wird der Grund auf fremdem Boden errichtet, ohne Gleichberechtigung, beginnt eines Tages alles zu wanken. Nicht mit Lärm, sondern ruhig wie eine Unterhaltung an einem Tisch mit weißen Rosen und einem Ordner Papier.

Abends arbeitete sie an ihrem wackeligen Tisch, Laptopschein, Stille. Die Geranien am Fenster hatten sich eingewöhnt, waren grün und robust. Sie arbeitete und es fühlte sich gut an.

Das Handy klingelte. Paul.

– Mama.

– Ja.

– Wie gehts dir?

– Gut. Ich arbeite.

Pause.

– Mama, ich wollte reden. Nicht von Papa aus. Von mir aus.

– Ich höre.

– Ich dachte, du würdest zurückkommen. Zwei Wochen vielleicht, dann gehst du wieder heim. Früher hab ich das wirklich geglaubt.

– Und jetzt hast du verstanden, dass es nicht so ist.

– Ja.

Das Schweigen war jetzt kein Gewicht mehr. Nur noch Ruhe.

– Mama, bist du böse auf mich?

Katharina hob den Blick von den Plänen. Schaute die Geranien an.

– Anfangs war ich es, ja. Aber dann nicht mehr. Ich hatte dafür weder Kraft noch Zeit.

– Ist das gut oder schlecht?

– Es ist, wie es ist.

– Mama, darf ich dich besuchen? Kein Gerede über Papa oder Gericht einfach Tee trinken.

Sie schwieg kurz.

– Nicht diese Woche. Ich muss ein Gutachten fertigstellen.

– Nächste?

– Dann gern.

Sie hörte förmlich, wie er erleichtert ausatmete.

– Danke, Mama.

– Sag vorher Bescheid. Ich habe nur zwei Stühle.

Er lachte. Leise, etwas verlegen, wie wenn das Eis erst langsam schmilzt.

– Sag ich dir vorher.

– Gute Nacht, Paul.

– Gute Nacht.

Sie legte auf, kehrte zu den Plänen zurück. Die Lampe brannte. Draußen ruhig. Die erste Bauzeichnung, unter ihrem Namen unterschrieben: Katharina Schilling. Nicht Schneider Schilling, wie im Diplom, wie im alten Studienbuch, das sie nie fortgeworfen hatte.

Vielleicht, dachte sie, war genau das der Sinn.

Drei Monate waren vergangen. Sie war fünfundfünfzig. Die Beine schmerzten manchmal nach einem langen Tag auf der Baustelle. Mit den neuen Programmen kam sie zunehmend besser klar, aber es blieb Arbeit. Beim Eigentumsstreit war das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Der Vertrag gab ihr nicht die Hälfte, aber einen Anteil und die Erkenntnis, dass sie sich im Gerichtssaal behaupten konnte.

Eine Woche darauf kam Paul zu Besuch. Er kündigte sich früh an. Sie kaufte Kekse, machte Tee im alten, ausgebrochenen Kännchen.

Paul kam, schaute sich um. Kleine Wohnung, wackeliger Tisch, zwei Stühle, Geranien am Fenster.

– Schön hast du’s hier, sagte er.

Sie war sich nicht sicher, ob Ironie dabei war. War nicht.

– Es ist nicht das, was du gewohnt bist, meinte sie.

– Nein. Aber irgendwie… ruhig.

– Setz dich.

Sie tranken Tee. Anfangs befangen, dann fragte Paul nach ihrer Arbeit, sie erzählte vom Bau, vom Fundament, von Problemen mit dem Grundwasser. Er hörte aufmerksam zu. Das überraschte sie.

– Hast du so etwas schon immer erkannt? Diese Details?

– Früher ja. Dann lange nicht. Jetzt kommt es zurück.

– Warum hast du aufgehört?

– Nach deiner Geburt, weil ich dachte, es sei so richtig.

– Und jetzt?

Sie hielt die schlichte Tasse in der Hand, nichts Besonderes, nur aus dem Supermarkt.

– Heute glaube ich, dass beides möglich sein muss. Familie und eigener Beruf. Damals dachte ich das nicht, oder ich hatte Angst.

Paul betrachtete seine eigene Tasse.

– Mama, ich habe dir Unrecht getan.

– Ja.

Er blickte sie überrascht an, als hätte er erwartet, sie würde es abstreiten.

– Weißt du, was genau? Fragte sie.

– Ich habe Papa unterstützt, ohne dich zu fragen, weil es am bequemsten schien. Und weil… weil ich dich nie als eigene Person wahrgenommen habe, nur als Mama. Immer da. Niemals weg.

– Und ich bin ja auch nicht weg, lachte sie. Ich bin nur umgezogen.

Kurzes Schweigen.

– Wie gehts Papa? Fragte sie.

– Ganz normal. Viel zu tun. Dann, leise: Sie kommt jetzt manchmal, die Neue.

Sie schwieg.

– Er sagt nicht viel über sie. Aber ich habs gesehen.

– Es ist sein Leben, Paul. Du musst dich nicht entscheiden.

– Weiß ich. Aber trotzdem …

– Es ist normal. Du liebst uns beide. Das bleibt schwierig.

Er nickte. Er griff nach ihrem Skizzenblock am Fenster, blickte fragend.

– Darf ich?

– Natürlich.

Er blätterte Skizzen, Notizen, Zahlen, schwer verständlich. Er verstand nichts davon, das sah sie. Aber er schaute lange.

– Du zeichnest gut.

– Das sind Arbeitsskizzen, keine Kunst.

– Trotzdem.

Er legte den Block wieder zurück, schlüpfte in die Jacke.

– Ich muss los.

– Ja.

– Mama… darf ich weiter anrufen?

– Gern.

Er war fast an der Tür, als sie sagte:

– Paul.

Er drehte sich um.

– Wenn du irgendwann selbst deinen Weg gehst, mit jemandem zusammen mach nicht den gleichen Fehler wie ich oder wie dein Vater.

– Welchen Fehler meinst du von dir?

Sie dachte einen Moment nach.

– Bau dein Leben nicht auf fremdem Grund. Klär alles ehrlich miteinander, auch wenn es unangenehm ist.

Er schaute sie an, als sähe er sie zum ersten Mal richtig.

– Ich werde es versuchen, sagte er ruhig.

– Dann geh.

Die Tür fiel ins Schloss. Katharina blieb noch kurz stehen, dann setzte sie sich an den Tisch. Griff zum Bleistift. Die nächsten Berechnungen fürs Fundament mussten fertig werden.

Sie beugte sich über das Papier und begann zu rechnen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: