Marina, du kannst mich doch nicht einfach verlassen! Was soll ich nur ohne dich tun?

Sabine, du kannst mich doch nicht einfach verlassen! Was soll ich ohne dich machen?
Dasselbe wie immer von morgens bis abends saufen!

Ich knallte die Haustür zu, setzte mich ins Auto und brach in hilfloses Weinen aus. Wie konnte das nur passieren? Warum musste das ausgerechnet uns treffen? Noch vor einem Jahr galten wir als vorbildliche Familie. Und natürlich beneidet. Das Glück anderer weckt immer Neid so ist die Welt nun mal.

****

Sabinchen, mach schnell, pack Leon ein, ich habe eine Überraschung für euch! Und vergiss die warmen Sachen nicht.

Mein Mann Nils, den ich in solchen Momenten gern Nikolaus nannte, liebte Überraschungen. Diesmal führte er uns in die Berge, um Schneemobil zu fahren. Ein Kollege von ihm hatte vor Kurzem ein Ferienhaus gekauft, hundert Kilometer von der Stadt entfernt. Kein gewöhnliches Haus ein richtiges Märchenschloss mit Türmchen und einer dicken Mauer. Ein Zaun? Nein, das hier war eine richtige Festung.

Na, wie findest du es?, fragte Nils und beobachtete mein verblüfftes Gesicht.
Irgendwas an diesem Haus jagt mir Gänsehaut über den Rücken.
Du frierst nur. Komm rein, der Kamin ist noch schöner.

Innen war das Schloss noch unheimlicher als draußen. Aber den Männern gefiel es, und über Geschmack lässt sich nicht streiten. Warum auch?

Natürlich mochte ich die Tierköpfe an den Wänden nicht, obwohl Nils versicherte, sie seien nur Attrappen. Für Leon und Nils war das kein Problem sie aßen genüsslich ihr Fleisch direkt unter dem aufgerissenen Maul eines Wildschweins. Leon, schon ein kleiner Mann, rannte mit einem Spielzeugschwert durch die Räume und kämpfte gegen imaginäre Monster. Ich hingegen starrte lieber ins Kaminfeuer.

Vielleicht erschien mir dieser Tag und dieses Schloss so düster, weil es die letzten Stunden meines alten Lebens waren. Später holte der Hausbesitzer zwei Schneemobile aus der Garage eines davon würde meinen Sohn töten. Am Steuer saß Nils, der sich danach in Schuld und Alkohol verlor.

Ich weiß nicht, warum ich stärker war. Den Schmerz, den ich seit fast einem Jahr täglich spürte, kann man nicht beschreiben. Aber ich wollte ihn nicht nach außen tragen. Er gehörte zu mir. Niemand sonst litt darunter. Die Menschen um mich herum ahnten nicht, wie schwer es mir fiel, ihre glücklichen Gesichter zu sehen.

Manchmal wollte ich mich einfach Nils anschließen und den Schmerz im Alkohol ertränken. Doch ich wusste, es würde alles noch schlimmer machen. Betrunkene sind emotionaler, und genau das war jetzt unser Feind. Es erzeugte Wut, Ärger, Bitterkeit alles, wovon Nils lebte. Er verbarg sich dahinter wie eine Schildkröte in ihrem Panzer.

Ich wollte nicht von ihm fort, aber meine Nerven lagen blank. Also fuhr ich los. Leichte Schneeflocken fielen auf die Windschutzscheibe, perfekt wie aus einem Computerprogramm. Ich hielt an Tankstellen, trank Kaffee in Raststätten, übernachtete sogar einmal in einem Hotel.

Irgendwann bog ich von der Autobahn ab und landete in einem verschlafenen Städtchen. Ich parkte am Rand eines Parks und saß stumm da.

Junge Frau, Sie erfrieren noch, klopfte es am Fenster.

Eine Gruppe Teenager ging vorbei seltsam, dass ausgerechnet Jugendliche so aufmerksam waren.

Warten Sie auf jemanden?, rief eine Stimme.

Im Dämmerlicht erkannte ich eine ältere Frau mit einem kleinen, lockigen Pudel, weiß wie der Schnee. Irgendwie stieg ich aus und ging zu ihnen.

Sie sitzen schon so lange hier, der Motor ist aus ich dachte, vielleicht ist etwas passiert?
Etwas ist passiert, flüsterte ich.

Warum öffnet sich die Seele vor Fremden leichter? Vielleicht, weil sie unvoreingenommen sind. Keiner würde mir sagen, Nils säuft, weil sein Urgroßonkel auch schon ein Trinker war. Ein Fremder sucht nicht nach Fehlern in der Vergangenheit.

Plötzlich saß ich in einer Küche mit blauen Vorhängen, eine Tasse Kamillentee in der Hand, ein nasses Taschentuch in der anderen.

Ich dachte, ich hätte all meine Tränen längst vergossen. Doch da waren noch welche ich hatte sie nur tief vergraben.

Sabine, ich habe dir das Sofa gemacht. Schlaf erstmal, dann fährst du weiter in dein Nirgendwo.
Gut, nickte ich müde.

Am nächsten Morgen wachte ich lächelnd auf. Die Uhr tickte, Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge, und eine raue Zunge leckte meine Nase.

Bello, erinnerte ich mich an den Pudel. Er sah mich an und grinste oder sah zumindest so aus. Ich kicherte.

Bello, lass die Frau in Ruhe. Vor allem, wenn sie hungrig ist.

Tante Lotte betrat das Zimmer mit einem Tablett. Der Duft von frischem Kaffee und Zimtschnecken erfüllte die Luft.

Wundere dich nicht, lächelte sie. Wenn ich nicht schlafen kann, backe ich. Heute passt es ja perfekt. Also los, probier die Schnecken aber lobe sie nicht laut. Gebäck mag stille Bewunderung.
Wie meinst du das?
Roll die Augen und seufz zufrieden.

Unglaublich! Diese Schnecken waren das beste Gebäck meines Lebens.

Tante Lotte grinste und ließ mich allein. Früher brachte Nils mir auch Frühstück ans Bett manchmal sogar Hering. Seltsam, die Erinnerung machte mich nicht traurig, sondern ließ mich lächeln.

Ich schlief noch einmal ein, wachte erst am Abend auf. Bello schnarchte neben mir.

Verrückt!, murmelte ich. Ich penn in einer fremden Wohnung, in einer fremden Stadt, deren Namen ich nicht mal kenne!

Ich zog mich an. Das Zimmer sah aus, als gehöre es einem Teenager Poster an den Wänden, Hanteln, ein Schreibtisch. Ein Foto zeigte zwei junge Männer in Uniform.

Die Tür ging auf. Na, ihr Langschläfer! Abendessen!, rief Tante Lotte.

Es tut mir so leid, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.
Schlaf heilt alles. Komm, es gibt Hasenragout. Und zum Nachtisch Sahnetorte wir haben es uns verdient.

Während wir aßen, erzählte Tante Lotte von ihrem Leben. Vor dreißig Jahren hatte sie ihren Sohn verloren bei einem Unfall während des Wehrdienstes. Danach zerbrach ihre Ehe. Ihr Mann versank im Alkohol und starb.

Ich wollte mich umbringen, sagte sie ruhig. Doch eine alte Frau sagte mir: Du musst leben, sonst siehst du deine Lieben nie wieder. Seitdem ertrage ich alles und hoffe.

Ihre Worte berührten mich. Plötzlich fühlte ich mich hier zuhause.

Am nächsten Morgen klingelte es. Nils stand in der Tür.

Interessant, sagte er trocken. Kein Liebhaber in Sicht.
Welcher Liebhaber?
Irgendeiner. Bei dem Namen dieses Kuhdorfs hätte ich mir wenigstens einen Bauern erwartet.
Wie heißt der Ort überhaupt?
Typisch! Meine Frau lebt hier und kennt nicht mal den Namen!

Tante Lotte lachte. Ich mach Pfannkuchen. Magst du Pilze dazu?
Keine Ahnung. Meine Oma hat mir sowas mal gegeben.
Ach, ihr Städter mit eurem Fertigfraß! Hier gibts noch richtiges Essen.

Nils und ich umarmten uns. Er roch endlich wieder nach Mensch, nicht nach Alkohol.

Ich erzählte alles. Nils aß Pfannkuchen, nickte grimmig.

Immerhin hast du dein Handy angelassen, murmelte er.

Er gestand, nach meiner Abreise eine Flasche gegen die Wand geschmettert zu haben. Aber am nächsten Morgen hatte ich Angst. Wenn ich dich auch noch verliere, bin ich verloren.

Wir blieben zwei Tage. Tagsüber spazierten wir durch das Städtchen es hieß übrigens Bergtal und war wunderschön. Abends aßen wir gemeinsam. Tante Lotte schenkte uns Tee ein, wir fütterten Tauben und teilten uns die letzte Schnecke.

Doch irgendwann mussten wir zurück.

Zu Hause fürchtete ich mich. Würde alles wieder so schlimm werden? Doch Nils Hand in meiner beruhigte mich. Notfalls haue ich wieder ab, dachte ich und lächelte.

Den Teppich müssen wir austauschen, sagte Nils und zeigte auf den Cognac-Fleck.
Oder wir behalten ihn als Erinnerung. Wie Tante Lotte die Hanteln ihres Sohnes.

Zum ersten Mal sprachen wir über Leon

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Homy
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